Jeschuas Rückkehr

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Ein Traum, eine Vision, ein Märchen? – wer weiß das schon …

Ich, die Erzählerin, habe in dem Blog-Beitrag „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“ geschrieben:

„ … Ich kann nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein und vieles mehr. …“

Hier zu lesen: https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/17/der-liebe-gott-und-ich/

Die folgende Erzählung habe ich im Oktober 2005 geschrieben.

Ich hatte sie vergessen.

Heute, bei der Sichtung meiner Tagebücher, habe ich sie wieder entdeckt.

Jeschuas Rückkehr.

Er tritt in mein Leben und kein Stein bleibt auf dem anderen.

Wie der Zusammensturz der Stadtmauern von Jericho durch die Posaunen oder bei der Tarot-Karte „Der Turm“.

„… und kein Stein blieb auf dem anderen …“

„Warum glaubst du nicht mehr?“ ist der erste Satz, den er zu mir sagt.

Ich weiß zwar genau was er meint, so wie ich in Zukunft immer wissen werde, was er meint. Und er weiß – was ich denke und fühle.

„Was?“ frage ich und versuche, mich diesen Augen zu entziehen. „Was oder woran glaube ich nicht mehr?“ „An Gott und die Drei-Gesichtige“ sagt er und mir bleibt der spöttisch verzogene Mund offen. Nie, noch nie in meinem Leben habe ich jemandem erzählt, dass ich die Göttin die Drei-Gesichtige nenne. Er sieht mich unverwandt an, ernst, doch mit einem unendlich liebevollen Blick, dem ich mich schon das ganze Wochenende zu entziehen versuche.

Nicht mit mir – sage ich mir immer wieder – nicht mit mir. Ich bin keine deiner esoterischen Groupies, die verzückt an deinen Lippen hängen. Ich spüre, wie der Boden unter mir zu schwanken beginnt. Ich will weg – weg von diesem mich durchschauendem und durchdringenden Blick, und gleichzeitig weiß ich – ich kann nicht weg. Wie angewurzelt und gleichzeitig doch schwankend in der Intensität dieses Blicks.

In vielen Selbsterfahrungsseminaren die ich besucht hatte – damals, noch auf der Suche nach mir selbst – habe ich gelernt, Blicken standzuhalten. Mich zu öffnen, mich zu zeigen und keine Angst zu haben vor dem Gesehenwerden und dem Sehen, so wie es die verschiedenen TrainerInnen immer bezeichneten. Doch bis jetzt habe ich es sehr selten erlebt, dass sich wirklich jemand öffnet, sich vollständig preisgibt. Auch mir fiel es nicht leicht. Sehr oft wurden Blick-Duelle daraus. Ein Machtkampf nach dem Motto – wer hält es länger aus.

Aber hier – jetzt, ist das anders.

Ich habe das Gefühl, in seine Seele zu schauen und was ich da sehe, ist unendlich. Macht mich schwanken wie einen Baum im Sturm. Ich selbst fühle mich durchschaut wie in einem Röntgengerät oder wie in einem offenen Buch, in dem er alle Seiten gleichzeitig liest. Ich kann mich nicht verstecken. Niemals – nicht hier und nicht in alle Ewigkeit.

Was gehen mir für Gedanken durch den Kopf – denke ich und sehe, dass er mich anlächelt. Er weiß es – er weiß, was ich denke.

Sein Lächeln ist – ja, wie ist es? Liebevoll, annehmend, gewährend, erotisch, herzlich.

All diese Worte  passen, und doch reichen sie nicht – die Worte.

„Du glaubst auch nicht mehr an die Liebe, an die Liebe eines Mannes und auch nicht an mich“ ergänzt er.

„Wie heißt du?“ bringe ich unter unendlicher Anstrengung heraus. Ich höre meine Stimme und erkenne sie nicht.  

„Jeschua“ sagt er, „du weißt es doch!“

Er hat Recht. In dem Moment, in dem ich die Frage an ihn formuliere, weiß ich auch bereits die Antwort. Ich nehme meine ganze Kraft, die ich noch habe und drehe mich um. Nur weg, weg von ihm – denke ich. Und – das kann doch nicht möglich sein. Ich gehe Schritt für Schritt weg von ihm. Als ich bei der Tür ankomme, sie öffne und hinausgehe, mache ich einen Blick zurück.

Er steht noch immer dort – mitten im Raum unter den anderen Menschen und sieht mir ruhig nach. Ein Leuchten ist um ihn.

