Verwoben

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eine schneedecke

liegt über dem weltenland,

horch – ein amsellied!

 

Haiku von Petra Sela, übersetzt vom Deutschen ins Japanische von Koghen Tabushi

Haiku (jap. 俳句) ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Das Haiku gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt.

Japanische Haiku bestehen meistens aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren), wobei die Wörter in den Wortgruppen vertikal aneinandergereiht werden. Im Deutschen werden Haiku meist dreizeilig geschrieben. Unverzichtbarer Bestandteil von Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Vor allem traditionelle Haiku deuten mit dem Kigo eine Jahreszeit an.

 

Aus dem Buch: verwoben, Edition Doppelpunkt

 

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Musik zum Hinhören

Esbjörn Svensson Trio & Pat Metheny & Holstein Chamber Orchestra

Esbjörn Svensson, (1964 – 2008), war der Pianist und Komponist der schwedischen Jazzband Esbjörn Svensson-Trio (E.S.T.). Er gilt als einer der herausragenden Jazzpianisten der Zeit um die Jahrtausendwende und schuf mit seiner Band einen neuartigen Jazztrio-Klang.

Pat Metheny, ist ein US-amerikanischer Jazzgittarist. Als Gastmusiker, Solokünstler und Leiter diverser eigener Formationen etablierte er sich seit Mitte der 1970er Jahre als einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Jazzmusiker der Welt. Stilbildend wurde neben seinem eigenen Spiel auf verschiedenen akustischen und elektrischen Saiteninstrumenten auch seine Arbeit mit der Pat Metheny Group, mit der ihm ein eigenständiger Ensembleklang gelang.

Eine fast normale Kindheit

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Ein Kurzgeschichtenband des von mir sehr geschätzten Schauspielers Matthias Brandt über seine frühen Kindheitsjahre.

>> … Wie findet sich ein Sohn, der noch Kind ist, mit so einem Vater zurecht? Die Geschichte „Welthölzer“ zeigt das auf humorvolle und berührende Art. Willy Brandt, weder des Auto- noch des Radfahrens mächtig, soll dabei mit seinem Sohn und einem hochrangigen Politiker einen Radausflug machen. Das Vorhaben scheitert grandios – zumindest grandios erzählt. …

Die hohe literarische Qualität dieser 14 Geschichten liegt u.a. darin begründet, dass sie konsequent bei der Wahrnehmung des Kindes bleiben, erzählt in einer empathischen Erwachsenen-Sprache, wobei den Autor Matthias Brandt charakterisiert, was auch den Schauspieler auszeichnet: Intelligenz, Eleganz, Zurückhaltung, das beeindruckende Spiel mit feinsten Nuancen und ein gutes Gespür für Timing.

Ebenso versteht er es, Emotionen dosiert, aber wirkungsvoll einzusetzen. Es ist ein Erlebnis, zu lesen, wie Matthias mit seiner Mutter Rut in die Ferien nach Norwegen fährt oder dem in unmittelbarer Nachbarschaft wohnenden Alt-Bundespräsidenten Heinrich Lübke einen Besuch abstattet. Dabei zeigt sich der Bub nämlich feinfühliger als viele Erwachsene, die den an Zerebralsklerose leidenden Mann wegen seiner wirren Aussagen belächeln.<<

 

Matthias Brand: „Raumpatrouille“, Verlag Kiepenheuer & Witsch

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/858351_Eine-fast-normale-Kindheit.html

 

Wir sind viel mutiger …

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„Wir sind viel mutiger, als es den Anschein hat“

Erika Pluhar in einem Interview in der Presse über ihren „Brief an Österreich“, den Aufruf zu besonnener Vernunft und das Hochhalten der Demokratie – und über die Forderungen und Herausforderungen des Älterwerdens.

>> …In diesem Brief rufen Sie zu mehr Gelassenheit auf . . .

