Ich habe mein erstes Buch veröffentlicht!

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Große Freude – mein eigenes Buch in Händen zu halten! 

Mein Buch ist ab sofort im Verlag und in jeder Buchhandlung erhältlich! 

Über diesen Link gibt es Infos zum Buch, eine Leseprobe zum Schmökern, und Du kannst auch sofort bestellen – Paperback, Hardcover und e-Book – nach Deiner Wahl!

https://www.mymorawa.com/self-publ…/gestaltung/publizieren/…

„Altwerden ist nichts für Weicheier“ (Betty Davies)

Nachdem mich in den letzten 10 Jahren die Realität des Alterns eingeholt hat, bin ich auch dieser Meinung. Ich erzähle in Geschichten und Gedichten über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Altern.

Meine Erfahrungen – und doch wird es für viele Menschen einerseits eine Erleichterung sein, über die Mühen zu lesen (ah ja, endlich spricht es eine aus!) und andererseits eine Ermutigung, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen und schlussendlich anzufreunden. Bleibt ja auch nichts anderes übrig, wenn man nicht für die verbleibenden Jahre dahingranteln möchte!

„Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft. Früher, als das Altwerden noch nicht begonnen hatte. Ich jammere nicht. Ich halte aber nichts vom Schönreden, dass ja alles so leiwand ist mit dem Alter, aber auch nichts vom Schlechtreden. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Ja, es ist schön, und so manches Mal ist es auch mühsam. Darüber schreibe ich.

Ich freue mich, wenn es Dir gefällt – und ein herzliches Dankeschön fürs Teilen in Deinem Freund*innenkreis!

Jeschuas Rückkehr

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Ein Traum, eine Vision, ein Märchen? – wer weiß das schon …

Ich, die Erzählerin, habe in dem Blog-Beitrag „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“ geschrieben:

„ … Ich kann nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein und vieles mehr. …“

Hier zu lesen: https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/17/der-liebe-gott-und-ich/

Die folgende Erzählung habe ich im Oktober 2005 geschrieben.

Ich hatte sie vergessen.

Heute, bei der Sichtung meiner Tagebücher, habe ich sie wieder entdeckt.

Jeschuas Rückkehr.

Er tritt in mein Leben und kein Stein bleibt auf dem anderen.

Wie der Zusammensturz der Stadtmauern von Jericho durch die Posaunen oder bei der Tarot-Karte „Der Turm“.

„… und kein Stein blieb auf dem anderen …“

„Warum glaubst du nicht mehr?“ ist der erste Satz, den er zu mir sagt.

Ich weiß zwar genau was er meint, so wie ich in Zukunft immer wissen werde, was er meint. Und er weiß – was ich denke und fühle.

„Was?“ frage ich und versuche, mich diesen Augen zu entziehen. „Was oder woran glaube ich nicht mehr?“ „An Gott und die Drei-Gesichtige“ sagt er und mir bleibt der spöttisch verzogene Mund offen. Nie, noch nie in meinem Leben habe ich jemandem erzählt, dass ich die Göttin die Drei-Gesichtige nenne. Er sieht mich unverwandt an, ernst, doch mit einem unendlich liebevollen Blick, dem ich mich schon das ganze Wochenende zu entziehen versuche.

Nicht mit mir – sage ich mir immer wieder – nicht mit mir. Ich bin keine deiner esoterischen Groupies, die verzückt an deinen Lippen hängen. Ich spüre, wie der Boden unter mir zu schwanken beginnt. Ich will weg – weg von diesem mich durchschauendem und durchdringenden Blick, und gleichzeitig weiß ich – ich kann nicht weg. Wie angewurzelt und gleichzeitig doch schwankend in der Intensität dieses Blicks.