„Ich werde auf die Erde kommen

und ihr werdet mich nicht erkennen …“

Nein, ich erkenne ihn nicht. Halte ihn für einen dieser neuen esoterischen Männer – für einen der „Frauenversteher“. Von den Frauen geliebt. Von den Männern bewundert oder verachtet.

Nein, ich erkenne ihn nicht – und doch weiß ich. Ich weiß, wer er ist in meinem Herzen und in meiner Seele. Ich weiß es und gleichzeitig wehrt sich alles in mir gegen dieses Wissen.

Mein Herz beginnt zu jubeln, meine Körper brennt vor Verlangen und mein Kopf sagt – mach dich nicht lächerlich, das ist Humbug, Nonsens. Doch auch da, unter dem Schleier des Verstandes, meines Intellekts, regen sich Erinnerungen, Bilder die aufblitzen und die ich sogleich wegschiebe.

Ich gehe über den Flur, die Treppe hoch zu meinem Zimmer unter dem Dach. Ziehe meine  festen Schuhe an und schlüpfe in die dicke Jacke.

Es ist mir unheimlich, ich kann mich nicht wehren gegen diese innere Bilderflut. Es ist mir, als ob eine fest verschlossene Tür geöffnet worden wäre. Ich nehme noch ein Tuch und laufe die Stiegen hinunter und aus dem Haus.

Weg, weit weg – ruft  ein Teil in mir und der andere, der immer stärker wird – geh’ zurück zu ihm. Ich gehe über den schmalen Pfad in der Wiese Richtung Wald. All meine Sinne sind  geschärft. Ich fühle den kühlen Herbstwind auf der Haut, rieche den Holzfeuergeruch, der aus dem Schornstein des Hauses hochsteigt, sehe die orangeroten Farben des Sonnenuntergangs hinter dem Wald und höre das Krächzen des Vogelschwarms über mir.

„ … Sehet die Lerche auf dem Felde …“

Als ich merke, dass ich auf direktem Weg auf das Holzkreuz am Waldrand zusteuere, ändere ich abrupt die Richtung. Nein, nicht auch das noch – denke ich, fast schon in Panik. Mein Atem beschleunigt sich ohne dass ich rascher gehe und die Bilder überfluten mich ohne Vorwarnung.

Ich bleibe stehen und drücke meine Handflächen auf mein Herz, das wie rasend pocht und ich spüre den Schmerz, den ich so gut kenne. Ich atme tief durch – Ein und Aus, Heben und Senken – so wie ich es in meiner Meditationspraxis bei meinen buddhistischen LehrerInnen gelernt habe. Ein und Aus – konzentriere ich mich auf meinen Atem, lasse die Bilder los, lasse sie einfach weiterziehen – Atmen – Loslassen.

Ja, jetzt ist es vorbei. Ich blicke auf und gehe langsam weiter, den Waldweg in den Wald hinein und den Hügel hoch. Mein Lieblingsweg, auf dem sonst kaum einer anzutreffen ist. Der Wald ist ziemlich dicht und der Weg nach oben etwas anstrengend. Genau das, was ich jetzt brauche.

Ich gehe langsam, Schritt für Schritt, und achte auf meinen Atem. Es ist nun schon fast dunkel, doch ich kenne den Weg. Etwa fünfzig Meter unter dem Hügel bleibt der Wald zurück und eine weiche Wiese bedeckt den Hügel, der oben flach ist. Als ich auf der Ebene ankomme, scheint bereits der Vollmond und die ersten Sterne werden sichtbar. Ich hülle mich fester in meine Jacke und lege das Tuch um meinen Kopf. Ein Bild blitzt auf in mir, ein anderer Hügel, eine andere Zeit, auf dem ich stehe und meinen Kopf mit einem Tuch bedecke – Schmerz. Großer Schmerz. Ich  atme tief durch und schau zum Himmel hoch.

„ Eli, Eli, lama asabtani“

Ich habe dich verlassen, Gott. Ich kann nicht mehr an dich glauben. Ich habe dich verleugnet, abgelehnt, auch weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, was deine so genannten und sich selbst ernannten Vertreter auf Erden aus dir gemacht haben.

Tränen laufen mir über das Gesicht. Aber ich spüre auch Freude in meinem Herzen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlaubte ich mir wieder mit dir, Gott, zu sprechen.

