hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt

Die folgenden Zeilen habe ich 7 Tage nach meinem 70. Geburtstag geschrieben.

Hier das Gedanken-Zahlenspiel meiner lieben Freundin Regina, das sie mir zu meinem Geburtstag schrieb. Danke, liebe Freundin!

„Die Quersumme von 70 ist 7.

Die Quersumme von „6.1.“ ist 7.

Die Quersumme von 6.1.1950 ist 4.
Die 7 ist eine magische Zahl – die 4 steht für die Vollkommenheit.
7 Raben, 7 Tage die Welt zu erschaffen und ihr Sein in Ruhe zu betrachten, 7 Tage, 7 Nächte, 7 Jahre, um zu wachsen , 7 Dekaden gelebten Lebens …

… 4 Himmelsrichtungen, 4 Könige und 4 Damen im Kartenspiel, 4 Jahreszeiten, 4 Blätter bilden ein Glückskleeblatt.“

Hineinwachsen in mich = weniger haben = wesentlich sein =

Ich bin

Ich

Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich werfe meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher weg. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.

Was vorher war

Täglich versank ich mehr und mehr in meinen Erinnerungen – bei jedem Hundemorgenspaziergang merkte ich, wie ich Mühe hatte, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wie mich die Erinnerungen überschwemmten und mitrissen wie ein reißender Fluss. Täglich versank ich in meiner Vergangenheit. In den Teilen meiner Vergangenheit, die Schmerz und Leid bedeuteten; in einer Vergangenheit, in der ich andere Entscheidungen hätte treffen können – andere Wege an den Wegkreuzungen meines Lebens hätte wählen können – und es nicht getan habe; so viele Lebenschancen, die ich nicht wahrgenommen habe, etc. etc. Die vielen „hätte“ türmten sich auf wie ein endloser Aufstieg auf einen Berg, der mir den Atem nahm. Die vielen „hätte“ – sind sie doch endlos …

Was jetzt ist

Ich sehe Sätze des Schmerzes, des Leids und der Verzweiflung genauso wie die Liebe und Freude mit meinem Sohn und meinen zwei Ehemännern; das Entdecken und Freilegen des verschütteten Selbst in den Jahren der Selbsterfahrung und Therapie; das Lernen und das Wachstum auf vielen Ebenen über die Jahre.

Ich sehe zum letzten Mal meine Schrift, wie sie sich über die Jahrzehnte verändert hat; die gemeinsam geführten Tagebücher in der Zeit mit einem meiner Lebensliebsten – unser Innerstes ausgebreitet voreinander und miteinander – welch wunderbare, kostbare Zeit; die gesammelten Fahr- und Flugtickets meiner Reisen; eingeklebte Ansichtskarten und Fotos; meine Zeichnungen; und die vielen Briefe, die ich meiner Mutter geschrieben habe – wie habe ich mich an ihr abgearbeitet – mein Ringen, geliebt und gesehen zu werden (was ihr erst – aber immerhin, zwei Jahre vor ihrem Tod mit ihrer Krebserkrankung möglich war)!

Und schlussendlich bin ich sehr dankbar über all dieses gelebte Leben!

Ich nehme mein aufgeschriebenes und beschriebenes Leben zum letzten Mal wahr – bevor ich die Seiten zerreiße und loslasse.

Ja – darum geht es: Loslassen!

Nein, ich werde nach meinem Buch „Die Erzählungen über das Älterwerden und mehr …“ nicht die geplante Biographie schreiben.

Ich lasse meine Vergangenheit endgültig los.

Und ich gehe zum Hochschrank und räume aufmerksam und liebevoll sämtliche Familienfotos weg ~ all die Verstorbenen ~ keine Vergangenheit mehr …

Jetzt nicht.

Mein Leben – mein tägliches Leben – in den wenigen Jahren, die mir bleiben.

Und ich habe noch schöne, dunkelrote Papiertragetaschen aus meinem Laden mit Kleidung und Accessoires aus Naturstoffen und Filz, den ich einmal  für kurze Zeit hatte. Und in diesen blutroten Taschen verschwinden Seiten für Seiten – die mit meinem Herzblut geschriebenen Erinnerungen für Erinnerungen. Und ich binde die gefüllten Taschen an den Henkeln mit meinen schönsten Geschenksverpackungsbändern zusammen und versenke sie mit einem wehmütigen und befreienden Lächeln in der Papiertonne. Leben – mein gelebtes Leben.

