********** 2021 ***********

Ich wünsche dir, dass du dein Leben so lebst wie du das möchtest und dass es dir gut geht.

Ich wünsche dir, dass du dir keine Vorsätze machst, sondern dass du einfach tust. Ab jetzt.

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hättest du

für Hannelore Elsner

kurz vor deinem Tod verliebtest du dich

in einen Musiker zwanzig Jahre jünger

und er in dich

im Aufzug überlegtet ihr euch ob ihr

euch noch näher kommen könntet

und keiner von euch traute sich

dann starbst du

aneinander

vorbeigeflogen

hättest du

vergebliche Worte

jetzt

könnte das letzte Mal

sein

(M.K., geschrieben am 24 12 2019)

Foto: Ganesha ist im Hinduismus ein typischer Volksgott, der als Gott der Weisheit, der Überbringer des Glücks und der Beseitiger aller Hindernisse gesehen wird.

Eine Weihnachtsgeschichte – Die Alte Kaiserin und das Kleine Ich

Das Kleine Ich sitzt nun schon jahrelang in einer Ecke und ist traurig. Die Arme hat sie um ihre Beine geschlungen und den Kopf darauf gelegt. Immer wieder will sie sich erheben und die Liebe und Freude ihres Herzens teilen, – und sinkt erschöpft zurück.

Die Alte Kaiserin betrachtet sich im Spiegel. Sie bestaunt sich selbst und ihre wundervollen Kleider. All die Pracht. Sie lässt sich bestaunen. An ihr Herz hat sie schon lange nicht mehr gedacht und es auch nicht mehr gespürt. Papperlapapp – Kinderkram …

Und dann passierte Folgendes und damit beginnt unsere Geschichte.

Die Alte Kaiserin ist nackt.

So wie sie damals in diese Welt kam.

Sie traut sich nicht hinaus in die Welt – schutzlos fühlt sie sich.

Sie kann nicht mit Menschen sprechen. Sie kann es nicht.

Alte Sprachmelodien – die Sprache der Macht – drängt sich auf ihre Lippen und sie verschließt ihren Mund. Nein, so nicht mehr.

Die neue Melodie – die Sprache des Herzens ist noch ungewohnt.

Und meistens ist sie begleitet von tränennasser Traurigkeit.

Sie versucht. Sie übt. Sie stolpert.

Sie hat ihre Kleider abgelegt. Eins nach dem anderen.

Viele Schichten der Pracht, des Prunk und der Großartigkeit.

Mühsam war das ablegen.

Lange hat es gedauert.

Erst schien es ihr, als ob sie selbst die Kleidung wäre.

Als ob sie in ihre Haut eingewachsen wäre.

Die Ablösung tat weh. Sie schmerzte.

Und Angst ergriff sie.

Ein kleines Mädchen schrie „Schaut, die Kaiserin ist nackt“.

Und dann schämte sie sich.

Stand da.

Ohne Kleider.

Nackt und bloß.

Und plötzlich – so nackt und bloß – erinnert sie sich an die Zeit als sie noch nicht Kaiserin war.

Als sie liebte, lachte, tanzte und sang.

Doch irgendwann war es geschehen.

Sie weiß genau wann und warum.

Doch wir müssen das nicht wissen. Alles muss nicht erzählt werden.

Doch von da an, von dem wir nichts wissen, brach sie die Herzen reihenweise.

Bewunderung war ihr Lebenselixier

Bewunderung war ihr täglich Brot

Wisst ihr, dass Bewunderung süchtig machen kann?

Wisst ihr, dass Bewunderung einsam machen kann?

Es war ein Weinen und ein Schluchzen in ihr.

Gefallene Träume.

Immer wieder erhob sich die dunkle Göttin Kali in ihr.

Kali, die Göttin des Todes und Zerstörung. Aber auch der Erneuerung – doch die kommt später …

Kali trägt eine Halskette mit abgeschlagenen Schädeln.

Die Alte Kaiserin trug stolz eine Halskette mit gebrochenen Herzen

Ihr eigenes Herz behielt sie ganz für sich

Nun geschah es, dass sie in ihrem Leben keinen Trost mehr fand.

Freude kannte sie schon lange nicht mehr.

Sie hatte sich viele schöne Kleider und Sachen gekauft.

Sie wohnte nicht, sie residierte – kaiserlich eben.

