Veränderung braucht Zeit und Wankelmut

Immer wieder verwundern sich Mitmenschen, dass ich immer wieder Abschied nehme – von vielem – und in einigem immer wieder zurückkomme. Das ist gut so – rufe ich ihnen zu! Das passt! Große und tiefe Veränderungen kommen nicht über Nacht – sie brauchen Zeit. Sie brauchen die „immer wieder“.

Veränderung braucht Mut zum Wankeln – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …

Veränderung braucht Entschleunigung.

Grundlegende Veränderung – wenn die Grundlagen des Seins erschüttert werden – braucht vor allem neben dem Hirn (Erkenntnis) auch das Herz (Herzensgüte)

Vom Ich zum Selbst geht ins Herz – unmittelbar.

Es braucht Metta (auf Sanskrit maitri). Metta ist ein Zustand des „Herz-Geistes“, der als „liebende Güte“, „allumfassende Liebe“, „selbstlose Liebe“, „Herzensgüte“ beschrieben werden kann.

Im Metta-Sutta, einer Lehrrede des Buddha, beschreibt dieser Metta als vergleichbar mit der bedingungslosen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Ohne Metta für sich selbst, kann auch das große Ziel, die liebende Güte auf alle fühlenden Wesen auszuweiten, nicht erreicht werden.

Vor 35 Jahren begonnen, immer wieder aus den Augen verloren, immer wieder zurückgekehrt.

„…. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst …“ (Aus einem Gebot der Tora des Judentums)

Veränderung braucht Entschleunigung und Akzeptanz für diesen Prozess, der seine Weile dauert. Es dauert, so lange es dauert …

Veränderung ist immer anders. Das ist meine Erfahrung. So manches Mal geschieht es sehr rasch und im Geheimen. In diesen Situationen komme ich eines Morgens heraus wie Phönix aus der Asche. Dann wieder ist es ein längerer Prozess, über den ich rede und schreibe; über den ich erzähle.

Und immer wieder verabschieden sich Mitmenschen bei diesem Prozess oder nach dem Prozess. Mitmenschen, die die Zeit des Wankelmuts, die Zeit des Kontrollverlustes, nicht mitgehen können / wollen. Mitmenschen, die mit der, die zum Vorschein kommt, nichts mehr anfangen können. Wer bist du? – fragen sie. Ich kenne dich nicht mehr. Ja, ich habe mich wieder einmal gehäutet – doch alles ist noch da – es kommt nur Neues dazu.

Und dann, nach Verlust und Trauer über den Abschied, die Freude über den Gewinn von neuen lieben Mitmenschen. Immer wieder.

„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

und Neues blüht aus den Ruinen.“

(Friedrich von Schiller)

Die Dankbarkeit für und der Abschied von Lebenserfahrungen – und nicht wissen wie weiter.

Immer wieder Wankelschritte wie ein Kleinkind, das mit den ersten Babyschritten – Schritt für Schritt in die Unsicherheit hineingeht – bis eines Tages – der Schritt fest ist …

Welch eine Freude wird das sein, welch Strahlen und Lachen …

Veränderung bringt Neues – auch eine andere Sprache.

Die Sprache des Herzens.

Komme was wolle und was kommt wird gut sein.

Es drängt etwas zum Vorschein, das bis jetzt nicht gelebt worden ist. Oder doch? Früher, ganz früher – in den kindlichen Anfängen, in der noch nicht viele Einflüsse von außen aufgenommen worden sind. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder – fällt mir dazu ein.

„Ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Matthäus 18,3)

Vom Ich zum Selbst.

„Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel: „Mein eigentliches Wesen ist die Zeit selbst, nicht ein Etwas in der Zeit.“

(Jikme Lingpa)

Zum Schluss möchte ich den von mir sehr geschätzten Karl-Heinz Brodbeck 1) zitieren:

Was im Mahayana 2) über das Selbst gedacht wurde, ist durchaus auch aus einer abendländischen Perspektive verständlich. Die Vergänglichkeit aller Phänomene, aller Erfahrungen verleitet dazu, etwas Dauerhaftes zu suchen. Doch dieser Versuch muss immer wieder, schließlich endgültig und todsicher, scheitern. Unsere privaten Schrullen als ewiges Ich festhalten zu wollen, ist tatsächlich ein „närrischer Gedanke“. Wir können auch die Luft nicht festhalten. Aber wir können atmen. Die Sprache gibt einen Fingerzeig: „Atem“ und „Atman“ (= Selbst) haben dieselbe Wortwurzel. Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel: „Mein eigentliches Wesen ist die Zeit selbst, nicht ein Etwas in der Zeit.“ (Jikme Lingpa) 3)

Unsere privaten Schrullen als ewiges Ich festhalten zu wollen, ist tatsächlich ein „närrischer Gedanke“.

Ja, das gefällt mir …

Zitate und Info:

1) Prof.Dr. Karl-Heinz Brodbeck, ist Dharma-Praktizierender,  Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Tibethaus Frankfurt, Autor zahlreicher Bücher.

https://buddhismus-aktuell.de/artikel/ausgaben/20173/das-selbst-ist-kein-sein-und-kein-nichts-sondern-endloser-wandel.html

2) Das Mahayana ist eine der großen Hauptströmungen im Buddhismus, die sich zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr. etablierte. Im Zentrum des Mahayana stehen die Werte Mitgefühl (Karuna) und Weisheit (Prajna). Diese werden wie zwei Beine betrachtet, die notwendig sind, um den buddhistischen Weg zu gehen.

https://religion.orf.at/lexikon/stories/2568992/

3) Jigme Lingpa; geb. 1729 (oder 1730); gest. 1798) war ein bedeutender Dzogchen-Meister und Tertön der buddhistischen Nyingma-Tradition des Vajrayana 4).

4) Das Vajrayana stützt sich mit der „Lehre des Mittleren Weges“ (Madhyamaka) auf die philosophischen Grundlagen des Mahayana. Im Tibetischen Buddhismus werden die verschiedenen buddhistischen „yanas“ (wörtlich: Fahrzeuge) anhand der Ziele oder der Methoden unterschieden.

Die Schönheit der Worte

Ich entdecke die Schönheit und Intensität des langsamen Lesens.

Manchmal lese ist laut / betone die Worte / die Sätze – immer anders, auf der Suche nach dem richtigen Ton. Der Ton macht die Musik – und die Worte beginnen zu klingen …

Manchmal lese ich in Gedanken laut und höre mich in meinem Innersten die Worte aussprechen, die dadurch an Bedeutsamkeit und Fülle gewinnen. Je öfter ich laut lese, desto besser gelingt das Hören der inneren Stimme.

Und ich frage mich, wann ich begonnen habe, zur Schnellleserin zu werden, – den Inhalt eines Satzes zu erfassen, ohne jedes einzelne Wort zu lesen. Einzelne Worte zu verschlucken ohne sie zu genießen, so wie man eine Speise in sich hineinschlingt und die verschiedenen Aromen nicht mehr wahrnimmt.

Habe ich begonnen, als meine Eigenmächtigkeit über meine Zeit zu Ende ging, damals, als ich als heranwachsendes Mädchen Haushaltsarbeiten übernehmen sollte und ich mit meinem Buch, versteckt unter meiner Schürze, in einem Winkel verschwand, um schnell noch ein paar Zeilen zu lesen, bevor der Ruf mich erreichte – „steckst du deine Nase schon wieder in ein Buch?“ / „hast du nichts zu tun?“

War es als bereits erwachsene und berufstätige Frau, und ich nicht wusste, was ich als Erstes und als Nächstes lesen sollte. Gab es doch so vieles, das mich interessierte – und ich mich in meinen vielen Interessen verlor. Die Worte nicht zu Ende lesen konnte, – sie in ihrer Tiefe gar nicht mehr erfasste.

Heute nehme ich mir Zeit.

Je weniger Lebenszeit mir bleibt, desto mehr Zeit nehme ich mir.

