herbstgedanken

und noch immer duften die rosen des

sommers und du gehst und ich bleibe

und du wirst diesen blick in den garten

nicht kennen nicht so wie ich ihn kenne

die gräser am rand des weges winken

mir zu und neigen sich im wind der

alles fortbläst was von dir geblieben ist

deinen duft und jedes wort auch

alles verblasst die farben deiner worte /

deine sinnlichkeit / deine berührungen /

die süße deiner lippen

~~~

die sonne hat ihre kraft verloren die

schatten werden länger hüllen ein

ich werde die warmen decken bereit legen

für die kalten nächte nachts wenn ich die

kerzen anzünde suche ich deinen schatten

an der wand und ich werde mich erinnern

~~~

ich schaue in die baumkronen die es nicht

mehr gibt bäume die der sturm umgerissen

hat und der nussbaum verliert bereits seine

braunen blätter zeit um nüsse zu sammeln

~~~

wirst du meinen schatten an der wand suchen

in den kalten nächten die kommen werden in

den räumen die ich nicht kenne

wirst du meine hände spüren die deine suchen

und finger um finger sich miteinander

verschlingen die blaue blume der clematis

deren ranken sich um den baum schlingen

und ihn mit ihren blüten einhüllen

die kleinen roten winteräpfel liegen im gras

ein fest für die vögel und würmer und schnecken

lass sie liegen – sagtest du immer und wir tanzten

mit den mücken in den letzten sonnenstrahlen

über die wiese zum haus

~~~

und immer wieder wenn ich an dich denke

und mein herz dich findet wirst du so aussehen

wie damals als wir uns kennen lernten nur

meine faltige hand die den stift hält irritiert

(M.K. 18 09 2021)

herbstlieder

die lieder der liebe

die ich einstmals sang

sind in meinem herzen

der kleine schlüssel

der dein herz öffnete damals

sorgsam aufbewahrt

***

die sonnenbeschienene fläche

in meinem zimmer

zieht sich zurück

die herbstsonne

erreicht sie nicht mehr

ich träume von

den sonnentagen

die küsse mit dir

sommerküsse

***

im vergangenen tageslicht

stehen die gartenmöbel

braune nussbaumblätter

lassen sich darauf nieder

(M.K., 14 09 2021)

netzgespinste

spinnen segeln auf seidenflößen

zartes seidengespinst für einen

augenblick diamantfunkelnd

schwebend im sonnenlicht

im noch grünen busch da

zittert ein radnetz gewebt

eine kreuzspinne

araneus

die eine flocht den faden

die zweite maß ihn

die dritte schnitt ihn ab

mächtiger als die götter spinnen

die schicksalsgöttinnen den

lebensfaden

(M.K., 12 09 2021)

***

Bild: Peter Krawagna, österr. bildender Künstler

Zitat: „Die eine flocht den Faden, die zweite maß ihn, die dritte schnitt ihn ab …“. Spinnen symbolisieren die Moiren, die griechischen Schicksalsgöttinnen. Sie spinnen in der Mythologie nicht nur den Lebensfaden des einzelnen Menschen, sondern den allen Lebens.

ich trage mein schneckenhaus

meinen eltern zu eigen / für die gewesenen

ich trage mein schneckenhaus

mit mir

als einsame

geboren

~

in fremden landen

liegst du

in fremder erde

du einsamer

der erdhöhle

in die dich der krieg

gezwungen hat

nie entstiegen

~

in heimatlichen landen

liegst du

in heimaterde

du einsame

dem entsetzen des krieges

nie entkommen

~

zeugtet ihr

ein kind

die einsamkeit

im neugeborenen leib

trägt sie euch

~

entkommen

der einsamkeit

geht sie ihren weg

die alleinige

für euch

~

perlmuttschillerndes

schneckenhaus

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die nächte sind dünn

wie greisinnenhaut

~

die gewesenen sind

die seienden werden

~

dann

wenn die nächte

dichter werden

vergessen sie

~

das leben ist nur weg

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„Das Leben ist nur auf dem Wege, das Leben ist nur Weg, hat keine Ankunft, denn es kommt nirgendwo her.“

(Else Lasker-Schüler)

Die Stille, der Rückzug – Lockdown und Corona

Der Winter naht – für den Nussbaum und für mich. Die Natur zieht sich in den Bauch der Erde zurück und ich mit ihr.