Ich freue mich – ich hebe meine Arme hoch, mein Gesicht, und schreie es laut heraus: „“Ich freue mich!“ Ich beginne mich zu drehen, dort oben am Hügel, auf dem weichen Gras unter meinen Füßen und schreie es immer wieder nach oben in den Himmel.

Plötzlich ein Bild, gegen das ich mich nicht mehr wehren kann. Ein anderer Hügel, eine andere Zeit – ich und Jeschua, uns an den Händen fassend, im Kreis drehend und nach oben blickend.

„ … und Zeit und Raum sind eins …“

Ich habe mein bestes Kleid an, gewebt in einem hellen braun/beige mit goldenen Rändern. Jeschua sagt immer zu mir, ich sähe aus wie die Wüste bei Sonnenuntergang. Joshua hat ein Kleid in einem etwas dunklerem braun an. Die Wüste nach dem Sonnenuntergang – sage ich immer lächelnd und scherzend zu ihm. Wir halten uns an den Händen und drehen uns im Kreis. Ich bin erfüllt von seiner Liebe, meiner Liebe zu ihm und zu Gott. Noch nie vorher habe ich die Intensität des Lebens und der Liebe so stark und tief gespürt wie mit ihm.

Unsere Stimmen verschlingen sich ineinander, werden eins, so wie unsere Leiber.

Er sieht mich an mit diesen Augen, denen man sich nicht entziehen kann. Ich nicht, und auch nicht all die anderen, die den Kontakt zu ihm suchen und ihm folgen. Im Anfang war ich eifersüchtig auf die vielen Frauen, die immer um ihn waren und sogar auch auf die Männer, denen er sich genauso liebevoll zuwandte. Aber bald schon merkte ich, dass seine Liebe für alle reicht, dass sie unendlich und unerschöpflich ist. Mit der Zeit fühlte ich, dass auch ich diese unendliche und unerschöpfliche Liebe in mir habe – wenn ich sie nur zulasse.

„Gehen wir?“ sagt er, zieht mich zu sich und umfasst mich mit seinen Armen.

„Die Liebe hat kein Ende und kein Ziel …“

Ich spüre seine Arme noch um mich und merke, dass ich mich selbst mit meinen Armen umfasse. Mich fröstelt und plötzlich ist eine Leere in mir, die ich gut kenne. Ich sehe mich um, meine Freude ist verflogen. Was mache ich denn da? – denke ich kopfschüttelnd. Was ist bloß los mit mir?

Über mir ist der Himmel mittlerweile voller Sterne. Es ist nicht ganz dunkel, die silberne Mondhelligkeit weist mir den Weg. Mit Bedauern sehe ich mich um und mache mich auf den Rückweg. Als ich in den Wald eintrete, bleibe ich für einen Moment stehen, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Wald ist so dicht, dass selbst das Mondlicht nicht bis auf den schmalen Pfad scheint. Ich fühle den Pfad mehr als ich ihn sehe und habe wieder das Gefühl, dass meine Sinne geschärft sind. Das Fühlen des Pfades unter meinen Füßen, die Nachtgeräusche der Tiere, der Geruch vom Waldboden – Pilze, vermodernde Blätter und Nadeln.

Ich trete aus dem Wald heraus und gehe über die Wiese auf das Haus mit den hell leuchtenden Fenstern zu. Und plötzlich ist sie wieder da, die Freude. Ich kann sie wieder spüren und fühle sie hell auflodern in meinem Herzen.

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Der Boden schwankt leicht und es ist wieder, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ein Luftzug streift mich. Ich atme tief durch, dieses mal schon weniger erschreckt. Ich sehe hinunter zu meinen nackten, braunen Füßen und der staubigen, lehmigen Straße. Ich schaue mich für einen Moment um und sehe vor mir das Haus meiner FreundInnen. Aus den Fenstern leuchtet und flackert gelber Kerzenschein. Ich höre das Stimmengewirr und das Lachen der Menschen. Fröhliche Stimmen sind es heute im Gegensatz zu anderen Zeiten, da die Stimmen öfter auch ärgerlich laut oder leise ängstlich waren. Ich trete ein.

Ich freue mich auf die Wärme des Raumes, das Essen und Trinken. Seit heute Morgen habe ich nichts mehr zu mir genommen. Der jüngste der Freunde, Thomas, kommt mir mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen entgegen. Er fasst meine Hand und zieht mich in den Raum.

