Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige katholische Kirche,

Dieses Glaubensbekenntnis (Credo) habe ich als Kind und auch noch als Jugendliche sehr oft abgelegt. Voll Freude und in tiefem Glauben daran. Und wenn ich die 77 Worte des apostolischen Credos laut lese, kann ich tief in mir den Hauch der Seligkeit meines damaligen Glaubens spüren.

Und doch – ich glaube nicht mehr an Gott, auch nicht an die Göttin, und schon gar nicht, dass die Katholische Kirche heilig ist.

Als Erwachsene bin ich aus der Kirche ausgetreten. Ich habe meinen Glauben nicht verloren, – so wie man vielleicht ein Taschentuch verliert. Nein – je, mehr ich meine Augen öffnete und fähig war meinen Geist frei zu machen von Glaubens-Sätzen, mich umsah in der Welt und den Religionen, und je mehr ich darauf aufmerksam wurde, was in der Katholischen Kirche und ihrem Umfeld passiert, war mein Austritt eine sehr bewusste Entscheidung.

Heute bin ich Buddhistin. Und gleichzeitig ist eine tiefe christliche Spiritualität in mir, die ihren Ursprung in Gott – vielleicht aber noch mehr in Jesus – hat. Jesus, – ich nenne ihn Joshua 1).

Die große Mystikerin Teresa von Avila sagte, wenn sie bete, sei das

„nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“

Teresa hat in Jesus nicht ein moralisches Ideal gesehen, – sie hat ihn als einen wahren Menschen geliebt im eigentlichen und lebendigen Sinn des Wortes.

Nun finde ich es nicht als Zufall, dass ich im Mai 2009, als ich als Turmeremitin im Linzer Dom war, dort hoch oben über den Dächern von Linz ein kleines Büchlein mit Texten von Teresa von Avila fand, und in einer meiner Meditationen nach langer, langer Zeit mein Herz bei meinem Freund Joshua verweilte. Dies war ein so beglückendes Erlebnis, dass ich, die ich doch über alles erzähle und schreibe, dies nicht erzählen werde. Das bleibt bei mir.

Ich kann und möchte nicht mehr von Gott sprechen und auch nicht von der Göttin. Doch wie nenne ich das Gefühl der Verbundenheit/Zugehörigkeit mit Allem und das Gefühl, dass doch etwas fehle und die immerwährende Sehnsucht danach; die Glückseligkeit in meinen Meditationen und Kontemplationen; die Freude über das Nur-Sein und Nichts-sonst; das Urvertrauen in mir? Wie nenne ich das?

Und dann wurde ich fündig bei dem Benediktinermönch und Zen-Christen David Steind-Rast. Er sagt:

„Viele Menschen haben heute Mühe, wenn von Gott die Rede ist. Das kann ich nur zu gut verstehen. Allzu oft wurde dieses Wort ja missbraucht. Um Missverständnisse zu vermeiden, gebrauche ich selber oft andere Ausdrücke:

„Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“ 2), „Quelle aller Lebendigkeit“.

Ich habe „Urgrund des Seins“ gewählt, – das erzeugt Resonanz / spricht mit mir und in mir / schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit / einer absoluten Liebe / Sicherheit und Vertrauen.  

Im „Urgrund des Seins“ ist alles enthalten – ich, mit all meinen Gefühlen und meinem Sein / alle Menschen und Tiere und Pflanzen / unsere Welt und alles darüber hinaus – das was ist …

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„Wer tief in eine Blume schaut, der sieht eine Unzahl von Elementen, die zusammengewirkt haben, um die Blume zu ermöglichen. Berührst du die Blume, kannst du die Wolken berühren, die die Blume brauchte. Du berührst den Sonnenschein, denn ohne ihn gäbe es keine Blume. Gehen wir noch tiefer, so sehen wir die Erde, die Mineralien, Zeit und Raum – alles in dieser Blume. In der buddhistischen Terminologie sagen wir, die Blume hat kein Selbst, sie hat keine abgetrennte Existenz. Eine Blume besteht viel mehr aus Nicht-Blumen-Teilen. Deshalb spricht der Buddhismus nicht von »Sein« oder »Nicht-Sein«, sondern von »gegenseitigem Sein« oder »Intersein«. Und wenn du DEIN Selbst nicht finden kannst, dann schau auf die Tatsache, dass auch dein Selbst sich nur zusammensetzt aus Teilen des Nicht-Selbst.“

