Die Geschichte vom Smartphone wieder zurück zum Handy

Ich habe mich wieder einmal verführen lassen.

In früheren Jahren ist mir das oft passiert.

Jetzt immer weniger.

Doch manchmal schon.

Werden die Gelegenheiten weniger?

Oder bin ich aufmerksamer geworden?

 

Auf jeden Fall.

Es ist wieder einmal passiert.

 

Bei Vertragsverlängerung mit meinem Handybetreiber besteht die Möglichkeit, ein kostenfreies neues Smartphone oder Handy zu bekommen.

Das habe ich sehr selten genützt.

Mein Handy hatte ich immer so lange, bis es kaputt war.

 

Vor zwei Jahren habe ich bei Vertragsverlängerung mein Handy gegen ein Smartphone eingetauscht. Entgegen meiner Abneigung gegen Smarphones, weil ich die umfangreichen Möglichkeiten des Smartphones eigentlich nicht brauche. Trotzdem. In meinem Freundeskreis habe ich gesehen, welch schöne Fotos alle gemacht haben. Und obwohl ich auch nicht viel fotografiere, wollte ich das auch.

 

Ich habe mich verführen lassen.

Obwohl ich wusste, das brauche ich alles nicht, wollte ich es auch haben.

Weil es ja so leicht ist, es zu bekommen und weil es andere auch haben.

Ja, so funktioniert Marktwirtschaft.

 

Meine geplante Reise nach Triest stand bevor und ich freute mich auf die Fotos, mit denen ich die Orte, die ich zu besuchen gedachte, dokumentieren wollte.

Ich wollte die Cafeès besuchen, in denen sich die Schriftsteller und Dichter aufhielten – James Joyce, der am Ponte Rosso über dem Canal Grande in Bronze herumsteht; Italo Svevo; Umberto Saba, der das kleine Antiquariat in der Via San Nicolò gegründet hat; und Claudio Magris, in seinem Wohn- und Arbeitszimmer, dem Caffè San Marco.

Ich wollte durch die Stadt flanieren, auf der Piazza dell’Unità sitzen, und am Abend am Meer in den Sonnenuntergang schauen.

All dies und noch viel mehr in dieser wunderschönen Stadt zwischen den grünen Höhen des Karst und der sanftblauen Meeresbucht mit ihrer u.a. auch österreichischen Vergangenheit, wollte ich fotografieren. Ich machte 300 Fotos. Und obwohl ich mir auch Zeit zum Schauen ließ, war mir immer bewusst, dass ich ohne mein Smartphone nicht so viele Fotos gemacht hätte. Ich hatte auch meinen kleinen digitalen Fotoapparat mit, und machte auch mit diesem einige Fotos. Nicht viele.

Doch dann kam alles anders.

Ich schaffte es nicht, die Fotos vom Smartphone auf meinen Laptop zu bekommen, deshalb rief ich meinen Computermann zu Hilfe.

Er kam.

Und er hatte wenig Zeit.

Die Übertragung war am Laufen.

Er fragte, ob er die Fotos am Smartphone löschen soll, ich sagte ja.

Er drückte auf Löschen.

Weg war er.

Und weg waren auch die Fotos.

Denn die Übertragung lief noch, als er auf Löschen drückte.

Die Fotos waren noch nicht am Computer und nicht mehr am Smartphone.

Sie waren weg.

Verschwunden in den Weiten des Universums.

Ich war wütend.

Sehr wütend und traurig.

 

Das sowieso schon ungeliebte Smartphone wurde mir noch unbeliebter.

Ich machte keine Fotos mehr und benutzte meinen Fotoapparat.

 

Und damit entdeckte ich dann wieder, was ich eigentlich die ganze Zeit gewusst hatte, dass ich ja gar nicht so viel fotografieren möchte.

Dass ich viel lieber schaue und nicht dauernd an Fotos denken möchte.

 

Und ansonsten?

Ich möchte keine dauernde Internetverbindung.

Außer dem Navi hatte ich nichts aktiviert.

Und auch das Navi brauche ich nicht. Wenn ich nicht weiter weiß, habe ich meinen Stadtplan, meine Straßenkarte. Ja, ich weiß, das ist altmodisch, aber ich liebe es Karten zu lesen. Und – ich mag es auch, in Kontakt mit Menschen zu kommen, wenn ich nach dem Weg frage.

Ich möchte wenn ich unterwegs bin, weder andauernd auf meine fb-Seite schauen, noch über Whatsapp erreichbar sein.

