Melancholie liegt in der Luft (Teil 2)

Erlauben wir uns Sentimentalität, Melancholie, Trauer in unserem Leben?

Und auch – Zorn ist eine Schubkraft (siehe Greta Thunberg)

Ich habe wieder einmal die Abschiedsworte der Schriftstellerin Karen Blixen, alias Tania Blixen, mit denen sie sich von ihrer Farm im Roman „Afrika – dunkel lockende Welt“ (Film:„Jenseits von Afrika“) verabschiedet, gelesen. Das richtige Buch für eine Melancholikerin.

„Wird die Luft über der Ebene schimmern in der Farbe die ich getragen habe,
oder werden die Kinder ein Spiel erfinden, in dem mein Name vorkommt?
Oder wird der Vollmond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?
Oder werden die Adler der Ngong-Berge nach mir Ausschau halten?“

Im Radiosender Ö1 gab es vor einiger Zeit in den Spielräumen „Songs zum Heulen“ unter dem Motto „Tausend Tränen tief“.

Erlauben wir uns Sentimentalität, Melancholie, Trauer in unserem Leben?

Und wo ist der Unterschied? Oder geht eins ins andere über?

In meiner Eigentherapie musste ich damals – das ist lange her – Jahrzehnte (Sentimentalität!) nicht nur mühsamst wieder lernen, mir meiner Gefühle bewusst zu werden, ich musste auch lernen mir zu erlauben, sie auszudrücken. Hört oder liest sich so selbstverständlich. Ist es aber nicht. Sich tagsüber immer wieder bewusst zu machen – was fühle ich gerade? – erfordert Achtsamkeit. Kann man auch lernen. Sofern man es will.

Eigentlich geht es darum – uns zurückzuholen, was wir als Kinder hatten – unmittelbar erlebte Gefühle. Wie freue ich mich, wenn ich Kinder sehe, die sich von Bäumen verabschieden, die ungezwungen und neugierig über den Tod sprechen, die traurig und wütend sind, weil sie es eben grade sind …

Und ich? Ich genieße mittlerweile meine Gefühle. Alle. Na ja, sagen wir – fast alle. Gestern war ich sehr enttäuscht. Das fühlte sich nicht gut an. Auch wenn ich wusste, dass es meine nicht erfüllten Erwartungen waren, die enttäuscht wurden. Das ist so – wenn andere sich nicht so verhalten, wie wir es „erwarten“.

Jedoch – Zorn ist ein gutes Gefühl.

Fühlt sich mächtig und kraftvoll an. Liebe Frauen! Und da spreche ich sehr bewusst die vielen Frauen an, die da meinen, Zorn sei etwas was Frau nicht haben dürfte. „Ich will ja in meiner Mitte sein“ und „in der Ruhe liegt die Kraft“ höre ich immer wieder. Ja, stimmt auch. Aber eben – auch …

Auch wenn ich zornig bin, bin ich in meiner Kraft.

Ich möchte sagen, das ist eine Schubkraft / Erlöserkraft / Veränderungskraft! Wenn Zorn verdrängt wird, wird er schließlich zu Wut und vielfach auch zu Gewalt. Brauchen wir uns ja nur umzusehen in der Welt.

Oder das Gegenteil – nicht nur verdrängte Trauer, auch verdrängter Zorn kann in die Depression führen. Überhaupt kann es manchmal sehr vermischt sein. Ist halt nicht so einfach mit den Gefühlen …

Ich liebe meinen „gerechten Zorn“.

Zorn per se ist gut! So wie alle unsere Gefühle gut sind. Die Bewertung von Gefühlen in gut / böse, erwünscht / unerwünscht, ist in den verschiedenen Kulturen, Gesellschaftsmodellen und damit einhergehend den jeweiligen Verhaltensnormen zum Teil auch sehr verschieden.

Heute weiß ich, dass Melancholie eine meiner „Grundstimmungen“ ist.

