Ich hatte einen Traum

Im März 1996 hat die österr. Frauenzeitschrift „AUF“ meine Erzählung über das Leben meiner Großmutter veröffentlicht. Meine Großmutter lebte damals noch und sie hatte eine „schamhafte Freude“ über diese Veröffentlichung. Scham – weil wir sie und ihr Frauenleben so wichtig nahmen. Es sind ihre Erzählungen über den Tod ihrer Mutter als sie drei Jahre alt war enthalten – „… sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir neben der toten Mutter …“ ebenso wie über ihre Dienstmädchenzeit in Wien und dass sie diejenige ist, die ihrem Mann immer Mut macht. Außerdem sind Auszüge aus den Briefen ihres Mannes enthalten, die er ihr aus Russland schreibt – „… mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss …“

Ich habe die Erzählung meiner Großmutter, einem Dienstmädchen, und meiner Urgroßmutter, einer Schneiderin, gewidmet.

Ich hatte einen Traum

Erst hatte sie den Traum von einer glücklichen Familie — einem guten Mann, einer treu sorgenden Gattin und Mutter sowie braven und lieben Kindern. Dann kommt der Krieg. Er schreibt am 18. Oktober 1942 aus der Gefangenschaft in Russland:

„… und einen Umschlag mit den alten Briefen habe ich auch nach Hause geschickt, weil ich schon einen ganzen Haufen hatte, und verbrennen will ich’s aber nicht. Ich will sie in unseren alten Tagen mit Dir, mein Lieb‘, durchstudieren, was wir uns beide alles Gute und Schlechte geschrieben haben. Aber auch Du sollst die Briefe alle aufheben, die ich Dir schreibe !…“

Sie hebt die Briefe alle auf, aber er kommt nicht wieder nach Hause… Aus der Traum.

Der zweite Traum, den sie hatte, ist der einer Mutter, die ihre Kinder heranwachsen sieht, denen es besser gehen soll als ihr; einer Großmutter, die ihre Enkelkinder groß zieht, und die in der Gebor­genheit dieser Familie alt wird. Auch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ich möchte aber von dem ersten Traum erzählen.

„Ich habe geträumt, ich steh‘ in der Haustür und mein Mann kommt auf das Gartentor zu. Er hat seinen Sonntagsanzug an, und ich kann ihn ganz genau sehen. Ich gehe ins Haus hinein, denn ich möchte ihn drinnen erwarten.“

Dies erzählt die alte Frau, sie ist 87 Jahre alt, ihrer Enkeltochter. Ihr Mann, den sie in ihrem Traum auf das Haus zukommen sieht, ist vor 51 Jahren im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft gestorben. Er ist nicht gefallen — wurde nicht von einer feindlichen Kugel ge­troffen – er starb an der Ruhr, an Heimweh, an Sehnsucht nach sei­ner Familie, und an Mutlosigkeit. Denn die, die ihm Mut gab, war nicht bei ihm. Die Briefe, die er ihr schreibt, sind Briefe der Liebe

und der Sehnsucht. Er braucht ihre Stärke, aber sie ist zu weit weg. Am 22. Juli 1943 schreibt er nach Hause:

„… ich hatte heute eine sehr schlechte Nacht, konnte überhaupt nicht schlafen, meine Gedanken sind immer bei Euch zu Hause, was Ihr so macht, und wie es geht. Das soll doch schon bald alles der Teufel holen, ich weiß nicht, mich verdrießt es jeden Tag mehr und mehr, und immer diese Versetzungen, jetzt bin ich seit 5. Ok­tober 42 fortwährend auf der Tour, mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss…“

Heute glaubt sie, dass sie seine Stärke braucht, um es »denen« zu zeigen. »Die« — das sind ihre Kinder, die sie in der Zeit der Arbeits­losigkeit zur Welt gebracht hat, für die sie in der Zeit des Krieges allein verantwortlich war, für die sie sorgen musste, und die sie ei­nen Beruf lernen hat lassen, damit sie es einmal leichter haben im Leben. Die, das sind drei Kinder, von denen sich zwei von ihr abge­wandt haben. Ein Kind bleibt aus Pflichtgefühl. Sie hat ihr ganzes Leben diesen Kindern und ihren Enkelkindern gewidmet, hat sich »aufgeopfert«, so wie viele Frauen aus dieser Zeit. Sie hat nie mehr geheiratet, war ihr ganzes Leben lang diesem Mann verbunden, mit dem sie zwölf Jahre zusammenleben durfte. Dass dieses »Aufopfern« auch beinhaltet, dass sie ihre Kinder nie losgelassen hat, und diese auch nicht fähig waren, sich ihrer Stärke entgegenzustellen und zu gehen, drückt sich heute, wie in so vielen ungelösten Konflikten, durch Streit und Zorn aus.