Zu besonnener Vernunft. Denn gelassen kann man bei diversen Äußerungen nicht bleiben. Da kann ich auf atavistische Weise so ungehalten werden, dass ich mich wirklich bändigen muss. Was aus der Rechts-außen-Ecke hervorgelogen und gehetzt wird, ist kaum zu ertragen. Aber nicht nur bei uns. Im Moment scheint die ganze Welt mehr denn je faschistoid gefährdet zu sein. …

… ich lebe mit dem Begriff „Trotzdem“. Dieses: Ich mach’ trotzdem weiter, und es ist trotzdem nicht alles nur hässlich. Es gibt ein Wienerlied von mir mit der Textstelle: . . . Dass das Leben vielleicht doch ein Geschenk ist? Sogar dann, wenn man Dir gar nix schenkt? Dieses Gefühl möchte ich den Menschen, die sich mit meinen Werken befassen, vermitteln. … <<

 

Erika Pluhars neuer Roman: „Gegenüber“, erschienen im Residenz Verlag

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/858539_Wir-sind-viel-mutiger-als-es-den-Anschein-hat.html

 

Ein Liebesbrief

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Die ungewöhnliche Ehe zweier Romantiker –

Bettine und Achim von Arnim

Bettine und Achim schrieben sich unzählige Briefe. Das Paar lebte überwiegend getrennt  – während Betinne in Berlin lebte, bewirtschaftete Achim das Gut Wiepersdorf.

Sie waren vierundvierzig und achtundvierzig Jahre alt und 20 Jahre verheiratet, als Betinne diese bezaubernde Liebeserklärung an ihren Mann schrieb:

„Du bist ein Dichter, und wenn Du mein Mann nicht wärest, wie sehr würde ich mich sehnen, eine Liebschaft mit Dir anzufangen, ja wie würde mich jedes kleine Gedicht, jede neue Erzählung aufs Neue zu Dir hinziehen, und so wahr ich leb’, ich würde Deine alte Huzel von Ehefrau nicht schonen, die nichts mehr sich von Dir angedeihen ließ als das tägliche Brot und das tägliche Sprechen, Schreiben, eheliche Küssen; ich müsste heimlich den Mann zum Küssen bringen, der eine Amra in Gedanken so zärtlich küsst.“ ….

„Aber ernst ist es doch und wahr, dass auch jedes Deiner Werke mich erschüttert, eine Aurora jugendliche Schlangenbadsgefühle aufregt und ich diese Aufregung sanft zur Ruhe bringe.“

(Amra ist eine Gestalt aus Arnims Drama „Die Gleichen“, eine schöne Orientalin, die sich in den Kreuzzugsgefangenen Graf Gleichen verliebt und ihn in sich verliebt macht – dieser aber verheiratet ist.)

 

Aus dem Buch von Hildegard Baumgart: Bettine und Achim von Arnim – Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe.

Es war eine der großen Liebesgeschichten der deutschen Romantik: Bettine Brentano und Achim von Arnim. Ihre Ehe dauerte von 1811 bis 1831 und verband zwei eigenwillige, gegensätzliche Gefühlsmenschen in einer höchst modern anmutenden Melange aus Zärtlichkeit und Konflikten, idealistischen Höhenflügen und profanen Sachzwängen.
Das ist der Ausgangspunkt der großen Erzählung dieser Ehe, die Hildegard Baumgart auf der Basis intensiver Quellenrecherche unternimmt. Nach einigen gemeinsamen Jahren lebte das Paar räumlich getrennt, Bettine mit den Kindern in Berlin, Arnim auf seinem Gut Wiepersdorf – eine Trennung aufgrund ökomischer Notwendigkeiten, aber auch aufgrund unterschiedlicher persönlicher Charaktere und Bedürfnisse. Und doch blieb ihre Gemeinschaft intensiv. Arnim wirkte weiterhin als Autor und leidenschaftlicher politischer Journalist, Bettine lebte auf im gesellschaftlich-intellektuellen Leben der Hauptstadt.

In dieser Doppelbiographie gelingt Hildegard Baumgart eine wunderbare Mischung aus genauer Recherche und lebendiger Erzählfreude. Es ist, als würde man die Arnims persönlich kennen.

http://www.suhrkamp.de/buecher/bettine_und_achim_von_arnim-hildegard_baumgart_17661.html

 

Nachtgebet

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Junge Leute werden manchmal wach
Und wissen, dass sie sterben müssen.
Dann erschauern sie kurz,
Und sie sehen verschiedene Bilder,
Und denken: Jeder muss sterben, und
Es ist noch Zeit.