Ich möchte meine Internetpräsenz reduzieren und nicht erweitern.

 

Wozu benutze ich mein Handy?

Ich telefoniere. Nicht viel

Ich schreibe SMS. Nicht viele.

Das war’s schon.

 

Mein Smartphone war mir auch zu groß. Ich konnte es nicht einfach in eine Jacken- oder Hosentasche stecken. Es war zu unhandlich.

Und all das, was es kann, brauche ich nicht.

Ich nutze es nicht.

 

Und deshalb habe ich mein Smartphone gegen ein kleines Handy eingetauscht.

Und fotografieren – wenn ich überhaupt fotografiere – tue ich wieder mit meiner kleinen Kamera.

 

Ich bin froh!

Und erleichtert – im wahrsten Sinn des Wortes!

 

Und die Moral von der Geschicht’:

Es gibt so vieles, das ich nicht brauche.

Und – beginnt damit nicht auch Umweltschutz?

Mit der Aufmerksamkeit darauf, was ich alles nicht brauche …

 

Aus meinen „Triest-Impressionen“:

„Jeden Abend sitze ich gute zwei Stunden oder mehr auf der Mole und schaue.

Ins Meer, den sich verändernden Himmel und die Sonne.

Wie habe ich mich gefreut, dass es da noch andere gibt, die ebenfalls sitzen und warten – auf den Sonnenuntergang. Nicht zu viele. Das wäre auch wieder störend, wenn da plötzlich Massen auftauchen würden. Aber doch einige – eine Hand voll. Wir alle halten unsere Smartphones in der Hand. Ein Fotoapparat ist ja schon fast ein Anachronismus. Obwohl man ihn hin und wieder noch sieht. Misstrauisch beäugt – hauptsächlich von sehr jungen Menschen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was das ist.

Also – Smartphone. Ich halte es auch in der Hand. Aber die – die anderen – schauen darauf. Unentwegt. Nur manchmal machen sie einen Blick darüber hinaus um zu sehen, wie weit sie denn ist – die Sonne, mit dem Untergehen. Und ich denke mir, vielleicht schau ich die ganze Zeit umsonst. Vielleicht gibt es den ultimativen Augenblick der alle Augenblicke inkludiert. Vielleicht wissen die das. Und ich nicht. Ich hätte sie fragen sollen.

(…)“

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/06/03/triest-impressionen/

 

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Zeit …

Wenn der Nebel die Welt in Stille hüllt und das Außen verschwindet – ist dies eine gute Zeit, um sich an der richtigen Stelle gegen die Wand zu drücken …

„Die Zeit ist keine gerade Strecke, eher ein Labyrinth, und drückt man sich an der richtigen Stelle gegen die Wand, kann man die eiligen Schritte und die Stimmen hören, kann man sich selbst auf der anderen Seite vorbeigehen hören.“

(Tomas Tranströmer)

 

 

Tausend Tränen tief

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Das diesjährige Festival der Schule für Dichtung steht unter dem Motto „Tausend Tränen Tief“. Diese Alliteration stammt von Jochen Distelmeyers gleichnamigem Song für die Band Blumfeld.

Gestern habe ich die Abschiedsworte der Schriftstellerin Karen Blixen, alias Tania Blixen, mit denen sie sich von ihrer Farm im Roman „Afrika – dunkel lockende Welt“ (Film: „Jenseits von Afrika“) verabschiedet, auf meiner facebook-Seite gepostet:

„Wird die Luft über der Ebene schimmern in der Farbe die ich getragen habe,
oder werden die Kinder ein Spiel erfinden, in dem mein Name vorkommt?
Oder wird der Vollmond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?
Oder werden die Adler der Ngong-Berge nach mir Ausschau halten?“

Heute gibt es auf Ö1 in den Spielräumen „Songs zum Heulen“ unter dem Motto „Tausend Tränen tief“.

Erlauben wir uns Sentimentalität, Melancholie, Trauer in unserem Leben?

Und wo ist der Unterschied? Oder geht eins ins andere über?

In meiner Eigentherapie musste ich damals – ach, ist das lange her (Achtung: Sentimentalität!)  – nicht nur mühsamst wieder lernen, mir meiner Gefühle bewusst zu werden, ich musste auch lernen mir zu erlauben, sie auszudrücken. Hört oder liest sich so selbstverständlich. Ist es aber nicht. Sich tagsüber immer wieder bewusst zu machen – was fühle ich gerade? – erfordert Achtsamkeit. Kann man auch lernen. Sofern man will.

