eine frau wird älter

wenn die unzählbaren tage vergangenheit

und die zählbaren tage zukunft

wird jeder tag ein kostbarer tag

alt und älter

täglich neu

akzeptieren von dem was war

akzeptieren von dem was ist

ursache und wirkung

ich gehe

und schaue und staune

ich schwimme im see

und im meer dem grenzenlosen

ich liebe – immer mehr

ich zürne – immer weniger

ich lerne demut

täglich

ich lebe

täglich

das innerste nach außen kehren

das äußerste nach innen

blauäugige träumerin

die glaubte –

früher einmal

dass es immer so weitergeht

gedanken der unzählbaren zeit

blauäugige träumerin

ausgeträumt

so manchen traum

vom altsein

das alter erschafft mich neu

akzeptieren von dem was war

akzeptieren von dem was ist

ursache und wirkung

zeit entschwindet

zeit entschwindet

baubo lacht ihr dröhnendes lachen

und ich lache

mit ihr

Über das Gesehen werden in der Welt

Über das Gesehen-werden in der Welt – bis zu – Sieh unter deine Füße – ein Gedanke folgt dem anderen …

Ein Hund ist eine Möglichkeit sich in der Welt zu verankern.

Das Gesehen-werden durch die Augen eines Hundes geschieht unbeeinflusst von den Zuschreibungen und Interpretationen eines menschlichen Gegenüber oder einer verschleierten Eigenwahrnehmung. Der Hund sieht dich so wie du bist.

„Wie viele Verletzungen hält ein Mensch aus, die allein dadurch entstehen, dass er sich tatsächlich ansieht? Auch das sind die Blicke auf nichts – eine Beglaubigung des Sehens im Augenblick der Trennung von Phantasma und Logos. Denn wir sehen nichts mehr ursprünglich, sondern werden angeschaut von zerschnittenen Körpern in einer erfundenen, effizienzgenerierten Perfektion. Die Welt ist ein technologischer Effekt und damit für sich selbst nicht erreichbar. Im Buch Mose war es die Sintflut, heute flutet uns das Reale. Und ich weiß jetzt, was Ich ist: nämlich nicht lediglich ein anderer, sondern ein Möbiusband in der Sprache, das Wirklichkeit und Erfindung unendlich ineinander verschiebt. Die Poesie ist der einzige mögliche Ausgang.“

(Kurt Drawert) 1)

Das Möbiusband geht derart in sich selbst über, dass man, wenn man auf einer der scheinbar zwei Seiten beginnt, die Fläche einzufärben, zum Schluss das ganze Objekt gefärbt hat.

Die Poesie ist der einzige mögliche Ausgang.

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel

Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme

einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem

stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,

und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,

uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“

(Rainer Maria Rilke) 2)

Lou Andreas-Salomé schreibt 1924 an ihren Freund und ehemaligen Liebhaber Rainer Maria Rilke:

„Himmel und Hölle sind gar nicht z w e i Örter. Weißt du, das ist auch eine Erkenntnis deren Kommen mir mächtig war in den letzten Jahren: dass alle Neurose ein Wertzeichen ist, dass sie bedeutet: Hier wollte jemand bis an sein Äußerstes – d a r u m entgleiste er eher als Andere – sie, die Gesundgebliebenen, waren gegen ihn einfach die Vorliebnehmenden.“ 3)

Und wenn wir noch so schrieen, hörte uns doch niemand aus der Menschen Ordnungen.

Und wenn wir uns täglich mit der Zukunft beschäftigen, versäumen wir die Gegenwart. Das Jetzt.

Das Jetzt ist das einzig Mögliche.

Und damit zurück zum Beginn: Ein Hund ist eine Möglichkeit sich in der Welt zu verankern. Und vielleicht sollte ich korrigieren: Ein Hund ist eine Möglichkeit sich im Jetzt zu verankern. Denn der Hund kennt nur das Jetzt. Seine Gedanken sind nicht auf die Zukunft ausgerichtet.

Und wenn wir uns täglich mit unserem Sein in der Welt beschäftigen – so wie wir für uns selbst sein möchten / so wie wir für andere sein möchten/ wie wir wahrgenommen werden möchten / etc. etc. – versäumen wir, dass wir einfach sind.

„You must go through the way in which you are not. And what you do not know is the only thing you know. And what you own is what you do not own. And where you are is where you are not.”

(Du musst den Weg gehen, auf dem du nicht bist. Und was du nicht weißt, ist das einzige, was du weißt. Und was du besitzt, ist das, was du nicht besitzt. Und wo du bist, bist du dort, wo du nicht bist.)

(T.S. Eliot)

In den Eingangshallen von vielen japanischen Zen-Tempeln befindet sich manchmal ein kleines hölzernes Brett mit der Inschrift „Sieh unter deine Füße“.

Oft sehen wir das aber nicht, was unter unseren Füßen ist, weil der Kopf, der am anderen Ende der Füße ist, mit etwas ganz anderem beschäftigt ist. Und dabei bist du hier und jetzt, in diesem Augenblick und im nächsten und im nächsten, – schon mittendrin. Und dann „hast“ du nicht diesen Augenblick, du „bist“ dieser Augenblick.

