Die Geschichte vom Smartphone wieder zurück zum Handy

Ich habe mich wieder einmal verführen lassen.

In früheren Jahren ist mir das oft passiert.

Jetzt immer weniger.

Doch manchmal schon.

Werden die Gelegenheiten weniger?

Oder bin ich aufmerksamer geworden?

 

Auf jeden Fall.

Es ist wieder einmal passiert.

 

Bei Vertragsverlängerung mit meinem Handybetreiber besteht die Möglichkeit, ein kostenfreies neues Smartphone oder Handy zu bekommen.

Das habe ich sehr selten genützt.

Mein Handy hatte ich immer so lange, bis es kaputt war.

 

Vor zwei Jahren habe ich bei Vertragsverlängerung mein Handy gegen ein Smartphone eingetauscht. Entgegen meiner Abneigung gegen Smarphones, weil ich die umfangreichen Möglichkeiten des Smartphones eigentlich nicht brauche. Trotzdem. In meinem Freundeskreis habe ich gesehen, welch schöne Fotos alle gemacht haben. Und obwohl ich auch nicht viel fotografiere, wollte ich das auch.

 

Ich habe mich verführen lassen.

Obwohl ich wusste, das brauche ich alles nicht, wollte ich es auch haben.

Weil es ja so leicht ist, es zu bekommen und weil es andere auch haben.

Ja, so funktioniert Marktwirtschaft.

 

Meine geplante Reise nach Triest stand bevor und ich freute mich auf die Fotos, mit denen ich die Orte, die ich zu besuchen gedachte, dokumentieren wollte.

Ich wollte die Cafeès besuchen, in denen sich die Schriftsteller und Dichter aufhielten – James Joyce, der am Ponte Rosso über dem Canal Grande in Bronze herumsteht; Italo Svevo; Umberto Saba, der das kleine Antiquariat in der Via San Nicolò gegründet hat; und Claudio Magris, in seinem Wohn- und Arbeitszimmer, dem Caffè San Marco.

Ich wollte durch die Stadt flanieren, auf der Piazza dell’Unità sitzen, und am Abend am Meer in den Sonnenuntergang schauen.

All dies und noch viel mehr in dieser wunderschönen Stadt zwischen den grünen Höhen des Karst und der sanftblauen Meeresbucht mit ihrer u.a. auch österreichischen Vergangenheit, wollte ich fotografieren. Ich machte 300 Fotos. Und obwohl ich mir auch Zeit zum Schauen ließ, war mir immer bewusst, dass ich ohne mein Smartphone nicht so viele Fotos gemacht hätte. Ich hatte auch meinen kleinen digitalen Fotoapparat mit, und machte auch mit diesem einige Fotos. Nicht viele.

Doch dann kam alles anders.

Ich schaffte es nicht, die Fotos vom Smartphone auf meinen Laptop zu bekommen, deshalb rief ich meinen Computermann zu Hilfe.

Er kam.

Und er hatte wenig Zeit.

Die Übertragung war am Laufen.

Er fragte, ob er die Fotos am Smartphone löschen soll, ich sagte ja.

Er drückte auf Löschen.

Weg war er.

Und weg waren auch die Fotos.

Denn die Übertragung lief noch, als er auf Löschen drückte.

Die Fotos waren noch nicht am Computer und nicht mehr am Smartphone.

Sie waren weg.

Verschwunden in den Weiten des Universums.

Ich war wütend.

Sehr wütend und traurig.

 

Das sowieso schon ungeliebte Smartphone wurde mir noch unbeliebter.

Ich machte keine Fotos mehr und benutzte meinen Fotoapparat.

 

Und damit entdeckte ich dann wieder, was ich eigentlich die ganze Zeit gewusst hatte, dass ich ja gar nicht so viel fotografieren möchte.

Dass ich viel lieber schaue und nicht dauernd an Fotos denken möchte.

 

Und ansonsten?

Ich möchte keine dauernde Internetverbindung.

Außer dem Navi hatte ich nichts aktiviert.

Und auch das Navi brauche ich nicht. Wenn ich nicht weiter weiß, habe ich meinen Stadtplan, meine Straßenkarte. Ja, ich weiß, das ist altmodisch, aber ich liebe es Karten zu lesen. Und – ich mag es auch, in Kontakt mit Menschen zu kommen, wenn ich nach dem Weg frage.

Ich möchte wenn ich unterwegs bin, weder andauernd auf meine fb-Seite schauen, noch über Whatsapp erreichbar sein.

Ich möchte meine Internetpräsenz reduzieren und nicht erweitern.

 

Wozu benutze ich mein Handy?

Ich telefoniere. Nicht viel

Ich schreibe SMS. Nicht viele.

Das war’s schon.

 

Mein Smartphone war mir auch zu groß. Ich konnte es nicht einfach in eine Jacken- oder Hosentasche stecken. Es war zu unhandlich.

Und all das, was es kann, brauche ich nicht.

Ich nutze es nicht.

 

Und deshalb habe ich mein Smartphone gegen ein kleines Handy eingetauscht.

Und fotografieren – wenn ich überhaupt fotografiere – tue ich wieder mit meiner kleinen Kamera.

 

Ich bin froh!

Und erleichtert – im wahrsten Sinn des Wortes!

 

Und die Moral von der Geschicht’:

Es gibt so vieles, das ich nicht brauche.

Und – beginnt damit nicht auch Umweltschutz?

Mit der Aufmerksamkeit darauf, was ich alles nicht brauche …

 

Aus meinen „Triest-Impressionen“:

„Jeden Abend sitze ich gute zwei Stunden oder mehr auf der Mole und schaue.

Ins Meer, den sich verändernden Himmel und die Sonne.

