Gedanken über das Patriarchat und das Buch „Patriarchatskritik“

Das Wort „Patriarchat“ und somit auch das Buch „Patriarchtskritik“ von Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin, Publizistin der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung (IPKF), löst Emotionen aus. Viele unterschiedliche.

Und auch Missverständnisse. Das geht von „Endlich ein fundiertes Buch“ bis „Schon wieder diese Männerhasserinnen“ etc.

Liebe Frauen und Männer!

Kritik am Patriarchat bedeutet nicht gegen Männer zu sein!

Im Gegenteil. Viele Männer leiden genauso unter dem patriarchalen System wie Frauen. Und ich möchte sagen – immer mehr.

Und – nicht alle Frauen sehen das so. Sie haben sich eingerichtet im System.

Vieles ist zur Gewohnheit geworden. Und es ist nicht so leicht, die (scheinbare) Komfortzone zu verlassen.

Das Patriarchat ist ein altes, jedoch nicht uraltes System. Denn vor dem Patriarchat gab es auch anderes.

„Nur einen sehr kurzen Zeitraum der Menschheitsgeschichte leben wir in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die von gewaltsamen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Viel länger war die Lebensweise des Menschen friedlich, weil matrifokal. Eine matrifokale Lebensweise stellt Mütter und Kinder ins Zentrum und setzt auf ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern.“ *)

Das Patriarchat ist vor allem ein veraltetes System, das den Menschen, der Natur, den Tieren, schadet. Man braucht sich nur umzusehen in der Welt, so wie sie jetzt ist und dabei ist zu werden. Ja, Männer haben das Patriarchat errichtet und Frauen haben sich darin eingerichtet. Die „Patriarchatskritik“ gibt Auskunft darüber.

Ich sehe es auch nicht als einen „weiblichen Weg“, sondern einen „gemeinsamen Weg“. Ich zitiere da immer Sabine Lichtenfels, weil sie meine Meinung so gut formuliert hat:

„Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat. Wir laden alle engagierten Männer ein, sich unserer Friedensarbeit anzuschließen.“

Die Gleichsetzung von „Patriarchatskritik = gegen Männer zu sein“ ist mit ein Grund, warum ich bis jetzt gezögert habe, Armbrusters Texte zu veröffentlichen, weil ich weiß, dass viele – Männer und Frauen – beim Thema Patriarchat sogleich aufhören zu lesen, weil sie der Meinung sind, es handle sich um Männerhass. Das ist sehr schade. Dass viele auch meinen, es sei eine weitere Spaltung der Gesellschaft und dies leid sind, verstehe ich. Aber so ist es nicht. Möchte ich auch nicht.

Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft. Auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.

Jedoch nicht darüber zu schreiben, wäre feige. Ich erinnere mich an die vielen Anfeindungen und auch Bedrohungen denen ich ausgesetzt war, wenn ich für Frauenrechte eingetreten bin – siehe weiter unten im Text ein Bericht über eine davon. Ich denke, diese Erinnerungen haben auch dazu beigetragen, dass ich es bis jetzt vermieden habe.

Jedoch:

Die „Bestellungen beim Universum“, die eine Zeit lang angesagt waren, sind wieder vom Bücher-Himmel verschwunden, weil es so nicht funktioniert. Die Bestellung allein genügt nicht. Man muss schon etwas dafür tun.

Wenn sich ein neuer Weg an einer Wegkreuzung auftut, muss man ihn schon gehen. Es reicht nicht, an der Kreuzung sitzen zu bleiben und zu warten, dass der Weg zu einem kommt. Man muss schon etwas dafür tun – ihn gehen, auch wenn es vielleicht vorerst ein steiniger Pfad ist und keine Autobahn.

Wenn viele Frauen vom Ende des Patriarchats sprechen, sitzen sie doch an der Wegkreuzung und warten, dass das Universum das erledigt. Wobei das Universum doch bereits so kräftig mitwirkt – siehe Klimakatastrophen – es schreit sozusagen: Es reicht!

