Die Turmeremiten

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2009 war ich für eine Woche Turmeremitin im Mariendom in Linz. Ich habe hier in einem Beitrag bereits darüber berichtet. (Unter dem Schlagwort „Eremitin“ suchen)

2011 hat der ORF eine sehr schöne Dokumentation mit verschiedenen EremitInnen, die so wie ich eine Woche in der Türmerstube waren, gemacht. In dieser Dokumentation berichten die EremitInnen nicht nur über ihre Erfahrungen, man bekommt auch einen Einblick in die Türmer- und Glockenstube, die Wendeltreppe mit den vielen Stiegen und in das Innere des Domes sehen, der nachts der Eremitin allein gehört …

In dem folgenden Link gibt es die Aufzeichnung zu sehen.

Oder: Dienstag, 31. Jänner 2017, 23:25, wird die Doku auch nochmals auf ORF2 ausgestrahlt.

http://tvthek.orf.at/program/Archiv/7648449/Stille-ueber-der-Stadt-Die-Turmeremiten/7991438/Stille-ueber-der-Stadt-Die-Turmeremiten/7991439

 

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Vom Tun zum Sein

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 Ich schenke mir dieses Jahr

Ich werde am Flussufer sitzen und alles vorbeischwimmen lassen, was vorbeikommt.

Auf jedes Ding, auf jeden Baum, auf jeden Ast, auf jedes Stöckchen, das vorbeischwamm, bin ich aufgesprungen. War ja alles so interessant, so lustig, so spannend. War es auch. Nicht immer, aber oft. Jedes Angebot für eine Teilnahme, jedes Interesse für ein Projekt, eine Initiative – ich lasse sie weiter schwimmen …

Dieses Jahr nur für mich.

Nun ist die Zeit des Sitzens und Zuschauens gekommen. Die Zeit zu sitzen / zu sehen / zu lauschen / zu spüren / zu Sein.

Basti, mein verstorbener Kater. Mein Lehrmeister. Stundenlang konnte er bewegungslos sitzen. Manchmal mit geöffneten Augen, manchmal mit geschlossenen. Man wusste nie – schaut er / sinniert er / meditiert er / schläft er vielleicht …

Wer nun meint, dass dies sehr angenehm und bequem sei, der irrt.

Alle, die je meditiert haben, merkten, dass es – zumindest am Beginn – sogar sehr unbequem werden kann. Der Körper, der sich dauernd bewegen möchte. Die Gedanken auch. In alle Richtungen laufen sie auseinander – in die Vergangenheit, in die Zukunft. Nur weg. Und wenn sie in der Gegenwart sind, dann beschäftigen sie sich damit, wie unbequem das jetzt sei und – was es doch alles zu tun gäbe. Dass doch alles viel wichtiger sei, als hier zu sitzen und nichts zu tun.

Dabei tut sich doch gerade so viel. Wahrnehmen was ist. Der Rücken schmerzt / die Nase juckt / ein Bein schläft ein. Der Körper widerstrebt. Der Geist widerstrebt. Die Gefühle widerstreben. Alle wollen nur fort.

Fort wovon? Vom Sein.

Vom Sein im Hier und Jetzt.

Jetzt – während ich diese Zeilen schreibe:

Morgendämmerung

Auf einem Ast vor meinem Fenster

Ein Vogel zwitschert

Nichts sonst

 

Sehen / hören / wahrnehmen / innerlich still bleiben / nicht von den Gedanken wegtragen lassen / jetzt DaSein / nichts sonst …

 

Wie lernen wir uns kennen?

Wenn wir aufhören zu Tun im Außen / uns abzulenken.

Dann merken wir, welcher Trubel innerlich ist.

Solange wir uns im Trubel außen aufhalten und beschäftigen, merken wir den inneren Trubel nicht.

Innehalten / DaSein / Ein Vogel zwitschert / Nichts sonst

 

Manche Menschen beschäftigen sich pausenlos im außen und lernen sich daher nicht kennen. Wollen es vielleicht auch nicht. Ist eine Entscheidungssache, ob das jemand will oder nicht. Menschen entwickeln sich sehr unterschiedlich.

Manchen wird die Entscheidung abgenommen oder aufgedrängt. Je nachdem, wie man das sehen will. Sie werden lebensbedrohlich krank. Sie haben einen schweren Unfall. Eine schwere Behinderung. Und sie sind gezwungen, eine ganze Weile nichts zu tun. Im Außen. Innerlich tut sich sehr viel.

Viele Menschen erleben gerade in dieser Zeit eine Wandlung. Sie verändern sich.

Sie beginnen das Leben zu schätzen – weit mehr als sie es vorher taten. Oder jetzt erst recht. Sie strahlen. Sie strahlen Freude und Lebenslust aus. Nicht alle. Aber viele.

