Ich und mein Tagebuch

001

Mein Tagebuchschreiben begann mit 30 Jahren, nachdem ich meiner Mutter den Schlüssel für meine Wohnung abgenommen hatte. Mir reichten ihre Kontrollgänge durch meine Wohnung und die in Fragen verpackte Missbilligung – warum das und warum dieses – und – ihre Ordnung in meiner Wohnung herzustellen.

War nicht einfach für mich, mit 30(!) Jahren meine Unabhängigkeitserklärung bekannt zu geben. Das war Artikel 1. Artikel 2 folgte auf dem Fuß, als ich es ablehnte weiter finanzielle Zuwendungen anzunehmen. Artikel 3 etwas später, als ich den damaligen abgestandenen Mief der Kleinstadt verließ und nach Wien zog.

Und wie bei jeder Unabhängigkeitsbestrebung ging das nicht so einfach über die Bühne – es gab Aufstand und Krieg. Zum Krieg kam es erst etwas später, Aufstände gab es zur Genüge.

Aber diese Geschichten gehören nicht hierher – geht es doch um das Tagebuchschreiben …

Tagebuch 1984:

„Ich frage mich, ob es wohl je in meinem Leben eine Zeit geben wird, in der ich ohne schlechtes Gewissen das machen kann, was ich möchte. Des Weiteren frage ich mich, ob es uns wohl noch gelingen kann, meine Tochter zu einem glücklichen, zufriedenen Leben zu führen. Ich fürchte bereits jetzt wieder die Vorwürfe der Familie, wo ich mir doch selbst genug mache und nicht klar komme damit.“

Das Tagebuchschreiben war ein Beginn – ein Beginn, mit dem ich meinen täglichen Ärger und Enttäuschung mit und über meine Mutter reinschreiben konnte. Als sie noch jederzeit Zutritt zu meiner Wohnung hatte, wäre das nicht möglich gewesen. Ich machte eine Therapie und meine Mutter verschwand aus meinem Tagebuch. Doch bevor ich mit meiner Psychotherapie begann machte ich noch eine Woche Naikan. Dies habe ich in meinem Tagebuch nachgelesen – so vieles vergisst man mit der Zeit.

Was Naikan ist, siehe unten.

Tagebuch 2003:

„ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können.

weggehen müssen um zu der zu werden, die ich bin,

sonst wäre ich zu der geworden, die ihr haben wolltet“

Dann trat er in mein Leben. Der schwarzhaarige Jüngling, mein Liebster, der nicht nur Tagebuch schrieb, sondern auch Gedichte. Ich liebte und bewunderte ihn dafür – und entdeckte das großartige Wunder der Poesie auch in mir.

Und irgendwann,  später noch, las ich im Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron und darin ihren Übungsvorschlag der Morgenseiten. Und damit veränderte sich mein Schreiben nochmals – es wurde eine spirituelle Praxis – vergleichbar einer Meditation. Ich schrieb und schrieb und las mir das Geschriebene immer erst nach ein paar Monaten durch. Und siehe da – auf manchen Seiten stand ein literarischer Text. Einfach so.

Und mit der Zeit, da arbeitete ich bereits als Psychotherapeutin, habe ich das Buch – ich weiß nicht wie oft – vielen meiner KlientInnen empfohlen. Nicht nur die Morgenseiten sind gut, alle anderen Übungen auch.

Nun habe ich in den letzten Jahren mein Tagebuch in meinen Computer geschrieben.

In der letzten Zeit dachte ich schon öfter an die mit der Hand geschriebenen Morgenseiten. Und heute – der letzte Anstoß meine Morgenseiten wieder mit der Hand zu schreiben.

Und jetzt weiß ich, dass ich die Freude über das Fühlen des Papiers unter meiner Hand und mit den Fingern den Stift zu halten, vermisst habe. Den Stift aufzusetzen und Worte entstehen zu lassen; meine Handschrift zu sehen, die ganz unterschiedlich sein kann und damit meine Gefühle zum Ausdruck bringt. Die Farbstifte liegen daneben, so wie immer, und manchmal gibt es eine kleine Zeichnung dazu oder ich nehme nur einen oder mehrere Farbstifte und übermale den Text mit einer Farbstimmung …

Tagebuch 2018:

„Mächtiger Nussbaum verwurzelt

grüne Pracht vor blauem Himmel

regungslos

kein Blatt bewegt sich

 

Die Freiheit nichts zu tun

regungslos

Seelenruhe“

************

Im Link könnt ihr ab Seite 11 über die Morgenseiten lesen:

https://www.droemer-knaur.de/livebook/LP_978-3-426-87360-1/downloads/livebook.pdf?fbclid=IwAR0h0sP4P3-iTLFhwpF1x_vIuremw4n1Or81OrB3IZZLnJ2Nq9gP3kIC-HQ

************

Zu Naikan – was ist Naikan?

Die Naikan-Methode kommt aus Japan und kombiniert drei Elemente:

  • Ordnung im Innenleben mit einer einfachen Fragestellung
  • die Kraft der Stille
  • sanfte, respektvolle Begleitung

Ich erforsche mein eigenes Leben und strukturiere die Ereignisse, an die ich mich erinnern kann:

  • Ins Zentrum der Betrachtung stelle ich eine Bezugsperson (zuerst Mutter, danach Vater, Geschwister, Partner …).
  • Ich betrachte einen klar begrenzten Zeitraum und folge dabei meinem eigenen Lebensweg (als ich 0-6 Jahre alt war, danach 6-10 usw. bis heute).
  • Meine Erinnerungen durchleuchte ich im Hinblick auf 3 Fragen.

Die drei Naikan-Fragen sind:

  1. Was hat die Person, die ich betrachte, in diesem Zeitraum für mich getan?
  2. Was habe ich für diese Person getan?
  3. Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person verursacht?

Diese einfachen drei Fragen ermöglichen ganz neue Perspektiven auf die eigene Lebensgeschichte und das eigene Verhalten.

Aus der Seite von Johanna Schuh, Insightvoice Naikan Center Vienna

https://www.insightvoice.at/index.html

 

Advertisements

Über das Ausgesöhnte – die Scham und ich

Textauszüge, die in mein zweites Buch einfließen werden

Die stillen Tage und die Rauhnächte sind gute Tage und Nächte um an meinem zweiten Buch weiter zu schreiben. Ist es doch auch eine Zeit der Auflösung und des Neubeginns.

Ich sichte alte Texte – vor langer Zeit geschrieben – und mein Herz fließt über vor Mitgefühl mit dem Kind / dem Mädchen / der jungen Frau, die sich durch so viele Einschränkungen / Tabus / Begrenzungen / Lieblosigkeit / durch das Dunkel zum Hellen durchgekämpft hat. Es war ein harter Kampf – ein Kampf mit dem Drachen – an dem sie auch scheitern oder zerbrechen hätte können. Ich bewundere sie und bin dankbar für ihren Mut. Durch sie und mit ihr bin ich die geworden, die ich heute bin.

Heute werde ich von ihren Verletzungen erzählen. Doch schlussendlich wird es im Buch eine Heldinnengeschichte werden – unter vielem anderen auch ihr Sieg im Kampf gegen den Drachen Scham.

Aber, Achtung! Wenn selbst Götter und Göttinnen unperfekt sind, dann erst recht Menschen – und damit auch ich.