Sie ist immer da. Auch zu Zeiten, in denen ich fröhlich, ausgelassen, heiter, übermütig, lustvoll, und so weiter und so fort, bin. Ich bin auch gerne sentimental. Und ich liebe es, so richtig zu heulen und zu schluchzen. Würde ich das nicht tun, würde ich depressiv …
Und – ich kenne auch die Depression – aber das ist wieder eine andere Geschichte …

Erlauben wir uns doch – zumindest hin und wieder – unsere Selbstbeherrschung zu verlieren. Und erlauben wir uns doch – möglichst oft – große Gefühle …

Ich nehme die Zeilen, die mir eine liebe Freundin in Interpretation der Zeilen von Karen Blixen, geschrieben hat als Abschluss, weil ich sie so schön finde:

„Die Luft wird deine Farben tragen und sich damit in stillen Wassern spiegeln. Die Vögel im Nussbaum werden deine Stimme imitieren und im Kies werden unerwartet dein Fußabdrücke sichtbar sein …“

“If I know a song of Africa
Of the giraffe and the African new moon lying on her back
Of the plows in the fields
And the sweaty faces of the coffee pickers,
Does Africa know a song of me?
Will the air over the plain quiver with a color that I have had on
Or the children invent a game in which my name is?
Or the full moon throw a shadow over the gravel of the drive that was like me?
Or will the eagles of the Ngong Hills look out for me?

Freie Übersetzung:
Wenn ich ein Lied über Afrika weiß,
von der Giraffe und dem afrikanischen Neumond, der auf dem Rücken liegt,
von den Pflügen auf dem Feldern
und den verschwitzten Gesichtern der Kaffeepflücker,
weiß Afrika dann ein Lied über mich?
Wird die Luft über der Ebene schimmern in der Farbe die ich getragen habe,
oder werden die Kinder ein Spiel erfinden, in dem mein Name vorkommt?
Oder wird der Vollmond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?
Oder werden die Adler der Ngong-Berge nach mir Ausschau halten?“

Aus Tania Blixen: Afrika – dunkel lockende Welt, Manesse Verlag, Zürich

Meine Lebensbegleitung – die Melancholie (Teil 1)

(Erstveröffentlichung im Mai 2017)

Gefühle willkommen heißen

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt mich allen Gefühlen hinzugeben und mich in ihnen wohlzufühlen. Nicht nur in Freude / Liebe/ Glück – auch in Trauer / Schmerz / Wut – und vor allem in meiner Melancholie.

Unterschied zwischen Depression und Melancholie

Es hat lange gedauert, den Unterschied zwischen Depression und Melancholie zu begreifen. Diese verschiedene Art von Zuständen. Ja, ich habe immer wieder depressive Phasen. Depression ist für mich eine schwere, bodenlose Traurigkeit, ein Hinabgleiten in ein Dunkel in dem es keinen Boden mehr gibt. Haltlos – mein Kopf wie in Watte gepackt – ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht kommunizieren und auch nicht nach Außen gehen. Ich bin nicht wirklich da – in der Welt. Es ist durchaus auch ein allgemeiner Weltschmerz. Erfreulicherweise sind diese Zustände im Laufe des Alterns immer weniger und kürzer geworden.

Vom Glück des produktiven Traurigseins

Melancholie ist eine leise, leichte Traurigkeit. Ich möchte fast sagen, eine beschwingte Traurigkeit. Ich spüre – im Gegensatz zur Depression – den Boden unter meinen Füßen. Ich bin da.

„Melancholie – vom Glück des produktiven Traurigseins“ war der Titel eines Salzburger Nachtstudios. Ich finde, das ist eine  passende Beschreibung für meine Erfahrung mit der Melancholie. Ich liebe meine Melancholie, ich schwelge in meiner Melancholie – und ja, so manches Mal macht sie mich auch glücklich. Wenn sie da ist, kann ich mich hineinschmiegen wie in eine weiche Tuchent. Ich liebe das Abtauchen in tiefere Dimensionen, Abgründe, Nachdenklichkeiten und in meine Seele.

Der Beginn

Ich denke, eine tiefe Traurigkeit, die zukünftige Melancholie, kam in mein Leben als ich 2 Jahre alt war und mein Vater uns verlassen hat. Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich stelle es mir vor. Die Kleine von damals hat sich auch ein Stück von der Welt zurückgezogen, war lieber in ihren Märchenbüchern zu Hause, die ihr die Großmutter vorgelesen hat. Mit 5 konnte sie bereits lesen. Ihre Welt war der Garten der Großmutter und ihre Bücher.

