Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen …

“All you have to do is write one true sentence.

Write the truest sentence that you know.”

(Ernest Hemingway)

„Alles was Sie tun müssen, ist einen wahren Satz zu schreiben.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen.“

I Wortlos im Schweigen

Seit einiger Zeit schon versinke ich im Schweigen auf der Suche nach meiner Sprache. Leise schält sich durch verschiedene Schichten des Seins ein ursprüngliches Sein heraus, das eine andere Sprache spricht.

Wie eine Fremdsprache muss ich es neu lernen.

Auf der Suche nach Worten spaziere ich über die Felder / umkreise die Seen / sitze beim Schreibtisch und schaue in den Garten …

Ich stehe in der Stille des Sees.

Nein, nicht der See ist still.

Die wahren Worte sind – „der See und ich sind eins“.

Nur wenn es ganz still wird in mir, sind wir eins.

Ich bin die Stille.

Aus den langen, dunkelgrünen, spitz zulaufenden Blättern der Iris ragt der schlanke Blütenstamm der gelben Schwertlilie.

Über mir am Baum krächzt ein Rabe.

Das Schauen lenkt mich ab vom Sein.

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück zum Atem und atme – ein und aus …

Eines meiner Mantren – „So Ham – Ich bin (das)“ …

Mit dem Einatmen – So – mit dem Ausatmen – Ham – „Ich bin, die ich bin“ …

Ich bin der See / die Schwertlilie / der Rabe …

Ich bin das …

Ich sitze beim Schreibtisch und suche nach Worten.

Und all die Worte geben meine Erfahrung – das SoSein – nicht wieder.

Gibt es den wahren Satz / die wahren Worte – um das SoSein beschreiben zu können? Ist das SoSein nicht jenseits der Worte?

„(…) In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann. (…)“

schreibt Bruno Mesa in seinem Gedicht „Schweigend“. 1)

„Eine Wahrheit, die man nur schweigend lernen kann …“

Die Wahrheit jenseits der Worte?

„Ich habe den Mund meiner Seele geöffnet und deinen göttlichen Atem eingesogen.“ (Anonyme Quelle)

Nochmals Bruno Mesa:

„ (…) In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst. (…)“

Nach all diesen Worten zum SoSein eine Erzählung über mein kleines Mädchen, das einstmals, als die Welt noch ganz anders war als heute, all diese Fragen nicht gestellt hat. Jenseits aller Worte war sie einfach da – „So Ham“.

Sie war ein Gartenkind und lebte in ihrem Kindheitsgarten. Alles, was sie sah, entzückte sie – „in ihrem Sein war ein Rausch“. Sie war das Gänseblümchen, dem sie täglich beim Wachsen zusah, – ohne den Wunsch, es pflücken zu wollen. Sie saß stundenlang in der Astgabel am Apfelbaum und beobachtete die Ameisen, die die Ameisenstraße entlang liefen. Hinauf und wieder hinunter. Es gab nichts Spannenderes als diese Ameisen. Und – ich möchte heute sagen – mit Ehrfurcht sah sie zu.

So Ham – ich bin (das) – sie war das Gänseblümchen, die Ameisen, der Schmetterling; und sie war die Ribisel – die sie liebevoll und achtsam von der Staude pflückte und sie mit geschlossenen Augen verspeiste, – welch ein Genuss.

Wann war sie nicht mehr So Ham?

Als sie die Worte kennen lernte und sich ihr Märchenbuch mitnahm in die Astgabel? Noch immer Acht gebend auf die Ameisenstraße, aber versunken in den Worten der Geschichten …?

War es als sie in Schule kam und schreiben und rechnen lernte …?

War es als sie die schmerzliche Erfahrung machte, dass ihr „Ich bin, die ich bin“ nicht erwünscht war / nicht in Ordnung war …?

In den letzten Jahren habe ich mich von vielen Bildern, die ich über die Welt und mich hatte, verabschiedet. Ich habe vieles herausgeschrieben aus mir und mich verabschiedet – vor allem in den Erzählungen –  „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“ / „Medea geht in Pension“ / „Vom Vergeben und Verzeihen“ …

II Wortlos in der Ekstase

Die andere Seite der Medaille – Schweigen und Stille -, ist die Ekstase. Das Leben beruht auf Gegensätzen – Tag und Nacht / Sommer und Winter / Leben und Tod …

Die andere Seite des Schweigens ist Musik und Tanz.

