Als mir das Schauen verboten wurde

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Im Erdgeschoss der Hauptschule befand sich die Kochschule. Die großen Fenster gingen in den Garten, in dem sich niemand aufhalten durfte. Und schon gar nicht Buben, die im Nebengebäude untergebracht waren. Doch manchmal standen welche vor dem Fenster und machten Faxen.

Wenn sie zum Fenster hinaussah in den Garten, brüllte die Kochlehrerin – schaust du schon wieder nach den Buben?

In ihrem Elternhaus gab es den sicheren Bereich des Gartens hinter dem Haus, und den unsicheren Bereich vor dem Haus.

Wenn sie sich vor dem Haus aufhielt und zur Straße hinaussah, zischte ihre Mutter – schaust du schon wieder nach den Buben?

Sie hätte sich das nie getraut. Nach den Buben schauen. Dort nicht und da nicht. Kam sie sich doch viel zu dick vor. Sie kam sich immer zu dick und hässlich vor. Die ganze Hauptschulzeit. Kurze Zeit später, als sie dann wirklich begann sich für Buben zu interessieren – nein, auch nicht für die Buben, nur für einen – begann sie abzunehmen. Die erste Hungerzeit in ihrem Leben, der noch viele folgen sollten. Ihr ganzes Leben lang. 20 kg mehr – 20 kg weniger. Eine Pendelbewegung.

Sie traute sich auch nicht aufzuschauen. Angst. Nur nicht auffallen. Wenn sie doch einmal den Blick hob, begegnete sie den wachsamen Augen der Kochlehrerin. Und wenn diese rote Flecken am Hals hatte, begann die Brüllerei von neuem .Sie konnte nichts richtig machen. Und weil sie Angst hatte, machte sie auch nichts richtig. Sie musste die brennheißen Erdäpfel in die ganze Hand nehmen – nein, nicht mit den Fingerspitzen halten und auch nicht auf eine Gabel – in die Handfläche. Und nicht fallen lassen. Wenn jemand flüsterte, wenn jemand etwas falsch machte, blies die Kochlehrerin in ihre schwarze Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und alle standen stramm. Besonders sie. Sie war froh und erleichtert, dass ihr alles schmeckte. Wenigstens das. Andere Mädchen haben sich erbrochen, mussten ihr Erbrochenes wegwischen, sich hinsetzen und weiter essen. Am Ende der Stunde, war sie es, die noch mit einem Eimer und dem Ausreibfetzen am Boden kniete und den Boden aufwischte. Alle anderen standen bereits, ihrer Kochschürzen entledigt, bei der Tür und warteten auf sie. Ungeduldig. Welche Scham.

Beim Umkleiden im Keller vor dem Schwimmbeckenbereich traute sie sich nicht ihre Mitschülerinnen anzuschauen. Sie tat es doch. Heimlich. Hinter dem Vorhang ihrer Haare heraus. Sie kannte keine nackten Körper. Sie sah, welch schöne Unterwäsche manche anhatten. Ihre BH’s nähte die Großmutter selbst. Und ihre Unterhosen waren Pumphosen. Das waren weite Hosen aus weißer oder rosa Baumwolle, die fast bis zum Knie reichten. Auch von ihrer Großmutter genäht. Und im Winter waren sie aus dicker, fester Baumwolle, die sie noch unförmiger erscheinen ließen. Sie schämte sich in Grund und Boden.

Als sie sich mit 14 in ihren zukünftigen ersten Mann verliebte, ging ihr Blick eindeutig über die ihr gesetzten Grenzen hinaus. Heute würde sie sagen – sie sah ihn und wollte ihn. Damals – ja damals, war das nicht so eindeutig. Das Wollen – das Träumen – hatten sie ihr ausgetrieben. Träumen tat sie nur mehr in ihren Büchern, die sie las. Und mit 14 hatte sie alle Karl May-Bände die es in der kleinen Bibliothek gab, ausgelesen. 60 waren es. Und sie bewunderte Old Shatterhand. Nein, nicht Winnetou, wie alle anderen Mädchen – Old Shatterhand. Und dann – dann traf sie ihn. Sie stand mit ihrer Freundin vor dem Kino und wartete auf den Beginn des Films „Winnetou I“. Sie gingen in die Nachmittagsvorstellung. Und sie wusste, hie und da kamen ihre Eltern vorbei, nachzuschauen, ob sie sich auch wirklich nur mit ihrer Freundin traf und sich auch nicht „aufführte“. Wie hätte sie sich das getraut. Unsicherheit und Angst.

