Mein Gedicht in der Anthologie „Ausgewählte Werke XXI“

Mein Gedicht „Gedankenrahmen“, eingesandt für den Gedichtwettbewerb 2018 der „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ zum Thema Kindheit wurde für die Veröffentlichung in dem Lyrik-Sammelband „Ausgewählte Werke XXI“ ausgewählt.

 

Gedankenrahmen

Der Holzrahmen

Gezimmert von den Frauen

In welchen sie den Gitterstoff spannten

Mit Reißnägeln am Rande befestigt

Mit fester Hand ihre Stickarbeiten nadeln

Vorgefertigte Bilder mit festgelegten Farben

Mit Reißnägeln am Rande befestigt

In einem fest zusammengefügten Rahmen

So sollte sie sein

Vorgezeichnetes Bild

Vorgegebene Farben

Festgenagelt

Wird das Muster in sie hineingestickt

 

So sollte sie sein

Die Sticknadel steckt fest

Lichtjahre entfernt

Von der Leichtigkeit des Seins

 

Und noch immer

Der Gedanke

Von Freiheit am Horizont

(M.K., 18 09 2006)

 

 

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Der Dichter David Whyte – eine Buchvorstellung

David Whyte

Ich möchte Euch gerne den englischen Dichter David Whyte vorstellen, dessen Gedichte ich immer wieder gerne lese und zitiere.

Whyte hat einen interessanten Lebenslauf. Er schreibt sein poetisches Interesse, sowohl den Liedern als auch der Poesie, dem irischen Erbe seiner Mutter und der Landschaft von West Yorkshire zu, wo er geboren wurde.  Er lebte und arbeitete als Naturforscher auf den Galapagos-Inseln. Auf einer meiner Reisen im Ecuador habe ich die Galapagos-Inseln besucht und stelle es mir faszinierend vor, dort über einen längeren Zeitraum zu leben und zu arbeiten. Auch in den Anden war ich unterwegs. Er leitete anthropologische und naturkundliche Expeditionen in die Anden, den Amazonas und den Himalaya. 1986 begann er zu schreiben.

Nunmehr liegt die erste deutsche Fassung einiger ausgewählter Gedichte von David Whyte vor. Die Übersetzungen wurden von dem von mir gleichfalls sehr geschätzten Philosophen Christoph Quarch vorgenommen. Der einzige Wermutstropfen für mich als haptische Buchliebhaberin ist, dass es nur ein E-Book ist.

‘SÜßES DUNKEL’

Die Dichtung von David Whyte in Übersetzungen von Christoph Quarch

“Ich bin sehr froh darüber, in Christoph Quarch ein so einfühlsames Ohr und Herz ebenso wie einen verständigen Geist gefunden zu haben, der sein tiefes Verständnis des Klanges, seine Einsicht und eine gewisse Resonanz mit Rilke aufgewandt hat, um meine Werke in die deutsche Sprache zu übertragen.“ (David Whyte)

Eine Kostprobe:

Süßes Dunkel
Sind deine Augen müde,
ist müde auch die Welt.
Ist deine Vision geschwunden,
kann nichts mehr in der Welt dich finden.
Zeit ist’s dann, ins Dunkel zu gehen,
wo die Nacht voll Augen ist,
das ihre zu erkennen.
Dort kannst du dir gewiss sein:
Du bist nicht jenseits der Liebe.
Das Dunkel wird dein Zuhause sein,
heut Nacht
Die Nacht wird einen Horizont dir schenken
viel weiter als du sehen kannst.
Eines musst du lernen:
Die Welt ist da, um frei in ihr zu sein.
Lass alle anderen Welten fahren
außer der einen, der du zugehörst.
Manchmal braucht es Dunkelheit
und die süße Haft deines Alleinseins,
damit du lernst:
Alles und jeder,
der dich nicht ins Leben bringt,
ist zu klein für dich.

– David Whyte

 

 

Wenn die unzählbaren Tage Vergangenheit und die zählbaren Tage Zukunft sind, wird jeder Tag zu einem kostbaren Tag

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Vieles gibt es zu akzeptieren mit dem Altwerden

Jeden Tag aufs Neue

Kein Hadern mehr – hätte ich doch …

Akzeptieren von dem was war

Akzeptieren von dem was ist

Ursache und Wirkung

Das ist das Leben

 

Den Blick nicht mehr auf die Zukunft ausrichten

Den Blick auf den Tag richten

Täglich

Die Zeit, die weniger wird

Täglich

 

Ich kann gehen / ich kann Rad fahren

Ich kann schwimmen im See

Ich kann mich bewegen ohne Schmerzen

Ich kann lieben – immer mehr

Ich bin zornig – immer weniger

Ich lerne Demut

Ich kann den Tag leben /erleben so wie ich das möchte

Ich lebe

Täglich

 