Wie habe ich mich gefreut, dass es da noch andere gibt, die ebenfalls sitzen und warten – auf den Sonnenuntergang. Nicht zu viele. Das wäre auch wieder störend, wenn da plötzlich Massen auftauchen würden. Aber doch einige – eine Hand voll. Wir alle halten unsere Smartphones in der Hand. Ein Fotoapparat ist ja schon fast ein Anachronismus. Obwohl man ihn hin und wieder noch sieht. Misstrauisch beäugt – hauptsächlich von sehr jungen Menschen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was das ist.

Also – Smartphone. Ich halte es auch in der Hand. Aber die – die anderen – schauen darauf. Unentwegt. Nur manchmal machen sie einen Blick darüber hinaus um zu sehen, wie weit sie denn ist – die Sonne, mit dem Untergehen. Und ich denke mir, vielleicht schau ich die ganze Zeit umsonst. Vielleicht gibt es den ultimativen Augenblick der alle Augenblicke inkludiert. Vielleicht wissen die das. Und ich nicht. Ich hätte sie fragen sollen.

(…)“

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/06/03/triest-impressionen/

 

Werbeanzeigen

Nachdenklichkeiten über unseren Stadtteil, Veränderungen, Ängste, Zugezogene, Kastensysteme …

001

Ich wuchs im Stadtteil Wagram in St. Pölten auf und lebe jetzt auch wieder dort. Gegründet wurde dieser als Einfamlienhaussiedlung 1932 – 1938.

In meiner frühesten Kindheit gab es keine Gartenzäune zwischen den Häusern, und zur Straße hin eine Lebendhecke – zumeist Liguster. Die Haustüren waren immer offen.

Mit der Zeit kamen einfache Gitterzäune zwischen die Häuser, die Haustüren waren noch immer offen, auch wenn wir hinter dem Haus im Garten waren.

Dann wurden vor den Gitterzäunen zum Nachbarn Thujen gesetzt. Der Liguster zur Straße wurde entfernt, und auch hier wurden stabilere Zäune gebaut. Unser Zaun wurde mit einem  Natursteinplattensockel und einem Metallgitter gebaut. Die Gartentüren wurden zugesperrt, die Haustüren blieben noch immer offen. Das blieb lange Zeit so.

In den letzten Jahren kamen die Thujen raus und Sichtschutzwände zum Nachbarn wurden aufgestellt. Fenster wurden zum Teil vergittert. Die Haustüren werden zugesperrt. 

Jetzt werden auch straßenseitig Sichtschutzwände aufgestellt und Alarmanlagen eingebaut.

Obwohl die Menschen in den ersten Jahren der Nachkriegszeit traumatisiert waren, es auch viel Unsicherheit gab, gab es doch auch Vertrauen. Oder gab es diese Unbeschwertheit der offenen Türen, weil es in den Häusern nichts zu holen gab? Vielleicht von beidem etwas.

Jetzt wird in den Häusern immer wieder eingebrochen, erzählen sie, und die Menschen reagieren mit Angst und Verunsicherung. Gibt es doch jetzt einiges zu holen in den Häusern.

Die Menschen in der Siedlung teilen sich auf in die Generation meiner Mutter, geb. 1929 – wenige gibt es noch im Alter um die 90 Jahre. Dann folgt bereits meine Generation, geb. 1950 – zum Großteil sind sie nie von der Siedlung weggezogen und haben die Häuser ihrer Eltern übernommen, oder sie sind im Pensionsalter zurückgekommen, so wie ich auch. Und dann gibt es noch die Zugezogenen aller Altersstufen – junge Paare mit Kindern oder Pensionisten. Ist Wagram doch von einer Randsiedlung zu einem begehrten Wohnstadtteil von St. Pölten geworden – auch durch die Nähe zu dem Erholungsgebiet mit den zwei Badeseen und einem Naturschutzsee. Über die Zugezogenen, die die alten Häuser abreißen und Neue bauen, gibt es größtenteils Unmut. Müssen diese sich doch heute nicht mehr an die ehemaligen Bauvorschriften, dass neue Häuser in das Gesamtbild passen müssen, halten und stellen auch schon mal Betonburgen mit großen Terrassen im ersten Stock auf. Da hilft der ganze Sichtschutz des Nachbarn am Gartenzaun nichts mehr.

Wenn ich mit Menschen spreche, höre ich sehr viel an Ängsten. Angst vor Einbrüchen und vor Flüchtlingen und Asylanten, an die wenige Häuser vermietet werden. Bis jetzt kenne ich nur zwei Häuser, die an syrische Familien vermietet wurden. Sie pflegen diese Häuser und die Gärten genauso penibel wie ihre Nachbarn. Da sieht unser Garten wesentlich wilder aus. Zu Gesicht bekam ich sie selten. Sie fühlen sich nicht willkommen.

Als ich die Familie, die in unserer Straße wohnt, zum ersten Mal grüßte, waren sie misstrauisch, vorsichtig. Jetzt stürzen sie aus dem Haus, wenn sie mich sehen. Sie lachen und strahlen. Schön, welche Freude das macht – ihnen und mir.

Bei Mitbürger*innen aus dem Ausland muss ich immer an das Kastensystem in Indien denken. Denn auch hier, bei uns, gibt es ein Kastensystem. Und unsere Mitbürger*innen, aus welchem Land auch immer, sind eindeutig in der untersten Kaste – den Dalits oder Harijans. Diese Dalits dürfen mit den oberen Kasten nicht in Berührung kommen, sie dürfen nicht in ihre Häuser, nicht gemeinsam essen, nichts berühren, was den oberen Kasten gehört. Das ist erbärmlich – zum Erbarmen.

Wenn ich über das Kastensystem nachdenke erinnere ich mich an meine erste große Liebe. Er stammte aus dem „Dörfl“. In unserem Stadtteil gibt es einen Bereich, der offiziell „Im Dörfl“ heißt. Auch heute noch. In diesem Dörfl gab es sieben Bauernhöfe. Heute sind es nur mehr drei. Meine erste große Liebe, mein späterer erste Ehemann, stammte aus einem dieser Bauernhöfe. Er wurde kein Bauer, er machte eine Tischlerausbildung. Ich kam aus der Arbeitersiedlung. In meiner Familie waren auch keine Arbeiter mehr, sondern Angestellte. Und trotzdem hieß es von seiner Familie – nicht mit einem Arbeiterkind; und von meinen Eltern – nicht mit einem Bauernbuben. Klassenbewusstsein im Jahre 1965.