Die „Patriarchtskritik“ schreit nicht – obwohl sie das tun könnte – aber sie weist mit vielen Erkenntnissen darauf hin. Sie macht vieles klar, warum es so gekommen ist und warum es so nicht weitergehen kann.

Es bedarf einer höchst notwendigen intensiven und diffizilen Auseinandersetzung damit.

Den Weg gemeinsam gehen – Frauen und Männer.  

Ich weiß, dass  sich Kirsten Armbruster mit dem Thema „Patriarchatskritik“ Angriffen und Unverständnis aussetzt. Ich erinnere mich an Johanna Dohnal, als sie 1990! die erste Frauenministerin Österreichs wurde, – wie sie angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Wie viel an Unverständnis für die Notwendigkeit von Frauenrechten vorhanden war. Wie unnötig und störend dies alles ihre männlichen Kollegen fanden.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Mahatma Gandhi)

Armbruster bringt zur Sprache, was zur Sprache gebracht werden muss.

Und dies sehr professionell, ausführlich und umfassend.

Auf 650 Seiten fasst sie ihre Arbeit zusammen. Sie decodiert die Gehirnwäsche des Patriarchats, der wir alle ausgesetzt sind, mithilfe eines wissenschaftlichen, interdisziplinären Forschungsansatzes, in der Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie, der Religionswissenschaften, der Linguistik, der Soziologie, der Biologie, der Genetik, der Kulturwissenschaften und der Landschaftsmythologie einfließen.“ (Armbruster)

Begleitet und unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann, Franz Armbruster, der eine reiche Auswahl an Fotos beisteuert. Mich faszinieren u.a. die vielen Höhlenzeichnungen, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Sebastian Tippe, Diplompädagoge, hat den Text „Toxische Männlichkeit“ beigesteuert; Rona Duwe, Grafik- und Webdesignerin, Feministin und Autorin, den Text „Liebe und Sexualität“.

Zur Archäologie und Umdeutung der Geschichte: Jahrhundertelang hatten Männer die Deutungshoheit über Ausgrabungen – weil es keine Archäologinnen gab – und wenn, dann nur als Zuarbeiterinnen für die Männer. Männer deuteten aus der Sicht der Männer.

Zu Frauenrechten: Johann Dohnal, wie schon erwähnt, erst 1990 die erste Frauenministerin in Österreich. Wie wurde sie angefeindet, wie musste sie kämpfen. Männer fanden ihre Sicht als Frau in der Politik nicht wichtig und auch störend.

Erfindungen: Wurden den Männern zugerechnet. Erst in den letzten Jahrzehnten  wurden die vielen Erfindungen öffentlich, die von Frauen gemacht wurden. Was nicht sein soll, durfte nicht sein.

Psychoanalyse: Ein weites Feld, das zeigt, dass Frauen am Beginn des letzten Jahrhunderts noch als Hysterikerinnen behandelt wurden und in Irrenhäusern landeten, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollten, selbständig sein wollten, oder in der Ehe vergewaltigt und missbraucht wurden (was damals nicht so gesehen oder bezeichnet wurde).

Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin (1989) im tiefsten ländlichen Bereich an der tschechischen Grenze: Männer bedrohten mich mit Gewalt, weil ihre Frauen den Anspruch erhoben, zumindest am Abend das Auto benutzen zu dürfen, um zu Workshops und in Therapie zu fahren, etc. – ich hätte ihnen diese „Flausen in den Kopf“ gesetzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprachen die Frauen über den Alkoholmissbrauch ihrer Männer und über Gewalt in der Beziehung.  

„Die Patriarchatskritik delegitimiert die Definitionsmacht des Patriarchats und entlarvt sie als androzentrischen Irrtum, wie Gerda Lerner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Entstehung des Patriarchats“ treffend formuliert hat. Lerner schrieb:

Historiker haben das Wirken von Frauen zugeschüttet“ … Frauen hatten keine Geschichte – das wurde ihnen gesagt, und das glaubten sie. So war es letzten Endes die Hegemonie des Mannes über das anerkannte Symbolsystem, durch die die Frauen am entschiedensten benachteiligt wurden“. *)

Viel wäre da noch dazu sagen.