(Thich Nhat Hanh)

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1) Die namensgebenden Worte aus dem Hebräischen sind „jahwe“ (= Gott) und „jascha“ (= retten, helfen, heilen). Der Name bedeutet somit so viel wie „Gott ist Heil“. Der Name Joshua ist die englische Variante von Josua, der vom hebräischen Namen „Jehoschua“ kommt.

2) Der fast bildlos Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins – „Ground of being, and granite of ist: past all / Grasp, God“ – Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem Begreifen, Gott“ (Aus: Credo, David Steindl-Rast)

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Mein erster Essay zum Thema „Gott und ich“ war der Essay „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“. In diesem gehe ich ausführlich auf meinen Kindheitsglauben, meine Zeit als Turmeremitin, David Steindl-Rast und den Buddhismus ein. Der zweite Essay „Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins“ ist eine Kurzfassung der Themen des Ersten und doch auch eine Weiterführung.

„Der Liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“, veröffentlicht im April 2017 in meinem Blog:

Von einer, die einstmals auszog die Welt zu retten und der es nicht gelungen ist

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Als sechsjähriges Mädchen, überzeugte Christin, mit einer glühenden und flammenden Liebe für Jesus Christus in meinem kindlichen Herzen  – wollte ich den Märtyrerinnentod für ihn sterben. Es sollte der Beweis der Größe meiner Liebe sein – ich wollte so leiden, wie er gelitten hat. Bei jedem Kreuzweg starb ich in Tränen aufgelöst seinen Tod mit.

Einige Zeit hat es dann gedauert um familiäre und christliche Prägungen loszuwerden. Ein lapidarer Satz für lange Jahre Aufarbeitungsgeschichte.

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Mit sechsunddreißig Jahren bezeichnete ich mich als Jeanne d’Arc, – die, die für die Armen und Entrechteten eintritt und mit wehenden Fahnen voran reitet um sie zu retten. Und später dann war ich noch immer Vorreiterin für eine Neue Welt. Ich stellte mich gegen Menschenrechtsverletzungen, war aktives Mitglied von Amnesty International, u. ä. – ich war mutig, und immer in der ersten Reihe von Protestbewegungen. Aber näher an eine Verhaftung als bei der Demonstration am 28. Oktober 1988 am Wenzelplatz in Prag kam ich nicht. Wir waren eingekesselt von Geheimpolizisten, und mein damaliger Freund zog mich im letzten Moment durch eine Lücke zurück. Das habe ich ihm lange nicht verziehen.

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Von meinem vierzigsten bis zu meinem fünfundsechzigsten Lebensjahr arbeitete ich in meiner eigenen Praxis (natürlich, wo denn sonst mit meiner Freiheitsliebe?) als Psychotherapeutin und unterstützte hunderte von Menschen unter anderem auch dabei sich aus vereinnahmenden, unterdrückenden, ausbeutenden und missbrauchenden Beziehungen und Situationen jeder Art zu befreien.

Nicht mehr ganz allein die Jeanne d’Arc. Da gab es bereits viele andere unterstützende Teile in mir auch noch, die mit den Jahrzehnten herangereift waren. Vor allem auch die durch meine buddhistischen Lehrer*innen gelernte „Liebende Güte“ (Metta).  

„Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.“ (Ursula Lyon, meine erste Meditationslehrerin).

Durch diese Veränderung des „Dagegen“ in ein „Dafür“ wurde es möglich, neue Projekte – z.B. Wohn- und Lebensprojekte mit neuen, lebensfreundlichen Strukturen, neuen Kommunikationsmethoden, etc., zu begleiten.

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Heute als Siebzigjährige, weiß ich, dass ich die Welt nicht retten kann. Und doch, hat dieser revolutionärer Antrieb / die Begeisterung / die Energie / das Feuer dazu geführt, viele Veränderungen bei Menschen bewirkt und unterstützt zu haben.