Die Liebe zu den Büchern eine Lebenslange. Das Schreiben kam später dazu.

1964 Die Sehnsucht nach Liebe

Zum ersten Mal bewusst in mein Leben kam die Melancholie – wie könnte es anders sein – in meiner Pubertät. 1964 war ich 14 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Damals machten meine Eltern und ich die ersten Urlaubsreisen nach Italien – Rimini, Riccione, Ravenna, Cesenatico! Diese fremden  Klänge allein weckten bereits Sehnsüchte. In der 14-jährigen damals auch die schmerzliche Sehnsucht nach Sommernächten am Strand im Arm ihres Liebsten. Ach, konnte der küssen! Unerfüllte und verbotene Sehnsüchte der 14-jährigen.

1964 veröffentlichten die BAMBIS (zwei Wiener und zwei Bayer!) ihre Liebeskummer-Schnulze „Melancholie“. Der Sänger der Band, Mandy Oswald, hatte einen italienischen Akzent angenommen, um die Sehnsucht nach einem Urlaub in Italien noch zu verstärken. Die Nummer lief rund um die Uhr – verbunden mit ewig feuchten Augen, viel Herzschmerz und Rückzug in die Tiefen der Welt der 14-jährigen. Das kam an. Nicht nur bei mir. Mit dieser Nummer schaffte die Band es, „A hard day’s night“ von den Beatles vom ersten Platz der österreichischen Charts zu verdrängen.

2017 Der Klang eines Schmerzes

Heute lässt mich Melancholie sehr genau hinschauen auf meine Erinnerungen – mit einem milden Blick. Sind es schmerzliche Erinnerungen, ist es nicht mehr der abgrundtiefe Schmerz – es ist eher ein Nachklingen eines Schmerzes. Der Klang eines Schmerzes. Sind es erfreuliche Erinnerungen, ist kein schmerzliches Sehnen danach da, sondern eine mehr oder weniger leise oder auch laute Freude darüber, dass dies in meinem Leben war.

Melancholie ist auch sehr oft die Muse für meine Gedichte. Manchmal ist es auch die reine Freude. Wenn ich mir meine Gedichte der früheren Jahre durchlese, war es zumeist der Schmerz.

Die Glücksforschung betont, dass Melancholie in unserer säkularen Welt vonnöten ist, denn wer Unglücklichsein nicht kennt, kann auch Lebenstiefe nicht wertschätzen.

Mein Bild dazu ist ein Pendel. Wenn ich das Pendel nicht vollständig / bis zum letzten Anschlag auf die eine Seite ausschlagen lasse (Schmerz / Traurigkeit), dann wird es auch nicht bis zum letzten Anschlag auf die andere Seite (Glück / Lust) ausschlagen.

Peak experience – Gipfelerlebnis! Grenzwanderungen von einem Gipfel zum anderen.

Aber, das ist schon wieder eine andere Geschichte …

Der Link zur Herz-Schmerz-Schnulze „Melancholie“ von den Bambis: https://www.youtube.com/watch?v=yPFyxiXJ9K

hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt

Die folgenden Zeilen habe ich 7 Tage nach meinem 70. Geburtstag geschrieben.

Hier das Gedanken-Zahlenspiel meiner lieben Freundin Regina, das sie mir zu meinem Geburtstag schrieb. Danke, liebe Freundin!

„Die Quersumme von 70 ist 7.

Die Quersumme von „6.1.“ ist 7.

Die Quersumme von 6.1.1950 ist 4.
Die 7 ist eine magische Zahl – die 4 steht für die Vollkommenheit.
7 Raben, 7 Tage die Welt zu erschaffen und ihr Sein in Ruhe zu betrachten, 7 Tage, 7 Nächte, 7 Jahre, um zu wachsen , 7 Dekaden gelebten Lebens …

… 4 Himmelsrichtungen, 4 Könige und 4 Damen im Kartenspiel, 4 Jahreszeiten, 4 Blätter bilden ein Glückskleeblatt.“

Hineinwachsen in mich = weniger haben = wesentlich sein =

Ich bin

Ich

Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich werfe meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher weg. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.