Und die Regale leeren sich.

Befreiende Leere.

Druck verschwindet von meinem Herzen und aus meiner Lunge – ich kann wieder durchatmen. Luftig und leicht sehen sie aus die Regale – im Außen und im Inneren.

Ich bin dabei die Teetasse zu leeren …

„Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.
Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte.
Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee.
Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann.
Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal.
Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.
Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte.
Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male.
Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen.

Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.
Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“
Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr:

„In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“

(Quelle: unbekannt)“

Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Ich bin

Ich

Nichts sonst

Und ich wasche und putze und fege den Staub der Vergangenheit weg – welche Freiheit öffnet sich, welch ein Vergnügen!  Ich putze nicht gerne – und nach der Überwindung des Widerwillens gegen das Putzen kommt die Freude über die saubere Leere …

Und ich denke daran, wie ich in den letzten Wochen meine Briefe unterschrieben habe – Monika und immer wieder auch Ma Prem Chandana (mein spiritueller Meditationsname) und MonikaChandana …

Und dann erinnere ich mich, wie ich in der Biographie der Malerin Paula Modersohn-Becker in ihrem Brief von 17. Februar 1906 (sie starb im November 1907 mit 31 Jahren) gelesen habe:

„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker.

Ich bin

Ich,

und hoffe, es immer mehr zu werden.

Dies ist wohl das Endziel von allem unsern Ringen.“

Dankbar für das das Geschenk der Jahre und nicht wissend, wie viele Jahre mir noch bleiben, hoffe ich, es immer mehr zu werden …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

Es gibt viele Abschiede in meinem Leben – dies ist ein Text über meinen Abschied von facebook – ein Gedicht und eine Parabel …

Am 14. November, also vor 12 Tagen, habe ich mich als jahrelange begeisterte Facebookerin mit folgenden Worten von facebook, meinen Freund*innen und Mitleser*innen, verabschiedet.

„Jetzt – in dieser Übergangszeit des Rückzugs der Natur, bevor die Ruhe des Winters beginnt, ist es an der Zeit Abschied zu nehmen – bin ich doch nur mehr mit halbem Herzen dabei. Seit mehr als einem halben Jahr bereitet sich dieser Abschied in meinem Innersten vor.

Jetzt ist es soweit – Zeit des Rückzugs / Loslassen von Unwichtigem / Konzentration auf das Wesentliche / das für mich Wichtige …

Seit dem Totengedenktag beschäftigt mich einmal mehr der Tod – und das Leben.

Wenn ich nur mehr ein halbes Jahr zu leben hätte, dann würde ich …

Wenn ich im Angesicht meines Todes auf mein letztes Jahr Leben zurückschauen würde, dann hätte ich …

Würde / hätte / wäre …

Nehmen wir mal an, ich hätte nur mehr ein halbes Jahr zu leben.

Jetzt haben wir November – das wäre dann also bis Mai.

Der letzte Herbst, der letzte Winter, der letzte Frühling …

Ich stelle mir die Fragen:

Was ist die Essenz / des Wesentlichste in meinem Leben?

Wie möchte ich leben?

Was ist mir wichtig?

Kein – na ja, dann würde / könnte ich …

Sondern definitiv – was möchte ich und was möchte ich nicht.

Was IST?

Ich schreibe immer weniger auf facebook / ich trage mir immer weniger Veranstaltungen in meinem Kalender ein / und von denen, die ich eintrage, besuche ich 1 % / vorbei – ist mir nicht mehr wichtig / keine Eintragung mehr mit dem Gedanken, aber du solltest doch / und – du kannst dich doch nicht so zurückziehen / und – früher hast du doch auch …

Nein, nicht mehr wichtig für mein Leben Jetzt.

Ich weiß nicht, wann ich meinen letzten Atemzug machen werde.

Vielleicht – in einer Stunde / morgen / in einem halben / in zwanzig Jahren?

Doch, was ich weiß, ist, dass ich bis dahin NUR das leben möchte, was wichtig ist für mich. Das, was ich WIRKLICH will.

Und wenn ich alles weglasse – die – eigentlich könntest du – müsstest du – solltest du …

Was bleibt dann?