Zurück in die Jetzt-Zeit: Mit den Einbrüchen scheint es mir so zu sein wie mit der stillen Post. Mit jeder Person und jeder Nacherzählung werden es mehr.

Die Häuser sind zum Großteil renoviert und ausgebaut. Die Garagen sind in etwa so groß wie mein kleines Häuschen (ich habe mir im Garten meines Sohnes ein kleines Haus gebaut). Es gibt Gartenschwimmteiche oder überdachte Pool. Ich sehe, den Menschen geht es gut. Auf der materiellen Ebene. Ansonsten herrschen Unzufriedenheit und Ängste vor. Wenn ich auf Nachfrage sage, dass es mir gut gehe, schauen sie mich ungläubig an. Wie kann es einem gut gehen in so unsicheren Zeiten. Zumindest ein bisschen jammern und klagen. Zumindest über das Wetter. So soll’s sein.

Angst habe ich keine. Verunsicherung ja. Das merke ich so hie und da, wenn ich mir überlege ob ich meine Haustür versperren soll, wenn ich in den Garten hinter dem Haus gehe. Und es gefällt mir gar nicht. Nein, es gefällt mir nicht. Nimmt mir dies doch meine Unbeschwertheit – meine Freiheit.

Ich möchte weiterhin mit Unbeschwertheit in der Welt sein – ob in meinem Haus und Garten oder unterwegs – und ich übe. Verlustangst um mein Hab und Gut habe ich keine, habe ich mich doch in den letzten Jahren von vielen materiellen Dingen getrennt. Und ich weiß, ich kann auch ohne diesen Besitz leben. Angst vor Verlust meines Lebens, weil ich mich weiter uneingeschränkt in der Welt bewege? Nun, ich habe schon viel gute Jahre gelebt. Sollte es so sein, dass ich mein Leben verliere, dann ist es so.

Und nur so kann ich mich angstfrei, unbeschwert und voll Vertrauen in meiner Welt bewegen.

Wie geschrieben – ich übe. Dies ist ein Zustand, der nicht immer hundertprozentig da bleibt. Um ihn zu stabilisieren ist es immer wieder notwendig, nicht andauernd alle schlechten Nachrichten zu konsumieren, sondern sich auf die guten Nachrichten zu konzentrieren.

Und – Achtsamkeit auf die eigenen Gedanken und das eigene Tun.

Geschichte über die Entstehung:

In den Jahren 1932 bis 1938 entstand am Ostrand Wagrams in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde und der bis heute bestehenden „Allgemeinen gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft St. Pölten“ nach Plänen des Architekten Rudolf Wondracek die sogenannte (Stadt-)Randsieldung. Meine Großeltern begannen 1936 mit dem Hausbau.

Ab Oktober 1935 als „Dollfuß-Siedlung“ bezeichnet, wurde sie nach dem Anschluss 1938 in Dietrich-Eckhart-Siedlung „umbenannt.

Schließlich erhielt die Siedlung in der Nachkriegeszeit die Benennung „Hubert Schnofl-Siedlung“ – zur Erinnerung an den von 1919 bis 1933 amtierenden sozialdemokratischen St. Pöltner Bürgermeister.

Foto: Häuser 1935

 

 

Eine Buchempfehlung: „Om Oida! Yoga ohne Maskerade.“

cover_omoida

Bei meinem Besuch im Verlagsbüro von Andrea Schiffer – sie hat den wunderbaren Verlag  https://www.verlag-punktgenau.at gegründet – habe ich das Buch von Eva Karel „Om, Oida!“ entdeckt.

Der flapsige Titel hat mich neugierig gemacht.

Und – die Neugier hat sich ausgezahlt. Ich habe schon lange nicht mehr ein so persönlich-ehrliches, gescheites und informatives Buch über Yoga gelesen. Ein Buch, das den Zwang und Druck raus nimmt – den Druck, der viele Menschen dazu führt, dann überhaupt kein Yoga zu machen.

Wenn Leichtigkeit verloren geht, geht auch die Freude verloren!

Im Dezember 2017 habe ich in meinem Blog den Beitrag „Meditation Alltagstauglich“ veröffentlicht. Ich habe u.a. geschrieben: „Wenn Du glaubst, dass Du eine Yogamatte, einen Sitzpolster, eine Kerze, Räucherstäbchen, etc., brauchst, um meditieren zu können, schränkst Du Dich sehr ein. Du wirst dann wahrscheinlich nicht sehr oft meditieren. Zumindest nicht so oft, wie geplant. …“ 

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/12/27/meditation-alltagstauglich/

Eva Karel: „Gute Neuigkeiten: Wir müssen uns gar nicht so plagen und schicke Yogahosen brauchen wir auch keine … auch keine Räucherstäbchenschwaden …“

Aus ihrem Vorwort: „Ihr habt hier ein höchst subjektives Werk in Händen, das sich an meiner eigenen Berg- und Talfahrt von der essgestörten spirituellen Sinnsucherin und angehenden buddhistischen Nonne über die eisern übende Iyengar-Yoganovizin hin zur immer wieder gern Wein schlürfenden Zweifachmama entlanghangelt. Um nichts in der Welt möchte ich meinen Weg missen. Aber euch würde ich so gern vor dem Maß an Zwanghaftigkeit und auch ungewollter Oberflächlichkeit bewahren, das euch potenziell winkt, wenn ihr in die aktuelle Yogaszene eintaucht.“

Ein äußerst erfrischendes und entspannendes Buch, das mich immer wieder lächeln lässt, weil sich unsere Erfahrungen so gleichen. Auch ich wollte eine buddhistische Nonne werden und war einige Zeit in einem Kloster in Sri Lanka. Auch ich habe einige Berg- und Talfahrten hinter mir und möchte sie um nichts in der Welt missen. Vor ewigen Zeiten habe ich eine Yogalehrerinnen-Ausbildung beim Berufsverband der Deutschen YogalehrerInnen begonnen und abgebrochen. Es gab verschiedene Gründe für den Abbruch – einer mag auch sein, dass ich mit Zwanghaftigkeit versuchte, möglichst perfekt zu sein. Meine Entspanntheit im Tun und die Freude ging verloren. 