Vieles steht im Buch.

In das Buch – so umfangreich – habe ich bis jetzt nur hinein geschmökert. Trotzdem empfehle ich es. Weil es notwendig ist, sich damit auseinander zu setzen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht immer einer Meinung mit Armbruster sein werde. Nicht bei der Geschichte, das ist allein ihre Domäne, aber vielleicht bei den Lösungsansätzen. Doch das ist normal! Man kann nicht immer in allem einer Meinung sein. Ich stimme nicht allem bedingungslos zu, nur weil ich eine Frau bin.

Doch wenn es einen grundlegenden und wesentlichen Inhalt gibt mit dem ich übereinstimme, ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen und in einen Diskurs zu treten.

Und das ist es.

Lasst uns darüber reden.

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Das Buch „Patriarchatskritik“ von Kirsten Armbruster, zu bestellen bei deinem Buchhändler ums Eck

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Begriffserklärung:

„Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden (vergleiche Männlichkeit). Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.

Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm Abweichende“ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei „Mensch“ als „Mann“ und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt. …“

https://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

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*) Kirsten Armbruster: https://herstory-history.com

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Sebastian Tippe: https://feministinprogress.de/ueber-mich/

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Rona Duwe: https://mutter-und-sohn.blog/autorin-fuer-familien-und-gesellschaftsthemen/

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Sabine Lichtenfels: https://www.tamera.org/de/heilung-der-liebe/

Panta rhei

„Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben“ schreibt Nina Brnada in ihrem Falter-Mail (siehe unten) zu Afghanistan, und „ … dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt …“.

Nicht nur die Welt der Anderen – (scheinbar) weit weg – geht unter – auch unsere Welt geht unter. Ja, Menschen und die Welt verändern sich, es wird immer alles anders. Panta rhei – du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen -. Doch um die Veränderungen, um die es hier geht, sind der Verlust von Sicherheit und Freiheit.

In Afghanistan ist Krieg und Menschen werden einfach so auf der Straße erschossen, und die Leiden der Frauen und Kinder sind unendlich, – kein Vergleich – und doch musste ich an ein Gespräch mit meinem Sohn denken.

Wir sprachen darüber wie wir beide – ich, 71, mein Sohn, 53 – glücklich sein können, wie wir aufgewachsen sind. Obwohl natürlich auch unser beider Kindheit Verschiedenheiten aufweist. Ich, behütet im Garten – aber in welchem Natur-Gemüse/Obst/Garten!, – Federball gespielt wurde auf der unasphaltierten Straße vor dem Haus. Mein Sohn mit Kindern spielend und streunend auf den Gstätten.

Wie wir noch vor 20 Jahren, damals beide in Wien wohnend, nachts ohne Angst durch die Straßen gingen, was heute nicht mehr möglich ist. Wie ich auf der Straße zwischen ein streitendes Ehepaar gegangen bin und den Mann zurechtgewiesen habe; wie ich verhindert habe, dass eine Frau – die von einem Mann angepöbelt wurde und sie sich lautstark wehrte – aus dem Lokal gewiesen worden wäre, wenn ich nicht eingeschritten wäre und den betrunkenen Mann am Schlafittl gepackt und ihn vor die Tür gestellt hätte; etc. Und ich weiß nicht, ob ich dies und noch vieles andere heute noch machen würde. Nicht nur weil ich alt und körperlich schwächer geworden bin, sondern auch wegen des gesteigerten Aggressionspotential, das ich auf den Straßen sehe und spüre. – Aber, wenn ich es mir so recht überlege – oh ja, ich würde es wieder tun. Jedoch mit den Gedanken an die Möglichkeit, dass ich vielleicht zusammengeschlagen würde oder ein Messer in den Bauch bekomme. Angst, nein. Jedoch alleine schon der Gedanke ist keine gute Ausgangsposition. Und früher hatte ich nicht einmal den Gedanken daran.