Sich ganz in der Musik verlieren – eins werden mit den Tönen – sich selbst / das Ich – vergessen und sich mitnehmen lassen in einen anderen Raum.

Wenn ich meinen Körper / jede Zelle meines Körpers / mit den Tönen der Musik mitschwingen lasse, kann ich zu jeder Musik tanzen. Und es wird immer anders sein. Ganz gleich ob das Musik von Bach / Mozart / oder Pink Floyd ist. Ganz gleich ob Gregorianische Gesänge oder Oshos Tanzmeditationen sind.

Osho schreibt:

„Musik ist Meditation – kristallisiert in einer bestimmten Dimension. Meditation ist Musik – ins Dimensionslose aufgelöst. Sie sind nicht zwei. (…) Du gehst in ihr auf, du wirst betrunken in ihr. Etwas aus dem Unbekannten senkt sich über dich … (…) Du bist auf einmal in einem tiefen Orgasmus mit dem Ganzen; mit dem All. (…) 1)

So Ham …

„(…) Du atmest ein und du atmest aus, und darin ist Rhythmus und Harmonie. Das Einatmen ist weder gegen das Ausatmen noch ist das Ausatmen gegen das Einatmen. Beides gehört ein und demselben Vorgang an. (…)“ (2)

Die vergessene Sprache der Ekstase.

Auch hiefür gilt es Worte zu finden.

In meiner Erzählung „Das Geheimnis des Berges“ habe ich über eine Wanderung auf einen Berg im Anagagagebirge auf Teneriffa erzählt. Der Berg hat mich gerufen, und als ich ihn verließ, schrieb ich: „(…)Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war. (…)“

So Ham …

Ohne Abschied nichts Neues.

Ohne Loslassen nichts Neues.

Ich schreibe weniger.

Ich schreibe anders.