Jetzt – unregelmäßig praktizierend, je nach Lust und Laune – erinnert sich mein Körper sofort an die Asanas und mein Atem stimmt sich ein. Die Asanas sind nicht perfekt – doch die Freude und Entspanntheit im Tun ist wieder da!

Nun noch konkret zum Buch: Karel verortet Yoga philosophisch, erzählt über moralische und ethische Grundlagen, über Körperübungen und Pranayamas (Atemübungen), Dhyana (Meditation), und zuletzt gibt es noch Übungen, die bei der Etablierung einer persönlichen Yogapraxis helfen können.

Äußerst empfehlenswert!

https://evakarel.at/buch-om-oida/

 

 

Wenn die unzählbaren Tage Vergangenheit und die zählbaren Tage Zukunft sind, wird jeder Tag zu einem kostbaren Tag

001

Vieles gibt es zu akzeptieren mit dem Altwerden

Jeden Tag aufs Neue

Kein Hadern mehr – hätte ich doch …

Akzeptieren von dem was war

Akzeptieren von dem was ist

Ursache und Wirkung

Das ist das Leben

 

Den Blick nicht mehr auf die Zukunft ausrichten

Den Blick auf den Tag richten

Täglich

Die Zeit, die weniger wird

Täglich

 

Ich kann gehen / ich kann Rad fahren

Ich kann schwimmen im See

Ich kann mich bewegen ohne Schmerzen

Ich kann lieben – immer mehr

Ich bin zornig – immer weniger

Ich lerne Demut

Ich kann den Tag leben /erleben so wie ich das möchte

Ich lebe

Täglich

 

Das Leben genießen

Die Sonne / die Hitze

Den Regen / den Sturm

Mich in die Sonne legen

Mich in den Sturm stellen

Spüren mit allen Sinnen

 

Das Innerste nach Außen kehren

Das Äußerste nach Innen

 

Samtiges Seewasser auf der Haut

Ein Fisch springt aus dem Wasser

Eine Ente schüttelt das Seewasser

Von ihrem schimmernden Federkleid

Wassertropfen auf der Haut

Die im Sonnenlicht glitzern

 

Blauäugige Träumerin

Die glaubte

Früher einmal

Dass es immer so weitergeht

Gedanken der unzählbaren Zeit

Blauäugige Träumerin

Die glaubte

Früher einmal

Dass es reicht

Zu wünschen

Und übersah

Dass der Boden bereitet werden muss

Für die Wünsche / die Träume

Die richtige Lage

Die passende Erde

Sonne oder Schatten

Für die Pflanze Traum

Dass sie mit Vorsicht und Umsicht

Eingepflanzt

Gehegt und gepflegt

Bewässert und gestützt

Werden muss

Um zu wachsen

Träumen alleine reicht nicht

 

Ausgeträumt

So manchen Traum vom Altsein

 

Doch kein Hadern mehr – hätte ich doch …

Akzeptieren von dem was war

Akzeptieren von dem was ist

Ursache und Wirkung

Ankommen im Altsein

Täglich

 

Text und Zeichnung: M.K., 15 08 2018

 

 

Über den Tod und das Sterben

007.JPG

Eine Kurzerzählung von mir und zwei Gedichte von Grace Paley, die immer wieder über die Tabuthemen Alter, Tod und Sterben geschrieben hat.

(Grace Paley, 1922 – 2007, Schriftstellerin)

Mutter

Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist zu sterben, Mutter.

Ich wüsste zu gern, ob du dich noch erinnerst an mich. Oder ob es dich nicht mehr gibt. Ich erinnere mich an deine Angst zu sterben. Deine Augen angstgeweitet auf mich geheftet, als ob ich dir eine Antwort geben könnte. Als ob ich es wüsste. Ich weiß es nicht, Mutter. Ich sehe deine wunderschönen Hände, suchend auf der Decke. Deine kalten Hände, die am Ende keinen Druck mehr erwiderten. Ich versuchte sie mit meinen Händen zu wärmen. Ich höre deine rasselnden Atemzüge – jeder Atemzug so mühsam.  Ich weiß, wie sich dein kleiner Körper anfühlte, als du nicht mehr hier im Leben warst.

Immer wieder hast du über Nahtoderfahrungen gelesen.

Bist du durch den Tunnel ins Licht gegangen?

Bist du mit deinem Mann und deiner Mutter auf der Blumenwiese und jeder Groll, jede Angst hat sich verwandelt in Liebe.

Bist du nun selbst das Licht?

Ein Lichtfunke des großen Lichtes.

Oder gibt es dich nicht mehr.

Und alles war mit deinem letzten Atemzug zu Ende.

Das große Nichts.

Ich wüsste es gern …

(M.K., 2014)

 

Zwei Gedichte von Grace Paley:

Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken

 

Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag

http://schoef.signalwerk.org/res/pdf/prospekte/Paley_Editionsplan.pdf

 

 

 

 

Über Süchte und warum ich mich wieder einmal aus den sozialen Medien zurückziehe

DSC01832

Mein ganzes Leben lang war ich süchtig nach Wissen und daher auch nach Informationen. Facebook, und das Internet allgemein, ist für mich ein Wissenspool. Immer wieder werde ich aufmerksam auf Neues. Neues, das mich fasziniert, und von dem einen zu wieder anderem führt. Es ist scheinbar endlos.