Und dann sah sie ihn – Old Shatterhand. Franz hieß er, und er stand inmitten seiner Bubenclique – der Anführer. Er war 1,91 groß, blond, markantes Kinn, und von Kopf bis Fuß schwarz angezogen. In ihr war ein Sturm von Gefühlen. Bewunderung, Liebe, Lust – von der sie damals nicht wusste, dass dies Lust war, Verlangen, Angst und Scham. Vor allem Scham. Dies war ein Gefühl, das sie noch lange in ihrem Leben begleiten sollte.

Jetzt stand er dort – ihr Held Old Shatterhand. Ihr Held, der sie erlösen sollte. Und wenn sie in der Folge sämtliche Winnetou-Filme zwei- oder dreimal sah, dann nicht nur wegen der Filmfigur, sondern wegen Franz. Und irgendwann, als sie ihre Eltern belog, und nicht mit ihrer Freundin ins Kino ging, sondern alleine, hob sie ihren Blick und schaute ihn an. Sie weiß bis heute nicht, woher sie diesen Mut nahm. Er stand unterhalb der Stufen zum Kinoeingang. Seine Freunde etwas entfernt. Sie stellte sich auf die zweite Stufe, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein, und redete ihn an. Und er schaute sie an. Dies war der Beginn einer bittersüßen Liebesgeschichte.

Doch das ist wieder eine andere Geschichte …

 

 

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Erinnerung an die 60er Jahre

Werbung 60er Jahre

Ruhig die Abende

Ruhig die Tage

Ruhig das Haus

 

Niemals ruhend

Die Arbeit

Gartentage

Hausbautage

 

Sorgen

weggelacht

Unruhe

weggedrängt

 

Verstummen

Nichts

Darf nach

Außen

Nichts von

Außen

Familien

Eingemauert

 

Sicherheit

Eigenheim

 

Lieber der Spatz

In der Hand

Als

Die Taube

Am Dach

 

Keine

Großen

Träume

Sicherheit

Im Kleinen

 

Sicherheit und Ordnung

Sauberkeit und Ordnung

Sonntags in die Kirche

Ordentlich

Grüß Gott sagen die Kinder

Sex unter der Bettdecke

der Erwachsenen

Bettdeckengeheimnis

Schwangerschaftsbauch

Verstecken

Unterwäscheträger

verstecken

 

Sicherheit

Eigenheim

Sauber und ordentlich

Frauen in der Küche

Gestärkte Schürzen

Gestärkte Männer

Ruhige Kinder

 

Mädchen, die pfeifen

Und Hühnern, die krähen

Soll man beizeiten

Die Hälse umdrehen

 

Ruhig die Abende

Ruhig die Tage

Ruhig das Haus

 

 

 

 

 

 

Heimkehr in die Fremde

 

017

 

Nachdenklichkeiten nach einer Heimkehr in die so genannte Heimat.

Nein, ich komme nicht aus dem Ausland zurück. Nur aus Wien. Eine Stadt, die bloß 60 km von St. Pölten entfernt ist.

Heimat ist für mich dort wo mein Zuhause und meine FreundInnen sind.

Und das kann überall auf der Welt sein.

 

Immer wieder der sich selbst, die eigene Meinung bestätigende Satz, den ich zu hören bekomme, dass es doch hier, an dem Ort, den man nie verlassen hat, am Schönsten ist: „Nun bist du doch auch wieder zurückgekommen.“

Nein, Frage ist es keine. Es ist eine Bestätigung des eigenen Denkens.

Immer wieder Abwehr: „Ich könnte nicht in Wien leben.“

Und mit diesem Satz ist jeder meiner Sätze, wie gut es mir in den 30 Jahren leben in Wien gefallen hat, wie gerne ich dort gelebt habe und wie schön es ist in dieser Stadt zu leben, überflüssig. Es wird nicht mehr angenommen. Ich komme nicht mehr an damit.

 

Diese Abwehr ist mir fremd geworden. Und doch kenne ich sie. Von früher.

Bereits als Kind hatte ich sie nicht verstanden, die Abwehr des Fremden. Mich hat sie interessiert, die Fremde. Und auch fasziniert.

Nun erzähle ich erst mal von einem Erlebnis in dieser Woche.