In vielen Selbsterfahrungsseminaren die ich besucht hatte – damals, noch auf der Suche nach mir selbst – habe ich gelernt, Blicken standzuhalten. Mich zu öffnen, mich zu zeigen und keine Angst zu haben vor dem Gesehenwerden und dem Sehen, so wie es die verschiedenen TrainerInnen immer bezeichneten. Doch bis jetzt habe ich es sehr selten erlebt, dass sich wirklich jemand öffnet, sich vollständig preisgibt. Auch mir fiel es nicht leicht. Sehr oft wurden Blick-Duelle daraus. Ein Machtkampf nach dem Motto – wer hält es länger aus.

Aber hier – jetzt, ist das anders.

Ich habe das Gefühl, in seine Seele zu schauen und was ich da sehe, ist unendlich. Macht mich schwanken wie einen Baum im Sturm. Ich selbst fühle mich durchschaut wie in einem Röntgengerät oder wie in einem offenen Buch, in dem er alle Seiten gleichzeitig liest. Ich kann mich nicht verstecken. Niemals – nicht hier und nicht in alle Ewigkeit.

Was gehen mir für Gedanken durch den Kopf – denke ich und sehe, dass er mich anlächelt. Er weiß es – er weiß, was ich denke.

Sein Lächeln ist – ja, wie ist es? Liebevoll, annehmend, gewährend, erotisch, herzlich.

All diese Worte  passen, und doch reichen sie nicht – die Worte.

„Du glaubst auch nicht mehr an die Liebe, an die Liebe eines Mannes und auch nicht an mich“ ergänzt er.

„Wie heißt du?“ bringe ich unter unendlicher Anstrengung heraus. Ich höre meine Stimme und erkenne sie nicht.  

„Jeschua“ sagt er, „du weißt es doch!“

Er hat Recht. In dem Moment, in dem ich die Frage an ihn formuliere, weiß ich auch bereits die Antwort. Ich nehme meine ganze Kraft, die ich noch habe und drehe mich um. Nur weg, weg von ihm – denke ich. Und – das kann doch nicht möglich sein. Ich gehe Schritt für Schritt weg von ihm. Als ich bei der Tür ankomme, sie öffne und hinausgehe, mache ich einen Blick zurück.

Er steht noch immer dort – mitten im Raum unter den anderen Menschen und sieht mir ruhig nach. Ein Leuchten ist um ihn.

„Ich werde auf die Erde kommen

und ihr werdet mich nicht erkennen …“

Nein, ich erkenne ihn nicht. Halte ihn für einen dieser neuen esoterischen Männer – für einen der „Frauenversteher“. Von den Frauen geliebt. Von den Männern bewundert oder verachtet.

Nein, ich erkenne ihn nicht – und doch weiß ich. Ich weiß, wer er ist in meinem Herzen und in meiner Seele. Ich weiß es und gleichzeitig wehrt sich alles in mir gegen dieses Wissen.

Mein Herz beginnt zu jubeln, meine Körper brennt vor Verlangen und mein Kopf sagt – mach dich nicht lächerlich, das ist Humbug, Nonsens. Doch auch da, unter dem Schleier des Verstandes, meines Intellekts, regen sich Erinnerungen, Bilder die aufblitzen und die ich sogleich wegschiebe.

Ich gehe über den Flur, die Treppe hoch zu meinem Zimmer unter dem Dach. Ziehe meine  festen Schuhe an und schlüpfe in die dicke Jacke.

Es ist mir unheimlich, ich kann mich nicht wehren gegen diese innere Bilderflut. Es ist mir, als ob eine fest verschlossene Tür geöffnet worden wäre. Ich nehme noch ein Tuch und laufe die Stiegen hinunter und aus dem Haus.

Weg, weit weg – ruft  ein Teil in mir und der andere, der immer stärker wird – geh’ zurück zu ihm. Ich gehe über den schmalen Pfad in der Wiese Richtung Wald. All meine Sinne sind  geschärft. Ich fühle den kühlen Herbstwind auf der Haut, rieche den Holzfeuergeruch, der aus dem Schornstein des Hauses hochsteigt, sehe die orangeroten Farben des Sonnenuntergangs hinter dem Wald und höre das Krächzen des Vogelschwarms über mir.

