Brief an eine Freundin über unseren verschiedenen Umgang mit Erinnerungen

ErinnerungsKoffer Yuval Yairi

Liebe Freundin,

gestern haben wir uns über Lebens-Erinnerungen und den Umgang damit unterhalten. Dein Umgang damit ist ein anderer als meiner. Und das ist gut so. Leben wir doch unsere Leben sehr verschieden. Es einfach so stehen lassen zu können, ist Grundlage für eine gute und lebenslange Freundschaft. Für diese Freundschaft mit Dir bin ich sehr dankbar. Das möchte ich auch einmal sagen, liebe Freundin.

Manche Gespräche sind sehr anregend und sie bringen etwas ins Schwingen.

So auch unser gestriges Gespräch über die Lebens-Erinnerungen. Es hatte ein „Nachspiel“. Nun könnte man sagen „Zufall“ – aber ich glaube nicht an den Zufall – vielleicht eher an den „Unbewusstfall“ …

In den Schlaflosstunden des heutigen Morgens – zwar kein Junimorgen, aber ein Aprilmorgen – nahm ich mir den Gedichtband von Tomas Tranströmer und las:

„Die Erinnerungen sehen mich

Ein Junimorgen: Zum Aufwachen zu früh,

doch zu spät zum Weiterschlafen.

Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.

Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen

mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

Dieses Gedicht ist wunderschön! In wenigen Worten drückt es meine Wahrnehmungen aus:

„Die Erinnerungen sehen mich“ und „sie sind so nah, dass ich sie atmen höre“.

Es heißt ja, Orte haben eine Seele. Karen Blixen lässt ihre Protagonistin in dem Buch „Jenseits von Afrika“ bei ihrem Abschied von Kenia sagen: „… wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?“

Und wenn ich gestern erwähnte, wie ich jetzt nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt auf Schritt und Tritt bei meinen Hundespaziergängen auf Erinnerungen treffe, dann habe ich sehr oft das Gefühl – „die Erinnerungen sehen mich“.

Und ich sehe die Schatten meines jüngeren Ich an den Fenstern der verschiedenen Wohnungen stehen, in denen ich damals gelebt habe. Und ich weiß über die Gefühle der jungen Frau von damals und ich kann sie spüren. Die Junge von damals hatte noch keine Ahnung von der Alten. Die Alte, jetzt hingegen, kennt die Junge sehr gut – ach, könnte ich meine Arme tröstend und wissend um sie legen.

Aber nicht nur meine Wohnungen sehen mich, auch die vielen Plätze.

Der kleine Hügel neben der Bahn, auf dem ich als Kleinkind mit meiner Mutter rodelte – wie viel Schnee es damals gab; der Feldweg nach dem nächsten Dorf, auf dem ich auf meinem Kinderfahrrad mit 5 Jahren mit meiner Großmutter zu Frau P. fuhr – meine Großmutter auf ihrem Rad vorneweg und wenn meine kleinen Füße nicht mehr konnten, zog sie mich an den Ärmeln ihrer ausgezogenen Weste wie an einem Seil hinterher; den etwas größeren Hügel, auf dem im Winter die Jungenclique sich eine Sprungschanze gebaut hatte und ich mit Bewunderung und viel Kribbeln im Bauch meiner ersten großen Liebe und späterem Ehemann bei seinen gewagten Sprüngen zusah; die drei Stiegen zum Eingang des ehemaligen Kino hinauf, das heute kein Kino mehr ist sondern ein Sportgeschäft, auf denen ich oben stehend und damit auf Augenhöhe, meinen ganzen Mut zusammennehmend, und ihn – meine Liebe ansprach – wie mutig für die 14-jährige!

Wie könne ich schreiben, hätte ich nicht all diese Erinnerungen?

Wie könnte ich schreiben, könnte ich nicht all diese Gefühle noch fühlen?

Ja sogar: Wie könnte ich schreiben, ohne meine zeitweilige Manie und die depressiven Verstimmungen, die in meinem Innersten wühlen und so manches aufwühlen und zum Vorschein bringen, mit dem ich mich dann auseinandersetzen „muss“ – einfach weil es da ist und ich das auch will …

Wie könnte ich schreiben ohne meine Widersprüchlichkeiten, meine Trauer, meinen Zorn, meine Unsicherheiten?