Nicht nur beim Lesen. In allem.

Sich von der Geschäftigkeit des Lebens frei machen schafft Gegenwart. Das „Hier und Jetzt“ – über das ich bereits so oft geschrieben habe.

Also hat das „Jetzt“ auch Eingang ins Lesen gefunden.

„das Buch in meiner Hand

so viele Worte für die Stille der Nacht

das Schweigen im Raum wird tiefer

die Schatten dunkler

die Stunden schreiten voran

so viele Worte die den Raum erhellen“

habe ich in einem Gedicht geschrieben.

Gerne würde ich so manche Worte und Sätze in anderen Sprachen lesen.

Wie würden sie klingen?

Wie sich anfühlen?

Das habe ich versäumt.

In der Zeit, in der ich noch viel Zeit vor mir hatte.

Doch, – kein Bedauern.

Es ist, so wie es ist.

Es ist gut, so wie es ist.

Viele Sätze, die ich jetzt, in der „langsamen Zeit“, gelesen habe, könnte ich anführen. Soeben habe ich die Worte von Vasily Smirnov gelesen:

„Seit Tagen fällt Schnee in großen, langsamen Flocken. Wenn ich vor die Tür trete, ist es zuerst, als hörte ich nur Stille. Nach einiger Zeit dann höre ich das Geräusch der fallenden Flocken. …“

Solche langsamen und stillen Sätze können mich bezaubern. Lese ich mit großer Bewunderung. Ich kann sie nicht oft genug lesen. Langsam.

Und ich kann die großen Schneeflocken auf meiner warmen Hand sehen und spüren. Sie schmelzen und laufen in Tropfen über meinen Handrücken auf mein Buch.

Welch ein Zauber der Worte.

~~~~~~

Den Text von Smirnov habe ich im Buch „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier gelesen, das mich angeregt hat, diesen Text zu schreiben.

~~~~~~

Schreiben macht keine neuen Menschen. Aber es schafft Klarheit und Verstehen. Oder doch den Anschein. Und wenn man mit seinen Worten Glück hat, ist es wie ein Aufwachen zu sich selbst, und es entsteht eine neue Zeit die Gegenwart der Poesie.“

(Pedro Vasco de Almeida Prado)

Aus Pascal Merciers Buch “Nachtzug nach Lissabon”

26 05 2020

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen …

“All you have to do is write one true sentence.

Write the truest sentence that you know.”

(Ernest Hemingway)

„Alles was Sie tun müssen, ist einen wahren Satz zu schreiben.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen.“

I Wortlos im Schweigen

Seit einiger Zeit schon versinke ich im Schweigen auf der Suche nach meiner Sprache. Leise schält sich durch verschiedene Schichten des Seins ein ursprüngliches Sein heraus, das eine andere Sprache spricht.

Wie eine Fremdsprache muss ich es neu lernen.

Auf der Suche nach Worten spaziere ich über die Felder / umkreise die Seen / sitze beim Schreibtisch und schaue in den Garten …

Ich stehe in der Stille des Sees.

Nein, nicht der See ist still.

Die wahren Worte sind – „der See und ich sind eins“.

Nur wenn es ganz still wird in mir, sind wir eins.

Ich bin die Stille.

Aus den langen, dunkelgrünen, spitz zulaufenden Blättern der Iris ragt der schlanke Blütenstamm der gelben Schwertlilie.

Über mir am Baum krächzt ein Rabe.

Das Schauen lenkt mich ab vom Sein.

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück zum Atem und atme – ein und aus …

Eines meiner Mantren – „So Ham – Ich bin (das)“ …

Mit dem Einatmen – So – mit dem Ausatmen – Ham – „Ich bin, die ich bin“ …

Ich bin der See / die Schwertlilie / der Rabe …

Ich bin das …

Ich sitze beim Schreibtisch und suche nach Worten.

Und all die Worte geben meine Erfahrung – das SoSein – nicht wieder.

Gibt es den wahren Satz / die wahren Worte – um das SoSein beschreiben zu können? Ist das SoSein nicht jenseits der Worte?