„ … Sehet die Lerche auf dem Felde …“

Als ich merke, dass ich auf direktem Weg auf das Holzkreuz am Waldrand zusteuere, ändere ich abrupt die Richtung. Nein, nicht auch das noch – denke ich, fast schon in Panik. Mein Atem beschleunigt sich ohne dass ich rascher gehe und die Bilder überfluten mich ohne Vorwarnung.

Ich bleibe stehen und drücke meine Handflächen auf mein Herz, das wie rasend pocht und ich spüre den Schmerz, den ich so gut kenne. Ich atme tief durch – Ein und Aus, Heben und Senken – so wie ich es in meiner Meditationspraxis bei meinen buddhistischen LehrerInnen gelernt habe. Ein und Aus – konzentriere ich mich auf meinen Atem, lasse die Bilder los, lasse sie einfach weiterziehen – Atmen – Loslassen.

Ja, jetzt ist es vorbei. Ich blicke auf und gehe langsam weiter, den Waldweg in den Wald hinein und den Hügel hoch. Mein Lieblingsweg, auf dem sonst kaum einer anzutreffen ist. Der Wald ist ziemlich dicht und der Weg nach oben etwas anstrengend. Genau das, was ich jetzt brauche.

Ich gehe langsam, Schritt für Schritt, und achte auf meinen Atem. Es ist nun schon fast dunkel, doch ich kenne den Weg. Etwa fünfzig Meter unter dem Hügel bleibt der Wald zurück und eine weiche Wiese bedeckt den Hügel, der oben flach ist. Als ich auf der Ebene ankomme, scheint bereits der Vollmond und die ersten Sterne werden sichtbar. Ich hülle mich fester in meine Jacke und lege das Tuch um meinen Kopf. Ein Bild blitzt auf in mir, ein anderer Hügel, eine andere Zeit, auf dem ich stehe und meinen Kopf mit einem Tuch bedecke – Schmerz. Großer Schmerz. Ich  atme tief durch und schau zum Himmel hoch.

„ Eli, Eli, lama asabtani“

Ich habe dich verlassen, Gott. Ich kann nicht mehr an dich glauben. Ich habe dich verleugnet, abgelehnt, auch weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, was deine so genannten und sich selbst ernannten Vertreter auf Erden aus dir gemacht haben.

Tränen laufen mir über das Gesicht. Aber ich spüre auch Freude in meinem Herzen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlaubte ich mir wieder mit dir, Gott, zu sprechen.

Ich freue mich – ich hebe meine Arme hoch, mein Gesicht, und schreie es laut heraus: „“Ich freue mich!“ Ich beginne mich zu drehen, dort oben am Hügel, auf dem weichen Gras unter meinen Füßen und schreie es immer wieder nach oben in den Himmel.

Plötzlich ein Bild, gegen das ich mich nicht mehr wehren kann. Ein anderer Hügel, eine andere Zeit – ich und Jeschua, uns an den Händen fassend, im Kreis drehend und nach oben blickend.

„ … und Zeit und Raum sind eins …“

Ich habe mein bestes Kleid an, gewebt in einem hellen braun/beige mit goldenen Rändern. Jeschua sagt immer zu mir, ich sähe aus wie die Wüste bei Sonnenuntergang. Joshua hat ein Kleid in einem etwas dunklerem braun an. Die Wüste nach dem Sonnenuntergang – sage ich immer lächelnd und scherzend zu ihm. Wir halten uns an den Händen und drehen uns im Kreis. Ich bin erfüllt von seiner Liebe, meiner Liebe zu ihm und zu Gott. Noch nie vorher habe ich die Intensität des Lebens und der Liebe so stark und tief gespürt wie mit ihm.

