Ich hatte einen Traum

Im März 1996 hat die österr. Frauenzeitschrift „AUF“ meine Erzählung über das Leben meiner Großmutter veröffentlicht. Meine Großmutter lebte damals noch und sie hatte eine „schamhafte Freude“ über diese Veröffentlichung. Scham – weil wir sie und ihr Frauenleben so wichtig nahmen. Es sind ihre Erzählungen über den Tod ihrer Mutter als sie drei Jahre alt war enthalten – „… sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir neben der toten Mutter …“ ebenso wie über ihre Dienstmädchenzeit in Wien und dass sie diejenige ist, die ihrem Mann immer Mut macht. Außerdem sind Auszüge aus den Briefen ihres Mannes enthalten, die er ihr aus Russland schreibt – „… mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss …“

Ich habe die Erzählung meiner Großmutter, einem Dienstmädchen, und meiner Urgroßmutter, einer Schneiderin, gewidmet.

Ich hatte einen Traum

Erst hatte sie den Traum von einer glücklichen Familie — einem guten Mann, einer treu sorgenden Gattin und Mutter sowie braven und lieben Kindern. Dann kommt der Krieg. Er schreibt am 18. Oktober 1942 aus der Gefangenschaft in Russland:

„… und einen Umschlag mit den alten Briefen habe ich auch nach Hause geschickt, weil ich schon einen ganzen Haufen hatte, und verbrennen will ich’s aber nicht. Ich will sie in unseren alten Tagen mit Dir, mein Lieb‘, durchstudieren, was wir uns beide alles Gute und Schlechte geschrieben haben. Aber auch Du sollst die Briefe alle aufheben, die ich Dir schreibe !…“

Sie hebt die Briefe alle auf, aber er kommt nicht wieder nach Hause… Aus der Traum.

Der zweite Traum, den sie hatte, ist der einer Mutter, die ihre Kinder heranwachsen sieht, denen es besser gehen soll als ihr; einer Großmutter, die ihre Enkelkinder groß zieht, und die in der Gebor­genheit dieser Familie alt wird. Auch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ich möchte aber von dem ersten Traum erzählen.

„Ich habe geträumt, ich steh‘ in der Haustür und mein Mann kommt auf das Gartentor zu. Er hat seinen Sonntagsanzug an, und ich kann ihn ganz genau sehen. Ich gehe ins Haus hinein, denn ich möchte ihn drinnen erwarten.“

Dies erzählt die alte Frau, sie ist 87 Jahre alt, ihrer Enkeltochter. Ihr Mann, den sie in ihrem Traum auf das Haus zukommen sieht, ist vor 51 Jahren im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft gestorben. Er ist nicht gefallen — wurde nicht von einer feindlichen Kugel ge­troffen – er starb an der Ruhr, an Heimweh, an Sehnsucht nach sei­ner Familie, und an Mutlosigkeit. Denn die, die ihm Mut gab, war nicht bei ihm. Die Briefe, die er ihr schreibt, sind Briefe der Liebe

und der Sehnsucht. Er braucht ihre Stärke, aber sie ist zu weit weg. Am 22. Juli 1943 schreibt er nach Hause:

„… ich hatte heute eine sehr schlechte Nacht, konnte überhaupt nicht schlafen, meine Gedanken sind immer bei Euch zu Hause, was Ihr so macht, und wie es geht. Das soll doch schon bald alles der Teufel holen, ich weiß nicht, mich verdrießt es jeden Tag mehr und mehr, und immer diese Versetzungen, jetzt bin ich seit 5. Ok­tober 42 fortwährend auf der Tour, mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss…“

Heute glaubt sie, dass sie seine Stärke braucht, um es »denen« zu zeigen. »Die« — das sind ihre Kinder, die sie in der Zeit der Arbeits­losigkeit zur Welt gebracht hat, für die sie in der Zeit des Krieges allein verantwortlich war, für die sie sorgen musste, und die sie ei­nen Beruf lernen hat lassen, damit sie es einmal leichter haben im Leben. Die, das sind drei Kinder, von denen sich zwei von ihr abge­wandt haben. Ein Kind bleibt aus Pflichtgefühl. Sie hat ihr ganzes Leben diesen Kindern und ihren Enkelkindern gewidmet, hat sich »aufgeopfert«, so wie viele Frauen aus dieser Zeit. Sie hat nie mehr geheiratet, war ihr ganzes Leben lang diesem Mann verbunden, mit dem sie zwölf Jahre zusammenleben durfte. Dass dieses »Aufopfern« auch beinhaltet, dass sie ihre Kinder nie losgelassen hat, und diese auch nicht fähig waren, sich ihrer Stärke entgegenzustellen und zu gehen, drückt sich heute, wie in so vielen ungelösten Konflikten, durch Streit und Zorn aus.