„(…) In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann. (…)“

schreibt Bruno Mesa in seinem Gedicht „Schweigend“. 1)

„Eine Wahrheit, die man nur schweigend lernen kann …“

Die Wahrheit jenseits der Worte?

„Ich habe den Mund meiner Seele geöffnet und deinen göttlichen Atem eingesogen.“ (Anonyme Quelle)

Nochmals Bruno Mesa:

„ (…) In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst. (…)“

Nach all diesen Worten zum SoSein eine Erzählung über mein kleines Mädchen, das einstmals, als die Welt noch ganz anders war als heute, all diese Fragen nicht gestellt hat. Jenseits aller Worte war sie einfach da – „So Ham“.

Sie war ein Gartenkind und lebte in ihrem Kindheitsgarten. Alles, was sie sah, entzückte sie – „in ihrem Sein war ein Rausch“. Sie war das Gänseblümchen, dem sie täglich beim Wachsen zusah, – ohne den Wunsch, es pflücken zu wollen. Sie saß stundenlang in der Astgabel am Apfelbaum und beobachtete die Ameisen, die die Ameisenstraße entlang liefen. Hinauf und wieder hinunter. Es gab nichts Spannenderes als diese Ameisen. Und – ich möchte heute sagen – mit Ehrfurcht sah sie zu.

So Ham – ich bin (das) – sie war das Gänseblümchen, die Ameisen, der Schmetterling; und sie war die Ribisel – die sie liebevoll und achtsam von der Staude pflückte und sie mit geschlossenen Augen verspeiste, – welch ein Genuss.

Wann war sie nicht mehr So Ham?

Als sie die Worte kennen lernte und sich ihr Märchenbuch mitnahm in die Astgabel? Noch immer Acht gebend auf die Ameisenstraße, aber versunken in den Worten der Geschichten …?

War es als sie in Schule kam und schreiben und rechnen lernte …?

War es als sie die schmerzliche Erfahrung machte, dass ihr „Ich bin, die ich bin“ nicht erwünscht war / nicht in Ordnung war …?

In den letzten Jahren habe ich mich von vielen Bildern, die ich über die Welt und mich hatte, verabschiedet. Ich habe vieles herausgeschrieben aus mir und mich verabschiedet – vor allem in den Erzählungen –  „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“ / „Medea geht in Pension“ / „Vom Vergeben und Verzeihen“ …

II Wortlos in der Ekstase

Die andere Seite der Medaille – Schweigen und Stille -, ist die Ekstase. Das Leben beruht auf Gegensätzen – Tag und Nacht / Sommer und Winter / Leben und Tod …

Die andere Seite des Schweigens ist Musik und Tanz.

Sich ganz in der Musik verlieren – eins werden mit den Tönen – sich selbst / das Ich – vergessen und sich mitnehmen lassen in einen anderen Raum.

Wenn ich meinen Körper / jede Zelle meines Körpers / mit den Tönen der Musik mitschwingen lasse, kann ich zu jeder Musik tanzen. Und es wird immer anders sein. Ganz gleich ob das Musik von Bach / Mozart / oder Pink Floyd ist. Ganz gleich ob Gregorianische Gesänge oder Oshos Tanzmeditationen sind.

Osho schreibt:

„Musik ist Meditation – kristallisiert in einer bestimmten Dimension. Meditation ist Musik – ins Dimensionslose aufgelöst. Sie sind nicht zwei. (…) Du gehst in ihr auf, du wirst betrunken in ihr. Etwas aus dem Unbekannten senkt sich über dich … (…) Du bist auf einmal in einem tiefen Orgasmus mit dem Ganzen; mit dem All. (…) 1)

So Ham …

„(…) Du atmest ein und du atmest aus, und darin ist Rhythmus und Harmonie. Das Einatmen ist weder gegen das Ausatmen noch ist das Ausatmen gegen das Einatmen. Beides gehört ein und demselben Vorgang an. (…)“ (2)

Die vergessene Sprache der Ekstase.