Und dies alles auch noch abgesehen von vielen Reisen die ich heute nicht mehr machen werde. Nicht nur zu den Kulturstätten, die es heute nicht mehr gibt, wie Nina Brnada schreibt, sondern auch, weil ich nicht in Länder reise, in denen Menschenrechte nicht eingehalten werden; wegen des Klimaschutzes werde ich nicht mehr fliegen; und weil ich glaube, dass Corona noch lange nicht vorbei ist und uns das sich weiter verändernde Klima vieles sowieso nicht mehr möglich machen wird.

Conclusion:

Dankbarkeit, in einer Welt gewesen zu sein und viele Reisen gemacht zu haben, die es so nicht mehr gibt.

Und an das Zitat von Brnada anschließend, die fragt was die österreichische Bundesregierung macht, um zu helfen und zum Schluss kommt – einfach gar nichts.

Was machen die Verantwortlichen der Welt? Einfach gar nichts.

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Tag für Tag

gerate ich tiefer

in die Landschaft hinein

die mich durchquert

(Klaus Merz)

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Hier den Text des falter.maily von Nina Brnada, das meinen Gedankengang ausgelöst hat. Der FALTER ist eine österreichische Wochenzeitschrift.

Waren Sie schon einmal in Syrien? Ich selbst habe es nie dorthin geschafft. Ich bereue es häufig. Wenn ich daran denke, dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt von mehr als zehn Jahren Krieg. Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben.

Ähnliche Gefühle beschleichen mich dieser Tage bei Afghanistan. Wenn ich Namen von Städten wie Kandahar lese; oder von der kleinen Ethnie namens Nuristani, die am Hindukusch lebt und erst Ende des 19. Jahrhunderts zwangsislamisiert wurde (sauze káfir, grünäugige Ungläubige, werden sie genannt); oder vom Khyber Pass, der wichtigsten Verbindung zwischen Afghanistan und Pakistan. So wie Syrien ist auch Afghanistan zwar nur wenige Flugstunden von Wien entfernt, aber so unerreichbar wie der Mars. Was wird aus diesem Flecken Erde und seinen vielen verschiedenen Menschen, Kulturen und Sprachen werden?

Unter der rohen Gewalt, die über Afghanistan gekommen ist, entrückt das Land vor unser aller Augen, live übertragen von den global sendenden Fernsehstationen. Das muss man sich einmal vorstellen: Nach 20 Jahren amerikanischer Präsenz kontrollieren die Taliban nach wenigen Wochen mehr Territorium als vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2001.

Zudem riegeln die Taliban alles ab. Die allerletzte Verbindung zum Rest der Welt, der überrannte Flughafen von Kabul, schwindet zusehends dahin. Noch sechs Tage sichern sie den Flughafen, danach wird auch diese letzte Verbindung gekappt. Afghanistan wird als Steinzeit-Emirat versiegelt, ein schwarzes Loch auf der Weltkarte, wo Massenhinrichtungen durchgeführt werden, Mädchen teils nicht in die Schule gehen und Frauen sich jetzt schon nicht mehr frei bewegen dürfen.

Und was macht die österreichische Bundesregierung, um zu helfen? Einfach gar nichts.

https://www.falter.at/maily/1016/afghanistan-am-mars-601?ref=homepage

Foto: The Elder Poem von Elisabeth Sansonow

Beim Älterwerden langsam aus der Zukunft ankommen

Vor einigen Tagen habe ich in Helga Schuberts, geb. 1940, Buch „Aufstehen“ gelesen:

«Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Heute habe ich, geb. 1950, geschrieben:

Ich diesem Jahr des Älterwerdens bin ich langsam aus der Zukunft angekommen, ich nehme Abschied von meinem Kloster in Sri Lanka das ich nicht mehr besuchen werde, von den fernen Gebirgen, die ich noch durchwandern und den Meeren, in denen ich noch schwimmen wollte, genauso von den Opernhäusern, den Museen in den Hauptstädten, und all den Ländern die ich noch besuchen wollte.

