Die Frau Oberlehrerin, meine Igel-Bücher und Hermann Hesse

Bin ich doch am Auslichten und Loslassen meiner alten Sachen – Aufgehobenes und Angesammeltes – das wissen alle, die meine Erzählungen lesen. Dass ich auch am Auslichten von alten Verhaltensmustern bin, kommt in meinen Erzählungen nur am Rande vor. Bedarf es doch weitaus mehr Aufmerksamkeit und dauert damit wesentlich länger als Bücherregale, Kleiderschränke und Kartons zu leeren.

Nun habe ich einen Teil in mir – ich nenne ihn die Frau Oberlehrerin – die mit erhobenem Zeigefinger dasteht und anderen gegenüber betont „Ja, aber …“.

Die Frau Oberlehrerin stammt aus der Zeit, in der ich dabei war, mir vieles an Wissen anzueignen, das mir als Jugendliche verboten war. Ja – wirklich „verboten“ – eine der alten Geschichten, die ich nicht mehr erzählen möchte, da mit den Jahren aufgearbeitet, vergeben und verziehen – erst meinen Altvorderen, und etwas schwerer noch – mir selbst.

„ (…) wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein. (…)“ schrieb ich in meiner Erzählung „Vom Vergeben und Verzeihen“ im April 2020.

Die Frau Oberlehrerin stand über lange Zeit mit erhobenem Zeigefinger da und haute allen ihr Wissen um die Ohren, ganz egal ob die es nun wissen wollten oder nicht – „schaut her, wie g’scheit ich bin“. Mein Intellekt dürstete nach Bestätigung.

Ich habe die Frau Oberlehrerin in Pension geschickt. Doch so hie und da schaut sie mir über die Schulter und schon hab ich es wieder einmal übersehen – reißt sie ihren Schnabel auf …

Mittlerweile bin ich sehr geduldig mit ihr und begleite sie wieder zurück ans Meer.

Da habe ich sie hingesetzt, damit sie die Schönheit des Meeres und der Sonnenuntergänge genießen und entspannen kann. Wenn ich sie besuche, merke ich, dass sie versucht, die Fische zu belehren. Die kümmern sich nicht darum. Gut so. Vielleicht legt sie sich sogar mit Poseidon an – so wie ich sie kenne, tut sie das wahrscheinlich auch …

„(…)Veränderung braucht Mut zum Wankeln (Wankelmut) – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …(…)“ schrieb ich in „Veränderung braucht Zeit und Wankelmut“ im Juni 2020.

In der letzten Zeit überkommt mich immer wieder das Gefühl, mein früheres Leben sei wie ein Traum. Ich hätte es geträumt und ich bin am aufwachen …

„ … aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht…“ (Hermann Hesse)

„Aufwachen zu dem, der du bist“ (Thich Nhat Hanh)

Heute Nacht in einer wachen Stunde greife ich nach Hermann Hesse.

Auf meinem Drehregal-Nachttisch – sehr praktisch, da haben viele Bücher Platz – liegen die unterschiedlichsten Bücherstapel, die immer wieder wechseln. Und natürlich mein Tagebuch. Einer der neueren Stapel sind einige alte Bücher von Hermann Hesse, die wieder gelesen werden wollen. Dann gibt es noch Biographien, Romane, Lyrik und Krimis. Ich liebe es, nachts Krimis zu lesen.

Heute Nacht also Hermann Hesse. In meinen gelesenen Büchern sind viele Marker – ich nenne sie Igelbücher, weil sie gespickt sind mit Markern. Und manchmal lese ich das ganze Buch nochmals oder ich konzentriere mich auf die Marker, – bin neugierig, was mich vor Jahren oder Jahrzehnten fasziniert hat.

Die gekennzeichnete Stelle aus Hesses Buch passt zu obigen Überlegungen über die Frau Oberlehrerin.

„Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“

Aber deuten kann jeder nur sich selbst …

Infos:

Hermann Hess: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend.

Anmerkungen aus der Biographie über Hermann Hesse von Joseph Mieck, S. 93f:

Hesse veröffentlichte Demian 1919 unter dem Pseudonym Emil Synclair. In der 17. Aulage des Buches 1920 veröffentlichte er unter seinem Namen und das Buch blieb drei Jahre die „Bibel der deutschen Jugend“. Die Erzählungen sind „intim autobiographisch“. „Demian war ein intellektuelles Erlebnis, eine Neu-Überprüfung der Jahre 1887 bis 1897 mit Hilfe der Psychoanalyse und in Übereinstimmung mit Hesses beginnender Entschlossenheit, er selbst zu sein.“

Thich Nhat Hahn: Aufwachen zu dem, der du bist. Die Zen-Unterweisungen des Meisters Linji

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/04/28/vom-vergeben-und-verzeihen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/06/11/veranderung-braucht-zeit-und-wankelmut/

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Im Januar dieses Jahres schrieb ich in Teil 1:

„Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich entsorge meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher.

Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.“

Siehe: https://monikakrampl.wordpress.com/2020/01/16/hineinwachsen-in-mich-mein-70-geburtstag-ein-neuer-lebensabschnitt/

Nach dem Auslichten meiner Tagebücher, das mir im Rückblick wesentlich leichter erscheint als das jetzige, machte ich den letzten Durchgang. Den Begriff Auslichten habe ich mit großem Dank von Cambra Skade übernommen. Für eine Weile versank ich in den vielen Kartons, die im Gästezimmer meines Sohnes gestapelt waren. Wir konnten kaum zur Tür rein. Ein schmaler Gang blieb. Zwischen meiner Vergangenheit und dem Rest der Sachen meiner verstorbenen Mutter, die wir nach der Entsorgung auf dem großen Flohmarkt noch behalten hatten. Zum Durchsehen. Nun war die Zeit auch für dieses Durchsehen gekommen.

Auslichten im Sinne von Loslassen und auch Loswerden.

Meine Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch materiell loswerden.

Nicht, weil sie so schrecklich war. Das war sie auch. Ein Teil davon.

Auch das Glückliche – ich möchte mich nicht dahin zurück sehnen.

Das war einmal – so beginnen doch Geschichten: Es war einmal …

Meine glücklichen Erinnerungen behalte ich und lege sie vorsichtig in meine innere Schatzkiste. Jedoch, ich möchte mich nicht zurück sehnen und damit den Blick für und die Anwesenheit in der Gegenwart verlieren.

Denn, wenn ich glücklich sein möchte, dann kann ich das nur in der Gegenwart – und so wie ich jetzt bin, nämlich anders.

Das Glück der Vergangenheit kann ich so nicht mehr leben.

Ich bin JETZT.

Ich bin jetzt eine ANDERE. 

Immer wieder die Unsicherheit – zum Beispiel bei der vielartigen Korrespondenz mit meinen Freund*innen, meinen Liebsten; mit interessierten Menschen an meinen vielen Projekten und noch mehr Projektideen. Sie stammt aus einer Zeit, in der wir uns noch viele Briefe geschrieben haben und ich staune.

Ob ich sie nicht doch behalten sollte – die Briefe?

Aber warum?

Das alles wurde vor Jahrzehnten geschrieben und ich habe es nie mehr gelesen. Ich werde es auch jetzt und in Zukunft nicht lesen.

Warum also?

Nur um sie zu „haben“?

Es schmerzt.

Es macht traurig – das Loslassen.

Ein Teil von mir möchte es nicht loslassen, möchte dahin zurück.

Dahin, wo es so schön und lebendig war.

So viele Menschen in meinem Leben.

Und jetzt ….?

Ich möchte mehr Sein als Haben.

Es ist Zeit mich auf das Wesentliche und Wenige zu konzentrieren, und nicht einen materiellen Berg von Vergangenheit hinter mir herzuschleppen, bei jedem Schritt. Ich habe das Bild von einem riesigen Sack, der am Boden hinter mir herschleift und ich ihn mit Gurten – so wie einen Rucksack – an meinen Schultern befestigt habe. Jeder Schritt ist mühsam, denn der Sack ist schwer. Mit schweren Schritten stapfe ich dahin.

In den Kartons stapeln sich Ordner.

Ordner über Ordner, angesammelt und gefüllt mit meinem Leben über die letzten 35 Jahre; akribisch – gründlich und sorgfältig – beschriftet.

Ordner mit der Korrespondenz mit Freund*innen und Liebsten; mit Kolleg*innen und Menschen in Seminarzentren im In- und Ausland;  Ansichtskarten und Glückwunschkarten meines Sohnes.

Die Korrespondenz mit unseren singhalesischen Freunden in Hikkaduwa in Sri Lanka – hatten wir – mein zweiter Ehemann und ich – doch bereits alles in die Wege geleitet zum auswandern. Es sollte nicht sein.

Und ich staune immer wieder, mit wie vielen Menschen ich in Kontakt war!