Vergebung ist der Schlüssel mit der die Gefängnistür des Opferseins geöffnet wird.

Trauerarbeit ist ein Teil dieses Vergebungsprozesses und es war mir nicht bewusst, dass die tiefe Trauer der letzten vier Jahren auch die Wunden dieser alten Verletzungen mit eingeschlossen hat. Mit meiner Mutter habe ich in ihren letzten zwei Jahren hier auf Erden über meine Verletzungen gesprochen. Sie hat sie anerkannt und ausgesprochen, wie viel sie bereut und mich um Vergebung gebeten. Ich habe ihr vergeben. Das ist gut so – meine Bitterkeit und meine Wut haben sich aufgelöst. Das ist gut so – sie konnte versöhnt sterben. *)

Jetzt erkenne ich den Sinn, dass ich in den letzten zwei Jahren als erstes Buch das Buch über die Jahre meines Älterwerdens mit aller Versöhnung die notwendig war, um ein zufriedenes Leben leben zu können, geschrieben habe. Von ausgesöhnten Verletzungen muss ich mich nicht distanzieren und ich kann Hand in Hand mit ihnen gehen, denn sie gehören zu mir.

Eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

 

die scham – damals in den 70er jahren

 

sie ist 12 jahre alt und früh entwickelt

was immer das heißen mag

es klingt schon fast nach schuldigkeit

und nicht normal

 

warum bist du so früh dran

sagt man ihr

warum hast du schon einen busen

und härchen auf deiner scham

schäm dich

 

du bist zu früh dran

was immer das heißen mag

 

sie schämt sich ohnehin

nicht nur für ihr zu früh dran sein

auch für vieles andere noch

ununterbrochen ist sie da

die scham in ihr

und breitet sich aus

 

ihr kopf ist noch oben

es wird nicht mehr lange dauern

und ihr kopf wird sich gesenkt haben

und lange jahre nicht mehr nach oben kommen

vor lauter scham

 

aber jetzt

nicht nur zu früh mit den knospenden brüsten

und den härchen

auch ihr interesse für die buben

zu früh und überhaupt

was schaust du denn schon wieder nach den buben

sagt man ihr

schäm dich

 

schäm dich

für das entdecken wollen

von etwas

was sie noch gar nicht benennen kann

gesagt wird ihr

dass das nicht in ordnung ist

was sie fühlt

dass es zu früh ist

und überhaupt

also schäm dich

 

und dann der tag am strand in italien

der camping-urlaub 1962

sie will nicht mit

aber sie muss

 

was hast du es doch gut, du undankbares mädchen

andere mädchen können nicht auf urlaub nach italien

doch sie möchte gerne zu den anderen mädchen gehören

sie will nicht im zelt sein

viel zu nahe mit dem neuen mann im leben ihrer mutter

ihrem stiefvater

den sie vater nennen soll

und dieser mutter

die sie nicht kennt und der sie nicht nahe ist

die sie kontrolliert

unablässig

 

wie sehr hat sie sehnsucht nach ihrer großmutter

die ihr aufgetragen hat, brav zu sein

und zu folgen

und ihr keine schande zu machen

damit sie sich nicht schämen muss

 

auch großmutter könnte sich also schämen

für sie

zu ihrer eigenen scham

noch die scham der großmutter

dazu

 

und dann doch

sonne, meer, strand

viele fröhliche jugendliche

zu denen sie nicht gehört

testosteron in der luft

von all den jungen männern

und ihre sehnsucht im bauch

und die scham im kopf

und ihr versuch

irgendwie dem kontrollierenden blick der mutter

zu entkommen

 

wenn SIE am strand sind

ist sie im zelt

hundert ausreden erfindend

 

und wenn SIE im zelt sind

möchte sie gerne an den strand

darf aber nicht

 

allein am strand

was könnte da passieren

 

aber

es passiert doch

aber anders

 

der gute-nacht-kuss

sie im zelt auf der luftmatratze

zwischen den campingbetten

von dem stiefvater und der mutter

so eng

nicht einmal eine handbreit zwischenraum

so eng wie das ganze leben

 

und dann

dieser gute-nacht-kuss

er beugt sich über sie

sie am boden sitzend

sein männergeruch über ihr

vorher nicht sicher

ob sie diesen geruch mag

oder abstossend findet

nachher

wird sie ihn für immer abstossend finden

und der kuss

mit diesen großen, feuchten lippen

geöffnet

und der zunge

die sich

in ihren mund

drängt

überraschend

übergreifend

ekelig

 

ihre mutter neben ihr

dicht

und sie sagt nichts

kann nichts sagen

ihr mund verschließt sich

und verstummt

und sie schämt sich

 

später

viel später

wird man sie immer wieder fragen

warum hebst du deinen kopf nicht

warum versteckst du dein gesicht

hinter deinen haaren

warum redest du nicht

 

doch SIE haben ihr die stimme genommen

mit all ihren lügen

und SIE haben die scham

in sie

hineingepflanzt

 

SIE haben ihr

die stimme genommen

 

später

viel später

wird sie kommunikationsseminare besuchen

weil eine leere in ihrem kopf entsteht

wenn sie reden soll

weil sie keine stimme hat

 

weil die alten stimmen in ihr auftauchen

die ihr sagen

du hast nichts zu sagen

und

das letzte wort habe ich

 

doch

das letzte wort

ist noch nicht gesprochen

 

********************

Die Grenzen des Blicks

Im Erdgeschoss der Hauptschule befand sich die Kochschule. Die großen Fenster gingen in den Garten, in dem sich niemand aufhalten durfte. Und schon gar nicht Buben, die im Nebengebäude untergebracht waren. Doch manchmal standen welche vor dem Fenster und machten Faxen.

Wenn ich zum Fenster hinaussah in den Garten, brüllte die Kochlehrerin – schaust du schon wieder nach den Buben?

In meinem Elternhaus gab es den sicheren Bereich des Gartens hinter dem Haus, und den unsicheren Bereich vor dem Haus.

Wenn ich mich vor dem Haus aufhielt und zur Straße hinaussah, zischte meine Mutter – schaust du schon wieder nach den Buben?

Ich hätte mich das nie getraut. Nach den Buben schauen. Dort nicht und da nicht. Kam ich mir doch viel zu dick vor. Ich kam mir immer zu dick und hässlich vor. Die ganze Hauptschulzeit. Kurze Zeit später, als ich dann wirklich begann mich für Buben zu interessieren – nein, auch nicht für die Buben, nur für einen – begann ich abzunehmen. Die erste Hungerzeit in meinem Leben, der noch viele folgen sollten. Mein ganzes Leben lang. 20 kg mehr – 20 kg weniger. Eine Pendelbewegung.

Ich traute mich auch nicht aufzuschauen. Angst. Nur nicht auffallen. Wenn ich doch einmal den Blick hob, begegnete ich den wachsamen Augen der Kochlehrerin. Und wenn diese rote Flecken am Hals hatte, begann die Brüllerei von neuem. Ich konnte nichts richtig machen. Und weil ich Angst hatte, machte ich auch nichts richtig. Ich musste die brennheißen Erdäpfel in die ganze Hand nehmen – nein, nicht mit den Fingerspitzen halten und auch nicht auf eine Gabel – in die Handfläche. Und nicht fallen lassen. Wenn jemand flüsterte, wenn jemand etwas falsch machte, blies die Kochlehrerin in ihre schwarze Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und alle standen stramm. Besonders ich. Ich war froh und erleichtert, dass mir alles schmeckte. Wenigstens das. Andere Mädchen haben sich erbrochen, mussten ihr Erbrochenes wegwischen, sich hinsetzen und weiter essen. Am Ende der Stunde, war ich es, die noch mit einem Eimer und dem Ausreibfetzen am Boden kniete und den Boden aufwischte. Alle anderen standen bereits, ihrer Kochschürzen entledigt, bei der Tür und warteten auf mich. Ungeduldig. Welche Scham.