„Er ist wieder da“ sagt er und seine Augen leuchten. „Er ist wieder da!“

„Ich weiß“ sage ich, und meine Augen machen sich auf die Suche nach ihm.

Er ist wieder da.

Und ich gehe zu ihm.  

(M.K., 20. Oktober 2005)

 

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Die Päpste, der liebe Gott und ein Gedicht

Am Schluss findet ihr ein Gedicht, geschrieben habe ich es 2005. Es ist ein Gedicht mit viel Augenzwinkern und am Ende mit schallendem Lachen. Hoffe ich. Und sei es auch nur ein Lächeln, dann ist es gut. Obwohl die Geschichten dahinter ernst sind. Da sich die Strukturen, die auf einem patriarchalen Macht- und Besitzdenken beruhen und seit 2000 Jahren funktionieren, nicht so schnell ändern werden, ist es vielleicht besser, statt sich zu ärgern – zu lachen. Widerständig zu bleiben sowieso – trotz und mit Lachen. 

Muss ich mich als eine schon lange von der Kirche ausgetretene, und eine Ungläubige vor Gott immer wieder mit Gott und der Kirche beschäftigen. Mit den Päpsten weniger. Seit 2005 heute das zweite Mal. Müssen – weil es mich interessiert, war die Kirche doch einmal mein Zuhause. 

Wim Wenders hat einen Dokumentarfilm über Papst Franziskus gedreht – darüber wird durchgehend und sehr euphorisch in allen Medien berichtet. Ein Papst mit Reformwillen, heißt es. Doch die Realität der Kirche sieht anders aus. 

Und ich frage mich, wie viel Macht der Papst als Stellvertreter des allmächtigen Gottes auf Erden hat, wenn er so vieles nicht durchsetzen kann. Wenn er selbst zwar bescheiden lebt, wofür ich ihn achte, jedoch die Kirche und die Kirchenmänner weiter in Pomp und Prunk leben. Es würde der Kirche und der Welt sehr gut tun, würde Gott seinem Stellvertreter etwas von der Allmacht zugestehen. 

Bescheidenheit hat nichts mit Verzicht, sondern mit Genügsamkeit zu tun. Wenig genügt zum Leben, um ein gutes und zufriedenes Leben zu führen. Ich spreche aus Erfahrung, habe ich mich doch in den letzten Jahren damit beschäftigt, wie wenig für mein eigenes Leben genügt, um trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ein gutes Leben führen zu können. Erleichterung und Zufriedenheit machen sich nach dem Weggeben von so vielen unnötigen Dingen breit. Der jetzige Papst weiß es. Er lebt es.

Ich habe mich an das Gedicht erinnert, das ich im Jahre 2005 geschrieben habe. Damals starb Papst Johannes Paul II. Seine schwere Krankheit, sein tagelanger Todeskampf wurde zu einer öffentlichen Zeremonie des Leidens gemacht. Damals fragte ich mich, ob das der ausschlaggebende Grund für die schnellste Heiligsprechung in der katholischen Kirchengeschichte war. Die Zeremonie des Leidens. Ist ein guter Mensch nur der, der leidet? In meiner Kindheit war es so. Mit 6 Jahren wollte ich Märtyrerin werden. Hatte ich doch durch meine Großmutter (ein glückliches Leben war ihr suspekt) und den Katechismus erfahren, dass einem das Leid auf Erden geradewegs in den Himmel, an die Seite Gottes bringt. 

Damit liegen unter vielem anderen zwei Dinge am Tisch, die auch dazu beigetragen haben, aus der Kirche auszutreten:

  1. Der unendliche Reichtum der Kirche und der Kirchenmänner. Unendlich, weil es nie genug erscheint. 
  2. Die Konzentration auf das Leiden. Ja, die Notwendigkeit des Leidens auf Erden. 

