Die Geschichte vom Smartphone wieder zurück zum Handy

Ich habe mich wieder einmal verführen lassen.

In früheren Jahren ist mir das oft passiert.

Jetzt immer weniger.

Doch manchmal schon.

Werden die Gelegenheiten weniger?

Oder bin ich aufmerksamer geworden?

 

Auf jeden Fall.

Es ist wieder einmal passiert.

 

Bei Vertragsverlängerung mit meinem Handybetreiber besteht die Möglichkeit, ein kostenfreies neues Smartphone oder Handy zu bekommen.

Das habe ich sehr selten genützt.

Mein Handy hatte ich immer so lange, bis es kaputt war.

 

Vor zwei Jahren habe ich bei Vertragsverlängerung mein Handy gegen ein Smartphone eingetauscht. Entgegen meiner Abneigung gegen Smarphones, weil ich die umfangreichen Möglichkeiten des Smartphones eigentlich nicht brauche. Trotzdem. In meinem Freundeskreis habe ich gesehen, welch schöne Fotos alle gemacht haben. Und obwohl ich auch nicht viel fotografiere, wollte ich das auch.

 

Ich habe mich verführen lassen.

Obwohl ich wusste, das brauche ich alles nicht, wollte ich es auch haben.

Weil es ja so leicht ist, es zu bekommen und weil es andere auch haben.

Ja, so funktioniert Marktwirtschaft.

 

Meine geplante Reise nach Triest stand bevor und ich freute mich auf die Fotos, mit denen ich die Orte, die ich zu besuchen gedachte, dokumentieren wollte.

Ich wollte die Cafeès besuchen, in denen sich die Schriftsteller und Dichter aufhielten – James Joyce, der am Ponte Rosso über dem Canal Grande in Bronze herumsteht; Italo Svevo; Umberto Saba, der das kleine Antiquariat in der Via San Nicolò gegründet hat; und Claudio Magris, in seinem Wohn- und Arbeitszimmer, dem Caffè San Marco.

Ich wollte durch die Stadt flanieren, auf der Piazza dell’Unità sitzen, und am Abend am Meer in den Sonnenuntergang schauen.

All dies und noch viel mehr in dieser wunderschönen Stadt zwischen den grünen Höhen des Karst und der sanftblauen Meeresbucht mit ihrer u.a. auch österreichischen Vergangenheit, wollte ich fotografieren. Ich machte 300 Fotos. Und obwohl ich mir auch Zeit zum Schauen ließ, war mir immer bewusst, dass ich ohne mein Smartphone nicht so viele Fotos gemacht hätte. Ich hatte auch meinen kleinen digitalen Fotoapparat mit, und machte auch mit diesem einige Fotos. Nicht viele.

Doch dann kam alles anders.

Ich schaffte es nicht, die Fotos vom Smartphone auf meinen Laptop zu bekommen, deshalb rief ich meinen Computermann zu Hilfe.

Er kam.

Und er hatte wenig Zeit.

Die Übertragung war am Laufen.

Er fragte, ob er die Fotos am Smartphone löschen soll, ich sagte ja.

Er drückte auf Löschen.

Weg war er.

Und weg waren auch die Fotos.

Denn die Übertragung lief noch, als er auf Löschen drückte.

Die Fotos waren noch nicht am Computer und nicht mehr am Smartphone.

Sie waren weg.

Verschwunden in den Weiten des Universums.

Ich war wütend.

Sehr wütend und traurig.

 

Das sowieso schon ungeliebte Smartphone wurde mir noch unbeliebter.

Ich machte keine Fotos mehr und benutzte meinen Fotoapparat.

 

Und damit entdeckte ich dann wieder, was ich eigentlich die ganze Zeit gewusst hatte, dass ich ja gar nicht so viel fotografieren möchte.

Dass ich viel lieber schaue und nicht dauernd an Fotos denken möchte.

 

Und ansonsten?

Ich möchte keine dauernde Internetverbindung.

Außer dem Navi hatte ich nichts aktiviert.

Und auch das Navi brauche ich nicht. Wenn ich nicht weiter weiß, habe ich meinen Stadtplan, meine Straßenkarte. Ja, ich weiß, das ist altmodisch, aber ich liebe es Karten zu lesen. Und – ich mag es auch, in Kontakt mit Menschen zu kommen, wenn ich nach dem Weg frage.

Ich möchte wenn ich unterwegs bin, weder andauernd auf meine fb-Seite schauen, noch über Whatsapp erreichbar sein.

Ich möchte meine Internetpräsenz reduzieren und nicht erweitern.

 

Wozu benutze ich mein Handy?

Ich telefoniere. Nicht viel

Ich schreibe SMS. Nicht viele.

Das war’s schon.

 

Mein Smartphone war mir auch zu groß. Ich konnte es nicht einfach in eine Jacken- oder Hosentasche stecken. Es war zu unhandlich.

Und all das, was es kann, brauche ich nicht.

Ich nutze es nicht.

 

Und deshalb habe ich mein Smartphone gegen ein kleines Handy eingetauscht.

Und fotografieren – wenn ich überhaupt fotografiere – tue ich wieder mit meiner kleinen Kamera.

 

Ich bin froh!

Und erleichtert – im wahrsten Sinn des Wortes!

 

Und die Moral von der Geschicht’:

Es gibt so vieles, das ich nicht brauche.

Und – beginnt damit nicht auch Umweltschutz?

Mit der Aufmerksamkeit darauf, was ich alles nicht brauche …

 

Aus meinen „Triest-Impressionen“:

„Jeden Abend sitze ich gute zwei Stunden oder mehr auf der Mole und schaue.

Ins Meer, den sich verändernden Himmel und die Sonne.

Wie habe ich mich gefreut, dass es da noch andere gibt, die ebenfalls sitzen und warten – auf den Sonnenuntergang. Nicht zu viele. Das wäre auch wieder störend, wenn da plötzlich Massen auftauchen würden. Aber doch einige – eine Hand voll. Wir alle halten unsere Smartphones in der Hand. Ein Fotoapparat ist ja schon fast ein Anachronismus. Obwohl man ihn hin und wieder noch sieht. Misstrauisch beäugt – hauptsächlich von sehr jungen Menschen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was das ist.

Also – Smartphone. Ich halte es auch in der Hand. Aber die – die anderen – schauen darauf. Unentwegt. Nur manchmal machen sie einen Blick darüber hinaus um zu sehen, wie weit sie denn ist – die Sonne, mit dem Untergehen. Und ich denke mir, vielleicht schau ich die ganze Zeit umsonst. Vielleicht gibt es den ultimativen Augenblick der alle Augenblicke inkludiert. Vielleicht wissen die das. Und ich nicht. Ich hätte sie fragen sollen.

(…)“

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/06/03/triest-impressionen/

 

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Nachdenklichkeiten über unseren Stadtteil, Veränderungen, Ängste, Zugezogene, Kastensysteme …

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Ich wuchs im Stadtteil Wagram in St. Pölten auf und lebe jetzt auch wieder dort. Gegründet wurde dieser als Einfamlienhaussiedlung 1932 – 1938.

In meiner frühesten Kindheit gab es keine Gartenzäune zwischen den Häusern, und zur Straße hin eine Lebendhecke – zumeist Liguster. Die Haustüren waren immer offen.

Mit der Zeit kamen einfache Gitterzäune zwischen die Häuser, die Haustüren waren noch immer offen, auch wenn wir hinter dem Haus im Garten waren.

Dann wurden vor den Gitterzäunen zum Nachbarn Thujen gesetzt. Der Liguster zur Straße wurde entfernt, und auch hier wurden stabilere Zäune gebaut. Unser Zaun wurde mit einem  Natursteinplattensockel und einem Metallgitter gebaut. Die Gartentüren wurden zugesperrt, die Haustüren blieben noch immer offen. Das blieb lange Zeit so.

In den letzten Jahren kamen die Thujen raus und Sichtschutzwände zum Nachbarn wurden aufgestellt. Fenster wurden zum Teil vergittert. Die Haustüren werden zugesperrt. 

Jetzt werden auch straßenseitig Sichtschutzwände aufgestellt und Alarmanlagen eingebaut.

Obwohl die Menschen in den ersten Jahren der Nachkriegszeit traumatisiert waren, es auch viel Unsicherheit gab, gab es doch auch Vertrauen. Oder gab es diese Unbeschwertheit der offenen Türen, weil es in den Häusern nichts zu holen gab? Vielleicht von beidem etwas.

Jetzt wird in den Häusern immer wieder eingebrochen, erzählen sie, und die Menschen reagieren mit Angst und Verunsicherung. Gibt es doch jetzt einiges zu holen in den Häusern.