Eine Freundin sagte einmal vor Jahrzehnten zu mir „du bist wie eine Zündkerze“, und wenn das Feuer hellauf lodert, bist du schon wieder weg, und zündelst anderen Orts.“

Diese Revolutionärin, die ja noch immer ein Teil von mir ist – nichts geht verloren – hat natürlich auch mich selbst immer wieder verändert.

Heute ist sie gepaart mit viel Erfahrung und Achtsamkeit.

Heute „muss“ sie nicht mehr.

 und wieder september

erinnerung

rotglühend

ein strohfeuer

kurz

asche

düngt den boden

lass es gut sein

gut

sein

(M.K., 01 09 2020)

Heute

Und ich heute?

Früher, ja früher …

Früher konnte mein Lebensraum nicht groß genug sein.

Heute bin ich sehr froh und dankbar über mein kleines Häuschen, den Garten, der ja nicht so klein ist; meinen Sohn und liebe Menschen in meiner Nähe; die Tiere – fast könnte man sagen „meine kleine Farm“.

Was geschieht in diesen Tagen?

Wir sind damit beschäftigt, unseren großen Garten so zu gestalten, dass wir in Zukunft möglichst wenig Arbeit haben. Das bedeutet jetzt erst einmal viel Arbeit. 

Gestern haben wir die drei ca. 3 m hohen, schon viel zu lange nicht mehr geschnittenen, und damit verholzten und ineinander verschlungenen Sträucher zur Gänze abgeschnitten, – einiges davon bereits mit unserem kleinen Handwagen zur Grünschnitt-Mülldeponie gebracht. Wie wir die riesigen Wurzelstöcke raus bekommen, wissen wir noch nicht.

Diese Sträucher, größer als mein Hausdach, waren die Grenze zur Nachbarin. Ungewohnt – viel Licht in meiner Küche, freie Sicht zur Nachbarin und von ihr zu mir – und heute Morgen sitzen die Spatzen und Meisen auf den Zweigen der Thujen der Nachbarin und suchen die Sträucher. Ihr morgendliches Gezwitscher fehlt mir und ich denke auch an das Frühjahr, in dem mir das gelb der Forsythien und der Duft des Jasmin fehlen wird. Das wird mir heute Morgen alles bewusst. Und doch war es richtig. Denn die Sträucher waren so dicht ineinander mit ihren laublosen Zweigen verwachsen, dass die Blüten und Blätter nur mehr an den äußersten Rändern waren. Und dazu noch die Hollunderstämme inwendig …

Trotzdem – es fehlt …

Vor zwei Jahren hat ein Sturm unseren Marillenbaum entwurzelt, – die alten, dicken Stämme, jetzt bereits mit grünem Moos überzogen, liegen noch immer im Garten. Letztes Jahr haben wir den großen Kirschbaum abschneiden lassen. Er war morsch und immer wieder fielen Äste herab. Ein Abschied von über 80-jährigen Bäumen. Da wir aber Obst haben wollen, pflanzen wir jetzt fünf Obstbäume, die nicht höher als 3 m werden.

Die Himbeeren- und Ribiselsträucher müssen noch geschnitten und ausgelichtet werden. Brombeersträucher werden gesetzt.

Wege werden neu angelegt – trittsicher.

Ich denke wieder an die Vögel und beschließe – wir werden neue, kleinwüchsige Sträucher für sie setzen. Abgesehen davon, haben wir nicht nur eines dieser kleinen Insektenhotels – nein, wir haben eine große runde Wellness-Hotelanlage mit Keller, Erd- und Obergeschoß – ca. 5 m Durchmesser – für Kleintiere aller Art im Keller unter der Erde, und Vögel und Insekten im Obergeschoß. Die Anlage entstand durch Ablagerung von Erdaushub / Grünschnitt / Unkraut / Ästen und Zweigen schon vor mehreren Jahren – mittlerweile ist es ein eigenes Biotop – es hat sich ein ganz eigener Bewuchs gebildet – ein grüner Hügel entstand, der so stehen bleiben darf. Der Garten ist groß genug für alle …

