Von einer, die einstmals auszog die Welt zu retten und der es nicht gelungen ist

6

Als sechsjähriges Mädchen, überzeugte Christin, mit einer glühenden und flammenden Liebe für Jesus Christus in meinem kindlichen Herzen  – wollte ich den Märtyrerinnentod für ihn sterben. Es sollte der Beweis der Größe meiner Liebe sein – ich wollte so leiden, wie er gelitten hat. Bei jedem Kreuzweg starb ich in Tränen aufgelöst seinen Tod mit.

Einige Zeit hat es dann gedauert um familiäre und christliche Prägungen loszuwerden. Ein lapidarer Satz für lange Jahre Aufarbeitungsgeschichte.

36

Mit sechsunddreißig Jahren bezeichnete ich mich als Jeanne d’Arc, – die, die für die Armen und Entrechteten eintritt und mit wehenden Fahnen voran reitet um sie zu retten. Und später dann war ich noch immer Vorreiterin für eine Neue Welt. Ich stellte mich gegen Menschenrechtsverletzungen, war aktives Mitglied von Amnesty International, u. ä. – ich war mutig, und immer in der ersten Reihe von Protestbewegungen. Aber näher an eine Verhaftung als bei der Demonstration am 28. Oktober 1988 am Wenzelplatz in Prag kam ich nicht. Wir waren eingekesselt von Geheimpolizisten, und mein damaliger Freund zog mich im letzten Moment durch eine Lücke zurück. Das habe ich ihm lange nicht verziehen.

40 – 65

Von meinem vierzigsten bis zu meinem fünfundsechzigsten Lebensjahr arbeitete ich in meiner eigenen Praxis (natürlich, wo denn sonst mit meiner Freiheitsliebe?) als Psychotherapeutin und unterstützte hunderte von Menschen unter anderem auch dabei sich aus vereinnahmenden, unterdrückenden, ausbeutenden und missbrauchenden Beziehungen und Situationen jeder Art zu befreien.

Nicht mehr ganz allein die Jeanne d’Arc. Da gab es bereits viele andere unterstützende Teile in mir auch noch, die mit den Jahrzehnten herangereift waren. Vor allem auch die durch meine buddhistischen Lehrer*innen gelernte „Liebende Güte“ (Metta).  

„Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.“ (Ursula Lyon, meine erste Meditationslehrerin).

Durch diese Veränderung des „Dagegen“ in ein „Dafür“ wurde es möglich, neue Projekte – z.B. Wohn- und Lebensprojekte mit neuen, lebensfreundlichen Strukturen, neuen Kommunikationsmethoden, etc., zu begleiten.

70

Heute als Siebzigjährige, weiß ich, dass ich die Welt nicht retten kann. Und doch, hat dieser revolutionärer Antrieb / die Begeisterung / die Energie / das Feuer dazu geführt, viele Veränderungen bei Menschen bewirkt und unterstützt zu haben.

Eine Freundin sagte einmal vor Jahrzehnten zu mir „du bist wie eine Zündkerze“, und wenn das Feuer hellauf lodert, bist du schon wieder weg, und zündelst anderen Orts.“

Diese Revolutionärin, die ja noch immer ein Teil von mir ist – nichts geht verloren – hat natürlich auch mich selbst immer wieder verändert.

Heute ist sie gepaart mit viel Erfahrung und Achtsamkeit.

Heute „muss“ sie nicht mehr.

 und wieder september

erinnerung

rotglühend

ein strohfeuer

kurz

asche

düngt den boden

lass es gut sein

gut

sein

(M.K., 01 09 2020)

Heute

Und ich heute?

Früher, ja früher …

Früher konnte mein Lebensraum nicht groß genug sein.

Heute bin ich sehr froh und dankbar über mein kleines Häuschen, den Garten, der ja nicht so klein ist; meinen Sohn und liebe Menschen in meiner Nähe; die Tiere – fast könnte man sagen „meine kleine Farm“.

Was geschieht in diesen Tagen?

Wir sind damit beschäftigt, unseren großen Garten so zu gestalten, dass wir in Zukunft möglichst wenig Arbeit haben. Das bedeutet jetzt erst einmal viel Arbeit. 

Gestern haben wir die drei ca. 3 m hohen, schon viel zu lange nicht mehr geschnittenen, und damit verholzten und ineinander verschlungenen Sträucher zur Gänze abgeschnitten, – einiges davon bereits mit unserem kleinen Handwagen zur Grünschnitt-Mülldeponie gebracht. Wie wir die riesigen Wurzelstöcke raus bekommen, wissen wir noch nicht.