Ihr Leben ein Traum, ein sich nicht er­füllender Traum …

Sie wurde im Jahre 1909 in einem kleinen Dorf im nördlichsten Waldviertel geboren. Das Klima in diesem Landstrich ist ziemlich rau, und so waren und sind auch heute noch die Leute dort. Das Leben wird bestimmt von Kargheit und Strenge. Diese Kargheit und Strenge bestimmt bis zum heutigen Tag ihr Leben. Im Jahre 1912 stirbt ihre Mutter, sie ist gerade drei Jahre alt. Sie kann sich ganz genau daran erinnern. Sie erzählt:

„…Meine Mutter hat ein graues Kleid mit weißem Tüll an, sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir

neben der toten Mutter. An das Begräbnis kann ich mich nicht er­innern …“

In der Folge führt die Großmutter dem Vater und dem kleinen Mädchen die Wirtschaft. Ihr Vater ist Maurer von Beruf und arbei­tet bei der Bahn. Durch diese Beschäftigung bei der Bahn wird er auch nicht in den Krieg eingezogen. Aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs ist das hervorstechendste Erlebnis für sie die Wiederverheira­tung des Vaters im Jahre 1917. Die Stiefmutter, die sie bekommt, ist die böse Stiefmutter der Märchenbücher. Es beginnt eine Zeit der Demütigungen, der Ablehnung und der Misshandlungen. Sie erzählt:

„Meine Stiefmutter hat wahrscheinlich geeifert, weil ich beim Va­ter geschlafen habe, aber ich war das gewohnt. Wir sind dann von meinem Geburtshaus weggezogen, in eine Wohnung (Zimmer/Kü­che) ein paar Häuser weiter. Wenn ich in mein Geburtshaus zu­rückgegangen bin, habe ich halt nachher meine Sachen gekriegt (bei den Haaren gerissen, auf den Rücken geschlagen). Als mein Bru­der zur Welt kommt, werde ich auch nach der Schule eingespannt. Wenn ich zur Taufpatin gehen wollte, musste ich den Kinderwagen mitnehmen. Damit ich ein bisschen mit den Kusinen spielen konn­te, hat halt die Tante auf den Buben aufgepasst…“

Der Bruder stirbt mit neun Monaten. Zum Spielen kommt sie trotzdem kaum. In dieser Zeit ist es auch üblich, dass sie ihrem Vater das Mittagessen in den nächsten Ort nachbringt, das sind hin und zurück gute zehn Kilometer. Infolge der Umstellungen nach dem Krieg zieht die Familie in das südliche Niederösterreich. Sie wird entsprechend der Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts zu absoluter Bedürfnislosigkeit und Gehorsam erzogen. Die Kindheit, die sie bis dahin hatte, war geprägt von Entbehrungen und Demütigungen. Was sie nicht kennen lernte, war eine Atmosphäre der Liebe, der Ge­borgenheit, der Wärme und des Akzeptierens. Heute, mit 87 Jah­ren, sagt sie zu ihrer Enkeltochter:

„Weißt Du, ich hab‘ halt einen ganz starken Minderwertigkeitskom­plex, ich fühl‘ mich, als ob ich nichts wert wäre. Ich hätte es gebraucht, dass mir schon in meiner Kindheit jemand gesagt hätte, dass ich was wert bin …“

