Beim Älterwerden langsam aus der Zukunft ankommen

Vor einigen Tagen habe ich in Helga Schuberts, geb. 1940, Buch „Aufstehen“ gelesen:

«Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Heute habe ich, geb. 1950, geschrieben:

Ich diesem Jahr des Älterwerdens bin ich langsam aus der Zukunft angekommen, ich nehme Abschied von meinem Kloster in Sri Lanka das ich nicht mehr besuchen werde, von den fernen Gebirgen, die ich noch durchwandern und den Meeren, in denen ich noch schwimmen wollte, genauso von den Opernhäusern, den Museen in den Hauptstädten, und all den Ländern die ich noch besuchen wollte.

Und dann fällt mir beim Stöbern in meiner Bibliothek das Buch von Cees Nooteboom „Rituale“, gekauft als ich 45 war, in die Hände, und finde einen Marker:

„Jetzt, da er die Vierzig hinter sich hatte, würde er nicht mehr Pianist werden wollen, würde er auch nicht mehr Japanisch lernen, das wusste er mit Sicherheit, zugleich aber ließ diese Sicherheit ein kummervolles Gefühl in ihm aufkommen, ihm war, als mache das Leben jetzt endlich seine Einschränkungen geltend, als würde dadurch der Tod sichtbar: Es stimmte nicht, dass alles möglich war. Vielleicht war alles einmal möglich gewesen, doch jetzt war das nicht mehr so.“

Und mein Kopf schüttelt sich wie der Wackeldackel im Auto.

Nein, aber nein, mit 40 war die Welt noch offen für mich und ich habe mir noch so viele Wünsche erfüllt, damals ….

Heute, ja heute, sage ich: Damals war alles möglich, doch jetzt ist es nicht mehr so. Ich bin aus der Zukunft angekommen, und weiß, dass vieles nicht mehr möglich ist.

Noch einmal Helga Schubert:

„Dieses Ankommen, zurückkehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben, gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.“

Akzeptanz für das was nicht ist –

Dankbarkeit für das, was ist …

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Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

https://www.dtv.de/buch/helga-schubert-vom-aufstehen-28278/

Aus der Geschichte lernen

Was können wir aus matriarchalen Gesellschaften lernen?

Eine Bereicherung für Frauen und Männer gleichermaßen – Leben in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute.

Vor zwei Tagen habe ich unter dem Titel „Über unser aller unterschätztes Erfahrungswissen“ geschrieben:

„Erst wenn Frauen mehr als ein Frauenbild kennen lernen …

Erst wenn Männer mehr als ein Männerbild kennen lernen …

Erst wenn Menschen mehr als eine Liebes- und Beziehungsform kennen lernen …

haben sie eine echte Wahlmöglichkeit für die vielen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens, die es gibt und gegeben hat.“

2008 habe ich mir „Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften“, Band 1 und 2, von Irene Fleiss gekauft. Etwas hineingeschmökert habe ich sie in meiner Bibliothek abgelegt. Vor einigen Tagen – ich war auf der Suche nach etwas anderem – sind sie mir aufgefallen. Ich nahm sie heraus und bin seitdem nicht mehr herausgekommen. Zu wertvoll sind die Schätze in diesem Buch – jeder Satz ein Kleinod, das immer wieder gelesen und über das immer wieder nachgedacht werden will. Es gibt immer den richtigen Zeitpunkt ein Buch zu lesen – der Zeitpunkt für diese Bücher ist Jetzt.

Irene Fleiss entwirft ein komplexes Bild von matriarchalen Gesellschaften, um Wissen bereitzustellen für den dringend benötigten persönlichen und gesellschaftlichen Wandel im Zusammenleben der Geschlechter und Generationen und mit der Natur.