Ich habe die wahren Worte noch nicht gefunden – vielleicht in Ansätzen erahne ich sie …

~~~~~~~~~~~~~

Hier das Gedicht von Bruno Mesa, aus dem ich zitiert habe:

Schweigend

In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann.

Doch auch in den Steinen,

der Parkbank

und dem quietschenden, verlassenen Stuhl:

eine Bitte und eine Wahrheit.

In diesen Dingen erlöse ich mich täglich,

gehe ungewollt auf sie zu.

Sie bejahen in ihrer Sprache,

was ich in meiner nicht sehen kann.

In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst.

(Bruno Mesa, übersetzt von Magdalena Kotzurek) 1)

Info:

1) Grand Tour. Eine Reise durch die junge Lyrik Europas; Hanser Verlag

2) Das Buch, 1988 gekauft hieß damals: Das Orangene Buch. Die Meditationstechniken von Bhagwan Shree Rajneesh

Heute heißt es: Das Orangene Buch. Die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert; Innenwelt Verlag

3) Osho: Glück, Ekstase und das Lied des Seins. Über die poetischen Verse des Mystikers Kabir; Innenwelt Verlag

Medea geht in Pension

Medea schaut hin.

Medea spricht aus.

Medea ruft und mahnt.

Covid-19 bringt zum Vorschein, was schon lange nicht mehr passt.

Wenn man denn hinschauen möchte.

Und Medea macht dies. Medea ärgert sich. Schon lange. Und wenn Medea sich ärgert kann ihr Zorn sehr groß werden. Dazu kommt Enttäuschung, ja eine Ernüchterung, und schlussendlich Resignation.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verliert Medea ihren Optimismus.

Ihr Optimismus, dass, wenn sie nochmals und nochmals darauf hinweist, wenn sie noch ein Projekt startet, Menschen nicht nur in Erkenntnisresonanz mitschwingen, sondern dass ihre Worte auch endlich Handlungsresonanz erzeugen.

Medea akzeptiert, dass es nicht so ist.

Medea akzeptiert, dass es so ist wie es ist.

Medea ist zornig. Hätte sie Blitze wie Zeus zur Verfügung, sie würde sie schleudern.

Wenn sie immer wieder zu hören bekommt, dass sie so privilegiert sei, da sie doch eine Pension erhalte. Damit wird begründet, dass sie – im Gegensatz zu der Person selbst oder vielen anderen – Zeit habe, um nachzudenken.

Nein, faucht sie, das ist kein Privileg.

Wenn jemand 40 Jahre lang gearbeitet und Pensionsbeiträge einbezahlt hat, dann ist es kein Privileg die Pension auch zu erhalten, sondern ein gutes Recht. Punkt.

Medea hört und schaut sich keine Nachrichten mehr an. Die Endlosschleifen der Riege von Regierungsmitgliedern und unzähligen Experten, die sich in täglichen Zahlenkolonnen und nichts sagenden Worten wiederholen. Obwohl sie es im Großen und Ganzen gut hingekriegt haben. Das muss sogar Medea ihnen lassen.

Wo sind die Frauen? – fragt sie. Der Virus macht sichtbar wer die Macht hat. Hört sie nicht immer wieder, dass in Krisen nach dem Vater gefragt werde? Sie sieht Hera vor sich, wie sie wütend aufstampft und Zeus zur Rede stellt: „Spielst du dich jetzt wieder als großen Retter auf, nachdem du alles verbockt hast, du alter Ziegenbock!“ Fast muss sie lächeln. Aber nur fast.

Ja, sie sorgen sich, die männlichen Mächtigen. Sie sorgen sich um das Volk, die einsam und ängstlich seien, – sagen sie. Man müsse sie doch beschäftigen, bevor sie auf dumme Gedanken kommen, – denken sie.

„Gebt dem Volk Brot und Spiele“ – sie erinnert sich an Julius Cäsar, der sich damit nicht nur die Stimmen bei den Wahlen sicherte, sondern das Volk auch ablenkte, damit sie keine Aufstände starteten.

Wie sich doch alles wiederholt, denkt sie, und schon lange weiß sie, dass die Unterhaltungs-Industrie nicht nur aus ökonomischem, sondern auch aus taktischem Kalkül gefördert wird. Ablenkung von den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen, nach wie vor.

Nur 100 Jahre haben Menschen gebraucht, die Natur, und damit auch in absehbarer Zeit sich selbst, zu zerstören. Die Industrialisierung und die „Spiele“ der letzten 50 Jahre, bedeuten Raubbau der Ressourcen und Umweltzerstörung in einem Ausmaß, dass die Klimakatastrophe unausweichlich ist. Wissen sie es? Ja. Tun sie etwas? Nein.