Auch hiefür gilt es Worte zu finden.

In meiner Erzählung „Das Geheimnis des Berges“ habe ich über eine Wanderung auf einen Berg im Anagagagebirge auf Teneriffa erzählt. Der Berg hat mich gerufen, und als ich ihn verließ, schrieb ich: „(…)Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war. (…)“

So Ham …

Ohne Abschied nichts Neues.

Ohne Loslassen nichts Neues.

Ich schreibe weniger.

Ich schreibe anders.

Ich habe die wahren Worte noch nicht gefunden – vielleicht in Ansätzen erahne ich sie …

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Hier das Gedicht von Bruno Mesa, aus dem ich zitiert habe:

Schweigend

In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann.

Doch auch in den Steinen,

der Parkbank

und dem quietschenden, verlassenen Stuhl:

eine Bitte und eine Wahrheit.

In diesen Dingen erlöse ich mich täglich,

gehe ungewollt auf sie zu.

Sie bejahen in ihrer Sprache,

was ich in meiner nicht sehen kann.

In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst.

(Bruno Mesa, übersetzt von Magdalena Kotzurek) 1)

Info:

1) Grand Tour. Eine Reise durch die junge Lyrik Europas; Hanser Verlag

2) Das Buch, 1988 gekauft hieß damals: Das Orangene Buch. Die Meditationstechniken von Bhagwan Shree Rajneesh

Heute heißt es: Das Orangene Buch. Die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert; Innenwelt Verlag

3) Osho: Glück, Ekstase und das Lied des Seins. Über die poetischen Verse des Mystikers Kabir; Innenwelt Verlag

Über die Liebe und das Leben

Eine Rückschau mit Dankbarkeit

Mit 70 Jahren darf man schon mal Rückschau halten.

Die Schatztruhe öffnen und schauen, welche Schätze sich darin angesammelt haben. Obwohl es natürlich noch nicht zu Ende ist – die Liebe und das Leben – da kommt noch was …

Reden wir doch über die Liebe und die Lust in unserem Leben.

Was gibt es Wichtigeres?

Gibt es etwas Wichtigeres?

Nein.

Am Ende des Tages – oder hoffentlich schon früher – ist es egal, wer du warst, welchen Beruf du hattest, wie viel du verdient hast, oder was du alles besitzt …

Am Ende des Tages – oder hoffentlich schon früher – wirst du dich fragen, wie viel du geliebt und voll Lust und Freude gelebt hast.

Lasst uns doch diese Geschichten erzählen.

Geteilte Geschichten bereichern und machen Mut zu leben.

Was würdest du erzählen?

Heute erzähle ich – einen Teil – meiner Geschichten. So viel gelebtes Leben lässt sich nicht in einer Geschichte unterbringen – und dafür bin ich sehr dankbar.

In den Jahren meines Liebes-Lebens lernte ich zu unterscheiden:

  • die Herzensliebe – die aus dem Herzen kommt und das Herz überfließen lässt
  • die Seelenliebe – eine seelische Verbundenheit, die sich anfühlt, als wäre die Liebe schon seit Anbeginn der Welt da
  • die Bauchliebe – welche die Schmetterlinge zart mit den Flügeln schlagen lässt in unserem Bauch, und / oder die ein loderndes Feuer entflammt, das uns brennen lässt vor Lust

Ich lernte, dass alle drei für sich gelebt werden können / dürfen.

Und ich lernte, dass, – wenn alle drei zusammentreffen es die „heilige Dreifaltigkeit“ ist. Ein wundersames Geschenk.

Ich schreibe Liebesbriefe an meinen verstorbenen ersten Ehemann, von dem ich mich getrennt habe – damals vor langer Zeit; ich rede mit meinem zweiten Ehemann über unsere Liebe, wenn wir uns sehen; und ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich mich mit meinem Lieblings-Ex-Lebenspartner treffe …

Und das alles trage ich in mir und spüre ich jederzeit – wann ich nur will – welch’ glückliche Frau ich doch bin …

Panta Rhei  – Aus der Flusslehre

„Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“

Ich sitze am Ufer meines Flusses und blicke zurück.

