Vorfreude auf Sommergenüsse – Erinnerungen

 

Granatapfel

Sommer ist – paradiesische Körperlichkeit

Sommer ist – Nacktheit …

Am Morgen mit einem Tuch um die Hüften auf der Terrasse frühstücken. Nackt im Garten herumspazieren. Mit dem Liebsten im Garten schlafen. Nackt im See baden …
Sommerliche Essgenüsse – Wildkräutersalate, Erdbeeren mit Schlagobers, Granatapfelsorbet …

Die Vorfreude vermischt sich mit der Erinnerung …

Das Granatapfelsorbet

Sie kann seine Lust und seinen Frust beim Granatapfelkernausklopfen durch die weit offenen Fenster aus der Küche hören. Begleitet von Schmerzensschreien, wenn er sich in seiner Ungeduld in den Finger schneidet. Sie betritt die Küche sehr selten. Es ist sein Reich, und sie überlässt ihm gerne diesen Raum seiner Fantasie und Kreationen, mit denen er sie immer wieder überrascht.

Wie ein Urknall war er in ihr Leben getreten. Vor vielen Jahren. Bei einem Rockkonzert. Damals war es noch nicht Liebe. Es war eine animalische Anziehungskraft, die sie im wahrsten Sinn des Wortes zusammenstoßen ließ – Sex, Drugs and Rock’n Roll. In dieser Masse von Menschen hatte sich ein schmaler luftleerer Raum um ihn gebildet, so als ob er die Luft ansaugen würde und dieses Vakuum um ihn niemand betreten konnte. Er war groß und hatte eine blonde Haarmähne, zusammengehalten von einem bunten Stirnband. Im Scheinwerferlicht der Bühne, das immer wieder über die Menge hinwegwischte, sah sie das Muskelspiel seines nackten Oberkörpers, und der langen kräftigen Schenkel unter dem dünnen Jeansstoff. Sie tanzte bereits eine Weile neben ihm – auch sie trug ein buntes Stirnband und ihr T-Shirt klebte schweißnass an ihren Brüsten. Jeder tanzte für sich und doch trafen sich ihre Augen immer wieder und immer länger. Es nahm ihr den Atem als er mit einer einzigen Bewegung seines Armes ihren Oberkörper umfasste und sie zu sich zog. Als wäre sie schwerelos. Für einen Moment nahm es ihr die Luft, als er sie durch diesen Vakuumraum zog, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Paris hatte ihr den Granatapfel überreicht.

Ja, so war das damals. Mit Heiterkeit und Schmetterlingen im Bauch denkt sie an die vielen stürmischen Nächte. Jedes Zusammensein war wie ein tobender Orkan mit Lustschreien, die jedes Rockkonzert in den Schatten stellten. Mit der Zeit wurde es Liebe – tiefe, innige Liebe. Und sie begannen, sich etwas mehr Zeit zu lassen und ihre Körper sanft wie eine Morgenbrise zu erforschen. Es war wohlig und lustvoll zugleich, wenn ihre Münder und Hände sich auf Entdeckungsreise machten.

Sie tritt auf die Terrasse und schaut in den Himmel. Der Beginn der blauen Stunde – wenn es  für einen Moment still wird, bevor das Abendkonzert der Vögel beginnt und der Himmel einen seidig blauen Schleier über den Garten legt. Sie breitet eine Decke auf der Wiese unter dem Apfelbaum aus. Pölster und Decken griffbereit. Ihr Liebeslager für diese Nacht.

Da tritt er aus der Tür. In jeder Hand eine Schale mit seinem Granatapfelsorbet.

Sein Anblick nimmt ihr den Atem. Noch immer. Und immer wieder. So wie damals.

Der Abendstern und die Mondsichel stehen bereits am Firmament – Wohnsitz der Götter. Die Nacht beginnt. Hier im Garten – das verlorene Paradies. Du und ich – denkt sie.