Mit 13 Jahren, nach sechs Klassen, muss sie die Schule verlas­sen. Ein Mädchen braucht keine Bildung. Bis dahin war sie schon regelmäßig nach der Schule bei einer Familie zum Geschirr abwaschen. Nun kommen auch noch die anderen schwereren Haushalts­arbeiten dazu. Vom Hof das Wasser für drei Personen zum Waschen und Kochen in den zweiten Stock hinauftragen, vom Keller Kohlen und Holz hinaufbringen, Herd und Kacheln putzen, die Eisenteile mit Schmirgelpapier abreiben, Zimmer ausreiben … Sie erhält vier Schilling im Monat. Von dem Geld darf sie nichts für sich behalten. Mit 17 lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ein gelernter Tischler. Doch nach dem Willen der Stiefmutter soll sie einen »Ei­senbahner« heiraten. Um die nicht erwünschte Verbindung zu un­terbinden, wird sie in einer Nacht- und Nebelaktion nach Wien geschickt. Hier arbeitet sie als Dienstmädchen in einer jüdischen Fa­milie. Untergebracht ist sie in einem Kabinett, das nicht beheizbar ist. Trotzdem geht es ihr hier wesentlich besser. Sie versteht sich gut mit der »Gnädigen«, kann das Geld, das sie verdient, für sich behal­ten und kann sich das erste Mal in ihrem Leben etwas kaufen. Da sie schon ihrem zukünftigen Mann treu ist, hat sie auch keine Männer­bekanntschaften. Es ist anzunehmen, dass dies auch mit ein Grund ist, dass sie sich mit der »Gnädigen« gut versteht. Ein Dienstmäd­chen, das kaum weggeht und keine Männerbekanntschaften sucht, ist eine »Perle«.

Obwohl es ihr hier zum ersten Mal in ihrem Leben gut geht, verlässt sie diese Stelle und Wien und geht wieder zurück. Der Grund ist ihr zukünftiger Mann – sie erzählt:

„Sein Bruder hat mir geschrieben, ich soll nach Hause kommen, er fallt immer zusammen. Er kommt von der Arbeit nach Hause, und nach dem Essen starrt er so lange auf mein Foto bis er zusam­menfallt …“

Sie geht zurück und wird wieder von der Stiefmutter schikaniert. Im Frühjahr 1928 kommt ihr erstes Kind zur Welt, und im darauf ­folgenden September heiraten sie. Sie ziehen in eine eigene Wohnung. 1929 kommt bereits das zweite und 1930 das dritte Kind. Im gleichen Jahr wird ihr Mann arbeitslos. Sie ist diejenige, die jetzt für die Familie sorgt. Sie geht wieder putzen – sie putzt in Schulen, im Theater, sie wäscht die Wäsche für andere, sie hilft den Bauern am Feld, gleichzeitig hilft sie noch ihrem Mann im Wald beim Stock­graben, um Holz zum Einheizen zu haben. Dass ihr Mann zwar die Kinder beaufsichtigt, aber nicht kocht, keine Windeln wäscht, fin­det sie selbstverständlich – »das hat es damals nicht gegeben«. Die Stärke dieser Frau wird hier zum ersten Mal sichtbar – sie ist es, die die Familie durchbringt. Von 1930 bis 1939 ist ihr Mann arbeitslos, und sie ist diejenige, die ihrem Mann Mut macht – sie erzählt:

„Er hat immer zu mir gesagt, wenn du nicht singst, dann pfeifst du, und wenn du nicht pfeifst, dann singst du. Wo nimmst du nur diese Kraft und Fröhlichkeit her? Er war halt immer schwermütig…“

In dieser Zeit der Arbeitslosigkeit kaufen sie sich mit zum Teil geliehenem Geld einen Baugrund und fangen an, ein Haus zu bau­en. Im Jahre 1935 ist das Haus fertig, und im Jahr 1939 – ein wei­terer scheinbarer Lichtblick – bekommt ihr Mann Arbeit. Doch be­reits ein Jahr später, 1940, wird er eingezogen. 1944 ist er das letzte Mal zu Hause, kurz darauf kommt er in Kriegsgefangenschaft. Am 3. März 1945 stirbt er in Gefangenschaft. Sie erfährt es erst ein Jahr später durch einen seiner Kameraden — bis dahin hat sie auf seine Heimkehr gehofft. Mit 37 Jahren ist sie Witwe, ihre Kinder sind 18, 17 und 16 Jahre alt.

Ihr Weltbild ist Strenge, Sauberkeit und Ordentlichkeit. So er­zieht sie auch ihr erstes Enkelkind, eine Enkeltochter, die 1950 zur Welt kommt. Erst im Alter wird es ihr möglich sein, diese Stren­ge zu mildern, ihre Enkeltochter in den Arm zu nehmen. Die alte Frau und die Enkeltochter rücken heute näher zusammen. Sie sind einander näher als Mutter und Tochter. Die Stärke der Alten ist zur Stärke der Jüngeren geworden, etwas, das sie verbindet. Sie erzählt ihrer Enkeltochter:

„Ich bin nie allein, denn links von mir ist mein Mann und rechts meine Mutter, sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“

(Fotos und Feldpostbriefe aus Privatbesitz Monika Krampl)

Melancholie liegt in der Luft (Teil 2)

Erlauben wir uns Sentimentalität, Melancholie, Trauer in unserem Leben?