Wenn Medea nicht wüsste, dass Zeus, das Schlitzohr, sofort etwas dafür verlangen würde, würde sie ihn um einen seiner Blitze bitten, um sie auf die jetzt ruhenden Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zu werfen. Sollen sie doch mit dem Steuergeld der Menschen gerettet werden, damit diese dann in der Umweltkatastrophe untergehen, – das ist mehr als ein Shakespearsches Drama – die Lemminge stehen vor der Klippe …

Ja, es gibt sie, diejenigen, um die man sich sorgen muss. Diejenigen, die mit ihren Ängsten und Sorgen um ihre Existenz nicht zurechtkommen, weil sie übersehen werden, von der Politik missachtet werden.

Ja, es gibt sie, diejenigen, die ihre Existenz verlieren. Sie darf gar nicht daran denken, welch Hohn es bedeutet, dass die Menschen, die in den so genannten „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, jetzt mit einer geringen Bonuszahlung abgespeist werden sollen, anstatt ihre Gehälter auf Dauer zu erhöhen.

Ja, die gibt es alle – und Medea weint, es zerreißt ihr das Herz, wenn sie sieht wie wenig für diese Menschen wirklich und anhaltend gesorgt wird.

Jedoch es gibt auch die, die sich keine Sorgen machen müssen, und die nun endlich Zeit haben – die sich erholende Natur zu genießen, die Ruhe und Stille – endlich ist dieser Geschwindigkeitsrausch / die Geschwindigkeitssucht / die immer Mehr-, Weiter-, Höher-Sucht zu Ende – zu Ende? Ist sie das? Oder ruht sie nur. Und dann geht es so weiter wie gehabt?

Zurück zur „Normalität“?

Niemand, auch nicht die Medien, machen darauf aufmerksam, dass jetzt viel Zeit vorhanden wäre, um umzudenken und Veränderung anzudenken, damit nicht die Normalität – nach der sich offensichtlich so viele sehnen – weitergeht. Wobei gar nicht so viel nachgedacht werden müsste, denn es gibt bereits einige probate Lösungsvorschläge. Nur sehen wollen muss man.

Daran zu denken, dass uns diese Normalität genau dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind – wie oft schon hat sie darauf aufmerksam gemacht. Sie ist es endgültig leid.  

Und trotzdem sieht sie auch, dass so manche „frisch Gekündigte und Unternehmen während der Schließung“ nachdenken – ein Automechaniker, der seine Werkstatt verkleinert, weil er merkt, dass er keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein Unternehmer, der vorhat, jetzt endlich seinen Betrieb auf Gemeinwohl-Ökonomie umzustellen.

Sie haben nachgedacht. Doch es sind zu wenige. Viel zu wenige.

Wenn Politiker*innen Menschen nicht zutrauen, dass sie denken können – vielleicht genau so gut oder schlecht wie sie selbst – haben sie Angst, dass sich etwas verändern könnte. Dass sie ihre, doch nur so kurz andauernde Macht, verlieren könnten.

Ja, so ist es. Medea, denkt an die Geschichte der Menschheit und nickt.

Erlebt sie doch täglich, wenn sie versucht, mit Menschen über mögliche Veränderungen zu sprechen, dass sofort und auf der Stelle Widerspruch kommt. Aber das geht doch nicht / das wollen „die“ sicher nicht / das wird nicht funktionieren/ etc. etc. – hört sie. Kein Nachfragen, wie soll das gehen / wie meinst du das – nein, sofort – das geht nicht.

Resignation breitet sich immer mehr aus in ihr. Dann bleibt in eurem Leben und lamentiert und schimpft weiter dahin – denkt sie.

Und – nein, so will ich nicht leben.

40 Jahre lang hat sie sich in der Frauenbewegung engagiert.

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männderbündelei und Weiblichkeitswahn.“

hörte sie von „der Dohnal“. Von 1990 – 1995 war Dohnal die 1. Frauenministerin Österreichs. Und sie schöpfte Hoffnung. Wie hoffnungsfroh waren sie damals in der Frauenbewegung – in einer ungestümen Aufbruchsstimmung! Alles vorbei.

Seit einigen Jahren wird die Rückwärtsbewegung immer sichtbarer und jetzt gibt es eine Frauenministerin, die immer wieder vehement betont, dass sie keine Feministin sei. Irgendetwas hat sie da nicht verstanden.