Alte Leute werden manchmal wach
Und wissen, dass sie sterben müssen.
Dann wird ihr Herz bang,
Denn sie haben gelernt,
Dass niemand weiß, wie Sterben ist,
Dass keiner wiederkam, davon zu künden,
Dass sie allein sind, wenn das Letzte
kommt. Und wenn sie weise sind,
Dann beten sie. Und schlummern wieder.

(Carl Zuckmayer, 1896-1977)

Meine Reise in den Orient

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Türkei – Erinnerungen und Abschied

Aus einem meiner vielen ErinnerKartons, die bis jetzt in einem Lager waren. In diesen Kartons kommt vieles zum Vorschein.

Fünf Wochen Türkei im Jahre 1993

23 Jahre sind vergangen, und natürlich hat sich in der Zeit viel verändert. Wenn der Tourismus ein Land überfällt, ist es wie mit der Heuschreckenplage. Nichts ist wie vorher. Viel zu viele Menschen hatten sich in den Städten der Mittelmeerküsten angesiedelt. Allzu verständlich! Bereits Herodot wird folgende Bemerkung zugeschrieben: „Wer in dieses Gebiet kommt (…) zögert nicht, sich in dieser Stadt mit ihren guten Lebensbedingungen und dieser Schönheit für immer hier anzusiedeln.“ Mit der Ansiedlung und auch den Touristenströmen hat es jetzt ein Ende.

Die Presse (14. 6. 2016): Wenn die Strände leer bleiben. Auf den Hotels an der türkischen Riviera lasten Terror und Politik.

Die Presse (31. 10. 2016): Zahl der Türkei-Touristen bricht um ein Drittel ein. Auch im dritten Quartal ist die Tourismusbranche – einer der wichtigsten Devisenbringer – dramatisch eingebrochen.

Die diktatorische und Menschenrechte verletzende Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat zu einer Situation geführt hat, in der ich das Land sicher nicht mehr bereisen werde. In der es vielleicht in Zukunft auch nicht mehr möglich sein wird.

Bei meiner Türkeireise war ich verliebt. Ich reise gerne, wenn ich verliebt bin. Die Wahrnehmung und das Erleben der Welt ist anders – auch beim Reisen. Ich bin offener, die Stimmung ist freudvoller, glücklicher – es macht einfach viel mehr Spaß. Ich nehme alles viel unmittelbarer war. Die fünf Sinne sind weit geöffnet. Das Meer ist blauer und das Gras grüner, die fremde Musik und die fremden Laute sind fröhlicher, der Wein ist süffiger … 

Die Welt ist zum Umarmen  …

Ich bin sehr dankbar, dass ich mir fünf Wochen Zeit genommen habe für diese Reise, und ich bin meinem damaligen türkischen Freund, Kulturhistoriker, sehr dankbar für seine ausführliche, private Reiseführung, und seine liebevolle Begleitung. Auch wenn wir touristische Sehenswürdigkeiten besucht haben, so doch zu ungewöhnlichen Zeiten und allein. Und damit hatte alles einen eigenen Zauber.

Von Alanya nach Istanbul

Unsere Reise führte uns von Alanya an der Küste entlang nach Side, Aspendos und Perge. Dann ging es ins Landesinnere nach Konya, Pamukkale. Quer durch das Land, durch viele Dörfer, Iznik am wunderschönen Isznik-See bis zu unserem Endziel Istanbul.

Ich erzähle hier von den größeren Orten. Es würde sonst zu umfangreich. Obwohl viele Schönheiten im touristisch unbekannten Landesinneren waren.

Wie war das damals so als unverheiratetes Paar? Ein Türke und eine Österreicherin.

Ich fuhr mit dem Auto, weil mein Freund keinen Führerschein hatte. In den größeren Städten war es kein Problem, wenn mein Freund auf dem Beifahrersitz saß. Obwohl es auch hier so manches Mal unfreundliche Blicke gab. War ich allein unterwegs im Auto, wurde ich zum Großteil nicht beachtet. Anders war dies im Landesinneren – von überraschten und erstaunten Blicken bis zu erzürnten. Im Landesinneren, in den kleineren Dörfern, war es auch vielfach nicht möglich gemeinsam ein Zimmer zu nehmen, weil wir nicht verheiratet waren. Die schlimmste Situation war in einem kleinen Dorf an einem wilden Fluss, zu dem man nur über einem fast unbefahrbaren, mit Geröll übersäten Weg kam. Hier wurden wir, als wir nach einem Nachtquartier fragten, mit Steinen beworfen. Sie wollten uns sicher nicht treffen. Es wäre ihnen sonst gelungen. Aber vertreiben wollten sie uns.

Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Situation in den letzten 20 Jahren verbessert hatte. Vielleicht nicht gerade in dem Dorf hinter den Bergen …

Jedoch fürchte ich, dass es gerade jetzt wieder einen Rückschritt geben wird.

 

Unsere Reise

Tagebucheintrag 5. Juni 1993: 6.00 morgens Anflug auf Antalya. Auf der einen Seite des Flugzeugs das Meer, die Küste und ein Vollmond, auf der anderen Seite über dem Taurusgebirge die aufgehende Sonne. Mit dem Auto auf dem Weg nach Alanya – Bananen, Orangen, Zitronen, Feigen – und die rot blühenden Oleanderbüsche am Straßenrand.

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Alanya

Alanya, eine der bezauberndsten Ortschaften der anatolischen Südküste mit kilometerlangen Stränden. Eine Stadt zum Ankommen, zum entspannten Flanieren durch die Gassen der Stadt oder auf den Burgberg. Und vor allem die Sonne und das tiefblaue Meer zu genießen am Kleopatra Strand. Das Bergmassiv im Norden Alanyas ist die Küsten-Gebirgskette des West-Taurusgebirges.

Wie alles im Orient, hat auch der Kleopatra Strand eine Geschichte: Antonius erhielt für seine Verdienste nach Cesars Tod das Gebiet Kilikien. In dieser Zeit machte Königin Kleopatra auf ihrer Mittelmeerrundfahrt die Bekanntschaft von Antonius. Sie verliebten sich und heirateten. Als Hochzeitsgeschenk bekam Kleopatra von Antonius Korakesion (Alanya).

Was für eine schöne Geschichte …

Um der Sommerhitze auszuweichen, zieht die Stadtbevölkerung in die Sommerhäuser auf den Plateaus. 25 bis 60 km, und man ist in den kühlen Wäldern mit Wasserfällen und Picknickplätzen. In den Pergolas auf der Hochebene saßen wir so manchen Nachmittag, tranken Tee und schauten auf Alanya und das Meer.

Alanya-Lied

Am Mittelmeer glänzt du

Alanya als Perle.

Du bist einmalig auf Erden,

du bist die Schönste, Alanya.

 

Den Sandstrand streicheln die

Wellen des Mittelmeers,

die die Stadt heiter umgeben.

Ein Reiz ist jede Welle.

 

Zu jeder Zeit sind saftgrün

deine Gärten und Weinberge

Das Auge kommt auf sein Kosten

Smaragd sind die steil aufragenden Berge.

 

Wer dich gesehen hat,

vergisst diesen Traum nicht

Was für ein Zauber und Blendwerk,

welche Kraft, ist ungewiss.

 

Mit deiner einmaligen Schönheit

Bist du die Krönung, Alanya

Deine Natur macht dich

Zu einem Gedicht, Alanya.

(Arif Rüstü Görgün, Dichter, geboren in Alanya)

 

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Side

Ca. 75 km westlich von Antalya, auf einer kleinen Halbinsel, befindet sich Side. Side wurde bereits im VII. Jh. v. Chr. von den Griechen gegründet.

Wir wohnten in einem kleinen Häuschen direkt am Meer, in dessen Garten die Überreste von antiken Säulen und Kapitellen, diese von Blumen und Oleanderbüschen überwuchert, lagen. Wir kamen uns vor wie in einem grandiosen Freilicht-Museum.

Überreste der alten Stadtmauer, eine byzantinische Basilika, der Apollon-Tempel …

Eine malerische Altstadt mit einem kleinen Fischerhafen und einem feinen Sandstrand …

 

Ganz in der Nähe von Side, zwei beeindruckende – nein, überwältigende – Theater:

Aspendos

das besterhaltene und mit ziemlicher Sicherheit schönste unter den römischen Theatern der Türkei, mit einer überwältigenden Szenenwand.

Perge

erbaut im Jahre 100 n. Chr. mit einem Aufnahmevermögen von 12000 Zuschauern! Perge ist eine der wichtigsten Städte der Küste und auch vom religiösen Standpunkt aus berühmt. Der heilige Paulus hielt hier seine erste Rede. Historisch bedeutsam ist Perge, weil in Perge der Schriftsteller Apollonius geboren wurde.