Meine Gedanken zur Auseinandersetzung mit Gott und Religion findet ihr hier: https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/17/der-liebe-gott-und-ich/

Nun das im April 2005 geschriebene Gedicht:

der papst, gott und die welt

der mann

der heilig gesprochen werden soll

jetzt und sofort

in den himmel auffahren

zur rechten hand gottes sitzen

wie so viele männer

vor und nach ihm

frauen sitzen etwas tiefer

auch die ewige jungfrau maria

sitzt zu füßen des männlichen gottes

und der vielen heiligen männer

um ihnen die füße zu waschen

dienstmägde auf ewige zeiten

die GÖTTIN LACHT schallend

und GAYA rülpst

ein erdbeben /eine tsunamiwelle

speit sie aus

keine/r hört es

versteht es

weder das lachen

noch das rülpsen

sie nehmen sich weiter

wichtig

glauben weiter

sie sind das wichtigste

auf erden

und vergessen GAYA

mutter erde

auf der sie stehen

auf der sie geboren wurden

aus dem staub der erde gemacht

in die sie zurückkehren

in den mutterschoss

den missachteten

sie glauben

sie seien die krone der schöpfung

und der herr im himmel

bestärkt sie darin

doch wenn die mutter erde

nur einen rülpser macht

purzeln sie durch die gegend

verlieren ihr leben

gehen wieder ein 

in den mutterschoss

wenn die GÖTTIN ihr LACHEN

erschallen lässt

dann stürzt der liebe gott

mit all seinen heiligen männern

vom thron

und die frauen

die am boden saßen

stehen auf und schließen den kreis

um die GÖTTIN

um in das kosmische gelächter

einzustimmen

„und die letzten werden die ersten sein“

ruft fröhlich joshua / jesus

kommt mit wehenden gewändern 

und seinen birkenstock-sandalen

angelaufen

er reiht sich ein in den kreis der frauen

und lacht und tanzt und freut sich

endlich schluss mit dem leiden

zu dem ihn die alten männer verdammt haben

und die alten männer liegen im staub

werden verschluckt von GAYA

die noch einmal kräftig rülpst

um die vertrockneten und müffelnden

knochen zu verdauen

himmel und erde vereinigen sich

in einem kosmischen tanz

shiva schließt sich an

endlich muss er nicht mehr alleine tanzen

und das gelächter reißt

wie ehemals die posaunen von jericho

alle von den menschen errichteten mauern nieder

und übrig bleibt ein

LACHEN

 

Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete

Buddhismus

Ich wurde in eine katholische Familie hineingeboren.

Nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt habe ich die Kirchturmspitze der Kirche meiner Kindheit täglich vor Augen, und meine Gedanken beschäftigen sich unweigerlich immer wieder mit meinem Kindheitsglauben und dem Herausfallen aus meiner Gläubigkeit.

Als Kind fühlte ich mich sehr aufgehoben in meinem Glauben und den Ritualen in der Kirche. Ich ging gerne mit meiner Großmutter in die Kirche. Die Kirche in unserem Stadtteil war ca. einen Kilometer von unserem Haus entfernt. Im Sommer setzte mich meine Großmutter in den Kindersitz auf ihrem Fahrrad. Im Winter stapften wir durch den hohen Schnee. Ich liebte die Festtage und die Maiandachten. Besonders angetan hatten es mir jedoch die Kreuzwegandachten. Das Leiden von Christus am Kreuz. Dazu kamen noch die vielen Geschichten im Katechismus über die Leiden der Märtyrer. Ich wollte auch Leiden.

Mit 6 Jahren war mein innigster Wunsch Märtyrerin zu werden – mein Leben für Jesus hinzugeben. Ein halbes Jahr später sprach ich mit unserem Pfarrer. Ich sagte ihm, dass ich einen Brief an den Papst schreiben möchte, da ich es nicht gerecht finde, dass meine Mutter, weil sie geschieden ist, nun nicht mehr zur Kommunion gehen darf. Ich sagte ihm, ich möchte dem Papst erklären, warum er bei meiner Mutter eine Ausnahme machen muss. Der Pfarrer erklärte mir – der 6-jährigen, dass dies nichts bringen wird, da der Papst keine Ausnahme machen könne. Dies sei Kirchengesetz. Das war 1956. Meine erste große Enttäuschung. Der Märtyrerinnenwunsch verschwand einige Zeit später. 

Aus der katholischen Kirche ausgetreten bin ich mit ca. 30 Jahren. Doch das Christentum war lange Zeit meine Heimat und ist ein Teil meiner Vergangenheit. Seit der Zeit meines Kirchenaustritts beschäftigt mich meine Auseinandersetzung mit Gott und Jesus. 

Könnte ich schon lange sagen – ich glaube nicht mehr, wenn da nicht meine mystischen Erlebnisse aus meiner Kindheit in der Kirche wären. Und die mystischen Erlebnisse meiner Klosteraufenthalte als Erwachsene. Besonders die Erlebnisse meiner Kindheit, in der ein tief verbundener und nicht in Frage gestellter Glaube in mir war, haben nicht nur einen tiefen Eindruck hinterlassen – sie sind ein wunderbares Erlebnis in mir. Ein wahrer Schatz.