Sie aß und trank in teuren Restaurants und logierte in den besten Hotels.

Sie kaufte und kaufte und kaufte …

Alle sollten sehen wie erfolgreich sie war und wie gut es ihr ging.

Doch Freude kann man nicht kaufen.

Die Alte Kaiserin wollte klug und intelligent sein und alle sollten das merken. Sie las viele kluge Bücher. Sie betrat mit Ehrfurcht das große, jahrhundertealte Haus in dem alles Wissen gelehrt wurde. Sie wurde zu Symposien eingeladen und hielt Vorträge vor vielen Menschen. Sie sprach viel Kluges und viele Menschen hörten ihr zu und suchten ihren Rat. Doch auch Klugheit allein macht nicht glücklich …

Die Alte Kaiserin hatte lange nicht bemerkt wie sehr sie damit beschäftigt war großartig zu sein. Und überheblich, – sie erhob sich über all die anderen. War sie doch überzeugt und für so manche auch überzeugend, dass sie alles wusste und alles kannte.

So lebte sie.

Sehr lange Zeit.

Wann geschah es, dass sie merkte, das sie nicht glücklich war?

Wann geschah es, dass sie merkte, dass sie keine Freude empfand?

Wann geschah es, dass sie merkte, dass sie die Wunder der Welt nicht mehr sah?

Vielleicht geschah es, als sie müde wurde, sehr müde.

Es macht müde, die ganze Zeit großartig sein zu müssen.

Es macht auch müde, immer besser und klüger sein zu müssen.

Und es macht sehr müde, sich immer wieder beweisen zu müssen.

Und vor allem macht es müde, sein Herz zu verschließen.

Sie erkannte sich selbst nicht mehr.

Und sie erinnerte sich …

Da war doch was …

Damals …

Und weil sie doch so müde war, die Alte Kaiserin.

Und die vielen Kleider und alles was sie besaß, viel zu schwer an ihr hingen, fing sie an, sich vorsichtig davon zu befreien.

Erst ganz langsam.

Und als sie merkte, dass es immer leichter wurde – mit jedem Stück, dass sie losließ, machte sie weiter – bis sie nackt und bloß war …

Und als sie nackt war, ganz nackt – fing sie an, ihre inneren Räume auszukehren, obwohl sie sich in manche erst einmal gar nicht hinein wagte. In manche Räume ging sie mit einem leisen Entsetzen und sie brauchte sehr lange, um diese Räume auszukehren.

Und doch gab es auch ihren Schatzraum, der bis oben angefüllt war mit Lebensschätzen. Mit Liebe und Glück und Frohsinn und Lachen.

Und das freute sie doch ein kleines bisschen.

Und dann auf einmal – geschah es …

Das Kleine Ich war aufgestanden und lugte um die Ecke.

Und die Alte Kaiserin erkannte das Kleine Ich.

Lange hatte sie sie nicht gesehen.

Und es überkam sie wieder eine tränennasse Traurigkeit.

Und gleichzeitig erhob sich das Kleine Ich und lächelte sie an.

Ach – war das süß, dieses Lächeln …

Die Alte Kaiserin hätte nun gesagt – Papperlapapp, Kinderkram …

Aber die Alte Kaiserin gibt es nicht mehr.

Ohne ihre voluminösen Machtkleider ist sie machtlos.

Und sie erkannte das Kleine Ich.

Das kleine Mädchen von damals.

Die keine Ameise zertreten wollte.

Die sich über das Erblühen jeder Blume freute und wie ein Wunder begrüßte. 

Das Kleine Ich ist die Freude.

Das Kleine Ich freut sich darüber dass sie ist. Einfach so.

Sie freut sich dass sie am Morgen aufsteht.

Sie freut sich am Abend aufs Einschlafen und ihre Träume.

Sie freut sich über jede Blume, jede Biene / über den Schnee auf dem Dach und die langen Eiszapfen.

Sie freut sich über ihr einziges Kleidchen und ihren warmen Pyjama.

Sie freut sich über jeden Menschen dem sie begegnet und begrüßt ihn mit strahlenden Augen.

So ist das Kleine Ich.

Und die alte Göttin, die dunkle Kali, steckt ihre abgeschlagenen Schädel und gebrochenen Herzen weg und wird zur Erneuerin.

