Vorfreude auf Sommergenüsse – Erinnerungen

 

Granatapfel

Sommer ist – paradiesische Körperlichkeit

Sommer ist – Nacktheit …

Am Morgen mit einem Tuch um die Hüften auf der Terrasse frühstücken. Nackt im Garten herumspazieren. Mit dem Liebsten im Garten schlafen. Nackt im See baden …
Sommerliche Essgenüsse – Wildkräutersalate, Erdbeeren mit Schlagobers, Granatapfelsorbet …

Die Vorfreude vermischt sich mit der Erinnerung …

Das Granatapfelsorbet

Sie kann seine Lust und seinen Frust beim Granatapfelkernausklopfen durch die weit offenen Fenster aus der Küche hören. Begleitet von Schmerzensschreien, wenn er sich in seiner Ungeduld in den Finger schneidet. Sie betritt die Küche sehr selten. Es ist sein Reich, und sie überlässt ihm gerne diesen Raum seiner Fantasie und Kreationen, mit denen er sie immer wieder überrascht.

Wie ein Urknall war er in ihr Leben getreten. Vor vielen Jahren. Bei einem Rockkonzert. Damals war es noch nicht Liebe. Es war eine animalische Anziehungskraft, die sie im wahrsten Sinn des Wortes zusammenstoßen ließ – Sex, Drugs and Rock’n Roll. In dieser Masse von Menschen hatte sich ein schmaler luftleerer Raum um ihn gebildet, so als ob er die Luft ansaugen würde und dieses Vakuum um ihn niemand betreten konnte. Er war groß und hatte eine blonde Haarmähne, zusammengehalten von einem bunten Stirnband. Im Scheinwerferlicht der Bühne, das immer wieder über die Menge hinwegwischte, sah sie das Muskelspiel seines nackten Oberkörpers, und der langen kräftigen Schenkel unter dem dünnen Jeansstoff. Sie tanzte bereits eine Weile neben ihm – auch sie trug ein buntes Stirnband und ihr T-Shirt klebte schweißnass an ihren Brüsten. Jeder tanzte für sich und doch trafen sich ihre Augen immer wieder und immer länger. Es nahm ihr den Atem als er mit einer einzigen Bewegung seines Armes ihren Oberkörper umfasste und sie zu sich zog. Als wäre sie schwerelos. Für einen Moment nahm es ihr die Luft, als er sie durch diesen Vakuumraum zog, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Paris hatte ihr den Granatapfel überreicht.

Ja, so war das damals. Mit Heiterkeit und Schmetterlingen im Bauch denkt sie an die vielen stürmischen Nächte. Jedes Zusammensein war wie ein tobender Orkan mit Lustschreien, die jedes Rockkonzert in den Schatten stellten. Mit der Zeit wurde es Liebe – tiefe, innige Liebe. Und sie begannen, sich etwas mehr Zeit zu lassen und ihre Körper sanft wie eine Morgenbrise zu erforschen. Es war wohlig und lustvoll zugleich, wenn ihre Münder und Hände sich auf Entdeckungsreise machten.

Sie tritt auf die Terrasse und schaut in den Himmel. Der Beginn der blauen Stunde – wenn es  für einen Moment still wird, bevor das Abendkonzert der Vögel beginnt und der Himmel einen seidig blauen Schleier über den Garten legt. Sie breitet eine Decke auf der Wiese unter dem Apfelbaum aus. Pölster und Decken griffbereit. Ihr Liebeslager für diese Nacht.

Da tritt er aus der Tür. In jeder Hand eine Schale mit seinem Granatapfelsorbet.

Sein Anblick nimmt ihr den Atem. Noch immer. Und immer wieder. So wie damals.

Der Abendstern und die Mondsichel stehen bereits am Firmament – Wohnsitz der Götter. Die Nacht beginnt. Hier im Garten – das verlorene Paradies. Du und ich – denkt sie.

Und wir haben Zeit. Viel Zeit.

 

„Dein Körper ist das verlorene Paradies
aus dem mich nie
ein Gott wird vertreiben.“

(Gioconda Belli)

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Über das Altsein und das Tabuthema Sexualität

Tantra

 

Altwerden und Altsein wird sehr verschieden empfunden und gelebt. So wie wir Frauen auch sehr verschieden sind und bis zum Alterungsprozess auch sehr verschieden gelebt haben und weiter leben werden. Achtung vor unserer Vielfältigkeit tut gut.

Wenn Lotti Huber in ihrem Buch „Diese Zitrone hat noch sehr viel Saft“ u.a. schreibt:

Mit den ersten Falten stellen sich besonders Frauen oft in eine Warteposition, treten auf der Stelle und werden natürlich immer unzufriedener. Sie werden sich ihrer Falten bewusst, nicht aber ihrer Fähigkeiten.(…)“

dann trifft das auf einige Frauen zu. Auf mich nicht. Ich bin mir meiner Fähigkeiten und vor allem auch meiner wachsenden Fähigkeiten sehr bewusst.

Doch habe ich wieder mit anderen Dingen Schwierigkeiten – so z.B. mit meiner nachlassenden Energie; meinem alternden Körper, der schwerfälliger wird – und ja auch, mit dem Aussehen meines Körpers.

Gioconda Belli beschreibt es in ihren „Anmerkungen für die Zeit des Alterns“ so:

„Es fällt mir schwer das Leben zu begreifen ohne Schönheit

mir vorzustellen wie mein Körper

nachgibt dem Newtonschen Gesetz,

zerfällt

sich welk seinem Ende neigt (….)

wenn mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

das Herz stärken (…)“

 

Und dann höre ich die Worte, und sehe schon die erhobenen Zeigefinger: „Ja, aber, man muss doch …, und die inneren Werte …., und überhaupt … . „
Nein, ich muss gar nichts. Ich habe meine Schwierigkeiten damit. Punkt. Vielleicht verändert sich dies irgendwann. Vielleicht aber auch nicht.

