Je älter desto kostbarer die Augenblicke des Lebens …

Ein Versprechen

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Vorab:

Mir ist immer bewusst, in welch glücklicher Lage ich JETZT bin um mich mit all dem – Stille / Rückzug / Besinnung / Achtsamkeit/ etc. – zu beschäftigen und auch darüber zu schreiben. Ich habe Zeit und ich bin gut versorgt durch mein Grundeinkommen (Pension). Jedoch – BEGONNEN habe ich vor Jahrzehnten – DAMALS – als ich in großer seelischer Not war / als meine finanzielle Lage nicht sicher war / als ich Alleinerzieherin war / und später noch hat es mich immer wieder gestärkt als ich einen sehr fordernden Beruf hatte. Selbstreflexion durch Psychotherapie; Vipassana- (Achtsamkeits-)Meditation; immer wieder Rückzug; Selbsterkenntnis durch die buddhistische Lehre  – hat mich unterstützt / mich gestärkt / verändert – und mir immer wieder ein gutes Leben ermöglicht.

JETZT  habe ich mehr Zeit und Ruhe – um mich zu vertiefen …

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Jeder Augenblick kann der letzte sein

Alles Seiende

immer und jederzeit

die Jahreszeit

der Nebel über dem Garten

der Sonnenaufgang

das Bellen des Hundes

die weichen Pfoten der Katze

die Hand des Geliebten

das Zusammensein mit lieben Menschen

Berührungen die das Herz erfreuen

Berührungen der Lust und Liebe

das Gefühl

der Gedanke

der Herzschlag

der Atemzug

Ich verspreche es mir

Ich übe täglich – besonders bei Menschen, mit denen es mir nicht leicht fällt. Ich übe täglich – Metta (Liebende Güte)

Einiges habe ich an den verschlungenen Wegen meines Lebens bereits gelernt – das Loslassen von alten Verhaltensmustern und das Lernen von einem neuen Umgehen miteinander – doch mir scheint, als ob dies der Krönungsweg sei. „Diese Liebe“ – ohne Anspruch auf Besitz oder Erwartung, das freiwillige Herzensgeschenk lernte ich bereits und auch das Mitgefühl und Freude gönnen – jedoch, die Nachsicht und Geduld, meine liebe Ursula, da gehe ich immer wieder in Kinderschuhen …

Ich lasse meine sehr geschätzte 92-jährige erste Vipassana-Meditationslehrerin Ursula Lyon, zu Wort kommen:

„Herzensgüte ist eine große heilende Kraft. (…)

Liebende Güte kommt manchen Menschen sehr entgegen, andere haben damit ihre Schwierigkeit. Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld. (…)

Die liebende Güte befreit von innerem Druck und lässt das Herz weit werden. Sie verbindet mit anderen Menschen, allen Lebewesen und der ganzen Natur.“

Tägliche Wahrnehmung –

Begreifen – spüren – anwenden …

Ich atme – ich bin …

Augenblicke der Achtsamkeit

liebevolle Gefühle

liebevolle Gedanken

liebevolle Beziehungen

liebevolles Wahrnehmen

einen letzten Atemzug in Liebe

dann – am Ende des Seienden …

Am Anfang war Liebe und am Ende bleibt die Liebe …

„In meinem Anfang ist mein Ende – in meinem Ende ist mein Anfang.“

(Inschrift auf dem Grabstein von T.S. Eliot)

Ursula Lyon: http://sampadasangha.com

ich trage mein schneckenhaus

meinen eltern zu eigen / für die gewesenen

ich trage mein schneckenhaus

mit mir

als einsame

geboren

~

in fremden landen

liegst du

in fremder erde

du einsamer

der erdhöhle

in die dich der krieg

gezwungen hat

nie entstiegen

~

in heimatlichen landen

liegst du

in heimaterde

du einsame

dem entsetzen des krieges

nie entkommen

~

zeugtet ihr

ein kind

die einsamkeit

im neugeborenen leib

trägt sie euch

~

entkommen

der einsamkeit

geht sie ihren weg

die alleinige

für euch

~

perlmuttschillerndes

schneckenhaus

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die nächte sind dünn

wie greisinnenhaut

~

die gewesenen sind

die seienden werden

~

dann

wenn die nächte

dichter werden

vergessen sie

~

das leben ist nur weg

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„Das Leben ist nur auf dem Wege, das Leben ist nur Weg, hat keine Ankunft, denn es kommt nirgendwo her.“

(Else Lasker-Schüler)

Die Stille, der Rückzug – Besinnung auf uns selbst

Manchmal braucht es Dunkelheit und die süße
Einschränkung deines Alleinseins
um zu lernen,
dass alles
was dich nicht lebendig macht,
zu klein für dich ist.

(David Whyte, englischer Dichter)

In meinem Essay „Die Stille, der Rückzug – Lockdown und Corona“ schrieb ich unter anderem auch über die Besinnung.

Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen um ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Besinnung auf uns selbst.

Die Zeit des Alleinsein-müssen könnte dann zu einer Zeit des Alleinsein-dürfen werden.

Besinnung auf uns selbst.