Die Menschen in der Siedlung teilen sich auf in die Generation meiner Mutter, geb. 1929 – wenige gibt es noch im Alter um die 90 Jahre. Dann folgt bereits meine Generation, geb. 1950 – zum Großteil sind sie nie von der Siedlung weggezogen und haben die Häuser ihrer Eltern übernommen, oder sie sind im Pensionsalter zurückgekommen, so wie ich auch. Und dann gibt es noch die Zugezogenen aller Altersstufen – junge Paare mit Kindern oder Pensionisten. Ist Wagram doch von einer Randsiedlung zu einem begehrten Wohnstadtteil von St. Pölten geworden – auch durch die Nähe zu dem Erholungsgebiet mit den zwei Badeseen und einem Naturschutzsee. Über die Zugezogenen, die die alten Häuser abreißen und Neue bauen, gibt es größtenteils Unmut. Müssen diese sich doch heute nicht mehr an die ehemaligen Bauvorschriften, dass neue Häuser in das Gesamtbild passen müssen, halten und stellen auch schon mal Betonburgen mit großen Terrassen im ersten Stock auf. Da hilft der ganze Sichtschutz des Nachbarn am Gartenzaun nichts mehr.

Wenn ich mit Menschen spreche, höre ich sehr viel an Ängsten. Angst vor Einbrüchen und vor Flüchtlingen und Asylanten, an die wenige Häuser vermietet werden. Bis jetzt kenne ich nur zwei Häuser, die an syrische Familien vermietet wurden. Sie pflegen diese Häuser und die Gärten genauso penibel wie ihre Nachbarn. Da sieht unser Garten wesentlich wilder aus. Zu Gesicht bekam ich sie selten. Sie fühlen sich nicht willkommen.

Als ich die Familie, die in unserer Straße wohnt, zum ersten Mal grüßte, waren sie misstrauisch, vorsichtig. Jetzt stürzen sie aus dem Haus, wenn sie mich sehen. Sie lachen und strahlen. Schön, welche Freude das macht – ihnen und mir.

Bei Mitbürger*innen aus dem Ausland muss ich immer an das Kastensystem in Indien denken. Denn auch hier, bei uns, gibt es ein Kastensystem. Und unsere Mitbürger*innen, aus welchem Land auch immer, sind eindeutig in der untersten Kaste – den Dalits oder Harijans. Diese Dalits dürfen mit den oberen Kasten nicht in Berührung kommen, sie dürfen nicht in ihre Häuser, nicht gemeinsam essen, nichts berühren, was den oberen Kasten gehört. Das ist erbärmlich – zum Erbarmen.

Wenn ich über das Kastensystem nachdenke erinnere ich mich an meine erste große Liebe. Er stammte aus dem „Dörfl“. In unserem Stadtteil gibt es einen Bereich, der offiziell „Im Dörfl“ heißt. Auch heute noch. In diesem Dörfl gab es sieben Bauernhöfe. Heute sind es nur mehr drei. Meine erste große Liebe, mein späterer erste Ehemann, stammte aus einem dieser Bauernhöfe. Er wurde kein Bauer, er machte eine Tischlerausbildung. Ich kam aus der Arbeitersiedlung. In meiner Familie waren auch keine Arbeiter mehr, sondern Angestellte. Und trotzdem hieß es von seiner Familie – nicht mit einem Arbeiterkind; und von meinen Eltern – nicht mit einem Bauernbuben. Klassenbewusstsein im Jahre 1965.

Zurück in die Jetzt-Zeit: Mit den Einbrüchen scheint es mir so zu sein wie mit der stillen Post. Mit jeder Person und jeder Nacherzählung werden es mehr.

Die Häuser sind zum Großteil renoviert und ausgebaut. Die Garagen sind in etwa so groß wie mein kleines Häuschen (ich habe mir im Garten meines Sohnes ein kleines Haus gebaut). Es gibt Gartenschwimmteiche oder überdachte Pool. Ich sehe, den Menschen geht es gut. Auf der materiellen Ebene. Ansonsten herrschen Unzufriedenheit und Ängste vor. Wenn ich auf Nachfrage sage, dass es mir gut gehe, schauen sie mich ungläubig an. Wie kann es einem gut gehen in so unsicheren Zeiten. Zumindest ein bisschen jammern und klagen. Zumindest über das Wetter. So soll’s sein.

Angst habe ich keine. Verunsicherung ja. Das merke ich so hie und da, wenn ich mir überlege ob ich meine Haustür versperren soll, wenn ich in den Garten hinter dem Haus gehe. Und es gefällt mir gar nicht. Nein, es gefällt mir nicht. Nimmt mir dies doch meine Unbeschwertheit – meine Freiheit.

Ich möchte weiterhin mit Unbeschwertheit in der Welt sein – ob in meinem Haus und Garten oder unterwegs – und ich übe. Verlustangst um mein Hab und Gut habe ich keine, habe ich mich doch in den letzten Jahren von vielen materiellen Dingen getrennt. Und ich weiß, ich kann auch ohne diesen Besitz leben. Angst vor Verlust meines Lebens, weil ich mich weiter uneingeschränkt in der Welt bewege? Nun, ich habe schon viel gute Jahre gelebt. Sollte es so sein, dass ich mein Leben verliere, dann ist es so.

Und nur so kann ich mich angstfrei, unbeschwert und voll Vertrauen in meiner Welt bewegen.

Wie geschrieben – ich übe. Dies ist ein Zustand, der nicht immer hundertprozentig da bleibt. Um ihn zu stabilisieren ist es immer wieder notwendig, nicht andauernd alle schlechten Nachrichten zu konsumieren, sondern sich auf die guten Nachrichten zu konzentrieren.

Und – Achtsamkeit auf die eigenen Gedanken und das eigene Tun.

Geschichte über die Entstehung:

In den Jahren 1932 bis 1938 entstand am Ostrand Wagrams in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde und der bis heute bestehenden „Allgemeinen gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft St. Pölten“ nach Plänen des Architekten Rudolf Wondracek die sogenannte (Stadt-)Randsieldung. Meine Großeltern begannen 1936 mit dem Hausbau.

Ab Oktober 1935 als „Dollfuß-Siedlung“ bezeichnet, wurde sie nach dem Anschluss 1938 in Dietrich-Eckhart-Siedlung „umbenannt.

Schließlich erhielt die Siedlung in der Nachkriegeszeit die Benennung „Hubert Schnofl-Siedlung“ – zur Erinnerung an den von 1919 bis 1933 amtierenden sozialdemokratischen St. Pöltner Bürgermeister.

Foto: Häuser 1935

 

 

Ich und mein Tagebuch

001

Mein Tagebuchschreiben begann mit 30 Jahren, nachdem ich meiner Mutter den Schlüssel für meine Wohnung abgenommen hatte. Mir reichten ihre Kontrollgänge durch meine Wohnung und die in Fragen verpackte Missbilligung – warum das und warum dieses – und – ihre Ordnung in meiner Wohnung herzustellen.

War nicht einfach für mich, mit 30(!) Jahren meine Unabhängigkeitserklärung bekannt zu geben. Das war Artikel 1. Artikel 2 folgte auf dem Fuß, als ich es ablehnte weiter finanzielle Zuwendungen anzunehmen. Artikel 3 etwas später, als ich den damaligen abgestandenen Mief der Kleinstadt verließ und nach Wien zog.

Und wie bei jeder Unabhängigkeitsbestrebung ging das nicht so einfach über die Bühne – es gab Aufstand und Krieg. Zum Krieg kam es erst etwas später, Aufstände gab es zur Genüge.

Aber diese Geschichten gehören nicht hierher – geht es doch um das Tagebuchschreiben …

Tagebuch 1984:

„Ich frage mich, ob es wohl je in meinem Leben eine Zeit geben wird, in der ich ohne schlechtes Gewissen das machen kann, was ich möchte. Des Weiteren frage ich mich, ob es uns wohl noch gelingen kann, meine Tochter zu einem glücklichen, zufriedenen Leben zu führen. Ich fürchte bereits jetzt wieder die Vorwürfe der Familie, wo ich mir doch selbst genug mache und nicht klar komme damit.“

Das Tagebuchschreiben war ein Beginn – ein Beginn, mit dem ich meinen täglichen Ärger und Enttäuschung mit und über meine Mutter reinschreiben konnte. Als sie noch jederzeit Zutritt zu meiner Wohnung hatte, wäre das nicht möglich gewesen. Ich machte eine Therapie und meine Mutter verschwand aus meinem Tagebuch. Doch bevor ich mit meiner Psychotherapie begann machte ich noch eine Woche Naikan. Dies habe ich in meinem Tagebuch nachgelesen – so vieles vergisst man mit der Zeit.

Was Naikan ist, siehe unten.

Tagebuch 2003:

„ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können.

weggehen müssen um zu der zu werden, die ich bin,

sonst wäre ich zu der geworden, die ihr haben wolltet“

Dann trat er in mein Leben. Der schwarzhaarige Jüngling, mein Liebster, der nicht nur Tagebuch schrieb, sondern auch Gedichte. Ich liebte und bewunderte ihn dafür – und entdeckte das großartige Wunder der Poesie auch in mir.

Und irgendwann,  später noch, las ich im Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron und darin ihren Übungsvorschlag der Morgenseiten. Und damit veränderte sich mein Schreiben nochmals – es wurde eine spirituelle Praxis – vergleichbar einer Meditation. Ich schrieb und schrieb und las mir das Geschriebene immer erst nach ein paar Monaten durch. Und siehe da – auf manchen Seiten stand ein literarischer Text. Einfach so.

Und mit der Zeit, da arbeitete ich bereits als Psychotherapeutin, habe ich das Buch – ich weiß nicht wie oft – vielen meiner KlientInnen empfohlen. Nicht nur die Morgenseiten sind gut, alle anderen Übungen auch.