Ich kann nicht sagen – ich glaube nicht, wenn ich solches erlebt habe.

Ich könnte jetzt noch viele Erlebnisse in der Kirche aufzählen. Ich habe mich sehr aufgehoben und auch beschützt gefühlt. Das vermisse ich.

Jetzt wird es kompliziert: Ich kann es nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein.

Nach einer Diskussionsveranstaltung mit dem von mir sehr geschätzten Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, und als solcher im Dialog zwischen westlicher und östlicher Spiritualität, habe ich mir sein Buch „Credo“ gekauft. Das christliche Glaubensbekenntnis, das auch ich abgelegt habe, und das ich schon lange nicht mehr aussprechen kann. Es besteht nur aus 77 Worten. 
Steindl-Rast setzt sich mit jedem Satz / mit jedem Wort dieses Credo sehr gezielt und achtsam auseinander. Er stellt dazu jeweils die drei Fragen: 
„Was heißt das eigentlich?“ 
„Woher wissen wir das?“
„Warum ist das so wichtig?“

Er beantwortet die Fragen mit seinen Gedanken dazu und auch seinen persönlichen Erlebnissen. Seit Jahren lese ich in dem Buch. Immer und immer wieder. Jeder Satz von ihm regt zum Nachdenken an. Und ich bin noch lange nicht fertig damit …

Ich bringe ein längeres Zitat aus der Einleitung des Buches. Er bezieht besonders die aus der Kirche Ausgetretenen mit ein. Es gefällt mir sehr gut, obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin. Aber so ist das. Und jedes Nichteinverstandensein führt zu neuem Nachdenken. Seine Frage in dem Absatz: „Wohin führt dieser Schritt des Austretens?“ – kann ich erst einmal beantworten – zu einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Christentum, und zur Hinwendung zum Buddhismus.

Zu Ende ist es noch lange nicht, und vielleicht auch nie. 

Das Zitat aus David Steindl-Rasts Buch :
„Ein Leserkreis, für den dieses Buch besondere Bedeutung haben könnte, sind die aus der Kirche Ausgetretenen. Sie nehmen nämlich in vielen Fällen den Glauben besonders ernst, ernst genug jedenfalls für einen öffentlichen Schritt wie den Kirchenaustritt. Das verlangt Respekt. Es führt aber auch zu der Frage: Wohin führt dieser Schritt des Austretens? Da hilft mir ein Bild aus meiner Jugend in Wien: Wenn die Donau ins Überschwemmungsgebiet austritt, dann verlässt sie ihren alten Lauf gar nicht, sondern schließt vielmehr weitere Gebiete ein. Es scheint, dass wir berechtigt sind, das Austreten vieler Christen in diesem Sinn zu verstehen. Indem sie aus einer Kirche austreten, die ihnen zu eng geworden ist, schließen sie sich gar nicht aus, sondern sie schließen dadurch vieles ein, was zu einem umfassenderen Verständnis von Kirche und Glauben gehört.“

Das Bild des Überschwemmungsgebietes gefällt mir. Viele weitere Gebiete sind dazu gekommen. Eine Bereicherung. Die Kirche ist mir nicht nur zu eng geworden. Vieles gefällt mir nicht und lehne ich ab: Den Allmachtsanspruch über das Leben der Menschen bestimmen zu können; den Reichtum „auf Erden“ – Pomp und Prunk; den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt; das Vertuschen von Fehlern. Missbrauch, Gewalt; etc. 

Ich brauche kein „umfassenderes Verständnis von Kirche“ – ich habe verstanden, wie die jetzige Kirche funktioniert. 

2009 war ich für eine Woche Turmeremitin im Mariendom in Linz.

Linz war in diesem Jahr Kulturhauptstadt und es war eines der Projekte. Jede Woche gab es eine/n andere/n TurmeremitIn.

Man konnte sich bewerben, und ich wurde genommen. Und wieder war es eine Begegnung mit dem Christentum. Ich war dort ohne Handy und ohne meine eigenen Bücher. Auf einem schmalen Bücherbord in der kleinen Türmerstube, hoch über den Dächern von Linz, standen vielleicht fünf Bücher. Eines davon war „Das Buch meine Lebens“ von Teresa von Avila, (1515 – 1582). Sie trat mit 21 Jahren in das Karmelitinnenkloster ihrer Heimatstadt ein und gründete selbst 17 Klöster. Auch in diesem Buch lese ich seit Jahren, finde ich mich doch in vielen ihrer beschriebenen Erfahrungen in der Meditation wieder.