Und ich erinnere mich, wie offen – mit großen offenen Augen und offenem Herzen, einer grenzenlosen Liebesbereitschaft – ich durch die Welt gegangen bin und Menschen angezogen habe. Und viele – allzu viele – gingen mit der Zeit verloren – weil wir den Kontakt nicht gehalten haben.

Die, die geblieben sind, sind meine treuesten Weggefährt*innen auf meinen verschlungenen Lebens-Pfaden.

Ich vermisse die Liebe – in erster Linie meine eigene.

Ich spüre die grenzenlose Liebe nicht mehr, – nicht so wie damals.

Irgendwann vom Pfad der Liebe abgekommen, mein Herz zugemacht und verschlossen. Den Schlüssel weggeworfen.

Den Schlüssel habe ich bereits wieder gefunden. Es war schwer, ihn in dem verrosteten Schloss umzudrehen. Jetzt bin ich dabei, die auch in ihren Scharnieren verrostete Tür zentimeterweise zu öffnen …

Und kaum ist es mir gelungen aufzusperren, klopfte einer meiner ehemaligen Liebsten an die Tür. Im Laufe dieser Wiederbegegnung schrieb ich ihm:

Das Wiedersehen

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer

liebe

und

begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

Und mit großem Erstaunen und ebenso großer Freude merke ich, wie viel ich doch in diesen Jahren über die Liebe gelernt habe.

Die nächsten Ordner führen mich in die Welt meiner psychotherapeutischen Praxis.

Der Erste enthält die vielen Originalmanuskripten und Folder der abgehaltenen Seminare und Workshops.

Mein Gott, war ich fleißig und engagiert!

Ordner mit Projektideen im zivilgesellschaftlichen Bereich und über angedachte Seminare und Workshops; Mitschriften der Therapiesitzungen, Befunde für die Krankenkassen; Honorarnoten, etc. Ich weiß nicht, von wie vielen hunderten von Klient*innen in den 25 Jahren. Die vielen Dankesschreiben. An die meisten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich sehe die Anzahl der Therapiestunden – und sehe, wie viel ich gearbeitet habe.

Welch’ Energie ich hatte!

Ordner mit den Lehrunterlagen, meinen Seminararbeiten, von den zwei Semestern an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Zwei Semester fehlen noch, dann hätte ich den Bachelor.

Aufgehört habe ich, als ich meine Mutter in den letzten zwei Jahren ihrer Krebserkrankung begleitete. Heute ist es mir nicht mehr wichtig.

Doch ich erinnere mich gerne – lerne ich doch mit viel Neugier und Begeisterung Neues.

Die ungeliebtesten Ordner – die Unterlagen meines Steuerberaters. Darüber legt sich der Mantel des Schweigens. Ich bin eine Frau der Worte. Zahlen bereiten mir Unbehagen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~

Viel Trauer ist in mir – aber ich spüre auch die Last der Vergangenheit.

Das Mitschleppen.

Erleichterung wird folgen.

So wie es mit dem Auslichten der Tagebücher auch war.

Es ist gut.

Es ist gut so, wie es ist.

Dies alles passierte in den letzten Wochen und jetzt?

Ob mich die Rückschau auf meine Lebenserinnerungen auch stolz macht, fragte eine meiner Herzensfreund*innen, und ich schrieb ihr:

„Ja, ein bisschen. Aber vor allem macht es mich dankbar. So viele Menschen – da bin ich noch immer sprachlos – es macht mich unendlich dankbar den Menschen gegenüber für ihr Vertrauen, sich mit mir auf die tiefen Prozesse in den Therapien eingelassen zu haben; und ehrfürchtig und demütig für die viele unendliche Energie, die ich hatte.

Ich staune, wundere mich über die Wunder meines Lebens und erfinde mich wieder einmal neu …

Info:

Cambra Skade, Wortschöpferin. Über sich schreibt sie: „Bayrische Künstlerin und Alltagsforscherin erkunde ich Kunst als Fachsprache des Schamanischen, male, tanze, reise, erfinde mich manchmal neu …“

https://cambraskade.blog/?fbclid=IwAR1Has7vB7YUrizobBxyJFYNUUCKvNtFnIgbJyofRYHJ2Z1RV6zJcOWRp5c/

Veränderung braucht Zeit und Wankelmut

Immer wieder verwundern sich Mitmenschen, dass ich immer wieder Abschied nehme – von vielem – und in einigem immer wieder zurückkomme. Das ist gut so – rufe ich ihnen zu! Das passt! Große und tiefe Veränderungen kommen nicht über Nacht – sie brauchen Zeit. Sie brauchen die „immer wieder“.