Ich erinnere mich an die Zeit in meiner Kindheit mit meiner Großmutter. Um diese Zeit im November saßen wir abends beim bullernden Sägespäneofen. Kerzen wurden angezündet, Großmutter erzählte alte Geschichten und ich sang mit ihr ihre alten Lieder. Großmutter legte die Hände in den Schoß. Ihre Hände, die das ganze Jahr über so rege waren und gearbeitet haben. Stille, Rückzug, Nichtstun, rasten. Ruhe kehrte ein. Wir warteten auf die ersten Schneeflocken …

Meine Hündin schnarcht an meiner Seite. Die Katze liegt am Heizkörper. Der Nussbaum ist entblättert. So fühle ich mich auch – entblättert.

Entblättert auch – weil ich sehe, dass ich im letzten halben Jahr wieder einen großen Altersschub hatte. Das Altern geht nicht gleichmäßig peu à peu vor sich – sondern in Schüben – zumindest bei mir ist es so.

In dem Buch „Ethik der Wertschätzung“ schreibt die Autorin „Tugendethik gründet sich auf dem Gefühl der Demut und Erfahrung der Verletzlichkeit.“

Sehr lange in meinem Leben fühlte ich mich unverletzlich. Bis das Alter kam und mein Körper mir meine Verletzlichkeit zeigte – und damit kam auch die Demut in mein Leben.

So wie uns jetzt Corona unsere Verletzlichkeit sehr massiv aufzeigt.

Werden wir demütig?

Kommen wir zur Ruhe?

Wäre es jetzt nicht an der Zeit, sich der Demut gegenüber der Welt / der Natur / den Tieren zu besinnen?

Der Lockdown / die Rückzugszeit ist eine Möglichkeit für Besinnung.

Besinnlichkeit – ein altes Wort, das kaum noch gebraucht wird.

Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen um glücklich und zufrieden zu sein.

Wärme / gutes Essen / liebende und geliebte Menschen / Lieder / Geschichten …

Man möge mich jetzt altmodisch nennen. Ja, dann bin ich es. Bin ich es gerne. War ich doch schon so, bevor ich alt wurde …

Wenn wir die groß geschriebenen und weltweit sichtbaren Zeichen an der Wand  – Corona – ignorieren und meinen wir könnten zurückkehren zur sogenannten „Normalität“, dann ist das ein großer Irrtum.

Diese sogenannte „Normalität“ hat uns genau dahin gebracht wo wir jetzt sind. Diese sogenannte „Normalität“ würde bedeuten weiterhin Ausbeutung und Missachtung von Natur / Tier und auch Mensch. Und wenn das wider besseres Wissen und Gewissen geschieht, dann wird bald etwas Ähnliches wie Corona vor der Tür stehen.

Mögen wir uns besinnen  …

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Heute Morgen bei meinem Besuch beim Herrn des Sees konnte ich sein Haupt aus dem Augenwinkel sehen. Er machte mit einem lauten Rauschen der Wellen, die einen großen weiten Kreis zogen auf sich aufmerksam. Welche Freude …

Wer nicht weiß, wer der Herr des Sees ist:

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/11/09/und-sie-konnen-zusammen-nicht-kommen/

Das oben genannte Buch von Corine Pelluchon habe ich noch nicht gelesen, aber ich meine es wäre lesenswert. Aus dem Klappentext:

„Corine Pelluchon entwickelt eine Tugendethik, die uns hilft, mit den Herausforderungen unserer modernen Gesellschaften umzugehen. Dabei legt sie den Schwerpunkt nicht in erster Linie auf die Prinzipien unserer Handlungen. Vielmehr geht es ihr um unsere konkrete Motivation, um die Vorstellungen und Affekte, die uns dazu bringen, aktiv zu werden.“