 

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Konya

Wer kennt sie nicht – die „Tanzenden Derwische“?

Konya ist eines der häufigst besuchten Touristenziele der Türkei. Ein Ort, dessen Spirit leider durch die unzähligen Reisebusse und den Horden an Menschen verloren gegangen ist.

Mit Beginn des VIII. Jh. wird Konya von Celaleddin Rumi – bekannt als Mevlana – zum Wohnsitz ausersehen. Dieser Dichter und Philosoph war der Gründer des mystisch-religiösen Ordens der „Tanzenden Derwische“.

Wenn man jedoch das Kloster-Mausoleum Mevlanas, schon weitem erkennbar durch die mit grünen Fayencekacheln bedeckte, kegelförmige Kuppel, in einer stillen Stunde besucht, dann ist die Mystik dieses Ortes spürbar und Stille tritt ein.

 

Mein ganzes Leben liegt in diesen

drei Worten:

„Ich war unreif,

entflammte –

und wurde zu Glut“

(Mevlana)

 

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Von Konya nach Pamukkale

Als Pamukkale (Baumwollschloss) werden die weiß glitzernden Sinterterrassen bezeichnet. Die Terrassen sind das natürliche Werk von Jahrtausenden, in denen sich auf dem Plateau durch die kalkhaltigen Wasserläufe eine baumwollweiße Sinterschicht gebildet hat. Sogar die Grundmauern mancher antiker Bauten wurden so ca. 1 m tief vom Gestein begraben.

Aber nicht alles wurde begraben! Das Quellwasser füllt zuerst einen Quellenteich, und fließt dann weiter über die Terrassen. Dieser Quellenteich wurde von einem Hotel umbaut, und so kann man dort – sozusagen hautnah – zwischen zahlreichen antiken Säulentrommeln schwimmen.

Ein Hauch Geschichte und ein unbeschreibliches Erlebnis. Ein verliebtes Paar, nachts schwimmend zwischen antiken Säulentrommeln, Vollmond über den schimmernden Terrassen …  Klingt sehr kitschig. Aber so war es.

Welch ein Schatz in der Erinnerkiste.

 

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Iznik – von hier ist es nicht mehr weit nach Istanbul

Iznik ist historisch eine sehr interessante Stadt. So wie vieles in der Türkei. Eine angenehme Landstadt am Iznik-See. Gelbes Schilf, blaues Wasser, die Wellen rauschen ans Ufer, grüne Hügel …

Ascanius hieß dieser See früher. Die Stadt am Ufer hieß Nicaea und war eine Metropole des oströmischen Reiches. In der Geschichte des Christentums hat diese Stadt, einen besonderen Platz, denn hier tagten zu byzantinischer Zeit zwei der sieben allgemein anerkannten Ökumenischen Konzile, und zwar das erste und das letzte.

Türkische Archäologen entdecken im Iznik-See eine Ruine. Es könnte sich um den Tagungsort des ersten Konzils von Nicaea handeln. Der Ort des siebten Konzils, die Hagia Sophia von Iznik, ist seit 2011 Moschee.

Und natürlich, nicht zur vergessen – die Iznik-Keramik!

Iznik-Keramik ist die Bezeichnung für die zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert hergestellte glasierte Töpferware. Gefördert durch den osmanischen Hof und inspiriert durch chinesisches Porzellan im Blau-Weiß-Stil. Eine dieser wunderbaren Handwerksarbeiten steht als Erinnerung bei mir zu Hause.

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Istanbul

Die Einfahrt über die Bosporus-Brücke gibt bereits einen Vorgeschmack auf das Autofahren in Istanbul. Aber ich muss sagen, es war weniger anstrengend als in Athen.

Ich kann mir vorstellen, dass das anstrengendste Autofahren wahrscheinlich in Dehli und Bombay ist. Aber dort bin ich selbst nie Auto gefahren. Und – das ist auch wieder eine andere Geschichte.

Zu Istanbul werde ich nicht viel sagen. Istanbul ist allseits bekannt.