Abgesehen von der Wissensvermittlung schätze ich facebook sehr, weil es mich zeitnah am Leben von FreundInnen – wirklichen, auch persönlich bekannten FreundInnen – teilnehmen lässt. Wenn ich aber beginne, in meinem Alltag, mit allem was ich mache daran zu denken, dass ich das auch teilen könnte/möchte; wenn ich beginne, bei all dem Schönen, das mich umgibt daran zu denken, dass ich davon ein Foto machen könnte, um es zu teilen, bin ich selbst nicht mehr vorhanden in meinem Leben. Ich beginne, es durch die Augen der anderen zu sehen und der Moment des Lebens ist nicht mehr mein Moment. Nicht für all meine Sinne, und vor allem nicht für mein Herz und meine Seele.

Der Moment meines Lebens ist nicht mehr mein Moment, wenn ich ihn durch die Augen von anderen sehe.

Mein Herz und meine Seele brauchen Zeit um wahrzunehmen, um es in Herz und Seele aufzunehmen, und es in meiner inneren Schatzkiste verwahren zu können. Dazu brauche ich intensives Wahrnehmen und Aufnehmen – und keine Gedanken dabei an andere.

„Achtsamkeit ist nicht das Gleiche wie Konzentration.

Konzentration ist Ausschließung.

Achtsamkeit, die umfassendes Gewahrsein ist, schließt nichts aus.“

(Jiddu Krishnamurti)

 

Ich habe nie die die Sätze von Menschen, die ich sehr oft gehört habe, verstanden – „… wenn ich niemanden an meiner Seite habe, mit dem ich die schönen Momente teilen kann, dann freut/interessiert es mich nicht“. Ich kenne es, wie schön es ist, einen geliebten Menschen an der Seite zu haben, mit dem man schöne Momente in Schweigen, Achtsamkeit und Verinnerlichung gemeinsam genießen kann. Das ist wunderschön und auch bereichernd.

Doch – dies alles kann ich auch alleine. Nur für mich.

Meine Süchte waren vielfältig. War es früher u.a. auch die ewige Suche und Sucht nach Grenzerfahrungen, musste ich mich davon befreien, um mein Leben zu überleben.

Mein alternder Körper hat mir Grenzen gesetzt. Lange Zeit, über 50 Jahre, hat er alle meine Eskapaden und Exzessivitäten klaglos mitgemacht. Als er begann zu streiken, hat mich das erst entsetzt, dann wütend und später ratlos gemacht.

Was jetzt? Wie soll ich jetzt leben?

Nun, heute, bin ich in erster Linie meinem Körper dankbar, dass er so lange klaglos funktioniert hat. Dass dies nicht selbstverständlich ist, erkannte ich erst spät. Und aus dieser Dankbarkeit erwuchs meine Sorgsamkeit mit ihm. Ich danke es ihm jetzt in der Form, dass ich sorgsamer mit ihm umgehe.

Und diese Sorgsamkeit wende ich auch auf meine Seele an.

Ich verwende jetzt einfach den Begriff der Seele für mein innerstes Sein, obwohl ich weiß, dass es nicht so einfach ist mit der Begrifflichkeit der Seele. Aber darum geht es jetzt nicht.

Mein innerstes Sein hat Sehnsucht nach Kontemplation und Meditation.

Die Sehnsucht nach Rückzug, und die Zeit, die ich mir damit für mein Selbst gönne, ist nicht etwas, das erst mit dem Alter entstanden ist. Ich habe sie seit der Mitte meines Lebens.

Es begann mit dem Ausstieg aus einem ersten Berufsleben als Angestellte mit 34 Jahren.

Eine dreimonatige Reise durch Indien, das kennen lernen des Buddhismus, konfrontierte mich damals erstmals mit der Frage „Was mache ich da eigentlich?“, „Wie lebe ich?“ – und – in der Folge „Wie will ich eigentlich leben?“ Damals gönnte ich mir meinen ersten Rückzug, der zwei Jahre lang dauerte. Es brauchte einige Zeit, meine Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen, zu erkennen und mich neu zu orientieren. Ich machte dann eine zweite Ausbildung zur Psychotherapeutin, und ich machte mich selbständig. Ich wollte nicht mehr abhängig sein, wollte nicht, dass andere über meine Zeit bestimmen. Auch damals schon war es mir sehr wichtig, über meine Zeit selbst bestimmen zu können, und vor allem Zeit zu haben, mich immer wieder zurückzuziehen. Sei das jetzt in langen Reisen in fremde Länder, um Kulturen und Menschen kennen zu lernen, in Studienreisen, oder zu Meditationszeiten in einem buddhistischen Kloster.

„Gut und achtsam mit den Dingen umzugehen tut mir selbst gut“ schreibt Anselm Grün in seinem Buch „Gut mit sich selbst umgehen“.

Das eine bedingt das andere. Wenn ich gut und achtsam mit mir selbst umgehe, werde ich auch behutsam mit den Dingen des täglichen Lebens, mit meiner Umwelt und den Menschen umgehen.

Dazu komme ich immer wieder auf die für mich wichtige Übung der „vier großen Anstrengungen“ von Buddha zurück:

  1. Einen unheilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, nicht aufkommen zu lassen.
  2. Einen unheilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, nicht weiterführen.
  3. Einen heilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, aufkommen lassen.
  4. Einen heilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, weiterführen.

Dieses Originalzitat von Buddha mag zwar für unsere Ohren merkwürdig klingen, aber es ist eine grundlegende und beachtliche Übung. Wenn man sich darauf einlässt, ist es der Beginn eines Läuterungsprozesses, der in einer großen Erleichterung – dem Loslassen einer Bürde – mündet. Dieser Erinnerung bedarf es immer wieder. Zumindest für mich.