Diese Sträucher, größer als mein Hausdach, waren die Grenze zur Nachbarin. Ungewohnt – viel Licht in meiner Küche, freie Sicht zur Nachbarin und von ihr zu mir – und heute Morgen sitzen die Spatzen und Meisen auf den Zweigen der Thujen der Nachbarin und suchen die Sträucher. Ihr morgendliches Gezwitscher fehlt mir und ich denke auch an das Frühjahr, in dem mir das gelb der Forsythien und der Duft des Jasmin fehlen wird. Das wird mir heute Morgen alles bewusst. Und doch war es richtig. Denn die Sträucher waren so dicht ineinander mit ihren laublosen Zweigen verwachsen, dass die Blüten und Blätter nur mehr an den äußersten Rändern waren. Und dazu noch die Hollunderstämme inwendig …

Trotzdem – es fehlt …

Vor zwei Jahren hat ein Sturm unseren Marillenbaum entwurzelt, – die alten, dicken Stämme, jetzt bereits mit grünem Moos überzogen, liegen noch immer im Garten. Letztes Jahr haben wir den großen Kirschbaum abschneiden lassen. Er war morsch und immer wieder fielen Äste herab. Ein Abschied von über 80-jährigen Bäumen. Da wir aber Obst haben wollen, pflanzen wir jetzt fünf Obstbäume, die nicht höher als 3 m werden.

Die Himbeeren- und Ribiselsträucher müssen noch geschnitten und ausgelichtet werden. Brombeersträucher werden gesetzt.

Wege werden neu angelegt – trittsicher.

Ich denke wieder an die Vögel und beschließe – wir werden neue, kleinwüchsige Sträucher für sie setzen. Abgesehen davon, haben wir nicht nur eines dieser kleinen Insektenhotels – nein, wir haben eine große runde Wellness-Hotelanlage mit Keller, Erd- und Obergeschoß – ca. 5 m Durchmesser – für Kleintiere aller Art im Keller unter der Erde, und Vögel und Insekten im Obergeschoß. Die Anlage entstand durch Ablagerung von Erdaushub / Grünschnitt / Unkraut / Ästen und Zweigen schon vor mehreren Jahren – mittlerweile ist es ein eigenes Biotop – es hat sich ein ganz eigener Bewuchs gebildet – ein grüner Hügel entstand, der so stehen bleiben darf. Der Garten ist groß genug für alle …

Von der „die die Welt retten wollte und der es nicht gelungen ist“ zur Gärtnerin. Zurück zum Beginn der Lebensgeschichte der alten Frau zu dem kleinen Mädchen in Großmutters Garten. Dahin, wohin die Revolutionärin nie und nimmer zurück wollte …

Corona mit seinen Auswirkungen hat uns weiter fest im Griff. Damit haben wir noch eine weitere ruhigere Zeit für „uns“ – ich schmiere gerade Butter auf meinen Toast und denke mir, wie gut wir es haben, – denn es gibt viele, – viel zu viele Menschen, die keine Butter aufs Brot, bzw. gar kein Brot haben …

Die Revolutionärin im mir regt sich – wenn ich an die täglichen Nachrichten denke – jetzt gerade Moria – das abgebrannte Flüchtlingslager, und wenn einige es als Gefangenenlager bezeichnen, bin ich einverstanden damit; Belarus, der Diktator, der sich aufbäumt und seine hoffentlich letzten Menschrechtsverletzungen begeht; – um nur einen geringen Bruchteil der Ungeheuerlichkeiten in der Welt zu nennen – dann kommt mir meine Beschäftigung mit dem Garten banal vor.

Aber das ist nun mal die Banalität des Lebens / meines Lebens.

Von der großen Welt in die kleine – was man jetzt natürlich nicht als Allgemeingültigkeit fürs Alter nehmen darf. Für manche ältere Menschen wird die Welt im Alter größer, – meine wird kleiner.

Und wieder einmal geht es dabei nicht um eine Bewertung – um gut oder schlecht – es geht um Akzeptanz.

Leben im Jetzt

Lebenswandel

gelebte Jahre

keine Sinnsuche mehr

kein Welterklären mehr

Ungewissheiten

ungewiss sein lassen

Freude über

jeden Tag

jede Stunde

Nichts sonst

(M.K., Sommer 2019)

Achtsamkeit – Alltagstauglich

Eine Anregung – gerade jetzt in der Corona-Zeit.
Im Dezember 2017 habe ich über die Achtsamkeit geschrieben.
Darüber, dass Achtsamkeit auch mit Selbstfürsorge und Selbstverantwortung zu tun hat; und auch, dass, wenn wir andere Menschen unser Handeln und unser Leben bewerten lassen – wir doch unser Leben selbst leben müssen …

Monika Chandana Krampl

DSC04037

Warum spreche ich von Alltagstauglichkeit?