Istanbul, Konstantinopel, Byzanz –Krone dreier Reiche, 2700 Jahre Geschichte, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt der Türkei, Stadt auf zwei Kontinenten …

Und lebendig! Nicht nur in den Ladengasse des geschlossenen Basars, sondern auch abends in den Lokalen am Bosporus. Ich hatte das Gefühl, Istanbul schläft nie! Ich werde jetzt nicht wieder den Vollmond bemühen – obwohl er da war …

„Kein Verliebter kann diesen Basar durchschreiten, ohne es wie ein Unglück zu empfinden, nicht Millionär zu sein“ schrieb der Italiener Edmondo de Amicis im 19. Jahrhundert.

In den verwinkelten Gassen abseits der touristischen Strömungen trifft man ihn noch – den alten Zauber des traditionellen Basarlebens.

Zwei herausragende Erlebnisse, außer den täglichen vielen wunderbaren Entdeckungen an jeder Straßenecke, waren einerseits der Besuch der Hagia Sophia. Ich finde, sie ist eines der großartigsten und beeindruckendsten Bauwerke, die ich gesehen habe. Das andere, der Besuch der Prinzeninseln, oder auch Prinzessinneninseln genannt.

Die Prinzeninseln bestehen aus einer Gruppe von Inseln, die rund 20 Kilometer von Istanbul, direkt an der asiatischen Küste der Stadt gelegen sind. Genauer befinden sie sich im Marmarameer.

Auch hier wieder eine Geschichte: Einst dienten die Inseln als Verbannungsort für byzantinische Prinzen und Fürsten, daher auch der Name.

Heute wohnen hier hauptsächlich wohlhabende Einwohner von Istanbul, die im Sommer dort in ihren Sommerhäusern residieren. Die Inseln sind komplett autofrei. Man geht zu Fuß, fährt mit dem Fahrrad oder mit einem Pferdewagen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Zuerst weht ein leichter Wind,

Leicht bewegen sich

Die Blätter in den Bäumen.

In der Ferne, weit in der Ferne.

Pausenlos die Glocke der Wasserverkäufer.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

In der Höhe die Schreie der Vögel,

Die in Scharen fliegen.

Die großen Fischernetze werden eingezogen,

Die Füße einer Frau berühren das Wasser.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Der kühle Basar,

Mahmutpascha mit dem Geschrei der Verkäufer,

Die Höfe voll Tauben.

Das Gehämmer von den Docks her;

Im Frühlingswind der Geruch von Schweiß.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Im Kopf den Rausch vergangener Feste.

Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern,

Das Sausen der Südwinde legt sich.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ein Dämchen geht auf dem Gehsteig.

Flüche, Lieder, Rufe hinter ihr her.

Sie lässt etwas aus der Hand fallen,

Es muss eine Rose sein.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ein Vogel zappelt an deinen Hängen.

Ich weiß, ob deine Stirn heiß ist oder nicht,

Ich weiß, ob deine Lippen feucht sind oder nicht.

Weiß geht der Mond hinter den Nussbäumen auf,

Ich weiß es von deinem Herzschlag.

Ich höre Istanbul.

(Orhan Veli)

 Damit sind wir am Ende der Reise angelangt. Das Reduzieren auf nur Weniges aus diesen fünf Wochen fiel mir nicht leicht. Ich danke sehr herzlich meinem damaligen Freund und seiner Familie, die ich in Istanbul kennen lernen durfte, und den vielen gastfreundlichen Menschen, die ich unterwegs getroffen habe. Auch dem unendlich schönen Land, das noch viele Reisen wert wäre.

Da ich auf dieser Reise nicht fotografiert habe, sind sämtliche Fotos aus dem Internet.

395 Stufen in die Einsamkeit

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Aus meinem ErinnerKarton: Im Jahre 2009 war ich vom 1. bis 7. Mai Eremitin in der Türmerstube im Mariendom in Linz.

68 m hoch, 395 Stufen. Ein Projekt im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres. Woche für Woche lebten in diesem Jahr ErmetInnen in der Türmerstube.

Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Seit tausenden von Jahren ziehen sich Menschen zurück, um in die Tiefe zu gehen und einen neuen Blick auf das Leben zu erhalten.

Trotz Stromanschluss benutzen wir in der Zeit weder Computer noch Mobiltelefon. Unsere persönlichen Reflexionen in dieser Woche notierten wir in ein Tagebuch, das von EremetIn zu EremitIn weitergegeben wurde. Ein schönes Ritual zum Ankommen, wenn man von der vorherigen Eremitin das Tagebuch übergeben bekommt, und am Ende dieser Schweigezeit mit einem gemeinsamen Essen es wieder weitergibt.