Nun habe ich in den letzten Jahren mein Tagebuch in meinen Computer geschrieben.

In der letzten Zeit dachte ich schon öfter an die mit der Hand geschriebenen Morgenseiten. Und heute – der letzte Anstoß meine Morgenseiten wieder mit der Hand zu schreiben.

Und jetzt weiß ich, dass ich die Freude über das Fühlen des Papiers unter meiner Hand und mit den Fingern den Stift zu halten, vermisst habe. Den Stift aufzusetzen und Worte entstehen zu lassen; meine Handschrift zu sehen, die ganz unterschiedlich sein kann und damit meine Gefühle zum Ausdruck bringt. Die Farbstifte liegen daneben, so wie immer, und manchmal gibt es eine kleine Zeichnung dazu oder ich nehme nur einen oder mehrere Farbstifte und übermale den Text mit einer Farbstimmung …

Tagebuch 2018:

„Mächtiger Nussbaum verwurzelt

grüne Pracht vor blauem Himmel

regungslos

kein Blatt bewegt sich

 

Die Freiheit nichts zu tun

regungslos

Seelenruhe“

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Im Link könnt ihr ab Seite 11 über die Morgenseiten lesen:

https://www.droemer-knaur.de/livebook/LP_978-3-426-87360-1/downloads/livebook.pdf?fbclid=IwAR0h0sP4P3-iTLFhwpF1x_vIuremw4n1Or81OrB3IZZLnJ2Nq9gP3kIC-HQ

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Zu Naikan – was ist Naikan?

Die Naikan-Methode kommt aus Japan und kombiniert drei Elemente:

  • Ordnung im Innenleben mit einer einfachen Fragestellung
  • die Kraft der Stille
  • sanfte, respektvolle Begleitung

Ich erforsche mein eigenes Leben und strukturiere die Ereignisse, an die ich mich erinnern kann:

  • Ins Zentrum der Betrachtung stelle ich eine Bezugsperson (zuerst Mutter, danach Vater, Geschwister, Partner …).
  • Ich betrachte einen klar begrenzten Zeitraum und folge dabei meinem eigenen Lebensweg (als ich 0-6 Jahre alt war, danach 6-10 usw. bis heute).
  • Meine Erinnerungen durchleuchte ich im Hinblick auf 3 Fragen.

Die drei Naikan-Fragen sind:

  1. Was hat die Person, die ich betrachte, in diesem Zeitraum für mich getan?
  2. Was habe ich für diese Person getan?
  3. Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person verursacht?

Diese einfachen drei Fragen ermöglichen ganz neue Perspektiven auf die eigene Lebensgeschichte und das eigene Verhalten.

Aus der Seite von Johanna Schuh, Insightvoice Naikan Center Vienna

https://www.insightvoice.at/index.html

 

Ich schreibe weiter an meinem zweiten Buch

Delhi Connaught Place

Der vorläufige Arbeitstitel: „LebensZeichen. Hineinwachsen in mich. Ich habe mir nicht die Flügel stutzen lassen.“

Heute bin ich mit beiden Beinen, mit Herz und Seele im „Kapitel 4: 1981 – 1990“ gelandet.
Ich schreibe über unsere dreimonatige Indien-Reise mit Rucksack. 

Kurze Kostproben

(….) 
Wir waren um die 30, und wir waren mit dem Rucksack unterwegs. Meine erste Erfahrung, wie man mit wenigen Dingen gut auskommt. Diesmal ging es nicht über den Landweg, das hätte denn doch zu lange gedauert. Wir flogen mit der russischen Fluglinie Aeroflot, die zu diesem Zeitpunkt noch die größte Fluggesellschaft der Welt war – und die günstigste für Backpacker. Als wir in Wien in das Flugzeug einstiegen, wusste ich noch nicht, dass damit unser Abenteuer bereits begonnen hatte.

Es war ein kalter Novembertag als wir abflogen und wir waren sehr leicht bekleidet. Wir wussten zwar, dass wir in Moskau in eine andere Maschine umsteigen mussten, um nach Delhi weiterzufliegen, doch das Abenteuer hatte begonnen mit der Unzuverlässigkeit der Aeroflot und sollte sich in Indien fortsetzen. In diesen kommenden drei Monaten sollte ich lernen, meinen Pünklichkeits- und Perfektionsanspruch zu vergessen.

Moskau

Wir kamen mit Verspätung in Moskau an und unsere Anschlussmaschine war abgeflogen. Das bedeutete, dass wir im Transit Hotel am Flughafen übernachten mussten. Auf jeder Etage saß eine resolute, russische Wächterin, die für kommunistische Disziplin sorgte. Immerhin war für uns Transitgäste eine Busfahrt durch Moskau organisiert worden. Ich weiß nicht, ob die Möglichkeit einer Weigerung bestanden hätte. Wir haben es nicht versucht. Direkt vor dem Hotelausgang stand der Bus, sodass wir nur ein paar unberechtigte Schritte auf russischem Boden machen mussten, um in den Bus einzusteigen. Wir hatten Sommerkleidung an. Es war kalt. Draußen meterhoher Schnee. Im Bus keine Heizung. Die Fensterscheiben zugefroren. Es dauerte eine Weile, bis wir mit Anhauchen der Scheiben und klammen Fingern ein winziges Loch freigelegt hatten, um hinausschauen zu können. Die Reiseleiterin sprach französisch. Wir verstanden kein Wort. Wir sahen auch nicht viel von Moskau. Große Bauten, leere Straßen.

(….)

Delhi

Die Ankunft in Delhi war anders, aber nicht weniger abenteuerlich. Ich stieg aus dem Flugzeug aus und es war heiß. Sehr heiß. Die unterschiedlichsten Gerüche umspielten meine Nase. Und ich hatte erst mal keine Zeit herauszufinden, ob ich sie mochte oder nicht. Alle strömten in die Ankunftshalle und hier erwartete mich Indien. Ein Gedränge von Menschen – stehend, auf dem Boden sitzend, drängend. Und Lärm – Stimmen, die fremde Laute artikulierten, laute Musik mit vielen verschiedenen Musikstücken gleichzeitig. Und die erste Begegnung mit Warten. Alles ging langsam. Bis die Rucksäcke kamen, bis unsere Papiere angesehen wurden, bis wir uns durch die vielen an uns zerrenden Taxifahrer zum Sammeltaxi durchgekämpft hatten.

Nun war ich in meinem Sehnsuchtsland gelandet und wollte eigentlich – ja, eigentlich, wollte ich sofort wieder weg.

Nach ein paar Tagen Eingewöhnung und Akklimatisierung in einem Guesthouse, mitten in Delhi am Connaught Place, sah es bereits ganz anders aus. Und ich begann das Land zu lieben. Die Menschen, die Geschichte und Kultur des Landes, die Götterwelt mit den an allen Straßenecken präsenten Tempeln und heiligen Plätzen, den Lärm auf den Straßen, ja sogar die vielen Gegensätze dieses Landes, die unmittelbar und unvorhergesehen überall aufeinanderprallen.

(….)

Viele Stunden lang saßen wir in dem kleinen Park am Connaught Place und langsam lernte ich nichts zu tun, nichts zum Tun vorzuhaben und zu schauen. Einfach nur zu schauen. Rund um uns lagerten zur Mittagszeit auf ihren Tüchern Angestellt aus den umliegenden Büros und hielten ein Mittagsschläfchen. Manche sprachen uns an – where do you com from? / Ah, from Australia? / Austria? Where is Austria? … Und waren es erst zwei, meist kamen sie zu zweit, waren es nach einer Minute bereits zehn Personen – junge Männer – die um uns herumstanden – take a picture of us?
Die meiste Zeit beobachteten wir die Streifenhörnchen. Sie wuselten am Boden herum und fütterten unsere Nüsse. Wir ließen uns in das Nichtstun hineinsinken wie in eine warme Badewanne, wir lauschten den fremden Lauten, rochen die fremden Gerüche, hielten uns an der Hand und waren glücklich. Angekommen.

(….)

Taj Mahal

Viele Höhepunkte gab es auf der Reise. Einer davon war das Taj Mahal. Vor allem aber auch, dass wir ganz allein das Taj Mahal genießen durften. Dies verdankten wir unserem Rikschafahrer. Wir unterhielten uns immer wieder mit Händen und Füßen, und wir bezahlten ihm einen guten Preis. Er sprach daraufhin mit einem seiner Brüder, der im Garten des Taj Mahal arbeitete, und dieser schloss uns am Abend das Tor auf und ließ uns hinein. Auch wenn ich versuchen würde es noch so blumig zu schildern, ich käme mit meinen Worten nicht an den Zauber dieser Nacht heran.

Das silbrig glänzende Licht des Vollmondes auf dem Mausoleum der Großen Liebe, erbaut vom Großmogul Shah Jahan für seine geliebte Gattin. Die Wohlgerüche des Gartens, das Plätschern des Wassers, und ansonsten Stille.