Veränderung braucht Mut zum Wankeln – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …

Veränderung braucht Entschleunigung.

Grundlegende Veränderung – wenn die Grundlagen des Seins erschüttert werden – braucht vor allem neben dem Hirn (Erkenntnis) auch das Herz (Herzensgüte)

Vom Ich zum Selbst geht ins Herz – unmittelbar.

Es braucht Metta (auf Sanskrit maitri). Metta ist ein Zustand des „Herz-Geistes“, der als „liebende Güte“, „allumfassende Liebe“, „selbstlose Liebe“, „Herzensgüte“ beschrieben werden kann.

Im Metta-Sutta, einer Lehrrede des Buddha, beschreibt dieser Metta als vergleichbar mit der bedingungslosen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Ohne Metta für sich selbst, kann auch das große Ziel, die liebende Güte auf alle fühlenden Wesen auszuweiten, nicht erreicht werden.

Vor 35 Jahren begonnen, immer wieder aus den Augen verloren, immer wieder zurückgekehrt.

„…. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst …“ (Aus einem Gebot der Tora des Judentums)

Veränderung braucht Entschleunigung und Akzeptanz für diesen Prozess, der seine Weile dauert. Es dauert, so lange es dauert …

Veränderung ist immer anders. Das ist meine Erfahrung. So manches Mal geschieht es sehr rasch und im Geheimen. In diesen Situationen komme ich eines Morgens heraus wie Phönix aus der Asche. Dann wieder ist es ein längerer Prozess, über den ich rede und schreibe; über den ich erzähle.

Und immer wieder verabschieden sich Mitmenschen bei diesem Prozess oder nach dem Prozess. Mitmenschen, die die Zeit des Wankelmuts, die Zeit des Kontrollverlustes, nicht mitgehen können / wollen. Mitmenschen, die mit der, die zum Vorschein kommt, nichts mehr anfangen können. Wer bist du? – fragen sie. Ich kenne dich nicht mehr. Ja, ich habe mich wieder einmal gehäutet – doch alles ist noch da – es kommt nur Neues dazu.

Und dann, nach Verlust und Trauer über den Abschied, die Freude über den Gewinn von neuen lieben Mitmenschen. Immer wieder.

„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

und Neues blüht aus den Ruinen.“

(Friedrich von Schiller)

Die Dankbarkeit für und der Abschied von Lebenserfahrungen – und nicht wissen wie weiter.

Immer wieder Wankelschritte wie ein Kleinkind, das mit den ersten Babyschritten – Schritt für Schritt in die Unsicherheit hineingeht – bis eines Tages – der Schritt fest ist …

Welch eine Freude wird das sein, welch Strahlen und Lachen …

Veränderung bringt Neues – auch eine andere Sprache.

Die Sprache des Herzens.

Komme was wolle und was kommt wird gut sein.

Es drängt etwas zum Vorschein, das bis jetzt nicht gelebt worden ist. Oder doch? Früher, ganz früher – in den kindlichen Anfängen, in der noch nicht viele Einflüsse von außen aufgenommen worden sind. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder – fällt mir dazu ein.

„Ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Matthäus 18,3)

Vom Ich zum Selbst.

„Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel: „Mein eigentliches Wesen ist die Zeit selbst, nicht ein Etwas in der Zeit.“

(Jikme Lingpa)

Zum Schluss möchte ich den von mir sehr geschätzten Karl-Heinz Brodbeck 1) zitieren:

Was im Mahayana 2) über das Selbst gedacht wurde, ist durchaus auch aus einer abendländischen Perspektive verständlich. Die Vergänglichkeit aller Phänomene, aller Erfahrungen verleitet dazu, etwas Dauerhaftes zu suchen. Doch dieser Versuch muss immer wieder, schließlich endgültig und todsicher, scheitern. Unsere privaten Schrullen als ewiges Ich festhalten zu wollen, ist tatsächlich ein „närrischer Gedanke“. Wir können auch die Luft nicht festhalten. Aber wir können atmen. Die Sprache gibt einen Fingerzeig: „Atem“ und „Atman“ (= Selbst) haben dieselbe Wortwurzel. Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel: „Mein eigentliches Wesen ist die Zeit selbst, nicht ein Etwas in der Zeit.“ (Jikme Lingpa) 3)

Unsere privaten Schrullen als ewiges Ich festhalten zu wollen, ist tatsächlich ein „närrischer Gedanke“.