Von der „die die Welt retten wollte und der es nicht gelungen ist“ zur Gärtnerin. Zurück zum Beginn der Lebensgeschichte der alten Frau zu dem kleinen Mädchen in Großmutters Garten. Dahin, wohin die Revolutionärin nie und nimmer zurück wollte …

Corona mit seinen Auswirkungen hat uns weiter fest im Griff. Damit haben wir noch eine weitere ruhigere Zeit für „uns“ – ich schmiere gerade Butter auf meinen Toast und denke mir, wie gut wir es haben, – denn es gibt viele, – viel zu viele Menschen, die keine Butter aufs Brot, bzw. gar kein Brot haben …

Die Revolutionärin im mir regt sich – wenn ich an die täglichen Nachrichten denke – jetzt gerade Moria – das abgebrannte Flüchtlingslager, und wenn einige es als Gefangenenlager bezeichnen, bin ich einverstanden damit; Belarus, der Diktator, der sich aufbäumt und seine hoffentlich letzten Menschrechtsverletzungen begeht; – um nur einen geringen Bruchteil der Ungeheuerlichkeiten in der Welt zu nennen – dann kommt mir meine Beschäftigung mit dem Garten banal vor.

Aber das ist nun mal die Banalität des Lebens / meines Lebens.

Von der großen Welt in die kleine – was man jetzt natürlich nicht als Allgemeingültigkeit fürs Alter nehmen darf. Für manche ältere Menschen wird die Welt im Alter größer, – meine wird kleiner.

Und wieder einmal geht es dabei nicht um eine Bewertung – um gut oder schlecht – es geht um Akzeptanz.

Leben im Jetzt

Lebenswandel

gelebte Jahre

keine Sinnsuche mehr

kein Welterklären mehr

Ungewissheiten

ungewiss sein lassen

Freude über

jeden Tag

jede Stunde

Nichts sonst

(M.K., Sommer 2019)

Gedanken über das Sterben und den Tod

Gründonnerstag, 9. April im Coronajahr 2020

Ein wunderschöner Sonnenaufgang mit blitzblauem Himmel. Es frühlingt im Garten – es zwitschert, grünt und blüht. Frühling – und doch ist es bereits Sommer. Es ist noch sehr kühl draußen, – doch später werde ich beim Gartentisch auf der Terrasse sitzen, den lärmenden Spatzen im gelben Forsythienstrauch lauschen und die Sonne auf der Haut spüren.

Das Thema Sterben und Tod beschäftigt mich schon sehr lange. Es macht mir keine Angst mehr. Ich habe mir den Tod wieder in mein Leben reingeholt – ist er doch ein Teil des Lebens. Und ich bin froh darüber. Sehe ich doch, wie die Konfrontation, jetzt – da es gar nicht anders geht, vielen Menschen Angst macht oder auch – noch immer verdrängt wird.

Ich, als erwachsene Frau, stehe dem Buddhismus nahe – mein kleines Mädchen in mir ist noch immer Christin. Und für dieses Mädchen ist es die Karwoche – heute der Tag des letzten Abendmahls und morgen, am Karfreitag, das Sterben von Jesus Christus am Kreuz. Wie könnte ich diese intensiven Gefühle in mir je vergessen. Dieses Mitleben und Erleben der Schmerzen des  Kreuzweges, und schließlich des Todes meines geliebten Jesus – vielleicht sollte ich sagen – meines Geliebten, Jesus. Ja, so war das damals.

Und ich denke an mein Sterben und meinen Tod.

Es könnte das letzte Osterfest in meinem Garten sein.

Es könnten noch viele Osterfeste folgen.

Doch – wer weiß das schon …

Heute Morgen beim Aufwachen, – noch im Bett in der Dämmerstunde, waren sie da, die Gedanken an das Sterben und den Tod. Ich werde einen Brief an meinen Sohn, meine Familie, und jeweils einige Zeilen an meine engsten Freund*innen schreiben, und diese Briefe in meine Schreibtischschublade legen. Ein paar Zeilen des Abschieds – „Macht euch keine Sorgen. Es ist gut so. Trauert um mich. Und dann lebt euer Leben in Freude und genießt es.“

Und ich denke an mein Leben – das Leben einer Wölfin, so manches Mal die Leitwölfin spielend, doch mit zunehmendem Alter immer mehr allein ihrer Lebensspur entlang schnürend.