Wenn ich zurückblicke, muss ich aufstehen um die Quelle meines Flusses zu sehen; wie er mäandert und sich die Ufer immer wieder verändern.

Schaue ich in die andere Richtung – zum Mündungsdelta des Flusses in das unendliche Meer – kann ich es bereits im sitzen sehen …

Metamorphose – Bewegungsfluss der Liebe

Welch weiter Weg von dem verzweifelten Schrei im Jahr 1988 „er gehört nicht mir“ bis zur Freiheit des Herzens und der Worte „weil meine Liebe nichts verlangt von dir“ im Jahr 2019 …

1988

er braucht mich nicht

er lacht und liebt mit einer anderen

keine liebe

kein vertrauen

keine sicherheit

keine geborgenheit

er braucht  mich nicht

er begehrt mich nicht

nicht mehr

wie gewonnen

so zerronnen

lebensspiel

er gehört nicht mir

nicht mehr

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2019

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer liebe

und begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

nicht einmal

dass wir uns

wieder sehen

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Liebe und Lust sind unendlich.

Es gibt nicht nur die eine Liebe, es gibt viele Lieben.

Liebe ist unendlich und immer anders.

Jede Liebe ist immer eine besondere Liebe, – da das Gegenüber immer anders und besonders ist.

Zu lieben ohne Ausschließlichkeit und damit ohne andere ausschließen zu müssen, heißt – lieben und andere mit einschließen zu dürfen.

Keine Trennung machen zu müssen, die zu leidvoller Trennung führt.

Je mehr Liebe wir verschenken, je mehr wir uns zu lieben trauen, desto mehr Liebe ist in unserem Herzen.

Selbstverständlich gibt es auch in guten Liebesbeziehungen Zorn und Schmerz und Trauer. So ist das Leben. Und so sind wir in unseren ganz besonderen Verschiedenartigkeiten. Ohne Gefühle keine Lebendigkeit. Und zwar alle Gefühle. Die ganze Gefühlspalette – vom einem Ende der Verzweiflung und dem Schmerz bis zur anderen Seite der Glückseligkeit. Sich irgendwie in der Mitte einzupendeln – der Versuch / die Resignation / das Vermeiden wollen von Gefühlstiefen führt zu Unlebendigkeit.

Eine Zeit lang, als ich den Buddhismus kennen lernte, verfiel ich dem Irrtum, dass ich jetzt nur mehr mit Dauerlächeln auf den Lippen, möglichst im Lotussitz, durchs Leben schweben werde.

Wie gesagt, das war ein Irrtum. Da habe ich etwas grundlegend missverstanden mit der Achtsamkeit und Gelassenheit. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Heute bin ich sehr achtsam mit meiner Achtsamkeit – und – weiß wie wichtig mein „heiliger Zorn“ und meine „Tränen der Seele“ sind.

Es geht nie um ein „entweder – oder“.

Es geht immer um ein „und“ …

Achtsamkeit bedeutet zum Beispiel – Zorn und Trauer bis zum tiefsten Grund zuzulassen / dann erschöpfen sich diese Gefühle von allein / sie sind ausgelebt / vorbei – um dann zurückzukehren zur unerschöpflichen Liebe.

Achtsamkeit bedeutet auch – einen Schritt zurückzutreten / einige Atemzüge zu nehmen – und zu merken, dass Zorn und Trauer nichts mit dem Gegenüber zu tun haben, sondern mit dem eigenen Selbst – um dann zurückzukehren zur unerschöpflichen Liebe.

Mein Weg des Lebens – mit der Liebe

Wild – sinnlich – besinnlich

Immer wieder bin ich dankbar für mein gelebtes Leben!