Und wir haben Zeit. Viel Zeit.

 

„Dein Körper ist das verlorene Paradies
aus dem mich nie
ein Gott wird vertreiben.“

(Gioconda Belli)

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Der Fremde

Insel Lobau

 

Sie sieht ihm jetzt schon seit zwei Stunden beim Spielen zu. Zwei Stunden in dieser heißen, glühenden Nachmittagssonne. Seine Haut ist tief gebräunt. Das Braun von Menschen, die in südlicheren Ländern aufgewachsen sind und schon immer viel in der Sonne waren. Nordländer bräunen anders. Es ist die Tönung der Haut, die an heiße, glühende Nachmittage am Meer, flirrende, silbrig glänzende Olivenhaine und an viel Liebe im Bauch erinnert; an gewaltige Sonnenuntergänge, und  an den Geschmack von Weißbrot, Käse und Rotwein. Dies alles geht ihr durch Kopf und Bauch als sie ihm zusieht beim Spielen mit den Männern.

Scheinbar wird er nicht müde. In seinem sehnigen Körper dehnen und straffen sich die Muskeln, und bei jeder Bewegung beginnt dieses Spiel an einer anderen Stelle von neuem. Eine kleine Weile hat sie auch mitgespielt, doch sie wird es schnell leid. Sie sieht nicht ein, warum sie einem Ball oder einer Scheibe hinterher jagen soll. Viel lieber liegt sie hier im Halbschatten, nicht ganz im Schatten, denn sie mag die Sonne auf ihrer Haut, diese Wärme, die das Fleisch zu durchdringen scheint bis auf die Knochen und bis in die Seele. Neben sich im Gras hat sie ein halbvolles Glas mit ein wenig Weißwein und viel Mineralwasser. Es ist noch etwas früh, aber Alkohol verstärkt das entspannte, halb schwebende Gefühl, das Nachlassen des Denkens und verstärken der Sinne – ihrer Sinnlichkeit. Sie spürt wie ihr Bauch ganz tief drinnen heiß und flatterig wird und sich dieses Gefühl weiter ausbreitet.

Sie seufzt, schließt halb die Augen und lässt ihren Blick ganz langsam weiterschweifen über das Seeufer, das Wasser, das in der Sonne glitzert, und die Menschen, die sich hier zu einem Geburtstagsfest zusammengefunden haben. Sie ist eingeladen zu diesem Fest für eine dieser fremden Frauen. Einige der Frauen sind damit beschäftigt das  Essen  vorzubereiten, einige sind im Wasser mit den Kindern, und die Männer spielen. Ihr Blick kommt langsam wieder zurück zu der Spielergruppe. Sie merkt, dass der Fremde sie ansieht, und seine Augen bringen dieses Gefühl in ihrem Bauch wieder neu zum Schwingen. Sie steht langsam auf und geht auf die Gruppe der Frauen zu, bleibt für einen Augenblick stehen, um zu hören worüber sie sprechen.

Es ist eine dieser Situationen, in denen die Männer grillen und spielen, und die Frauen zusammensitzen und reden. Sie hört sie über Gebärmutter- und Brustoperationen und diverse Krankheiten sprechen, und merkt, wie die Gespräche das wonnige Gefühl in ihrem Bauch zum Schweigen bringt und Ärger aufsteigt in ihr. Sie schlendert weiter. Sie hat nicht die geringste Lust sich zum hundertsten Male mit dieser Frage, warum das so ist und warum das immer so sein muss zu beschäftigen. Sie weiß mittlerweile, es gefällt ihr nicht und sie kann es nicht ändern.

Bevor sich Resignation in ihr ausbreiten kann, geht sie weiter zum Tisch, an dem sich jetzt die Ersten zum Essen einfinden, schenkt sich ihr Glas voll und nimmt sich etwas von dem Tomatensalat und dem Weißbrot – das südliche, mediterrane Gefühl ist wieder da.