 

Tiefgreifende Veränderungen passieren dann, wenn man sich neu fragen muss:

Was ist wichtig in meinem Leben? Wo will ich hin?

 

Da gilt es erst mal herauszufinden, was das Wesentliche und das Wichtige denn ist.

Und diese Frage gilt es immer wieder neu zu stellen. In jedem Alter.

 

Vieles von dem war wir tun, ist einfach Ablenkung.

Ablenkung vom Wesentlichen.

Ablenkung vom Wichtigen.

 

Wenn die Ablenkung im Außen aufhört, passiert Innerlich sehr viel.

Freude und Schmerz. Beides kann schön sein, wenn wir uns ganz tief und unmittelbar auf diese Gefühle einlassen.

Ich trauere um meinen Kater. Und der Schmerz ist groß. Je mehr ich mich auf diesen Schmerz einlasse, ihn zulasse, desto mehr spüre ich mich.

Ja, das ist jetzt mein Gefühl. Tiefer Schmerz. Und irgendwann wird er wieder zu Ende sein. Und irgendwann wird wieder Freude da sein.

 

Jetzt

Trauer und Schmerz

Nichts sonst

 

Keine Ablenkung

Nun ist es Zeit zu spüren / zu sehen / zu lauschen / zu Sein.

 

 

Ein Abschied

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Die Schneedecke im Garten glitzert im Sonnenlicht.

Mein Kater hat noch drei Stunden zu leben. Er schläft unter seiner Lieblingsdecke. Er hat heute nichts mehr gefressen.

Ich erinnere mich.

Als mein Sohn mit seiner Familie noch in Wien wohnte, fanden sie ihn auf der Straße. Er war offensichtlich ausgesetzt worden. Die Kinder nannten ihn Basti. Ich hatte Respekt vor ihm und vermied den Kontakt. Einerseits suchte er körperliche Nähe – wenn man ihn hielt knabberte er am Ohrläppchen und trenzte einen ganz nass. Sein zweiter Name war daher „Trenzerling“. Andererseits wusste man nie, wann ihm der Körperkontakt reichte und er einfach zubiss.

Vor ca. 9 Jahren übersiedelte die Familie von Wien nach St. Pölten, in ein Haus, das gegenüber dem Haus meiner Mutter liegt. Die Katzenfamilie erweitere sich nach und nach auf fünf Katzen. Dazu kam noch ein Hund. Basti ist eher ein Einzelgänger und zog in das Haus meiner Mutter ein. Meiner Mutter war das anfangs nicht recht. Sie betonte immer wieder „Mir kommt keine Katze mehr ins Haus“. Da kannte sie noch nicht die Beharrlichkeit von Basti. Sie schmiss ihn immer wieder raus und er kam umgehend wieder.

Sie gab auf und hatte eine Katze. Er trenzte weiter. Sein Beißen allerdings wurde weniger und leichter. Er biss nicht mehr so fest zu.

Vor vier Jahren zog auch ich nach St. Pölten. In das Haus meiner Mutter. Sie war an Krebs erkrankt. Und – ich freundete mich langsam an mit diesem eigenwilligen Kater. Meine Mutter schlief tagsüber sehr viel und der Kater auf ihr unter seiner Decke. Legte sie sich einmal nicht zu der üblichen Zeit hin, lief er ihr solange nach und maunzte, bis sie sich hinlegte. „Der Kater kommt mir nicht ins Bett“. Manchmal merkte sie es gar nicht, dass er ganz unten bei ihren Füßen lag. Und somit wurde das sein Platz. Meine Mutter starb vor zwei Jahren.

Ich baute mir ein Haus im Garten meines Sohnes. „Mir kommt keine Katze ins Haus!“ Es dauerte nicht sehr lange, bis Basti in mein Haus einzog. Auch ich mache jetzt täglich ein Mittagsschläfchen und er liegt auf mir unter seiner Decke. Auch bei mir liegt er im Bett bei den Füßen. Auch ich machte halbherzige Versuche, ihn nicht in mein Bett zu lassen, doch kannte ich ihn doch schon sehr gut. Basti knabbert nach wie vor gerne an meinen Ohren. Er trenzt mich von oben bis unten voll. Doch er beißt schon lange nicht mehr.

Nachdem es ihm seit einem Jahr immer schlechter geht, stellte die Tierärztin fest, dass auch er Krebs hat. Einen Tumor, der schon längere Zeit in ihm gewesen sein musste, denn er war nicht mehr behandelbar. Nun haben wir dieses Jahr mit viel Liebe und Betreuung verbracht.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo die schlechten Phasen die guten überwiegen.