Was vorher war

Täglich versank ich mehr und mehr in meinen Erinnerungen – bei jedem Hundemorgenspaziergang merkte ich, wie ich Mühe hatte, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wie mich die Erinnerungen überschwemmten und mitrissen wie ein reißender Fluss. Täglich versank ich in meiner Vergangenheit. In den Teilen meiner Vergangenheit, die Schmerz und Leid bedeuteten; in einer Vergangenheit, in der ich andere Entscheidungen hätte treffen können – andere Wege an den Wegkreuzungen meines Lebens hätte wählen können – und es nicht getan habe; so viele Lebenschancen, die ich nicht wahrgenommen habe, etc. etc. Die vielen „hätte“ türmten sich auf wie ein endloser Aufstieg auf einen Berg, der mir den Atem nahm. Die vielen „hätte“ – sind sie doch endlos …

Was jetzt ist

Ich sehe Sätze des Schmerzes, des Leids und der Verzweiflung genauso wie die Liebe und Freude mit meinem Sohn und meinen zwei Ehemännern; das Entdecken und Freilegen des verschütteten Selbst in den Jahren der Selbsterfahrung und Therapie; das Lernen und das Wachstum auf vielen Ebenen über die Jahre.

Ich sehe zum letzten Mal meine Schrift, wie sie sich über die Jahrzehnte verändert hat; die gemeinsam geführten Tagebücher in der Zeit mit einem meiner Lebensliebsten – unser Innerstes ausgebreitet voreinander und miteinander – welch wunderbare, kostbare Zeit; die gesammelten Fahr- und Flugtickets meiner Reisen; eingeklebte Ansichtskarten und Fotos; meine Zeichnungen; und die vielen Briefe, die ich meiner Mutter geschrieben habe – wie habe ich mich an ihr abgearbeitet – mein Ringen, geliebt und gesehen zu werden (was ihr erst – aber immerhin, zwei Jahre vor ihrem Tod mit ihrer Krebserkrankung möglich war)!

Und schlussendlich bin ich sehr dankbar über all dieses gelebte Leben!

Ich nehme mein aufgeschriebenes und beschriebenes Leben zum letzten Mal wahr – bevor ich die Seiten zerreiße und loslasse.

Ja – darum geht es: Loslassen!

Nein, ich werde nach meinem Buch „Die Erzählungen über das Älterwerden und mehr …“ nicht die geplante Biographie schreiben.

Ich lasse meine Vergangenheit endgültig los.

Und ich gehe zum Hochschrank und räume aufmerksam und liebevoll sämtliche Familienfotos weg ~ all die Verstorbenen ~ keine Vergangenheit mehr …

Jetzt nicht.

Mein Leben – mein tägliches Leben – in den wenigen Jahren, die mir bleiben.

Und ich habe noch schöne, dunkelrote Papiertragetaschen aus meinem Laden mit Kleidung und Accessoires aus Naturstoffen und Filz, den ich einmal  für kurze Zeit hatte. Und in diesen blutroten Taschen verschwinden Seiten für Seiten – die mit meinem Herzblut geschriebenen Erinnerungen für Erinnerungen. Und ich binde die gefüllten Taschen an den Henkeln mit meinen schönsten Geschenksverpackungsbändern zusammen und versenke sie mit einem wehmütigen und befreienden Lächeln in der Papiertonne. Leben – mein gelebtes Leben.

Und die Regale leeren sich.

Befreiende Leere.

Druck verschwindet von meinem Herzen und aus meiner Lunge – ich kann wieder durchatmen. Luftig und leicht sehen sie aus die Regale – im Außen und im Inneren.

Ich bin dabei die Teetasse zu leeren …

„Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.
Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte.
Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee.
Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann.
Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal.
Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.
Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte.
Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male.
Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen.

Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.
Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“
Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr:

„In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“

(Quelle: unbekannt)“

Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Ich bin

Ich

Nichts sonst

Und ich wasche und putze und fege den Staub der Vergangenheit weg – welche Freiheit öffnet sich, welch ein Vergnügen!  Ich putze nicht gerne – und nach der Überwindung des Widerwillens gegen das Putzen kommt die Freude über die saubere Leere …

Und ich denke daran, wie ich in den letzten Wochen meine Briefe unterschrieben habe – Monika und immer wieder auch Ma Prem Chandana (mein spiritueller Meditationsname) und MonikaChandana …

Und dann erinnere ich mich, wie ich in der Biographie der Malerin Paula Modersohn-Becker in ihrem Brief von 17. Februar 1906 (sie starb im November 1907 mit 31 Jahren) gelesen habe:

„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker.

Ich bin

Ich,

und hoffe, es immer mehr zu werden.

Dies ist wohl das Endziel von allem unsern Ringen.“

Dankbar für das das Geschenk der Jahre und nicht wissend, wie viele Jahre mir noch bleiben, hoffe ich, es immer mehr zu werden …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben.

Das sind große Worte.

Ich musste erst 70 Jahre alt werden um sie zu schreiben.

Hätte ich das früher auch so formuliert?

Nein. Sicher war die Liebe wichtig für mich in meinem Leben.

Aber sie war nicht das Wichtigste. Ein Teil des Lebens.

Heute denke ich mir, sie ist das Wichtigste – sie ist das Leben selbst.

Warum? Kommen wir doch als liebende Wesen – als bedingungslos Liebende zur Welt.

Ein Kind liebt bedingungslos. Mit leuchtenden Augen, einem Lächeln, einer Hinwendung des ganzen Seins wendet sich das Kind dem Menschen zu, der sich dem Kind zuneigt. Wie lange diese bedingungslose Liebe in dem Kind vorhanden bleibt, hat mit der Zuneigung und der Bereitschaft zur bedingungslosen Liebe des sorgenden Menschen zu tun. Es dauert lange bis die bedingungslose Liebe zerstört wird. Kann sein durch Ungeduld, Enttäuschung, Unachtsamkeit, Überforderung, Ärger; später auch durch das Stellen von Bedingungen und Forderungen.

Nur wenn du so und so bist, wenn du dich so und so verhältst, liebe ich dich – bist du meiner Liebe wert – lernt das Kind.

Die Liebe erhält den Wert einer Ware. Sie ist nicht mehr bedingungslos.

Ein Tauschgeschäft sozusagen. Ja, so ist das mit der Liebe.

Und somit tritt die Frage in das Leben – bist du es wert geliebt zu werden?

Erfüllst du die Bedingungen, die dir gestellt werden – ja. Ansonsten – nein.

Und damit beginnen das Kind und später auch der erwachsene Mensch das Leben danach auszurichten, diese Bedingungen zu erfüllen. Und das auch bei und mit Menschen – schon einmal vorbeugend, die diese Bedingungen vielleicht gar nicht stellen.

Noch einmal schwieriger wird es, wenn das Gegenüber mit anderen Bedingungen und Forderungen aufgewachsen ist, und man selbst diese daher gar nicht kennen kann. Dann wirst du viel Zeit damit verbringen, diese herauszufinden. Du wirst dich verbiegen, verdrehen, verleugnen – wie will er oder sie mich bloß haben?

Ich wage jetzt einmal zu sagen, dass es immer um die Liebe geht.

Denn – ist Hass nicht die Kehrseite der Medaille?

Entsteht Hass nicht durch diese verlorene Liebe?

Ich meine – ja.

Aller Hass / Neid / Machtanspruch / Gier / Gewalt – entsteht, so absurd es auch klingen mag, durch die Suche nach der verlorenen bedingungslosen Liebe.

Einfach sein oder „So wie die Dinge sind, sind sie bereits vollendet“ 1)

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass du perfekt sein musst.

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass die Liebe perfekt sein muss.

So geht das nicht.

Da ist das Scheitern / die Enttäuschung bereits vorprogrammiert.

Worum geht es dann?

Es geht um die Einsicht, dass alles wie es ist – und damit auch du, bereits vollendet ist.

Ich sage nicht, dass du in Ordnung bist, denn da müsstest du dich ja einer von wem auch immer bestimmten Ordnung unterordnen um – perfekt – zu sein.