Der Lärm der Welt kommt zumindest für eine Weile zur Ruhe – eine zarte Stille umfängt uns – wenn wir es denn zulassen.

Spürt ihr das Wehen des Windes? Hört ihr die Raben am Baum?

Welche Chance.

Vom Weg der Angst vor dem Allein-sein zur Liebe zum Allein-Sein.

Ich erzähle euch wieder eine Geschichte.

Und so wie jede gute Geschichte, beginnt auch diese mit – es war einmal …

Es war einmal eine Frau, nicht mehr ganz jung aber auch noch nicht alt. Sie war um die fünfunddreißig Jahre, als sie beschloss ein anderes Leben als bisher zu führen und sich ihren Ängsten zu stellen. Sie war nicht unglücklich, aber glücklich war sie auch nicht.

Sie wollte einfach keine Angst mehr haben vor dem Alleinsein. Sie war sehr aufgeregt und neugierig, wie es ihr wohl ergehen würde – was da alles passieren würde. Als die Zeit kam, und sie ihrer Familie mitteilte, dass sie dieses Mal das Weihnachtsfest mit sich allein verbringen wolle, dachten sie, sie wäre verrückt geworden. Bei manchen gab es Unverständnis, andere wieder waren beleidigt. Und somit begann bereits der Einstieg in ihr Experiment – und sie musste sich fragen: Wie gehe ich damit um? Kann ich es aushalten, dass ich nicht verstanden werde und dass sich meine Familie dadurch gekränkt fühlt? Ja, sie konnte es. Sie blieb standhaft – sie stand zu sich. Sie war sehr mutig.

Doch wie sehr hätte sie sich gewünscht, dass ihre Familie, die sie doch liebte, Verständnis gezeigt und sie unterstützt hätte in ihrem Vorhaben – „Wie mutig du doch bist! Ja, mach’ das! Wir sind in Gedanken mit dir!“

Doch so war es nicht. Und so war sie ganz allein mit ihrem Vorhaben und damit begann ja eigentlich schon ihr Alleinsein.

Nun – wir kehren zurück zu ihrem ersten Weihnachtsfest. Einfach war es nicht. Doch die Besinnung tat ihr gut. Fragen über Fragen gab es für sie: Wie mache ich es mir schön und gemütlich? Wie möchte ich das Fest für mich feiern? Was brauche ich für meine Sinne / meinen Geist / meinen Körper?

Und mit all diesen guten, lebendigen und spannenden Antworten, die sie dabei fand, ging sie in noch ein weiteres Weihnachtsfest für sich allein; feierte Silvester auf einem abgelegenen Hof; ging auf Reisen, die sie alleine machte und vieles andere auch noch. Und am Ende war sie sehr stolz auf sich. Sie hatte es geschafft ihren Ängsten zu entkommen.

Welch Sicherheit wuchs damals in ihr – in dem mit sich selbst sein / es gut haben mit sich allein. Und heute ist ihr das immer wieder allein sein mit ihr selbst  eine liebe Gewohnheit. Immer wieder Rückzug – um mit sich selbst in Kontakt zu bleiben, um ihre innere Stimme zu hören und zu fühlen, was ihr gut tut und was nicht. Ende gut. Alles gut.

Und bei all den Ungewissheiten, die Corona auch mit sich bringt, ist der Lockdown / der Rückzug, auch eine große Chance, sich selbst besser kennen zu lernen. Durch Ängste hindurchzugehen, bis sie sich auflösen.

Ja, alles löst sich auf, wenn wir uns trauen, bis zum tiefsten Grund zu gehen.

Je besser wir uns selbst kennen – bei uns selbst zu Hause sind – desto besser können wir mit anderen sein.

Bruder David Steindl-Rast, ein aus Österreich stammender US-amerikanischer Benediktinermönch und spiritueller Lehrer, sagt:

„Liebe ist das Ja zur Zugehörigkeit / zur Verbundenheit“.

Eine Zugehörigkeit ohne sich selbst zu gehören wäre Abhängigkeit.

Ich kann nur jemand angehören, wenn ich mir selbst gehöre.

Liebe ist das Ja zur Zugehörigkeit / zur Verbundenheit in Freiheit.

Besinnung – eine Rückbindung an uns selbst / an unsere Wurzeln – die uns zu einer inneren Zufriedenheit / Freiheit / und einem lebendig sein – führt.

Einer Lebendigkeit im Lockdown / im Rückzug – ein Paradoxon. Eine scheinbar widersprüchliche Aussage, die eine tiefe Erkenntnis beinhaltet.

Mögen wir mit viel Mut und Konsequenz den Weg von der Angst vor dem Alleinsein zum Genuss des Alleinseins und der Freude an uns selbst gehen …

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 22,39)

Liebe, Mitgefühl und Weisheit für uns selbst – die Natur, der wir angehören, für Tiere und Menschen …

Mögen wir uns besinnen …

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https://monikakrampl.wordpress.com/2020/11/15/die-stille-der-ruckzug-lockdown-und-corona/

Die Stille, der Rückzug – Lockdown und Corona

Der Winter naht – für den Nussbaum und für mich. Die Natur zieht sich in den Bauch der Erde zurück und ich mit ihr.