Und dann fällt mir beim Stöbern in meiner Bibliothek das Buch von Cees Nooteboom „Rituale“, gekauft als ich 45 war, in die Hände, und finde einen Marker:

„Jetzt, da er die Vierzig hinter sich hatte, würde er nicht mehr Pianist werden wollen, würde er auch nicht mehr Japanisch lernen, das wusste er mit Sicherheit, zugleich aber ließ diese Sicherheit ein kummervolles Gefühl in ihm aufkommen, ihm war, als mache das Leben jetzt endlich seine Einschränkungen geltend, als würde dadurch der Tod sichtbar: Es stimmte nicht, dass alles möglich war. Vielleicht war alles einmal möglich gewesen, doch jetzt war das nicht mehr so.“

Und mein Kopf schüttelt sich wie der Wackeldackel im Auto.

Nein, aber nein, mit 40 war die Welt noch offen für mich und ich habe mir noch so viele Wünsche erfüllt, damals ….

Heute, ja heute, sage ich: Damals war alles möglich, doch jetzt ist es nicht mehr so. Ich bin aus der Zukunft angekommen, und weiß, dass vieles nicht mehr möglich ist.

Noch einmal Helga Schubert:

„Dieses Ankommen, zurückkehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben, gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.“

Akzeptanz für das was nicht ist –

Dankbarkeit für das, was ist …

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Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

https://www.dtv.de/buch/helga-schubert-vom-aufstehen-28278/

Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige katholische Kirche,

Dieses Glaubensbekenntnis (Credo) habe ich als Kind und auch noch als Jugendliche sehr oft abgelegt. Voll Freude und in tiefem Glauben daran. Und wenn ich die 77 Worte des apostolischen Credos laut lese, kann ich tief in mir den Hauch der Seligkeit meines damaligen Glaubens spüren.

Und doch – ich glaube nicht mehr an Gott, auch nicht an die Göttin, und schon gar nicht, dass die Katholische Kirche heilig ist.

Als Erwachsene bin ich aus der Kirche ausgetreten. Ich habe meinen Glauben nicht verloren, – so wie man vielleicht ein Taschentuch verliert. Nein – je, mehr ich meine Augen öffnete und fähig war meinen Geist frei zu machen von Glaubens-Sätzen, mich umsah in der Welt und den Religionen, und je mehr ich darauf aufmerksam wurde, was in der Katholischen Kirche und ihrem Umfeld passiert, war mein Austritt eine sehr bewusste Entscheidung.

Heute bin ich Buddhistin. Und gleichzeitig ist eine tiefe christliche Spiritualität in mir, die ihren Ursprung in Gott – vielleicht aber noch mehr in Jesus – hat. Jesus, – ich nenne ihn Joshua 1).

Die große Mystikerin Teresa von Avila sagte, wenn sie bete, sei das

„nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“

Teresa hat in Jesus nicht ein moralisches Ideal gesehen, – sie hat ihn als einen wahren Menschen geliebt im eigentlichen und lebendigen Sinn des Wortes.

Nun finde ich es nicht als Zufall, dass ich im Mai 2009, als ich als Turmeremitin im Linzer Dom war, dort hoch oben über den Dächern von Linz ein kleines Büchlein mit Texten von Teresa von Avila fand, und in einer meiner Meditationen nach langer, langer Zeit mein Herz bei meinem Freund Joshua verweilte. Dies war ein so beglückendes Erlebnis, dass ich, die ich doch über alles erzähle und schreibe, dies nicht erzählen werde. Das bleibt bei mir.

Ich kann und möchte nicht mehr von Gott sprechen und auch nicht von der Göttin. Doch wie nenne ich das Gefühl der Verbundenheit/Zugehörigkeit mit Allem und das Gefühl, dass doch etwas fehle und die immerwährende Sehnsucht danach; die Glückseligkeit in meinen Meditationen und Kontemplationen; die Freude über das Nur-Sein und Nichts-sonst; das Urvertrauen in mir? Wie nenne ich das?

Und dann wurde ich fündig bei dem Benediktinermönch und Zen-Christen David Steind-Rast. Er sagt:

„Viele Menschen haben heute Mühe, wenn von Gott die Rede ist. Das kann ich nur zu gut verstehen. Allzu oft wurde dieses Wort ja missbraucht. Um Missverständnisse zu vermeiden, gebrauche ich selber oft andere Ausdrücke:

„Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“ 2), „Quelle aller Lebendigkeit“.