Lust und Leidenschaft hören mit dem Alter nicht auf. 

Will ich ein verrücktes Leben als Alte leben?

Nein, ein verrücktes Leben möchte ich heute nicht mehr leben, habe ich doch genug an Verrücktheiten gelebt. Unangepasst zu sein ist mir jedoch wichtiger denn je.

Ja, ein unangepasstes Leben – mich nicht in krank machende Systeme hineinpressen zu lassen – das mehr denn je.

Mir fehlt das Lustgefühl der Sexualität.   

Wenig wird über Sexualität geredet und geschrieben.

 

Wir könnten doch über die körperliche Liebe sprechen – genauso wie wir über andere Dinge unseres Lebens sprechen. Ob sich Einsamkeit oder die Liebe in unseren Nächten breit macht …

Und dabei sind wir Alten doch frei zu leben – auch Erotik und Sexualität. Wir können nicht mehr schwanger werden! Müssen uns um keine Verhütung kümmern.

Welche Freiheit!

Und wir können auch unsere Liebes-Fähigkeiten wachsen lassen – in unseren Herzen, in unseren Seelen und in unseren Bäuchen.

Welche Freude!

Herzlich noch mehr Menschen zu lieben; spirituelle allumfassende Liebe zu leben – und es ist egal ob mit oder ohne Religion; erotische Liebes- und Orgasmusfähigkeit.

Lassen wir unsere Körper erglühen in wonnigen Liebesschauern, umarmen und küssen wir uns, zeigen wir unser Begehren und werden wir bedächtige GenießerInnen – wir, die wir jetzt Zeit haben. Geben wir uns der Wollust und Sinnlichkeit hin, während aus unseren Körpern die Liebe strömt …

 

Ich habe schon längere Zeit keine Partner. Die letzten Jahre, in denen ich Liebe, Lust und Leidenschaft gelebt habe, habe ich in verschiedenen Beziehungsmodellen – sowohl in monogamen Beziehungen als auch in Polyamory-Beziehungen gelebt.

Und ich merke, wenn ich schon mal – sehr selten – einen Mann treffe, der Interesse an mir zeigt, dann möchte er vor allem eine herkömmliche Beziehung leben. Zusammenziehen, bekocht werden, alles gmeinsam machen, etc. etc. – mich streift da der Verdacht des Versorgt-werden-wollens.

Nein, das will ich nicht. So nicht.

Ich möchte eine lebendige und erwachsene Partnerschaft, in der man nicht unbedingt zusammenwohnen muss. Ich habe auch sehr viele eigene Interessen und brauche daher auch viel Zeit für mich. Ich brauche kein Gegenüber, damit mir nicht langweilig ist.

Neugier auf das Leben; Unabhängigkeit; Liebe, die nicht braucht; und Lust und Leidenschaft – das möchte ich.

Nein, ich leide nicht darunter, Liebe, Lust und Leidenschaft zurzeit nicht in einer Beziehung leben zu können. Ich kann sie vielfältigst auf andere Art und Weise leben.

Jedoch frage ich mich, womit es zu tun hat, dass ich dies alles bis zu meinem 53. Lebensjahr immer wieder leben konnte, und jetzt mit meinen 68 Jahren nicht mehr?

Hat es damit zu tun, dass ich seit meinem 38. Lebensjahr immer mit jüngeren Partnern zusammen war?

Und jetzt ein jüngerer Partner schon mindestens 20 Jahre jünger sein müsste, um nicht in dieser bequemen altherrlichen Manier zu leben?

Hat es mit meinen Ansprüchen zu tun?

Na ja, dann war’s das.

Denn ohne meine Ansprüche an das Leben würde mir mein Leben nicht gefallen …

 

Anmerkungen für die Zeit des Alterns und über die Zeit des Altseins.

002

Erst die „Anmerkungen für die Zeit des Alterns“ von Gioconda Belli.

Im Anschluss meine „Anmerkungen über die Zeit des Altseins“, in denen ich auf ihre Worte eingehe.

 

Wenn du die Wahrheit wissen willst:

Ich möchte nie alt werden

und noch viel weniger sterben.

Es fällt mir schwer das Leben zu begreifen ohne Schönheit

mir vorzustellen wie mein Körper

nachgibt dem Newtonschen Gesetz,

zerfällt

sich welk seinem Ende neigt

und ich dies ertrage.

Ich denke an die Worte der weisen, alten Frauen.

Sie sagen, das Leben öffne sich wie eine Allee

wenn endlich die Erfahrung die Mitte erreicht

und die Harmonie des Konzerts der gelebten Dinge

in der Dämmerung erklingt.

Doch ihre Worte überzeugen mich nicht.

Ich klammere mich an die Kurven meines Körpers

an den hellen Glanz meines Fleisches

und erschrecke

über die ersten Zeichen der Zeit auf meinem Gesicht.

Noch kann ich sie verbergen.

Noch sind es keine unheilbaren Risse.

Doch das Schreiten der Tage bedroht mich.

Ich sage mir, ich werde mit einer anderen Schönheit lächeln

ich werde eine Großmutter mit Zöpfen sein

und vielen Märchen und Gedichten und Kuchen.

Doch ich täusche mit nicht:

Ich find’s absolut nicht lustig.

Aber nicht ich

noch mein Wunsch

können die unerbittliche Richtung der Uhren verändern

oder mit Tränen der Erde verwehren

gehorsam um ihre Achse zu kreisen.