Achtsamkeit in einem Seminar zu lernen und dort zu praktizieren, ist etwas vollkommen anderes als sie im Alltag zu leben. So wie Meditation auch.

Zeit und Raum für Achtsamkeit und Meditation in den Alltag zu integrieren, so dass sie alltagstauglich sind. Und sollten wir sie dennoch verlieren, dass wir uns daran erinnern und sie wieder aufnehmen – in unseren Alltag. Das ist mir sehr wichtig.

Achtsamkeit ist eine der Grundlagen im Buddhismus. So habe ich die Achtsamkeit kennen gelernt – über meine Beschäftigung mit dem Buddhismus. Und später noch zusätzlich in meiner psychotherapeutischen Ausbildung.

Achtsam zu leben – sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu spüren.

Die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Gedanken.

Was denke ich?

Was fühle ich?

Was brauche ich?

Was brauche ich nicht?

Für mich gehört zu einem Guten Leben Achtsamkeit im Alltag dazu.

Viel wird geredet und geschrieben über das Gute…

Ursprünglichen Post anzeigen 674 weitere Wörter

Die Frau Oberlehrerin, meine Igel-Bücher und Hermann Hesse

Bin ich doch am Auslichten und Loslassen meiner alten Sachen – Aufgehobenes und Angesammeltes – das wissen alle, die meine Erzählungen lesen. Dass ich auch am Auslichten von alten Verhaltensmustern bin, kommt in meinen Erzählungen nur am Rande vor. Bedarf es doch weitaus mehr Aufmerksamkeit und dauert damit wesentlich länger als Bücherregale, Kleiderschränke und Kartons zu leeren.

Nun habe ich einen Teil in mir – ich nenne ihn die Frau Oberlehrerin – die mit erhobenem Zeigefinger dasteht und anderen gegenüber betont „Ja, aber …“.

Die Frau Oberlehrerin stammt aus der Zeit, in der ich dabei war, mir vieles an Wissen anzueignen, das mir als Jugendliche verboten war. Ja – wirklich „verboten“ – eine der alten Geschichten, die ich nicht mehr erzählen möchte, da mit den Jahren aufgearbeitet, vergeben und verziehen – erst meinen Altvorderen, und etwas schwerer noch – mir selbst.

„ (…) wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein. (…)“ schrieb ich in meiner Erzählung „Vom Vergeben und Verzeihen“ im April 2020.

Die Frau Oberlehrerin stand über lange Zeit mit erhobenem Zeigefinger da und haute allen ihr Wissen um die Ohren, ganz egal ob die es nun wissen wollten oder nicht – „schaut her, wie g’scheit ich bin“. Mein Intellekt dürstete nach Bestätigung.

Ich habe die Frau Oberlehrerin in Pension geschickt. Doch so hie und da schaut sie mir über die Schulter und schon hab ich es wieder einmal übersehen – reißt sie ihren Schnabel auf …

Mittlerweile bin ich sehr geduldig mit ihr und begleite sie wieder zurück ans Meer.

Da habe ich sie hingesetzt, damit sie die Schönheit des Meeres und der Sonnenuntergänge genießen und entspannen kann. Wenn ich sie besuche, merke ich, dass sie versucht, die Fische zu belehren. Die kümmern sich nicht darum. Gut so. Vielleicht legt sie sich sogar mit Poseidon an – so wie ich sie kenne, tut sie das wahrscheinlich auch …

„(…)Veränderung braucht Mut zum Wankeln (Wankelmut) – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …(…)“ schrieb ich in „Veränderung braucht Zeit und Wankelmut“ im Juni 2020.

In der letzten Zeit überkommt mich immer wieder das Gefühl, mein früheres Leben sei wie ein Traum. Ich hätte es geträumt und ich bin am aufwachen …

„ … aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht…“ (Hermann Hesse)

„Aufwachen zu dem, der du bist“ (Thich Nhat Hanh)

Heute Nacht in einer wachen Stunde greife ich nach Hermann Hesse.

Auf meinem Drehregal-Nachttisch – sehr praktisch, da haben viele Bücher Platz – liegen die unterschiedlichsten Bücherstapel, die immer wieder wechseln. Und natürlich mein Tagebuch. Einer der neueren Stapel sind einige alte Bücher von Hermann Hesse, die wieder gelesen werden wollen. Dann gibt es noch Biographien, Romane, Lyrik und Krimis. Ich liebe es, nachts Krimis zu lesen.

