Der kleine Garten-Kobold

Ich habe den kleinen Kobold erst in den letzten Tagen im Dachlukenfenster entdeckt, obwohl ich sehr oft an dem Haus vorbeigehe. Jedoch hat er sich bereits 2017 in meinen Gedanken eingenistet. Ich schrieb damals die unten stehende Geschichte. Jetzt, drei Jahre später – mit dem Wissen um Corona, liest sich die Geschichte noch einmal ganz anders …

Vorab noch: Die Einfamilienhaussiedlung, in der ich (wieder) lebe, wurde in den Jahren 1932 bis 1938 gebaut. Es gibt nicht mehr viele Häuser in ihrer ursprünglichen Form. Dies ist eines davon. Die Fenster und Fensterläden stammen aus dieser Zeit. Die Eternitplattenverkleidungen an den Häusern wurden ca. in den 60er-Jahren angebracht.

Und nun die versprochene Geschichte –

Der kleine Garten-Kobold

Der kleine Kobold, der mit der Zeit seinen eigenen Namen vergessen hatte, weil ihn schon allzu lange niemand mehr ausgesprochen hat, wohnt schon seit Menschengedenken und vielleicht auch schon länger, im Garten.

Seit Menschengedenken – ob das aber so eine gute Sache ist mit dem menschlichen Denken, überlegt er sich so manches Mal. Er ist sich da nicht so sicher. Denn sie haben mit dem Denken viel zu viel verloren – das hinter die Dinge sehen zum Beispiel. Ober auch das Spüren und Fühlen. Oder – und das macht ihn jetzt ein bisschen traurig – ihn zu sehen! Kleine Menschen können ihn manchmal sehen. Aber auch nicht alle. Und spätestens, wenn sie nicht mehr in den Garten spielen kommen und in diese Häuser gehen, die sie Schule nennen, ist es vorbei mit dem Sehen. Sie fangen an zu Denken. Ja, vielleicht doch nicht so eine gute Sache.

Früher – also sehr viel früher – kümmerten sich die Mensch auch noch um sein Essen. Sie stellten Schälchen mit Milch und leckeren Sachen für ihn unter den großen Baum. Und sie freuten sich, wenn sie nachschauten und sahen, dass er die Schälchen geleert hatte.

Allerdings wäre dies heute auch nicht mehr möglich, denn es gibt zu viele Katzen in den Gärten. Die würden die Schälchen in Null-komma-nix leeren. Obwohl sie in den Häusern gefüttert werden. Er hat von diesen Katzenschälchen probiert. Aber abgesehen davon, dass es ungenießbar war – er schüttelt sich in der Erinnerung, hatten ihn auch die Katzen angefaucht und versucht, ihn zu fangen. Furchtbar die Erinnerung!

Mit der Zeit hat er Überlebensstrategien entwickelt. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Speisekammern, in die er mit Leichtigkeit hineinkam – er ließ sich einfach einschließen – gibt es nicht mehr. In diese Kühlschränke, die die Menschen schon seit einiger Zeit haben, hat er sich nur einmal einschließen lassen. Es hätte ihn fast das Leben gekostet. Er kam einfach nicht mehr raus. Und gefroren hat er wie noch nie. Nicht einmal in den kältesten Wintern. Also musste er sich etwas anderes überlegen. Die einzige Möglichkeit waren noch diese großen Kübel, in die Menschen ihre Abfälle, aber auch noch viel Essbares warfen. Dazu braucht er aber Hilfe, um diese schweren Deckel anzuheben. Manchmal hilft ihm ein Eichhörnchen oder auch ein Rabe. Die Katzen meidet er. Denn die sehen ihn so an, als ob er die begehrte Nahrungsmöglichkeit wäre. Ihnen ist einfach nicht zu trauen.

Er seufzt. Nicht nur, dass die Menschen aufgehört haben, sich um ihn und die Elfen in den Bäumen zu kümmern, sie kümmern sich ja auch nicht mehr umeinander. Statt neue Bäume zu pflanzen oder gut riechende und durchaus auch essbare Blumen zu setzen – von all dem guten Gemüse gar nicht zu sprechen – gehen sie in Häuser, in denen sie sich mit den verschiedensten Geräten so plagen, dass sie ins Schwitzen kommen. Wenn sie nach Hause kommen legen sie sich in den Garten oder vor dieses Gerät, in dem kleine Menschen zu sehen sind. Er versteht das nicht, wenn sie sich schon plagen wollen, warum machen sie das nicht im Garten?

Sie sagen auch immer, sie hätten keine Zeit. Das versteht er schon gar nicht. Er hat alle Zeit der Welt. Die Zeit ist doch immer da. Auch das haben sie verloren, denkt er – zu sehen, dass die Zeit da ist. Sie müssten sie sich doch nur nehmen.

(M.K., 19 03 2017)