Ihr Leben ein Traum, ein sich nicht er­füllender Traum …

Sie wurde im Jahre 1909 in einem kleinen Dorf im nördlichsten Waldviertel geboren. Das Klima in diesem Landstrich ist ziemlich rau, und so waren und sind auch heute noch die Leute dort. Das Leben wird bestimmt von Kargheit und Strenge. Diese Kargheit und Strenge bestimmt bis zum heutigen Tag ihr Leben. Im Jahre 1912 stirbt ihre Mutter, sie ist gerade drei Jahre alt. Sie kann sich ganz genau daran erinnern. Sie erzählt:

„…Meine Mutter hat ein graues Kleid mit weißem Tüll an, sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir

neben der toten Mutter. An das Begräbnis kann ich mich nicht er­innern …“

In der Folge führt die Großmutter dem Vater und dem kleinen Mädchen die Wirtschaft. Ihr Vater ist Maurer von Beruf und arbei­tet bei der Bahn. Durch diese Beschäftigung bei der Bahn wird er auch nicht in den Krieg eingezogen. Aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs ist das hervorstechendste Erlebnis für sie die Wiederverheira­tung des Vaters im Jahre 1917. Die Stiefmutter, die sie bekommt, ist die böse Stiefmutter der Märchenbücher. Es beginnt eine Zeit der Demütigungen, der Ablehnung und der Misshandlungen. Sie erzählt:

„Meine Stiefmutter hat wahrscheinlich geeifert, weil ich beim Va­ter geschlafen habe, aber ich war das gewohnt. Wir sind dann von meinem Geburtshaus weggezogen, in eine Wohnung (Zimmer/Kü­che) ein paar Häuser weiter. Wenn ich in mein Geburtshaus zu­rückgegangen bin, habe ich halt nachher meine Sachen gekriegt (bei den Haaren gerissen, auf den Rücken geschlagen). Als mein Bru­der zur Welt kommt, werde ich auch nach der Schule eingespannt. Wenn ich zur Taufpatin gehen wollte, musste ich den Kinderwagen mitnehmen. Damit ich ein bisschen mit den Kusinen spielen konn­te, hat halt die Tante auf den Buben aufgepasst…“

Der Bruder stirbt mit neun Monaten. Zum Spielen kommt sie trotzdem kaum. In dieser Zeit ist es auch üblich, dass sie ihrem Vater das Mittagessen in den nächsten Ort nachbringt, das sind hin und zurück gute zehn Kilometer. Infolge der Umstellungen nach dem Krieg zieht die Familie in das südliche Niederösterreich. Sie wird entsprechend der Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts zu absoluter Bedürfnislosigkeit und Gehorsam erzogen. Die Kindheit, die sie bis dahin hatte, war geprägt von Entbehrungen und Demütigungen. Was sie nicht kennen lernte, war eine Atmosphäre der Liebe, der Ge­borgenheit, der Wärme und des Akzeptierens. Heute, mit 87 Jah­ren, sagt sie zu ihrer Enkeltochter:

„Weißt Du, ich hab‘ halt einen ganz starken Minderwertigkeitskom­plex, ich fühl‘ mich, als ob ich nichts wert wäre. Ich hätte es gebraucht, dass mir schon in meiner Kindheit jemand gesagt hätte, dass ich was wert bin …“