Das Leben genießen

Die Sonne / die Hitze

Den Regen / den Sturm

Mich in die Sonne legen

Mich in den Sturm stellen

Spüren mit allen Sinnen

 

Das Innerste nach Außen kehren

Das Äußerste nach Innen

 

Samtiges Seewasser auf der Haut

Ein Fisch springt aus dem Wasser

Eine Ente schüttelt das Seewasser

Von ihrem schimmernden Federkleid

Wassertropfen auf der Haut

Die im Sonnenlicht glitzern

 

Blauäugige Träumerin

Die glaubte

Früher einmal

Dass es immer so weitergeht

Gedanken der unzählbaren Zeit

Blauäugige Träumerin

Die glaubte

Früher einmal

Dass es reicht

Zu wünschen

Und übersah

Dass der Boden bereitet werden muss

Für die Wünsche / die Träume

Die richtige Lage

Die passende Erde

Sonne oder Schatten

Für die Pflanze Traum

Dass sie mit Vorsicht und Umsicht

Eingepflanzt

Gehegt und gepflegt

Bewässert und gestützt

Werden muss

Um zu wachsen

Träumen alleine reicht nicht

 

Ausgeträumt

So manchen Traum vom Altsein

 

Doch kein Hadern mehr – hätte ich doch …

Akzeptieren von dem was war

Akzeptieren von dem was ist

Ursache und Wirkung

Ankommen im Altsein

Täglich

 

Text und Zeichnung: M.K., 15 08 2018

 

 

Meine LebensGärten

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In einer meiner schlaflosen Nächte besuchte ich meine verschiedenen LebensGärten.

Und wieder einmal war ich überrascht. Überrascht, in wie vielen Gärten ich zu Hause war. Verwurzelt. Wie leicht es mir fiel, meine Wurzeln aus der Erde zu ziehen und wieder neu einzuwurzeln. Der Dünger war Veränderungsbereitschaft.

Meine Schlafhöhle inmitten meiner Bücher schenkt mit nicht nur Geborgenheit, sie ist auch sehr praktisch. Ich drehte mich zur Seite und hatte mit einem Griff drei Bücher über Gärten zur Hand. Wenn ich nachts aufwache, brauche ich nur meine Hand auszustrecken und habe das jeweils passende Buch.

Die Verbindung Garten und Bücher – Hand in Hand – von Beginn meines Lebens an.

In der Erzählung „Gartenkind“ schrieb ich: „Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.“ Zu der Zeit saß ich in der Astgabel eines  Apfelbaums, war fünf Jahre alt, und hatte begonnen Wörter vom Baum zu pflücken.

Heute, in meinem jetzigen Garten, sitze ich nicht mehr auf dem Baum. Jedoch sitze ich täglich unter meinem titanischen Nussbaum und pflücke weiter Wörter aus den Bäumen und den Wolken. In der Computersprache könnte ich jetzt wohl von einer Cloud – einer Datenwolke, sprechen. Eine poetische Datenwolke, die gleichzeitig eine Erinnerungswolke ist. Gespeicherte Erinnerungen.

Ich nehme das wunderschöne Buch von Hermann Hesse mit seinen Gedichten und Erzählungen, den von ihm gemalten Bildern von seinen Gärten zur Hand. Auch er lebte in mehreren Gärten. „Freude am Garten“ ist der ansprechende Titel. Und dann noch die zwei empfehlenswerten Bücher von Barbara Frischmuth: „Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte“ und „Fingerkraut und Feenhandschuh. Ein literarisches Gartentagebuch“.

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation“ (1955).

(Hermann Hesse)

Ja, so ist es ….

Und während ich dies schreibe, mache ich einen Blick über meinen Computer hinaus in meinen „wilden“ Garten. Jeden Tag freue ich mich über unseren wilden Garten.

Die wilden Gärten und auch die wilden Wiesen sind schon lange verschwunden.

In der Erzählung „Die Einsamkeit der Bäume“ schrieb ich: „Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.“

Der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder lebte zwölf Jahre in Japan, um Zen-Buddhismus und Japanisch zu studieren. Zurück in Amerika, baute er sich ein Haus in einem Indianerreservat, wurde Professor und Ökoaktivist. Er schreibt:

„Die Welt ist Natur, und auf lange Sicht ist sie unweigerlich wild, denn das Wilde ist auch eine Ordnung der Unbeständigkeit. Auch unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht, und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können“.

Ja, ich bin ihm gefolgt, meinem wilden Geist – ein Leben lang. Aus meiner „Datenwolke“ beginnen Geschichten zu purzeln. Meine LebensGeschichten in den einzelnen LebensGärten – und ein Erzählband über die LebensGärten beginnt Gestalt anzunehmen.