Ich möchte nochmals Jiddu Krishnamurti zitieren. Er sagt:

„Wenn Sie die Schönheit eines Vogels, einer Fliege, eines Blattes sehen wollen oder einen Menschen mit all seinen Schwierigkeiten zu verstehen suchen, müssen Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit, die ein unmittelbares Gewahrsein ist, dafür hingeben. Und Sie können das nur tun, wenn Ihnen daran etwas liegt, wenn es Ihnen zutiefst um das Verstehen zu tun ist – dann geben Sie Herz und Geist daran.“

Zeit – ja, es kostet Zeit. Und damit fordert es eine Entscheidung, wofür ich meine Zeit aufwende. Ich gebe dafür meine Aufenthalte in facebook hin. Und – auch eine Entscheidung, die ich getroffen habe, mein Smartphone. Wie lange habe ich mich geweigert, ein Smartphone zu besitzen – bis vor einem Jahr. Nun verwende ich es kaum. Ich habe weder Internet, Messenger, etc. aktiviert, ich habe kein WhatsApp, ich fotografiere nicht damit. Ich weiß um die Gefahr meiner Sucht – noch schneller und überall und zu jeder Zeit informiert zu sein. Nein, ich will das nicht. Deshalb werde ich es wieder gegen ein Handy eintauschen. Ich will nicht dauernd erreichbar sein. Und meine Fotos, wenn ich denn welche mache, mache ich mit meinem alten Fotoapparat.

War mir mein Rückzug in früheren Jahren sehr wichtig, weil ich wusste, dass ich sonst immer wieder meine Achtsamkeit verliere, ist er mir jetzt zusätzlich noch wichtig, weil ich nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung habe. Ich weiß nicht, wie viele Jahres“zeiten“ ich noch erleben darf. Zeit ist noch kostbarer geworden …

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben,

einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

(Pippi Langstrumpf)

 

 

Stille Achtsamkeit

004

Den ziehenden Wolken zusehen.
Nichts sonst.
Dem Lied der Amsel am höchsten Gipfel des Baumes lauschen.
Nichts sonst.
Der Katze zusehen, wie sie auf Zeitlupenpfoten zum Mäusefang über die Wiese schleicht.
Nichts sonst.
Den eigenen Herzschlag spüren.
Nichts sonst.
Die Sonne auf der Haut spüren.
Nichts sonst.

Licht und Schatten wechseln sich ab.
Es gibt nichts zu tun.

(M.K., 24 04 2018)

 

Die Reise aus der Unendlichkeit in die Endlichkeit des Leben

003

Mit 40 Jahren begann ich mich mit dem Älterwerden zu beschäftigen. Der Tod war noch graue Theorie – obwohl ich bereits 8 Jahre zuvor an einer buddhistischen Begräbniszeremonie, der Verbrennung eines Menschen am Meeresufer in Sri Lanka, teilgenommen hatte. In der intensiven Meditationsschulung in einem buddhistischen Kloster war eine unserer Aufgaben, nicht nur über den eigenen Tod, sondern auch über den Tod der liebsten Angehörigen zu meditieren. Ich kann mich noch sehr gut an den Schrecken erinnern, der immer wieder in mir auftauchte. Der Tod an und für sich erschreckte mich nicht, aber das abgrundtiefe Gefühl des Verlustes und der Trauer. Doch wäre ich nicht so in die Tiefe gegangen, wäre ich am Ende dieses Prozesses nicht zur Akzeptanz gelangt.

Die Akzeptanz von Tod und Sterben macht frei von Angst.

Die Akzeptanz von Tod und Sterben macht nicht frei von den Gefühlen des Verlustes und der Trauer. Diese Gefühle sind beim Erleben des Todes nach wie vor da. Und das ist gut so. Alle Gefühle sind gut, keines ist schlecht. Doch die Gefühle sind nicht mehr scheinbar abgrundtief. Sie sind willkommen. Die Abgrundtiefe entstand aus der Angst vor diesen Gefühlen. Somit befreite die Akzeptanz von dieser Angst.

„Traurigkeit ist sehr tief.
Nimm sie an. Genieße sie.
Spüre sie ohne Zurückweisung“ *)

Die Sache mit dem Älterwerden war wieder eine andere Erfahrung – darüber haben ich in meinem Blog-Beitrag „Wie sich die 50-jährige das Alter vorstellte und die 67-jährige es erlebt“ geschrieben.
(https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/28/das-alter-und-ich/)

Aber damit ist die Erfahrungsgeschichte natürlich noch nicht zu Ende.
Zu Ende wird sie erst sein mit meinem Ende – dem Tod.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wer weiß das schon.
Bis dahin geht es weiter und weiter. Jetzt – mit dem Altsein.

Und mit meinen 68 Jahren sage ich – „ja, ich bin alt“.

Nein, ich bin nicht am Älterwerden und schon gar nicht am „eh’ noch jung sein“. Nein, ich bin alt. Und mit diesem Gefühl des Altseins, kommt die innerste Erfahrung und Gewissheit der Endlichkeit. Nicht ein Erschrecken, sondern ein – einmal tief durchatmen – wenn das Gefühl der Endlichkeit in mir spürbar wird. Sie begleitet mich von nun an.

Ich bin sehr dankbar für das Gefühl der Unendlichkeit in meinen früheren Jahren in allen Lebensbereichen – sonst hätte ich vieles nicht so angstfrei und unbekümmert gemacht, wie ich es gemacht, gelebt und erlebt habe.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich jetzt mit meinem Gefühl der Endlichkeit in mir, noch immer neugierig auf die Welt und Welt erleben bin. Jedoch anders als früher.

„Ich freue mich auf den Frühling. Ich genieße die wechselnden Jahreszeiten jetzt viel mehr, könnte es doch immer die Letzte sein“ sagte ich zu meinem jüngeren Gegenüber.
Ein erschrecken und ein aufmuntern wollen war die Antwort.
„Aber nein – ich bin nicht traurig und auch nicht krank. Aber ja, es geht mir gut! Es geht mir sehr gut!“
Ich merkte, dass die Endlichkeit meinem Gegenüber zwar bewusst ist, aber nicht gespürt wird. Noch nicht, und das ist gut so.