Eine der ersten Fragen, die mir gestellt werden, ist die: Was hast du denn da gegessen?

Nun, es gab eine winzige Küchenzeile. Man konnte Kaffee und Tee kochen, sich das Frühstück zubereiten. Und täglich ging es zwei Mal die 395 Stufen über eine Wendeltreppe hinunter und wieder hinauf. Vormittags, um einen Rucksack mit dem zubereiteten Mittag- und Abendessen abzuholen, und nachmittags um ein kurzes Gespräch mit einem spirituellen Betreuer zu führen.

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Die Türmerstube ist ganz oben, unter dem Dach, darunter die Glockenstube. Ein überwältigendes Erlebnis, das Läuten der Glocken nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, wie sie sich langsam in Bewegung setzen und zu spüren, wie der Boden der Glockenstube zu schwingen beginnt. Der Rundgang über den winzigen Balkon hoch über den Dächern von Linz, mit Ausblick auf die Donau, ein tägliches Ritual – den Menschen ferner, dem Himmel näher.

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Stille

dröhnt

in den Ohren

Ausklang

der Unruhe

 

Stille

atmet Ein und Aus

Rhythmus

der Weltenseele

 

Stille

Raum schaffen

 

Stille

Ankommen

(M.K., 6. Mai 2009)

 

Für meine Mutter

Zu ihrem 75. Geburtstag im Jahre 2004

Viele meiner Sachen deponierte ich vor zwei Jahren in einem Lager. Seit Wochen bringe ich nun Übersiedlungskartons in mein Haus um sie durchzusehen, und jeder Übersiedlungskarton birgt Überraschungen. Heute finde ich Aufzeichnungen meiner Mutter, die sie über die Jahre gemacht hat. Und in einem ihrer Büchlein mein Gedicht. Sie war sehr berührt, damals, als ich es ihr gab. Und sie hat es aufgehoben.

Vor zwei Jahren ist meine Mutter gestorben.

 

Für meine Mutter

Ein Jungmädchentraum

geträumt für kurze Zeit

zerbricht

an der Realtität

des Lebens

 

Das vergessen

wollen

tut weh

 

Keine Träume mehr

ausgeträumt

Wünsche weggesteckt

sich fügen und dulden

ein Lebensprogramm

 

Das du

das wir

Wichtigkeiten im außen

Das ich

vergessen

 

Träume sind Schäume

 

Der Duft des Laubes im Garten

Ein Vogelschwarm über den Dächern

rötlichgolden die Sonne

Stille

ein Traum

Die Ruhe des Abends

ein Ankommen

wieder

in dir

Marina Abramovic – Durch Mauern gehen – Autobiografie

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Die Autobiografie in Deutsch – zum 70. Geburtstag am 30. November 2016!

Sie hat die Grenzen der Kunst gesprengt: sich gepeitscht, mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger gerammt. Sie ist 2500 Kilometer auf der Chinesischen Mauer gegangen, zwölf Jahre in einem umgebauten Citroën-Bus durch die Welt gefahren und hat ein Jahr bei den Aborigines in Australien gelebt. Spätestens seit »The Artist is Present« – ihrer berühmten Performance 2010 im New Yorker Museum of Modern Art – gilt Marina Abramović in der ganzen Welt als Kultfigur. Robert Redford schwärmt für sie genauso wie Lady Gaga. Vom »Time Magazine« wurde sie zu den 100 wichtigsten Menschen des Jahres 2014 gewählt.

In ihren Memoiren blickt Abramović zurück auf sieben Lebensjahrzehnte als charismatische Künstlerin und Grenzgängerin. Von ihrer strengen Kindheit im kommunistischen Jugoslawien, wo sie bei ihren der politischen Elite nahestehenden Eltern im Schatten Titos aufwuchs – bis hin zu ihren jüngsten Aktionen, bei denen sie die Seele von Millionen von Menschen mit der Kraft ihres Schweigens berührte.

https://www.randomhouse.de/Buch/Durch-Mauern-gehen/Marina-Abramovic/Luchterhand-Literaturverlag/e487726.rhd