Mit 13 Jahren, nach sechs Klassen, muss sie die Schule verlas­sen. Ein Mädchen braucht keine Bildung. Bis dahin war sie schon regelmäßig nach der Schule bei einer Familie zum Geschirr abwaschen. Nun kommen auch noch die anderen schwereren Haushalts­arbeiten dazu. Vom Hof das Wasser für drei Personen zum Waschen und Kochen in den zweiten Stock hinauftragen, vom Keller Kohlen und Holz hinaufbringen, Herd und Kacheln putzen, die Eisenteile mit Schmirgelpapier abreiben, Zimmer ausreiben … Sie erhält vier Schilling im Monat. Von dem Geld darf sie nichts für sich behalten. Mit 17 lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ein gelernter Tischler. Doch nach dem Willen der Stiefmutter soll sie einen »Ei­senbahner« heiraten. Um die nicht erwünschte Verbindung zu un­terbinden, wird sie in einer Nacht- und Nebelaktion nach Wien geschickt. Hier arbeitet sie als Dienstmädchen in einer jüdischen Fa­milie. Untergebracht ist sie in einem Kabinett, das nicht beheizbar ist. Trotzdem geht es ihr hier wesentlich besser. Sie versteht sich gut mit der »Gnädigen«, kann das Geld, das sie verdient, für sich behal­ten und kann sich das erste Mal in ihrem Leben etwas kaufen. Da sie schon ihrem zukünftigen Mann treu ist, hat sie auch keine Männer­bekanntschaften. Es ist anzunehmen, dass dies auch mit ein Grund ist, dass sie sich mit der »Gnädigen« gut versteht. Ein Dienstmäd­chen, das kaum weggeht und keine Männerbekanntschaften sucht, ist eine »Perle«.

Obwohl es ihr hier zum ersten Mal in ihrem Leben gut geht, verlässt sie diese Stelle und Wien und geht wieder zurück. Der Grund ist ihr zukünftiger Mann – sie erzählt:

„Sein Bruder hat mir geschrieben, ich soll nach Hause kommen, er fallt immer zusammen. Er kommt von der Arbeit nach Hause, und nach dem Essen starrt er so lange auf mein Foto bis er zusam­menfallt …“

Sie geht zurück und wird wieder von der Stiefmutter schikaniert. Im Frühjahr 1928 kommt ihr erstes Kind zur Welt, und im darauf ­folgenden September heiraten sie. Sie ziehen in eine eigene Wohnung. 1929 kommt bereits das zweite und 1930 das dritte Kind. Im gleichen Jahr wird ihr Mann arbeitslos. Sie ist diejenige, die jetzt für die Familie sorgt. Sie geht wieder putzen – sie putzt in Schulen, im Theater, sie wäscht die Wäsche für andere, sie hilft den Bauern am Feld, gleichzeitig hilft sie noch ihrem Mann im Wald beim Stock­graben, um Holz zum Einheizen zu haben. Dass ihr Mann zwar die Kinder beaufsichtigt, aber nicht kocht, keine Windeln wäscht, fin­det sie selbstverständlich – »das hat es damals nicht gegeben«. Die Stärke dieser Frau wird hier zum ersten Mal sichtbar – sie ist es, die die Familie durchbringt. Von 1930 bis 1939 ist ihr Mann arbeitslos, und sie ist diejenige, die ihrem Mann Mut macht – sie erzählt:

„Er hat immer zu mir gesagt, wenn du nicht singst, dann pfeifst du, und wenn du nicht pfeifst, dann singst du. Wo nimmst du nur diese Kraft und Fröhlichkeit her? Er war halt immer schwermütig…“

In dieser Zeit der Arbeitslosigkeit kaufen sie sich mit zum Teil geliehenem Geld einen Baugrund und fangen an, ein Haus zu bau­en. Im Jahre 1935 ist das Haus fertig, und im Jahr 1939 – ein wei­terer scheinbarer Lichtblick – bekommt ihr Mann Arbeit. Doch be­reits ein Jahr später, 1940, wird er eingezogen. 1944 ist er das letzte Mal zu Hause, kurz darauf kommt er in Kriegsgefangenschaft. Am 3. März 1945 stirbt er in Gefangenschaft. Sie erfährt es erst ein Jahr später durch einen seiner Kameraden — bis dahin hat sie auf seine Heimkehr gehofft. Mit 37 Jahren ist sie Witwe, ihre Kinder sind 18, 17 und 16 Jahre alt.

Ihr Weltbild ist Strenge, Sauberkeit und Ordentlichkeit. So er­zieht sie auch ihr erstes Enkelkind, eine Enkeltochter, die 1950 zur Welt kommt. Erst im Alter wird es ihr möglich sein, diese Stren­ge zu mildern, ihre Enkeltochter in den Arm zu nehmen. Die alte Frau und die Enkeltochter rücken heute näher zusammen. Sie sind einander näher als Mutter und Tochter. Die Stärke der Alten ist zur Stärke der Jüngeren geworden, etwas, das sie verbindet. Sie erzählt ihrer Enkeltochter:

„Ich bin nie allein, denn links von mir ist mein Mann und rechts meine Mutter, sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“

(Fotos und Feldpostbriefe aus Privatbesitz Monika Krampl)

Aus der Geschichte lernen

Was können wir aus matriarchalen Gesellschaften lernen?