Ich bin sterblich wie alle.

Ich brauche mich auf mit meinen Erinnerungen

      ich biete dieser Angst die Stirn

und erfinde gefällige Posen

wenn mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

     das Herz stärken …

Gewiss ist meine Stunde noch nicht gekommen

doch meine Geburtstage helfen mir nicht gerade

meine jungen Töchter haben schon Frauenkörper

mein Sohn wächst ohne Erbarmen

und ich spüre zu ersten Mal den Drang

ein Gedicht zu schreiben wie dieses.

(Gioconda Belli)

 

Wenn du die Wahrheit wissen willst:

Ich bin alt geworden

ich habe akzeptiert

in der Reihe nach vorne

in die erste Reihe

getreten zu sein.

Meine Sicht auf die Schönheit von Gesichtern

hat sich geändert

gelebtes Leben in Gesichtern zu sehen

finde ich schön

mehr in anderen als in meinem

– „die Harmonie des Konzerts der gelebten Dinge“ –

Nach wie vor fällt es mir schwer zu sehen

wie mein Körper welkt

zu merken

– „wie mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

     das Herz stärken …“ –

Ich bin keine Großmutter geworden

doch ich kann akzeptieren

als solche von Kindern gesehen zu werden.

Mein weißer Großmutterzopf wächst.

Dass mein alternder Frauenkörper

von Männern

nicht mehr gesehen wird

schmerzt.

Der liebevolle Blick fehlt mir

genau so

wie das Begehren im Blick.

Wenn meine Lust aufflammt

ist es nach wie vor eine

Flamme des Feuers

manchmal spüre ich sie

wenn mein Blick die

Linie des Hüftknochens

die langen und starken Oberschenkel

eines Mannes streift.

Der Vorteil der Männer

ihr Fleisch welkt langsamer …

(M.K., 03 04 2018)

 

Gioconda Belli ist die bekannteste Lyrikerin Nicaraguas. Sie wurde 1948 in Managua geboren und beteiligte sich ab 1975 an Guerilla-Aktionen der FSLN. Verhaftung und Flucht nach Costa Rica waren die Folge. Nach 1979 arbeitete sie in verschiedenen politischen und kulturellen Ämtern. Sie lebt in Managua und Los Angeles/USA.

 

 

 

Schokoladenströme

Schokolade

Ach,

hätte ich doch

Schokolade essend

dieses geschrieben.

Die Tasten

umschmeichelnd

mit der Lust

meiner

schokoladigen

Finger.

***************

 

Schokoladenlust

Ein dunkles Schokoladenviereck

übt auf die Zähne

den gleichen sinnlichen Reiz aus

wie Matsch auf die mutwilligen Füße der Kindheit.

Auf der Zunge lockt die dichte, dunkle Masse

Speichel aus roten Gräben.

Die Schokolade löst sich süß in zähen Schlamm

liebkost man bedächtig die Kanten

des Täfelchens, bis es

Aromen, Erinnerungen und Blumen

den entspannten Papillen preisgibt.

Schokoladenströme

fließen über Zahnfleisch, dringen in Zwischenräume,

und die Lust – die wir als flüchtig kennen –

dreht, im Mund gefangen, ihre Runden.

Jetzt, da ich dich nicht habe,

verzehre ich Schokolade

um mich, ganz legitim und ohne Schuld,

dem Eros hinzugeben.

 

Schokolade essend denk ich Biss um Biss an deine Haut

denke an deine Beine

deine Füße

denke an die Leckerbissen

des Lebens.

Gioconda Belli: Ich bin Sehnsucht – verkleidet als Frau

Liebesbrief an meinen ersten Ehemann

Liebe

Heute erwachte ich ganz still. Und wusste noch nicht, dass ich mich hineinfließen lassen werde, in die Erinnerung an unsere Liebe.

Die Dunkelheit des Nachthimmels verabschiedete sich langsam.

Der Sonnenaufgang kündigte sich an mit einem sanften hellblau und rosa.

Ich saß mit meinem Morgenkaffee am Fenster und freute mich über die Stille und die Schönheit des frühen morgens.

Und sanft wie das hellblau des Morgenhimmels stiegen Erinnerungen in mir hoch.

 

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an dich – meine erste große Liebe.

Ich war 14, und du 15, als unsere Liebe begann.

Als wir heirateten, war ich 18, und du 19.

 

Ich war sehr stolz auf meinen großen, starken und schönen Mann. Du warst der Anführer der Clique, in die du mich aufgenommen hattest.

Ich bin 159 cm groß, und du warst 191. Ein blonder Riese.

Im Stehen konnte ich meinen Kopf in deine Armbeuge schmiegen.

Wenn du mich umarmtest, verschwand ich zur Gänze in deinen kraftvollen, muskulösen Armen. Ich habe es genossen. Ach, wie habe ich es genossen.

Du hattest den schönsten Mund, den ich je gesehen und geküsst habe. Dein Kuss, deine perfekt geschwungenen, vollen Lippen ließen mich bei jedem deiner Küsse schmelzen.

Ich liebte deine Stimme, dein Lachen, das meine Schmetterlinge im Bauch aufflattern ließ zu einem wilden Tanz. Immer wieder. Und immer wieder neu.

Du liebtest meinen Leib und ich deinen.

Zärtlich waren wir in der Zeit der ersten Liebe, sehr zärtlich, als wir unsere Leiber entdeckten. Und stürmisch später, als wir uns kannten und vertrauten.

Die Lust, dich anzusehen und zu lachen, aus Freude, dass es dich gab.

 

Vor einem Jahr bist du gestorben.