Die Männer hören nun auf zu spielen, die Frauen verlassen ihren vertrauten und sie verbindenden Kreis der Krankheiten, und alle kommen zum Tisch.

Sie blickt wieder hin zu dem Fremden, er isst so wie er spielt. Seine Kiefer packen zu, wenn er in das Fleisch beißt, er reißt es förmlich vom Knochen. Seine weißen Zähne blitzen, er wirft das halblange Haar nach hinten und sieht ihr geradewegs in die Augen. Für einen Moment lang spürt sie dieses Zupacken am ganzen Körper, und eine Welle der Lust schießt durch ihren Bauch. Sie lacht und gibt ihm diesen Blick zurück. Das Spiel ist eröffnet. Er ist einer der ersten die mit dem Essen fertig sind und geht zu einem der Bierfässer, um sich ein neues Glas zu zapfen. Er sucht sich einen Stuhl und lehnt sich entspannt zurück. Sie spürt seinen Blick. Immer wieder wenn sie die Augen hebt, begegnet sie diesem nun unter halb geschlossenen Augenlidern sie begleitenden Blick. Eigentlich mag sie Bier trinkende Männer nicht, aber bei ihm stört es sie nicht. Irgendwie passt es zu seinen animalischen Bewegungen.

Die kurze Stille, die nach dem Essen entsteht wenn alle gesättigt sind – selbst die Kinder sind etwas leiser geworden – tritt gleichzeitig mit dem Sonnenuntergang ein. Schon während des Essens hat sie beobachtet wie die Sonne hinter den Bäumen verschwindet. Wie nur mehr vereinzelte rötlichgoldene Strahlen den Tisch streifen bis die Schatten länger werden, und die erste kühle Brise vom Wasser heraufstreicht. Eine Kühle die sie für einen Moment frösteln macht mit ihrem glühenden Bauch und Haut. Der Abendhimmel verfärbt sich in Gold und Grün und Orange, bis auch er zu glühen und zu verbrennen scheint.

Als hätten alle auf das Verschwinden der Sonne, den Beginn der blauen Stunde gewartet, steht eine der fremden Frauen auf und schaltet Musik ein. Es sind die fremden Lieder mit den vielen sehnsuchtsvollen Tönen des sich Sehnens und des Begehrens, der Liebe und des Schmerzes, aber auch die weichen, runden und beschwingten Töne des Verführens. Des Tanzens aus dem Bauch heraus, des Kreisens und des Schwingens mit den Hüften – der Aufforderung zur Liebe. Auch jetzt wieder eine Situation, in der sie aufgehört hat nach dem Warum zu fragen – die Männer bleiben sitzen und die Frauen beginnen zu tanzen. Sie hat auch Lust sich zu bewegen. Aber zuerst möchte sie noch die Kühle des Wassers genießen. Es ist niemand am Ufer des Sees und im Wasser und sie liebt es, in die beginnende Dunkelheit hinheinzuschwimmen. Sie leert ihr Glas mit einem großen, kräftigen Schluck und spürt wieder seinen Blick, seine Augen begleiten sie hinunter zum Ufer. Sie lässt sich langsam hineingleiten und genießt das sie wie Seide und Samt auf der Haut umschmeichelnde Wasser. Sie denkt, Meerwasser fühlt sich ganz anders an, ist prickelnder auf der Haut, aber der See umschmeichelt die Haut und  streichelt sie wie seine Augen. Sie beginnt mit kräftigen Stößen auf die Insel die sich mitten im See befindet zuzuschwimmen und bedauert es für einen Moment, dass er ihr nicht nachkommen kann. Dann konzentriert sie sich wieder auf ihre gleichmäßigen Schwimmbewegungen und genießt ihren sich bewegenden Körper.