Unsere Stimmen verschlingen sich ineinander, werden eins, so wie unsere Leiber.

Er sieht mich an mit diesen Augen, denen man sich nicht entziehen kann. Ich nicht, und auch nicht all die anderen, die den Kontakt zu ihm suchen und ihm folgen. Im Anfang war ich eifersüchtig auf die vielen Frauen, die immer um ihn waren und sogar auch auf die Männer, denen er sich genauso liebevoll zuwandte. Aber bald schon merkte ich, dass seine Liebe für alle reicht, dass sie unendlich und unerschöpflich ist. Mit der Zeit fühlte ich, dass auch ich diese unendliche und unerschöpfliche Liebe in mir habe – wenn ich sie nur zulasse.

„Gehen wir?“ sagt er, zieht mich zu sich und umfasst mich mit seinen Armen.

„Die Liebe hat kein Ende und kein Ziel …“

Ich spüre seine Arme noch um mich und merke, dass ich mich selbst mit meinen Armen umfasse. Mich fröstelt und plötzlich ist eine Leere in mir, die ich gut kenne. Ich sehe mich um, meine Freude ist verflogen. Was mache ich denn da? – denke ich kopfschüttelnd. Was ist bloß los mit mir?

Über mir ist der Himmel mittlerweile voller Sterne. Es ist nicht ganz dunkel, die silberne Mondhelligkeit weist mir den Weg. Mit Bedauern sehe ich mich um und mache mich auf den Rückweg. Als ich in den Wald eintrete, bleibe ich für einen Moment stehen, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Wald ist so dicht, dass selbst das Mondlicht nicht bis auf den schmalen Pfad scheint. Ich fühle den Pfad mehr als ich ihn sehe und habe wieder das Gefühl, dass meine Sinne geschärft sind. Das Fühlen des Pfades unter meinen Füßen, die Nachtgeräusche der Tiere, der Geruch vom Waldboden – Pilze, vermodernde Blätter und Nadeln.

Ich trete aus dem Wald heraus und gehe über die Wiese auf das Haus mit den hell leuchtenden Fenstern zu. Und plötzlich ist sie wieder da, die Freude. Ich kann sie wieder spüren und fühle sie hell auflodern in meinem Herzen.

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Der Boden schwankt leicht und es ist wieder, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ein Luftzug streift mich. Ich atme tief durch, dieses mal schon weniger erschreckt. Ich sehe hinunter zu meinen nackten, braunen Füßen und der staubigen, lehmigen Straße. Ich schaue mich für einen Moment um und sehe vor mir das Haus meiner FreundInnen. Aus den Fenstern leuchtet und flackert gelber Kerzenschein. Ich höre das Stimmengewirr und das Lachen der Menschen. Fröhliche Stimmen sind es heute im Gegensatz zu anderen Zeiten, da die Stimmen öfter auch ärgerlich laut oder leise ängstlich waren. Ich trete ein.

Ich freue mich auf die Wärme des Raumes, das Essen und Trinken. Seit heute Morgen habe ich nichts mehr zu mir genommen. Der jüngste der Freunde, Thomas, kommt mir mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen entgegen. Er fasst meine Hand und zieht mich in den Raum.

„Er ist wieder da“ sagt er und seine Augen leuchten. „Er ist wieder da!“

„Ich weiß“ sage ich, und meine Augen machen sich auf die Suche nach ihm.

Er ist wieder da.

Und ich gehe zu ihm.  

(M.K., 20. Oktober 2005)

 

Vom sichtbaren Selbst des Mädchens zum wahren Selbst der Erwachsenen

Meditation Stille

So wie alle kleinen Mädchen betrachtete ich mich gerne im Spiegel. Mein Gesicht studierend – mich ansehend / mich ausprobierend – Faxen schneiden. Ich suchte mich. Ich suchte Selbstbestätigung – die Bestätigung des sichtbaren Selbst. So sehe ich aus. Das bin ich.