Heute Nacht also Hermann Hesse. In meinen gelesenen Büchern sind viele Marker – ich nenne sie Igelbücher, weil sie gespickt sind mit Markern. Und manchmal lese ich das ganze Buch nochmals oder ich konzentriere mich auf die Marker, – bin neugierig, was mich vor Jahren oder Jahrzehnten fasziniert hat.

Die gekennzeichnete Stelle aus Hesses Buch passt zu obigen Überlegungen über die Frau Oberlehrerin.

„Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“

Aber deuten kann jeder nur sich selbst …

Infos:

Hermann Hess: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend.

Anmerkungen aus der Biographie über Hermann Hesse von Joseph Mieck, S. 93f:

Hesse veröffentlichte Demian 1919 unter dem Pseudonym Emil Synclair. In der 17. Aulage des Buches 1920 veröffentlichte er unter seinem Namen und das Buch blieb drei Jahre die „Bibel der deutschen Jugend“. Die Erzählungen sind „intim autobiographisch“. „Demian war ein intellektuelles Erlebnis, eine Neu-Überprüfung der Jahre 1887 bis 1897 mit Hilfe der Psychoanalyse und in Übereinstimmung mit Hesses beginnender Entschlossenheit, er selbst zu sein.“

Thich Nhat Hahn: Aufwachen zu dem, der du bist. Die Zen-Unterweisungen des Meisters Linji

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/04/28/vom-vergeben-und-verzeihen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/06/11/veranderung-braucht-zeit-und-wankelmut/

Sollen wir oder müssen wir sogar in Frage stellen?

Fragen stellen – etwas in Frage stellen – finde ich immer gut. Ja, ich liebe es, meine Gehirnzellen in Gang zu bringen und auch mal ums Eck zu denken. Manchmal bringen Fragen sofort und umgehend Antworten – vielleicht auch neue Erkenntnisse. Manchmal führen sie zu neuen Fragen. So manches Mal führen sie auch in Unsicherheiten und Bedenken über die eigene Lebensführung. Doch – wenn Bedenken kommen, dann gibt es etwas zu bedenken. Das ist dann auch eine Erkenntnis.

Corona stellt vieles in Frage. Viele Lebensgewohnheiten, und damit auch einige der so genannten „Normalitäten“. Nicht schlecht, finde ich. Denn bei so manchen dieser „normalen“ Umtriebe und Auswüchse stellt sich die Frage ob dies noch normal ist. Das sei nur am Rande bemerkt, denn über den Begriff „Normalität“ ließe sich doch trefflich streiten. Darum geht es hier und jetzt aber nicht.

Nun erzählen viele Menschen über ihre Unsicherheiten / stellen Fragen und in Frage / sind nachdenklich. Das freut mich. Denn daraus kann Neues entstehen. Und das brauchen wir ganz dringend in unserer gefährdeten Welt allgemein und für unser persönliches Wohlergehen sowieso und ganz gewiss.

Nachstehend lasse ich zwei Fragesteller*innen zu Wort kommen.

Marianne Gronemeyer, die Fragen zur Arbeitswelt stellt und zu dem Ergebnis kommt – „Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.“

Christoph Quarch, stellt die Frage, warum wir Friedrich Hölderlin, einen Dichter aus dem 1800 Jhdt. brauchen, und kommt zum Ergebnis – Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod.“

~~~~~~~~~~

Marianne Gronemeyer, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin,  stellt die Fragen:

„Hauptsache Arbeit. Aber wozu?“

Und – „Wer soll denn wohin integriert werden?“

Wer sich heutzutage der politischen Korrektheit befleißigen und sich auf die Seite des Anstands schlagen will, der muss für ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ votieren. Aber da erhebt sich augenblicklich die Frage, wer denn da wohin integriert werden soll: Die Frauen in die Männerwelt; die Habenichtse in die Konsumwelt, die Fremden in die Welt der Ansässigen; die Schwachen in die Welt der Starken; die Kranken in die Welt der Gesunden; die Scheiterer in die Welt der Funktionstüchtigen, die Arbeitslosen in die Welt der Leistungserbringer und die Verlierer in die Welt der Sieger? Aber es ist ja nicht so, dass die Starken, die Erfolgreichen, die Gesunden, die Leistungsstarken und die Sieger im Recht wären. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Arbeitswelt, die Welt des Arbeitsmarktes so zugerichtet haben, dass in ihr gute Arbeit durchweg nicht mehr möglich ist. Und die vom Konkurrenzkampf aller gegen alle geprägte Arbeitswelt wird ja um nichts besser, wenn die Schwachen, die Frauen, die Gescheiterten und die Arbeitslosen auch noch in sie hineingeraten. Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.