Am Ufer der Insel angekommen macht sie einen Blick zurück zu der Geburtstagsgesellschaft. Die Musik und das Lachen sind über das Wasser bis hierher zu hören. Sie beginnt die Insel zu durchqueren um an das gegenüberliegende Ufer zu kommen. Die Insel ist dicht mit Kiefern und Föhren bewachsen. Durch die heruntergefallenen langen Nadeln hat sich ein weicher und federnder Boden gebildet, nur hie und da unterbrochen von den harten Zapfen. Sie ist es gewohnt barfuss zu gehen und genießt es Erde, Nadeln und Zapfen unter ihren Füßen zu spüren. Die Insel hat einen eigenen Geruch. Ein Geruch der sich durch die Bäume und die Sonnenhitze bildet und der sie an mediterrane Länder erinnert. Sie liebt ihn und saugt ihn in vollen Zügen ein. Auf der anderen Seite der Insel ist vom Ufer, an welchem die Geburtstagsgesellschaft feiert, nichts mehr zu sehen und zu hören. Sie setzt sich und lauscht der Stille, die nur kurz andauert, so als ob die Natur für einen Moment den Atem anhält, bevor die Nachtgeräusche beginnen.

Als erstes beginnen die Frösche zu quaken und sie macht sich auf den Rückweg. Sie beschließt jetzt, um die Insel herumzuschwimmen. Als sie ankommt, ist es bereits dunkel. Die Menschen am Ufer haben Kerzen und Fackeln angezündet. Schon beim Näherkommen hört sie, dass die Stimmung jetzt viel ausgelassener und fröhlicher ist, die Musik lauter. Die viele Sonne des Tages und der Alkohol haben die Gesichter gerötet und lassen die Stimmen ungezwungener, das Lachen tönender werden. Die Kinder liegen etwas abseits unter den Büschen in ihren Schlafsäcken und schlafen trotz des Lärms. Auch ihre Gesichter sind gerötet von der Sonne und vom Schlaf. Sie hüllt sich in ein Tuch und geht mit nassem Haar und wasserbeperlt zum Tisch um eine Flasche Sekt zu öffnen,  auf die sie sich schon den ganzen Abend über gefreut hat. Mit kundigem Griff öffnet sie die Flasche und gießt sich ein Glas ein, als ihr von gegenüber ein Glas herübergereicht wird. Er hält es ihr wortlos hin und sie schenkt ihm ein –  sie haben noch immer kein Wort miteinander gewechselt, worüber auch. Sie kennt ihn und seine Frau flüchtig von früheren Begegnungen, kennt auch deren Geschichte aus Erzählungen. Er lebt in einer anderen Welt.  Es ist nicht ihre Welt und sie will eigentlich auch gar nichts davon wissen. Sie will ihn, und sie weiß, dass er das auch weiß. Tiere spüren immer die Bereitschaft des Weibchens, und sie muss lachen, als sie sieht, wie seine Nasenflügel sich blähen als er scharf einatmet. Ganz kurz kommt er an ihre Seite und sie spürt seinen harten und heißen Oberarm an ihrer Haut, dann dreht er sich um und geht zu den Männern. Sie spürt das Prickeln des Sektes in ihrem Bauch, ihren Brüsten und ihrem Mund und leert rasch und mit einem Zug noch ein Glas.

Die nächsten drei, vier Stunden tanzt sie und trinkt, und tanzt und trinkt. Wenn sie tanzt, tanzt sie für ihn. Manchmal sinnlich, lockend, verführerisch, und dann wieder kraftvoll, mächtig, sich und ihn ihre Kraft spüren lassend.