Eine Bereicherung für Frauen und Männer gleichermaßen – Leben in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute.

Vor zwei Tagen habe ich unter dem Titel „Über unser aller unterschätztes Erfahrungswissen“ geschrieben:

„Erst wenn Frauen mehr als ein Frauenbild kennen lernen …

Erst wenn Männer mehr als ein Männerbild kennen lernen …

Erst wenn Menschen mehr als eine Liebes- und Beziehungsform kennen lernen …

haben sie eine echte Wahlmöglichkeit für die vielen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens, die es gibt und gegeben hat.“

2008 habe ich mir „Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften“, Band 1 und 2, von Irene Fleiss gekauft. Etwas hineingeschmökert habe ich sie in meiner Bibliothek abgelegt. Vor einigen Tagen – ich war auf der Suche nach etwas anderem – sind sie mir aufgefallen. Ich nahm sie heraus und bin seitdem nicht mehr herausgekommen. Zu wertvoll sind die Schätze in diesem Buch – jeder Satz ein Kleinod, das immer wieder gelesen und über das immer wieder nachgedacht werden will. Es gibt immer den richtigen Zeitpunkt ein Buch zu lesen – der Zeitpunkt für diese Bücher ist Jetzt.

Irene Fleiss entwirft ein komplexes Bild von matriarchalen Gesellschaften, um Wissen bereitzustellen für den dringend benötigten persönlichen und gesellschaftlichen Wandel im Zusammenleben der Geschlechter und Generationen und mit der Natur.

Ich kann mir vorstellen, dass viele bereits bei dem Titel der Bücher „Als alle Menschen Schwestern waren“ aufgehört haben zu lesen. Vor allem auch vielleicht Männer. Aber  bitte weiterlesen, es geht ja auch um euch – Lebens- und Liebesformen leben Frauen ja nicht allein (manche schon, aber nicht alle), sondern Frau & Mann gemeinsam. Für diejenigen, die weiterlesen, weil es ihr Interesse geweckt hat – freut mich das sehr. Es freut mich, weil ich die Bücher als Bereicherung empfinde. Eine Bereicherung und Erweiterung von Wissen über andere Lebens- und Liebesformen als das Patriarchat, über das manche den Mythos verbreiten, es sei immer schon dagewesen und sei die einzig mögliche Form zu leben. Nein, ist es nicht. Abgesehen davon wird auch ein weiterer Mythos korrigiert, – dass Matriarchate seitenverkehrte Patriarchate seien. Ihr wärt überrascht, in wie vielen Ländern der Erde Matriarchate nachgewiesen werden können. Ich war es auch. Und heute noch gibt es in versteckten Eckchen auf unserer Erde Matriarchate. In der letzten Zeit hat es im TV einige Dokumentationen über diese Matriarchate gegeben.

Eindrückliche Erlebnisse für mich waren Symposien, bei denen ich Frauen aus noch bestehenden Matriarchaten kennen lernen durfte. Aus Juchitán, die mexikanische Sängerin und Fotografin Marta Toledo. Sie ist Angehörige des Volkes der Zapoteken, einer der ältesten indigenen Ethnien Mexikos. Martha Toledo lebt in Juchitán und in Oaxaca (der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Sie singt auf zapotekisch und spanisch. Mit ihren Liedern erzählt sie über ihr Leben als zapotekische Frau und als Angehörige der matriarchalen Gesellschaft von Juchitán.

Weiters Frauen vom Volk der Mosuo. Im Süden von China, rund um den Lugu-See, lebt das Volk der Mosuo. Die Mosuo sind bekannt für ihr harmonisches Zusammenleben. Es gibt keine Gewalt, keine Eifersucht, keinen Krieg. Gegensätze wie ‚arm‘ und ‚reich‘ kennen sie nicht und das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben richtet sich nach der Lebenswelt der Frauen und Kinder.