Und auch – Zorn ist eine Schubkraft (siehe Greta Thunberg)

Ich habe wieder einmal die Abschiedsworte der Schriftstellerin Karen Blixen, alias Tania Blixen, mit denen sie sich von ihrer Farm im Roman „Afrika – dunkel lockende Welt“ (Film:„Jenseits von Afrika“) verabschiedet, gelesen. Das richtige Buch für eine Melancholikerin.

„Wird die Luft über der Ebene schimmern in der Farbe die ich getragen habe,
oder werden die Kinder ein Spiel erfinden, in dem mein Name vorkommt?
Oder wird der Vollmond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?
Oder werden die Adler der Ngong-Berge nach mir Ausschau halten?“

Im Radiosender Ö1 gab es vor einiger Zeit in den Spielräumen „Songs zum Heulen“ unter dem Motto „Tausend Tränen tief“.

Erlauben wir uns Sentimentalität, Melancholie, Trauer in unserem Leben?

Und wo ist der Unterschied? Oder geht eins ins andere über?

In meiner Eigentherapie musste ich damals – das ist lange her – Jahrzehnte (Sentimentalität!) nicht nur mühsamst wieder lernen, mir meiner Gefühle bewusst zu werden, ich musste auch lernen mir zu erlauben, sie auszudrücken. Hört oder liest sich so selbstverständlich. Ist es aber nicht. Sich tagsüber immer wieder bewusst zu machen – was fühle ich gerade? – erfordert Achtsamkeit. Kann man auch lernen. Sofern man es will.

Eigentlich geht es darum – uns zurückzuholen, was wir als Kinder hatten – unmittelbar erlebte Gefühle. Wie freue ich mich, wenn ich Kinder sehe, die sich von Bäumen verabschieden, die ungezwungen und neugierig über den Tod sprechen, die traurig und wütend sind, weil sie es eben grade sind …

Und ich? Ich genieße mittlerweile meine Gefühle. Alle. Na ja, sagen wir – fast alle. Gestern war ich sehr enttäuscht. Das fühlte sich nicht gut an. Auch wenn ich wusste, dass es meine nicht erfüllten Erwartungen waren, die enttäuscht wurden. Das ist so – wenn andere sich nicht so verhalten, wie wir es „erwarten“.

Jedoch – Zorn ist ein gutes Gefühl.

Fühlt sich mächtig und kraftvoll an. Liebe Frauen! Und da spreche ich sehr bewusst die vielen Frauen an, die da meinen, Zorn sei etwas was Frau nicht haben dürfte. „Ich will ja in meiner Mitte sein“ und „in der Ruhe liegt die Kraft“ höre ich immer wieder. Ja, stimmt auch. Aber eben – auch …

Auch wenn ich zornig bin, bin ich in meiner Kraft.

Ich möchte sagen, das ist eine Schubkraft / Erlöserkraft / Veränderungskraft! Wenn Zorn verdrängt wird, wird er schließlich zu Wut und vielfach auch zu Gewalt. Brauchen wir uns ja nur umzusehen in der Welt.

Oder das Gegenteil – nicht nur verdrängte Trauer, auch verdrängter Zorn kann in die Depression führen. Überhaupt kann es manchmal sehr vermischt sein. Ist halt nicht so einfach mit den Gefühlen …

Ich liebe meinen „gerechten Zorn“.

Zorn per se ist gut! So wie alle unsere Gefühle gut sind. Die Bewertung von Gefühlen in gut / böse, erwünscht / unerwünscht, ist in den verschiedenen Kulturen, Gesellschaftsmodellen und damit einhergehend den jeweiligen Verhaltensnormen zum Teil auch sehr verschieden.

Heute weiß ich, dass Melancholie eine meiner „Grundstimmungen“ ist.