Ja, das gefällt mir …

Zitate und Info:

1) Prof.Dr. Karl-Heinz Brodbeck, ist Dharma-Praktizierender,  Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Tibethaus Frankfurt, Autor zahlreicher Bücher.

https://buddhismus-aktuell.de/artikel/ausgaben/20173/das-selbst-ist-kein-sein-und-kein-nichts-sondern-endloser-wandel.html

2) Das Mahayana ist eine der großen Hauptströmungen im Buddhismus, die sich zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr. etablierte. Im Zentrum des Mahayana stehen die Werte Mitgefühl (Karuna) und Weisheit (Prajna). Diese werden wie zwei Beine betrachtet, die notwendig sind, um den buddhistischen Weg zu gehen.

https://religion.orf.at/lexikon/stories/2568992/

3) Jigme Lingpa; geb. 1729 (oder 1730); gest. 1798) war ein bedeutender Dzogchen-Meister und Tertön der buddhistischen Nyingma-Tradition des Vajrayana 4).

4) Das Vajrayana stützt sich mit der „Lehre des Mittleren Weges“ (Madhyamaka) auf die philosophischen Grundlagen des Mahayana. Im Tibetischen Buddhismus werden die verschiedenen buddhistischen „yanas“ (wörtlich: Fahrzeuge) anhand der Ziele oder der Methoden unterschieden.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen …

“All you have to do is write one true sentence.

Write the truest sentence that you know.”

(Ernest Hemingway)

„Alles was Sie tun müssen, ist einen wahren Satz zu schreiben.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen.“

I Wortlos im Schweigen

Seit einiger Zeit schon versinke ich im Schweigen auf der Suche nach meiner Sprache. Leise schält sich durch verschiedene Schichten des Seins ein ursprüngliches Sein heraus, das eine andere Sprache spricht.

Wie eine Fremdsprache muss ich es neu lernen.

Auf der Suche nach Worten spaziere ich über die Felder / umkreise die Seen / sitze beim Schreibtisch und schaue in den Garten …

Ich stehe in der Stille des Sees.

Nein, nicht der See ist still.

Die wahren Worte sind – „der See und ich sind eins“.

Nur wenn es ganz still wird in mir, sind wir eins.

Ich bin die Stille.

Aus den langen, dunkelgrünen, spitz zulaufenden Blättern der Iris ragt der schlanke Blütenstamm der gelben Schwertlilie.

Über mir am Baum krächzt ein Rabe.

Das Schauen lenkt mich ab vom Sein.

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück zum Atem und atme – ein und aus …

Eines meiner Mantren – „So Ham – Ich bin (das)“ …

Mit dem Einatmen – So – mit dem Ausatmen – Ham – „Ich bin, die ich bin“ …

Ich bin der See / die Schwertlilie / der Rabe …

Ich bin das …

Ich sitze beim Schreibtisch und suche nach Worten.

Und all die Worte geben meine Erfahrung – das SoSein – nicht wieder.

Gibt es den wahren Satz / die wahren Worte – um das SoSein beschreiben zu können? Ist das SoSein nicht jenseits der Worte?

„(…) In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann. (…)“

schreibt Bruno Mesa in seinem Gedicht „Schweigend“. 1)

„Eine Wahrheit, die man nur schweigend lernen kann …“

Die Wahrheit jenseits der Worte?

„Ich habe den Mund meiner Seele geöffnet und deinen göttlichen Atem eingesogen.“ (Anonyme Quelle)

Nochmals Bruno Mesa:

„ (…) In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst. (…)“

Nach all diesen Worten zum SoSein eine Erzählung über mein kleines Mädchen, das einstmals, als die Welt noch ganz anders war als heute, all diese Fragen nicht gestellt hat. Jenseits aller Worte war sie einfach da – „So Ham“.

Sie war ein Gartenkind und lebte in ihrem Kindheitsgarten. Alles, was sie sah, entzückte sie – „in ihrem Sein war ein Rausch“. Sie war das Gänseblümchen, dem sie täglich beim Wachsen zusah, – ohne den Wunsch, es pflücken zu wollen. Sie saß stundenlang in der Astgabel am Apfelbaum und beobachtete die Ameisen, die die Ameisenstraße entlang liefen. Hinauf und wieder hinunter. Es gab nichts Spannenderes als diese Ameisen. Und – ich möchte heute sagen – mit Ehrfurcht sah sie zu.

So Ham – ich bin (das) – sie war das Gänseblümchen, die Ameisen, der Schmetterling; und sie war die Ribisel – die sie liebevoll und achtsam von der Staude pflückte und sie mit geschlossenen Augen verspeiste, – welch ein Genuss.