„Was habe ich aus der Zeit meine Lebens gemacht?“ lese ich in diesen Tagen im neuesten Roman von Pascal Mercier. Das frage ich mich auch. Manchmal begleitet mich diese Frage über Tage. Um dann wieder zurückzukehren zu meinen Jetzt-Sätzen. Die Sätze, die mich mit dem Jetzt verbinden: „Lass es gut sein!“ und „Es ist, so wie es ist“.

Ja, es ist so wie es ist.

Ich werde sterben und ich werde nicht wissen wie es sein wird.

Werde ich ruhig und zufrieden sein?

Werde ich Angst haben?

Werde ich traurig sein?

Werde ich neugierig sein, so wie ich mein ganzes Leben lang neugierig war, und nachgelesen oder gegoogelt habe, bis ich die Antwort auf eine Frage erfahren habe?

Doch diesmal wird mir Google keine Antwort geben.

Ich werde es erleben – und dieses Wissen wird mit mir sterben.

Als Christenkind glaubte ich an Himmel und Hölle.

Als Buddhistin glaubte ich an die Wiedergeburt.

Jetzt – glaube ich, dass es einfach zu Ende ist.

Das große Nichts.

Foto: Monika Krampl, Naturbestattung Ruhewald Hohenegg, NÖ

Ich habe mein erstes Buch veröffentlicht!

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Große Freude – mein eigenes Buch in Händen zu halten! 

Mein Buch ist ab sofort im Verlag und in jeder Buchhandlung erhältlich! 

Über diesen Link gibt es Infos zum Buch, eine Leseprobe zum Schmökern, und Du kannst auch sofort bestellen – Paperback, Hardcover und e-Book – nach Deiner Wahl!

https://www.mymorawa.com/self-publ…/gestaltung/publizieren/…

„Altwerden ist nichts für Weicheier“ (Betty Davies)

Nachdem mich in den letzten 10 Jahren die Realität des Alterns eingeholt hat, bin ich auch dieser Meinung. Ich erzähle in Geschichten und Gedichten über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Altern.

Meine Erfahrungen – und doch wird es für viele Menschen einerseits eine Erleichterung sein, über die Mühen zu lesen (ah ja, endlich spricht es eine aus!) und andererseits eine Ermutigung, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen und schlussendlich anzufreunden. Bleibt ja auch nichts anderes übrig, wenn man nicht für die verbleibenden Jahre dahingranteln möchte!

„Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft. Früher, als das Altwerden noch nicht begonnen hatte. Ich jammere nicht. Ich halte aber nichts vom Schönreden, dass ja alles so leiwand ist mit dem Alter, aber auch nichts vom Schlechtreden. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Ja, es ist schön, und so manches Mal ist es auch mühsam. Darüber schreibe ich.

Ich freue mich, wenn es Dir gefällt – und ein herzliches Dankeschön fürs Teilen in Deinem Freund*innenkreis!

Jeschuas Rückkehr

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Ein Traum, eine Vision, ein Märchen? – wer weiß das schon …

Ich, die Erzählerin, habe in dem Blog-Beitrag „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“ geschrieben:

„ … Ich kann nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein und vieles mehr. …“

Hier zu lesen: https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/17/der-liebe-gott-und-ich/

Die folgende Erzählung habe ich im Oktober 2005 geschrieben.

Ich hatte sie vergessen.

Heute, bei der Sichtung meiner Tagebücher, habe ich sie wieder entdeckt.

Jeschuas Rückkehr.

Er tritt in mein Leben und kein Stein bleibt auf dem anderen.

Wie der Zusammensturz der Stadtmauern von Jericho durch die Posaunen oder bei der Tarot-Karte „Der Turm“.

„… und kein Stein blieb auf dem anderen …“

„Warum glaubst du nicht mehr?“ ist der erste Satz, den er zu mir sagt.

Ich weiß zwar genau was er meint, so wie ich in Zukunft immer wissen werde, was er meint. Und er weiß – was ich denke und fühle.