Ich habe „Urgrund des Seins“ gewählt, – das erzeugt Resonanz / spricht mit mir und in mir / schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit / einer absoluten Liebe / Sicherheit und Vertrauen.  

Im „Urgrund des Seins“ ist alles enthalten – ich, mit all meinen Gefühlen und meinem Sein / alle Menschen und Tiere und Pflanzen / unsere Welt und alles darüber hinaus – das was ist …

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„Wer tief in eine Blume schaut, der sieht eine Unzahl von Elementen, die zusammengewirkt haben, um die Blume zu ermöglichen. Berührst du die Blume, kannst du die Wolken berühren, die die Blume brauchte. Du berührst den Sonnenschein, denn ohne ihn gäbe es keine Blume. Gehen wir noch tiefer, so sehen wir die Erde, die Mineralien, Zeit und Raum – alles in dieser Blume. In der buddhistischen Terminologie sagen wir, die Blume hat kein Selbst, sie hat keine abgetrennte Existenz. Eine Blume besteht viel mehr aus Nicht-Blumen-Teilen. Deshalb spricht der Buddhismus nicht von »Sein« oder »Nicht-Sein«, sondern von »gegenseitigem Sein« oder »Intersein«. Und wenn du DEIN Selbst nicht finden kannst, dann schau auf die Tatsache, dass auch dein Selbst sich nur zusammensetzt aus Teilen des Nicht-Selbst.“

(Thich Nhat Hanh)

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1) Die namensgebenden Worte aus dem Hebräischen sind „jahwe“ (= Gott) und „jascha“ (= retten, helfen, heilen). Der Name bedeutet somit so viel wie „Gott ist Heil“. Der Name Joshua ist die englische Variante von Josua, der vom hebräischen Namen „Jehoschua“ kommt.

2) Der fast bildlos Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins – „Ground of being, and granite of ist: past all / Grasp, God“ – Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem Begreifen, Gott“ (Aus: Credo, David Steindl-Rast)

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Mein erster Essay zum Thema „Gott und ich“ war der Essay „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“. In diesem gehe ich ausführlich auf meinen Kindheitsglauben, meine Zeit als Turmeremitin, David Steindl-Rast und den Buddhismus ein. Der zweite Essay „Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins“ ist eine Kurzfassung der Themen des Ersten und doch auch eine Weiterführung.

„Der Liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“, veröffentlicht im April 2017 in meinem Blog:

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Heute Morgen entdeckte ich folgende Notizen, die ich im Oktober 2020 in einem Mail an eine liebe Freundin geschrieben habe:

Jetzt, am Beginn der dunklen Zeit schreibe ich dir einige Fragen / Gedanken / Notizen:

Das Ablaufdatum der Erde

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Oder poetischer formuliert – die Erde tritt in den Winter ihres Lebens ein? –

So wie auch ich

Und unser beider Ende ist absehbar

Wenn ich das Sterben / den Tod akzeptiere, bedeutet das, dass ich der Meinung bin, wir sollten / bräuchten nichts tun, weil es sowieso zu Ende geht?

Nein, dieser Meinung bin ich nicht

Erde und Universum haben ihren eigenen Rhythmus

Wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird

Monate / Jahre / Jahrhunderte?

Wer weiß das schon …

Was ich weiß, ist –

„Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben müsste, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“

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Heute geschrieben, August 2021:

Und wenn alles um uns zusammenbricht

Feuer und Wasser menschliches Dasein vernichtet

Was hält uns dann?

Was hält dich und mich?

Gemeinschaft / Unterstützung / Fürsorge – Liebe

Und so manches Mal frage ich mich – ob erst alles

zusammenbrechen muss, damit wir uns auf das

was uns hält und trägt besinnen …

Ich habe heute einen Essay über den

Urgrund des Seins

geschrieben

der „Urgrund des Seins“ hält mich –

spricht mit mir und in mir

schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit

einer absoluten Liebe

Sicherheit und Vertrauen