Wann war sie nicht mehr So Ham?

Als sie die Worte kennen lernte und sich ihr Märchenbuch mitnahm in die Astgabel? Noch immer Acht gebend auf die Ameisenstraße, aber versunken in den Worten der Geschichten …?

War es als sie in Schule kam und schreiben und rechnen lernte …?

War es als sie die schmerzliche Erfahrung machte, dass ihr „Ich bin, die ich bin“ nicht erwünscht war / nicht in Ordnung war …?

In den letzten Jahren habe ich mich von vielen Bildern, die ich über die Welt und mich hatte, verabschiedet. Ich habe vieles herausgeschrieben aus mir und mich verabschiedet – vor allem in den Erzählungen –  „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“ / „Medea geht in Pension“ / „Vom Vergeben und Verzeihen“ …

II Wortlos in der Ekstase

Die andere Seite der Medaille – Schweigen und Stille -, ist die Ekstase. Das Leben beruht auf Gegensätzen – Tag und Nacht / Sommer und Winter / Leben und Tod …

Die andere Seite des Schweigens ist Musik und Tanz.

Sich ganz in der Musik verlieren – eins werden mit den Tönen – sich selbst / das Ich – vergessen und sich mitnehmen lassen in einen anderen Raum.

Wenn ich meinen Körper / jede Zelle meines Körpers / mit den Tönen der Musik mitschwingen lasse, kann ich zu jeder Musik tanzen. Und es wird immer anders sein. Ganz gleich ob das Musik von Bach / Mozart / oder Pink Floyd ist. Ganz gleich ob Gregorianische Gesänge oder Oshos Tanzmeditationen sind.

Osho schreibt:

„Musik ist Meditation – kristallisiert in einer bestimmten Dimension. Meditation ist Musik – ins Dimensionslose aufgelöst. Sie sind nicht zwei. (…) Du gehst in ihr auf, du wirst betrunken in ihr. Etwas aus dem Unbekannten senkt sich über dich … (…) Du bist auf einmal in einem tiefen Orgasmus mit dem Ganzen; mit dem All. (…) 1)

So Ham …

„(…) Du atmest ein und du atmest aus, und darin ist Rhythmus und Harmonie. Das Einatmen ist weder gegen das Ausatmen noch ist das Ausatmen gegen das Einatmen. Beides gehört ein und demselben Vorgang an. (…)“ (2)

Die vergessene Sprache der Ekstase.

Auch hiefür gilt es Worte zu finden.

In meiner Erzählung „Das Geheimnis des Berges“ habe ich über eine Wanderung auf einen Berg im Anagagagebirge auf Teneriffa erzählt. Der Berg hat mich gerufen, und als ich ihn verließ, schrieb ich: „(…)Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war. (…)“

So Ham …

Ohne Abschied nichts Neues.

Ohne Loslassen nichts Neues.

Ich schreibe weniger.

Ich schreibe anders.

Ich habe die wahren Worte noch nicht gefunden – vielleicht in Ansätzen erahne ich sie …

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Hier das Gedicht von Bruno Mesa, aus dem ich zitiert habe:

Schweigend

In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann.

Doch auch in den Steinen,

der Parkbank

und dem quietschenden, verlassenen Stuhl:

eine Bitte und eine Wahrheit.

In diesen Dingen erlöse ich mich täglich,

gehe ungewollt auf sie zu.

Sie bejahen in ihrer Sprache,

was ich in meiner nicht sehen kann.

In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst.

(Bruno Mesa, übersetzt von Magdalena Kotzurek) 1)

Info:

1) Grand Tour. Eine Reise durch die junge Lyrik Europas; Hanser Verlag

2) Das Buch, 1988 gekauft hieß damals: Das Orangene Buch. Die Meditationstechniken von Bhagwan Shree Rajneesh

Heute heißt es: Das Orangene Buch. Die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert; Innenwelt Verlag

3) Osho: Glück, Ekstase und das Lied des Seins. Über die poetischen Verse des Mystikers Kabir; Innenwelt Verlag

Medea geht in Pension

Medea schaut hin.

Medea spricht aus.

Medea ruft und mahnt.

Covid-19 bringt zum Vorschein, was schon lange nicht mehr passt.

Wenn man denn hinschauen möchte.

Und Medea macht dies. Medea ärgert sich. Schon lange. Und wenn Medea sich ärgert kann ihr Zorn sehr groß werden. Dazu kommt Enttäuschung, ja eine Ernüchterung, und schlussendlich Resignation.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verliert Medea ihren Optimismus.