Die Frauen aus den lebendigen Matriarchaten kennen gelernt zu haben, ihr „würdiges“ Auftreten mit einem Selbstverständnis des Frauseins gesehen zu haben – dafür bin ich unendlich dankbar.

Irene Fleiss schreibt:

„Ich wende mich in erster Linie an Frauen und schreibe über Weiblichkeit und das Leben von Frauen in matriarchalen Gesellschaften, weil dort die Frauen im Mittelpunkt standen (nicht, weil ich – abgedroschene Unterstellung – etwas gegen Männer hätte). Außerdem gibt es genügend Bücher über die Befindlichkeit von Männern, auch wenn sie überwiegend von Frauen, den unbezahlten Therapeutinnen, gelesen werden.“

Eine Versöhnung der Geschlechter / ein Aufbau von Vertrauensgemeinschaften  ist höchst notwendig, und das scheint mir mit matriarchalen Lebens- und Liebesformen besser zu gelingen. Mit dem Patriarchat hat’s jedenfalls nicht geklappt. Im Gegenteil. Es brachte und bringt viel Leid, Schmerz und Unrecht über die Menschheit und die Erde.

Zurück zur Vielfalt und Fundiertheit des Buches, das mich fasziniert und begeistert – aber das werdet ihr schon gemerkt haben, oder?

Aus dem Vorwort:

„Die Autorin Irene Fleiss aus Wien öffnet mit ihrem Werk unsere Augen für die Vielfalt matriarchaler Gesellschaftsformen und ihre Grundlagen von der fernen Vergangenheit bis in unsere Gegenwart, die sie alle mit einem breigefächerten Foschungs- und Wissensfundamt von gut 500 Veröffentlichungen von fast 350 AutorInnen aus aller Welt untermauert, die ihr in deutscher Sprache und Übersetzungen zugänglich waren.

Herausgekommen ist ein facettenreiches Bild matriarchalen Lebens, weit entfernt jedweden Versuchs, die Einheitlichkeit eines Wunschbilds zu präsentieren, nach dem alle matriarchlen Gesellschaften den Idealtypus menschlichen Zusammenlebens verkörpern müssten. Und es ist dennoch nah genug, um zu erkennen, dass matriarchale Gesellschaften gestern und heute vom Respekt allem Lebendigen gegenüber geprägt waren und noch sind, in denen Frauen eine starke Position hatten/haben.“

Zur Autorin:

Irene Fleiss, 1958 – 2008, österreichische Gender- und Matriarchatsforscherin, Schriftstellerin.

Als ich ihr Geburtsdatum sah, freute ich mich – acht Jahre jünger als ich. Und ich wollte ihr meine Wertschätzung, Respekt und Freude über ihre Bücher mitteilen. Dann las ich, sie starb bereits 2008, kurz vor ihrem 50. Geburtstag an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Ich werde ihr meinen Respekt erweisen, in dem ich sicher sehr oft aus ihrem wertvollen Opus Magnum zitieren werde.

Die Bücher von Irene Fleiss:

Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften, Band 1, 2006, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Als alle Menschen Schwestern waren. Weiblichkeit in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute, Band 2, 2007, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Weitere Bücher:

Veronika Bennholdt-Thomsen, Mechhild Müser, Cornelia Suhan: FrauenWirtschaft. Juchitán – Mexikos Stadt der Frauen. Verlag Frederking & Thaler, München 2000.

Yang Erche Namu, Christine Mathieu: Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört, Ullstein Verlag

Foto:

Martha Toledo

Erzählung über ein Frauenleben im Jahr 1966

Zwei ihrer Freundinnen hatten bereits einen festen Freund. Die Mädchen  waren sechzehn Jahre alt. Der eine Freund war ein Herr Inschenör, der andere ein Herr Diplominschenör. Das war damals etwas. Beide Mütter waren sehr stolz, dass ihre Töchter als Erste unter der Haube waren. Als wäre es ein Wettbewerb. Es war ein Wettbewerb.

Nun stand auch bei ihr der Herr Inschenör vor der Tür. Die jungen Männer, nicht viel älter als die jungen Frauen, waren die „Herren“ und die Mädchen waren die „Fräuleins“.