Sie ist immer da. Auch zu Zeiten, in denen ich fröhlich, ausgelassen, heiter, übermütig, lustvoll, und so weiter und so fort, bin. Ich bin auch gerne sentimental. Und ich liebe es, so richtig zu heulen und zu schluchzen. Würde ich das nicht tun, würde ich depressiv …
Und – ich kenne auch die Depression – aber das ist wieder eine andere Geschichte …

Erlauben wir uns doch – zumindest hin und wieder – unsere Selbstbeherrschung zu verlieren. Und erlauben wir uns doch – möglichst oft – große Gefühle …

Ich nehme die Zeilen, die mir eine liebe Freundin in Interpretation der Zeilen von Karen Blixen, geschrieben hat als Abschluss, weil ich sie so schön finde:

„Die Luft wird deine Farben tragen und sich damit in stillen Wassern spiegeln. Die Vögel im Nussbaum werden deine Stimme imitieren und im Kies werden unerwartet dein Fußabdrücke sichtbar sein …“

“If I know a song of Africa
Of the giraffe and the African new moon lying on her back
Of the plows in the fields
And the sweaty faces of the coffee pickers,
Does Africa know a song of me?
Will the air over the plain quiver with a color that I have had on
Or the children invent a game in which my name is?
Or the full moon throw a shadow over the gravel of the drive that was like me?
Or will the eagles of the Ngong Hills look out for me?

Freie Übersetzung:
Wenn ich ein Lied über Afrika weiß,
von der Giraffe und dem afrikanischen Neumond, der auf dem Rücken liegt,
von den Pflügen auf dem Feldern
und den verschwitzten Gesichtern der Kaffeepflücker,
weiß Afrika dann ein Lied über mich?
Wird die Luft über der Ebene schimmern in der Farbe die ich getragen habe,
oder werden die Kinder ein Spiel erfinden, in dem mein Name vorkommt?
Oder wird der Vollmond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?
Oder werden die Adler der Ngong-Berge nach mir Ausschau halten?“

Aus Tania Blixen: Afrika – dunkel lockende Welt, Manesse Verlag, Zürich

Meine Lebensbegleitung – die Melancholie (Teil 1)

(Erstveröffentlichung im Mai 2017)

Gefühle willkommen heißen

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt mich allen Gefühlen hinzugeben und mich in ihnen wohlzufühlen. Nicht nur in Freude / Liebe/ Glück – auch in Trauer / Schmerz / Wut – und vor allem in meiner Melancholie.

Unterschied zwischen Depression und Melancholie

Es hat lange gedauert, den Unterschied zwischen Depression und Melancholie zu begreifen. Diese verschiedene Art von Zuständen. Ja, ich habe immer wieder depressive Phasen. Depression ist für mich eine schwere, bodenlose Traurigkeit, ein Hinabgleiten in ein Dunkel in dem es keinen Boden mehr gibt. Haltlos – mein Kopf wie in Watte gepackt – ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht kommunizieren und auch nicht nach Außen gehen. Ich bin nicht wirklich da – in der Welt. Es ist durchaus auch ein allgemeiner Weltschmerz. Erfreulicherweise sind diese Zustände im Laufe des Alterns immer weniger und kürzer geworden.

Vom Glück des produktiven Traurigseins

Melancholie ist eine leise, leichte Traurigkeit. Ich möchte fast sagen, eine beschwingte Traurigkeit. Ich spüre – im Gegensatz zur Depression – den Boden unter meinen Füßen. Ich bin da.

„Melancholie – vom Glück des produktiven Traurigseins“ war der Titel eines Salzburger Nachtstudios. Ich finde, das ist eine  passende Beschreibung für meine Erfahrung mit der Melancholie. Ich liebe meine Melancholie, ich schwelge in meiner Melancholie – und ja, so manches Mal macht sie mich auch glücklich. Wenn sie da ist, kann ich mich hineinschmiegen wie in eine weiche Tuchent. Ich liebe das Abtauchen in tiefere Dimensionen, Abgründe, Nachdenklichkeiten und in meine Seele.

Der Beginn

Ich denke, eine tiefe Traurigkeit, die zukünftige Melancholie, kam in mein Leben als ich 2 Jahre alt war und mein Vater uns verlassen hat. Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich stelle es mir vor. Die Kleine von damals hat sich auch ein Stück von der Welt zurückgezogen, war lieber in ihren Märchenbüchern zu Hause, die ihr die Großmutter vorgelesen hat. Mit 5 konnte sie bereits lesen. Ihre Welt war der Garten der Großmutter und ihre Bücher.

Die Liebe zu den Büchern eine Lebenslange. Das Schreiben kam später dazu.

1964 Die Sehnsucht nach Liebe

Zum ersten Mal bewusst in mein Leben kam die Melancholie – wie könnte es anders sein – in meiner Pubertät. 1964 war ich 14 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Damals machten meine Eltern und ich die ersten Urlaubsreisen nach Italien – Rimini, Riccione, Ravenna, Cesenatico! Diese fremden  Klänge allein weckten bereits Sehnsüchte. In der 14-jährigen damals auch die schmerzliche Sehnsucht nach Sommernächten am Strand im Arm ihres Liebsten. Ach, konnte der küssen! Unerfüllte und verbotene Sehnsüchte der 14-jährigen.