Vor 13 Jahren war Medea Gründungsmitglied der „Initiative Zivilgesellschaft“. Sie hat sich verabschiedet. Es wurden und werden keine  gesellschaftspolisch relevanten Veränderungen durch diese Bewegung, die Medea nicht mehr als bewegt empfindet, gestartet.

Vor ca. 15 Jahren hatte sie gemeinsam mit einem Freund zu einem Vortrag über das Bedingungslose Grundeinkommen geladen. Nach dem Vortrag saßen sie mit einigen Interessierten an einem der Runden Tische beim Chinesen. Dort gründete sich dann der „Runde Tisch Grundeinkommen“.

Die Idee des Grundeinkommens in den verschiedensten Ausformungen und Namen gibt es schon sehr lange. Nächstes Jahr soll noch einmal ein Volksbegehren gestartet werden.

„Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

Medea hat sich von allen Initiativen und Bewegungen verabschiedet.

Wer wird sie sein, die 70-jährige Frau, die Medea in Pension schickt?

Zwei wichtige Rollen ihres Lebens – die Psychotherapeutin und Medea – ausgespielt / zu Ende gespielt.

Wer wird sie dann sein?

Bereits im Jänner dieses Jahres schrieb sie in ihrem Blog:

„ … Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

…“

Der Pfad begann sich damals bereits abzuzeichnen, und manchmal braucht es seine Zeit, bis es einem bewusst wird, dass es noch weiter und weiter geht. Bis man eines Tages merkt – ja, jetzt ist man angekommen, im neuen Leben.

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem – wieder einmal – alles neu beginnt.

JETZT

Foto: Monika Krampl, Baden, Juni 2016

Politik / Philosophie / Spiritualität

2019 geschrieben, ist es heute aktueller denn je.

Je mehr ich mich in den letzten Jahrzehnten zivilgesellschaftspolitisch (mit einem kurzem Ausreißer von 1 ½ Jahren Parteipolitik) engagiert und beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass Politik allein – ohne Philosophie und Spiritualität – seelenlos wird. Sie wird mechanistisch, und in manchen Fällen unmenschlich.

Ich werde immer wieder gefragt, wie das gehe, dass ich spirituell-philosophische Texte und Gedichte schreibe, und mich gleichzeitig auch politisch engagiere.  

Die Antwort ist sehr einfach: Weil sich das nicht ausschließt.

Gar nicht ausschließen kann, wenn ich das, was in der Politik passiert, von der spirituellen Ebene aus betrachte. Denn ich stehe nicht außerhalb.

Auch wenn viele der Meinung sind, das habe alles nichts mit ihnen zu tun.

„Das geht mich nichts an“ – höre ich.

Nein, so ist das nicht.

Alles hat mit uns zu tun. Weil wir ein Teil dieser Welt – der Erde / der Menschen / Tiere / Pflanzen / allem Guten und auch allem Bösen / allem was es gibt – sind.

Niemand kann sich ausschließen.

Und alle tragen wir Verantwortung.

Jede*r Einzelne von uns. Und so auch ich.

Gerade die Innenschau / das Innehalten / bringt mir die nötige Klarheit im Außen. Ein „Erwachen“ – die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Konstantin Wecker, der Sänger, Poet und Rebell, sagt, dass, wer sich politisch engagiere, bereit sein muss, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, um in sich selbst und seine psychischen Verstrickungen hineinzublicken –  seine wahre Identität zu entdecken.

„Gleich wie das Weltmeer von einem einzigen Geschmack durchdrungen ist, dem Geschmack des Salzes, ebenso auch ist diese Lehre von einem einzigen Geschmack durchdrungen, dem Geschmack der Befreiung.“

(AN Nikaya VIII-19)

Gemeint ist die Lehre des Buddha, in der kein göttliches Wesen im Mittelpunkt steht, dass uns sagt was wir zu tun haben – das belohnt und bestraft. Es geht um unsere eigenen Einsichten und Erkenntnisse.

Die Lehre des Buddha schult unseren Geist, um zu tieferer Einsicht über das heilsame oder unheilsame Wirken unseres Handelns zu gelangen. Wenn ich mir klar mache, dass alles abhängig ist von Ursachen und Bedingungen, dann kann ich auch die Abhängigkeit und den Zusammenhang von Allem sehen.