Wie könnte ich schreiben ohne das Verlustgefühl des Lebens der jungen, grenzenlos und hemmungslos lebenden Frau, die mir doch noch so nahe ist?

Wie könnte ich schreiben ohne Erinnerung an das exzessive und leidenschaftliche Leben der Frau von früher, die Glücksmomente?

Wie könnte ich aber auch schreiben, ohne die stille Zufriedenheit, das Staunen, meine Ehrfurcht und Dankbarkeit von heute?

„Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

 

Du sagtest, Du packst Deine Erinnerungen in eine Ecke und möchtest nichts damit zu tun haben. Dir gehe es besser ohne Deine Erinnerungen. Ich kann Dich verstehen, weil ich Dich gut genug kenne, um zu sehen, dass es Dir mit Deiner Art besser geht. So ist das. So unterschiedlich. Und das ist gut so.

Ich wünsche Dir viele wunderschöne Tage, liebe Freundin.

Wir leben unsere Leben so gut es uns möglich ist – jede auf ihre eigene Art und Weise – und doch verlieren wir uns nicht aus den Augen und aus dem Sinn …

Deine Freundin Monika

 

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Meine Lebensbegleitung – die Melancholie

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Gefühle willkommen heißen

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt mich allen Gefühlen hinzugeben und mich in ihnen wohlzufühlen. Nicht nur in Freude / Liebe/ Glück – auch in Trauer / Schmerz / Wut – und vor allem in meiner Melancholie.

Unterschied zwischen Depression und Melancholie

Es hat lange gedauert, den Unterschied zwischen Depression und Melancholie zu begreifen. Diese verschiedene Art von Zuständen. Ja, ich habe immer wieder depressive Phasen. Depression ist für mich eine schwere, bodenlose Traurigkeit, ein Hinabgleiten in ein Dunkel in dem es keinen Boden mehr gibt. Haltlos, mein Kopf wie in Watte gepackt – ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht kommunizieren und auch nicht nach Außen gehen. Ich bin nicht wirklich da. Es ist durchaus auch ein allgemeiner Weltschmerz. Erfreulicherweise werden diese Zustände jetzt im Alter immer kürzer.

Vom Glück des produktiven Traurigseins

Aber – ich wollte doch über meine Melancholie schreiben. Melancholie ist eine leise, leichte Traurigkeit. Ich möchte fast sagen, eine beschwingte Traurigkeit. Ich spüre – im Gegensatz zur Depression – den Boden unter meinen Füßen. Ich bin da.

„Melancholie – vom Glück des produktiven Traurigseins“ ist der Titel eines Salzburger Nachtstudios. Ich finde, das ist eine  passende Beschreibung für meine Erfahrung mit der Melancholie. Ich liebe meine Melancholie, ich schwelge in meiner Melancholie – und ja, so manches Mal macht sie mich auch glücklich. Wenn sie da ist, kann ich mich hineinschmiegen wie in eine weiche Tuchent. Ich liebe das Abtauchen in tiefere Dimensionen, Abgründe, Nachdenklichkeiten und in meine Seele.

Der Beginn

Ich denke, eine tiefe Traurigkeit, die zukünftige Melancholie, kam in mein Leben als ich 2 Jahre alt war und mein Vater uns verlassen hat. Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich stelle es mir vor. Die Kleine von damals hat sich auch ein Stück von der Welt zurückgezogen, war lieber in ihren Märchenbüchern zu Hause, die ihr die Großmutter vorgelesen hat. Mit 5 konnte sie bereits lesen. Ihre Welt war der Garten der Großmutter und ihre Bücher.

Die Liebe zu den Büchern eine Lebenslange. Das Schreiben kam später dazu.

1964 Die Sehnsucht nach Liebe

Zum ersten Mal bewusst in mein Leben kam die Melancholie – wie könnte es anders sein – in meiner Pubertät. 1964 war ich 14 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Damals machten meine Eltern und ich die ersten Urlaubsreisen nach Italien – Rimini, Riccione, Ravenna, Cesenatico! Diese fremden  Klänge allein weckten bereits Sehnsüchte. In der 14-jährigen damals auch die schmerzliche Sehnsucht nach Sommernächten am Strand im Arm ihres Liebsten. Ach, konnte der küssen! Unerfüllte und verbotene Sehnsüchte der 14-jährigen.