Beim Umkleiden im Keller vor dem Schwimmbeckenbereich traute ich mich nicht meine Mitschülerinnen anzuschauen. Ich tat es doch. Heimlich. Hinter dem Vorhang meiner Haare heraus. Ich kannte keine nackten Körper. Ich sah, welch schöne Unterwäsche manche anhatten. Meine BH’s nähte die Großmutter selbst. Und meine Unterhosen waren Pumphosen. Das waren weite Hosen aus weißer oder rosa Baumwolle, die fast bis zum Knie reichten. Auch von meiner Großmutter genäht. Und im Winter waren sie aus dicker, fester Baumwolle, die mich noch unförmiger erscheinen ließen. Ich schämte mich in Grund und Boden.

Als ich mich mit 14 in meinen zukünftigen ersten Mann verliebte, ging mein Blick eindeutig über die gesetzten Grenzen hinaus. Heute würde ich sagen – ich sah ihn und wollte ihn. Damals – ja damals, war das nicht so eindeutig. Das Wollen – das Träumen – hatten sie mir ausgetrieben. Träumen tat ich nur mehr in meinen Büchern, die ich las. Und mit 14 hatte ich alle Karl May-Bände die es in der kleinen Bibliothek gab, ausgelesen. 60 waren es. Und ich bewunderte Old Shatterhand. Nein, nicht Winnetou, wie alle anderen Mädchen – Old Shatterhand. Und dann – dann traf ich ihn.

Ich stand mit meiner Freundin vor dem Kino und wartete auf den Beginn des Films „Winnetou I“. Wir gingen in die Nachmittagsvorstellung. Und ich wusste, hie und da kamen meine Eltern vorbei, nachzuschauen, ob ich mich auch wirklich nur mit meiner Freundin traf und ich mich auch nicht „aufführte“. Wie hätte ich mich das getraut. Unsicherheit und Angst.

Und dann sah ich ihn – Old Shatterhand. Franz hieß er, und er stand inmitten seiner Bubenclique – der Anführer. Er war 1,91 groß, blond, markantes Kinn, und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. In mir war ein Sturm von Gefühlen. Bewunderung, Liebe, Lust – von der ich damals nicht wusste, dass dies Lust war, Verlangen, Angst und Scham. Vor allem Scham. Dies war ein Gefühl, das mich noch lange in meinem Leben begleiten sollte.

Jetzt stand er dort – mein Held Old Shatterhand. Mein Held, der mich erlösen sollte. Und wenn ich in der Folge sämtliche Winnetou-Filme zwei- oder dreimal sah, dann nicht nur wegen der Filmfigur, sondern wegen Franz. Und irgendwann, als ich meine Eltern belog, und nicht mit meiner Freundin ins Kino ging, sondern alleine, hob ich meinen Blick und schaute ihn an. Ich weiß bis heute nicht, woher ich diesen Mut nahm. Er stand unterhalb der Stufen zum Kinoeingang. Seine Freunde etwas entfernt. Ich stellte mich auf die zweite Stufe, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein, und redete ihn an. Und er schaute mich an. Dies war der Beginn einer bittersüßen Liebesgeschichte.

********************

Als die Liebesgeschichte, die in einer frühen Ehe mündete, zu Ende ging, begann der zweite Durchgang durch die Scham. Aber nein – die Liebesgeschichte ging nicht zu Ende – ich liebe ihn heute noch. Jedoch, die Möglichkeit eines guten Zusammenlebens ging zu Ende. Wir konnten nicht reden miteinander. Wir hatten beide keine eigene Stimme.

********************

am abgrund stehend

die scham – in späteren jahren

 

für das was ich war

für das was ich nicht war

für das wie ich war

für das wie ich nicht war

für das was ich nicht wusste

 

scham und unsicherheit

mich falsch zu benehmen

nicht das richtige zu sagen

nicht das richtige zu tun

 

und aus dieser unendlichen scham heraus

bestätigung suchend

bei einem mann

von einem mann

gib mir endlich die anerkennung

die bestätigung

dass ich in ordnung bin

dass mit mir alles in ordnung ist

erlöse mich von meiner scham

und unsicherheit

 

und es konnte nicht genug sein

an männern

die mir anerkennung gaben

 

und irgendwie

wusste ich damals nicht

dass ich ausgewählt hatte

beim ersten blick gewählt hatte

und meinte

dass sie mich ausgewählt hätten

 

und dann das spiel von neuem

weil es keine erfüllung gab

 

die scham und unsicherheit

nach einem moment der ekstase

sich wieder breit machte

sich ausbreitete

 

und dann begann das spiel von neuem

unendliche spielvariationen

mit unendlichen spielfolgen

und wechselnden mitspielern

 

was blieb

war die scham

************************

familie

ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können

weggehen müssen um zu der zu werden die ich bin

sonst wäre ich zu der geworden die ihr haben wolltet

************************

*)  „Vergeben und Verzeihen sind nicht gleich Versöhnung. Versöhnung bedeutet zusätzlich zur Verzeihung, dass beide Seiten unbelastet von der Verletzung die vorbestehende Beziehung fortsetzen wollen. 

Nach der Vergebung kann eine Beziehung auch beendet werden; d. h. es kommt zu keiner Versöhnung, jedoch wird nichts nachgetragen. Eine Versöhnung ist nur sinnvoll, wenn der Täter Reue zeigt und Wiedergutmachung leistet. „Versöhnung fordert, dass die Parteien ihr Vertrauen zueinander erneuern.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vergebung_(Psychologie)

 

*************************

Mein erstes Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Die letzten 10 Jahre meines Lebens.

Erhältlich in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

 

 

 

Ich habe mein erstes Buch veröffentlicht!

Bild könnte enthalten: Pflanze und Text

Große Freude – mein eigenes Buch in Händen zu halten! 

Mein Buch ist ab sofort im Verlag und in jeder Buchhandlung erhältlich! 

Über diesen Link gibt es Infos zum Buch, eine Leseprobe zum Schmöckern, und Du kannst auch sofort bestellen – Paperback, Hardcover und e-Book – nach Deiner Wahl!

https://www.mymorawa.com/self-publ…/gestaltung/publizieren/…

„Altwerden ist nichts für Weicheier“ (Betty Davies)

Nachdem mich in den letzten 10 Jahren die Realität des Alterns eingeholt hat, bin ich auch dieser Meinung. Ich erzähle in Geschichten und Gedichten über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Altern.

Meine Erfahrungen – und doch wird es für viele Menschen einerseits eine Erleichterung sein, über die Mühen zu lesen (ah ja, endlich spricht es eine aus!) und andererseits eine Ermutigung, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen und schlussendlich anzufreunden. Bleibt ja auch nichts anderes übrig, wenn man nicht für die verbleibenden Jahre dahingranteln möchte!

„Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft. Früher, als das Altwerden noch nicht begonnen hatte. Ich jammere nicht. Ich halte aber nichts vom Schönreden, dass ja alles so leiwand ist mit dem Alter, aber auch nichts vom Schlechtreden. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Ja, es ist schön, und so manches Mal ist es auch mühsam. Darüber schreibe ich.

Ich freue mich, wenn es Dir gefällt – und ein herzliches Dankeschön fürs Teilen in Deinem Freund*innenkreis!

 

 

Wenn die unzählbaren Tage Vergangenheit und die zählbaren Tage Zukunft sind, wird jeder Tag zu einem kostbaren Tag

001

Vieles gibt es zu akzeptieren mit dem Altwerden

Jeden Tag aufs Neue

Kein Hadern mehr – hätte ich doch …

Akzeptieren von dem was war

Akzeptieren von dem was ist

Ursache und Wirkung

Das ist das Leben

 

Den Blick nicht mehr auf die Zukunft ausrichten

Den Blick auf den Tag richten

Täglich

Die Zeit, die weniger wird

Täglich

 

Ich kann gehen / ich kann Rad fahren

Ich kann schwimmen im See

Ich kann mich bewegen ohne Schmerzen

Ich kann lieben – immer mehr

Ich bin zornig – immer weniger

Ich lerne Demut

Ich kann den Tag leben /erleben so wie ich das möchte

Ich lebe

Täglich

 

Das Leben genießen

Die Sonne / die Hitze

Den Regen / den Sturm

Mich in die Sonne legen

Mich in den Sturm stellen

Spüren mit allen Sinnen

 

Das Innerste nach Außen kehren

Das Äußerste nach Innen

 

Samtiges Seewasser auf der Haut

Ein Fisch springt aus dem Wasser

Eine Ente schüttelt das Seewasser

Von ihrem schimmernden Federkleid

Wassertropfen auf der Haut

Die im Sonnenlicht glitzern

 

Blauäugige Träumerin

Die glaubte

Früher einmal

Dass es immer so weitergeht

Gedanken der unzählbaren Zeit

Blauäugige Träumerin

Die glaubte

Früher einmal

Dass es reicht

Zu wünschen

Und übersah

Dass der Boden bereitet werden muss

Für die Wünsche / die Träume

Die richtige Lage

Die passende Erde

Sonne oder Schatten

Für die Pflanze Traum

Dass sie mit Vorsicht und Umsicht

Eingepflanzt

Gehegt und gepflegt

Bewässert und gestützt

Werden muss

Um zu wachsen

Träumen alleine reicht nicht

 

Ausgeträumt

So manchen Traum vom Altsein

 

Doch kein Hadern mehr – hätte ich doch …

Akzeptieren von dem was war

Akzeptieren von dem was ist

Ursache und Wirkung

Ankommen im Altsein

Täglich

 

Text und Zeichnung: M.K., 15 08 2018

 

 

Meine LebensGärten

003

In einer meiner schlaflosen Nächte besuchte ich meine verschiedenen LebensGärten.

Und wieder einmal war ich überrascht. Überrascht, in wie vielen Gärten ich zu Hause war. Verwurzelt. Wie leicht es mir fiel, meine Wurzeln aus der Erde zu ziehen und wieder neu einzuwurzeln. Der Dünger war Veränderungsbereitschaft.

Meine Schlafhöhle inmitten meiner Bücher schenkt mit nicht nur Geborgenheit, sie ist auch sehr praktisch. Ich drehte mich zur Seite und hatte mit einem Griff drei Bücher über Gärten zur Hand. Wenn ich nachts aufwache, brauche ich nur meine Hand auszustrecken und habe das jeweils passende Buch.

Die Verbindung Garten und Bücher – Hand in Hand – von Beginn meines Lebens an.

In der Erzählung „Gartenkind“ schrieb ich: „Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.“ Zu der Zeit saß ich in der Astgabel eines  Apfelbaums, war fünf Jahre alt, und hatte begonnen Wörter vom Baum zu pflücken.

Heute, in meinem jetzigen Garten, sitze ich nicht mehr auf dem Baum. Jedoch sitze ich täglich unter meinem titanischen Nussbaum und pflücke weiter Wörter aus den Bäumen und den Wolken. In der Computersprache könnte ich jetzt wohl von einer Cloud – einer Datenwolke, sprechen. Eine poetische Datenwolke, die gleichzeitig eine Erinnerungswolke ist. Gespeicherte Erinnerungen.

Ich nehme das wunderschöne Buch von Hermann Hesse mit seinen Gedichten und Erzählungen, den von ihm gemalten Bildern von seinen Gärten zur Hand. Auch er lebte in mehreren Gärten. „Freude am Garten“ ist der ansprechende Titel. Und dann noch die zwei empfehlenswerten Bücher von Barbara Frischmuth: „Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte“ und „Fingerkraut und Feenhandschuh. Ein literarisches Gartentagebuch“.

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation“ (1955).

(Hermann Hesse)

Ja, so ist es ….

Und während ich dies schreibe, mache ich einen Blick über meinen Computer hinaus in meinen „wilden“ Garten. Jeden Tag freue ich mich über unseren wilden Garten.

Die wilden Gärten und auch die wilden Wiesen sind schon lange verschwunden.

In der Erzählung „Die Einsamkeit der Bäume“ schrieb ich: „Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.“

Der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder lebte zwölf Jahre in Japan, um Zen-Buddhismus und Japanisch zu studieren. Zurück in Amerika, baute er sich ein Haus in einem Indianerreservat, wurde Professor und Ökoaktivist. Er schreibt:

„Die Welt ist Natur, und auf lange Sicht ist sie unweigerlich wild, denn das Wilde ist auch eine Ordnung der Unbeständigkeit. Auch unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht, und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können“.

Ja, ich bin ihm gefolgt, meinem wilden Geist – ein Leben lang. Aus meiner „Datenwolke“ beginnen Geschichten zu purzeln. Meine LebensGeschichten in den einzelnen LebensGärten – und ein Erzählband über die LebensGärten beginnt Gestalt anzunehmen.

Erzählungen über die verschiedenen LebensGärten:

  1. 1950 Kindheitsgarten – Großmuttergarten, St. Pölten
  2. 1968 Schwiegermuttergarten, St. Pölten
  3. 1980 Die Wiese neben dem Hochhaus, St. Pölten
  4. 1986 LiebesGärten – Botanischer Garten und Oberes Belvedere, Wien
  5. 1987 Garten in Poppi, Toskana
  6. 1989 Garten im alten Lehmhaus, Weinviertel
  7. 1991 Garten in der Grünentorgasse, Wien
  8. 1996 Garten in der Ungargasse, Wien
  9. 2014 Muttergarten, St. Pölten
  10. 2018 Altenwohnsitzgarten – im Garten meines Sohnes, St. Pölten

 

Eine Erzählung: Die Wiese neben dem Hochhaus.

Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, dass im Jahre 1979 eine Wohnbau-Genossenschaft drei zehnstöckige Häuser mitten in einer Einfamilienhaussiedlung errichten konnte. Die umliegenden Anwohner, denen ihre Gartenzäune nichts mehr nützten, sahen ihnen doch nunmehr unzählige Augen ungehindert in ihre Gärten, protestierten vergebens dagegen. Hätte es mich betroffen, hätte ich mich auch dagegen gewehrt.