~~~~~~~~~~~~~~~

Christoph Quarch, Philosoph, evangelischer Theologe und Autor, stellt die Frage:

Warum wir Hölderlin brauchen?

„ … denn es ist Zeit,

Dass aus der Menschen Munde sie, die

Schönere Seel, sich neuverkündet, (…)

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt

Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist

Im Menschenwort, am schönen Tage

Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.“

(aus. Ermunterung von Friedrich Hölderlin)

Friedrich Hölderlin war der Sänger des Heiligen. Dazu sah er sich berufen. Worte für den Geist zu finden, der im alten Griechenland in der Gestalt des Gottes Apollon verehrt wurde; diesem Gott, diesem Geist dabei zu helfen, sich im Menschenwort, am schönen Tage, einer künftigen, neuen Zeit aus- und zuzusprechen – so wie er sich im alten Hellas einst bekundet und dabei eine Welt geboren hatte, von deren geistiger Schönheit und Kraft die europäische Kultur sich noch heute nährt. Es war dies eine Welt, die es den Menschen möglich machte, sich in Freiheit und zur Blüte eines schönen Menschenlebens zu entfalten. (…)

Das war Hölderlins Vision: eine Welt, die nicht länger vom Homo Faber oder Homo Oeconomicus  beherrscht ist, die nicht getrieben ist vom Willen zur Macht eines Subjetes, das um seines eigenen Vorteils willen alles Natürliche vernichtet, eine Welt, in der die Menschen im Einklang mit dem lebendigen Sein der Natur leben, statt sich in den Allmachtsphantasien ihrer digitalen Technik zu verlieren. Hölderlins Vision galt einer Welt, worin der Mensch am Ende seiner Tage mit einem Lächeln auf den Lippen sagen kann: Zu sein, zu leben, das ist genug. Das ist eine Vision, derer wir im 21. Jahrhundert dringender bedürfen denn je. Deshalb brauchen wir Hölderlin. Seine Vision hat nicht an Gültigkeit verloren.

Wir brauchen eine neue religio – eine neue Rückbindung ans lebendige Sein dieser Welt, die uns die Heiligkeit der lebendigen Natur erkennen, ja, vor allem lieben lehrt. Wir brauchen eine Haltung gegenüber der Welt, die uns von der Egozentrik des neuzeitlichen Subjekts befreit und von unseren Fesseln befreit: unserer Angst vor dem Tod und unseren Herrschaftsgelüsten gegenüber Mensch und Natur. Wir brauchen ein neues Menschenbild, das uns begreifen lässt, das wir nur im Einklang mit dem lebendigen Sein zur vollen Freiheit und Schönheit des Lebens erblühen können – und nicht auf dem Wege der gewaltsamen Durchsetzung unseres Willens. Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod. Das alles brauchen wir. Wir brauchen Hölderlin und seine Dichtung, seine Vision von einer neuen Zeit. (…)

„Uns selber zu verstehen! Das ist’s, was uns emporbringt. Lassen wir uns irremachen an uns selbst (…) dann ist auch alle Kunst und alle Müh’ umsonst.

(Heinrich Heine in einem Brief an Neuffer, August 1798)

Obige Texte aus:

Christoph Quarch: „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“, S. 180 ff

Marianne Gronemeyer: https://ivs-wien.at/ivs-veranstaltungen/wien-wird-anders/prof.-dr.-marianne-gronemeyer.html

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen …

Monika Chandana Krampl

“All you have to do is write one true sentence.

Write the truest sentence that you know.”

(Ernest Hemingway)

„Alles was Sie tun müssen, ist einen wahren Satz zu schreiben.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen.“

I Wortlos im Schweigen

Seit einiger Zeit schon versinke ich im Schweigen auf der Suche nach meiner Sprache. Leise schält sich durch verschiedene Schichten des Seins ein ursprüngliches Sein heraus, das eine andere Sprache spricht.

Wie eine Fremdsprache muss ich es neu lernen.

Auf der Suche nach Worten spaziere ich über die Felder / umkreise die Seen / sitze beim Schreibtisch und schaue in den Garten …

Ich stehe in der Stille des Sees.

Nein, nicht der See ist still.

Die wahren Worte sind – „der See und ich sind eins“.

Nur wenn es ganz still wird in mir, sind wir eins.

Ich bin die Stille.

Aus den langen, dunkelgrünen, spitz zulaufenden…

Ursprünglichen Post anzeigen 981 weitere Wörter