Ich erhalte überraschend eine Einladung von 4 Schulkolleginnen aus der Volksschulzeit zu einem Cafetreffen am Morgen. Ich habe sie gerne  angenommen, da ich durch meinen Wegzug vor über 30 Jahren keine Kontakte zu Menschen aus meiner Kindheit  mehr habe. Und wirklich neugierig war ich, wie es ihnen ergangen ist und wie sie leben.

Ich frage sie, ob sie alle noch in unserem Stadtteil wohnen. Ja, alle wohnen in ihren Elternhäusern und alle sind seit 48 Jahren verheiratet. Ich schaue erstaunt in die Runde. Wirklich alle? Eine der Frauen sagt – du schaust so erstaunt. Fragezeichen am Ende. Ich sage –  ja, ich bin wirklich erstaunt, das kenne ich nicht. Warum – fragt sie. Ich erzähle kurz, dass ich zweimal verheiratet war und einige Beziehungen hatte. Jedoch, wenn es für mich nicht mehr passte, die Beziehungen beendet hätte. Worauf lange Monologe von den vier Frauen folgen, mit denen sie beginnen ihr Beziehungsmodell zu verteidigen und zu rechtfertigen.
Doch – sie erzählen es nicht mir, sondern sich gegenseitig. Die Berichte werden auch gegenseitig jeweils mit Kopfnicken bestätigt. Ich bin von da an außen vor.

Conclusio: Das Anders-Sein / Anders-Leben – sichtbar nur durch einen Satz von mir – ein anderes Lebensmodell, das kurz aufblitzt, ist offensichtlich eine Bedrohung, so dass sie beginnen ihr Leben und ihr Beziehungsmodell über eine halbe Stunde zu verteidigen und zu rechtfertigen.
Es kommt keine Frage an mich – wie und warum / und wie ich lebe …
Es interessiert sie nicht …
Die Abwehr des Anders-Sein / Anders-Leben. Bin ich doch keine Fremde – oder schon?

Reicht es alleine andere Gedanken / andere Meinungen / andere Lebensmodelle zu haben, um zur Fremden zu werden?

Und ich denke an die Flüchtlinge und die Abwehr. Wie müssen sie diese Abwehr empfinden? Nach all dem Leid, das sie erfahren haben, und mit all ihren Ängsten und Unsicherheiten müssen sie dieser Abwehr begegnen. Eine Ahnung davon.

 

Wenn bereits Interesse und noch mehr, das Verlangen das Fremde zu erleben, in die Fremde zu gehen, zur Bedrohung wird.

Bereits als Kind, und noch mehr als Jugendliche stieß ich in meiner Familie mit meinem Interesse für fremde Länder auf Ablehnung. Mit 16 als Au pair nach England? Kommt nicht in Frage.

Sprachen lernen, der Wunsch Archäologin zu werden. Kommt nicht in Frage. Wir sind eine Arbeiterfamilie. Du darfst etwas mehr werden – Büroangestellte. Das reicht.

Wenn ich jetzt die Liste der Ablehnungen fortsetzen würde, wäre sie sehr lange. Ich schreibe an meiner Biografie, dort wird sie zu lesen sein.

Es dauerte seine Zeit, bis ich mich mit Hilfe einer Psychotherapie an mein Selbst erinnerte, an all meine berechtigten Wünsche und Träume. Und noch einmal dauerte es seine Zeit, bis ich so stark war, dazu zu stehen, ganz egal was andere Menschen dazu meinen oder wie sich mich beurteilen oder verurteilen. Auch, wenn sich die Familie – der Hort der Sicherheit? – abwendet. Der Hort der Sicherheit ist mein wertschätzender und liebevoller FreundInnenkreis, für den ich sehr dankbar bin.

Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass die Neugier auf das Fremde nie versiegt ist. Und damit auch die Neugier auf mich selbst. War ich mir doch auf längere Zeit selbst fremd geworden. Der Weg von einer verunsicherten, an sich selbst zweifelnden und ängstlichen jungen Frau zu der Frau, die ich heute bin, war ein langer. Ich bin froh, ihn gegangen zu sein.

So kann ich heute auf die Ablehnung der vier Frauen damit reagieren, dass ich aufstehe und gehe. Ich muss mich dem nicht aussetzen. Mein Interesse an deren Leben war da, ihres nicht. So ist es. Mein Weg geht weiter.

Ausgelöst wurden diese Nachdenklichkeiten durch einen Blog-Artikel meiner lieben Freundin Mirjana Petricevic:

http://mirjana-petricevic.com/de/stoerenfried/

Eine Empfehlung!