Für mich, als damals allein erziehende Mutter war es eine gute Gelegenheit in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Mein Elternhaus liegt einige Straßenzüge weiter weg, so dass es von der Einsichtigkeit der Hochhäuser nicht betroffen war. Ich zog in das erstgebaute Haus im neunten Stock ein und hatte eine weite Sicht über die Stadt hinweg in das Alpenvorland mit dem 1.893 m hohen Ötscher. Die schönsten Sonnenuntergänge sollte ich dort auf meiner Loggia erleben. Nach gut einem Jahr zog mein zukünftiger zweiter Ehemann bei mir ein.

Einige Male bestiegen mein Mann und ich damals über den Rauhen Kamm den Ötscher. Eine sehr anspruchsvolle Tour. Und es war wunderbar, ihn von unserer Loggia aus sehen zu können.

Nun gibt es bei den Häusern keinen Garten, doch auf der Schmalseite des Hauses und zwischen den Häusern gibt kleine Wiesenstreifen, die straßenseitig durch kleinwüchsige Sträucher abgegrenzt sind. Obwohl ich von einer Wiese spreche, ist es eigentlich ein Rasen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Wiese und einem Rasen. Der Rasen besteht aus Gras – sonst nichts. In einer Wiese wachsen Löwenzahn, Klee,Veilchen, Margeriten, Gänseblümchen, Günsel und duftende Kräuter – um nur einige zu nennen. Eine Wiese ist belebt von vielen Tieren, ein Rasen nicht.

Meine Tochter wünschte sich eine Katze und so zog Mischa, ein schwarzer Kater, in unsere Wohnung im neunten Stock ein. Anfangs versuchten wir ihn daran zu gewöhnen, an der Leine zu gehen. Wir fuhren mit dem Kater im Arm mit dem Lift nach unten und gingen mit ihm immer wieder auf diesen Rasenstreifen spazieren, um ihn an die Leine zu gewöhnen. Vergeblich. Er wollte nicht. Also wurde er eine Wohnungskatze. Jetzt greife ich der Geschichte etwas vor. Nach ein paar Jahren als mein Mann und ich uns trennten, zog der Kater in ein anderes Haus in St. Pölten, mein Ex-Ehemann in eine Wohnung in St. Pölten und meine Tochter und ich nach Wien. Der Kater Mischa zog bei meinen Eltern ein  und wurde eine glückliche Gartenkatze – auf einer Wiese.

In der jetzigen Geschichte geht es um eine verletzte Taube. Wir fanden sie mit zwei gebrochenen Beinchen auf unserer Loggia. Sie war gegen die Glasscheibe geflogen. Mein Liebster bastelte eine Hängevorrichtung, in der die Taube nun wochenlang in unserer Küche hing, bis ihre Beinchen ausgeheilt waren. Meine Tochter übernahm die Aufgabe, sie zu füttern und mit Wasser zu versorgen, was nicht einfach war. Sie gab sich sehr viel Mühe und schaffte es. Oft gingen wir mit ihr auf den Rasen neben dem Haus, setzten sie auf den Boden und sahen ihr zu, wie sie wieder laufen lernte. Erst zögerlich und vorsichtig und dann immer mutiger. Wir warteten auf den Moment, in dem sie sich wieder in die Lüfte erheben würde. Doch dies dauerte noch einige Zeit und einige Flugversuche, bis sie sich ihrer Flügel wieder sicher war und in den Sonnenuntergang entschwebte …

Nein, so war es natürlich nicht. Sie erhob sich und verschwand auf  Nimmerwiedersehen über den Gärten. Dies war das Ende unserer Besuche auf dem schmalen Rasenstreifen neben dem Hochhaus.  

Zitate im Text aus:

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

 

Meine Trauer über die Türkei

Istanbul 1

Und wieder hat ein Diktator die Bühne betreten

Und diesmal vom eigenen Volk gewählt

Und wieder können / müssen wir zusehen, was passiert, wenn einer die Macht fest in seiner Hand hält

Und es erfüllt sich hier der Wunsch von Menschen, die sich wieder einen Führer wünschen

Und dieser Wunsch nach einem allmächtigen und gnadenlos strafenden GottVater entsetzt mich

Und es macht mich traurig, was so vielen Menschen bereits angetan wurde und in Zukunft noch viel mehr angetan werden wird

Und es macht mich ambivalent, zornig einerseits, weil viele Menschen trotzdem auf Urlaub in das Land fliegen werden – weil es so billig ist – zornig, weil sich der Diktator dadurch bestätigt fühlen wird, und gleichzeitig weiß ich, dass Menschen dadurch ein Einkommen erhalten werden

Und ich bin sehr dankbar über meine 5-wöchige Reise im Jahr 1993 durch die Türkei mit meinem damaligem türkischen Freund, einem Historiker,von Alanya nach Istanbul – über Side, Aspendos, Perge, Konya, Pamukkale, Iznik – welch schönes Land …

https://monikakrampl.wordpress.com/2016/11/19/meine-reise-in-den-orient/

Und ich weiß, dass ich dieses Land nie mehr sehen werde …

Ich höre Istanbul

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Zuerst weht ein sanfter Wind
Leicht schwanken die Blätter
an den Bäumen,
In der Ferne, in weiter Ferne
Unaufhörlich die Glocken der Wasserverkäufer,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Während ich rufen will, die Vögel fliegen vorbei,
Fliegt eine ganze Schar, hoch hinaus, Schrei für Schrei,
Die Fischer holen die großen Netze ein,
Die Füße einer Frau berühren das Wasser,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Kühl, kühl der Große Basar,
Kunterbunt Mahmutpaşa,
Voller Tauben die Höfe,
Vom Dock her hallt es Hammerschläge,
Im herrlichen Frühlingswind liegt Schweiß,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

 

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
In meinem Kopf der Rausch vergangener Feste,
Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern
Steht im abklingenden Geheul der Südwestwinde,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Eine Dirne stolziert auf dem Gehsteig,
Flüche, Gesänge, Anmachsprüche,
Etwas fällt aus ihrer Hand auf den Boden,
Es müsste sich um eine Rose handeln.
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Ein Vogel zappelt an deinen Hängen,
Ich weiß, ob deine Stirn warm oder kalt ist,
Ich weiß, ob deine Lippen feucht oder trocken sind,
Weiß geht der Mond hinter Kiefergewächsen auf,
An deinem Herzschlag erkenne ich
Ich höre Istanbul.

Orhan Veli Kanik (13. April 1914, Istanbul – 14. November 1950, ebenda)

 

Über Süchte und warum ich mich wieder einmal aus den sozialen Medien zurückziehe

DSC01832

Mein ganzes Leben lang war ich süchtig nach Wissen und daher auch nach Informationen. Facebook, und das Internet allgemein, ist für mich ein Wissenspool. Immer wieder werde ich aufmerksam auf Neues. Neues, das mich fasziniert, und von dem einen zu wieder anderem führt. Es ist scheinbar endlos.

Abgesehen von der Wissensvermittlung schätze ich facebook sehr, weil es mich zeitnah am Leben von FreundInnen – wirklichen, auch persönlich bekannten FreundInnen – teilnehmen lässt. Wenn ich aber beginne, in meinem Alltag, mit allem was ich mache daran zu denken, dass ich das auch teilen könnte/möchte; wenn ich beginne, bei all dem Schönen, das mich umgibt daran zu denken, dass ich davon ein Foto machen könnte, um es zu teilen, bin ich selbst nicht mehr vorhanden in meinem Leben. Ich beginne, es durch die Augen der anderen zu sehen und der Moment des Lebens ist nicht mehr mein Moment. Nicht für all meine Sinne, und vor allem nicht für mein Herz und meine Seele.

