Österreichischer Buchpreis für Friederike Mayröcker

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Der erste Österreichische Buchpreis, dotiert mit 20.000 Euro und vergeben für „das beste deutschsprachige belletristische, essayistische, lyrische oder dramatische Werk einer österreichischen Autorin bzw. eines österreichischen Autors“ ging an Friederike Mayröcker und ihr poetisches Diarium „fleurs“ (Suhrkamp).

Das hatte sich angedeutet, nachdem die Dichterin, die im Dezember 92 wird, neben Sabine Gruber, Peter Henisch, Anna Mitgutsch und Peter Waterhouse auf die Shortlist gekommen war. Die Auszeichnung geht somit an eine Autorin, über deren Qualitäten man nicht zu streiten braucht und die nach den Bänden „études“ und „cahiers“ die Leser zum dritten Mal intensiv und sprachlich zunehmend radikaler an ihren „Verbalträumen“, Erinnerungen und Sehnsüchten teilhaben lässt.

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Friederike Mayröcker – 3 ausgewählte Gedichte

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume

du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

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in den Haaren die Lindenbaumfächer
nordafrikanischer Knötchenfrucht
springen im funkelnden Wind nämlich
zu Boden geschüttelt vom zaubrischen
Schopf oder Duft oder Hölderlins Jugendlocke
oder es steigt ein Hündchen schwammig
ins herbeigerufene Taxi
oder es stehen weiße Tennisschuhe zum Trocknen
in der Sonne am offenen Fenster
oder man liegt ausgestreckt mit wächsernen
Ohren auf einer Bank im Halbschatten des Baumes
welcher die Herzschläge zählt
/ einer heiligen Caterina von Siena
mit dem Lilienstab vor den weißen, vor den
halbgeöffneten Augen

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eines Lebensabschnittes Bestandaufnahme

in meinem Tornister
ein Thymianstämmchen
zwei Münzen
ein stumpfer Bleistift
zerknitterte Notizen
Keksbrösel
eine grüne Wäscheklammer
die Visitkarte einer japanischen Germanistin
ein zerbrochener kleiner Kamm
Dalís Ameisen auf einem verschatteten Notenblatt

 

Thymian

Friederike Mayröcker – die Grande Dame der österreichischen Literatur

Heute im Kultursender Ö1, 10.05Friederike Mayröcker

Im Februar dieses Jahres kam „fleurs“, der letzte Band einer Trilogie (nach études und cahier) der im 92. Lebensjahr stehenden Schriftstellerin heraus, eine Sammlung von Gedanken, Erinnerungen, erzählten Träumen und Alltagssplittern. Entstanden ist dieses Werk in Mayröckers „Zettelwerkstatt“ aus datierten Einträgen und Aufzeichnungen aus 15 Monaten, es ist jedoch kein Tagebuch. Mehr über das bislang letzte Buch erfahren Sie im heutigen Gespräch von der Autorin persönlich, die bereits rund um ihren 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014 mit den höchsten Ehren und Auszeichnungen der Republik Österreich bedankt wurde. Ö1 widmete der Poetin und ihrem Werk damals einen ganzen Sendetag.

1924 in Wien geboren, begann Mayröcker bereits als 15-Jährige mit ersten literarischen Arbeiten, sieben Jahre später erfolgten die ersten Veröffentlichungen von Gedichten, 1956 die erste Buchveröffentlichung, der noch rund 80 weitere folgten, wobei die Vielseitigkeit der Künstlerin beeindruckt: Lyrik und Prosa, Hörspiele, Kinderbücher, Erzählungen und Bühnentexte. Von 1946 bis 1969 unterrichtete Mayröcker an verschiedenen Wiener Hauptschulen Englisch, seither ist sie als freie Schriftstellerin tätig.

Von 1954 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lebte Friederike Mayröcker mit ihrem Lebens- und Schaffenspartner Ernst Jandl zusammen. Den großen Schmerz nach seinem Tod verarbeitete die Autorin in ihrem „Requiem für Ernst Jandl“ (2001) sowie in dem berührenden Buch „Und ich schüttelte einen Liebling“ (2005).Eine kaum überschaubare Anzahl von literaturwissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte sich mit der Interpretation und Entschlüsselung von Mayröckers Texten. Unter dem Titel „Das Schreiben und das Schweigen“ wurden die Literatin und ihr Werk in einem Dokumentarfilm porträtiert.