… dass ich von Tag zu Tag älter werde …

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Erhalte mich liebenswert

Oh Herz, du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten Anderer ordnen zu wollen. Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht ständig weiterzugeben – aber du verstehst, Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen. Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr. Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Leidensberichte anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte keine Heilige sein – mit ihnen lebt es sich so schwer -, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels. Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, es ihnen auch zu sagen.

Teresa von Ávila, (1515 – 1582) war Begründerin des Karmeliterordends und Mystikerin. Erst im Jahre 1970 wurde sie von der katholischen Kirche als erste Frau als Kirchenlehrerin anerkannt.

 

 

Wie sich mein Leben als 67-jährige gestaltet

Mirjana 4

Veränderungen brauchen Zeit. Große Veränderungen noch mehr.

Eine Fortsetzung des Themas „Wie sich die 50-jährige das Alter vorstellte und die 67-jährige es erlebt“ (https://monikakrampl.wordpress.com/…/…/28/das-alter-und-ich/)

Meine Reduzierung und Verlangsamung geht weiter.

Womit hat es zu tun?

• mit einschneidenden LebensVeränderungen im wahrsten Sinn des Wortes. Es gibt einen Einschnitt / eine Zäsur in mein Leben. Vieles ging zu Ende. Das Neue ist noch nicht da. Noch nicht greifbar. Außer dem Wissen – dass es Zeit braucht.
• die TrauerZeit um meine verstorbene Mutter ist noch nicht zu Ende. Immer wieder Erinnerungen. Immer wieder Trauer, um das was uns nicht möglich war zu leben. Trauer darüber, dass sie es am Ende ihres Lebens erkannt hat, und ihr eine Veränderung nicht mehr möglich war.
• Das Ende meines Berufslebens in meinem geliebten Beruf als Psychotherapeutin; die Schließung meiner Praxis; die Verabschiedung von meinen KlientInnen. 25 Jahre gehen zu Ende.
• Ein Abschied von Wien als meiner Wahlheimat. 30 Jahre Wiener Leben gehen zu Ende. Die Verabschiedung von meiner geliebten Altbauwohnung in Wien; vom 3. Bezirk, in dem ich meine erste und meine letzten Wohnung in Wien hatte; von der Stadt; den Gärten; den Lokalen; den Theatern und Jazzlokalen; vom Gänsehäufl.
• Die Übersiedlung nach St. Pölten, eine Stadt, in die ich nie zurückkommen wollte. Das Eingewöhnen und die Stadt neu entdecken. Die Seenlandschaft in Gehnähe, die mir diese Eingewöhnung sehr erleichtert.
• Die Übersiedlung von meinem Elternhaus in das Haus meines Sohnes.
• Der Verkauf meines Elternhauses, und der Abschied von dem Haus in dem ich geboren wurde.
• Die Entscheidung zum Hausbau. Vom Immer-und-jederzeit-wieder-gehen-können (der Wanderin) zum ungewohnten Einwurzeln in einem eigenen Haus und Garten ( der Seßhaften).
• Die Umstellung eines Lebens in finanziellem Wohlstand, in der ich mir alles leisten konnte, was ich wollte, zu – wenig Geld zur Verfügung zu haben, und mir überlegen müssen, was ich mir leisten kann.
• Das erste Mal in meinem Leben mich um einen Hausarzt kümmern zu müssen, da es einige gesundheitliche Probleme gibt. Mein Körper schränkt mich zum ersten Mal ein.
• Ein Bedürfnis nach Ruhe und Nichts-tun, das in einer täglichen Ambivalenz zum Gefühl des Tun-müssens steht. Dies erfordert Achtsamkeit und innere Erlaubnis – täglich.
• Mein auftauchender Wunsch meinen FreundInnenKreis zu verkleinern. Ich will mich niemanden mehr erklären müssen. FreundInnen, deren Achtsamkeit und Verständnis dem meinen entspricht. FreundInnen, die, wenn ich über etwas klage, einfach da sind und zuhören ohne sofort zu versuchen mich zu trösten oder Lösungsvorschläge zu machen. Einfach sein lassen. FreundInnen, mit denen es möglich ist, lebendig zu sein, Spaß zu haben und des Leben zu genießen.

Was mache ich?