Der Moment meines Lebens ist nicht mehr mein Moment, wenn ich ihn durch die Augen von anderen sehe.

Mein Herz und meine Seele brauchen Zeit um wahrzunehmen, um es in Herz und Seele aufzunehmen, und es in meiner inneren Schatzkiste verwahren zu können. Dazu brauche ich intensives Wahrnehmen und Aufnehmen – und keine Gedanken dabei an andere.

„Achtsamkeit ist nicht das Gleiche wie Konzentration.

Konzentration ist Ausschließung.

Achtsamkeit, die umfassendes Gewahrsein ist, schließt nichts aus.“

(Jiddu Krishnamurti)

 

Ich habe nie die die Sätze von Menschen, die ich sehr oft gehört habe, verstanden – „… wenn ich niemanden an meiner Seite habe, mit dem ich die schönen Momente teilen kann, dann freut/interessiert es mich nicht“. Ich kenne es, wie schön es ist, einen geliebten Menschen an der Seite zu haben, mit dem man schöne Momente in Schweigen, Achtsamkeit und Verinnerlichung gemeinsam genießen kann. Das ist wunderschön und auch bereichernd.

Doch – dies alles kann ich auch alleine. Nur für mich.

Meine Süchte waren vielfältig. War es früher u.a. auch die ewige Suche und Sucht nach Grenzerfahrungen, musste ich mich davon befreien, um mein Leben zu überleben.

Mein alternder Körper hat mir Grenzen gesetzt. Lange Zeit, über 50 Jahre, hat er alle meine Eskapaden und Exzessivitäten klaglos mitgemacht. Als er begann zu streiken, hat mich das erst entsetzt, dann wütend und später ratlos gemacht.

Was jetzt? Wie soll ich jetzt leben?

Nun, heute, bin ich in erster Linie meinem Körper dankbar, dass er so lange klaglos funktioniert hat. Dass dies nicht selbstverständlich ist, erkannte ich erst spät. Und aus dieser Dankbarkeit erwuchs meine Sorgsamkeit mit ihm. Ich danke es ihm jetzt in der Form, dass ich sorgsamer mit ihm umgehe.

Und diese Sorgsamkeit wende ich auch auf meine Seele an.

Ich verwende jetzt einfach den Begriff der Seele für mein innerstes Sein, obwohl ich weiß, dass es nicht so einfach ist mit der Begrifflichkeit der Seele. Aber darum geht es jetzt nicht.

Mein innerstes Sein hat Sehnsucht nach Kontemplation und Meditation.

Die Sehnsucht nach Rückzug, und die Zeit, die ich mir damit für mein Selbst gönne, ist nicht etwas, das erst mit dem Alter entstanden ist. Ich habe sie seit der Mitte meines Lebens.

Es begann mit dem Ausstieg aus einem ersten Berufsleben als Angestellte mit 34 Jahren.

Eine dreimonatige Reise durch Indien, das kennen lernen des Buddhismus, konfrontierte mich damals erstmals mit der Frage „Was mache ich da eigentlich?“, „Wie lebe ich?“ – und – in der Folge „Wie will ich eigentlich leben?“ Damals gönnte ich mir meinen ersten Rückzug, der zwei Jahre lang dauerte. Es brauchte einige Zeit, meine Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen, zu erkennen und mich neu zu orientieren. Ich machte dann eine zweite Ausbildung zur Psychotherapeutin, und ich machte mich selbständig. Ich wollte nicht mehr abhängig sein, wollte nicht, dass andere über meine Zeit bestimmen. Auch damals schon war es mir sehr wichtig, über meine Zeit selbst bestimmen zu können, und vor allem Zeit zu haben, mich immer wieder zurückzuziehen. Sei das jetzt in langen Reisen in fremde Länder, um Kulturen und Menschen kennen zu lernen, in Studienreisen, oder zu Meditationszeiten in einem buddhistischen Kloster.

„Gut und achtsam mit den Dingen umzugehen tut mir selbst gut“ schreibt Anselm Grün in seinem Buch „Gut mit sich selbst umgehen“.

Das eine bedingt das andere. Wenn ich gut und achtsam mit mir selbst umgehe, werde ich auch behutsam mit den Dingen des täglichen Lebens, mit meiner Umwelt und den Menschen umgehen.

Dazu komme ich immer wieder auf die für mich wichtige Übung der „vier großen Anstrengungen“ von Buddha zurück:

  1. Einen unheilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, nicht aufkommen zu lassen.
  2. Einen unheilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, nicht weiterführen.
  3. Einen heilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, aufkommen lassen.
  4. Einen heilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, weiterführen.

Dieses Originalzitat von Buddha mag zwar für unsere Ohren merkwürdig klingen, aber es ist eine grundlegende und beachtliche Übung. Wenn man sich darauf einlässt, ist es der Beginn eines Läuterungsprozesses, der in einer großen Erleichterung – dem Loslassen einer Bürde – mündet. Dieser Erinnerung bedarf es immer wieder. Zumindest für mich.

Ich möchte nochmals Jiddu Krishnamurti zitieren. Er sagt:

„Wenn Sie die Schönheit eines Vogels, einer Fliege, eines Blattes sehen wollen oder einen Menschen mit all seinen Schwierigkeiten zu verstehen suchen, müssen Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit, die ein unmittelbares Gewahrsein ist, dafür hingeben. Und Sie können das nur tun, wenn Ihnen daran etwas liegt, wenn es Ihnen zutiefst um das Verstehen zu tun ist – dann geben Sie Herz und Geist daran.“

Zeit – ja, es kostet Zeit. Und damit fordert es eine Entscheidung, wofür ich meine Zeit aufwende. Ich gebe dafür meine Aufenthalte in facebook hin. Und – auch eine Entscheidung, die ich getroffen habe, mein Smartphone. Wie lange habe ich mich geweigert, ein Smartphone zu besitzen – bis vor einem Jahr. Nun verwende ich es kaum. Ich habe weder Internet, Messenger, etc. aktiviert, ich habe kein WhatsApp, ich fotografiere nicht damit. Ich weiß um die Gefahr meiner Sucht – noch schneller und überall und zu jeder Zeit informiert zu sein. Nein, ich will das nicht. Deshalb werde ich es wieder gegen ein Handy eintauschen. Ich will nicht dauernd erreichbar sein. Und meine Fotos, wenn ich denn welche mache, mache ich mit meinem alten Fotoapparat.

War mir mein Rückzug in früheren Jahren sehr wichtig, weil ich wusste, dass ich sonst immer wieder meine Achtsamkeit verliere, ist er mir jetzt zusätzlich noch wichtig, weil ich nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung habe. Ich weiß nicht, wie viele Jahres“zeiten“ ich noch erleben darf. Zeit ist noch kostbarer geworden …

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben,

einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

(Pippi Langstrumpf)

 

 

Über das Altsein und das Tabuthema Sexualität

Tantra

 

Altwerden und Altsein wird sehr verschieden empfunden und gelebt. So wie wir Frauen auch sehr verschieden sind und bis zum Alterungsprozess auch sehr verschieden gelebt haben und weiter leben werden. Achtung vor unserer Vielfältigkeit tut gut.