Wie viele Wege bin ich gegangen – manchmal ein leichter Wanderweg, dann wieder eine schnelle Autobahn /  in ein liebliches Tal und über eine Alm mit Kräuterduft / manchmal ein schwieriger Anstieg über eine Geröllhalde und die Glückseligkeit des Gipfelerlebnisses / und so manches Mal ein Stolpern durch die brennheiße Wüste ohne Ende / ein Dschungelpfad mit wilden Tieren / manchmal eine Sackgasse und zurück an den Start / und immer wieder die Stille des Rückzugs – das Sitzen am Fluss …

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https://monikakrampl.wordpress.com/2017/11/23/liebesbrief-an-meinen-ersten-ehemann/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/05/03/ein-mann-und-zwei-witwen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2019/12/30/leben-heist-lieben-und-lieben-heist-leben/

Politik / Philosophie / Spiritualität

2019 geschrieben, ist es heute aktueller denn je.

Je mehr ich mich in den letzten Jahrzehnten zivilgesellschaftspolitisch (mit einem kurzem Ausreißer von 1 ½ Jahren Parteipolitik) engagiert und beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass Politik allein – ohne Philosophie und Spiritualität – seelenlos wird. Sie wird mechanistisch, und in manchen Fällen unmenschlich.

Ich werde immer wieder gefragt, wie das gehe, dass ich spirituell-philosophische Texte und Gedichte schreibe, und mich gleichzeitig auch politisch engagiere.  

Die Antwort ist sehr einfach: Weil sich das nicht ausschließt.

Gar nicht ausschließen kann, wenn ich das, was in der Politik passiert, von der spirituellen Ebene aus betrachte. Denn ich stehe nicht außerhalb.

Auch wenn viele der Meinung sind, das habe alles nichts mit ihnen zu tun.

„Das geht mich nichts an“ – höre ich.

Nein, so ist das nicht.

Alles hat mit uns zu tun. Weil wir ein Teil dieser Welt – der Erde / der Menschen / Tiere / Pflanzen / allem Guten und auch allem Bösen / allem was es gibt – sind.

Niemand kann sich ausschließen.

Und alle tragen wir Verantwortung.

Jede*r Einzelne von uns. Und so auch ich.

Gerade die Innenschau / das Innehalten / bringt mir die nötige Klarheit im Außen. Ein „Erwachen“ – die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Konstantin Wecker, der Sänger, Poet und Rebell, sagt, dass, wer sich politisch engagiere, bereit sein muss, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, um in sich selbst und seine psychischen Verstrickungen hineinzublicken –  seine wahre Identität zu entdecken.

„Gleich wie das Weltmeer von einem einzigen Geschmack durchdrungen ist, dem Geschmack des Salzes, ebenso auch ist diese Lehre von einem einzigen Geschmack durchdrungen, dem Geschmack der Befreiung.“

(AN Nikaya VIII-19)

Gemeint ist die Lehre des Buddha, in der kein göttliches Wesen im Mittelpunkt steht, dass uns sagt was wir zu tun haben – das belohnt und bestraft. Es geht um unsere eigenen Einsichten und Erkenntnisse.

Die Lehre des Buddha schult unseren Geist, um zu tieferer Einsicht über das heilsame oder unheilsame Wirken unseres Handelns zu gelangen. Wenn ich mir klar mache, dass alles abhängig ist von Ursachen und Bedingungen, dann kann ich auch die Abhängigkeit und den Zusammenhang von Allem sehen.

Diese Sichtweise ermöglicht mir Handlungen der Gewaltfreiheit und Eigenverantwortung.

„Zu wild, zu bang ists ringsum, und es trümmert und wankt ja, wohin ich blicke“ schreibt Friedrich Hölderlin in seinem „Zeitgeist“.

Gleichzeitig findet er jedoch Zuversicht und Geborgenheit in der „All-Einheit“ der Natur.

Und so schreibt er auch die Zeilen, die gerade jetzt so viel zitiert werden:

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Und damit bin ich wieder am Beginn: Alles hat mit uns zu tun.

Dies ist mein Weg.

Es gibt viele Wege die zur Erkenntnis / zum Erwachen führen.

Jede*r kann den für sich selbst geeigneten Weg gehen.

Nur – auf den Weg machen sollte man sich schon …