Was will ich denn WIRKLICH?

Konzentration auf das Wesentliche,  so dass ich dann eines Tages sagen kann – ich gehe in Frieden mit mir.

Und wenn ich mir überlege, was ich wirklich will / was wichtig ist für mich, dann sind es wenige Dinge – und bei diesen wenigen Dingen möchte ich mir auch überlegen – was möchte ich verändern – in den einzelnen Beziehungen / im Tun / im Denken …

Und wenn ich mir überlege, was ich wirklich will / dann ist das zum einen nicht sehr viel und zum anderen weiß ich, dass noch etwas dazukommen wird, und dass dies erst sichtbar und spürbar werden wird, wenn ich aufhöre, mich mit Unwichtigem oder gar mit Halbherzigem zu beschäftigen.

Wieder einmal eintauchen in die Leere und die Stille.

Die Leere / die Stille / das Vakuum / in dem erst einmal NICHTS ist – altvertraut schließt sie sich wieder um mich.

Häutung / Veränderung – wieder einmal – bevor das Neue beginnt.

Ich schöpfe aus alten Erfahrungen – nichts umsonst gelebt und erlebt – und doch gibt es noch immer / und so auch jetzt / wieder Neues zu entdecken und zu leben …

Ausloten / in die Tiefe gehen / reduzieren / konzentrieren …

Und so, meine lieben facebook-Freund*innen, verabschiede ich mich von facebook. 

Es war eine schöne und wichtige Zeit.

Habe ich doch auch viele Menschen kennen gelernt / viel geteilt / mitgeteilt / ausgetauscht / auch viel erfahren. Einige Menschen gibt es nun in meinem Leben, mit denen mich auch Freundschaften über facebook hinaus verbinden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich werde die Seite nicht löschen.

Ich lösche ja auch nicht mein bisheriges Leben.

Alles Gelebte ist mir wichtig.

Ich schaue mit Freude im Herzen und mit Dankbarkeit zurück.

Und für alles bin ich dankbar – für die glücklichen und die schmerzlichen Momente.

Haben sie mich doch zu der gemacht, die ich jetzt bin.

Auch meinen Freund*innenkreis habe ich reduziert.

Ich möchte intensive und wertschätzende Gespräche, einen Austausch auf gleicher Augenhöhe. Das klingt jetzt sehr ernst – jedoch auch diese Gespräche können sehr humorvoll und lustig sein – wenn sie denn aus einem vollen Herzen kommen.

War ich bis jetzt sehr verschwenderisch in meinem Leben und werde es in vielen Bereichen auch bleiben – mit meiner Zeit nicht mehr.

Je weniger die Lebens-Zeit wird, desto wertvoller …

Es ist Zeit weiter zu gehen.

Ich mache mich auf und gehe meinen Weg …“

In den letzten Tagen habe ich mit einem schallenden Lachen das Gedicht von Arne Rautenberg gelesen – besser hätte ich die Gespräche, die ich nicht mehr führen möchte, nicht ausdrücken können:

ichsoerso

erso: ichso
blablabla
sieso: hä
und ichso: jaaa

ichso: duso
erso: ichso

ichso: ichso
ist eins a
erso: siehst
und ichso: klar

erso: duso
ichso: ichso

ichso: ichso
hahaha
erso: pah
und ichso: tja

(Arne Rautenberg)

Und dann bin ich noch auf die Geschichte gestoßen – eine Parabel zu  meinem Wunsch nach Prioriätensetzung:

Lass Platz in deinem Leben für die wichtigen Dinge – Eine kleine Geschichte über die Prioritäten im Leben

Unser Leben bietet so viele Facetten. Manchmal bürden wir uns zu viel auf und vergessen vor lauter Arbeit und anderen Verpflichtungen was wirklich wichtig ist im Leben. Diese kleine Geschichte versucht uns zu veranschaulichen, was passiert, wenn wir unsere Prioritäten im Leben falsch setzen.

Eine Kurzgeschichte über Golfbälle, M&M’s, Sand und Bier

Ein Philosophie-Professor stand vor seinem Kurs und hatte ein kleines Experiment vor sich aufgebaut: Ein sehr großes Marmeladenglas und drei geschlossene Kisten. Als der Unterricht begann, öffnete er die erste Kiste und holte daraus Golfbälle hervor, die er in das Marmeladenglas füllte. Er fragte die Studenten, ob das Glas voll sei.

