herbstgedanken

und noch immer duften die rosen des

sommers und du gehst und ich bleibe

und du wirst diesen blick in den garten

nicht kennen nicht so wie ich ihn kenne

die gräser am rand des weges winken

mir zu und neigen sich im wind der

alles fortbläst was von dir geblieben ist

deinen duft und jedes wort auch

alles verblasst die farben deiner worte /

deine sinnlichkeit / deine berührungen /

die süße deiner lippen

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die sonne hat ihre kraft verloren die

schatten werden länger hüllen ein

ich werde die warmen decken bereit legen

für die kalten nächte nachts wenn ich die

kerzen anzünde suche ich deinen schatten

an der wand und ich werde mich erinnern

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ich schaue in die baumkronen die es nicht

mehr gibt bäume die der sturm umgerissen

hat und der nussbaum verliert bereits seine

braunen blätter zeit um nüsse zu sammeln

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wirst du meinen schatten an der wand suchen

in den kalten nächten die kommen werden in

den räumen die ich nicht kenne

wirst du meine hände spüren die deine suchen

und finger um finger sich miteinander

verschlingen die blaue blume der clematis

deren ranken sich um den baum schlingen

und ihn mit ihren blüten einhüllen

die kleinen roten winteräpfel liegen im gras

ein fest für die vögel und würmer und schnecken

lass sie liegen – sagtest du immer und wir tanzten

mit den mücken in den letzten sonnenstrahlen

über die wiese zum haus

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und immer wieder wenn ich an dich denke

und mein herz dich findet wirst du so aussehen

wie damals als wir uns kennen lernten nur

meine faltige hand die den stift hält irritiert

(M.K. 18 09 2021)

herbstlieder

die lieder der liebe

die ich einstmals sang

sind in meinem herzen

der kleine schlüssel

der dein herz öffnete damals

sorgsam aufbewahrt

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die sonnenbeschienene fläche

in meinem zimmer

zieht sich zurück

die herbstsonne

erreicht sie nicht mehr

ich träume von

den sonnentagen

die küsse mit dir

sommerküsse

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im vergangenen tageslicht

stehen die gartenmöbel

braune nussbaumblätter

lassen sich darauf nieder

(M.K., 14 09 2021)

netzgespinste

spinnen segeln auf seidenflößen

zartes seidengespinst für einen

augenblick diamantfunkelnd

schwebend im sonnenlicht

im noch grünen busch da

zittert ein radnetz gewebt

eine kreuzspinne

araneus

die eine flocht den faden

die zweite maß ihn

die dritte schnitt ihn ab

mächtiger als die götter spinnen

die schicksalsgöttinnen den

lebensfaden

(M.K., 12 09 2021)

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Bild: Peter Krawagna, österr. bildender Künstler

Zitat: „Die eine flocht den Faden, die zweite maß ihn, die dritte schnitt ihn ab …“. Spinnen symbolisieren die Moiren, die griechischen Schicksalsgöttinnen. Sie spinnen in der Mythologie nicht nur den Lebensfaden des einzelnen Menschen, sondern den allen Lebens.

in diesen tagen …

in diesen tagen wenn der regen fällt und ich den regentropfen zuschaue die am fenster runterlaufen / in diesen tagen wenn die sonne scheint und ich zum see radle und im seidenweichen wasser mit den enten schwimme / in diesen tagen wenn ich die ruhe um mich genieße und mich eingebettet und geborgen fühle / in diesen tagen in denen menschen ihren alltagsgeschäften nachgehen / in diesen tagen / in diesen tagen frage ich mich ob ich glücklich sein darf

in diesen tagen wenn ich menschen sehe die andere menschen erschießen weil sie das land verlassen wollen / in diesen tagen in denen bärtige männer auf von kopf bis fuß verhüllte frauen einschlagen / in diesen tagen in denen witwen zwangsverheiratet werden / in diesen tagen in denen menschen kindern verbieten in die schule zu gehen / in diesen tagen in denen menschen angst um ihr leben haben müssen / in diesen tagen / in diesen tagen frage ich mich ob ich glücklich sein darf

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Meine Trauer und mein Zorn hält sich die Waage – Trauer über die betroffenen Menschen und Zorn über die Verwantwortlichen …

Ich möchte gerne weghören und wegschauen, so wie es viele, leider viel zu viele Menschen tun. Ich möchte wegschauen von den Corona- und Klimaveränderungsleugner*innen – und jetzt von den Verantwortlichen für die unsägliche Situation in Afghanistan, die genau gewusst haben, was passieren wird, und nichts getan haben …

Und ich frage mich, ob die politisch Verantwortlichen, also jene, die die Macht hätten, etwas zu verändern, und die Reichen, die Milliarden horten oder für Weltraumflüge ausgeben, wirklich glauben, dass sie nicht irgendwann davon betroffen sein werden – vor Überflutungen, vor brennendem Land, vor Trinkwassermangel etc. etc., und vor der Flut von Menschen – vor Völkerwanderungen – Menschen, die sich auf den Weg machen müssen, weil sie sonst gefoltert, ermordet werden, oder ihnen ein lebenswertes Leben genommen wird?

Glauben sie wirklich, dass Macht und Geld davor schützt?

Am Ende des Tages werden wir alle gleich sein – sind wir das doch sowieso – nur sie wissen es nicht …

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Bild: Caspar David Friedrich