Und wir, mein Liebster und ich – staunend und verstummend voll Glück über diese Schönheit. Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

(…)

Die größeren und bekannteren Orte unserer Reise:

Delhi – Agra – Jaipur – Ahmedabad – Bombay (jetzt Mumbai )– Goa – Bangalore – Rameswaram – mit dem Fährschiff von Rameswaram nach Talaimannar in Sri Lanka
Sri Lanka: Talaimannar – Anuradhapura – Colombo – Hikkaduwa – Galle – Udawalawa – Nuwara Eliya – Kandy – Kanduboda – Colombo
Mit dem Flugzeug von Colombo zurück nach Indien: Madras – Kanchipuram – Mahabalipuram – Madras
Von Madras zurück nach Österreich

(….)

Unser Reiseplan sah vor, von Delhi an der Westküste runter bis zur Südspitze, von dort ein Kurztrip mit dem Schiff nach Sri Lanka, und zurück nach Madras, um an der Ostküste bis Kalkutta, und von dort aus zurück nach Delhi zu reisen. Wir hatten aber vereinbart, dass alles auch ganz anders sein könnte. So sollte es auch kommen. Wir fuhren dorthin, wo es uns hinzog und blieben so lange wie wir wollten. Eigentlich sollte es nur ein Kurztrip nach Sri Lanka werden, doch wir verliebten uns in das Land – den Garten Eden – und blieben länger als gedacht. Bis dahin waren wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln – ein Erlebnisabenteuer pur – Bussen, Eisenbahn und Schiff, unterwegs. Da uns die Zeit knapp wurde, flogen wir von Colombo nach Madras, und von Madras zurück nach Wien.

 

Über das Ausgesöhnte – die Scham und ich

Textauszüge, die in mein zweites Buch einfließen werden

Die stillen Tage und die Rauhnächte sind gute Tage und Nächte um an meinem zweiten Buch weiter zu schreiben. Ist es doch auch eine Zeit der Auflösung und des Neubeginns.

Ich sichte alte Texte – vor langer Zeit geschrieben – und mein Herz fließt über vor Mitgefühl mit dem Kind / dem Mädchen / der jungen Frau, die sich durch so viele Einschränkungen / Tabus / Begrenzungen / Lieblosigkeit / durch das Dunkel zum Hellen durchgekämpft hat. Es war ein harter Kampf – ein Kampf mit dem Drachen – an dem sie auch scheitern oder zerbrechen hätte können. Ich bewundere sie und bin dankbar für ihren Mut. Durch sie und mit ihr bin ich die geworden, die ich heute bin.

Heute werde ich von ihren Verletzungen erzählen. Doch schlussendlich wird es im Buch eine Heldinnengeschichte werden – unter vielem anderen auch ihr Sieg im Kampf gegen den Drachen Scham.

Aber, Achtung! Wenn selbst Götter und Göttinnen unperfekt sind, dann erst recht Menschen – und damit auch ich.

Vergebung ist der Schlüssel mit der die Gefängnistür des Opferseins geöffnet wird.

Trauerarbeit ist ein Teil dieses Vergebungsprozesses und es war mir nicht bewusst, dass die tiefe Trauer der letzten vier Jahren auch die Wunden dieser alten Verletzungen mit eingeschlossen hat. Mit meiner Mutter habe ich in ihren letzten zwei Jahren hier auf Erden über meine Verletzungen gesprochen. Sie hat sie anerkannt und ausgesprochen, wie viel sie bereut und mich um Vergebung gebeten. Ich habe ihr vergeben. Das ist gut so – meine Bitterkeit und meine Wut haben sich aufgelöst. Das ist gut so – sie konnte versöhnt sterben. *)

Jetzt erkenne ich den Sinn, dass ich in den letzten zwei Jahren als erstes Buch das Buch über die Jahre meines Älterwerdens mit aller Versöhnung die notwendig war, um ein zufriedenes Leben leben zu können, geschrieben habe. Von ausgesöhnten Verletzungen muss ich mich nicht distanzieren und ich kann Hand in Hand mit ihnen gehen, denn sie gehören zu mir.

Eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

 

die scham – damals in den 70er jahren

 

sie ist 12 jahre alt und früh entwickelt

was immer das heißen mag

es klingt schon fast nach schuldigkeit

und nicht normal

 

warum bist du so früh dran

sagt man ihr

warum hast du schon einen busen

und härchen auf deiner scham

schäm dich

 

du bist zu früh dran

was immer das heißen mag

 

sie schämt sich ohnehin

nicht nur für ihr zu früh dran sein

auch für vieles andere noch

ununterbrochen ist sie da

die scham in ihr

und breitet sich aus

 

ihr kopf ist noch oben

es wird nicht mehr lange dauern

und ihr kopf wird sich gesenkt haben

und lange jahre nicht mehr nach oben kommen

vor lauter scham

 

aber jetzt

nicht nur zu früh mit den knospenden brüsten

und den härchen

auch ihr interesse für die buben

zu früh und überhaupt

was schaust du denn schon wieder nach den buben

sagt man ihr

schäm dich

 

schäm dich

für das entdecken wollen

von etwas

was sie noch gar nicht benennen kann

gesagt wird ihr

dass das nicht in ordnung ist

was sie fühlt

dass es zu früh ist

und überhaupt

also schäm dich

 

und dann der tag am strand in italien

der camping-urlaub 1962

sie will nicht mit

aber sie muss

 

was hast du es doch gut, du undankbares mädchen

andere mädchen können nicht auf urlaub nach italien

doch sie möchte gerne zu den anderen mädchen gehören

sie will nicht im zelt sein

viel zu nahe mit dem neuen mann im leben ihrer mutter

ihrem stiefvater

den sie vater nennen soll

und dieser mutter

die sie nicht kennt und der sie nicht nahe ist

die sie kontrolliert

unablässig

 

wie sehr hat sie sehnsucht nach ihrer großmutter

die ihr aufgetragen hat, brav zu sein

und zu folgen

und ihr keine schande zu machen

damit sie sich nicht schämen muss

 

auch großmutter könnte sich also schämen

für sie

zu ihrer eigenen scham

noch die scham der großmutter

dazu

 

und dann doch

sonne, meer, strand

viele fröhliche jugendliche

zu denen sie nicht gehört

testosteron in der luft

von all den jungen männern

und ihre sehnsucht im bauch

und die scham im kopf

und ihr versuch

irgendwie dem kontrollierenden blick der mutter

zu entkommen

 

wenn SIE am strand sind

ist sie im zelt

hundert ausreden erfindend

 

und wenn SIE im zelt sind

möchte sie gerne an den strand

darf aber nicht

 

allein am strand

was könnte da passieren

 

aber

es passiert doch

aber anders

 

der gute-nacht-kuss

sie im zelt auf der luftmatratze

zwischen den campingbetten

von dem stiefvater und der mutter

so eng

nicht einmal eine handbreit zwischenraum

so eng wie das ganze leben

 

und dann

dieser gute-nacht-kuss

er beugt sich über sie

sie am boden sitzend

sein männergeruch über ihr

vorher nicht sicher

ob sie diesen geruch mag

oder abstossend findet

nachher

wird sie ihn für immer abstossend finden

und der kuss

mit diesen großen, feuchten lippen

geöffnet

und der zunge

die sich

in ihren mund

drängt

überraschend

übergreifend

ekelig

 

ihre mutter neben ihr

dicht

und sie sagt nichts

kann nichts sagen

ihr mund verschließt sich

und verstummt

und sie schämt sich

 

später

viel später

wird man sie immer wieder fragen

warum hebst du deinen kopf nicht

warum versteckst du dein gesicht

hinter deinen haaren

warum redest du nicht

 

doch SIE haben ihr die stimme genommen

mit all ihren lügen

und SIE haben die scham

in sie

hineingepflanzt

 

SIE haben ihr

die stimme genommen

 

später

viel später

wird sie kommunikationsseminare besuchen

weil eine leere in ihrem kopf entsteht

wenn sie reden soll

weil sie keine stimme hat

 

weil die alten stimmen in ihr auftauchen

die ihr sagen

du hast nichts zu sagen

und

das letzte wort habe ich

 

doch

das letzte wort

ist noch nicht gesprochen

 

********************

Die Grenzen des Blicks

Im Erdgeschoss der Hauptschule befand sich die Kochschule. Die großen Fenster gingen in den Garten, in dem sich niemand aufhalten durfte. Und schon gar nicht Buben, die im Nebengebäude untergebracht waren. Doch manchmal standen welche vor dem Fenster und machten Faxen.

Wenn ich zum Fenster hinaussah in den Garten, brüllte die Kochlehrerin – schaust du schon wieder nach den Buben?

In meinem Elternhaus gab es den sicheren Bereich des Gartens hinter dem Haus, und den unsicheren Bereich vor dem Haus.

Wenn ich mich vor dem Haus aufhielt und zur Straße hinaussah, zischte meine Mutter – schaust du schon wieder nach den Buben?

Ich hätte mich das nie getraut. Nach den Buben schauen. Dort nicht und da nicht. Kam ich mir doch viel zu dick vor. Ich kam mir immer zu dick und hässlich vor. Die ganze Hauptschulzeit. Kurze Zeit später, als ich dann wirklich begann mich für Buben zu interessieren – nein, auch nicht für die Buben, nur für einen – begann ich abzunehmen. Die erste Hungerzeit in meinem Leben, der noch viele folgen sollten. Mein ganzes Leben lang. 20 kg mehr – 20 kg weniger. Eine Pendelbewegung.