1964 veröffentlichten die BAMBIS (zwei Wiener und zwei Bayer!) ihre Liebeskummer-Schnulze „Melancholie“. Der Sänger der Band, Mandy Oswald, hatte einen italienischen Akzent angenommen, um die Sehnsucht nach einem Urlaub in Italien noch zu verstärken. Die Nummer lief rund um die Uhr – verbunden mit ewig feuchten Augen, viel Herzschmerz und Rückzug in die Tiefen der Welt der 14-jährigen. Das kam an. Nicht nur bei mir. Mit dieser Nummer schaffte die Band es, „A hard day’s night“ von den Beatles vom ersten Platz der österreichischen Charts zu verdrängen.

2017 Der Klang eines Schmerzes

Heute lässt mich Melancholie sehr genau hinschauen auf meine Erinnerungen – mit einem milden Blick. Sind es schmerzliche Erinnerungen, ist es nicht mehr der abgrundtiefe Schmerz – es ist eher ein Nachklingen eines Schmerzes. Der Klang eines Schmerzes. Sind es erfreuliche Erinnerungen, ist kein schmerzliches Sehnen danach da, sondern eine mehr oder weniger leise oder auch laute Freude darüber, dass dies in meinem Leben war.

Melancholie ist auch sehr oft die Muse für meine Gedichte. Manchmal ist es auch die reine Freude. Wenn ich mir meine Gedichte der früheren Jahre durchlese, war es zumeist der Schmerz.

Die Glücksforschung betont, dass Melancholie in unserer säkularen Welt vonnöten ist, denn wer Unglücklichsein nicht kennt, kann auch Lebenstiefe nicht wertschätzen.

Mein Bild dazu ist ein Pendel. Wenn ich das Pendel nicht vollständig / bis zum letzten Anschlag auf die eine Seite ausschlagen lasse (Schmerz / Traurigkeit), dann wird es auch nicht bis zum letzten Anschlag auf die andere Seite (Glück / Lust) ausschlagen.

Peak experience – Gipfelerlebnis! Grenzwanderungen von einem Gipfel zum anderen.

Aber, das ist schon wieder eine andere Geschichte …

Der Link zur Herz-Schmerz-Schnulze „Melancholie“ von den Bambis: https://www.youtube.com/watch?v=yPFyxiXJ9K

Brief an eine Freundin über unseren verschiedenen Umgang mit Erinnerungen

ErinnerungsKoffer Yuval Yairi

Liebe Freundin,

gestern haben wir uns über Lebens-Erinnerungen und den Umgang damit unterhalten. Dein Umgang damit ist ein anderer als meiner. Und das ist gut so. Leben wir doch unsere Leben sehr verschieden. Es einfach so stehen lassen zu können, ist Grundlage für eine gute und lebenslange Freundschaft. Für diese Freundschaft mit Dir bin ich sehr dankbar. Das möchte ich auch einmal sagen, liebe Freundin.

Manche Gespräche sind sehr anregend und sie bringen etwas ins Schwingen.

So auch unser gestriges Gespräch über die Lebens-Erinnerungen. Es hatte ein „Nachspiel“. Nun könnte man sagen „Zufall“ – aber ich glaube nicht an den Zufall – vielleicht eher an den „Unbewusstfall“ …

In den Schlaflosstunden des heutigen Morgens – zwar kein Junimorgen, aber ein Aprilmorgen – nahm ich mir den Gedichtband von Tomas Tranströmer und las:

„Die Erinnerungen sehen mich

Ein Junimorgen: Zum Aufwachen zu früh,

doch zu spät zum Weiterschlafen.

Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.

Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen

mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

Dieses Gedicht ist wunderschön! In wenigen Worten drückt es meine Wahrnehmungen aus:

„Die Erinnerungen sehen mich“ und „sie sind so nah, dass ich sie atmen höre“.

Es heißt ja, Orte haben eine Seele. Karen Blixen lässt ihre Protagonistin in dem Buch „Jenseits von Afrika“ bei ihrem Abschied von Kenia sagen: „… wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?“

Und wenn ich gestern erwähnte, wie ich jetzt nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt auf Schritt und Tritt bei meinen Hundespaziergängen auf Erinnerungen treffe, dann habe ich sehr oft das Gefühl – „die Erinnerungen sehen mich“.