Und die goldene Göttin Aphrodite, die das Lächeln so liebt, zeigt sich und streut Blüten auf ihren Weg.

Jahrelang hatte das Kleine Ich darauf gewartet. Sehnsüchtig.

Und sie strahlte und war voll Freude, als sie sich zum ersten Mal der alten Kaiserin zeigte.

Und die Alte Kaiserin – ihr wisst schon – tränennasse – nein, diesmal nicht Traurigkeit, – sondern tränennasse Freude!

Das Kleine Ich umarmte sie und drückte sie an ihr kleines Herz, das auf einmal so groß war, dass die Alte Kaiserin darin Platz hatte und sie sich ganz warm, geliebt und aufgehoben fühlte.

Das Kleine Ich nahm sie an der Hand und führte sie hinaus ins Freie.

Dunkel war es bereits. Die ersten Sterne am Himmel.

Und kalt war es. Klirrend kalt.

Doch die Alte Kaiserin spürte diese Kälte nicht an der Hand des Kleinen Ich.

Und die alte Kaiserin erinnerte sich, dass ihre Großmutter, die vor ihr eine strenge Kaiserin gewesen war, gesagt hatte, wenn sie einmal gestorben sei, werde sie ein Stern am Himmel sein und die alte Kaiserin, die damals noch das Kleine Ich war, werde sie immer sehen können, wenn sie nachts in den Himmel schaue.

Und als die Alte Kaiserin an der Hand des Kleinen Ich in den Himmel schaut, sieht sie auf einmal einen Stern blinken, und er hört nicht auf zu blinken und wird immer größer.

Ja, Großmutter, sagt sie, jetzt wird alles gut …

Ach du meine Güte -, sagt die Alte Kaiserin zum Kleinen Ich – ich dachte ich wüsste alles über das Leben und jetzt merke ich, dass ich nichts weiß. Sie zwinkert dem Kleinen Ich zu und sagt, – und jetzt werde ich nicht schon wieder die Schlaumeierin sein und sagen, wer das gesagt hat …

Ich bin die Alte Kaiserin, – denn das war ein Teil meines Lebens.

Ich bin aber auch das Kleine Ich das ich einmal war und jetzt wieder sein werde. Und gemeinsam werden wir – so wie damals – am Fenster stehen und auf das Christkind warten. Nur, – wenn sich die Tür öffnet, werde ich nicht auf die Knie fallen und auf den Knien zum Christbaum rutschen so wie damals, – das halten meine alten Knie nicht aus.

Und die Alte Kaiserin und das Kleine Ich zwinkern sich zu und lachen aus vollem Herzen. Gemeinsam.

Bild: Die Sternennacht von Vincen van Gogh

Weihnachten – in Frieden und mitFreude

Wie immer ihr auch diese Tage lebt, allein oder gemeinsam – friedlich sollen sie sein – das wünsche ich Euch! Frieden ist „ein heilsamer Zustand der Stille oder Ruhe und die Abwesenheit von Störung oder Beunruhigung“ – heißt es. Das finde ich eine schöne Erklärung …

Wenn ich mein „kleines Ich“ betrachte, das in diesen Tagen immer in meinem Blickfeld ist (schau dir den Adventkranz an) – kehrt auf der Stelle, auch wenn meine Gedanken ganz woanders sind, – „Stille und Ruhe“ ein – und Freude. Das „kleine Ich“ ist die Freude selbst!

Habt es gut und lasst es Euch gut gehen – in Frieden und mit Freude!

Das wünsche ich Euch …

Der kleine Garten-Kobold

Ich habe den kleinen Kobold erst in den letzten Tagen im Dachlukenfenster entdeckt, obwohl ich sehr oft an dem Haus vorbeigehe. Jedoch hat er sich bereits 2017 in meinen Gedanken eingenistet. Ich schrieb damals die unten stehende Geschichte. Jetzt, drei Jahre später – mit dem Wissen um Corona, liest sich die Geschichte noch einmal ganz anders …

Vorab noch: Die Einfamilienhaussiedlung, in der ich (wieder) lebe, wurde in den Jahren 1932 bis 1938 gebaut. Es gibt nicht mehr viele Häuser in ihrer ursprünglichen Form. Dies ist eines davon. Die Fenster und Fensterläden stammen aus dieser Zeit. Die Eternitplattenverkleidungen an den Häusern wurden ca. in den 60er-Jahren angebracht.