Dass ich dich noch immer liebte, wusste ich immer.

Wie sehr ich dich noch liebe, weiß ich erst, seit deinem Tod.

 

Muss ich immer erst verlieren, dass ich weiß, wie sehr ich einen Menschen liebe?

Ich liebe dich noch immer.

Und doch musste ich dich verlassen, weil du meine erwachende Stärke nicht aushieltest.

Sie machte dir Angst. Sie passte nicht in dein Frauenbild.

In das Bild, das du dir von mir gemacht hattest.

Du wolltest dir deine Frau erschaffen, so wie du sie haben möchtest. Schriebst du mir einmal. Damals war ich damit einverstanden. Ich glaubte, es müsste so sein.

 

Wir bekamen unser Kind aus den falschen Gründen.

Unser Kind zu bekommen, war nicht falsch.

Die Gründe waren falsch.

Wir waren jung, sehr jung. 18 und 19 Jahre alt.

Wir glaubten, wir seien erwachsen.

Doch wir waren es nicht.

Wir konnten uns gegenüber unseren Eltern nicht durchsetzen.

Wir hatten unsere eigenen Pläne für unser Leben.

Doch wir ließen sie bestimmen über unser Leben.

 

Und anstatt selbst zu wachsen, ließen wir ein Kind in mir wachsen.

Und wir glaubten, dies sei die Lösung.

Doch es war ein Irrtum.

Und nicht gut für unsere Tochter.

 

Wir hatten unsere eigene Sprache und unser gemeinsames Leben noch nicht gefunden.

Und dann veränderte ich mich.

Als ich zu wachsen begann, war dies das Ende.

Du begannst, mein Wachstum zu bekämpfen.

Ich war verzweifelt, zornig. Liebte ich dich doch so sehr.

Und doch musste ich gehen.

Trotz meiner tiefen Liebe zu dir.

 

Meine Liebe zu mir selbst, zu meinem eigenen Leben, war stärker.

 

Es gab noch einige Männer in meinem Leben, die ich liebte.

Kleine und große Lieben.

Drei große Lieben waren es, die tiefer waren. Mit einer großen Verbundenheit auf allen Ebenen. Noch heute spürbar.

Eine davon bist du,

Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Ich erinnere mich gerne an die gute Zeit mit dir, die wesentlich länger war, als die Zeit des Zorns und des Leids.

 

Ich erinnere mich an unsere Liebesnächte.

An unsere Leiber, die sich anzogen wie Magneten. Eine magische Anziehung, die so groß war, dass sie untrennbar schien. Damals.

An die funkensprühenden Berührungen unserer Fingerspitzen, die Schauer durch unsere Körper jagten und uns erbeben ließ. Deine geliebten Hände, die mich fassten.

Ein Erbeben im Gleichklang.

Unsere Liebesbewegungen im Gleichklang, währenddessen wir Aug in Aug in unsere Seelen schauten. Und nicht genug bekommen konnten voneinander.

Wie wir uns nicht aus den Augen ließen, um die eigene Lust und die Lust des anderen zu erleben.

Ich kann mich an dein schönes Gesicht im Augenblick deiner Hingabe, dem Dahinschmelzen in deiner größten Lust, erinnern.

 

Wie könnte ich das je vergessen?

Müsste ich da nicht auch mich selbst vergessen?

Wie könnte ich darauf verzichten, die Innigkeit der Liebe und Lust nicht mehr zu spüren?

 

Heute könnte ich dir das alles sagen.

Ich würde dir erzählen, wie sehr ich dich liebe.

Ich würde dir sagen, wie sehr ich es liebe, wie unsere Körper sich kennen.

Wie sehr ich den Geruch deiner Haut; den Klang deiner Stimme, die mich zum Lachen und Weinen bringt; deine Augen, die vor Liebe und Lust Löcher in meine Haut brennen; liebe.

 

Ich erinnere mich.

Ich erinnere mich sehr genau.

Du, meine erste Liebe in meinem Leben.

Ich erinnere mich an dich.

Ich ersticke an all dem Gelogenen

001

Zu Wort kommt das Kind und die Jugendliche

geschrieben am 3. Mai 2003 *)

 

Immer schon

Erstickte ich

An Eurem Gelogenen

Schon als Kind

Unbegreiflich

Wie ihr so redet und anders handelt

Schon als Kind

Habe ich eure Verlogenheit

Wahrgenommen

Und                              

Wurde mundtot gemacht

Ihr habt mich angeschrieen

Dass nicht wahr sei

Was ich

Sehe / denke / fühle

Aber

Es war wahr

Nur

Ihr wart nicht echt

 

Verlogen

Sucht ihr euch danach zu richten

Was andere von euch wollen

Verlogen

Sucht ihr zu erfüllen

Was ihr glaubt

Erfüllen zu müssen

Und

Vernichtet alles

Was anders ist

Und

Wenn es eure Kinder sind

Besonders

Wenn es eure Kinder sind

Denn

Die sollen ja genau so verlogen sein

Wie ihr

Und

Leiden

Denn die Erde ist ein Jammertal

Sagt ihr

Aber ihr

Ihr

Macht ein Jammertal daraus

 

Das Extreme

Das Extreme wollt ihr nicht

Das Extreme ist Lebendigkeit

Überschäumende Fröhlichkeit

Ein Wutausbruch

Eine durchtanzte Nacht

Sexuelle Ekstase

Nein

Ihr wollt ein Mittelmaß

Ein kontrollierbares

Und überschaubares

Mittelmaß

So wie ihr Euch selbst

Kontrolliert

Wollt ihr auch

Alles andere

Kontrollieren

Besonders

Eure Kinder

Eure Männer

Eure Frauen

 