Mein spiritueller Betreuer in der Zeit, ein evangelischer Pfarrer, sagte zu mir: „Mit all deinem Zweifel bist du Gott näher als so mancher Gläubige“. 

Das glaube ich manchmal auch, manchmal nicht …

Vor 35 Jahren habe ich den Buddhismus kennen gelernt und ihn studiert. Meine schönsten und tiefgreifendsten Meditationserfahrungen machte ich in einem buddhistischen Kloster in Sri Lanka.

Als mein zweiter Ehemann und ich 1982 nach einer dreimonatigen Rucksackreise durch Indien und Sri Lanka zurückkamen, besuchten wir die wöchentlichen Yoga- und Meditationsabende im Buddhistischen Zentrum in Wien. Das Fernsehen wollte einen Bericht über Yoga und Meditation bringen und filmte an einem der Abende. Als der Film ausgestrahlt wurde, sah in zufällig meine Mutter und deren Nachbarin. Damals hat man auch noch gemeinsam ferngesehen. Wenn man keinen eigenen Fernseher hatte, ging man zum Nachbarn. Meine Mutter rief mich daraufhin – es war 1982, also am Festnetztelefon – an. Sie sei entsetzt und habe sich geschämt vor der Nachbarin, meinte sie, da wir jetzt offensichtlich bei einer Sekte seien. So war das damals. Es ist erst 36 Jahre her und doch hört es sich an, wie aus einer anderen Zeit.

Ich bezeichne mich als christliche Buddhistin.

Der Buddhismus ist zwar in Österreich als Religionsgemeinschaft eingetragen und anerkannt, doch ist er keine Religion, weil es keinen Gott gibt. Obwohl er von vielen als Religion gesehen wird, betrachte ich ihn als eine Lehrtradition. Der Buddhismus gibt Antworten auf die großen Fragen der Religionen – zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens oder nach dem Leben nach dem Tod.

Die Lehren Buddhas haben meinem Leben eine Ausrichtung gegeben, die ich sehr schätze. Achtsamkeit im Alltag; das Leben im Hier und Jetzt; die Übernahme der Eigenverantwortung, speziell für das eigene Leid und einen guten Weg für die Auflösung des Leids. 

Alles Böse zu vermeiden, das Gute zu kultivieren und seine Gedanken zu reinigen – das ist die Lehre Buddhas.

(aus dem Dhammapada)

Das Gottes-Bild meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Es ist wie ein schönes Märchen – der alte Mann mit seinem langen Bart und den wallenden Gewändern. 

Steindl-Rast schreibt, er selbst verwende oft die Ausdrücke: „Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“, „Quelle aller Lebendigkeit“. 
Der fast bildlose Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins: 

„Ground ob being, and granite of it: past all / Grasp, God“ – „Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem / Begreifen, Gott“.

Wenn ich an das Gefühl in meinen Meditationen denke – Bilder gibt es da keine – würde ich dieses Gefühl als ein gleichzeitiges „Nichts und eine Allverbundenheit“ beschreiben. Wenn ich in diesem Gefühl ankomme, ist es wie ein „Heimkommen“. 
So schön, dass die Tränen fließen …
Selbstbildnis

Es interessiert mich nicht, ob es einen
Gott gibt oder viele Götter.
Ich möchte wissen, ob du
dazugehörst oder dich verlassen fühlst,
ob du Verzweiflung kennst und sie erkennen kannst
in andern. Ich möchte wissen,
ob du zu leben bereit bis in der Welt
mit ihrem harten Zwang,
dich zu verändern. Ob du zurückschauen kannst
mit festem Blick und sagen:
„Hier stehe ich“. Ich möchte wissen,
ob du es verstehst,
in die feurige Lebenshitze hineinzuschmelzen,
hineinzufallen
mitten in deine Sehnsucht. Ich möchte wissen,
ob du bereit bist,
Tag für Tag die Folgen der Liebe zu ertragen
und die ungewollte bittere Leidenschaft
deiner unausweichlichen Niederlage.

In dieser feurigen Umarmung, heißt es,
reden selbst die Götter von Gott.

(David Whyte)