Ich traute mich auch nicht aufzuschauen. Angst. Nur nicht auffallen. Wenn ich doch einmal den Blick hob, begegnete ich den wachsamen Augen der Kochlehrerin. Und wenn diese rote Flecken am Hals hatte, begann die Brüllerei von neuem. Ich konnte nichts richtig machen. Und weil ich Angst hatte, machte ich auch nichts richtig. Ich musste die brennheißen Erdäpfel in die ganze Hand nehmen – nein, nicht mit den Fingerspitzen halten und auch nicht auf eine Gabel – in die Handfläche. Und nicht fallen lassen. Wenn jemand flüsterte, wenn jemand etwas falsch machte, blies die Kochlehrerin in ihre schwarze Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und alle standen stramm. Besonders ich. Ich war froh und erleichtert, dass mir alles schmeckte. Wenigstens das. Andere Mädchen haben sich erbrochen, mussten ihr Erbrochenes wegwischen, sich hinsetzen und weiter essen. Am Ende der Stunde, war ich es, die noch mit einem Eimer und dem Ausreibfetzen am Boden kniete und den Boden aufwischte. Alle anderen standen bereits, ihrer Kochschürzen entledigt, bei der Tür und warteten auf mich. Ungeduldig. Welche Scham.

Beim Umkleiden im Keller vor dem Schwimmbeckenbereich traute ich mich nicht meine Mitschülerinnen anzuschauen. Ich tat es doch. Heimlich. Hinter dem Vorhang meiner Haare heraus. Ich kannte keine nackten Körper. Ich sah, welch schöne Unterwäsche manche anhatten. Meine BH’s nähte die Großmutter selbst. Und meine Unterhosen waren Pumphosen. Das waren weite Hosen aus weißer oder rosa Baumwolle, die fast bis zum Knie reichten. Auch von meiner Großmutter genäht. Und im Winter waren sie aus dicker, fester Baumwolle, die mich noch unförmiger erscheinen ließen. Ich schämte mich in Grund und Boden.

Als ich mich mit 14 in meinen zukünftigen ersten Mann verliebte, ging mein Blick eindeutig über die gesetzten Grenzen hinaus. Heute würde ich sagen – ich sah ihn und wollte ihn. Damals – ja damals, war das nicht so eindeutig. Das Wollen – das Träumen – hatten sie mir ausgetrieben. Träumen tat ich nur mehr in meinen Büchern, die ich las. Und mit 14 hatte ich alle Karl May-Bände die es in der kleinen Bibliothek gab, ausgelesen. 60 waren es. Und ich bewunderte Old Shatterhand. Nein, nicht Winnetou, wie alle anderen Mädchen – Old Shatterhand. Und dann – dann traf ich ihn.

Ich stand mit meiner Freundin vor dem Kino und wartete auf den Beginn des Films „Winnetou I“. Wir gingen in die Nachmittagsvorstellung. Und ich wusste, hie und da kamen meine Eltern vorbei, nachzuschauen, ob ich mich auch wirklich nur mit meiner Freundin traf und ich mich auch nicht „aufführte“. Wie hätte ich mich das getraut. Unsicherheit und Angst.

Und dann sah ich ihn – Old Shatterhand. Franz hieß er, und er stand inmitten seiner Bubenclique – der Anführer. Er war 1,91 groß, blond, markantes Kinn, und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. In mir war ein Sturm von Gefühlen. Bewunderung, Liebe, Lust – von der ich damals nicht wusste, dass dies Lust war, Verlangen, Angst und Scham. Vor allem Scham. Dies war ein Gefühl, das mich noch lange in meinem Leben begleiten sollte.

Jetzt stand er dort – mein Held Old Shatterhand. Mein Held, der mich erlösen sollte. Und wenn ich in der Folge sämtliche Winnetou-Filme zwei- oder dreimal sah, dann nicht nur wegen der Filmfigur, sondern wegen Franz. Und irgendwann, als ich meine Eltern belog, und nicht mit meiner Freundin ins Kino ging, sondern alleine, hob ich meinen Blick und schaute ihn an. Ich weiß bis heute nicht, woher ich diesen Mut nahm. Er stand unterhalb der Stufen zum Kinoeingang. Seine Freunde etwas entfernt. Ich stellte mich auf die zweite Stufe, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein, und redete ihn an. Und er schaute mich an. Dies war der Beginn einer bittersüßen Liebesgeschichte.

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Als die Liebesgeschichte, die in einer frühen Ehe mündete, zu Ende ging, begann der zweite Durchgang durch die Scham. Aber nein – die Liebesgeschichte ging nicht zu Ende – ich liebe ihn heute noch. Jedoch, die Möglichkeit eines guten Zusammenlebens ging zu Ende. Wir konnten nicht reden miteinander. Wir hatten beide keine eigene Stimme.

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am abgrund stehend

die scham – in späteren jahren

 

für das was ich war

für das was ich nicht war

für das wie ich war

für das wie ich nicht war

für das was ich nicht wusste

 

scham und unsicherheit

mich falsch zu benehmen

nicht das richtige zu sagen

nicht das richtige zu tun

 

und aus dieser unendlichen scham heraus

bestätigung suchend

bei einem mann

von einem mann

gib mir endlich die anerkennung

die bestätigung

dass ich in ordnung bin

dass mit mir alles in ordnung ist

erlöse mich von meiner scham

und unsicherheit

 

und es konnte nicht genug sein

an männern

die mir anerkennung gaben

 

und irgendwie

wusste ich damals nicht

dass ich ausgewählt hatte

beim ersten blick gewählt hatte

und meinte

dass sie mich ausgewählt hätten

 

und dann das spiel von neuem

weil es keine erfüllung gab

 

die scham und unsicherheit

nach einem moment der ekstase

sich wieder breit machte

sich ausbreitete

 

und dann begann das spiel von neuem

unendliche spielvariationen

mit unendlichen spielfolgen

und wechselnden mitspielern

 

was blieb

war die scham

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familie

ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können

weggehen müssen um zu der zu werden die ich bin

sonst wäre ich zu der geworden die ihr haben wolltet

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*)  „Vergeben und Verzeihen sind nicht gleich Versöhnung. Versöhnung bedeutet zusätzlich zur Verzeihung, dass beide Seiten unbelastet von der Verletzung die vorbestehende Beziehung fortsetzen wollen. 

Nach der Vergebung kann eine Beziehung auch beendet werden; d. h. es kommt zu keiner Versöhnung, jedoch wird nichts nachgetragen. Eine Versöhnung ist nur sinnvoll, wenn der Täter Reue zeigt und Wiedergutmachung leistet. „Versöhnung fordert, dass die Parteien ihr Vertrauen zueinander erneuern.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vergebung_(Psychologie)

 

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Mein erstes Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Die letzten 10 Jahre meines Lebens.

Erhältlich in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

 

 

 

Erinnerungs – Wintergeschichte

Eisblumen

Ich erinnere mich …

Als wäre es jetzt – Eisblumen am Fenster! Sie wachsen von unten nach oben und ich stehe staunend davor.

Welche Freude! Im Zimmer bullert das Feuer im Sägespäneofen. Er ist glühend rot und gleich wird Großmutter die Ofentür schließen. Im Ofen knackt das Holz und es riecht würzig nach Sägespänen, Holz und Harz. Das Fenster ist fast zugewachsen mit Farnen und Blumen aus Eis. Nur in der Mitte ist noch ein Kreis, durch den der Vollmond ins Zimmer scheint. Ich sehe den weiß bekleideten Apfelbaum.

Mein Schlafanzug liegt neben dem warmen Ofen. „Schlafenszeit“, sagt meine Großmutter und hat das Märchenbuch in der Hand.

(1954)

 

Eine Erinnerungs-Wintergeschichte aus meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Erhältlich als Hardcover, Taschenbuch und Ebook in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

Plaudereien aus dem Spinnkästchen

Ich liebe Spinnen.

Und ich frage mich, wird vielleicht deshalb – aus meiner Liebe zu den Spinnen – mein Haus eingesponnen? Innen und außen weben sie unaufhörlich und unermüdlich ihre Netze.

Zwei Große Zitterspinnen (fälschlicherweise oft als Weberknecht bezeichnet) sitzen seit Wochen an meiner Zimmerdecke. Regungslos. Leben sie noch? – fragte ich mich. Sah ich sie doch immer am gleichen Platz, so dass ich vorsichtig den Besen balancierend bis auf wenige Zentimeter in ihre Nähe kam, und sie schnellstens auf ihren langen Spinnenbeinen in die Ecke verschwanden. Aha, sie leben! Und wie sie leben! Sie weben ihre Netze nicht nur an den Zimmerdecken, sie weben meine Bilder ein, den CD-Ständer und alles, was ihrer Meinung nach eingenetzt gehört.

Hauswinkelspinnen habe ich wenige, da sie dunklere und feuchte Orte lieben, und von denen gibt es wenige in meinem Haus. In einer Ecke des Badezimmers, versteckt hinter einem Regal, habe ich eine entdeckt, und ich lasse dort in Ruhe. Manchesmal beim Duschen wird das Netz etwas nass und die glitzernden Wassertropfen machen die ganze Schönheit des Netzes sichtbar. Vergleichbar mit den diamantfunkelnden Nebeltropfen auf einem Spinnennetz beim Sonnenaufgang.