Wenn Lotti Huber in ihrem Buch „Diese Zitrone hat noch sehr viel Saft“ u.a. schreibt:

Mit den ersten Falten stellen sich besonders Frauen oft in eine Warteposition, treten auf der Stelle und werden natürlich immer unzufriedener. Sie werden sich ihrer Falten bewusst, nicht aber ihrer Fähigkeiten.(…)“

dann trifft das auf einige Frauen zu. Auf mich nicht. Ich bin mir meiner Fähigkeiten und vor allem auch meiner wachsenden Fähigkeiten sehr bewusst.

Doch habe ich wieder mit anderen Dingen Schwierigkeiten – so z.B. mit meiner nachlassenden Energie; meinem alternden Körper, der schwerfälliger wird – und ja auch, mit dem Aussehen meines Körpers.

Gioconda Belli beschreibt es in ihren „Anmerkungen für die Zeit des Alterns“ so:

„Es fällt mir schwer das Leben zu begreifen ohne Schönheit

mir vorzustellen wie mein Körper

nachgibt dem Newtonschen Gesetz,

zerfällt

sich welk seinem Ende neigt (….)

wenn mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

das Herz stärken (…)“

 

Und dann höre ich die Worte, und sehe schon die erhobenen Zeigefinger: „Ja, aber, man muss doch …, und die inneren Werte …., und überhaupt … . „
Nein, ich muss gar nichts. Ich habe meine Schwierigkeiten damit. Punkt. Vielleicht verändert sich dies irgendwann. Vielleicht aber auch nicht.

Lust und Leidenschaft hören mit dem Alter nicht auf. 

Will ich ein verrücktes Leben als Alte leben?

Nein, ein verrücktes Leben möchte ich heute nicht mehr leben, habe ich doch genug an Verrücktheiten gelebt. Unangepasst zu sein ist mir jedoch wichtiger denn je.

Ja, ein unangepasstes Leben – mich nicht in krank machende Systeme hineinpressen zu lassen – das mehr denn je.

Mir fehlt das Lustgefühl der Sexualität.   

Wenig wird über Sexualität geredet und geschrieben.

 

Wir könnten doch über die körperliche Liebe sprechen – genauso wie wir über andere Dinge unseres Lebens sprechen. Ob sich Einsamkeit oder die Liebe in unseren Nächten breit macht …

Und dabei sind wir Alten doch frei zu leben – auch Erotik und Sexualität. Wir können nicht mehr schwanger werden! Müssen uns um keine Verhütung kümmern.

Welche Freiheit!

Und wir können auch unsere Liebes-Fähigkeiten wachsen lassen – in unseren Herzen, in unseren Seelen und in unseren Bäuchen.

Welche Freude!

Herzlich noch mehr Menschen zu lieben; spirituelle allumfassende Liebe zu leben – und es ist egal ob mit oder ohne Religion; erotische Liebes- und Orgasmusfähigkeit.

Lassen wir unsere Körper erglühen in wonnigen Liebesschauern, umarmen und küssen wir uns, zeigen wir unser Begehren und werden wir bedächtige GenießerInnen – wir, die wir jetzt Zeit haben. Geben wir uns der Wollust und Sinnlichkeit hin, während aus unseren Körpern die Liebe strömt …

 

Ich habe schon längere Zeit keine Partner. Die letzten Jahre, in denen ich Liebe, Lust und Leidenschaft gelebt habe, habe ich in verschiedenen Beziehungsmodellen – sowohl in monogamen Beziehungen als auch in Polyamory-Beziehungen gelebt.

Und ich merke, wenn ich schon mal – sehr selten – einen Mann treffe, der Interesse an mir zeigt, dann möchte er vor allem eine herkömmliche Beziehung leben. Zusammenziehen, bekocht werden, alles gmeinsam machen, etc. etc. – mich streift da der Verdacht des Versorgt-werden-wollens.

Nein, das will ich nicht. So nicht.

Ich möchte eine lebendige und erwachsene Partnerschaft, in der man nicht unbedingt zusammenwohnen muss. Ich habe auch sehr viele eigene Interessen und brauche daher auch viel Zeit für mich. Ich brauche kein Gegenüber, damit mir nicht langweilig ist.

Neugier auf das Leben; Unabhängigkeit; Liebe, die nicht braucht; und Lust und Leidenschaft – das möchte ich.

Nein, ich leide nicht darunter, Liebe, Lust und Leidenschaft zurzeit nicht in einer Beziehung leben zu können. Ich kann sie vielfältigst auf andere Art und Weise leben.

Jedoch frage ich mich, womit es zu tun hat, dass ich dies alles bis zu meinem 53. Lebensjahr immer wieder leben konnte, und jetzt mit meinen 68 Jahren nicht mehr?

Hat es damit zu tun, dass ich seit meinem 38. Lebensjahr immer mit jüngeren Partnern zusammen war?

Und jetzt ein jüngerer Partner schon mindestens 20 Jahre jünger sein müsste, um nicht in dieser bequemen altherrlichen Manier zu leben?

Hat es mit meinen Ansprüchen zu tun?

Na ja, dann war’s das.

Denn ohne meine Ansprüche an das Leben würde mir mein Leben nicht gefallen …

 

Anmerkungen für die Zeit des Alterns und über die Zeit des Altseins.

002

Erst die „Anmerkungen für die Zeit des Alterns“ von Gioconda Belli.

Im Anschluss meine „Anmerkungen über die Zeit des Altseins“, in denen ich auf ihre Worte eingehe.

 

Wenn du die Wahrheit wissen willst:

Ich möchte nie alt werden

und noch viel weniger sterben.

Es fällt mir schwer das Leben zu begreifen ohne Schönheit

mir vorzustellen wie mein Körper

nachgibt dem Newtonschen Gesetz,

zerfällt

sich welk seinem Ende neigt

und ich dies ertrage.

Ich denke an die Worte der weisen, alten Frauen.

Sie sagen, das Leben öffne sich wie eine Allee

wenn endlich die Erfahrung die Mitte erreicht

und die Harmonie des Konzerts der gelebten Dinge

in der Dämmerung erklingt.

Doch ihre Worte überzeugen mich nicht.

Ich klammere mich an die Kurven meines Körpers

an den hellen Glanz meines Fleisches

und erschrecke

über die ersten Zeichen der Zeit auf meinem Gesicht.

Noch kann ich sie verbergen.

Noch sind es keine unheilbaren Risse.

Doch das Schreiten der Tage bedroht mich.

Ich sage mir, ich werde mit einer anderen Schönheit lächeln

ich werde eine Großmutter mit Zöpfen sein

und vielen Märchen und Gedichten und Kuchen.

Doch ich täusche mit nicht:

Ich find’s absolut nicht lustig.

Aber nicht ich

noch mein Wunsch

können die unerbittliche Richtung der Uhren verändern

oder mit Tränen der Erde verwehren

gehorsam um ihre Achse zu kreisen.

Ich bin sterblich wie alle.