• Nichts – wenn ich achtsam genug bin im Nichts zu bleiben. Wobei das Nichts-Tun im Außen abläuft. Innerlich tut sich sehr viel. Einmal habe ich es bereits gelernt – das Nichts-Tun. Nach meinem Ausstieg aus der ersten Berufslaufbahn habe ich mir zwei Jahre Auszeit genommen. Ich musste es mühsam lernen. Jetzt fällt es leichter. Ich erinnere mich.
• Ich bin noch immer am Einwurzeln. Mein Nussbaum im Garten macht es mir vor – mit seinen mächtigen unterirdischen Wurzeln in der Erde und der weiten Krone, die sich dem Himmel entgegenstreckt. Und – er ist einfach nur da.
• Ich denke nach und bin am Sammeln meiner alten Gedichte und Texte; am Nocheinmal-Eintauchen in Erlebtes für einen geplanten Gedicht-Band gemeinsam mit einer lieben Freundin; und als Autorin an einem geplanten Biographie-Buch über das Leben meiner Schwester und meines Lebens – uns Halbschwestern, die wir uns erst spät kennen lernten und deren Vater für die eine zehn Jahre in ihrem Leben war und für die andere (ich) 14 Tage. Und bei all dem – diesem Konvolut an Worten – in einer Leichtigkeit zu bleiben. Was geht, das geht und was nicht geht, geht nicht …
• Ich meditiere / mache nach langer Zeit wieder Yoga / sitze unter dem Nussbaum / schau den Wolken zu – und versuche im Nichts zu bleiben – täglich … 

Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, bürgerlich: Friedrich Stowasser: „Ich weiß ganz genau, daß meine körperliche Konstitution nicht hervorragend ist … Also ich muß meine Kräfte sehr stark sammeln, um überhaupt zu Tätigkeiten zu gelangen. Ich kann mich nicht ablenken lassen …“

 

Foto: Mirjana Petricevic

Kinder und Beziehungsmenschen sind nicht eine Erweiterung unseres Selbst

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„Wenn Eltern meinen, ihre Kinder müssten erst etwas für sie tun, um sie lieben zu können, erliegen sie einem Irrtum.
Kinder haben bereits etwas für sie getan – sie sind da.“

Diese Sätze habe ich auf meiner fb-Seite veröffentlicht, und dies hat eine interessante Diskussion ausgelöst.

In einer meiner Antworten in der Diskussion habe ich präzisiert, dass es um die „bedingungslose Liebe“ geht:

„…. Und weil ich oben von meinem Sohn erzählt habe. Er kommt gerne zu mir und erzählt mir über sein Leben und seine Gefühle – weil er damit bedingungslos angenommen wird. Auch wenn es mir nicht gefällt / ich es anders machen würde – zu wissen, meine Vorstellungen haben nichts mit ihm zu tun. Hat auch ein Stück mit Loslassen zu tun. Er ist nicht eine Erweiterung meines Selbst. Er hat ein eigenes Selbst und eigene Vorstellungen vom Leben. Musste ich auch mühsam lernen.“

Ein Satz in einer Antwort hat mich sehr beeindruckt  – und aus diesem Eindruck ist folgender Text entstanden.

„Jeder Mensch ist seine eigene Welt, jede davon ist mir fremd (sogar die meiner Tochter!) und jede davon ist exakt so viel wert wie meine eigene.“ (Kai Trebesius)

 

Die Fremdheit der eigenen Kinder

„Unsere“ Kinder – damit beginnt es ja bereits. Der Eigentumsanspruch. Was unser ist, muss doch auch gleich sein / muss zumindest zu uns passen / unser Leben fortsetzen / unserem Leben einen Sinn geben / etc.  Nein, tut es in vielen Fällen nicht. Denn Kinder sind eigenständige Menschen, die durch uns zur Welt kommen. Punkt. Das war’s.

Bedingungslose Liebe

Geben wir ihnen bedingungslose Liebe, werden sie uns auch lieben. Wir werden uns aneinander erfreuen, weil wir so sein dürfen wie wir sind. Und wir werden gerne zusammensein.  

Bekommen sie diese bedingungslose Liebe nicht, werden sie anfangen sich zu verbiegen; zu verleugnen; zu versuchen, so zu werden wie die Eltern sie haben wollen. Damit  beginnt das Verhängnis der späteren Entfremdung. Oder – sie revoltieren und machen das Gegenteil von dem, was die Eltern machen. Damit beginnt eine sofortige Entfremdung und ein Verhängnis, weil das Gegenteil zu den Eltern zu machen, heißt noch nicht, das eigene Selbst zu leben. Das ist dann noch immer hinter dem Gegenteil verborgen.