Diese Sichtweise ermöglicht mir Handlungen der Gewaltfreiheit und Eigenverantwortung.

„Zu wild, zu bang ists ringsum, und es trümmert und wankt ja, wohin ich blicke“ schreibt Friedrich Hölderlin in seinem „Zeitgeist“.

Gleichzeitig findet er jedoch Zuversicht und Geborgenheit in der „All-Einheit“ der Natur.

Und so schreibt er auch die Zeilen, die gerade jetzt so viel zitiert werden:

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Und damit bin ich wieder am Beginn: Alles hat mit uns zu tun.

Dies ist mein Weg.

Es gibt viele Wege die zur Erkenntnis / zum Erwachen führen.

Jede*r kann den für sich selbst geeigneten Weg gehen.

Nur – auf den Weg machen sollte man sich schon …

Betrachtungen über das Schreiben und die LeserInnen

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In den letzten Tagen hat jemand auf eines meiner Gedichte mit den Fragen  „was die Leser damit anfangen sollen“ und „was ich mit der Veröffentlichung bezwecke“ reagiert.

Das Gedicht hat offensichtlich nicht gefallen. Das ist so. Manchen gefällt es und manchen nicht.

Da mir auch bereits öfter die Frage gestellt wurde, wie ich so viel „Intimes und Persönliches“ preisgeben könne, habe ich mir Gedanken zu diesem Themenkreis gemacht und meine Betrachtungen niedergeschrieben.

Ich bin sehr froh über Kommentar und Fragen wie diese, weil sie mich zum Nachdenken anregen.

Zum besseren Verständnis meiner nachfolgenden Gedanken, nachstehend das betreffende Gedicht, auf das sich die oben zitierten Fragen beziehen. Es entstand nach dem Lesen von Georg Trakls Gedichten und ich habe es ihm gewidmet. Der erste Absatz bezieht sich auf die angenommene, sexuelle Beziehung von Georg Trakl zu seiner Schwester Grete.

Für Georg Trakl

Blatt für Blatt

Am rotgefleckten Lacken

Zerknüllt zwischen den Beinen

VerboteneLust

Eiserne Fäuste ballen sich

Heißer Schweiß tropft

Auf nackte Brüste

Mea culpa

* * * *

der Staub der Sterne

berührt meine Stirn

kristallene Tränen

zersplittern

klirrend am Boden

der nächtlichen Träume

* * * *

Dunkler Grund der Seele

atmet Schreie in die Nacht

heißer Atem verbrennt Papier

nichts soll geschrieben sein

nichts

abgrundtiefes Nichts

lauert in den Schatten

 

Ich schaue meinen inneren Dämonen

in  die blutrünstigen Augen

ich sehe sie

gewalttätig, lüstern, hungrig,

einer nach dem anderen streckt

seine Klauen aus

wollen meine Seele

in Stücke reißen

 

Oh, wie gut ich sie verstehe

ich schenke sie ihnen

meine Seele

mit ausgebreiteten Armen

halte ich sie ihnen hin

sehenden Auges

keine Angst mehr vor Dämonen

ich schau sie an

freundlich

willkommen heißend

und

sie weichen zurück

manche zerstieben zu Staub

den der Wind wegbläst

manche nehmen meine Freundschaft an

gemeinsam gehen wir weiter

die Benennung in gut und böse

gibt es

nicht mehr

Wir sind Eins

 

Es ist die Veröffentlichung eines meiner ungereimten Gedichte, und gerade in diesem Gedicht ist gut zu sehen, wie sich Assoziatives, Fiktionales und Persönliches vermischt.

Ich veröffentliche sie, weil ich Schriftstellerin bin. Ich bezwecke nichts damit. Denn jeder Mensch wird seine eigenen Interpretationen dazu haben. Wenn ich einen Text schreibe und in die Öffentlichkeit entlasse, weiß ich nicht, was die Leser damit anfangen. Das ist am Beginn – bei den ersten Veröffentlichungen – immer ein mulmiges Gefühl, weil man weiß, dass jeder das Eigene hineinliest und assoziiert. Mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Ist so. Wenn einem das nicht gefällt, muss man aufhören zu veröffentlichen.

Der Text ist jenseits von moralischer Bewertung oder Beurteilung.

In einem Text darf alles da sein, so wie es ist. Die Beurteilung und Bewertung findet in den Köpfen der Lesenden statt –  oder auch nicht.

Kunst ist auch verwegen.

Kunst darf vieles zeigen und schreiben, was vielleicht auch gar nicht gelebt wird – was eine „Als-ob-Realität“ erschafft, die nicht wahr sein muss, aber wahr zu sein scheint, was buchstäblich wahr-scheinlich ist“. 1)