Ich erinnere an die oben beschriebenen Bedingungen.

Nein, ich sage, dass du bereits vollendet bist.

So bist du zur Welt gekommen.

Ein ziemlich neuer Gedanke, hm?

Ja, war er für mich auch. Anfangs.

Ich, die ich mich doch immer bemühte, mich zu verbessern. Noch besser zu sein, und noch besser – und eigentlich nie ans Ziel kam.

Dabei ist es doch so einfach.

War ich doch längst am Ziel.

Das Ziel ist in mir. War immer da und ist immer da.

Ich bin so zur Welt gekommen. Vollkommen.

So wie du auch.

Und eigentlich geht es ums Loslassen.

Um das Loslassen von allem was sich über diese innere Vollkommenheit / die bedingungslose Liebe gelegt hat.

Kostet dieses Loslassen nicht auch Mühe, wirst du vielleicht fragen?

Ja, schon. Aber nicht so viel Mühe wie das sich dauernd verändern und verbessern zu wollen.

Es braucht Achtsamkeit.

Tägliche und immerwährende Achtsamkeit.

Achtsam durchs Leben zu gehen bedeutet anfangs vielleicht auch etwas Mühe, weil wir es verlernt haben. Kinder sind sehr achtsam – können sich im Augenblick verlieren – im Hier und Jetzt. Es wieder zu lernen verbessert die Lebensqualität – ist es doch ein Ankommen im Hier und Jetzt. Raus aus der Spirale der sich immer wieder drehenden und verfangenden Gedanken in das Wahrnehmen der Wirklichkeit – dem Hier und Jetzt.

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du bist

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du nicht hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du nicht bist

Chao-Hsiu Chen 2)

Wenn es um die Liebe geht, bedeutet das – so wie in allen anderen Dingen auch – wahrzunehmen was ist.

Wahrzunehmen, welche Gefühle in dir da sind – ohne sie in gute und schlechte Gefühle zu bewerten.

Wahrzunehmen welche körperlichen Empfindungen du spürst – ohne sie in gute und schlechte Empfindungen zu bewerten.

            „Bei Gott ist alles schön und gut und gerecht; die Menschen aber halten einiges für gerecht , anderes für ungerecht.“ 3)

Wenn du bei dem bleibst, was jetzt gerade im Moment ist, wenn du dir erlaubst, das ohne Bewertungen wahrzunehmen, wirst du merken, wie wahrhaft konkret dieser Moment ist.

Darum geht es – um das „Hier und Jetzt“.  

Und wenn du nicht mehr bewertest, wirst du aufhören zu beurteilen / zu verurteilen. Du wirst auch aufhören, bestimmte Gefühle (die guten) haben zu wollen, und andere (die schlechten) nicht haben zu wollen.

Du wirst Liebe empfinden – Lust / Freude / Ärger / Angst / Schmerz / Traurigkeit / und so weiter und so fort …

Ja, das ist das Leben. Dies alles.

Du wirst die breite Palette der Gefühle erleben / wirst dir erlauben sie zu spüren und auszukosten – und wenn du akzeptierst, dass dies der wahrhaftige Moment deines Lebens im Hier und Jetzt ist, dann – und nur dann- wirst du es auch merken, wenn sich wieder etwas verändert hat in dir. Auch Gefühle verändern sich – kommen und gehen.

Eine Veränderung, die in dir durch das Leben stattfindet und nicht weil du glaubst, etwas verändern zu müssen. Das Leben selbst wandelt sich …

Der griechische Philosoph Heraklit lehrte, „dass alles fließt“ (Panta rhei) und „nichts so beständig ist wie der Wandel“. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.“3)

Wenn du dich bemühst, etwas zu verändern, ist es mühsam weiter zu kommen.

Wenn du glaubst, du machst so viele Fehler, und musst dich bemühen, das raus zu kommen, wird das der Beginn einer langen mühsamen Reise für dich sein.

Am Ende wirst du – vielleicht / hoffentlich – dort ankommen, wo du bereits immer schon warst – im Moment deines Lebens / im Hier und Jetzt.

Wir dürfen Fehler machen / fehlerhaft sein.