Der Tod begleitet mich. Er steht hinter mir und manchmal flüstert er mir über die Schulter etwas zu. Er weiß, er ist akzeptiert. Er weiß es, und deshalb meldet er sich immer wieder zu Wort. Und seine Worte sind gut – weise und hilfreich. Wenn er in naher Zukunft an meiner Seite gehen wird, werden wir befreundet sein. Doch Freundschaft braucht seine Zeit um zu wachsen und sich bedingungslos gut zu sein.

*)
„Traurigkeit hat eine Melodie – Traurigkeit ist sehr tief.
Nimm sie an. Genieße sie. Spüre sie ohne Zurückweisung,
und du wirst sehen, dass sie dir viele Geschenke macht,
die Glück dir nie geben kann.“
(Osho)

Konstantin Wecker und ich …

Als ich letzten Sonntag Konstantin Wecker vier Meter vor mir auf der Bühne sitzen sah, ihn anschaute und ihm zuhörte, dachte ich mir: „Wir sind gemeinsam alt geworden – ich mit ihm oder er mit mir.

Ich sehe ihn und mich, wie wir vor 35 Jahren waren – die ungestüme, hemmungslose, und auch maßlose Lust auf das Leben, die Sucht – auf der Suche. Und heute – wenn es Not tut, noch immer ungestüm, aber nicht mehr maßlos; das Wissen, dass die Suche eine Suche nach dem Urgrund des Seins war und ist. Weißhaarige Silberrücken.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da hörte ich ihn täglich – so manches Mal den ganzen Tag über, weil ich die Unterstützung seiner Gedanken und Lieder brauchte. Eine Unterstützung die mich stärkte und mir wieder Mut machte.

Letzten Sonntag also, war er in den Sonntagsgesprächen im Volkstheater in Wien. Illija Trojanow lädt ein – und das Thema war: „Anarchismus – Ein unbändiges Ideal.“ Wecker als Vertreter eines Aspektes der anarchischen Tradition – „der Poesie einer radikal humanen Haltung.“ Und diese Haltung hat er nach wie vor – und ich mit ihm …

„Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit.“ – der Buchtitel, Kösel-Verlag. Lesenswert!

Zwei Rebellen und ihre Anstiftung zum Einmischen.
Sänger und Poet Konstantin Wecker und der amerikanische Zen-Meister Bernard Glassman Roshi sprechen über weises Handeln in einer gefährdeten Welt. Wie kann der Einzelne wirklich etwas in der Welt verändern? Braucht soziales und politisches Engagement eine spirituelle Quelle, um langfristig etwas zu bewegen? Bleibt Spiritualität ohne aktives Tun für andere bloße Nabelschau?

 

https://www.randomhouse.de/ebook/Es-geht-ums-Tun-und-nicht-ums-Siegen/Konstantin-Wecker/Koesel/e375075.rhd

Betrachtungen über das Schreiben und die LeserInnen

SONY DSC

In den letzten Tagen hat jemand auf eines meiner Gedichte mit den Fragen  „was die Leser damit anfangen sollen“ und „was ich mit der Veröffentlichung bezwecke“ reagiert.

Das Gedicht hat offensichtlich nicht gefallen. Das ist so. Manchen gefällt es und manchen nicht.

Da mir auch bereits öfter die Frage gestellt wurde, wie ich so viel „Intimes und Persönliches“ preisgeben könne, habe ich mir Gedanken zu diesem Themenkreis gemacht und meine Betrachtungen niedergeschrieben.

Ich bin sehr froh über Kommentar und Fragen wie diese, weil sie mich zum Nachdenken anregen.

Zum besseren Verständnis meiner nachfolgenden Gedanken, nachstehend das betreffende Gedicht, auf das sich die oben zitierten Fragen beziehen. Es entstand nach dem Lesen von Georg Trakls Gedichten und ich habe es ihm gewidmet. Der erste Absatz bezieht sich auf die angenommene, sexuelle Beziehung von Georg Trakl zu seiner Schwester Grete.

Für Georg Trakl

Blatt für Blatt

Am rotgefleckten Lacken

Zerknüllt zwischen den Beinen

VerboteneLust

Eiserne Fäuste ballen sich

Heißer Schweiß tropft

Auf nackte Brüste

Mea culpa

* * * *

der Staub der Sterne

berührt meine Stirn

kristallene Tränen

zersplittern

klirrend am Boden

der nächtlichen Träume

* * * *

Dunkler Grund der Seele

atmet Schreie in die Nacht

heißer Atem verbrennt Papier

nichts soll geschrieben sein

nichts

abgrundtiefes Nichts

lauert in den Schatten

 

Ich schaue meinen inneren Dämonen

in  die blutrünstigen Augen

ich sehe sie

gewalttätig, lüstern, hungrig,

einer nach dem anderen streckt

seine Klauen aus

wollen meine Seele

in Stücke reißen

 

Oh, wie gut ich sie verstehe

ich schenke sie ihnen

meine Seele

mit ausgebreiteten Armen

halte ich sie ihnen hin

sehenden Auges

keine Angst mehr vor Dämonen

ich schau sie an

freundlich

willkommen heißend

und

sie weichen zurück

manche zerstieben zu Staub

den der Wind wegbläst

manche nehmen meine Freundschaft an

gemeinsam gehen wir weiter

die Benennung in gut und böse

gibt es

nicht mehr

Wir sind Eins

 

Es ist die Veröffentlichung eines meiner ungereimten Gedichte, und gerade in diesem Gedicht ist gut zu sehen, wie sich Assoziatives, Fiktionales und Persönliches vermischt.

Ich veröffentliche sie, weil ich Schriftstellerin bin. Ich bezwecke nichts damit. Denn jeder Mensch wird seine eigenen Interpretationen dazu haben. Wenn ich einen Text schreibe und in die Öffentlichkeit entlasse, weiß ich nicht, was die Leser damit anfangen. Das ist am Beginn – bei den ersten Veröffentlichungen – immer ein mulmiges Gefühl, weil man weiß, dass jeder das Eigene hineinliest und assoziiert. Mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Ist so. Wenn einem das nicht gefällt, muss man aufhören zu veröffentlichen.