Und ich sehe die Schatten meines jüngeren Ich an den Fenstern der verschiedenen Wohnungen stehen, in denen ich damals gelebt habe. Und ich weiß über die Gefühle der jungen Frau von damals und ich kann sie spüren. Die Junge von damals hatte noch keine Ahnung von der Alten. Die Alte, jetzt hingegen, kennt die Junge sehr gut – ach, könnte ich meine Arme tröstend und wissend um sie legen.

Aber nicht nur meine Wohnungen sehen mich, auch die vielen Plätze.

Der kleine Hügel neben der Bahn, auf dem ich als Kleinkind mit meiner Mutter rodelte – wie viel Schnee es damals gab; der Feldweg nach dem nächsten Dorf, auf dem ich auf meinem Kinderfahrrad mit 5 Jahren mit meiner Großmutter zu Frau P. fuhr – meine Großmutter auf ihrem Rad vorneweg und wenn meine kleinen Füße nicht mehr konnten, zog sie mich an den Ärmeln ihrer ausgezogenen Weste wie an einem Seil hinterher; den etwas größeren Hügel, auf dem im Winter die Jungenclique sich eine Sprungschanze gebaut hatte und ich mit Bewunderung und viel Kribbeln im Bauch meiner ersten großen Liebe und späterem Ehemann bei seinen gewagten Sprüngen zusah; die drei Stiegen zum Eingang des ehemaligen Kino hinauf, das heute kein Kino mehr ist sondern ein Sportgeschäft, auf denen ich oben stehend und damit auf Augenhöhe, meinen ganzen Mut zusammennehmend, und ihn – meine Liebe ansprach – wie mutig für die 14-jährige!

Wie könne ich schreiben, hätte ich nicht all diese Erinnerungen?

Wie könnte ich schreiben, könnte ich nicht all diese Gefühle noch fühlen?

Ja sogar: Wie könnte ich schreiben, ohne meine zeitweilige Manie und die depressiven Verstimmungen, die in meinem Innersten wühlen und so manches aufwühlen und zum Vorschein bringen, mit dem ich mich dann auseinandersetzen „muss“ – einfach weil es da ist und ich das auch will …

Wie könnte ich schreiben ohne meine Widersprüchlichkeiten, meine Trauer, meinen Zorn, meine Unsicherheiten?

Wie könnte ich schreiben ohne das Verlustgefühl des Lebens der jungen, grenzenlos und hemmungslos lebenden Frau, die mir doch noch so nahe ist?

Wie könnte ich schreiben ohne Erinnerung an das exzessive und leidenschaftliche Leben der Frau von früher, die Glücksmomente?

Wie könnte ich aber auch schreiben, ohne die stille Zufriedenheit, das Staunen, meine Ehrfurcht und Dankbarkeit von heute?

„Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

 

Du sagtest, Du packst Deine Erinnerungen in eine Ecke und möchtest nichts damit zu tun haben. Dir gehe es besser ohne Deine Erinnerungen. Ich kann Dich verstehen, weil ich Dich gut genug kenne, um zu sehen, dass es Dir mit Deiner Art besser geht. So ist das. So unterschiedlich. Und das ist gut so.

Ich wünsche Dir viele wunderschöne Tage, liebe Freundin.

Wir leben unsere Leben so gut es uns möglich ist – jede auf ihre eigene Art und Weise – und doch verlieren wir uns nicht aus den Augen und aus dem Sinn …

Deine Freundin Monika

 

Meine Lebensbegleitung – die Melancholie

DSC02050.JPG

Gefühle willkommen heißen

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt mich allen Gefühlen hinzugeben und mich in ihnen wohlzufühlen. Nicht nur in Freude / Liebe/ Glück – auch in Trauer / Schmerz / Wut – und vor allem in meiner Melancholie.

Unterschied zwischen Depression und Melancholie

Es hat lange gedauert, den Unterschied zwischen Depression und Melancholie zu begreifen. Diese verschiedene Art von Zuständen. Ja, ich habe immer wieder depressive Phasen. Depression ist für mich eine schwere, bodenlose Traurigkeit, ein Hinabgleiten in ein Dunkel in dem es keinen Boden mehr gibt. Haltlos, mein Kopf wie in Watte gepackt – ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht kommunizieren und auch nicht nach Außen gehen. Ich bin nicht wirklich da. Es ist durchaus auch ein allgemeiner Weltschmerz. Erfreulicherweise werden diese Zustände jetzt im Alter immer kürzer.