Eigentlich geht es darum, uns zurückzuholen, was wir als Kinder hatten – unmittelbar erlebte Gefühle. Wie freue ich mich, wenn ich Kinder sehe, die sich von Bäumen verabschieden, die ungezwungen und neugierig über den Tod sprechen, die traurig und wütend sind, weil sie es eben grade sind …

Und ich? Ich genieße mittlerweile meine Gefühle. Alle. Na ja, sagen wir – fast alle. Gestern war ich sehr enttäuscht. Das fühlte sich nicht gut an. Auch wenn ich wusste, dass es meine nicht erfüllten Erwartungen waren, die enttäuscht wurden. Wenn andere sich nicht so verhalten, wie ich es eben „erwarte“.

Jedoch – Zorn ist ein gutes Gefühl. Fühlt sich mächtig und kraftvoll an.

Liebe Frauen! Und da spreche ich die viele Frauen an, die meinen, Zorn sei etwas was Frau nicht haben dürfte. „Ich will ja in meiner Mitte sein“ und „in der Ruhe liegt die Kraft“ höre ich immer wieder. Ja, stimmt auch. Aber eben – auch.

Auch wenn ich zornig bin, bin ich in meiner Kraft. Ich möchte sagen, das ist eine Schubkraft / Erlöserkraft / Veränderungskraft! Wenn Zorn verdrängt wird, wird er schließlich zu Wut und vielfach auch zu Gewalt. Brauchen wir uns ja nur umsehen in der Welt.

Oder das Gegenteil – nicht nur verdrängte Trauer, auch verdrängter Zorn kann in die Depression führen. Überhaupt kann es manchmal sehr vermischt sein. Ist halt nicht so einfach mit den Gefühlen …

Ich liebe meinen „gerechten Zorn“.

Zorn per se ist gut! So wie alle unsere Gefühle gut sind. Die Bewertung von Gefühlen in gut / böse, erwünscht / unerwünscht, ist in den verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsmodellen auch verschieden.

Heute weiß ich, dass Melancholie eine meiner „Grundstimmungen“ ist. Sie ist immer da. Auch zu Zeiten, in denen ich fröhlich, ausgelassen, heiter, übermütig, lustvoll, und so weiter und so fort, bin. Ich bin auch gerne sentimental. Und ich liebe es, so richtig zu heulen und zu schluchzen. Würde ich das nicht tun, würde ich depressiv …

Und ich kenne auch die Depression – aber das ist wieder eine andere Geschichte …

Erlauben wir uns doch – zumindest hin und wieder – unsere Selbstbeherrschung zu verlieren. Und erlauben wir uns doch – möglichst oft – große Gefühle …

Ich nehme die Zeilen, die eine liebe Freundin in Interpretation der Zeilen von Karen Blixen, für mich geschrieben hat als Abschluss, weil ich sie so schön finde. Danke, liebe Regina:

„Die Luft wird deine Farben tragen und sich damit in stillen Wassern spiegeln. Die Vögel im Nussbaum werden deine Stimme imitieren und im Kies werden unerwartet dein Fußabdrücke sichtbar sein …“

 

Foto: „Ein junges Kikuyu Mädchen“ (Karen Blixen, 1923) eine Nachbildung von Karen Blixens Füller

Tania Blixen: Afrika – dunkel lockende Welt, Manesse Verlag, Zürich:

If I know a song of Africa
Of the giraffe and the African new moon lying on her back
Of the plows in the fields
And the sweaty faces of the coffee pickers,
Does Africa know a song of me?
Will the air over the plain quiver with a color that I have had on
Or the children invent a game in which my name is?
Or the full moon throw a shadow over the gravel of the drive that was like me?
Or will the eagles of the Ngong Hills look out for me?

Freie Übersetzung:
Wenn ich ein Lied über Afrika weiß,
von der Giraffe und dem afrikanischen Neumond, der auf dem Rücken liegt,
von den Pflügen auf dem Feldern
und den verschwitzten Gesichtern der Kaffeepflücker,
weiß Afrika dann ein Lied über mich?
Wird die Luft über der Ebene schimmern in der Farbe die ich getragen habe,
oder werden die Kinder ein Spiel erfinden, in dem mein Name vorkommt?
Oder wird der Vollmond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?
Oder werden die Adler der Ngong-Berge nach mir Ausschau halten?