• Sie bejahten es.

Als nächstes öffnete der Professor die zweite Kiste. Sie enthielt M&Ms. Diese schüttete er zu den Golfbällen in den Topf. Er bewegte den Topf sachte und die M&Ms rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob der Topf nun voll sei.

• Sie stimmten zu.

Daraufhin öffnete der Professor die dritte Kiste. Sie enthielt Sand. Diesen schüttete er ebenfalls in den Topf zu dem Golfball-M&M-Gemisch. Logischerweise füllte der Sand die verbliebenen Zwischenräume aus. Er fragte nun ein drittes Mal, ob der Topf nun voll sei.

• Die Studenten antworteten einstimmig „ja“.

Der Professor holte zwei Dosen Bier unter dem Tisch hervor, öffnete diese und schüttete den ganzen Inhalt in den Topf und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Studenten lachten. „Nun“, sagte der Professor, als das Lachen nachließ, „ich möchte, dass Sie dieses Marmeladenglas als Ihr Leben ansehen.

Die Golfbälle sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben

Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Gesundheit, Ihre Freunde, die bevorzugten, ja leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens, welche, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllen würden.

Er fuhr fort: „Die M&Ms symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie Ihre Arbeit, ihr Haus, Ihr Auto. Der Sand ist alles Andere, die Kleinigkeiten.“ „

Falls Sie den Sand zuerst in das Glas geben“, sagte der Professor, „hat es weder Platz für die M&Ms noch für die Golfbälle. Dasselbe gilt für Ihr Leben. Wenn Sie all Ihre Zeit und Energie in Kleinigkeiten investieren, werden Sie nie Platz haben für die wichtigen Dinge.

Achten Sie zuerst auf die Golfbälle, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzen Sie Ihre Prioritäten. Der Rest ist nur Sand.“

Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen, was denn das Bier repräsentieren soll.

Der Professor schmunzelte:

„Ich bin froh, dass Sie das fragen. Das zeigt Ihnen, egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, es ist immer noch Platz für ein oder zwei Bier.“

(Quelle: unbekannt)

Parabeltext und Foto aus aus:

Ich habe mein erstes Buch veröffentlicht!

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Große Freude – mein eigenes Buch in Händen zu halten! 

Mein Buch ist ab sofort im Verlag und in jeder Buchhandlung erhältlich! 

Über diesen Link gibt es Infos zum Buch, eine Leseprobe zum Schmökern, und Du kannst auch sofort bestellen – Paperback, Hardcover und e-Book – nach Deiner Wahl!

https://www.mymorawa.com/self-publ…/gestaltung/publizieren/…

„Altwerden ist nichts für Weicheier“ (Betty Davies)

Nachdem mich in den letzten 10 Jahren die Realität des Alterns eingeholt hat, bin ich auch dieser Meinung. Ich erzähle in Geschichten und Gedichten über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Altern.

Meine Erfahrungen – und doch wird es für viele Menschen einerseits eine Erleichterung sein, über die Mühen zu lesen (ah ja, endlich spricht es eine aus!) und andererseits eine Ermutigung, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen und schlussendlich anzufreunden. Bleibt ja auch nichts anderes übrig, wenn man nicht für die verbleibenden Jahre dahingranteln möchte!

„Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft. Früher, als das Altwerden noch nicht begonnen hatte. Ich jammere nicht. Ich halte aber nichts vom Schönreden, dass ja alles so leiwand ist mit dem Alter, aber auch nichts vom Schlechtreden. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Ja, es ist schön, und so manches Mal ist es auch mühsam. Darüber schreibe ich.

Ich freue mich, wenn es Dir gefällt – und ein herzliches Dankeschön fürs Teilen in Deinem Freund*innenkreis!

Über den Tod und das Sterben

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Eine Kurzerzählung von mir und zwei Gedichte von Grace Paley, die immer wieder über die Tabuthemen Alter, Tod und Sterben geschrieben hat.

(Grace Paley, 1922 – 2007, Schriftstellerin)

Mutter

Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist zu sterben, Mutter.