Die Poesie ist der einzige mögliche Ausgang.

Die traditionelle japanische Gedichtform Haiku, gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt.

„Das Haiku nimmt so viel wie möglich Worte zwischen dir und den Dingen weg. Es lässt die Dinge für sich sprechen; sie sagen sich; sie sprechen dich an, sie fassen dich in Worte. Die Worte sind Gefäße der Stille.“

Wie gestern

ist heute

morgen

auf einmal

die ganze Zeit

da:

Mond Sonne

„Haiku ist das „Begräbnis des Gegenüber“. Es sagt: „Tat tvam asi“. – „Dies bist du“ (Chandogya-Upanishad)

(Günter Wohlfahrt) 4)

Tat tvam asi.

Und in diesem Sinne bin ich auch mein Hund.

Und dies ist höchst erfreulich.

1)Kurt Drawert: Der Körper meiner Zeit, S. 10

2) Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

  1. Gunnar Wendt: Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou, S. 123
  2. Günter Wohlfart: Zen und Haiku, S 57, 106

Foto: Foto: https://pixabay.com/de/photos/schnee-fährte-abdruck-hund-wolf-70099/

Die beiden Griechinnen

Loana Tag 1 – Dezember 2021

Gestern Abend kam meine Hündin, Loana, aus einer Tierauffangstation in Griechenland am Flughafen Wien an. So wie unsere erste Hündin, Luna, die jetzt das achte Monat bei uns ist, auch.

Als Erstes, als sie aus der Transportbox rauskam, – sie machte einen Riesenhaufen in die Ankunftshalle!

Als ich sie am Foto gesehen hatte, wusste ich sofort, die ist es. Sie ist wie Luna sehr ängstlich und scheu. Luna hat den Großteil ihrer Ängstlichkeit bereits abgelegt und hat ein verschmustes, liebevolles Wesen. Loana ist ihr ähnlich – keine schnellen Bewegungen, keine lauten Stimmen vorerst – und doch kam sie heute bereits von sich aus auf mich zu, um sich streicheln zu lassen.

Der erste Kontakt zwischen Luna und Loana fand bereits statt – Luna vorsichtig neugierig, Loana ignoriert sie (noch). Doch beide bellen nicht, knurren nicht – ich denke, nein ich weiß, dass Loana genau so ein verschmuster Schatz wird wie Luna. Spannende Tage der Eingewöhnung erwarten uns – ich freue mich sehr, die beiden Hunde, die gequält und geschlagen wurden und sich doch ihr liebevolles Wesen behalten haben, bei uns zu haben …

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Die erste Griechin, Luna, ist nun seit acht Monaten bei uns. Die zweite Griechin, Loana, seit 11 Tagen.

Luna war von Beginn an eine ganz sanfte. Nur mit den Katzen hatte sie Schwierigkeiten. Sie knurrte sie an. Die zwei Katzen zogen den Schwanz ein und weg waren sie. Mittlerweile liegen sie beide mit ihr auf der Decke, bzw. eine Katze so manches mal zwischen ihren Beinen.

Loana ist ebenfalls eine ganz sanfte und verschmuste. Doch beim Spazierengehen möchte sie gerne die Leithündin sein, sie zieht an der Leine und verweigert bei Richtungswechsel. Sie ist temperamentvoller als Luna. Die Katzen fixiert sie und würde ihnen hinterherjagen. Deshalb geht sie im Garten noch immer an der Leine.

Mein Sohn und ich gingen bis jetzt mit den beiden Hündinnen spazieren. Übers Wochenende war mein Sohn mit beiden Hündinnen gleichzeitig unterwegs. Und siehe da – Loana lernt von Luna. Luna ist eine gute Lehrerin.

Heute Nachmittag war ich zum ersten Mal mit den beiden Hündinnen unterwegs. Außer von einigen Leinenverwicklungen und dass ich so manches Mal wie eine Polizistin mit beidseits ausgestreckten Armen auf der Straße stand, war es ein erfreulicher Spaziergang und ich freue mich auf weitere.

Ich liebe sie, die beiden Griechinnen.

Luna Tag 1 – April 2021

Luna, Tag 1Fünf Wochen nach dem Tod unserer Hündin Samy, um die ich noch immer trauere, hat mein Sohn wieder eine Hündin. Luna, eine ausgesetzte Hündin aus den Bergen von Griechenland. (Auch Samy war die Hündin von meinem Sohn und ich war die Tagesmutter. Aus mehreren Gründen möchte ich jetzt nicht mehr die Tagesmutter sein, und habe mir daher vorgenommen, Distanz zur neuen Hündin zu halten)