Und nun die versprochene Geschichte –

Der kleine Garten-Kobold

Der kleine Kobold, der mit der Zeit seinen eigenen Namen vergessen hatte, weil ihn schon allzu lange niemand mehr ausgesprochen hat, wohnt schon seit Menschengedenken und vielleicht auch schon länger, im Garten.

Seit Menschengedenken – ob das aber so eine gute Sache ist mit dem menschlichen Denken, überlegt er sich so manches Mal. Er ist sich da nicht so sicher. Denn sie haben mit dem Denken viel zu viel verloren – das hinter die Dinge sehen zum Beispiel. Ober auch das Spüren und Fühlen. Oder – und das macht ihn jetzt ein bisschen traurig – ihn zu sehen! Kleine Menschen können ihn manchmal sehen. Aber auch nicht alle. Und spätestens, wenn sie nicht mehr in den Garten spielen kommen und in diese Häuser gehen, die sie Schule nennen, ist es vorbei mit dem Sehen. Sie fangen an zu Denken. Ja, vielleicht doch nicht so eine gute Sache.

Früher – also sehr viel früher – kümmerten sich die Mensch auch noch um sein Essen. Sie stellten Schälchen mit Milch und leckeren Sachen für ihn unter den großen Baum. Und sie freuten sich, wenn sie nachschauten und sahen, dass er die Schälchen geleert hatte.

Allerdings wäre dies heute auch nicht mehr möglich, denn es gibt zu viele Katzen in den Gärten. Die würden die Schälchen in Null-komma-nix leeren. Obwohl sie in den Häusern gefüttert werden. Er hat von diesen Katzenschälchen probiert. Aber abgesehen davon, dass es ungenießbar war – er schüttelt sich in der Erinnerung, hatten ihn auch die Katzen angefaucht und versucht, ihn zu fangen. Furchtbar die Erinnerung!

Mit der Zeit hat er Überlebensstrategien entwickelt. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Speisekammern, in die er mit Leichtigkeit hineinkam – er ließ sich einfach einschließen – gibt es nicht mehr. In diese Kühlschränke, die die Menschen schon seit einiger Zeit haben, hat er sich nur einmal einschließen lassen. Es hätte ihn fast das Leben gekostet. Er kam einfach nicht mehr raus. Und gefroren hat er wie noch nie. Nicht einmal in den kältesten Wintern. Also musste er sich etwas anderes überlegen. Die einzige Möglichkeit waren noch diese großen Kübel, in die Menschen ihre Abfälle, aber auch noch viel Essbares warfen. Dazu braucht er aber Hilfe, um diese schweren Deckel anzuheben. Manchmal hilft ihm ein Eichhörnchen oder auch ein Rabe. Die Katzen meidet er. Denn die sehen ihn so an, als ob er die begehrte Nahrungsmöglichkeit wäre. Ihnen ist einfach nicht zu trauen.

Er seufzt. Nicht nur, dass die Menschen aufgehört haben, sich um ihn und die Elfen in den Bäumen zu kümmern, sie kümmern sich ja auch nicht mehr umeinander. Statt neue Bäume zu pflanzen oder gut riechende und durchaus auch essbare Blumen zu setzen – von all dem guten Gemüse gar nicht zu sprechen – gehen sie in Häuser, in denen sie sich mit den verschiedensten Geräten so plagen, dass sie ins Schwitzen kommen. Wenn sie nach Hause kommen legen sie sich in den Garten oder vor dieses Gerät, in dem kleine Menschen zu sehen sind. Er versteht das nicht, wenn sie sich schon plagen wollen, warum machen sie das nicht im Garten?

Sie sagen auch immer, sie hätten keine Zeit. Das versteht er schon gar nicht. Er hat alle Zeit der Welt. Die Zeit ist doch immer da. Auch das haben sie verloren, denkt er – zu sehen, dass die Zeit da ist. Sie müssten sie sich doch nur nehmen.

(M.K., 19 03 2017)

Das Leben der Else Lasker-Schüler. Eine Biographie

Was ich (auch) lese – ich stelle vor …

Kerstin Decker: Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler.