Alles Lebendige

Im Keim ersticken

 

Die Fröhlichkeit

Aus euren Wohnungen und Häusern

Rauskehren

Die Herzlichkeit

Hinter einem Stacheldrahtzaun

Einkerkern

Die Sinnlichkeit / Erotik / Sexualität

Verteufeln

 

Alles Wahre / Echte / Lebendige

Vernichtet ihr

Erstickt ihr

Unter euren Decken der Lüge /

Verleugnung / eurem Hass /

Eurer Angst und Wut /

Eurer Scheinheiligkeit

 

Scheinmoral

Das ist euer Gebot

Da kennt ihr euch aus

Da seid ihr zu Hause

Arme Kinder

Die Euch Kleingeistern

Und Spießbürgern

Ausgeliefert sind

Arme Völker

Die ihr damit

Bekämpft und ausrottet

Arme Welt

Die ihr damit

Vernichtet

*) Aus meinem Textfundus, den ich für meine Biographiearbeit durchsehe:

In diesem Text kommt das Kind und die Jugendliche noch einmal zu Wort, um den Schmerz, die Verzweiflung und den Zorn auszudrücken, dem sie durch Ungerechtigkeit, Begrenzungen, Abwertungen, Scheinmoral und dem Verlangen nach unbedingten Gehorsam ausgesetzt war.

Ich wurde 1950 geboren. Bereits ein Kinobesuch in der Nachmittagsvorstellung mit 15 Jahren, oder der Besuch einer Tanzveranstaltung, des 5-Uhr-Tees, mit 17 Jahren, verstieß gegen die bürgerlichen Wertvorstellungen der Erwachsenen. So auch meiner Eltern.

Die Generation der Nachkriegsgesellschaft war geprägt von der Erwartung von Gehorsam und der Unterordnung gegenüber Autoritäten. Individuelle Freiheit, Spaß und das Ausleben von Sexualität wurden als Aufbegehren gegen die festgelegten Ordnungskriterien gewertet, die um Begriffe wie Anstand, Leistung und Disziplin kreisten. Die strenge Sexualmoral sah vor, dass Sexualität — vor allem für Mädchen —außerhalb der Ehe keinen Platz haben sollte. Jegliches Abweichen von der konventionellen Lebensform wurde von Autoritätspersonen wie Eltern oder LehrerInnen oft als Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung betrachtet.

Meine Revolution und mein Ausbruch aus den einengenden Lebensformen begann erst 1973. Nach Beendigung meiner ersten Ehe. Aber dann ging’s los …

 

 

Eine Definition von Liebe

„Wenn man den anderen so gern riecht wie sich selbst, so ist das Liebe, und wenn wir dann unser beider Gerüche mischten, und das noch viel besser roch als jeder für sich, so war das Glück.“

Aus dem autobiographisch gefärbten Epos „Spiel der Zeit“ der von mir sehr geschätzten Autorin Ulla Hahn. Es ist der dritte Band ihres gewaltigen, nicht nur autobiographischen sondern auch zeitgeschichtlichen Epos (jedes Buch ca. 600 Seiten), nach „Das verborgene Wort“ (Teil 1), und „Aufbruch“ (Teil 2). Sehr empfehlenswert!

Der Fremde

Insel Lobau

 

Sie sieht ihm jetzt schon seit zwei Stunden beim Spielen zu. Zwei Stunden in dieser heißen, glühenden Nachmittagssonne. Seine Haut ist tief gebräunt. Das Braun von Menschen, die in südlicheren Ländern aufgewachsen sind und schon immer viel in der Sonne waren. Nordländer bräunen anders. Es ist die Tönung der Haut, die an heiße, glühende Nachmittage am Meer, flirrende, silbrig glänzende Olivenhaine und an viel Liebe im Bauch erinnert; an gewaltige Sonnenuntergänge, und  an den Geschmack von Weißbrot, Käse und Rotwein. Dies alles geht ihr durch Kopf und Bauch als sie ihm zusieht beim Spielen mit den Männern.

Scheinbar wird er nicht müde. In seinem sehnigen Körper dehnen und straffen sich die Muskeln, und bei jeder Bewegung beginnt dieses Spiel an einer anderen Stelle von neuem. Eine kleine Weile hat sie auch mitgespielt, doch sie wird es schnell leid. Sie sieht nicht ein, warum sie einem Ball oder einer Scheibe hinterher jagen soll. Viel lieber liegt sie hier im Halbschatten, nicht ganz im Schatten, denn sie mag die Sonne auf ihrer Haut, diese Wärme, die das Fleisch zu durchdringen scheint bis auf die Knochen und bis in die Seele. Neben sich im Gras hat sie ein halbvolles Glas mit ein wenig Weißwein und viel Mineralwasser. Es ist noch etwas früh, aber Alkohol verstärkt das entspannte, halb schwebende Gefühl, das Nachlassen des Denkens und verstärken der Sinne – ihrer Sinnlichkeit. Sie spürt wie ihr Bauch ganz tief drinnen heiß und flatterig wird und sich dieses Gefühl weiter ausbreitet.

Sie seufzt, schließt halb die Augen und lässt ihren Blick ganz langsam weiterschweifen über das Seeufer, das Wasser, das in der Sonne glitzert, und die Menschen, die sich hier zu einem Geburtstagsfest zusammengefunden haben. Sie ist eingeladen zu diesem Fest für eine dieser fremden Frauen. Einige der Frauen sind damit beschäftigt das  Essen  vorzubereiten, einige sind im Wasser mit den Kindern, und die Männer spielen. Ihr Blick kommt langsam wieder zurück zu der Spielergruppe. Sie merkt, dass der Fremde sie ansieht, und seine Augen bringen dieses Gefühl in ihrem Bauch wieder neu zum Schwingen. Sie steht langsam auf und geht auf die Gruppe der Frauen zu, bleibt für einen Augenblick stehen, um zu hören worüber sie sprechen.