Und nun zu meiner Lieblingsspinne – der Gartenkreuzspinne. Sie legt mit zunehmendem Alter ihr Fangnetz hauptsächlich in den Nächten an. Ihre großen, akkuraten und imposanten Radnetze sind unübersehbar. Besonders im so genannten „Altweibersommer“. Der Begriff „Altweibersommer“ bezieht sich jedoch nicht, wie die meisten annehmen, auf ältere Frauen, sondern er stammt aus der germanischen Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. Die im Sonnenlicht glänzenden Fäden sehen aus wie silbergraue Haare. Es heißt, es seien Lebensfäden, die den Schicksalsgöttinnen verloren gegangen seien. Es gibt viele Geschichten um den „Altweibersommer“.

Wenn ich am Haus vorbei und durch den Garten gehe, freue ich mich über diese Lebensfäden der Göttinnen, die sich in meinem Haar verfangen. Sollen doch jene Menschen, an denen die Fäden hängen bleiben, stets Glück haben.

Ob es nun Spinnfäden der Gartenkreuzspinne sind, oder die Spinnfäden der fliegenden Spinnen – auch „Seiden-Floß“ genannt, weil sie damit hunderte von Kilometer weit durch die Luft fliegen, ist egal. Die Spinnenetze sind überall – an Gräsern, Büschen, Zäunen und am Haus.

Eine der Gartenkreuzspinnen hat den Außenspiegel von unserem Auto dazu erkoren, ihn mit ihrem Spinnennetz zu überziehen. Und dieses Spinnennetz fährt mit uns mit. Auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn – das Spinnennetz hält. Wo sich allerdings in dieser Zeit die Spinne aufhält, habe ich noch nicht herausgefunden.

Und so dürfen die Spinnen mein Haus einweben. So hie und da, eher selten, entferne ich die größten Gespinste in meinen Räumen – sie sind sowieso bald wieder da.

Der Dichter Issa drückt es in einem Haiku so aus:

Keine Angst, ihr Spinnen

ich fege nur

gelegentlich

 

Info für Spinneninteressierte: „Weberknecht und Zitterspinne: Diese zwei Achtbeiner sind nützliche Haushaltshelfer“

  • Spinnen lösen bei den meisten Menschen ein spontanes Unbehagen aus
  • Dabei sind die Tiere in Deutschland nahezu immer ungefährlich
  • Und einige sind sogar im Haushalt sehr nützlich

Sie sind sehr zierlich, werden von acht Beinen getragen und lösen häufig eher ein Unbehagen aus. Zitterspinne und Weberknecht werden häufig verwechselt und für Schädlinge gehalten, aber die Tiere sind regelrechte Haushaltshelfer.

Die Zitterspinne fängt in ihren Netzen Mücken und wirkliche Schädlinge. Der Weberknecht spinnt keine Netze, aber er ernährt sich von toten Insekten, schreibt der „Spiegel“. Beide Tiere besitzen einen kleinen Körper und lange Beine. Damit lösen sie gerne eine Gänsehaut aus, wenn sie unbedarften Bewohnern im Haus begegnen.

Spinnen im Haus sind normal

Eine 39-Jährige im bayerischen Pullach ging sogar so panisch auf Spinnenjagd, dass sie ihre Garage bei der Aktion niederbrannte. Dabei sind beide Tiere vollkommen ungefährlich. Der Weberknecht lässt sich auch nur selten in Häusern blicken. Der „Stern“ zitiert einen amerikanischen Insektenkundler, der betont: „Es ist okay, Spinnen in seinem Zuhause zu haben. Es ist sogar vollkommen normal.“

Den Namen hat die Zitterspinne von ihrem Abwehrverhalten. Fühlt sie sich in ihrem Netz bedroht, versucht die Spinne mögliche Angreifer zu verwirren. Sie beginnt sich so schnell zu bewegen, dass ihre Konturen verschwimmen. Faszinierende und nützliche Haushaltshelfer. Wenn sie nur nicht acht lange Beine hätten, wäre ein friedliches Zusammenleben sicher leichter.

https://www.derwesten.de/panorama/weberknecht-und-zitterspinne-diese-zwei-achtbeiner-sind-nuetzliche-haushaltshelfer-id214436833.html

Meine LebensGärten

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In einer meiner schlaflosen Nächte besuchte ich meine verschiedenen LebensGärten.

Und wieder einmal war ich überrascht. Überrascht, in wie vielen Gärten ich zu Hause war. Verwurzelt. Wie leicht es mir fiel, meine Wurzeln aus der Erde zu ziehen und wieder neu einzuwurzeln. Der Dünger war Veränderungsbereitschaft.

Meine Schlafhöhle inmitten meiner Bücher schenkt mit nicht nur Geborgenheit, sie ist auch sehr praktisch. Ich drehte mich zur Seite und hatte mit einem Griff drei Bücher über Gärten zur Hand. Wenn ich nachts aufwache, brauche ich nur meine Hand auszustrecken und habe das jeweils passende Buch.

Die Verbindung Garten und Bücher – Hand in Hand – von Beginn meines Lebens an.

In der Erzählung „Gartenkind“ schrieb ich: „Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.“ Zu der Zeit saß ich in der Astgabel eines  Apfelbaums, war fünf Jahre alt, und hatte begonnen Wörter vom Baum zu pflücken.

Heute, in meinem jetzigen Garten, sitze ich nicht mehr auf dem Baum. Jedoch sitze ich täglich unter meinem titanischen Nussbaum und pflücke weiter Wörter aus den Bäumen und den Wolken. In der Computersprache könnte ich jetzt wohl von einer Cloud – einer Datenwolke, sprechen. Eine poetische Datenwolke, die gleichzeitig eine Erinnerungswolke ist. Gespeicherte Erinnerungen.

Ich nehme das wunderschöne Buch von Hermann Hesse mit seinen Gedichten und Erzählungen, den von ihm gemalten Bildern von seinen Gärten zur Hand. Auch er lebte in mehreren Gärten. „Freude am Garten“ ist der ansprechende Titel. Und dann noch die zwei empfehlenswerten Bücher von Barbara Frischmuth: „Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte“ und „Fingerkraut und Feenhandschuh. Ein literarisches Gartentagebuch“.

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation“ (1955).

(Hermann Hesse)

Ja, so ist es ….

Und während ich dies schreibe, mache ich einen Blick über meinen Computer hinaus in meinen „wilden“ Garten. Jeden Tag freue ich mich über unseren wilden Garten.

Die wilden Gärten und auch die wilden Wiesen sind schon lange verschwunden.

In der Erzählung „Die Einsamkeit der Bäume“ schrieb ich: „Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.“

Der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder lebte zwölf Jahre in Japan, um Zen-Buddhismus und Japanisch zu studieren. Zurück in Amerika, baute er sich ein Haus in einem Indianerreservat, wurde Professor und Ökoaktivist. Er schreibt:

„Die Welt ist Natur, und auf lange Sicht ist sie unweigerlich wild, denn das Wilde ist auch eine Ordnung der Unbeständigkeit. Auch unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht, und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können“.

Ja, ich bin ihm gefolgt, meinem wilden Geist – ein Leben lang. Aus meiner „Datenwolke“ beginnen Geschichten zu purzeln. Meine LebensGeschichten in den einzelnen LebensGärten – und ein Erzählband über die LebensGärten beginnt Gestalt anzunehmen.

Erzählungen über die verschiedenen LebensGärten:

  1. 1950 Kindheitsgarten – Großmuttergarten, St. Pölten
  2. 1968 Schwiegermuttergarten, St. Pölten
  3. 1980 Die Wiese neben dem Hochhaus, St. Pölten
  4. 1986 LiebesGärten – Botanischer Garten und Oberes Belvedere, Wien
  5. 1987 Garten in Poppi, Toskana
  6. 1989 Garten im alten Lehmhaus, Weinviertel
  7. 1991 Garten in der Grünentorgasse, Wien
  8. 1996 Garten in der Ungargasse, Wien
  9. 2014 Muttergarten, St. Pölten
  10. 2018 Altenwohnsitzgarten – im Garten meines Sohnes, St. Pölten

 

Eine Erzählung: Die Wiese neben dem Hochhaus.

Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, dass im Jahre 1979 eine Wohnbau-Genossenschaft drei zehnstöckige Häuser mitten in einer Einfamilienhaussiedlung errichten konnte. Die umliegenden Anwohner, denen ihre Gartenzäune nichts mehr nützten, sahen ihnen doch nunmehr unzählige Augen ungehindert in ihre Gärten, protestierten vergebens dagegen. Hätte es mich betroffen, hätte ich mich auch dagegen gewehrt.

Für mich, als damals allein erziehende Mutter war es eine gute Gelegenheit in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Mein Elternhaus liegt einige Straßenzüge weiter weg, so dass es von der Einsichtigkeit der Hochhäuser nicht betroffen war. Ich zog in das erstgebaute Haus im neunten Stock ein und hatte eine weite Sicht über die Stadt hinweg in das Alpenvorland mit dem 1.893 m hohen Ötscher. Die schönsten Sonnenuntergänge sollte ich dort auf meiner Loggia erleben. Nach gut einem Jahr zog mein zukünftiger zweiter Ehemann bei mir ein.

