Konstantin Wecker und ich …

Als ich letzten Sonntag Konstantin Wecker vier Meter vor mir auf der Bühne sitzen sah, ihn anschaute und ihm zuhörte, dachte ich mir: „Wir sind gemeinsam alt geworden – ich mit ihm oder er mit mir.

Ich sehe ihn und mich, wie wir vor 35 Jahren waren – die ungestüme, hemmungslose, und auch maßlose Lust auf das Leben, die Sucht – auf der Suche. Und heute – wenn es Not tut, noch immer ungestüm, aber nicht mehr maßlos; das Wissen, dass die Suche eine Suche nach dem Urgrund des Seins war und ist. Weißhaarige Silberrücken.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da hörte ich ihn täglich – so manches Mal den ganzen Tag über, weil ich die Unterstützung seiner Gedanken und Lieder brauchte. Eine Unterstützung die mich stärkte und mir wieder Mut machte.

Letzten Sonntag also, war er in den Sonntagsgesprächen im Volkstheater in Wien. Illija Trojanow lädt ein – und das Thema war: „Anarchismus – Ein unbändiges Ideal.“ Wecker als Vertreter eines Aspektes der anarchischen Tradition – „der Poesie einer radikal humanen Haltung.“ Und diese Haltung hat er nach wie vor – und ich mit ihm …

„Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit.“ – der Buchtitel, Kösel-Verlag. Lesenswert!

Zwei Rebellen und ihre Anstiftung zum Einmischen.
Sänger und Poet Konstantin Wecker und der amerikanische Zen-Meister Bernard Glassman Roshi sprechen über weises Handeln in einer gefährdeten Welt. Wie kann der Einzelne wirklich etwas in der Welt verändern? Braucht soziales und politisches Engagement eine spirituelle Quelle, um langfristig etwas zu bewegen? Bleibt Spiritualität ohne aktives Tun für andere bloße Nabelschau?

 

https://www.randomhouse.de/ebook/Es-geht-ums-Tun-und-nicht-ums-Siegen/Konstantin-Wecker/Koesel/e375075.rhd

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Über das Schreiben

Eine der schönsten Nachdenklichkeiten über das Schreiben von Ilija Trojanow, Schriftsteller.

Welch ein wunderbarer Text – ein Wortgenuss, der auf der Zunge zergeht – und so werfe ich mein Netz aus, mit dem ich mich in die Welt hineinwünsche … Schreiben

„Wenn wir schreiben, vernetzen wir. Wort für Wort, Ort mit Ort. Wir reihen Buchstaben aneinander, wir versammeln Wörter, mal zu festen Paragraphen, mal zu vorbeifließenden Strophen. Das Niedergeschriebene vernetzt sich weiter, mit dem Leser, den Leserinnen. Erst die Ohren, sagt ein afrikanisches Sprichwort, geben der Zunge Leben. Der Leser knüpft seine eigenen Verbindungen, er wirft sein kleines persönliches Netz aus, eines von unzähligen kleinen ausgeworfenen Netzen, mit denen er sich in die Welt hineinwünscht.
In diesen Netzen des Geschriebenen, Gedruckten, Gelesenen, Bedachten und Weitergetragenen reisen wir von Wort zu Ort und weiter zu vielen anderen Orten, aus dem Vertrauten heraus, hinein in das Unbekannte. Wörter können Raum und Zeit aufheben, aber um dies zu bewerkstelligen, benötigen sie handfeste, wurzelgeknüpfte Netzwerke, die das Geschriebene zum Buch werden lassen, die das Buch vervielfältigen und verbreiten, die sowohl das Leben als auch das Nachdenken über das Gelesene fördern und die vor allem von dem kleineren Netzt, in das jeder von uns die meiste Zeit verhaftet ist, in größere, uns erstaunende und bereichernde Netze führen, von einer Ebene auf die andere, von einem Land ins nächste und von einer Sprache in die benachbarte.“