Es ist eine dieser Situationen, in denen die Männer grillen und spielen, und die Frauen zusammensitzen und reden. Sie hört sie über Gebärmutter- und Brustoperationen und diverse Krankheiten sprechen, und merkt, wie die Gespräche das wonnige Gefühl in ihrem Bauch zum Schweigen bringt und Ärger aufsteigt in ihr. Sie schlendert weiter. Sie hat nicht die geringste Lust sich zum hundertsten Male mit dieser Frage, warum das so ist und warum das immer so sein muss zu beschäftigen. Sie weiß mittlerweile, es gefällt ihr nicht und sie kann es nicht ändern.

Bevor sich Resignation in ihr ausbreiten kann, geht sie weiter zum Tisch, an dem sich jetzt die Ersten zum Essen einfinden, schenkt sich ihr Glas voll und nimmt sich etwas von dem Tomatensalat und dem Weißbrot – das südliche, mediterrane Gefühl ist wieder da.

Die Männer hören nun auf zu spielen, die Frauen verlassen ihren vertrauten und sie verbindenden Kreis der Krankheiten, und alle kommen zum Tisch.

Sie blickt wieder hin zu dem Fremden, er isst so wie er spielt. Seine Kiefer packen zu, wenn er in das Fleisch beißt, er reißt es förmlich vom Knochen. Seine weißen Zähne blitzen, er wirft das halblange Haar nach hinten und sieht ihr geradewegs in die Augen. Für einen Moment lang spürt sie dieses Zupacken am ganzen Körper, und eine Welle der Lust schießt durch ihren Bauch. Sie lacht und gibt ihm diesen Blick zurück. Das Spiel ist eröffnet. Er ist einer der ersten die mit dem Essen fertig sind und geht zu einem der Bierfässer, um sich ein neues Glas zu zapfen. Er sucht sich einen Stuhl und lehnt sich entspannt zurück. Sie spürt seinen Blick. Immer wieder wenn sie die Augen hebt, begegnet sie diesem nun unter halb geschlossenen Augenlidern sie begleitenden Blick. Eigentlich mag sie Bier trinkende Männer nicht, aber bei ihm stört es sie nicht. Irgendwie passt es zu seinen animalischen Bewegungen.

Die kurze Stille, die nach dem Essen entsteht wenn alle gesättigt sind – selbst die Kinder sind etwas leiser geworden – tritt gleichzeitig mit dem Sonnenuntergang ein. Schon während des Essens hat sie beobachtet wie die Sonne hinter den Bäumen verschwindet. Wie nur mehr vereinzelte rötlichgoldene Strahlen den Tisch streifen bis die Schatten länger werden, und die erste kühle Brise vom Wasser heraufstreicht. Eine Kühle die sie für einen Moment frösteln macht mit ihrem glühenden Bauch und Haut. Der Abendhimmel verfärbt sich in Gold und Grün und Orange, bis auch er zu glühen und zu verbrennen scheint.

Als hätten alle auf das Verschwinden der Sonne, den Beginn der blauen Stunde gewartet, steht eine der fremden Frauen auf und schaltet Musik ein. Es sind die fremden Lieder mit den vielen sehnsuchtsvollen Tönen des sich Sehnens und des Begehrens, der Liebe und des Schmerzes, aber auch die weichen, runden und beschwingten Töne des Verführens. Des Tanzens aus dem Bauch heraus, des Kreisens und des Schwingens mit den Hüften – der Aufforderung zur Liebe. Auch jetzt wieder eine Situation, in der sie aufgehört hat nach dem Warum zu fragen – die Männer bleiben sitzen und die Frauen beginnen zu tanzen. Sie hat auch Lust sich zu bewegen. Aber zuerst möchte sie noch die Kühle des Wassers genießen. Es ist niemand am Ufer des Sees und im Wasser und sie liebt es, in die beginnende Dunkelheit hinheinzuschwimmen. Sie leert ihr Glas mit einem großen, kräftigen Schluck und spürt wieder seinen Blick, seine Augen begleiten sie hinunter zum Ufer. Sie lässt sich langsam hineingleiten und genießt das sie wie Seide und Samt auf der Haut umschmeichelnde Wasser. Sie denkt, Meerwasser fühlt sich ganz anders an, ist prickelnder auf der Haut, aber der See umschmeichelt die Haut und  streichelt sie wie seine Augen. Sie beginnt mit kräftigen Stößen auf die Insel die sich mitten im See befindet zuzuschwimmen und bedauert es für einen Moment, dass er ihr nicht nachkommen kann. Dann konzentriert sie sich wieder auf ihre gleichmäßigen Schwimmbewegungen und genießt ihren sich bewegenden Körper.

Am Ufer der Insel angekommen macht sie einen Blick zurück zu der Geburtstagsgesellschaft. Die Musik und das Lachen sind über das Wasser bis hierher zu hören. Sie beginnt die Insel zu durchqueren um an das gegenüberliegende Ufer zu kommen. Die Insel ist dicht mit Kiefern und Föhren bewachsen. Durch die heruntergefallenen langen Nadeln hat sich ein weicher und federnder Boden gebildet, nur hie und da unterbrochen von den harten Zapfen. Sie ist es gewohnt barfuss zu gehen und genießt es Erde, Nadeln und Zapfen unter ihren Füßen zu spüren. Die Insel hat einen eigenen Geruch. Ein Geruch der sich durch die Bäume und die Sonnenhitze bildet und der sie an mediterrane Länder erinnert. Sie liebt ihn und saugt ihn in vollen Zügen ein. Auf der anderen Seite der Insel ist vom Ufer, an welchem die Geburtstagsgesellschaft feiert, nichts mehr zu sehen und zu hören. Sie setzt sich und lauscht der Stille, die nur kurz andauert, so als ob die Natur für einen Moment den Atem anhält, bevor die Nachtgeräusche beginnen.