Erzählungen über die verschiedenen LebensGärten:

  1. 1950 Kindheitsgarten – Großmuttergarten, St. Pölten
  2. 1968 Schwiegermuttergarten, St. Pölten
  3. 1980 Die Wiese neben dem Hochhaus, St. Pölten
  4. 1986 LiebesGärten – Botanischer Garten und Oberes Belvedere, Wien
  5. 1987 Garten in Poppi, Toskana
  6. 1989 Garten im alten Lehmhaus, Weinviertel
  7. 1991 Garten in der Grünentorgasse, Wien
  8. 1996 Garten in der Ungargasse, Wien
  9. 2014 Muttergarten, St. Pölten
  10. 2018 Altenwohnsitzgarten – im Garten meines Sohnes, St. Pölten

 

Eine Erzählung: Die Wiese neben dem Hochhaus.

Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, dass im Jahre 1979 eine Wohnbau-Genossenschaft drei zehnstöckige Häuser mitten in einer Einfamilienhaussiedlung errichten konnte. Die umliegenden Anwohner, denen ihre Gartenzäune nichts mehr nützten, sahen ihnen doch nunmehr unzählige Augen ungehindert in ihre Gärten, protestierten vergebens dagegen. Hätte es mich betroffen, hätte ich mich auch dagegen gewehrt.

Für mich, als damals allein erziehende Mutter war es eine gute Gelegenheit in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Mein Elternhaus liegt einige Straßenzüge weiter weg, so dass es von der Einsichtigkeit der Hochhäuser nicht betroffen war. Ich zog in das erstgebaute Haus im neunten Stock ein und hatte eine weite Sicht über die Stadt hinweg in das Alpenvorland mit dem 1.893 m hohen Ötscher. Die schönsten Sonnenuntergänge sollte ich dort auf meiner Loggia erleben. Nach gut einem Jahr zog mein zukünftiger zweiter Ehemann bei mir ein.

Einige Male bestiegen mein Mann und ich damals über den Rauhen Kamm den Ötscher. Eine sehr anspruchsvolle Tour. Und es war wunderbar, ihn von unserer Loggia aus sehen zu können.

Nun gibt es bei den Häusern keinen Garten, doch auf der Schmalseite des Hauses und zwischen den Häusern gibt kleine Wiesenstreifen, die straßenseitig durch kleinwüchsige Sträucher abgegrenzt sind. Obwohl ich von einer Wiese spreche, ist es eigentlich ein Rasen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Wiese und einem Rasen. Der Rasen besteht aus Gras – sonst nichts. In einer Wiese wachsen Löwenzahn, Klee,Veilchen, Margeriten, Gänseblümchen, Günsel und duftende Kräuter – um nur einige zu nennen. Eine Wiese ist belebt von vielen Tieren, ein Rasen nicht.

Meine Tochter wünschte sich eine Katze und so zog Mischa, ein schwarzer Kater, in unsere Wohnung im neunten Stock ein. Anfangs versuchten wir ihn daran zu gewöhnen, an der Leine zu gehen. Wir fuhren mit dem Kater im Arm mit dem Lift nach unten und gingen mit ihm immer wieder auf diesen Rasenstreifen spazieren, um ihn an die Leine zu gewöhnen. Vergeblich. Er wollte nicht. Also wurde er eine Wohnungskatze. Jetzt greife ich der Geschichte etwas vor. Nach ein paar Jahren als mein Mann und ich uns trennten, zog der Kater in ein anderes Haus in St. Pölten, mein Ex-Ehemann in eine Wohnung in St. Pölten und meine Tochter und ich nach Wien. Der Kater Mischa zog bei meinen Eltern ein  und wurde eine glückliche Gartenkatze – auf einer Wiese.

In der jetzigen Geschichte geht es um eine verletzte Taube. Wir fanden sie mit zwei gebrochenen Beinchen auf unserer Loggia. Sie war gegen die Glasscheibe geflogen. Mein Liebster bastelte eine Hängevorrichtung, in der die Taube nun wochenlang in unserer Küche hing, bis ihre Beinchen ausgeheilt waren. Meine Tochter übernahm die Aufgabe, sie zu füttern und mit Wasser zu versorgen, was nicht einfach war. Sie gab sich sehr viel Mühe und schaffte es. Oft gingen wir mit ihr auf den Rasen neben dem Haus, setzten sie auf den Boden und sahen ihr zu, wie sie wieder laufen lernte. Erst zögerlich und vorsichtig und dann immer mutiger. Wir warteten auf den Moment, in dem sie sich wieder in die Lüfte erheben würde. Doch dies dauerte noch einige Zeit und einige Flugversuche, bis sie sich ihrer Flügel wieder sicher war und in den Sonnenuntergang entschwebte …

Nein, so war es natürlich nicht. Sie erhob sich und verschwand auf  Nimmerwiedersehen über den Gärten. Dies war das Ende unserer Besuche auf dem schmalen Rasenstreifen neben dem Hochhaus.  

Zitate im Text aus:

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/