Wir dürfen die höchsten Freuden der Lust und Liebe empfinden und die tiefsten Qualen der Liebe.

Und trotzdem – trotzdem – sind wir vollendet.

Kling wie ein Widerspruch.

Ja, wenn wir nach unseren tradierten und erlerntem Wertesystem denken und empfinden.

Nein, wenn wir akzeptieren / achtsam sind und wissen, dass es gut ist so wie es ist.

Es ist so wie es ist …

1) Dzogchen sagt: „Iss den Apfel, du brauchst ihn nicht zu backen.“ Das Wort Dzogchen heißt die Große Vollendung. Das bedeutet, dass die Dinge so wie sie sind bereits fertig, vollendet sind. Es ist – was es ist. (…) wir sind damit beschäftigt Dinge zu verbessern, zu verändern, die natürlich belassen vielleicht ebenso gut wären.“

Interview mit James Low im Magazin der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Januar bis März 2020.

2) Chao-Hsiu Chen: Im Tempel der Stille, Gustav Lübbe Verlag

3) Den Ursprung des Guten und der Harmonie im Leben verortete Heraklit im Logos, dem göttlichen Wort bzw. der universellen Vernunft (das griechische Wort lógos bedeutet etwa Wort, Sprache, Rede, Grund, Anlass, Vernunft). Der Logos war kein personifizierter Gott sondern eine feurige Kraft oder ein feuriger Prozess göttlicher Natur, der alles durch schöpferischen Kampf im besten Sinne ordnete.

Gregory Bassham: Das Philosophiebuch, Librero

Raureif

Heute beim Hundespaziergang – es ist klirrend kalt und silberner Raureif bedeckt die Dächer, verzaubert Wiesen und Felder und die Äste der Bäume; auf den Feldern äsen Rehe – und über allem der Nebel.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich mich mit dem Winter angefreundet habe. Vielleicht hat es auch mit meiner Hündin Samy zu tun – sie findet jedes Wetter schön – und ich mit ihr. Wenn sie sich freut, freue ich mich auch …

Also, ich habe mich arrangiert – mit dem Winter genauso wie mit dem Älterwerden. Und doch gibt es da einen Teil in meiner Seele … Während Samy und ich dahin wandern, sie schnüffelt an jedem Grashalm, ich schaue den Rehen zu, bewundere den Raureif, genieße mit jedem Atemzug die kalte Luft – und plötzlich / plötzlich merke ich, dass ich vor mich hinsumme / ja, ganz leise die ersten Zeilen singe – nein, kein Weihnachtslied – ich singe:

Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen,

das Licht wäre mollig und die Luft nicht mehr grell.

Ich käme gut aus mit mir, und wir würden den Tag rausschwitzen.

Dann könnt ich dich lieben, eventuell ….“

Ah ja, ich muss lächeln – „von rausschwitzen“ keine Spur, jedoch ein wunderschönes Liebeslied von Konstantin Wecker, das ich sehr liebe. Ich summe weiter und lächle …

Als wir nach Hause kommen und jetzt auch – ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue zum Fenster raus – schneit es in dicken Flocken …

Hier der Text eines meiner Lieblingslieder von Konstantin Wecker und ein Link:

Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen,

das Licht wäre mollig und die Luft nicht mehr grell.

Ich käme gut aus mit mir, und wir würden den Tag rausschwitzen.

Dann könnt ich dich lieben, eventuell.

Und dann breit ich mich

einfach aus in dir,

wir werden wesentlich,

und dann leben wir.

Und dein Lächeln fällt in kleinen Bissen

herab zu mir.

Ich möcht gegen Abend mit dir auf behäbigen Pferden reiten,

und das Land, das Land zerfließt unter unserem Schritt.

Die Sonne stirbt wie ein Tier, und man sieht sie die Augen weiten.

Und wir ziehn in ihr Rot und sterben mit.

Und dann breit ich mich

einfach aus in dir,

wir werden wesentlich,

und dann leben wir.

Und dein Lächeln fällt in kleinen Bissen

herab zu mir.

Konstantin Wecker trat am Abend des 6. 9. 1985 im Garten des Metropol in Wien auf. Hier das Lied: „Liebeslied“