Es ist schon weit nach Mitternacht, die meisten haben sich in ihre Schlafsäcke eingerollt, einige sitzen um das nur mehr schwach glimmende Feuer und unterhalten sich, wenige drehen sich noch mit müden Bewegungen im Tanz. Niemand achtet darauf, wer noch da ist und wer was tut. Sie sieht ihn – sie sieht wie er zum Ufer geht, mit einem mächtigen Satz im Wasser verschwindet und weit draußen wieder auftaucht. Langsam und mit trägen Bewegungen, aber innen das Feuer spürend, geht sie zum Wasser und lässt sich hineingleiten. Sie schwimmt ihm mit zügigen Bewegungen nach. Er weiß, dass sie da ist. Er sieht sich nicht um, aber plötzlich taucht er unter, und schwimmt unter ihrem Körper durch. Er berührt sie, zum ersten Mal berührt er sie – mit kurzen festen Griffen, sie fassend und gleich wieder loslassend. Sie schwimmen mit sich umkreisenden, umtauchenden Bewegungen auf die Insel zu. Als er Boden unter den Füßen hat, hebt er sie hoch und trägt sie über die Insel zur anderen Seite. Sie riecht an seiner Brust, an seinem Hals und fängt an, einzelne Wassertropfen, die von seinem Hals auf die Brust laufen abzulecken. Er gibt einen knurrenden Laut von sich, fasst sie noch fester, seine Hände graben sich in ihr Fleisch, und er geht rascher.

Auf der anderen, dunklen Seite der Insel angekommen, lässt er sie in den feuchten Sand gleiten, und mit einer einzigen Bewegung ist er über ihr und hat ihr den Badeanzug vom Körper gestreift. Sie sieht ihn im vollen Mondlicht stehen, als er seine Badehose auszieht und genießt den Anblick dieses kraftvollen, muskulösen Körpers und die Vorfreude, weil sie weiß, dass er gleich in ihr sein wird. Einen kurzen Moment lang bleibt er ganz still stehen und fast ist es so, als wäre die Abendstille wieder da. Als er sich über sie beugt, beginnen auch die Nachtgeräusche wieder, die sich jetzt vermischen mit ihrem Stöhnen und seinem heftigen Atem, der über ihr Gesicht streift. Wie fauchende Tiger, die sich paaren. Er dringt sofort ein in sie, und sie ist bereit – weit, feucht und verschlingend.  Ihre Körper verschmelzen miteinander, glühen, und trennen sich wieder in dieser stoßenden Bewegung, in der sich die Lust des ganzen Tages entlädt. Nach der ersten kurzen und heftigen, fast schmerzlichen Entladung setzt er das Streicheln ihres Körpers, das eher an harte, aber zärtliche Prankenschläge erinnert, fort. Sie rollen gemeinsam, ineinander verschlungen, sich festsaugend aneinander ins Wasser, er hebt sie hoch, und im Wasser stehend, dringt er noch einmal mit einem Schrei in sie ein. Sie spürt ihn in sich und als er in ihr und gemeinsam mit ihr explodiert, ist es, als würde auch der Sternenhimmel über ihr explodieren.

Als er sie zurückträgt ans Ufer merkt sie, dass er einige Male strauchelt und auch sein plötzliches Keuchen ist nicht mehr das Keuchen des Begehrens. Er lässt sie wieder ganz vorsichtig in den Sand gleiten und sie sieht, dass sein Gesicht schmerzverzerrt ist. Er hält sich mit der rechten Hand seine Herzseite. Während sie über ihm kniet, geht ihr durch den Kopf, dass sie nach den Regeln dieser Fremden etwas Verbotenes getan haben. Wenn sie jetzt Hilfe holen würde, könnte dies ein Drama unter allen Anwesenden auslösen. Zum ersten Mal in dieser Nacht versucht sie mit ihm zu sprechen. Er hört sie nicht. Sie setzt sich hin und nimmt seinen Kopf zwischen ihre weit geöffneten Schenkel, in die er eben noch seinen Samen verströmt hat, und er rollt sich zusammen wie ein Embryo. Sein Atem geht pfeifend und sie streichelt ihm über die Stirn. Nach einer Weile, in der sie ruhig dagesessen und diesen Fremden wie ein neugeborenes Baby zwischen ihren Beinen liegen hat, merkt sie, dass sich etwas verändert hat. Sie dreht sich zur Seite, um in sein Gesicht sehen zu können, und sieht in das Gesicht des Todes. Sie weiß, wie jemand aussieht der stirbt. Sie streckt sich aus, legt sich neben ihn und hält ihn bis sein Atem aufhört und länger noch ganz fest in ihren Armen.