1964 veröffentlichten die BAMBIS (zwei Wiener und zwei Bayer!) ihre Liebeskummer-Schnulze „Melancholie“. Der Sänger der Band, Mandy Oswald, hatte einen italienischen Akzent angenommen, um die Sehnsucht nach einem Urlaub in Italien noch zu verstärken. Die Nummer lief rund um die Uhr – verbunden mit ewig feuchten Augen, viel Herzschmerz und Rückzug in die Tiefen der Welt der 14-jährigen. Das kam an. Nicht nur bei mir. Mit dieser Nummer schaffte die Band es, „A hard day’s night“ von den Beatles vom ersten Platz der österreichischen Charts zu verdrängen.

2017 Der Klang eines Schmerzes

Heute lässt mich Melancholie sehr genau hinschauen auf meine Erinnerungen – mit einem milden Blick. Sind es schmerzliche Erinnerungen, ist es nicht mehr der abgrundtiefe Schmerz – es ist eher ein Nachklingen eines Schmerzes. Der Klang eines Schmerzes. Sind es erfreuliche Erinnerungen, ist kein schmerzliches Sehnen danach da, sondern eine mehr oder weniger leise oder auch laute Freude darüber, dass dies in meinem Leben war.

Melancholie ist auch sehr oft die Muse für meine Gedichte. Manchmal ist es auch die reine Freude. Wenn ich mir meine Gedichte der früheren Jahre durchlese, war es zumeist der Schmerz.

Die Glücksforschung betont, dass Melancholie in unserer säkularen Welt vonnöten ist, denn wer Unglücklichsein nicht kennt, kann auch Lebenstiefe nicht wertschätzen.

Mein Bild dazu ist ein Pendel. Wenn ich das Pendel nicht vollständig / bis zum letzten Anschlag auf die eine Seite ausschlagen lasse (Schmerz / Traurigkeit), dann wird es auch nicht bis zum letzten Anschlag auf die andere Seite (Glück / Lust) ausschlagen.

Peak experience – Gipfelerlebnis! Grenzwanderungen von einem Gipfel zum anderen.

Aber, das ist schon wieder eine andere Geschichte …

 

Der Link zur Herz-Schmerz-Schnulze „Melancholie“ von den Bambis: https://www.youtube.com/watch?v=yPFyxiXJ9K

 

 

 

 

Depression

Depression

I

Depression

Lauert

Im Hintergrund

Ambivalenz

Zwischen

Lust und Absturz

Fallenlassen

Wohin

 

Unverstandene Seele

Unverstandenes Leben

 

Leben wollen

Wie

 

Fallenlassen

In die Unendlichkeit

 

Unendliche Depression

 

II

Krähenformationen

Fliegen

Auf ihre Schlafbäume

Draußen

Wolkenhimmel

Ungemütlich feucht

Und doch

Drinnen

Im Haus

Gemütlich warm

Kerzenlicht

 

Fensterweiter Ausblick

Leichtigkeit

Spüren wollen

 

Die Dumpfheit des Kopfes

Depression lauert

Breitet sich aus

Immer wieder

Lähmt

Lebendigkeit

Rückt in die Ferne

Schwindet

 

Unbehagen

Breitet sich aus

Nicht wissen

Nichts wissen

Übelkeit

 

Lass den Kelch vorübergehen

Lass es

Lass es

 

Weinen in der Kehle

Das Herz reißt aus

Krampft

Schließt sich ein

Will nicht mehr

 

Will nicht mehr lieben

Einst als die Liebe noch schön war

Leicht

Unbeschwert

Fröhlich

 

Schmerz zerreißt die Stille

Jede Faser wehrt sich

Vor dem Schmerz

Alles rückt weg

In unendliche Ferne

Unerreichbar

Dieser Zustand

Der einmal war

 

Damals

Als das Leben noch leicht war

Und unbeschwert

 

III

Loslassen

Im Fluss sein

Oder

Am Ufer verankert

Oder

In den Strudel gezogen

In die Unterwelt

Ersticken

Ertrinken

Luft anhalten

Durch tauchen

Auftauchen

Im Fluss sein

 

IV

Hoffen und bangen

Guter Hoffnung sein

Bis zum letzten Atemzug

Das Gehirn denkt weiter

Über den Tod hinaus

Zumindest

Zwei Minuten lang

(M.K., 2012)