Ich brauche mich auf mit meinen Erinnerungen

      ich biete dieser Angst die Stirn

und erfinde gefällige Posen

wenn mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

     das Herz stärken …

Gewiss ist meine Stunde noch nicht gekommen

doch meine Geburtstage helfen mir nicht gerade

meine jungen Töchter haben schon Frauenkörper

mein Sohn wächst ohne Erbarmen

und ich spüre zu ersten Mal den Drang

ein Gedicht zu schreiben wie dieses.

(Gioconda Belli)

 

Wenn du die Wahrheit wissen willst:

Ich bin alt geworden

ich habe akzeptiert

in der Reihe nach vorne

in die erste Reihe

getreten zu sein.

Meine Sicht auf die Schönheit von Gesichtern

hat sich geändert

gelebtes Leben in Gesichtern zu sehen

finde ich schön

mehr in anderen als in meinem

– „die Harmonie des Konzerts der gelebten Dinge“ –

Nach wie vor fällt es mir schwer zu sehen

wie mein Körper welkt

zu merken

– „wie mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

     das Herz stärken …“ –

Ich bin keine Großmutter geworden

doch ich kann akzeptieren

als solche von Kindern gesehen zu werden.

Mein weißer Großmutterzopf wächst.

Dass mein alternder Frauenkörper

von Männern

nicht mehr gesehen wird

schmerzt.

Der liebevolle Blick fehlt mir

genau so

wie das Begehren im Blick.

Wenn meine Lust aufflammt

ist es nach wie vor eine

Flamme des Feuers

manchmal spüre ich sie

wenn mein Blick die

Linie des Hüftknochens

die langen und starken Oberschenkel

eines Mannes streift.

Der Vorteil der Männer

ihr Fleisch welkt langsamer …

(M.K., 03 04 2018)

 

Gioconda Belli ist die bekannteste Lyrikerin Nicaraguas. Sie wurde 1948 in Managua geboren und beteiligte sich ab 1975 an Guerilla-Aktionen der FSLN. Verhaftung und Flucht nach Costa Rica waren die Folge. Nach 1979 arbeitete sie in verschiedenen politischen und kulturellen Ämtern. Sie lebt in Managua und Los Angeles/USA.

 

 

 

Brief an eine Freundin über unseren verschiedenen Umgang mit Erinnerungen

ErinnerungsKoffer Yuval Yairi

Liebe Freundin,

gestern haben wir uns über Lebens-Erinnerungen und den Umgang damit unterhalten. Dein Umgang damit ist ein anderer als meiner. Und das ist gut so. Leben wir doch unsere Leben sehr verschieden. Es einfach so stehen lassen zu können, ist Grundlage für eine gute und lebenslange Freundschaft. Für diese Freundschaft mit Dir bin ich sehr dankbar. Das möchte ich auch einmal sagen, liebe Freundin.

Manche Gespräche sind sehr anregend und sie bringen etwas ins Schwingen.

So auch unser gestriges Gespräch über die Lebens-Erinnerungen. Es hatte ein „Nachspiel“. Nun könnte man sagen „Zufall“ – aber ich glaube nicht an den Zufall – vielleicht eher an den „Unbewusstfall“ …

In den Schlaflosstunden des heutigen Morgens – zwar kein Junimorgen, aber ein Aprilmorgen – nahm ich mir den Gedichtband von Tomas Tranströmer und las:

„Die Erinnerungen sehen mich

Ein Junimorgen: Zum Aufwachen zu früh,

doch zu spät zum Weiterschlafen.

Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.

Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen

mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

Dieses Gedicht ist wunderschön! In wenigen Worten drückt es meine Wahrnehmungen aus:

„Die Erinnerungen sehen mich“ und „sie sind so nah, dass ich sie atmen höre“.

Es heißt ja, Orte haben eine Seele. Karen Blixen lässt ihre Protagonistin in dem Buch „Jenseits von Afrika“ bei ihrem Abschied von Kenia sagen: „… wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?“

Und wenn ich gestern erwähnte, wie ich jetzt nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt auf Schritt und Tritt bei meinen Hundespaziergängen auf Erinnerungen treffe, dann habe ich sehr oft das Gefühl – „die Erinnerungen sehen mich“.

Und ich sehe die Schatten meines jüngeren Ich an den Fenstern der verschiedenen Wohnungen stehen, in denen ich damals gelebt habe. Und ich weiß über die Gefühle der jungen Frau von damals und ich kann sie spüren. Die Junge von damals hatte noch keine Ahnung von der Alten. Die Alte, jetzt hingegen, kennt die Junge sehr gut – ach, könnte ich meine Arme tröstend und wissend um sie legen.

Aber nicht nur meine Wohnungen sehen mich, auch die vielen Plätze.

Der kleine Hügel neben der Bahn, auf dem ich als Kleinkind mit meiner Mutter rodelte – wie viel Schnee es damals gab; der Feldweg nach dem nächsten Dorf, auf dem ich auf meinem Kinderfahrrad mit 5 Jahren mit meiner Großmutter zu Frau P. fuhr – meine Großmutter auf ihrem Rad vorneweg und wenn meine kleinen Füße nicht mehr konnten, zog sie mich an den Ärmeln ihrer ausgezogenen Weste wie an einem Seil hinterher; den etwas größeren Hügel, auf dem im Winter die Jungenclique sich eine Sprungschanze gebaut hatte und ich mit Bewunderung und viel Kribbeln im Bauch meiner ersten großen Liebe und späterem Ehemann bei seinen gewagten Sprüngen zusah; die drei Stiegen zum Eingang des ehemaligen Kino hinauf, das heute kein Kino mehr ist sondern ein Sportgeschäft, auf denen ich oben stehend und damit auf Augenhöhe, meinen ganzen Mut zusammennehmend, und ihn – meine Liebe ansprach – wie mutig für die 14-jährige!

Wie könne ich schreiben, hätte ich nicht all diese Erinnerungen?

Wie könnte ich schreiben, könnte ich nicht all diese Gefühle noch fühlen?

Ja sogar: Wie könnte ich schreiben, ohne meine zeitweilige Manie und die depressiven Verstimmungen, die in meinem Innersten wühlen und so manches aufwühlen und zum Vorschein bringen, mit dem ich mich dann auseinandersetzen „muss“ – einfach weil es da ist und ich das auch will …

Wie könnte ich schreiben ohne meine Widersprüchlichkeiten, meine Trauer, meinen Zorn, meine Unsicherheiten?

Wie könnte ich schreiben ohne das Verlustgefühl des Lebens der jungen, grenzenlos und hemmungslos lebenden Frau, die mir doch noch so nahe ist?

Wie könnte ich schreiben ohne Erinnerung an das exzessive und leidenschaftliche Leben der Frau von früher, die Glücksmomente?

Wie könnte ich aber auch schreiben, ohne die stille Zufriedenheit, das Staunen, meine Ehrfurcht und Dankbarkeit von heute?

„Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

 

Du sagtest, Du packst Deine Erinnerungen in eine Ecke und möchtest nichts damit zu tun haben. Dir gehe es besser ohne Deine Erinnerungen. Ich kann Dich verstehen, weil ich Dich gut genug kenne, um zu sehen, dass es Dir mit Deiner Art besser geht. So ist das. So unterschiedlich. Und das ist gut so.

Ich wünsche Dir viele wunderschöne Tage, liebe Freundin.

Wir leben unsere Leben so gut es uns möglich ist – jede auf ihre eigene Art und Weise – und doch verlieren wir uns nicht aus den Augen und aus dem Sinn …

Deine Freundin Monika