Als erstes beginnen die Frösche zu quaken und sie macht sich auf den Rückweg. Sie beschließt jetzt, um die Insel herumzuschwimmen. Als sie ankommt, ist es bereits dunkel. Die Menschen am Ufer haben Kerzen und Fackeln angezündet. Schon beim Näherkommen hört sie, dass die Stimmung jetzt viel ausgelassener und fröhlicher ist, die Musik lauter. Die viele Sonne des Tages und der Alkohol haben die Gesichter gerötet und lassen die Stimmen ungezwungener, das Lachen tönender werden. Die Kinder liegen etwas abseits unter den Büschen in ihren Schlafsäcken und schlafen trotz des Lärms. Auch ihre Gesichter sind gerötet von der Sonne und vom Schlaf. Sie hüllt sich in ein Tuch und geht mit nassem Haar und wasserbeperlt zum Tisch um eine Flasche Sekt zu öffnen,  auf die sie sich schon den ganzen Abend über gefreut hat. Mit kundigem Griff öffnet sie die Flasche und gießt sich ein Glas ein, als ihr von gegenüber ein Glas herübergereicht wird. Er hält es ihr wortlos hin und sie schenkt ihm ein –  sie haben noch immer kein Wort miteinander gewechselt, worüber auch. Sie kennt ihn und seine Frau flüchtig von früheren Begegnungen, kennt auch deren Geschichte aus Erzählungen. Er lebt in einer anderen Welt.  Es ist nicht ihre Welt und sie will eigentlich auch gar nichts davon wissen. Sie will ihn, und sie weiß, dass er das auch weiß. Tiere spüren immer die Bereitschaft des Weibchens, und sie muss lachen, als sie sieht, wie seine Nasenflügel sich blähen als er scharf einatmet. Ganz kurz kommt er an ihre Seite und sie spürt seinen harten und heißen Oberarm an ihrer Haut, dann dreht er sich um und geht zu den Männern. Sie spürt das Prickeln des Sektes in ihrem Bauch, ihren Brüsten und ihrem Mund und leert rasch und mit einem Zug noch ein Glas.

Die nächsten drei, vier Stunden tanzt sie und trinkt, und tanzt und trinkt. Wenn sie tanzt, tanzt sie für ihn. Manchmal sinnlich, lockend, verführerisch, und dann wieder kraftvoll, mächtig, sich und ihn ihre Kraft spüren lassend.

Es ist schon weit nach Mitternacht, die meisten haben sich in ihre Schlafsäcke eingerollt, einige sitzen um das nur mehr schwach glimmende Feuer und unterhalten sich, wenige drehen sich noch mit müden Bewegungen im Tanz. Niemand achtet darauf, wer noch da ist und wer was tut. Sie sieht ihn – sie sieht wie er zum Ufer geht, mit einem mächtigen Satz im Wasser verschwindet und weit draußen wieder auftaucht. Langsam und mit trägen Bewegungen, aber innen das Feuer spürend, geht sie zum Wasser und lässt sich hineingleiten. Sie schwimmt ihm mit zügigen Bewegungen nach. Er weiß, dass sie da ist. Er sieht sich nicht um, aber plötzlich taucht er unter, und schwimmt unter ihrem Körper durch. Er berührt sie, zum ersten Mal berührt er sie – mit kurzen festen Griffen, sie fassend und gleich wieder loslassend. Sie schwimmen mit sich umkreisenden, umtauchenden Bewegungen auf die Insel zu. Als er Boden unter den Füßen hat, hebt er sie hoch und trägt sie über die Insel zur anderen Seite. Sie riecht an seiner Brust, an seinem Hals und fängt an, einzelne Wassertropfen, die von seinem Hals auf die Brust laufen abzulecken. Er gibt einen knurrenden Laut von sich, fasst sie noch fester, seine Hände graben sich in ihr Fleisch, und er geht rascher.

Auf der anderen, dunklen Seite der Insel angekommen, lässt er sie in den feuchten Sand gleiten, und mit einer einzigen Bewegung ist er über ihr und hat ihr den Badeanzug vom Körper gestreift. Sie sieht ihn im vollen Mondlicht stehen, als er seine Badehose auszieht und genießt den Anblick dieses kraftvollen, muskulösen Körpers und die Vorfreude, weil sie weiß, dass er gleich in ihr sein wird. Einen kurzen Moment lang bleibt er ganz still stehen und fast ist es so, als wäre die Abendstille wieder da. Als er sich über sie beugt, beginnen auch die Nachtgeräusche wieder, die sich jetzt vermischen mit ihrem Stöhnen und seinem heftigen Atem, der über ihr Gesicht streift. Wie fauchende Tiger, die sich paaren. Er dringt sofort ein in sie, und sie ist bereit – weit, feucht und verschlingend.  Ihre Körper verschmelzen miteinander, glühen, und trennen sich wieder in dieser stoßenden Bewegung, in der sich die Lust des ganzen Tages entlädt. Nach der ersten kurzen und heftigen, fast schmerzlichen Entladung setzt er das Streicheln ihres Körpers, das eher an harte, aber zärtliche Prankenschläge erinnert, fort. Sie rollen gemeinsam, ineinander verschlungen, sich festsaugend aneinander ins Wasser, er hebt sie hoch, und im Wasser stehend, dringt er noch einmal mit einem Schrei in sie ein. Sie spürt ihn in sich und als er in ihr und gemeinsam mit ihr explodiert, ist es, als würde auch der Sternenhimmel über ihr explodieren.