Jetzt im Rückblick müsste man sich fragen, wo damals die vielen Inschenöre her kamen.  Ihre Mutter war dagegen. Sie sagte, erst machst du eine vernünftige Ausbildung. Das war vernünftig. Jedoch, die Ausbildung bestimmte ihre Mutter. Das war leider unvernünftig, denn es war nicht das was sie wollte. Das kümmerte die Mutter allerdings nicht. Sie schon. Sie war sehr bekümmert. Jedoch keine Revolte in Sicht. Sie war und blieb ein braves Mädchen.

Die Mutter sagte „du heiratest einen braven Arbeiter. Mehr brauchen wir nicht“. Womit sie keineswegs einverstanden war, und schon gar nicht mit dem „wir“. Mit der Zeit stellte sich heraus, – aber da greifen wir jetzt vor, schließlich kennen wir ja die Zukunft -, dass die Arbeiter-Männer ihrer Freundinnen alles andere als brav waren, die Inschenöre aber auch nicht. Aber das stand alles nicht zur Debatte – weder bei den Müttern noch bei den Töchtern – verheiratet war eben verheiratet.

Zurück zu ihrem Inschenör, den ihre Mutter nicht wollte. Sie auch nicht, war sie doch bereits in einen anderen verliebt. Trotzdem ließ sie sich von ihm küssen. Was hätte sie auch tun sollen, wenn er sie in den Arm nahm und sie küsste. Sich wehren kam ihr – und damals allen Mädchen – nicht in den Sinn. Ließen sie sich doch wehrlos und kraftlos in die starken Arme sinken, so wie sie das in den Filmen gesehen hatten. Nun hatte der Herr Inschenör aber Mundgeruch. Einen Mundgeruch, dass ihr schlecht wurde, ja, dass sie fast am speiben war, wenn er sie küsste. Wehrte sie sich?  Nein! Sie ließ es über sich ergehen. Bei zwei Treffen. Das dritte Treffen lehnte sie ab, – mit dem guten Grund, den ihr ihre Mutter mit deren Ablehnung lieferte, – sie wolle das nicht. Dass sie selbst ablehnen könnte, kam ihr nicht in den Sinn. Und auch ihren Freundinnen nicht. Nur alleine der Wille der jungen Männer zählte. Ein ablehnendes junges Mädchen – da ging eher ein Kamel durchs Nadelöhr. Und schon gar nicht sagte man ihm, dass er Mundgeruch habe. Da hätte sie sich ja geschämt. Ja, sie – und nicht er! So war das damals. Alles war sehr schambesetzt und von außen bestimmt. Für vieles hatten sie keine Worte – weder für die Ablehnung noch für alles was mit „da unten“ zu tun hatte. Und wenn sie Glück hatten – sie hatte das Glück, viele nicht – war das erste Mal mit „da unten“ schön.

Sie heiratete dann doch bereits mit achtzehn Jahren. Und doch einen Arbeiter, aber sie liebte ihn. Als sie sich mit dreiundzwanzig Jahren scheiden ließ, begann ihre Revolution. Es rumorte gewaltig in ihr. Alles, was man sie glauben ließ und an das sie geglaubt hatte, war mit einem Schlag zusammengebrochen.

Bis dahin hatte sie bereits einige Rollen hinter sich – vom willfährigen Mädchen, – ich, die Erzählerin, habe das Wort „willfährig“ mit Absicht gewählt, bedeutet es doch „ohne Bedenken, in würdeloser Weise bereit, zu tun, was ein anderer von einem fordert“ – denn so war es – in der  Erziehung zur Frau wurde ihnen allen die Würde genommen;  zur hingebungsvollen Ehefrau und Mutter, zur wilden Discoqueen und zur Radikalfeministin. Die Revolution und der Ausbruch aus der vorbestimmten Frauenrolle kamen spät. Aber doch. Sehr zum Entsetzen ihrer Mutter, ihrer Ehefrauen-Freundinnen, und den Männern, denen sie dann zeigte „wo der Bartel den Most herholt“ – in Übersetzung „ sie bestimmte unmissverständlich wo’s langgeht …

Wie es weiter ging? Da kommen noch viele andere Rollen, die sie aber ganz bewusst für sich wählte – und dies wären schon wieder andere Geschichten …

Meine LebensGärten

Eine Erinnerung an meine LebensGärten …

Monika Chandana Krampl

003In einer meiner schlaflosen Nächte besuchte ich meine verschiedenen LebensGärten.