Der Spiegel war sehr klein. Rechteckig, ohne Einfassung, ohne Schnörkel und Verzierungen. Ein Gebrauchsgegenstand. Für die Männer zum Rasieren. Mehr nicht.

Doch Großmutter sah das gar nicht gerne, wenn ich vor dem Spiegel stand.  Im Gegenteil – sie warnte vor der Hoffart. „Sei nicht hoffärtig“, sagte sie, „das ist eine Todsünde“, und meinte damit die 1. Todsünde, den Stolz. Die etymologische Bedeutung des Wortes, die assimilierte Form vom mhd. hōchvart – bedeutet „Hochsinn, edler Stolz, äußerer Glanz, Pracht, Aufwand, Übermut“.

Und diese Eigenschaften – diese Eigenschaften waren erst recht verboten. Vor allem für Mädchen. Das passte nicht zu stillen, ordentlichen und sauberen Mädchen – so wie ich eines sein sollte und für lange Zeit auch war.  

Großmutter warnte immer wieder, wenn sie mich doch wieder vor dem Spiegel erwischte: „Schau nicht in den Spiegel, da kommt der Teufel raus!“ Für Großmutter – und daher auch für mich – war der Teufel damals genauso präsent wie Gott. Und vor allem hatte er auch viel Macht. Über Gott nicht, nein. Obwohl Gott immer ein Auge auf ihn haben musste. Aber er hatte Macht über Menschen und vor allem über so kleine Mädchen wie mich, die nicht immer brav waren.

Später, sehr viel später, erinnerte ich mich an diesen Satz mit dem Spiegel und dem Teufel –  als ich die Zeilen las:

 

Du lebst im Sichtbaren

Wie kannst Du es trotzdem

Meiden?

 

Du lebst im Sichtbaren

Mußt Du es deshalb

Fliehen?

 

Du blickst Dich im Spiegel an

Doch blickt der Spiegel auf Dich?

Was siehst Du im Spiegel?

 

Siehst Du Dich?

 

Muss das sichtbare Selbst nicht erst wissen, dass es ein sichtbares Selbst ist, um es Loslassen zu können? Durch das Sich-selbst-loslassen zum wahren Selbst zu kommen?

 

Wie erkennt man

Das wahre Selbst

 

Indem man

Nicht mehr

In den

Spiegel

Blickt

 

Und damit hat sie dann doch recht behalten, die Großmutter – „indem man nicht mehr in den Spiegel blickt“ …

 

Beide Gedichte: Chao-Hsiu Chen: Im Tempel der Stille. Gustav Lübbe Verlag

Chao-Hsiu Chen wurde in Taiwan geboren, wo sie in den alten Weisheiten des Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus unterwiesen wurde. Sie studierte klassische Musik in Wien und Salzburg und arbeitet als Schriftstellerin, Malerin und Komponistin in Rom und München.

 

                                   

Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete

Buddhismus

Ich wurde in eine katholische Familie hineingeboren.

Nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt habe ich die Kirchturmspitze der Kirche meiner Kindheit täglich vor Augen, und meine Gedanken beschäftigen sich unweigerlich immer wieder mit meinem Kindheitsglauben und dem Herausfallen aus meiner Gläubigkeit.

Als Kind fühlte ich mich sehr aufgehoben in meinem Glauben und den Ritualen in der Kirche. Ich ging gerne mit meiner Großmutter in die Kirche. Die Kirche in unserem Stadtteil war ca. einen Kilometer von unserem Haus entfernt. Im Sommer setzte mich meine Großmutter in den Kindersitz auf ihrem Fahrrad. Im Winter stapften wir durch den hohen Schnee. Ich liebte die Festtage und die Maiandachten. Besonders angetan hatten es mir jedoch die Kreuzwegandachten. Das Leiden von Christus am Kreuz. Dazu kamen noch die vielen Geschichten im Katechismus über die Leiden der Märtyrer. Ich wollte auch Leiden.