Was vielleicht für manche Menschen eine persönliche und intime Angelegenheit ist, ist es für mich nicht.

Ich bin ein öffentlicher Mensch.

Ich schreibe nicht nur gefällige Texte.

Ich schreibe auch über meine Schatten und Dämonen, so wie andere SchriftstellerInnen auch.

Es gibt keine Trennung zwischen mir als Mensch und Frau, der Psychotherapeutin und der Schriftstellerin. Gäbe es diese Trennung – wäre es nur reine Rolle und es gäbe eine Spaltung in mir.

Es ist keine Rolle – es sind Teile von mir, die gelebt werden wollen.

Mein Wissen als Psychotherapeutin ist nicht nur ein erworbenes Wissen, es ist auch und vor allem ein gelebtes Wissen. Es ist keine Theorie, es ist Praxis – ich lebe es. Mein Schreiben ist nicht nur Fiktionales und Assoziatives, es ist auch Persönliches. Zu meiner Person als Mensch und Frau gehören mein Erlebtes und meine Erfahrungen. Vor allem gehört aber auch das Wissen dazu, dass alle Menschen Liebe / Schmerz / Trauer / Hoffnungslosigkeit / Sexualität / Freude / Gelingen und Scheitern / etc. / erleben. Wie wir damit umgehen ist verschieden, aber auch nicht so unterschiedlich wie viele glauben.  Weshalb sollten wir dann nicht darüber sprechen und schreiben. Was ist dieses „intime“, über das nicht gesprochen werden darf, wenn wir es doch alle erleben und leben? Wäre es nicht besser / leichter, wir würden uns darüber austauschen? Vom Hellsten, das in uns ist, bis zum Tiefsten und Dunkelsten. Welch eine Erleichterung wäre das für viele.

Keine Scham mehr über das eigene Sein und Leben, keine Selbstbeschuldigungen, etc. – geht es doch anderen genauso. Ah ja! Welch ein Stein purzelt vom Herzen!

Beschäftigt sich das obige Gedicht, das ungereimte Gedicht, eher mit den dunklen Schatten, nun zum Hellen,  dem Haiku. Das Haiku ist eine Kurzgedichtform mit der Silbenfolge 5-7-5. Meine Haikus bestehen zum Großteil aus Naturbetrachtungen. Die Fiktionalität und das Persönliche werden herausgehalten – deshalb sind es auch „gefälligere“ Gedichte.

Im Morgenlicht schon

Drängt sich der alte Nussbaum

Aus der Dunkelheit

Für mich ist Schreiben in der Regel ein beglückendes Erlebnis. Nicht immer, manchmal quält es auch, das Schreiben, wenn die Formulierungen nicht und nicht gelingen wollen.

Ist der Text da, ist es pures Glück. Und dann gibt es noch die gelungenen Formulierungen oder sogar einzelne Worte, die ein peak experience – ein „Gipfelerlebnis“ sind.

Kunst „kann“ ein Ausdruck der Seele sein. Ich spüre das beim Schreiben – ob ein Text aus meinem Intellekt entsteht oder – wenn er einfach da ist und nur mehr von mir aufgeschrieben werden braucht. Was viel zu selten passiert. Aber da braucht es mehr Rückzug von der lauten Welt und Achtsamkeit, um die Seele sprechen zu lassen.

Was darf Kunst?

Darüber wird immer wieder heiß und kontrovers debattiert.

Darf Kunst provozieren?

Ja, das darf sie. Da gibt es den Unterschied zwischen bewusster und gewollter Provokation, und Texten, die nicht als Provokation gemeint sind, und doch von LeserInnen so empfunden werden.

Darf ich mich als Schriftstellerin bezeichnen?

Ja, das darf ich.Ich habe mich schlau gemacht, was der Unterschied zwischen Autor und Schriftsteller ist und folgende Definition im Internet gefunden:

„Der Autor ist ein Überbegriff. Jeder, der einen Text, egal welcher Art, verfasst, ist damit auch der Autor dieses Textes.

Ein Schriftsteller ist ebenfalls ein Autor, wenngleich nicht jeder Autor auch ein Schriftsteller ist. Der Begriff Schriftsteller wird häufig im Zusammenhang mit fiktionalen, erzählenden und belletristischen Texten und deren Autoren verwendet. Schriftsteller schreiben Romane, Novellen, Kurzgeschichten und Erzählungen jeder Art.“ (2)

Manche sind der Meinung, dass sich Schriftsteller nur nennen darf, wer seine Werke auch veröffentlicht hat. Dann darf ich mich umso mehr Schriftstellerin nennen.