 

Die Fremdheit der Beziehungsmenschen

Anfangs die Verliebtheit. Na endlich, endlich ist er da, dieser Mensch der uns bedingungslose Liebe gibt, der uns gleicht. Eine Übereinstimmung, ein Ankommen im Seelenpartner, im Herzensmenschen, etc. etc.

Bis – ja bis sich herausstellt, er ist uns doch nicht so ähnlich, wie wir dachten. Oder er ist doch nicht so, wie wir uns dachten – das „Bild, das wir uns gemacht haben“ – die sogenannte „rosarote Brille“, funktioniert nicht mehr.

Oder – es geht gut über die Verliebtheit hinaus und Liebe entsteht. Und dann – ja dann, verändert sich dieses Beziehungsmensch nach Jahren  „plötzlich“, oder doch nicht so plötzlich, weil nicht wirklich hingeschaut, nicht wirklich hingehört haben – ich kenne ihn ja gar nicht mehr / das ist nicht mehr der Mensch, der er einmal war, sicher hat ihn jemand  beeinflusst / jahrelang hat er/sie mir etwas vorgespielt, und jetzt zeigt er/sie ihr wahres Gesicht / etc. etc.

Ja, was ist geschehen? Wir alle sind ursprünglich sehr vielfältige Menschen. Wir haben eine Vielfalt von Anlagen in uns. Wachsen wir bei Eltern auf, die diese Vielfalt akzeptieren und fördern, können wir uns diese Vielfalt erhalten. Wird diese eingeschränkt / gestutzt / abgewertet /  werden wir „einfältig“? Nun ja, nicht direkt einfältig, aber sehr eingeschränkt in unserer Vielfalt – und viel davon, trauen wir uns vielleicht auch gar nicht zu leben, weil wir, um nur ein Beispiel zu nennen, auf bestimmte Rollenbilder programmiert wurden.

Nun gibt es Beziehungen, in denen Menschen sich entwickeln können / dürfen. Die zu einem Reichtum / einer gegenseitigen Entwicklung / einem Wachstum der Persönlichkeit „und“ der Beziehung beitragen.

Es gibt aber auch Beziehungen, in denen kein Wachstum stattfindet. In denen Wachstum zu einer Bedrohung der Beziehung wird. Plötzlich kommt da ein anderer Teil, der bis jetzt geschlafenen Vielfalt zum Vorschein – durch welchen Auslöser auch immer. Ja, und alles weitere siehe oben …

Diese Beziehungen sehe ich oft unterwegs. Wenn Menschen sich über Stunden sprachlos mit versteinerten Gesichtern gegenübersitzen. Wenn sie sich böse anfunkeln / das Gesicht verziehen / sich voneinander abwenden / etc.

Ich würde sagen, die Beziehung hat sich totgelaufen. Und statt aus dieser Starre auszusteigen, bleiben sie in ihrer eigenen Erstarrung.

Hm, warum erinnert mich das jetzt an die politischen Parteien? Auch ein erstarrtes Beziehungsleben. Andere Geschichte …

 

… und jede Welt ist so viel wert wie meine eigene

Welch grandioser Satz. Und in etwa genau so schwer lebbar wie die bedingungslose Liebe. Laufen doch die Bewertungen, die durch Vergleiche entstehen, pausenlos in unseren Köpfen. Wie oft höre ich Sätze wie: „Wie kann er/sie das machen? ICH würde das nie tun …“

Ja. Und. Der/die andere lebt in einer anderen Welt. Gut. Einen Teil der anderen Welt entdeckt. Doch meist beginnt dann die Schuldzuweisung …

Doch auch das ist wieder eine andere Geschichte …

 

Ich habe dies alles in „wir“-Sätzen formuliert. Fühlt sich die eine oder andere davon nicht angesprochen oder auch empört darüber – nein, so bin ich nicht! – lasst es einfach so stehen. Dann hat es einfach nichts mit dir zu tun.

Ich habe das „wir“ auch aus dem Grund absichtlich gewählt, weil ich einiges davon kenne. Einiges davon habe ich hinter mir gelassen, einiges davon macht mir noch Mühe. Es erfordert tägliche Achtsamkeit. Und doch mache ich immer noch und bis an mein Lebensende Fehler. Ich verzeihe mir diese und lerne daraus – und ich hoffe, diejenigen, die von meinen Fehlern betroffen sind, verzeihen mir auch …

Leben / Lernen / sich verändern – bis zum Absterbensamen …