Mit 6 Jahren war mein innigster Wunsch Märtyrerin zu werden – mein Leben für Jesus hinzugeben. Ein halbes Jahr später sprach ich mit unserem Pfarrer. Ich sagte ihm, dass ich einen Brief an den Papst schreiben möchte, da ich es nicht gerecht finde, dass meine Mutter, weil sie geschieden ist, nun nicht mehr zur Kommunion gehen darf. Ich sagte ihm, ich möchte dem Papst erklären, warum er bei meiner Mutter eine Ausnahme machen muss. Der Pfarrer erklärte mir – der 6-jährigen, dass dies nichts bringen wird, da der Papst keine Ausnahme machen könne. Dies sei Kirchengesetz. Das war 1956. Meine erste große Enttäuschung. Der Märtyrerinnenwunsch verschwand einige Zeit später. 

Aus der katholischen Kirche ausgetreten bin ich mit ca. 30 Jahren. Doch das Christentum war lange Zeit meine Heimat und ist ein Teil meiner Vergangenheit. Seit der Zeit meines Kirchenaustritts beschäftigt mich meine Auseinandersetzung mit Gott und Jesus. 

Könnte ich schon lange sagen – ich glaube nicht mehr, wenn da nicht meine mystischen Erlebnisse aus meiner Kindheit in der Kirche wären. Und die mystischen Erlebnisse meiner Klosteraufenthalte als Erwachsene. Besonders die Erlebnisse meiner Kindheit, in der ein tief verbundener und nicht in Frage gestellter Glaube in mir war, haben nicht nur einen tiefen Eindruck hinterlassen – sie sind ein wunderbares Erlebnis in mir. Ein wahrer Schatz.

Ich kann nicht sagen – ich glaube nicht, wenn ich solches erlebt habe.

Ich könnte jetzt noch viele Erlebnisse in der Kirche aufzählen. Ich habe mich sehr aufgehoben und auch beschützt gefühlt. Das vermisse ich.

Jetzt wird es kompliziert: Ich kann es nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein.

Nach einer Diskussionsveranstaltung mit dem von mir sehr geschätzten Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, und als solcher im Dialog zwischen westlicher und östlicher Spiritualität, habe ich mir sein Buch „Credo“ gekauft. Das christliche Glaubensbekenntnis, das auch ich abgelegt habe, und das ich schon lange nicht mehr aussprechen kann. Es besteht nur aus 77 Worten. 
Steindl-Rast setzt sich mit jedem Satz / mit jedem Wort dieses Credo sehr gezielt und achtsam auseinander. Er stellt dazu jeweils die drei Fragen: 
„Was heißt das eigentlich?“ 
„Woher wissen wir das?“
„Warum ist das so wichtig?“

Er beantwortet die Fragen mit seinen Gedanken dazu und auch seinen persönlichen Erlebnissen. Seit Jahren lese ich in dem Buch. Immer und immer wieder. Jeder Satz von ihm regt zum Nachdenken an. Und ich bin noch lange nicht fertig damit …

Ich bringe ein längeres Zitat aus der Einleitung des Buches. Er bezieht besonders die aus der Kirche Ausgetretenen mit ein. Es gefällt mir sehr gut, obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin. Aber so ist das. Und jedes Nichteinverstandensein führt zu neuem Nachdenken. Seine Frage in dem Absatz: „Wohin führt dieser Schritt des Austretens?“ – kann ich erst einmal beantworten – zu einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Christentum, und zur Hinwendung zum Buddhismus.

Zu Ende ist es noch lange nicht, und vielleicht auch nie. 