Ihr Optimismus, dass, wenn sie nochmals und nochmals darauf hinweist, wenn sie noch ein Projekt startet, Menschen nicht nur in Erkenntnisresonanz mitschwingen, sondern dass ihre Worte auch endlich Handlungsresonanz erzeugen.

Medea akzeptiert, dass es nicht so ist.

Medea akzeptiert, dass es so ist wie es ist.

Medea ist zornig. Hätte sie Blitze wie Zeus zur Verfügung, sie würde sie schleudern.

Wenn sie immer wieder zu hören bekommt, dass sie so privilegiert sei, da sie doch eine Pension erhalte. Damit wird begründet, dass sie – im Gegensatz zu der Person selbst oder vielen anderen – Zeit habe, um nachzudenken.

Nein, faucht sie, das ist kein Privileg.

Wenn jemand 40 Jahre lang gearbeitet und Pensionsbeiträge einbezahlt hat, dann ist es kein Privileg die Pension auch zu erhalten, sondern ein gutes Recht. Punkt.

Medea hört und schaut sich keine Nachrichten mehr an. Die Endlosschleifen der Riege von Regierungsmitgliedern und unzähligen Experten, die sich in täglichen Zahlenkolonnen und nichts sagenden Worten wiederholen. Obwohl sie es im Großen und Ganzen gut hingekriegt haben. Das muss sogar Medea ihnen lassen.

Wo sind die Frauen? – fragt sie. Der Virus macht sichtbar wer die Macht hat. Hört sie nicht immer wieder, dass in Krisen nach dem Vater gefragt werde? Sie sieht Hera vor sich, wie sie wütend aufstampft und Zeus zur Rede stellt: „Spielst du dich jetzt wieder als großen Retter auf, nachdem du alles verbockt hast, du alter Ziegenbock!“ Fast muss sie lächeln. Aber nur fast.

Ja, sie sorgen sich, die männlichen Mächtigen. Sie sorgen sich um das Volk, die einsam und ängstlich seien, – sagen sie. Man müsse sie doch beschäftigen, bevor sie auf dumme Gedanken kommen, – denken sie.

„Gebt dem Volk Brot und Spiele“ – sie erinnert sich an Julius Cäsar, der sich damit nicht nur die Stimmen bei den Wahlen sicherte, sondern das Volk auch ablenkte, damit sie keine Aufstände starteten.

Wie sich doch alles wiederholt, denkt sie, und schon lange weiß sie, dass die Unterhaltungs-Industrie nicht nur aus ökonomischem, sondern auch aus taktischem Kalkül gefördert wird. Ablenkung von den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen, nach wie vor.

Nur 100 Jahre haben Menschen gebraucht, die Natur, und damit auch in absehbarer Zeit sich selbst, zu zerstören. Die Industrialisierung und die „Spiele“ der letzten 50 Jahre, bedeuten Raubbau der Ressourcen und Umweltzerstörung in einem Ausmaß, dass die Klimakatastrophe unausweichlich ist. Wissen sie es? Ja. Tun sie etwas? Nein.

Wenn Medea nicht wüsste, dass Zeus, das Schlitzohr, sofort etwas dafür verlangen würde, würde sie ihn um einen seiner Blitze bitten, um sie auf die jetzt ruhenden Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zu werfen. Sollen sie doch mit dem Steuergeld der Menschen gerettet werden, damit diese dann in der Umweltkatastrophe untergehen, – das ist mehr als ein Shakespearsches Drama – die Lemminge stehen vor der Klippe …

Ja, es gibt sie, diejenigen, um die man sich sorgen muss. Diejenigen, die mit ihren Ängsten und Sorgen um ihre Existenz nicht zurechtkommen, weil sie übersehen werden, von der Politik missachtet werden.

Ja, es gibt sie, diejenigen, die ihre Existenz verlieren. Sie darf gar nicht daran denken, welch Hohn es bedeutet, dass die Menschen, die in den so genannten „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, jetzt mit einer geringen Bonuszahlung abgespeist werden sollen, anstatt ihre Gehälter auf Dauer zu erhöhen.

Ja, die gibt es alle – und Medea weint, es zerreißt ihr das Herz, wenn sie sieht wie wenig für diese Menschen wirklich und anhaltend gesorgt wird.

Jedoch es gibt auch die, die sich keine Sorgen machen müssen, und die nun endlich Zeit haben – die sich erholende Natur zu genießen, die Ruhe und Stille – endlich ist dieser Geschwindigkeitsrausch / die Geschwindigkeitssucht / die immer Mehr-, Weiter-, Höher-Sucht zu Ende – zu Ende? Ist sie das? Oder ruht sie nur. Und dann geht es so weiter wie gehabt?