Einige Male bestiegen mein Mann und ich damals über den Rauhen Kamm den Ötscher. Eine sehr anspruchsvolle Tour. Und es war wunderbar, ihn von unserer Loggia aus sehen zu können.

Nun gibt es bei den Häusern keinen Garten, doch auf der Schmalseite des Hauses und zwischen den Häusern gibt kleine Wiesenstreifen, die straßenseitig durch kleinwüchsige Sträucher abgegrenzt sind. Obwohl ich von einer Wiese spreche, ist es eigentlich ein Rasen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Wiese und einem Rasen. Der Rasen besteht aus Gras – sonst nichts. In einer Wiese wachsen Löwenzahn, Klee,Veilchen, Margeriten, Gänseblümchen, Günsel und duftende Kräuter – um nur einige zu nennen. Eine Wiese ist belebt von vielen Tieren, ein Rasen nicht.

Meine Tochter wünschte sich eine Katze und so zog Mischa, ein schwarzer Kater, in unsere Wohnung im neunten Stock ein. Anfangs versuchten wir ihn daran zu gewöhnen, an der Leine zu gehen. Wir fuhren mit dem Kater im Arm mit dem Lift nach unten und gingen mit ihm immer wieder auf diesen Rasenstreifen spazieren, um ihn an die Leine zu gewöhnen. Vergeblich. Er wollte nicht. Also wurde er eine Wohnungskatze. Jetzt greife ich der Geschichte etwas vor. Nach ein paar Jahren als mein Mann und ich uns trennten, zog der Kater in ein anderes Haus in St. Pölten, mein Ex-Ehemann in eine Wohnung in St. Pölten und meine Tochter und ich nach Wien. Der Kater Mischa zog bei meinen Eltern ein  und wurde eine glückliche Gartenkatze – auf einer Wiese.

In der jetzigen Geschichte geht es um eine verletzte Taube. Wir fanden sie mit zwei gebrochenen Beinchen auf unserer Loggia. Sie war gegen die Glasscheibe geflogen. Mein Liebster bastelte eine Hängevorrichtung, in der die Taube nun wochenlang in unserer Küche hing, bis ihre Beinchen ausgeheilt waren. Meine Tochter übernahm die Aufgabe, sie zu füttern und mit Wasser zu versorgen, was nicht einfach war. Sie gab sich sehr viel Mühe und schaffte es. Oft gingen wir mit ihr auf den Rasen neben dem Haus, setzten sie auf den Boden und sahen ihr zu, wie sie wieder laufen lernte. Erst zögerlich und vorsichtig und dann immer mutiger. Wir warteten auf den Moment, in dem sie sich wieder in die Lüfte erheben würde. Doch dies dauerte noch einige Zeit und einige Flugversuche, bis sie sich ihrer Flügel wieder sicher war und in den Sonnenuntergang entschwebte …

Nein, so war es natürlich nicht. Sie erhob sich und verschwand auf  Nimmerwiedersehen über den Gärten. Dies war das Ende unserer Besuche auf dem schmalen Rasenstreifen neben dem Hochhaus.  

Zitate im Text aus:

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

 

Jeschuas Rückkehr

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Ein Traum, eine Vision, ein Märchen? – wer weiß das schon …

Ich, die Erzählerin, habe in dem Blog-Beitrag „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“ geschrieben:

„ … Ich kann nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein und vieles mehr. …“

Hier zu lesen: https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/17/der-liebe-gott-und-ich/

Die folgende Erzählung habe ich im Oktober 2005 geschrieben.

Ich hatte sie vergessen.

Heute, bei der Sichtung meiner Tagebücher, habe ich sie wieder entdeckt.

Jeschuas Rückkehr.

Er tritt in mein Leben und kein Stein bleibt auf dem anderen.

Wie der Zusammensturz der Stadtmauern von Jericho durch die Posaunen oder bei der Tarot-Karte „Der Turm“.

„… und kein Stein blieb auf dem anderen …“

„Warum glaubst du nicht mehr?“ ist der erste Satz, den er zu mir sagt.

Ich weiß zwar genau was er meint, so wie ich in Zukunft immer wissen werde, was er meint. Und er weiß – was ich denke und fühle.

„Was?“ frage ich und versuche, mich diesen Augen zu entziehen. „Was oder woran glaube ich nicht mehr?“ „An Gott und die Drei-Gesichtige“ sagt er und mir bleibt der spöttisch verzogene Mund offen. Nie, noch nie in meinem Leben habe ich jemandem erzählt, dass ich die Göttin die Drei-Gesichtige nenne. Er sieht mich unverwandt an, ernst, doch mit einem unendlich liebevollen Blick, dem ich mich schon das ganze Wochenende zu entziehen versuche.

Nicht mit mir – sage ich mir immer wieder – nicht mit mir. Ich bin keine deiner esoterischen Groupies, die verzückt an deinen Lippen hängen. Ich spüre, wie der Boden unter mir zu schwanken beginnt. Ich will weg – weg von diesem mich durchschauendem und durchdringenden Blick, und gleichzeitig weiß ich – ich kann nicht weg. Wie angewurzelt und gleichzeitig doch schwankend in der Intensität dieses Blicks.

In vielen Selbsterfahrungsseminaren die ich besucht hatte – damals, noch auf der Suche nach mir selbst – habe ich gelernt, Blicken standzuhalten. Mich zu öffnen, mich zu zeigen und keine Angst zu haben vor dem Gesehenwerden und dem Sehen, so wie es die verschiedenen TrainerInnen immer bezeichneten. Doch bis jetzt habe ich es sehr selten erlebt, dass sich wirklich jemand öffnet, sich vollständig preisgibt. Auch mir fiel es nicht leicht. Sehr oft wurden Blick-Duelle daraus. Ein Machtkampf nach dem Motto – wer hält es länger aus.

Aber hier – jetzt, ist das anders.

Ich habe das Gefühl, in seine Seele zu schauen und was ich da sehe, ist unendlich. Macht mich schwanken wie einen Baum im Sturm. Ich selbst fühle mich durchschaut wie in einem Röntgengerät oder wie in einem offenen Buch, in dem er alle Seiten gleichzeitig liest. Ich kann mich nicht verstecken. Niemals – nicht hier und nicht in alle Ewigkeit.

Was gehen mir für Gedanken durch den Kopf – denke ich und sehe, dass er mich anlächelt. Er weiß es – er weiß, was ich denke.

Sein Lächeln ist – ja, wie ist es? Liebevoll, annehmend, gewährend, erotisch, herzlich.

All diese Worte  passen, und doch reichen sie nicht – die Worte.

„Du glaubst auch nicht mehr an die Liebe, an die Liebe eines Mannes und auch nicht an mich“ ergänzt er.

„Wie heißt du?“ bringe ich unter unendlicher Anstrengung heraus. Ich höre meine Stimme und erkenne sie nicht.  

„Jeschua“ sagt er, „du weißt es doch!“

Er hat Recht. In dem Moment, in dem ich die Frage an ihn formuliere, weiß ich auch bereits die Antwort. Ich nehme meine ganze Kraft, die ich noch habe und drehe mich um. Nur weg, weg von ihm – denke ich. Und – das kann doch nicht möglich sein. Ich gehe Schritt für Schritt weg von ihm. Als ich bei der Tür ankomme, sie öffne und hinausgehe, mache ich einen Blick zurück.

Er steht noch immer dort – mitten im Raum unter den anderen Menschen und sieht mir ruhig nach. Ein Leuchten ist um ihn.

„Ich werde auf die Erde kommen

und ihr werdet mich nicht erkennen …“

Nein, ich erkenne ihn nicht. Halte ihn für einen dieser neuen esoterischen Männer – für einen der „Frauenversteher“. Von den Frauen geliebt. Von den Männern bewundert oder verachtet.

Nein, ich erkenne ihn nicht – und doch weiß ich. Ich weiß, wer er ist in meinem Herzen und in meiner Seele. Ich weiß es und gleichzeitig wehrt sich alles in mir gegen dieses Wissen.

Mein Herz beginnt zu jubeln, meine Körper brennt vor Verlangen und mein Kopf sagt – mach dich nicht lächerlich, das ist Humbug, Nonsens. Doch auch da, unter dem Schleier des Verstandes, meines Intellekts, regen sich Erinnerungen, Bilder die aufblitzen und die ich sogleich wegschiebe.

Ich gehe über den Flur, die Treppe hoch zu meinem Zimmer unter dem Dach. Ziehe meine  festen Schuhe an und schlüpfe in die dicke Jacke.

Es ist mir unheimlich, ich kann mich nicht wehren gegen diese innere Bilderflut. Es ist mir, als ob eine fest verschlossene Tür geöffnet worden wäre. Ich nehme noch ein Tuch und laufe die Stiegen hinunter und aus dem Haus.