Das Zitat aus David Steindl-Rasts Buch :
„Ein Leserkreis, für den dieses Buch besondere Bedeutung haben könnte, sind die aus der Kirche Ausgetretenen. Sie nehmen nämlich in vielen Fällen den Glauben besonders ernst, ernst genug jedenfalls für einen öffentlichen Schritt wie den Kirchenaustritt. Das verlangt Respekt. Es führt aber auch zu der Frage: Wohin führt dieser Schritt des Austretens? Da hilft mir ein Bild aus meiner Jugend in Wien: Wenn die Donau ins Überschwemmungsgebiet austritt, dann verlässt sie ihren alten Lauf gar nicht, sondern schließt vielmehr weitere Gebiete ein. Es scheint, dass wir berechtigt sind, das Austreten vieler Christen in diesem Sinn zu verstehen. Indem sie aus einer Kirche austreten, die ihnen zu eng geworden ist, schließen sie sich gar nicht aus, sondern sie schließen dadurch vieles ein, was zu einem umfassenderen Verständnis von Kirche und Glauben gehört.“

Das Bild des Überschwemmungsgebietes gefällt mir. Viele weitere Gebiete sind dazu gekommen. Eine Bereicherung. Die Kirche ist mir nicht nur zu eng geworden. Vieles gefällt mir nicht und lehne ich ab: Den Allmachtsanspruch über das Leben der Menschen bestimmen zu können; den Reichtum „auf Erden“ – Pomp und Prunk; den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt; das Vertuschen von Fehlern. Missbrauch, Gewalt; etc. 

Ich brauche kein „umfassenderes Verständnis von Kirche“ – ich habe verstanden, wie die jetzige Kirche funktioniert. 

2009 war ich für eine Woche Turmeremitin im Mariendom in Linz.

Linz war in diesem Jahr Kulturhauptstadt und es war eines der Projekte. Jede Woche gab es eine/n andere/n TurmeremitIn.

Man konnte sich bewerben, und ich wurde genommen. Und wieder war es eine Begegnung mit dem Christentum. Ich war dort ohne Handy und ohne meine eigenen Bücher. Auf einem schmalen Bücherbord in der kleinen Türmerstube, hoch über den Dächern von Linz, standen vielleicht fünf Bücher. Eines davon war „Das Buch meine Lebens“ von Teresa von Avila, (1515 – 1582). Sie trat mit 21 Jahren in das Karmelitinnenkloster ihrer Heimatstadt ein und gründete selbst 17 Klöster. Auch in diesem Buch lese ich seit Jahren, finde ich mich doch in vielen ihrer beschriebenen Erfahrungen in der Meditation wieder.

Mein spiritueller Betreuer in der Zeit, ein evangelischer Pfarrer, sagte zu mir: „Mit all deinem Zweifel bist du Gott näher als so mancher Gläubige“. 

Das glaube ich manchmal auch, manchmal nicht …

Vor 35 Jahren habe ich den Buddhismus kennen gelernt und ihn studiert. Meine schönsten und tiefgreifendsten Meditationserfahrungen machte ich in einem buddhistischen Kloster in Sri Lanka.

Als mein zweiter Ehemann und ich 1982 nach einer dreimonatigen Rucksackreise durch Indien und Sri Lanka zurückkamen, besuchten wir die wöchentlichen Yoga- und Meditationsabende im Buddhistischen Zentrum in Wien. Das Fernsehen wollte einen Bericht über Yoga und Meditation bringen und filmte an einem der Abende. Als der Film ausgestrahlt wurde, sah in zufällig meine Mutter und deren Nachbarin. Damals hat man auch noch gemeinsam ferngesehen. Wenn man keinen eigenen Fernseher hatte, ging man zum Nachbarn. Meine Mutter rief mich daraufhin – es war 1982, also am Festnetztelefon – an. Sie sei entsetzt und habe sich geschämt vor der Nachbarin, meinte sie, da wir jetzt offensichtlich bei einer Sekte seien. So war das damals. Es ist erst 36 Jahre her und doch hört es sich an, wie aus einer anderen Zeit.