Und wieder einmal war ich überrascht. Überrascht, in wie vielen Gärten ich zu Hause war. Verwurzelt. Wie leicht es mir fiel, meine Wurzeln aus der Erde zu ziehen und wieder neu einzuwurzeln. Der Dünger war Veränderungsbereitschaft.

Meine Schlafhöhle inmitten meiner Bücher schenkt mit nicht nur Geborgenheit, sie ist auch sehr praktisch. Ich drehe mich zur Seite und habe mit einem Griff drei Bücher über Gärten zur Hand. Wenn ich nachts aufwache, brauche ich nur meine Hand auszustrecken und habe das jeweils passende Buch.

Die Verbindung Garten und Bücher – Hand in Hand – von Beginn meines Lebens an.

In der Erzählung „Gartenkind“ schrieb ich: „Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.“ Zu der Zeit saß ich in der Astgabel…

Ursprünglichen Post anzeigen 990 weitere Wörter

Ich habe mich neu geboren. Ich habe die Alte Frau zur Welt gebracht.

Ich kann euch sagen, – das war ein langer Geburtsprozess.

Lange habe ich mich gewehrt. Ich wollte sie nicht.

Ich wollte sie nicht zur Welt bringen, diese Alte.

Doch dann – erst vor kurzem – kam das Kleine Ich wieder in mein Leben.

Alle, die die Erzählung „Die Alte Kaiserin und das Kleine Ich“ gelesen haben, werden sie kennen. Die kleine Lustige mit dem Pferdeschwanz, die mich an den Ohren zupft und ihr Liedchen trällert.

Auch gegen sie habe ich mich lange gewehrt.

Bin ich doch eine bockige Steinziege, die die Hörner senkt und mit dem Kopf durch die Wand will. Das war manchmal sehr anstrengend, aber auch sehr lustig.

Nun ja. Zurück an den Anfang.

Es war einmal …

Die Wechseljahre kamen sehr spät. Mit 52 Jahren begann es zu wirbeln in meinem Leben. Im Herbst 2018 brachte ich ein Buch heraus mit Erzählungen und Gedichten, die im Zeitraum zwischen meinem 57. und  meinem 67. Lebensjahr entstanden sind. Das Buch hat den Titel „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“. In diesem Buch klagte und jammerte ich über das Älterwerden. Nicht nur, aber auch. Es war ein Jammer in mir. Nicht nur – es gibt auch Erzählungen und Gedichte über meine Kindheit / meine Lieben / die Jahreszeiten / Veränderung / die Stille etc.

Über zwei Jahre sind seither ins Land gegangen.

Und der Fluss des Lebens fließt – ihr wisst schon – Panta Rhei …

„Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“

(Heraklit)

In diesen zwei Jahren, also schon vor Corona, lebte ich sehr zurückgezogen. Wobei mir die Corona-Zeit sehr entgegen kommt. Ich habe das Nachrichten hören und schauen sehr begrenzt. Ich nehme mir immer wieder Zeit, um mit meinem Mitgefühl bei den vielen Menschen zu sein, die um ihre Existenz kämpfen müssen, die Ängste haben und sich einsam fühlen. Jedoch ich genieße die zusätzliche Stille und Ruhe um mich sehr. Für mich und mit mir zu sein war und ist mir sehr wichtig.

Ich tauchte nochmals in meine tiefsten Tiefen und tauche jetzt auf wie neugeboren. Neugeboren als Alte Frau.

„ … wir sind es und wir sind es nicht“

Mir ist die Akzeptanz des Veränderungsprozesses des Altwerdens / Altseins / so wie ich es in meinem Buch beschrieben habe nicht leicht gefallen – die nachlassende Energie / die Veränderung meines Körpers / mein Ruhebedürfnis etc.

Habe ich damals noch sehr geklagt darüber, habe ich jetzt akzeptiert. Und mit dieser Akzeptanz fühle ich mich wie neugeboren.

Ich habe mir Zeit gelassen und lasse mir weiter Zeit.

Manche Menschen – insbesondere Frauen – blühen im Alter erst so richtig auf und machen und tun was sie vielleicht ihr ganzes Leben lang nicht getan haben. Ich sehe das und freue mich mit ihnen und für sie. Ich hingegen habe so viel gemacht und getan, – mir viele Wünsche und Abenteuer immer sofort erfüllt, so dass ich Schwierigkeiten hatte, mir Ruhe zu gönnen. Ich war immer unterwegs. Im Außen sowohl wie im Inneren. Viele Lieben / neue Berufsausbildungen / viele Wohnsitze / viele Reisen / viele Abenteuer. Nun erlaube ich mir – Ruhe.