Als er sie zurückträgt ans Ufer merkt sie, dass er einige Male strauchelt und auch sein plötzliches Keuchen ist nicht mehr das Keuchen des Begehrens. Er lässt sie wieder ganz vorsichtig in den Sand gleiten und sie sieht, dass sein Gesicht schmerzverzerrt ist. Er hält sich mit der rechten Hand seine Herzseite. Während sie über ihm kniet, geht ihr durch den Kopf, dass sie nach den Regeln dieser Fremden etwas Verbotenes getan haben. Wenn sie jetzt Hilfe holen würde, könnte dies ein Drama unter allen Anwesenden auslösen. Zum ersten Mal in dieser Nacht versucht sie mit ihm zu sprechen. Er hört sie nicht. Sie setzt sich hin und nimmt seinen Kopf zwischen ihre weit geöffneten Schenkel, in die er eben noch seinen Samen verströmt hat, und er rollt sich zusammen wie ein Embryo. Sein Atem geht pfeifend und sie streichelt ihm über die Stirn. Nach einer Weile, in der sie ruhig dagesessen und diesen Fremden wie ein neugeborenes Baby zwischen ihren Beinen liegen hat, merkt sie, dass sich etwas verändert hat. Sie dreht sich zur Seite, um in sein Gesicht sehen zu können, und sieht in das Gesicht des Todes. Sie weiß, wie jemand aussieht der stirbt. Sie streckt sich aus, legt sich neben ihn und hält ihn bis sein Atem aufhört und länger noch ganz fest in ihren Armen.

Dann löst sie sich sanft von ihm, steht auf und sieht auf den Fremden hinunter. Sein Gesicht ist gelöst und entspannt, als ob er ganz friedlich schlafen würde. Sie steht auf und geht langsam und versonnen ins Wasser, dreht sich nicht mehr um. Sie beginnt, wie schon am Abend, um die Insel herumzuschwimmen, diesmal aber noch ein Stück weiter, um nicht ans Ufer zu kommen, an dem noch einige Menschen sitzen. Sie steigt hinter dem Gebüsch, unter dessen Schutz die Kinder liegen vorsichtig und leise aus dem Wasser, geht nach vorne zum Tisch, hüllt sich in ihr Tuch und nimmt sich eine noch halbvolle Sektflasche.

Sie setzt sich in einiger Entfernung von den Menschen, die noch leise plaudern, ans Ufer und sieht zur Insel hinüber, während sie einen großen Schluck aus der Flasche nimmt.  Es war schön mit dir, denkt sie, und so ist es wahrscheinlich am besten für uns alle.

(Juni 1998)

 

Sexualität im Alter – ein Tabu

Der von mir abgeänderte Titel:

„Wenn die Alten noch immer wollen – Sexualität im Alter – noch immer ein Tabu“

Bernadette 63, Christa 65, Birgit 64, Brigitte 70, Ina 62, erzählen.

Ich empfehle jeder Frau und jedem Mann sich diese Stunde Zeit zu nehmen, um sich die äußerst spannende, interessante und „aufklärende“ Dokumentation anzusehen.
Für viele Frauen meiner Generation sind es auch sehr bekannte Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. Die Gemeinsamkeit der damaligen Ehen formuliert Brigitte 70: „Mit 19 habe ich IHN geheiratet, weil ich wollte ihm das Leben schön machen. Und er hat mich geheiratet, weil er sich das Leben schön machen wollte.“

Zitate aus der Dokumentation:

Ina 62:
„Die Rolle der Frau 60+ ist die, sie dürfen brave Omas sein, sie dürfen für Angehörige und Nachbarn sorgen und sie sollen ihre Enkel betreuen. Das dürfen sie schon, aber ansonsten sollen sie sich brav und ruhig verhalten. Ältere Frauen werden als nicht erotisch wahrgenommen. Das hat aber auch damit zu tun, dass es den Frauen eingeredet wird, und dass die meisten Frauen es geglaubt haben. …“

Christa 65:
„Es könnte ja jede ältere Frau wahnsinnig Spaß am Sex haben. Dann heißt’s aber – igittigitt und ekelhaft. Ich meine, das hat mit dem Ansehen der Frauen hier zu tun …“

Bernadette 63:
„Das Altern in Würde ist durchaus etwas berechtigtes, aber ich würde den Begriff viel weiter sehen als er herkömmlich gesehen wird. Für mich ist auch guten Sex zu haben, eine Würde des Alters. Das erotische Erlebnis ist einfach viel stärker geworden. Sei es, dass man eben Natur genießt, oder ganz einfache Sachen wie warme Hauspatschen. Das sinnliche Wahrnehmen ist stärker geworden. Und – das ist natürlich für Sexualität nicht das schlechteste.
… Nach den Wechseljahren … das sexuelle Begehren, die sexuelle Erregbarkeit ist gleich geblieben. Von jüngeren Menschen wird das kritisch gesehen, dass ich mir diese sexuelle Freiheit nicht nehmen lasse.

Birgit 64:
„Gerade im Laufe des Alterns habe ich entdeckt, dass es ganz wichtig ist, über Liebe und Sexualität mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen … weil’s in meiner Generation für viele Menschen noch immer sehr schwierig ist überhaupt darüber zu reden, auch über Lust oder Unlust …“