Ich bezeichne mich als christliche Buddhistin.

Der Buddhismus ist zwar in Österreich als Religionsgemeinschaft eingetragen und anerkannt, doch ist er keine Religion, weil es keinen Gott gibt. Obwohl er von vielen als Religion gesehen wird, betrachte ich ihn als eine Lehrtradition. Der Buddhismus gibt Antworten auf die großen Fragen der Religionen – zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens oder nach dem Leben nach dem Tod.

Die Lehren Buddhas haben meinem Leben eine Ausrichtung gegeben, die ich sehr schätze. Achtsamkeit im Alltag; das Leben im Hier und Jetzt; die Übernahme der Eigenverantwortung, speziell für das eigene Leid und einen guten Weg für die Auflösung des Leids. 

Alles Böse zu vermeiden, das Gute zu kultivieren und seine Gedanken zu reinigen – das ist die Lehre Buddhas.

(aus dem Dhammapada)

Das Gottes-Bild meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Es ist wie ein schönes Märchen – der alte Mann mit seinem langen Bart und den wallenden Gewändern. 

Steindl-Rast schreibt, er selbst verwende oft die Ausdrücke: „Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“, „Quelle aller Lebendigkeit“. 
Der fast bildlose Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins: 

„Ground ob being, and granite of it: past all / Grasp, God“ – „Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem / Begreifen, Gott“.

Wenn ich an das Gefühl in meinen Meditationen denke – Bilder gibt es da keine – würde ich dieses Gefühl als ein gleichzeitiges „Nichts und eine Allverbundenheit“ beschreiben. Wenn ich in diesem Gefühl ankomme, ist es wie ein „Heimkommen“. 
So schön, dass die Tränen fließen …
Selbstbildnis

Es interessiert mich nicht, ob es einen
Gott gibt oder viele Götter.
Ich möchte wissen, ob du
dazugehörst oder dich verlassen fühlst,
ob du Verzweiflung kennst und sie erkennen kannst
in andern. Ich möchte wissen,
ob du zu leben bereit bis in der Welt
mit ihrem harten Zwang,
dich zu verändern. Ob du zurückschauen kannst
mit festem Blick und sagen:
„Hier stehe ich“. Ich möchte wissen,
ob du es verstehst,
in die feurige Lebenshitze hineinzuschmelzen,
hineinzufallen
mitten in deine Sehnsucht. Ich möchte wissen,
ob du bereit bist,
Tag für Tag die Folgen der Liebe zu ertragen
und die ungewollte bittere Leidenschaft
deiner unausweichlichen Niederlage.

In dieser feurigen Umarmung, heißt es,
reden selbst die Götter von Gott.

(David Whyte)

 

 

 

 

Die Turmeremiten

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2009 war ich für eine Woche Turmeremitin im Mariendom in Linz. Ich habe hier in einem Beitrag bereits darüber berichtet. (Unter dem Schlagwort „Eremitin“ suchen)

2011 hat der ORF eine sehr schöne Dokumentation mit verschiedenen EremitInnen, die so wie ich eine Woche in der Türmerstube waren, gemacht. In dieser Dokumentation berichten die EremitInnen nicht nur über ihre Erfahrungen, man bekommt auch einen Einblick in die Türmer- und Glockenstube, die Wendeltreppe mit den vielen Stiegen und in das Innere des Domes sehen, der nachts der Eremitin allein gehört …

In dem folgenden Link gibt es die Aufzeichnung zu sehen.

Oder: Dienstag, 31. Jänner 2017, 23:25, wird die Doku auch nochmals auf ORF2 ausgestrahlt.

http://tvthek.orf.at/program/Archiv/7648449/Stille-ueber-der-Stadt-Die-Turmeremiten/7991438/Stille-ueber-der-Stadt-Die-Turmeremiten/7991439