Der Text ist jenseits von moralischer Bewertung oder Beurteilung.

In einem Text darf alles da sein, so wie es ist. Die Beurteilung und Bewertung findet in den Köpfen der Lesenden statt –  oder auch nicht.

Kunst ist auch verwegen.

Kunst darf vieles zeigen und schreiben, was vielleicht auch gar nicht gelebt wird – was eine „Als-ob-Realität“ erschafft, die nicht wahr sein muss, aber wahr zu sein scheint, was buchstäblich wahr-scheinlich ist“. 1)

Was vielleicht für manche Menschen eine persönliche und intime Angelegenheit ist, ist es für mich nicht.

Ich bin ein öffentlicher Mensch.

Ich schreibe nicht nur gefällige Texte.

Ich schreibe auch über meine Schatten und Dämonen, so wie andere SchriftstellerInnen auch.

Es gibt keine Trennung zwischen mir als Mensch und Frau, der Psychotherapeutin und der Schriftstellerin. Gäbe es diese Trennung – wäre es nur reine Rolle und es gäbe eine Spaltung in mir.

Es ist keine Rolle – es sind Teile von mir, die gelebt werden wollen.

Mein Wissen als Psychotherapeutin ist nicht nur ein erworbenes Wissen, es ist auch und vor allem ein gelebtes Wissen. Es ist keine Theorie, es ist Praxis – ich lebe es. Mein Schreiben ist nicht nur Fiktionales und Assoziatives, es ist auch Persönliches. Zu meiner Person als Mensch und Frau gehören mein Erlebtes und meine Erfahrungen. Vor allem gehört aber auch das Wissen dazu, dass alle Menschen Liebe / Schmerz / Trauer / Hoffnungslosigkeit / Sexualität / Freude / Gelingen und Scheitern / etc. / erleben. Wie wir damit umgehen ist verschieden, aber auch nicht so unterschiedlich wie viele glauben.  Weshalb sollten wir dann nicht darüber sprechen und schreiben. Was ist dieses „intime“, über das nicht gesprochen werden darf, wenn wir es doch alle erleben und leben? Wäre es nicht besser / leichter, wir würden uns darüber austauschen? Vom Hellsten, das in uns ist, bis zum Tiefsten und Dunkelsten. Welch eine Erleichterung wäre das für viele.

Keine Scham mehr über das eigene Sein und Leben, keine Selbstbeschuldigungen, etc. – geht es doch anderen genauso. Ah ja! Welch ein Stein purzelt vom Herzen!

Beschäftigt sich das obige Gedicht, das ungereimte Gedicht, eher mit den dunklen Schatten, nun zum Hellen,  dem Haiku. Das Haiku ist eine Kurzgedichtform mit der Silbenfolge 5-7-5. Meine Haikus bestehen zum Großteil aus Naturbetrachtungen. Die Fiktionalität und das Persönliche werden herausgehalten – deshalb sind es auch „gefälligere“ Gedichte.

Im Morgenlicht schon

Drängt sich der alte Nussbaum

Aus der Dunkelheit

Für mich ist Schreiben in der Regel ein beglückendes Erlebnis. Nicht immer, manchmal quält es auch, das Schreiben, wenn die Formulierungen nicht und nicht gelingen wollen.

Ist der Text da, ist es pures Glück. Und dann gibt es noch die gelungenen Formulierungen oder sogar einzelne Worte, die ein peak experience – ein „Gipfelerlebnis“ sind.

Kunst „kann“ ein Ausdruck der Seele sein. Ich spüre das beim Schreiben – ob ein Text aus meinem Intellekt entsteht oder – wenn er einfach da ist und nur mehr von mir aufgeschrieben werden braucht. Was viel zu selten passiert. Aber da braucht es mehr Rückzug von der lauten Welt und Achtsamkeit, um die Seele sprechen zu lassen.

Was darf Kunst?

Darüber wird immer wieder heiß und kontrovers debattiert.

Darf Kunst provozieren?

Ja, das darf sie. Da gibt es den Unterschied zwischen bewusster und gewollter Provokation, und Texten, die nicht als Provokation gemeint sind, und doch von LeserInnen so empfunden werden.

Darf ich mich als Schriftstellerin bezeichnen?

Ja, das darf ich.Ich habe mich schlau gemacht, was der Unterschied zwischen Autor und Schriftsteller ist und folgende Definition im Internet gefunden:

„Der Autor ist ein Überbegriff. Jeder, der einen Text, egal welcher Art, verfasst, ist damit auch der Autor dieses Textes.

Ein Schriftsteller ist ebenfalls ein Autor, wenngleich nicht jeder Autor auch ein Schriftsteller ist. Der Begriff Schriftsteller wird häufig im Zusammenhang mit fiktionalen, erzählenden und belletristischen Texten und deren Autoren verwendet. Schriftsteller schreiben Romane, Novellen, Kurzgeschichten und Erzählungen jeder Art.“ (2)

Manche sind der Meinung, dass sich Schriftsteller nur nennen darf, wer seine Werke auch veröffentlicht hat. Dann darf ich mich umso mehr Schriftstellerin nennen.

Die Biographie über meine Großmutter wurde in einer Anthologie veröffentlicht; ich habe Texte sowohl in Fachzeitschriften, als auch in den Tageszeitungen Presse und Standard veröffentlicht; und ich schreibe in meinem Blog.

Ich bin jedoch der Meinung, dass sich Menschen auch SchriftstellerInnen nennen dürfen / können / mögen, die großartige Texte schreiben und sie in der Schublade verwahren.

Also – schreibt und veröffentlicht. Macht es einfach.

Und – keine Angst vor Kommentaren.

 

1) https://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/01-literatur-fakten-100.html

2) http://www.blog.stefanpeter.at/2015/05/autoren-und-schriftsteller-der-unterschied/