Die Biographie über meine Großmutter wurde in einer Anthologie veröffentlicht; ich habe Texte sowohl in Fachzeitschriften, als auch in den Tageszeitungen Presse und Standard veröffentlicht; und ich schreibe in meinem Blog.

Ich bin jedoch der Meinung, dass sich Menschen auch SchriftstellerInnen nennen dürfen / können / mögen, die großartige Texte schreiben und sie in der Schublade verwahren.

Also – schreibt und veröffentlicht. Macht es einfach.

Und – keine Angst vor Kommentaren.

 

1) https://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/01-literatur-fakten-100.html

2) http://www.blog.stefanpeter.at/2015/05/autoren-und-schriftsteller-der-unterschied/

 

Ich ersticke an all dem Gelogenen

001

Zu Wort kommt das Kind und die Jugendliche

geschrieben am 3. Mai 2003 *)

 

Immer schon

Erstickte ich

An Eurem Gelogenen

Schon als Kind

Unbegreiflich

Wie ihr so redet und anders handelt

Schon als Kind

Habe ich eure Verlogenheit

Wahrgenommen

Und                              

Wurde mundtot gemacht

Ihr habt mich angeschrieen

Dass nicht wahr sei

Was ich

Sehe / denke / fühle

Aber

Es war wahr

Nur

Ihr wart nicht echt

 

Verlogen

Sucht ihr euch danach zu richten

Was andere von euch wollen

Verlogen

Sucht ihr zu erfüllen

Was ihr glaubt

Erfüllen zu müssen

Und

Vernichtet alles

Was anders ist

Und

Wenn es eure Kinder sind

Besonders

Wenn es eure Kinder sind

Denn

Die sollen ja genau so verlogen sein

Wie ihr

Und

Leiden

Denn die Erde ist ein Jammertal

Sagt ihr

Aber ihr

Ihr

Macht ein Jammertal daraus

 

Das Extreme

Das Extreme wollt ihr nicht

Das Extreme ist Lebendigkeit

Überschäumende Fröhlichkeit

Ein Wutausbruch

Eine durchtanzte Nacht

Sexuelle Ekstase

Nein

Ihr wollt ein Mittelmaß

Ein kontrollierbares

Und überschaubares

Mittelmaß

So wie ihr Euch selbst

Kontrolliert

Wollt ihr auch

Alles andere

Kontrollieren

Besonders

Eure Kinder

Eure Männer

Eure Frauen

 

Alles Lebendige

Im Keim ersticken

 

Die Fröhlichkeit

Aus euren Wohnungen und Häusern

Rauskehren

Die Herzlichkeit

Hinter einem Stacheldrahtzaun

Einkerkern

Die Sinnlichkeit / Erotik / Sexualität

Verteufeln

 

Alles Wahre / Echte / Lebendige

Vernichtet ihr

Erstickt ihr

Unter euren Decken der Lüge /

Verleugnung / eurem Hass /

Eurer Angst und Wut /

Eurer Scheinheiligkeit

 

Scheinmoral

Das ist euer Gebot

Da kennt ihr euch aus

Da seid ihr zu Hause

Arme Kinder

Die Euch Kleingeistern

Und Spießbürgern

Ausgeliefert sind

Arme Völker

Die ihr damit

Bekämpft und ausrottet

Arme Welt

Die ihr damit

Vernichtet

*) Aus meinem Textfundus, den ich für meine Biographiearbeit durchsehe:

In diesem Text kommt das Kind und die Jugendliche noch einmal zu Wort, um den Schmerz, die Verzweiflung und den Zorn auszudrücken, dem sie durch Ungerechtigkeit, Begrenzungen, Abwertungen, Scheinmoral und dem Verlangen nach unbedingten Gehorsam ausgesetzt war.

Ich wurde 1950 geboren. Bereits ein Kinobesuch in der Nachmittagsvorstellung mit 15 Jahren, oder der Besuch einer Tanzveranstaltung, des 5-Uhr-Tees, mit 17 Jahren, verstieß gegen die bürgerlichen Wertvorstellungen der Erwachsenen. So auch meiner Eltern.

Die Generation der Nachkriegsgesellschaft war geprägt von der Erwartung von Gehorsam und der Unterordnung gegenüber Autoritäten. Individuelle Freiheit, Spaß und das Ausleben von Sexualität wurden als Aufbegehren gegen die festgelegten Ordnungskriterien gewertet, die um Begriffe wie Anstand, Leistung und Disziplin kreisten. Die strenge Sexualmoral sah vor, dass Sexualität — vor allem für Mädchen —außerhalb der Ehe keinen Platz haben sollte. Jegliches Abweichen von der konventionellen Lebensform wurde von Autoritätspersonen wie Eltern oder LehrerInnen oft als Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung betrachtet.

Meine Revolution und mein Ausbruch aus den einengenden Lebensformen begann erst 1973. Nach Beendigung meiner ersten Ehe. Aber dann ging’s los …