Ich kann mir vorstellen, dass viele bereits bei dem Titel der Bücher „Als alle Menschen Schwestern waren“ aufgehört haben zu lesen. Vor allem auch vielleicht Männer. Aber  bitte weiterlesen, es geht ja auch um euch – Lebens- und Liebesformen leben Frauen ja nicht allein (manche schon, aber nicht alle), sondern Frau & Mann gemeinsam. Für diejenigen, die weiterlesen, weil es ihr Interesse geweckt hat – freut mich das sehr. Es freut mich, weil ich die Bücher als Bereicherung empfinde. Eine Bereicherung und Erweiterung von Wissen über andere Lebens- und Liebesformen als das Patriarchat, über das manche den Mythos verbreiten, es sei immer schon dagewesen und sei die einzig mögliche Form zu leben. Nein, ist es nicht. Abgesehen davon wird auch ein weiterer Mythos korrigiert, – dass Matriarchate seitenverkehrte Patriarchate seien. Ihr wärt überrascht, in wie vielen Ländern der Erde Matriarchate nachgewiesen werden können. Ich war es auch. Und heute noch gibt es in versteckten Eckchen auf unserer Erde Matriarchate. In der letzten Zeit hat es im TV einige Dokumentationen über diese Matriarchate gegeben.

Eindrückliche Erlebnisse für mich waren Symposien, bei denen ich Frauen aus noch bestehenden Matriarchaten kennen lernen durfte. Aus Juchitán, die mexikanische Sängerin und Fotografin Marta Toledo. Sie ist Angehörige des Volkes der Zapoteken, einer der ältesten indigenen Ethnien Mexikos. Martha Toledo lebt in Juchitán und in Oaxaca (der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Sie singt auf zapotekisch und spanisch. Mit ihren Liedern erzählt sie über ihr Leben als zapotekische Frau und als Angehörige der matriarchalen Gesellschaft von Juchitán.

Weiters Frauen vom Volk der Mosuo. Im Süden von China, rund um den Lugu-See, lebt das Volk der Mosuo. Die Mosuo sind bekannt für ihr harmonisches Zusammenleben. Es gibt keine Gewalt, keine Eifersucht, keinen Krieg. Gegensätze wie ‚arm‘ und ‚reich‘ kennen sie nicht und das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben richtet sich nach der Lebenswelt der Frauen und Kinder.

Die Frauen aus den lebendigen Matriarchaten kennen gelernt zu haben, ihr „würdiges“ Auftreten mit einem Selbstverständnis des Frauseins gesehen zu haben – dafür bin ich unendlich dankbar.

Irene Fleiss schreibt:

„Ich wende mich in erster Linie an Frauen und schreibe über Weiblichkeit und das Leben von Frauen in matriarchalen Gesellschaften, weil dort die Frauen im Mittelpunkt standen (nicht, weil ich – abgedroschene Unterstellung – etwas gegen Männer hätte). Außerdem gibt es genügend Bücher über die Befindlichkeit von Männern, auch wenn sie überwiegend von Frauen, den unbezahlten Therapeutinnen, gelesen werden.“

Eine Versöhnung der Geschlechter / ein Aufbau von Vertrauensgemeinschaften  ist höchst notwendig, und das scheint mir mit matriarchalen Lebens- und Liebesformen besser zu gelingen. Mit dem Patriarchat hat’s jedenfalls nicht geklappt. Im Gegenteil. Es brachte und bringt viel Leid, Schmerz und Unrecht über die Menschheit und die Erde.

Zurück zur Vielfalt und Fundiertheit des Buches, das mich fasziniert und begeistert – aber das werdet ihr schon gemerkt haben, oder?

Aus dem Vorwort:

„Die Autorin Irene Fleiss aus Wien öffnet mit ihrem Werk unsere Augen für die Vielfalt matriarchaler Gesellschaftsformen und ihre Grundlagen von der fernen Vergangenheit bis in unsere Gegenwart, die sie alle mit einem breigefächerten Foschungs- und Wissensfundamt von gut 500 Veröffentlichungen von fast 350 AutorInnen aus aller Welt untermauert, die ihr in deutscher Sprache und Übersetzungen zugänglich waren.

Herausgekommen ist ein facettenreiches Bild matriarchalen Lebens, weit entfernt jedweden Versuchs, die Einheitlichkeit eines Wunschbilds zu präsentieren, nach dem alle matriarchlen Gesellschaften den Idealtypus menschlichen Zusammenlebens verkörpern müssten. Und es ist dennoch nah genug, um zu erkennen, dass matriarchale Gesellschaften gestern und heute vom Respekt allem Lebendigen gegenüber geprägt waren und noch sind, in denen Frauen eine starke Position hatten/haben.“

Zur Autorin:

Irene Fleiss, 1958 – 2008, österreichische Gender- und Matriarchatsforscherin, Schriftstellerin.