Über die Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit der Else Lasker-Schüler, die sich mit meiner Sehnsucht paart und ich daher immer wieder zu lesen beginne …

Ein Buch, das viele Einblicke  in das bewegte und bewegende Leben und in die weite Welt ihrer Gedichte bringt; auch Erkenntnisse, – wenn Kerstin Decker über die Sprachfähigkeit der Menschen schreibt, die uns schlussendlich zur „Urkatastrophe schlechthin“ geführt hat.

„Die letzte Augustwoche des Jahres 1911 beginnt. Eine Frau geht nach Hause. Sie geht ins Café, in ihr Café. Oder sollte man sagen: Sie geht zur Arbeit?

Nur die Lebensbürger glauben, dass das drei grundverschiedene Dinge sind, ein Zuhause, eine Arbeit, ein Café. Und Thomas Mann. – Wann arbeiten diese Leute eigentlich?, fragte er beim Besuch des Lokals, um dessen Tische lauter Menschen seines Berufs saßen.

Jetzt! Jetzt arbeiten sie. …. „

So beginnt die in szenischer Erzählweise geschriebene Biographie.

Else ist eine meiner Lieblingsdichterinnen und ihr Buch immer in Griffweite, – um so manches Mal und immer wieder nächtens darin zu lesen.

Ich lese in ihrem Gedicht „Weltflucht“

„Ich will in das Grenzenlose

zu mir zurück,

…“

und ich erinnere mich an die letzten Zeilen meiner „Triest-Impressionen“, in denen ich so wie in anderen Gedichten auch über die Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit schrieb:

„Meine Augen suchen immer wieder die schmale Linie des Horizonts

Die unendliche Sehnsucht in mir – ein endloses Träumen –

Träumen ohne Grenzen

Hier finde ich es

Fast

Grenzenlos“

Kerstin Decker schreibt dazu:

„Das Grenzenlose meint einen Zustand, in dem die Umrisse von Ich und Welt noch nicht fest, also noch nicht getrennt waren, in dem alles Austausch war und universelle Nachbarschaft. Unsere Sprachfähigkeit ist nicht nur das, was den Menschen gegenüber allen Lebewesen emporhebt und auszeichnet, sie ist zugleich die Urkatastrophe schlechthin. Denn sie macht Gegensätze aus dem, was in den Anfängen eines jeden Menschen indifferentes Eins war. Das Ich ist nun nicht mehr weltlöslich, es steht der Welt gegenüber. Die Sprache lässt die Subjekt-Objekt-Scheidungen beginnen. Sie begründet die Herrschaft der Trennungen. Bis uns schließlich das Wort Sprache selbst zu naiv erscheint. Der Mensch auf der Höhe unserer Zeit spricht nicht, er tritt in Diskurse ein, er teilt sich mit, er kommuniziert. Die Bedeutungen sind längst fest geworden. Der Beruf des Dichters ist, es immer wieder etwas von diesen Trennungen rückgängig zu machen. Und das genau durch jenes Mittel, das einst zur Entmächtigung des Ungetrennten führte: durch die Sprache.

…… „

Über eine weitere Möglichkeit der Aufhebung der Trennung von „Ich und Welt“ erzähle ich, wenn ich über „Meditation / Achtsamkeit / Leben im Hier und Jetzt“ schreibe.

Alles, was zu einem Außerhalb geworden ist / – andere Menschen / Tiere / Umwelt /  – wird wieder vereint zu einem „einSein“.

„Die Urkatastrophe schlechthin“ – das Denken in Gegensätzlichkeiten und den Trennungen von Ich und die Welt / Ich und die Anderen / Ich und die Natur – brachte uns Corona.

Das ist bedenklich …

Und neben aller Bedenken oder gerade deshalb auch – lesen und schreiben wir über die Liebe …

Liebe

Weißt du, daß du gefesselt liegst

In meiner wilden Phantasie …

Damit du mich mit Küssen besiegst

In den schwarzen Nächten, in der Dämm’rung früh.

Weißt du, wo die Anemonen stehn

Rotfunkelnd, wie ein Feuermeer …

Ich hab’ zu tief in die Kelche gesehn

Und lasse die Sünde nimmermehr.

Und wäre sie noch so thränenreich –

Und stürbst du in meiner sengenden Glut …

Meine Hölle verbirgt dein Himmelreich,

Und zerschmelzen sollst du in meinem Blut.

(Else Lasker-Schüler)

Bild: Else Lasker-Schüler Selbstbildnis