Ich erinnere mich an die Zeit in meiner Kindheit mit meiner Großmutter. Um diese Zeit im November saßen wir abends beim bullernden Sägespäneofen. Kerzen wurden angezündet, Großmutter erzählte alte Geschichten und ich sang mit ihr ihre alten Lieder. Großmutter legte die Hände in den Schoß. Ihre Hände, die das ganze Jahr über so rege waren und gearbeitet haben. Stille, Rückzug, Nichtstun, rasten. Ruhe kehrte ein. Wir warteten auf die ersten Schneeflocken …

Meine Hündin schnarcht an meiner Seite. Die Katze liegt am Heizkörper. Der Nussbaum ist entblättert. So fühle ich mich auch – entblättert.

Entblättert auch – weil ich sehe, dass ich im letzten halben Jahr wieder einen großen Altersschub hatte. Das Altern geht nicht gleichmäßig peu à peu vor sich – sondern in Schüben – zumindest bei mir ist es so.

In dem Buch „Ethik der Wertschätzung“ schreibt die Autorin „Tugendethik gründet sich auf dem Gefühl der Demut und Erfahrung der Verletzlichkeit.“

Sehr lange in meinem Leben fühlte ich mich unverletzlich. Bis das Alter kam und mein Körper mir meine Verletzlichkeit zeigte – und damit kam auch die Demut in mein Leben.

So wie uns jetzt Corona unsere Verletzlichkeit sehr massiv aufzeigt.

Werden wir demütig?

Kommen wir zur Ruhe?

Wäre es jetzt nicht an der Zeit, sich der Demut gegenüber der Welt / der Natur / den Tieren zu besinnen?

Der Lockdown / die Rückzugszeit ist eine Möglichkeit für Besinnung.

Besinnlichkeit – ein altes Wort, das kaum noch gebraucht wird.

Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen um glücklich und zufrieden zu sein.

Wärme / gutes Essen / liebende und geliebte Menschen / Lieder / Geschichten …

Man möge mich jetzt altmodisch nennen. Ja, dann bin ich es. Bin ich es gerne. War ich doch schon so, bevor ich alt wurde …

Wenn wir die groß geschriebenen und weltweit sichtbaren Zeichen an der Wand  – Corona – ignorieren und meinen wir könnten zurückkehren zur sogenannten „Normalität“, dann ist das ein großer Irrtum.

Diese sogenannte „Normalität“ hat uns genau dahin gebracht wo wir jetzt sind. Diese sogenannte „Normalität“ würde bedeuten weiterhin Ausbeutung und Missachtung von Natur / Tier und auch Mensch. Und wenn das wider besseres Wissen und Gewissen geschieht, dann wird bald etwas Ähnliches wie Corona vor der Tür stehen.

Mögen wir uns besinnen  …

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Heute Morgen bei meinem Besuch beim Herrn des Sees konnte ich sein Haupt aus dem Augenwinkel sehen. Er machte mit einem lauten Rauschen der Wellen, die einen großen weiten Kreis zogen auf sich aufmerksam. Welche Freude …

Wer nicht weiß, wer der Herr des Sees ist:

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/11/09/und-sie-konnen-zusammen-nicht-kommen/

Das oben genannte Buch von Corine Pelluchon habe ich noch nicht gelesen, aber ich meine es wäre lesenswert. Aus dem Klappentext:

„Corine Pelluchon entwickelt eine Tugendethik, die uns hilft, mit den Herausforderungen unserer modernen Gesellschaften umzugehen. Dabei legt sie den Schwerpunkt nicht in erster Linie auf die Prinzipien unserer Handlungen. Vielmehr geht es ihr um unsere konkrete Motivation, um die Vorstellungen und Affekte, die uns dazu bringen, aktiv zu werden.“

Stürzen auf den Grund von Ozeanen

du

dein begehren zog mich hinaus

aufs offene meer

einer tsunamiwelle

gleich

als ich zu sinken begann

kämpfte ich um mein leben

erreichte das ufer

liege im warmen

ufersand

sicher

(05 11 2020)

„Die Strandpromenade war außerhalb der Saison fast ausschließlich von Einheimischen besucht, die weder den Strand wahrnahmen noch promenieren wollten. Für die meisten verlief hier nichts als jene Grenze, die das Feste vom Flüssigen trennte. Von Kindheit an können sich ja die Anwohner von Seen und Meeren im Süden vor dem Zubettgehen entschließen, ob sie ihre Träume aus dem Wasser, der Erde oder der Luft beziehen. Alle drei Möglichkeiten bergen Helles und Dunkles in sich. Aber wer nachts beispielsweise das bedächtige Stürzen auf den Grund von Ozeanen erfahren hat, bevorzugt es für gewöhnlich gegenüber dem Stürzen durch Wolkenbänke und Häuserschluchten. Auch sind die Geschehnisse im Wasser von kräftigeren Rottönen begleitet, die besonders unentschlossenen Charakteren nach dem Erwachen für ein oder zwei Stunden einen gewissen Antrieb verleihen.“

Aus: André Heller: Das Buch vom Süden, S. 200