Weg, weit weg – ruft  ein Teil in mir und der andere, der immer stärker wird – geh’ zurück zu ihm. Ich gehe über den schmalen Pfad in der Wiese Richtung Wald. All meine Sinne sind  geschärft. Ich fühle den kühlen Herbstwind auf der Haut, rieche den Holzfeuergeruch, der aus dem Schornstein des Hauses hochsteigt, sehe die orangeroten Farben des Sonnenuntergangs hinter dem Wald und höre das Krächzen des Vogelschwarms über mir.

„ … Sehet die Lerche auf dem Felde …“

Als ich merke, dass ich auf direktem Weg auf das Holzkreuz am Waldrand zusteuere, ändere ich abrupt die Richtung. Nein, nicht auch das noch – denke ich, fast schon in Panik. Mein Atem beschleunigt sich ohne dass ich rascher gehe und die Bilder überfluten mich ohne Vorwarnung.

Ich bleibe stehen und drücke meine Handflächen auf mein Herz, das wie rasend pocht und ich spüre den Schmerz, den ich so gut kenne. Ich atme tief durch – Ein und Aus, Heben und Senken – so wie ich es in meiner Meditationspraxis bei meinen buddhistischen LehrerInnen gelernt habe. Ein und Aus – konzentriere ich mich auf meinen Atem, lasse die Bilder los, lasse sie einfach weiterziehen – Atmen – Loslassen.

Ja, jetzt ist es vorbei. Ich blicke auf und gehe langsam weiter, den Waldweg in den Wald hinein und den Hügel hoch. Mein Lieblingsweg, auf dem sonst kaum einer anzutreffen ist. Der Wald ist ziemlich dicht und der Weg nach oben etwas anstrengend. Genau das, was ich jetzt brauche.

Ich gehe langsam, Schritt für Schritt, und achte auf meinen Atem. Es ist nun schon fast dunkel, doch ich kenne den Weg. Etwa fünfzig Meter unter dem Hügel bleibt der Wald zurück und eine weiche Wiese bedeckt den Hügel, der oben flach ist. Als ich auf der Ebene ankomme, scheint bereits der Vollmond und die ersten Sterne werden sichtbar. Ich hülle mich fester in meine Jacke und lege das Tuch um meinen Kopf. Ein Bild blitzt auf in mir, ein anderer Hügel, eine andere Zeit, auf dem ich stehe und meinen Kopf mit einem Tuch bedecke – Schmerz. Großer Schmerz. Ich  atme tief durch und schau zum Himmel hoch.

„ Eli, Eli, lama asabtani“

Ich habe dich verlassen, Gott. Ich kann nicht mehr an dich glauben. Ich habe dich verleugnet, abgelehnt, auch weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, was deine so genannten und sich selbst ernannten Vertreter auf Erden aus dir gemacht haben.

Tränen laufen mir über das Gesicht. Aber ich spüre auch Freude in meinem Herzen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlaubte ich mir wieder mit dir, Gott, zu sprechen.

Ich freue mich – ich hebe meine Arme hoch, mein Gesicht, und schreie es laut heraus: „“Ich freue mich!“ Ich beginne mich zu drehen, dort oben am Hügel, auf dem weichen Gras unter meinen Füßen und schreie es immer wieder nach oben in den Himmel.

Plötzlich ein Bild, gegen das ich mich nicht mehr wehren kann. Ein anderer Hügel, eine andere Zeit – ich und Jeschua, uns an den Händen fassend, im Kreis drehend und nach oben blickend.

„ … und Zeit und Raum sind eins …“

Ich habe mein bestes Kleid an, gewebt in einem hellen braun/beige mit goldenen Rändern. Jeschua sagt immer zu mir, ich sähe aus wie die Wüste bei Sonnenuntergang. Joshua hat ein Kleid in einem etwas dunklerem braun an. Die Wüste nach dem Sonnenuntergang – sage ich immer lächelnd und scherzend zu ihm. Wir halten uns an den Händen und drehen uns im Kreis. Ich bin erfüllt von seiner Liebe, meiner Liebe zu ihm und zu Gott. Noch nie vorher habe ich die Intensität des Lebens und der Liebe so stark und tief gespürt wie mit ihm.

Unsere Stimmen verschlingen sich ineinander, werden eins, so wie unsere Leiber.

Er sieht mich an mit diesen Augen, denen man sich nicht entziehen kann. Ich nicht, und auch nicht all die anderen, die den Kontakt zu ihm suchen und ihm folgen. Im Anfang war ich eifersüchtig auf die vielen Frauen, die immer um ihn waren und sogar auch auf die Männer, denen er sich genauso liebevoll zuwandte. Aber bald schon merkte ich, dass seine Liebe für alle reicht, dass sie unendlich und unerschöpflich ist. Mit der Zeit fühlte ich, dass auch ich diese unendliche und unerschöpfliche Liebe in mir habe – wenn ich sie nur zulasse.

„Gehen wir?“ sagt er, zieht mich zu sich und umfasst mich mit seinen Armen.

„Die Liebe hat kein Ende und kein Ziel …“

Ich spüre seine Arme noch um mich und merke, dass ich mich selbst mit meinen Armen umfasse. Mich fröstelt und plötzlich ist eine Leere in mir, die ich gut kenne. Ich sehe mich um, meine Freude ist verflogen. Was mache ich denn da? – denke ich kopfschüttelnd. Was ist bloß los mit mir?

Über mir ist der Himmel mittlerweile voller Sterne. Es ist nicht ganz dunkel, die silberne Mondhelligkeit weist mir den Weg. Mit Bedauern sehe ich mich um und mache mich auf den Rückweg. Als ich in den Wald eintrete, bleibe ich für einen Moment stehen, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Wald ist so dicht, dass selbst das Mondlicht nicht bis auf den schmalen Pfad scheint. Ich fühle den Pfad mehr als ich ihn sehe und habe wieder das Gefühl, dass meine Sinne geschärft sind. Das Fühlen des Pfades unter meinen Füßen, die Nachtgeräusche der Tiere, der Geruch vom Waldboden – Pilze, vermodernde Blätter und Nadeln.

Ich trete aus dem Wald heraus und gehe über die Wiese auf das Haus mit den hell leuchtenden Fenstern zu. Und plötzlich ist sie wieder da, die Freude. Ich kann sie wieder spüren und fühle sie hell auflodern in meinem Herzen.

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Der Boden schwankt leicht und es ist wieder, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ein Luftzug streift mich. Ich atme tief durch, dieses mal schon weniger erschreckt. Ich sehe hinunter zu meinen nackten, braunen Füßen und der staubigen, lehmigen Straße. Ich schaue mich für einen Moment um und sehe vor mir das Haus meiner FreundInnen. Aus den Fenstern leuchtet und flackert gelber Kerzenschein. Ich höre das Stimmengewirr und das Lachen der Menschen. Fröhliche Stimmen sind es heute im Gegensatz zu anderen Zeiten, da die Stimmen öfter auch ärgerlich laut oder leise ängstlich waren. Ich trete ein.

Ich freue mich auf die Wärme des Raumes, das Essen und Trinken. Seit heute Morgen habe ich nichts mehr zu mir genommen. Der jüngste der Freunde, Thomas, kommt mir mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen entgegen. Er fasst meine Hand und zieht mich in den Raum.

„Er ist wieder da“ sagt er und seine Augen leuchten. „Er ist wieder da!“

„Ich weiß“ sage ich, und meine Augen machen sich auf die Suche nach ihm.

Er ist wieder da.

Und ich gehe zu ihm.  

(M.K., 20. Oktober 2005)

 

Über den Tod und das Sterben

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Eine Kurzerzählung von mir und zwei Gedichte von Grace Paley, die immer wieder über die Tabuthemen Alter, Tod und Sterben geschrieben hat.

(Grace Paley, 1922 – 2007, Schriftstellerin)

Mutter

Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist zu sterben, Mutter.

Ich wüsste zu gern, ob du dich noch erinnerst an mich. Oder ob es dich nicht mehr gibt. Ich erinnere mich an deine Angst zu sterben. Deine Augen angstgeweitet auf mich geheftet, als ob ich dir eine Antwort geben könnte. Als ob ich es wüsste. Ich weiß es nicht, Mutter. Ich sehe deine wunderschönen Hände, suchend auf der Decke. Deine kalten Hände, die am Ende keinen Druck mehr erwiderten. Ich versuchte sie mit meinen Händen zu wärmen. Ich höre deine rasselnden Atemzüge – jeder Atemzug so mühsam.  Ich weiß, wie sich dein kleiner Körper anfühlte, als du nicht mehr hier im Leben warst.

Immer wieder hast du über Nahtoderfahrungen gelesen.

Bist du durch den Tunnel ins Licht gegangen?

Bist du mit deinem Mann und deiner Mutter auf der Blumenwiese und jeder Groll, jede Angst hat sich verwandelt in Liebe.

Bist du nun selbst das Licht?

Ein Lichtfunke des großen Lichtes.

Oder gibt es dich nicht mehr.

Und alles war mit deinem letzten Atemzug zu Ende.

Das große Nichts.

Ich wüsste es gern …

(M.K., 2014)

 

Zwei Gedichte von Grace Paley:

Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken

 

Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag

http://schoef.signalwerk.org/res/pdf/prospekte/Paley_Editionsplan.pdf