Zurück zur „Normalität“?

Niemand, auch nicht die Medien, machen darauf aufmerksam, dass jetzt viel Zeit vorhanden wäre, um umzudenken und Veränderung anzudenken, damit nicht die Normalität – nach der sich offensichtlich so viele sehnen – weitergeht. Wobei gar nicht so viel nachgedacht werden müsste, denn es gibt bereits einige probate Lösungsvorschläge. Nur sehen wollen muss man.

Daran zu denken, dass uns diese Normalität genau dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind – wie oft schon hat sie darauf aufmerksam gemacht. Sie ist es endgültig leid.  

Und trotzdem sieht sie auch, dass so manche „frisch Gekündigte und Unternehmen während der Schließung“ nachdenken – ein Automechaniker, der seine Werkstatt verkleinert, weil er merkt, dass er keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein Unternehmer, der vorhat, jetzt endlich seinen Betrieb auf Gemeinwohl-Ökonomie umzustellen.

Sie haben nachgedacht. Doch es sind zu wenige. Viel zu wenige.

Wenn Politiker*innen Menschen nicht zutrauen, dass sie denken können – vielleicht genau so gut oder schlecht wie sie selbst – haben sie Angst, dass sich etwas verändern könnte. Dass sie ihre, doch nur so kurz andauernde Macht, verlieren könnten.

Ja, so ist es. Medea, denkt an die Geschichte der Menschheit und nickt.

Erlebt sie doch täglich, wenn sie versucht, mit Menschen über mögliche Veränderungen zu sprechen, dass sofort und auf der Stelle Widerspruch kommt. Aber das geht doch nicht / das wollen „die“ sicher nicht / das wird nicht funktionieren/ etc. etc. – hört sie. Kein Nachfragen, wie soll das gehen / wie meinst du das – nein, sofort – das geht nicht.

Resignation breitet sich immer mehr aus in ihr. Dann bleibt in eurem Leben und lamentiert und schimpft weiter dahin – denkt sie.

Und – nein, so will ich nicht leben.

40 Jahre lang hat sie sich in der Frauenbewegung engagiert.

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männderbündelei und Weiblichkeitswahn.“

hörte sie von „der Dohnal“. Von 1990 – 1995 war Dohnal die 1. Frauenministerin Österreichs. Und sie schöpfte Hoffnung. Wie hoffnungsfroh waren sie damals in der Frauenbewegung – in einer ungestümen Aufbruchsstimmung! Alles vorbei.

Seit einigen Jahren wird die Rückwärtsbewegung immer sichtbarer und jetzt gibt es eine Frauenministerin, die immer wieder vehement betont, dass sie keine Feministin sei. Irgendetwas hat sie da nicht verstanden.

Vor 13 Jahren war Medea Gründungsmitglied der „Initiative Zivilgesellschaft“. Sie hat sich verabschiedet. Es wurden und werden keine  gesellschaftspolisch relevanten Veränderungen durch diese Bewegung, die Medea nicht mehr als bewegt empfindet, gestartet.

Vor ca. 15 Jahren hatte sie gemeinsam mit einem Freund zu einem Vortrag über das Bedingungslose Grundeinkommen geladen. Nach dem Vortrag saßen sie mit einigen Interessierten an einem der Runden Tische beim Chinesen. Dort gründete sich dann der „Runde Tisch Grundeinkommen“.

Die Idee des Grundeinkommens in den verschiedensten Ausformungen und Namen gibt es schon sehr lange. Nächstes Jahr soll noch einmal ein Volksbegehren gestartet werden.

„Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

Medea hat sich von allen Initiativen und Bewegungen verabschiedet.

Wer wird sie sein, die 70-jährige Frau, die Medea in Pension schickt?

Zwei wichtige Rollen ihres Lebens – die Psychotherapeutin und Medea – ausgespielt / zu Ende gespielt.

Wer wird sie dann sein?

Bereits im Jänner dieses Jahres schrieb sie in ihrem Blog:

„ … Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

…“

Der Pfad begann sich damals bereits abzuzeichnen, und manchmal braucht es seine Zeit, bis es einem bewusst wird, dass es noch weiter und weiter geht. Bis man eines Tages merkt – ja, jetzt ist man angekommen, im neuen Leben.

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem – wieder einmal – alles neu beginnt.

JETZT

Foto: Monika Krampl, Baden, Juni 2016