Und bevor die Schmerzen zu groß werden, werde ich ihn heute gehen lassen …

Doch meine Trauer ist sehr groß – um diesen eigenwilligen und liebevollen Kater Basti.

19 01 2017

 

 

Schnee in der Toscana

casa-purgatorio-casentino

1988 war ich für sechs Wochen in der Toscana um mitzuhelfen ein verfallenes Steinhaus wieder aufzubauen. Ich habe Steine geschleppt, einen Garten angelegt …
In all den Jahren haben die Besitzer des Seminarhauses mehrmals gewechselt.

Ich war nie mehr dort.

Hie und da sehe ich mir die neuesten Bilder an. Die Erinnerung ist herzerwärmend schön!
Und jetzt liegt Schnee ..

Casa Purgatorio im Casentino

http://www.casa-purgatorio.de/

Es ist nie zu spät …

toyo-shibata-buch

Toyo Shibata wurde in ihrer Heimat Japan zur Berühmtheit, als sie mit 100 Jahren ihr Debüt als Autorin vorlegte. Mit 92 begann sie, ihre Gedanken und Gefühle niederzuschreiben: »Ich denke dabei an vieles: meine Vergangenheit, meine Familie, mein derzeitiges Leben. Ich versenke mich in meine Erinnerungen und schreibe über sie.« Ursprünglich im Selbstverlag veröffentlicht, eroberte ihr Buch die Herzen der Japaner im Sturm und verkaufte sich innerhalb weniger Monate fast zwei Millionen Mal. In ihrer Heimat wird sie als Symbol der Weisheit und Hoffnung verehrt.

VERGESSLICHKEIT

Im Alter
scheint man ständig
alles Mögliche zu vergessen

die Namen der Leute
viele Schriftzeichen
ja und eine Menge Erinnerungen

alles fort – und warum
macht mich das nicht
traurig?

das Glück ist
sich mit dem Vergessen
abzufinden

ich höre die Abendzikade
zirpen

 

 

NachtWorte / NachtGeflüster

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Damals

Als es noch kein Davor

gab

und ein Danach

unvorstellbar

rührte das Schmelzen

einer Schneeflocke

am Wollfäustling

zu Tränen

 

Damals es noch kein Davor

gab

und ein Danach

unvorstellbar

war alles Neu

und Unwiederbringlich

***

 

Die Schönheit

einer Schneeflocke

ein Wimpernschlag

Wirklichkeit

die verschwindet

***

 

Zen-Weg

kein Davor

kein Danach

***

 

Schneeflocke

Nichts

war da

 

Aus dem

Nichts

Ins Nichts

***

 

„Wenn man sich nicht bemüht, das Unaussprechliche auszusprechen, so geht nichts verloren. Sondern das Unaussprechliche ist, – unaussprechlich – in dem Ausgesprochenen enthalten.“

(Ludwig Wittgenstein)

 

Die Mahnung an den Dichter lautet in Abwandlung eines alten Wortes: „Schweig, damit ich dich sehe!“ Das Wort großer Dichtung ist eine Metapher der Stille. …

Es zeichnet sich aus durch jenes „Fasten des Herzens“, das Schweigen heißt. (1)

Nun halte ich mich nicht für eine große Dichterin, jedoch eine große Schweigerin. Meist verwende ich in meinen Gedichten so wenig Worte wie möglich. In vielen Gedichten versuche ich daher eher zu Zeigen als zu Beschreiben. Die Kunst ist es, ohne Worte zu sagen: „So ist es“.

 

Die obigen Gedichte sind keine Haikus, obwohl ich manches Mal auch welche schreibe. Der nachstehende Text über Haikus gefällt mir jedoch so gut, dass ich ihn zitieren möchte:

„Das Haiku ist a-verbal, sigetisch, dem Schweigen geneigt. Der Haiku-Dichter ist kein Worte-Macher, er geizt mit Worten, er ist wortkarg. Die kargen Worte des Haiku nehmen sich gleichsam in die Wortlosigkeit zurück, um die Dinge als lebendige Worte in ihrem Selbst-so-Sein selbst wortlos sprechen zu lassen. Haiku-Dichtung versteht, wer ihr Schweigen hört. Das Schweigen des Haiku ist ein Schweigen um Nichts. …

Der Haiku-Dichter sagt, ohne zu sagen. Sein Reden ist schweigsam, sein Schweigen ist beredt, es ist ein Schweigen, ohne zu schweigen. Er ist beim Schweigen „im Wort“. Wenn er redet, dann schweigt er und zeigt, zeigt den Augenblick der Dinge. Die höchste Rede des Dichters ist diejenige, die in tiefstes Schweigen versunken ist.“ (2)

(1) und (2) G. Wohlfahrt: Zen und Haiku, 171 f