„Was?“ frage ich und versuche, mich diesen Augen zu entziehen. „Was oder woran glaube ich nicht mehr?“ „An Gott und die Drei-Gesichtige“ sagt er und mir bleibt der spöttisch verzogene Mund offen. Nie, noch nie in meinem Leben habe ich jemandem erzählt, dass ich die Göttin die Drei-Gesichtige nenne. Er sieht mich unverwandt an, ernst, doch mit einem unendlich liebevollen Blick, dem ich mich schon das ganze Wochenende zu entziehen versuche.

Nicht mit mir – sage ich mir immer wieder – nicht mit mir. Ich bin keine deiner esoterischen Groupies, die verzückt an deinen Lippen hängen. Ich spüre, wie der Boden unter mir zu schwanken beginnt. Ich will weg – weg von diesem mich durchschauendem und durchdringenden Blick, und gleichzeitig weiß ich – ich kann nicht weg. Wie angewurzelt und gleichzeitig doch schwankend in der Intensität dieses Blicks.

In vielen Selbsterfahrungsseminaren die ich besucht hatte – damals, noch auf der Suche nach mir selbst – habe ich gelernt, Blicken standzuhalten. Mich zu öffnen, mich zu zeigen und keine Angst zu haben vor dem Gesehenwerden und dem Sehen, so wie es die verschiedenen TrainerInnen immer bezeichneten. Doch bis jetzt habe ich es sehr selten erlebt, dass sich wirklich jemand öffnet, sich vollständig preisgibt. Auch mir fiel es nicht leicht. Sehr oft wurden Blick-Duelle daraus. Ein Machtkampf nach dem Motto – wer hält es länger aus.

Aber hier – jetzt, ist das anders.

Ich habe das Gefühl, in seine Seele zu schauen und was ich da sehe, ist unendlich. Macht mich schwanken wie einen Baum im Sturm. Ich selbst fühle mich durchschaut wie in einem Röntgengerät oder wie in einem offenen Buch, in dem er alle Seiten gleichzeitig liest. Ich kann mich nicht verstecken. Niemals – nicht hier und nicht in alle Ewigkeit.

Was gehen mir für Gedanken durch den Kopf – denke ich und sehe, dass er mich anlächelt. Er weiß es – er weiß, was ich denke.

Sein Lächeln ist – ja, wie ist es? Liebevoll, annehmend, gewährend, erotisch, herzlich.

All diese Worte  passen, und doch reichen sie nicht – die Worte.

„Du glaubst auch nicht mehr an die Liebe, an die Liebe eines Mannes und auch nicht an mich“ ergänzt er.

„Wie heißt du?“ bringe ich unter unendlicher Anstrengung heraus. Ich höre meine Stimme und erkenne sie nicht.  

„Jeschua“ sagt er, „du weißt es doch!“

Er hat Recht. In dem Moment, in dem ich die Frage an ihn formuliere, weiß ich auch bereits die Antwort. Ich nehme meine ganze Kraft, die ich noch habe und drehe mich um. Nur weg, weg von ihm – denke ich. Und – das kann doch nicht möglich sein. Ich gehe Schritt für Schritt weg von ihm. Als ich bei der Tür ankomme, sie öffne und hinausgehe, mache ich einen Blick zurück.

Er steht noch immer dort – mitten im Raum unter den anderen Menschen und sieht mir ruhig nach. Ein Leuchten ist um ihn.

„Ich werde auf die Erde kommen

und ihr werdet mich nicht erkennen …“

Nein, ich erkenne ihn nicht. Halte ihn für einen dieser neuen esoterischen Männer – für einen der „Frauenversteher“. Von den Frauen geliebt. Von den Männern bewundert oder verachtet.

Nein, ich erkenne ihn nicht – und doch weiß ich. Ich weiß, wer er ist in meinem Herzen und in meiner Seele. Ich weiß es und gleichzeitig wehrt sich alles in mir gegen dieses Wissen.

Mein Herz beginnt zu jubeln, meine Körper brennt vor Verlangen und mein Kopf sagt – mach dich nicht lächerlich, das ist Humbug, Nonsens. Doch auch da, unter dem Schleier des Verstandes, meines Intellekts, regen sich Erinnerungen, Bilder die aufblitzen und die ich sogleich wegschiebe.

