Der Dichter Georg Trakl

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Als ich 35 war, hat mich einer meiner liebsten Liebsten (kein Schreibfehler!) mit Georg Trakl in Berührung gebracht. Trakl war einer seiner Lieblingsdichter. Dafür und für vieles andere auch, bin ich ihm sehr dankbar. Es gibt Zeiten in meinem Leben, in denen ich in Trakls „wütende Melancholie“ (Markus Meyer) und seine Sehnsucht gerne eintauche …

„Als ich 15 Jahre war, bin ich in der Schule das erste Mal mit Georg Trakl in Berührung gekommen; ein paar Jahre später habe ich sogar über zwei seiner Gedichte maturiert. Seit dieser Zeit gehört Trakl zu meinen Lieblingsdichtern, vielleicht gerade weil er mir ein Rätsel bleibt“, das sagt Burgschauspieler Markus Meyer, der für die heutige Ausgabe von „Du holde Kunst“ Gedichte von Georg Trakl ausgewählt hat.

„Es ist seine bildgewaltige, musikalische Sprache, diese Mischung aus wütender Melancholie und großer Sehnsucht nach Liebe eines einsamen Herzens, die mich immer wieder fasziniert aufhorchen lässt“, so Markus Meyer. „Für mich ist Georg Trakl ein Mensch, der seinen Platz in der Welt nicht gefunden hat oder finden konnte. Vielleicht berühren mich deshalb seine Gedichte so sehr.“

Heute in Radio Ö1, 6. November, 08:15, „Du holde Kunst“ Markus Meyer liest Georg Trakl. Sendungen von Ö1 gibt es auch zum Nachhören!

Drei Träume

I.

Mich däucht, ich träumte von Blätterfall,
Von weiten Wäldern und dunklen Seen,
Von trauriger Worte Widerhall –
Doch konnt´ ich ihren Sinn nicht verstehn.

Mich däucht, ich träumte von Sternenfall,
Von blasser Augen weinendem Flehn,
Von eines Lächelns Widerhall –
Doch konnt´ ich seinen Sinn nicht verstehn.

Wie Blätterfall, wie Sternenfall,
So sah ich mich ewig kommen und gehn,
Eines Traumes unsterblicher Widerhall –
Doch konnt´ ich seinen Sinn nicht verstehn.

II.

In meiner Seele dunklem Spiegel
Sind Bilder niegeseh´ner Meere,
Verlass´ner, tragisch phantastischer Länder,
Zerfließend ins Blaue, Ungefähre.

Meine Seele gebar blut-purpurne Himmel
Durchglüht von gigantischen, prasselnden Sonnen,
Und seltsam belebte, schimmernde Gärten,
Die dampften von schwülen, tödlichen Wonnen.

Und meiner Seele dunkler Bronnen
Schuf Bilder ungeheurer Nächte,
Bewegt von namenlosen Gesängen
Und Atemwehen ewiger Mächte.

Meine Seele schauert erinnerungsdunkel,
Als ob sie in allem sich wiederfände –
In unergründlichen Meeren und Nächten,
Und tiefen Gesängen, ohn´ Anfang und Ende.

III.

Ich sah viel Städte als Flammenraub
Und Greuel auf Greuel häufen die Zeiten,
Und sah viel Völker verwesen zu Staub,
Und alles in Vergessenheit gleiten.

Ich sah die Götter stürzen zur Nacht,
Die heiligsten Harfen ohnmächtig zerschellen,
Und aus Verwesung neu entfacht,
Ein neues Leben zum Tage schwellen.

Zum Tage schwellen und wieder vergehn,
Die ewig gleiche Tragödia,
Die also wir spielen sonder Verstehn,

Und deren wahnsinnsnächtige Qual
Der Schönheit sanfte Gloria
Umkränzt als lächelndes Dornenall.

Weitere Gedichte zum Nachlesen:

http://oe1.orf.at/programm/453031

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