Als ich ihr Geburtsdatum sah, freute ich mich – acht Jahre jünger als ich. Und ich wollte ihr meine Wertschätzung, Respekt und Freude über ihre Bücher mitteilen. Dann las ich, sie starb bereits 2008, kurz vor ihrem 50. Geburtstag an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Ich werde ihr meinen Respekt erweisen, in dem ich sicher sehr oft aus ihrem wertvollen Opus Magnum zitieren werde.

Die Bücher von Irene Fleiss:

Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften, Band 1, 2006, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Als alle Menschen Schwestern waren. Weiblichkeit in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute, Band 2, 2007, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Weitere Bücher:

Veronika Bennholdt-Thomsen, Mechhild Müser, Cornelia Suhan: FrauenWirtschaft. Juchitán – Mexikos Stadt der Frauen. Verlag Frederking & Thaler, München 2000.

Yang Erche Namu, Christine Mathieu: Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört, Ullstein Verlag

Foto:

Martha Toledo

Male oscuro – Ingeborg Bachmann

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Werkausgabe – Male oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe

Bachmanns Traumnotate, Briefentwürfe und Aufzeichnungen aus der Zeit ihrer Krankheit sind als Grundelemente der späten »Todesarten«-Texte von großem literarischem Interesse. Darüber hinaus sind diese Schriften dazu angetan, unser Wissen über ihre Krankheit, und über das Phänomen der Krankheit überhaupt, zu erweitern. Sie sind anstößig, mutig in ihrem analytischen Ansatz, geschlagen mit dem Wissen um das Unheilbare – und zugleich erfüllt von dem leidenschaftlichen Wunsch, aus der Krankheit herauszukommen und Heilung zu finden.

http://www.suhrkamp.de/buecher/werkausgabe-ingeborg_bachmann_42602.html

Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag

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Ich grenz noch an ein Wort

Hans Höller und Arturo Larcati über Ingeborg Bachmanns Reise nach Prag im kalten Jänner 1964. Die Spurensuche ermöglicht eine Annäherung an das lyrische Spätwerk der Dichterin.

(…) Hans Höller und Arturo Larcati haben sich vor geraumer Zeit vorgenommen, eine Spur aufzunehmen. Ingeborg Bachmann und ihr um erhebliche Jahre jüngerer Begleiter, Adolf Opel, damals Publizist und Kritiker, später Theaterschriftsteller, Drehbuchautor und Herausgeber der Schriften von Adolf und Lina Loos, haben sie gelegt – nach Prag im Jänner 1964 und zu einem kleinen Gedichtkorpus, zu dem auch eines ihrer bekanntesten Gedichte – unsere Autoren meinen sogar: ihr bestes – gehört: „Böhmen liegt am Meer“. Eine Prag- und Shakespeare-Hommage, zudem für Bachmann damals ein Lebensanker in ihrer schweren Krise nach der Trennung von Max Frisch: „Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land, / ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr“ – ein Rätselwort, das auch den Bildkünstler Anselm Kiefer umgetrieben hat, wie dieses Buch dokumentiert.

(…)

Die Autoren nennen ihre Freundschaft als Katalysator für diese berührende Arbeit. So darf auch ich persönlich schließen. Ich konnte dieses feinsinnig ergreifende Buch nicht aus der Hand legen, las es in einem Zug, am 11. November, als mich in den Abendstunden die Nachricht vom Tod Ilse Aichingers erreichte, der einst engen Freundin Bachmanns und stillen Rivalin. Nun sind sie beide „Vagant, der nichts hat, den nichts hält“, nur unser Nachlesen, Nachempfinden, immer auf der Spur zu Nach-Worten, wohl wissend: „Es kommen härtere Tage.“

Solange Germanisten solche Bücher zu schreiben verstehen, braucht es uns um die Zukunft der Zunft nicht bange zu sein.

Hans Höller, Arturo Larcati
Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag
Die Geschichte von „Böhmen liegt am Meer“. 176 S., geb., € 18,50 (Piper Verlag, München)

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