Ich gehe über den Flur, die Treppe hoch zu meinem Zimmer unter dem Dach. Ziehe meine  festen Schuhe an und schlüpfe in die dicke Jacke.

Es ist mir unheimlich, ich kann mich nicht wehren gegen diese innere Bilderflut. Es ist mir, als ob eine fest verschlossene Tür geöffnet worden wäre. Ich nehme noch ein Tuch und laufe die Stiegen hinunter und aus dem Haus.

Weg, weit weg – ruft  ein Teil in mir und der andere, der immer stärker wird – geh’ zurück zu ihm. Ich gehe über den schmalen Pfad in der Wiese Richtung Wald. All meine Sinne sind  geschärft. Ich fühle den kühlen Herbstwind auf der Haut, rieche den Holzfeuergeruch, der aus dem Schornstein des Hauses hochsteigt, sehe die orangeroten Farben des Sonnenuntergangs hinter dem Wald und höre das Krächzen des Vogelschwarms über mir.

„ … Sehet die Lerche auf dem Felde …“

Als ich merke, dass ich auf direktem Weg auf das Holzkreuz am Waldrand zusteuere, ändere ich abrupt die Richtung. Nein, nicht auch das noch – denke ich, fast schon in Panik. Mein Atem beschleunigt sich ohne dass ich rascher gehe und die Bilder überfluten mich ohne Vorwarnung.

Ich bleibe stehen und drücke meine Handflächen auf mein Herz, das wie rasend pocht und ich spüre den Schmerz, den ich so gut kenne. Ich atme tief durch – Ein und Aus, Heben und Senken – so wie ich es in meiner Meditationspraxis bei meinen buddhistischen LehrerInnen gelernt habe. Ein und Aus – konzentriere ich mich auf meinen Atem, lasse die Bilder los, lasse sie einfach weiterziehen – Atmen – Loslassen.

Ja, jetzt ist es vorbei. Ich blicke auf und gehe langsam weiter, den Waldweg in den Wald hinein und den Hügel hoch. Mein Lieblingsweg, auf dem sonst kaum einer anzutreffen ist. Der Wald ist ziemlich dicht und der Weg nach oben etwas anstrengend. Genau das, was ich jetzt brauche.

Ich gehe langsam, Schritt für Schritt, und achte auf meinen Atem. Es ist nun schon fast dunkel, doch ich kenne den Weg. Etwa fünfzig Meter unter dem Hügel bleibt der Wald zurück und eine weiche Wiese bedeckt den Hügel, der oben flach ist. Als ich auf der Ebene ankomme, scheint bereits der Vollmond und die ersten Sterne werden sichtbar. Ich hülle mich fester in meine Jacke und lege das Tuch um meinen Kopf. Ein Bild blitzt auf in mir, ein anderer Hügel, eine andere Zeit, auf dem ich stehe und meinen Kopf mit einem Tuch bedecke – Schmerz. Großer Schmerz. Ich  atme tief durch und schau zum Himmel hoch.

„ Eli, Eli, lama asabtani“

Ich habe dich verlassen, Gott. Ich kann nicht mehr an dich glauben. Ich habe dich verleugnet, abgelehnt, auch weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, was deine so genannten und sich selbst ernannten Vertreter auf Erden aus dir gemacht haben.

Tränen laufen mir über das Gesicht. Aber ich spüre auch Freude in meinem Herzen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlaubte ich mir wieder mit dir, Gott, zu sprechen.

Ich freue mich – ich hebe meine Arme hoch, mein Gesicht, und schreie es laut heraus: „“Ich freue mich!“ Ich beginne mich zu drehen, dort oben am Hügel, auf dem weichen Gras unter meinen Füßen und schreie es immer wieder nach oben in den Himmel.

Plötzlich ein Bild, gegen das ich mich nicht mehr wehren kann. Ein anderer Hügel, eine andere Zeit – ich und Jeschua, uns an den Händen fassend, im Kreis drehend und nach oben blickend.