Dann löst sie sich sanft von ihm, steht auf und sieht auf den Fremden hinunter. Sein Gesicht ist gelöst und entspannt, als ob er ganz friedlich schlafen würde. Sie steht auf und geht langsam und versonnen ins Wasser, dreht sich nicht mehr um. Sie beginnt, wie schon am Abend, um die Insel herumzuschwimmen, diesmal aber noch ein Stück weiter, um nicht ans Ufer zu kommen, an dem noch einige Menschen sitzen. Sie steigt hinter dem Gebüsch, unter dessen Schutz die Kinder liegen vorsichtig und leise aus dem Wasser, geht nach vorne zum Tisch, hüllt sich in ihr Tuch und nimmt sich eine noch halbvolle Sektflasche.

Sie setzt sich in einiger Entfernung von den Menschen, die noch leise plaudern, ans Ufer und sieht zur Insel hinüber, während sie einen großen Schluck aus der Flasche nimmt.  Es war schön mit dir, denkt sie, und so ist es wahrscheinlich am besten für uns alle.

(Juni 1998)

 

Die blauen Stunden – über den Komponisten Jean Sibelius

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Ich liebe die blauen Stunden der Abenddämmerung. Jetzt gerade erinnere ich mich an die blauen Abendstunden in Portugal mit dem Duft der Zistrosen. Oder hoch in den Bergen, wenn die Zeit still steht und die Stille hörbar wird. …

Ute Woltron schreibt in ihrem Artikel in der Presse über die blauen Stunden der Morgendämmerung. Hier die wundersame Geschichte über Jean Sibelius:

„Folgende wahrscheinlich wahre Geschichte trug sich an einem Herbsttag im Jahr 1957 zu. Der damals hochbetagte finnische Komponist Jean Sibelius war, wie jeden frühen Morgen, zu einem Spaziergang aufgebrochen. Er lebte mit seiner Frau zurückgezogen auf einem recht abgelegenen Anwesen am Ufer eines Sees. Das Grundstück war wild, unberührt und mit 4,2 Hektar riesengroß.

Sibelius war zu diesem Zeitpunkt 91 Jahre alt und fast blind. So konnte er seine geliebten Wildvögel, die zeit seines Lebens eine so wichtige Rolle gespielt hatten, kaum mehr sehen. Doch er hörte sie. Er hörte die Wildgänse auf ihrem Zug, er lauschte ihrem Flügelrauschen, ihren Rufen, und er hörte natürlich auch die Kraniche im Frühling an-, und im Herbst wieder abreisen.

An besagtem Morgen kam der alte Mann erregt von seinem Spaziergang zurück und berichtete seiner Frau, ein Zug von Kranichen sei so niedrig über ihn hinweggeflogen, dass selbst seine schwachen Augen die Vögel hätten ausmachen können. Einer von ihnen habe sich aus der Gruppe gelöst, sei tief über ihm zurückgeflogen und einmal über dem Haus gekreist. Er habe danach die anderen wieder eingeholt, und der Kranichzug sei ruhig Richtung Süden weitergeflogen.

„Ich habe den Vogel meiner Jugend gesehen“, soll Sibelius zu seiner Frau gesagt haben. Zwei Tage danach starb er auf seinem Anwesen. Dieses ist, nach seiner Frau Ainola benannt, in unverändertem Zustand heute ein Museum. Der Garten dürfte nicht mehr ganz so unberührt sein wie damals, doch das ist hier gar nicht das Thema. (…) <<

Foto: Ute Woltron

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