Ich wüsste zu gern, ob du dich noch erinnerst an mich. Oder ob es dich nicht mehr gibt. Ich erinnere mich an deine Angst zu sterben. Deine Augen angstgeweitet auf mich geheftet, als ob ich dir eine Antwort geben könnte. Als ob ich es wüsste. Ich weiß es nicht, Mutter. Ich sehe deine wunderschönen Hände, suchend auf der Decke. Deine kalten Hände, die am Ende keinen Druck mehr erwiderten. Ich versuchte sie mit meinen Händen zu wärmen. Ich höre deine rasselnden Atemzüge – jeder Atemzug so mühsam.  Ich weiß, wie sich dein kleiner Körper anfühlte, als du nicht mehr hier im Leben warst.

Immer wieder hast du über Nahtoderfahrungen gelesen.

Bist du durch den Tunnel ins Licht gegangen?

Bist du mit deinem Mann und deiner Mutter auf der Blumenwiese und jeder Groll, jede Angst hat sich verwandelt in Liebe.

Bist du nun selbst das Licht?

Ein Lichtfunke des großen Lichtes.

Oder gibt es dich nicht mehr.

Und alles war mit deinem letzten Atemzug zu Ende.

Das große Nichts.

Ich wüsste es gern …

(M.K., 2014)

 

Zwei Gedichte von Grace Paley:

Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken

 

Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag

http://schoef.signalwerk.org/res/pdf/prospekte/Paley_Editionsplan.pdf

 

 

 

 

Meine Trauer über die Türkei

Istanbul 1

Und wieder hat ein Diktator die Bühne betreten

Und diesmal vom eigenen Volk gewählt

Und wieder können / müssen wir zusehen, was passiert, wenn einer die Macht fest in seiner Hand hält

Und es erfüllt sich hier der Wunsch von Menschen, die sich wieder einen Führer wünschen

Und dieser Wunsch nach einem allmächtigen und gnadenlos strafenden GottVater entsetzt mich

Und es macht mich traurig, was so vielen Menschen bereits angetan wurde und in Zukunft noch viel mehr angetan werden wird

Und es macht mich ambivalent, zornig einerseits, weil viele Menschen trotzdem auf Urlaub in das Land fliegen werden – weil es so billig ist – zornig, weil sich der Diktator dadurch bestätigt fühlen wird, und gleichzeitig weiß ich, dass Menschen dadurch ein Einkommen erhalten werden

Und ich bin sehr dankbar über meine 5-wöchige Reise im Jahr 1993 durch die Türkei mit meinem damaligem türkischen Freund, einem Historiker,von Alanya nach Istanbul – über Side, Aspendos, Perge, Konya, Pamukkale, Iznik – welch schönes Land …

https://monikakrampl.wordpress.com/2016/11/19/meine-reise-in-den-orient/

Und ich weiß, dass ich dieses Land nie mehr sehen werde …

Ich höre Istanbul

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Zuerst weht ein sanfter Wind
Leicht schwanken die Blätter
an den Bäumen,
In der Ferne, in weiter Ferne
Unaufhörlich die Glocken der Wasserverkäufer,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Während ich rufen will, die Vögel fliegen vorbei,
Fliegt eine ganze Schar, hoch hinaus, Schrei für Schrei,
Die Fischer holen die großen Netze ein,
Die Füße einer Frau berühren das Wasser,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Kühl, kühl der Große Basar,
Kunterbunt Mahmutpaşa,
Voller Tauben die Höfe,
Vom Dock her hallt es Hammerschläge,
Im herrlichen Frühlingswind liegt Schweiß,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

 

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
In meinem Kopf der Rausch vergangener Feste,
Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern
Steht im abklingenden Geheul der Südwestwinde,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Eine Dirne stolziert auf dem Gehsteig,
Flüche, Gesänge, Anmachsprüche,
Etwas fällt aus ihrer Hand auf den Boden,
Es müsste sich um eine Rose handeln.
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Ein Vogel zappelt an deinen Hängen,
Ich weiß, ob deine Stirn warm oder kalt ist,
Ich weiß, ob deine Lippen feucht oder trocken sind,
Weiß geht der Mond hinter Kiefergewächsen auf,
An deinem Herzschlag erkenne ich
Ich höre Istanbul.

Orhan Veli Kanik (13. April 1914, Istanbul – 14. November 1950, ebenda)