Die unpersönliche, große Ankunftshalle des Flughafens ist fast menschenleer. Nur wenn ein Flugzeug ankommt – und es sind doch mehr, als ich erwartet habe – füllt sich die Halle mit Menschen. Aufregend – Luna in ihrer Flugbox – fast zu klein für sie – und Überraschung für uns – Luna ist viel größer als erwartet – mein Sohn und ich sehen uns kurz an – Irritation / Überraschung / Erstaunen …Als mittelgroßer Mischling angekündigt, ist sie ist doch mehr Schäfer als Mischling. Zu dritt wird sie ins Auto gehoben. Wir fahren nach Hause immer mit Blick nach hinten auf die Ladefläche. Zu Hause geht sie wankenden Schritts nach rückwärts in den Garten – auf meine Terrasse. Ich gehe durch die Terrassentür ins Haus und schließe die Tür hinter mir. Ich will sie nicht in mein Haus lassen, sie soll in das Haus von meinem Sohn. Sie bleibt auf der Terrasse liegen. Mein Sohn und ich beschließen, sie liegen und ankommen zu lassen. Ich habe sie durch die Terrassentür im Auge, lasse mich aber nicht blicken. Nach einer Stunde, es wird schon kühl, beschließt mein Sohn, sie nach vorne und in sein Haus zu holen. Sie steht nicht auf. Was wir auch versuchen. Mit Wurst, mit Leckerli, mit gut zureden, – wir beginnen uns Sorgen zu machen. Mein Sohn versucht, sie aufzuheben – sie ist ziemlich schwer – ihr knicken die Beine weg und sie lässt sich auf den Bauch plumpsen. Das macht er ein paar Mal – ihre Beine kraftlos. Unsere Sorgen werden größer. Was ist los mit ihr? Ich sage, so geht das nicht, wir müssen etwas unternehmen – bin in Gedanken bereits mit einem Anruf beim Tierarzt – drehe mich um, öffne die Terrassentür und gehe ins Haus …. Plötzlich springt Luna auf – problemlos – läuft mir nach ins Haus – mein Sohn hinterher, legt ihr die Leine an, und sie geht mit ihm durch das Haus nach vorne und zu ihm ins Haus!Wir schauen uns an und lachen!

Erleichterung! So eine Schwindlerin. Sie wollte einfach nicht aufstehen.

Und wir sagen – genauso wie Samy, die wollte auch immer wieder nicht um das Haus herumgehen, sondern stand so lange vor meiner Terrassentür bis ich sie durch das Haus durchgehen ließ! Im Haus von meinem Sohn ging sie sofort auf ihre vorbereitete Hundematte und dort liegt sie fast die ganze Zeit. Mein Sohn hat auf der Couch im Wohnzimmer bei ihr übernachtet. Die Katzen schleichen sich in Zeitlupe bis auf eine gewisse Distanz heran, beäugen sie mit aufgestellten Ohren und verschwinden wieder. Luna runzelt die Stirn. Bis jetzt hat sie keinen Ton von sich gegeben. Ihre Betreuerin sagte, sie ist eine ganz sanfte. Und das glauben wir auch.

Und wir stehen immer wieder vor ihr, schauen sie an und schütteln den Kopf: Sie ist so groß – sagen wir immer wieder …

Trotzdem: Mein Sohn liebt sie jetzt schon …Und ich? Für mich wird es schwer, die Distanz zu halten, die ich mir vorgenommen habe …

Meine persönliche Weihnachtsgeschichte

Vor sechs Jahren starb meine Mutter.

Ich hatte bereits vorher, während der Zeit der Krankheit meiner Mutter, meine Zelte in Wien abgebrochen und war nach St. Pölten, meiner Heimatstadt, zurückgekehrt. Es war eine Zeit der Versöhnung zwischen uns und dafür bin ich sehr dankbar.

Meine Mutter war die letzten zwei Weihnachtszeiten zu schwach, um Kekse zu backen. Die Küche war und ist für mich ein fremdes Land und Backen sowieso. Also sprang unsere Nachbarin ein und brachte uns ihre ausgezeichneten und wohlschmeckenden Weihnachtskekse.

Nun begab es sich, dass mich zur ersten Weihnachtszeit nach dem Tod meiner Mutter meine Nachbarin anrief und sagte: „Kommst du bitte zum Gartenzaun“. Das ist unser gemeinsamer Treffpunkt, wenn wir uns im Sommer im Garten sehen und im Winter, wenn wir uns sprechen wollen, rufen wir uns an und kommen dann zum Zaun. Nun stand sie da mit einem Teller Weihnachtskekse in der Hand und sagte zu mir: „Weißt du, deine Mutter hat das letzte Weihnachten, als ich ihr die Kekse brachte, zu mir gesagt: „Danke, und vergiss bitte nicht meine Jungen (damit meinte sie mich und meinen Sohn) wenn ich einmal nicht mehr bin.“

So geschah es bis jetzt jedes Jahr und gestern wieder.

Und jedes Jahr wird meine Nachbarin kleiner und kleiner, so wie es auch mit meiner Mutter geschah. Und ich sehe mich in der Nachfolge meiner Mutter und meiner Nachbarin, dann wenn die Zeit gekommen ist, kleiner und kleiner geworden im Garten stehen.

Und jedes Mal haben meine Nachbarin und ich Tränen in den Augen und gedenken meiner Mutter, die über ihren Tod hinaus für uns gesorgt hat.

Foto: unbekannter Autor