Vom Glück des produktiven Traurigseins

Aber – ich wollte doch über meine Melancholie schreiben. Melancholie ist eine leise, leichte Traurigkeit. Ich möchte fast sagen, eine beschwingte Traurigkeit. Ich spüre – im Gegensatz zur Depression – den Boden unter meinen Füßen. Ich bin da.

„Melancholie – vom Glück des produktiven Traurigseins“ ist der Titel eines Salzburger Nachtstudios. Ich finde, das ist eine  passende Beschreibung für meine Erfahrung mit der Melancholie. Ich liebe meine Melancholie, ich schwelge in meiner Melancholie – und ja, so manches Mal macht sie mich auch glücklich. Wenn sie da ist, kann ich mich hineinschmiegen wie in eine weiche Tuchent. Ich liebe das Abtauchen in tiefere Dimensionen, Abgründe, Nachdenklichkeiten und in meine Seele.

Der Beginn

Ich denke, eine tiefe Traurigkeit, die zukünftige Melancholie, kam in mein Leben als ich 2 Jahre alt war und mein Vater uns verlassen hat. Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich stelle es mir vor. Die Kleine von damals hat sich auch ein Stück von der Welt zurückgezogen, war lieber in ihren Märchenbüchern zu Hause, die ihr die Großmutter vorgelesen hat. Mit 5 konnte sie bereits lesen. Ihre Welt war der Garten der Großmutter und ihre Bücher.

Die Liebe zu den Büchern eine Lebenslange. Das Schreiben kam später dazu.

1964 Die Sehnsucht nach Liebe

Zum ersten Mal bewusst in mein Leben kam die Melancholie – wie könnte es anders sein – in meiner Pubertät. 1964 war ich 14 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Damals machten meine Eltern und ich die ersten Urlaubsreisen nach Italien – Rimini, Riccione, Ravenna, Cesenatico! Diese fremden  Klänge allein weckten bereits Sehnsüchte. In der 14-jährigen damals auch die schmerzliche Sehnsucht nach Sommernächten am Strand im Arm ihres Liebsten. Ach, konnte der küssen! Unerfüllte und verbotene Sehnsüchte der 14-jährigen.

1964 veröffentlichten die BAMBIS (zwei Wiener und zwei Bayer!) ihre Liebeskummer-Schnulze „Melancholie“. Der Sänger der Band, Mandy Oswald, hatte einen italienischen Akzent angenommen, um die Sehnsucht nach einem Urlaub in Italien noch zu verstärken. Die Nummer lief rund um die Uhr – verbunden mit ewig feuchten Augen, viel Herzschmerz und Rückzug in die Tiefen der Welt der 14-jährigen. Das kam an. Nicht nur bei mir. Mit dieser Nummer schaffte die Band es, „A hard day’s night“ von den Beatles vom ersten Platz der österreichischen Charts zu verdrängen.

2017 Der Klang eines Schmerzes

Heute lässt mich Melancholie sehr genau hinschauen auf meine Erinnerungen – mit einem milden Blick. Sind es schmerzliche Erinnerungen, ist es nicht mehr der abgrundtiefe Schmerz – es ist eher ein Nachklingen eines Schmerzes. Der Klang eines Schmerzes. Sind es erfreuliche Erinnerungen, ist kein schmerzliches Sehnen danach da, sondern eine mehr oder weniger leise oder auch laute Freude darüber, dass dies in meinem Leben war.

Melancholie ist auch sehr oft die Muse für meine Gedichte. Manchmal ist es auch die reine Freude. Wenn ich mir meine Gedichte der früheren Jahre durchlese, war es zumeist der Schmerz.

Die Glücksforschung betont, dass Melancholie in unserer säkularen Welt vonnöten ist, denn wer Unglücklichsein nicht kennt, kann auch Lebenstiefe nicht wertschätzen.

Mein Bild dazu ist ein Pendel. Wenn ich das Pendel nicht vollständig / bis zum letzten Anschlag auf die eine Seite ausschlagen lasse (Schmerz / Traurigkeit), dann wird es auch nicht bis zum letzten Anschlag auf die andere Seite (Glück / Lust) ausschlagen.

Peak experience – Gipfelerlebnis! Grenzwanderungen von einem Gipfel zum anderen.

Aber, das ist schon wieder eine andere Geschichte …

 

Der Link zur Herz-Schmerz-Schnulze „Melancholie“ von den Bambis: https://www.youtube.com/watch?v=yPFyxiXJ9K