Ich sitze hier an meinem Schreibtisch und schaue in den Garten – und freue mich täglich, wenn am Vormittag zwei Eichhörnchen aus Nachbars Garten wie Primaballerinas über den Gartenzaun tänzeln und sich von der Wiese unter dem Nussbaum Nüsse holen.

An meinem Geburtstag vor ein paar Tagen freute ich mich über das Geburtstagsgeschenk des stillen Schneefalls. Die Alte Frau nimmt das Kleine Ich an der Hand und tänzelt mit ihr über die schneebedeckte Wiese. Die Eichhörnchen am Gartenzaun, die Raben auf dem großen Nussbaum, die Katzen an der Hausmauer – sie steigen nur ungern mit ihren Pfoten in den Schnee, und der Hund im warmen hinter der Terrassentür – schauen zu.

Seit heute Morgen denke ich über das Wort „Selbstgenügsamkeit“ nach. Und über das „genug ist genug“ lande ich auch bei der „Langsamkeit“.

Selbstgenügsamkeit – ich lasse mir immer wieder das Wort auf der Zunge zergehen. Es schmeckt irgendwie so gut. Von sich selbst genügen – mit einer Wertschätzung für das eigene Leben – bis zur Genügsamkeit im Außen – ein warmes Haus / gutes Essen / sauberes Trinkwasser / Kleidung – und für ein warmes Herz und Seele gute Beziehungen.

Das genügt. Das reicht, um reich zu sein.  

Langsamkeit – für manche mag es ein langweiliges Leben scheinen.

Das hätte meine Reisende und feurige Liebhaberin früher sicher auch gedacht. Für die Alte Frau heute bedeutet es, nach einem langen Leben des Herumziehens und immer wieder woanders sein wollen, – immer wieder planen und realisieren / dorthin und dahin – eine Reisende – immer unterwegs – jetzt: ein Einwurzeln und Zufriedenheit.

Die Alte Frau ist noch etwas erschöpft von der Geburt. Doch das Kleine Ich sorgt für sie und umsorgt sie.

Wer steht jetzt auf und macht eine Tasse Tee?

Das Kleine Ich oder die Alte Frau?

Die Reisende meldet sich aus dem Hintergrund – „und, wie wär’s mit einem guten Glas Rotwein? Gibt es das nicht mehr, du Langweilerin?“

„Halt die Klappe!“ sagt die Alte Frau – „jetzt gibt es erst einmal Tee und dann sehen wir weiter …“ und sie zwinkert der Reisenden zu, die sich zufrieden auf ihren Rucksack zurücksinken lässt und ein Nickerchen macht …

Und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute …

So heißt es doch am Ende einer Geschichte, oder …

Und damit ihr seht, dass es nicht gar so langweilig ist im Leben der Alten Frau, zwei Gedichte über das mehr als ein Wiedersehen im Herbst 2019 mit ihrem Lieblings-Ex-Lebensgefährten.

Ein Augenblick Fremdheit

Ein Fremder unter Fremden

einen Herzschlag lang braucht es

um dich zu erkennen

Einen Herzschlag lang braucht es

bis die Liebe aus ihrem Schlaf

erwacht

Einen Herzschlag lang braucht es

bis meine Haut sich an deine Hände

erinnert

Einen Herzschlag lang braucht es

bis mein Mund den deinen

findet

Viele Herzschläge lang braucht es

um zu erzählen

was wir gewesen sind

Du und ich

im geheimen Raum unserer Blicke

Ich ziehe meine Schuhe aus

und laufe zu dir

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Damals

Verliebt habe ich mich

in einen schwarzhaarigen Dichter

mit lockigem Haar

von schlanker Figur

damals

Heute kommt ein

älterer Mann mit

kurzem grauem Haar

auf mich zu

schlank und rank noch immer

Die Dichterseele schläft

irgendwo tief drinnen

wo Dichterseelen schlafen

Erkennen wir uns?

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LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …

https://shop.falter.at/detail/9783990708866

Die Alte Kaiserin und das Kleine Ich

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/12/26/eine-weihnachtsgeschichte-die-alte-kaiserin-und-das-kleine-ich/

Bild: Geburtstagsgeschenk von Uschy Pip