„ … und Zeit und Raum sind eins …“

Ich habe mein bestes Kleid an, gewebt in einem hellen braun/beige mit goldenen Rändern. Jeschua sagt immer zu mir, ich sähe aus wie die Wüste bei Sonnenuntergang. Joshua hat ein Kleid in einem etwas dunklerem braun an. Die Wüste nach dem Sonnenuntergang – sage ich immer lächelnd und scherzend zu ihm. Wir halten uns an den Händen und drehen uns im Kreis. Ich bin erfüllt von seiner Liebe, meiner Liebe zu ihm und zu Gott. Noch nie vorher habe ich die Intensität des Lebens und der Liebe so stark und tief gespürt wie mit ihm.

Unsere Stimmen verschlingen sich ineinander, werden eins, so wie unsere Leiber.

Er sieht mich an mit diesen Augen, denen man sich nicht entziehen kann. Ich nicht, und auch nicht all die anderen, die den Kontakt zu ihm suchen und ihm folgen. Im Anfang war ich eifersüchtig auf die vielen Frauen, die immer um ihn waren und sogar auch auf die Männer, denen er sich genauso liebevoll zuwandte. Aber bald schon merkte ich, dass seine Liebe für alle reicht, dass sie unendlich und unerschöpflich ist. Mit der Zeit fühlte ich, dass auch ich diese unendliche und unerschöpfliche Liebe in mir habe – wenn ich sie nur zulasse.

„Gehen wir?“ sagt er, zieht mich zu sich und umfasst mich mit seinen Armen.

„Die Liebe hat kein Ende und kein Ziel …“

Ich spüre seine Arme noch um mich und merke, dass ich mich selbst mit meinen Armen umfasse. Mich fröstelt und plötzlich ist eine Leere in mir, die ich gut kenne. Ich sehe mich um, meine Freude ist verflogen. Was mache ich denn da? – denke ich kopfschüttelnd. Was ist bloß los mit mir?

Über mir ist der Himmel mittlerweile voller Sterne. Es ist nicht ganz dunkel, die silberne Mondhelligkeit weist mir den Weg. Mit Bedauern sehe ich mich um und mache mich auf den Rückweg. Als ich in den Wald eintrete, bleibe ich für einen Moment stehen, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Wald ist so dicht, dass selbst das Mondlicht nicht bis auf den schmalen Pfad scheint. Ich fühle den Pfad mehr als ich ihn sehe und habe wieder das Gefühl, dass meine Sinne geschärft sind. Das Fühlen des Pfades unter meinen Füßen, die Nachtgeräusche der Tiere, der Geruch vom Waldboden – Pilze, vermodernde Blätter und Nadeln.

Ich trete aus dem Wald heraus und gehe über die Wiese auf das Haus mit den hell leuchtenden Fenstern zu. Und plötzlich ist sie wieder da, die Freude. Ich kann sie wieder spüren und fühle sie hell auflodern in meinem Herzen.

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Der Boden schwankt leicht und es ist wieder, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ein Luftzug streift mich. Ich atme tief durch, dieses mal schon weniger erschreckt. Ich sehe hinunter zu meinen nackten, braunen Füßen und der staubigen, lehmigen Straße. Ich schaue mich für einen Moment um und sehe vor mir das Haus meiner FreundInnen. Aus den Fenstern leuchtet und flackert gelber Kerzenschein. Ich höre das Stimmengewirr und das Lachen der Menschen. Fröhliche Stimmen sind es heute im Gegensatz zu anderen Zeiten, da die Stimmen öfter auch ärgerlich laut oder leise ängstlich waren. Ich trete ein.

Ich freue mich auf die Wärme des Raumes, das Essen und Trinken. Seit heute Morgen habe ich nichts mehr zu mir genommen. Der jüngste der Freunde, Thomas, kommt mir mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen entgegen. Er fasst meine Hand und zieht mich in den Raum.

„Er ist wieder da“ sagt er und seine Augen leuchten. „Er ist wieder da!“

„Ich weiß“ sage ich, und meine Augen machen sich auf die Suche nach ihm.

Er ist wieder da.

Und ich gehe zu ihm.  

(M.K., 20. Oktober 2005)