Gedanken über die ansprechende Sprache und den Dialog

“Bohm entwickelte seinen Ansatz des Dialogs im intensiven Austausch mit Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti ging von einer vollständigen ‘geistigen‘ Freiheit aus.

Sprache kann uns verbinden und auch trennen

Wir lauschen einer Sprache – dem gesprochenen Wort

Die Worte können uns ansprechen / anziehen oder abstoßen / verwirren /  kränken

Das gesprochene Wort löst Gefühle in uns aus

Es wird schwierig, wenn mich mein Gegenüber nicht versteht

Ich kann mich dann nicht verständlich machen

Die Sprache meiner Kindheit genügte mir eines Tages nicht mehr / sie reichte nicht aus

Es waren zu wenig Worte vorhanden / sehr oft gar keine

Ich versuchte, mich verständlich zu machen – und wurde nicht verstanden

Ich war ein nicht verstandenes Kind

Die Wortklauberin war geboren

Sich verständlich machen

Im Wort verständlich ist der Verstand enthalten

Aber auch das Verstehen

Und manchmal glauben wir / nehmen wir an / verstanden zu werden – doch unser Gegenüber versteht etwas ganz anderes – weil unsere Worte in seiner Welt eine andere Bedeutung haben / weil unsere Worte in seiner Welt andere Gefühle auslösen

Als Schriftsteller*in weiß ich, dass meine Texte Leser*innen ansprechen oder auch nicht / dass jeder Mensch etwas anderes aus meinen Worten herausliest

Was hören wir

Was verstehen wir

Was empfinden wir

Auch eine mir nicht verständliche / weil fremde Sprache / deren Worte ich nicht verstehe / kann mich ansprechen oder auch nicht

Ich lausche dem Klang der Stimme / dem Klang der Worte

Diese fremde Sprach kann Musik in meinen Ohren sein

Ich muss sie nicht verstehen / doch vielleicht erfüllt sie mich mit Leichtigkeit und Freude

Sprache kann uns verbinden und auch trennen

Wir lauschen einer Sprache – dem gesprochenen Wort

Ich frage nach

Ich sage – ich höre dieses und jenes und verstehe dieses und jenes

Meinst du das so oder meinst du etwas anderes

Dann, wenn diese Fragen gestellt werden, besteht die Chance, dass aus einer Diskussion ein Dialog entsteht

„Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion“ nennt David Bohm sein Buch. 1) Bohm war ein US-amerikanischer Quantenphysiker und Philosoph, er war ein Zeitgenosse und Bewunderer von Jiddu Krishnamurti 2) und begründete den „Bohm-Dialog“.

„Bohm entwickelte seinen Ansatz des Dialogs im intensiven Austausch mit Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti ging von einer vollständigen „geistigen“ Freiheit aus. Durch Aufmerksamkeit,  Beobachtung des eigenen Geistes und dessen Reaktionen im Moment der Transformation könne der Mensch zu seinem Inneren gelangen und seine Konditionierung durch Traditionen und Vorurteile beenden.

Nach Bohm ist der Dialog geprägt von einer Intensivierung der Gespräche. Durch diese Vertiefung können die Gefühle, Wertungen, Vorannahmen ins Bewusstsein gelangen, die das Denken und Handeln des einzelnen Teilnehmenden lenken.

Somit können durch den Dialog die Erfahrungs- und Lebensgeschichten der Teilnehmenden erkundet werden. Daraus entsteht zugleich ein tieferes Verstehen der Dialogpartner untereinander, des besprochenen Sachzusammenhangs und der eigenen inneren Prozesse. Auf diesem Weg eröffnet sich die Möglichkeit, Standpunkte und Haltungen zu verändern.“ 3)

Hier wird von Aufmerksamkeit / Achtsamkeit gesprochen

Aufmerksamkeit / Achtsamkeit erfordert Langsamkeit

Wenn wir unseren automatischen gedanklichen und emotionalen Mustern – wir könnten auch von Prägungen sprechen – auf die Schliche kommen wollen, geht das nicht ohne Verlangsamung

Wenn sich in uns, während das Gegenüber spricht, bereits die eigenen Gedanken / Vorstellungen / Kommentare formulieren – sind wir vom Zuhören ohne Vorbehalt weit entfernt

Wenn wir zuhören wollen – dem anderen so vorbehaltlos wie möglich lauschen wollen – erfordert dies ein zur Ruhe kommen der eigenen Gedanken

Was hören wir

Was verstehen wir

Was empfinden wir

Sprache kann uns verbinden und auch trennen

Wir lauschen einer Sprache – dem gesprochenen Wort

Und bestenfalls – in aufmerksamen Momenten / unserem Gegenüber – mit offenem Herzen und freiem Geist  …

1) David Bohm: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion, Klett-Kotta Verlag

2) Jiddu Krishnamurti, geb. 1895 in Madanapalle, Indien, gest. 1986 in Ojai, Kalifornien, war ein indischer Philosoph und Theosoph. In seinen wichtigsten Veröffentlichungen thematisiert Krishnamurti spirituelle Fragen, wie die Erlangung vollständiger geistiger Freiheit durch Meditation, aber auch religiöse und philosophische Themen. 

3) Zitiert aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Dialog

Erstveröffentlichung: http://www.toterwinkel.at/gedanken-ueber-die-ansprechende-sprache-und-den-dialog/

Es gibt viele Abschiede in meinem Leben – dies ist ein Text über meinen Abschied von facebook – ein Gedicht und eine Parabel …

Am 14. November, also vor 12 Tagen, habe ich mich als jahrelange begeisterte Facebookerin mit folgenden Worten von facebook, meinen Freund*innen und Mitleser*innen, verabschiedet.

„Jetzt – in dieser Übergangszeit des Rückzugs der Natur, bevor die Ruhe des Winters beginnt, ist es an der Zeit Abschied zu nehmen – bin ich doch nur mehr mit halbem Herzen dabei. Seit mehr als einem halben Jahr bereitet sich dieser Abschied in meinem Innersten vor.

Jetzt ist es soweit – Zeit des Rückzugs / Loslassen von Unwichtigem / Konzentration auf das Wesentliche / das für mich Wichtige …

Seit dem Totengedenktag beschäftigt mich einmal mehr der Tod – und das Leben.

Wenn ich nur mehr ein halbes Jahr zu leben hätte, dann würde ich …

Wenn ich im Angesicht meines Todes auf mein letztes Jahr Leben zurückschauen würde, dann hätte ich …

Würde / hätte / wäre …

Nehmen wir mal an, ich hätte nur mehr ein halbes Jahr zu leben.

Jetzt haben wir November – das wäre dann also bis Mai.

Der letzte Herbst, der letzte Winter, der letzte Frühling …

Ich stelle mir die Fragen:

Was ist die Essenz / des Wesentlichste in meinem Leben?

Wie möchte ich leben?

Was ist mir wichtig?

Kein – na ja, dann würde / könnte ich …

Sondern definitiv – was möchte ich und was möchte ich nicht.

Was IST?

Ich schreibe immer weniger auf facebook / ich trage mir immer weniger Veranstaltungen in meinem Kalender ein / und von denen, die ich eintrage, besuche ich 1 % / vorbei – ist mir nicht mehr wichtig / keine Eintragung mehr mit dem Gedanken, aber du solltest doch / und – du kannst dich doch nicht so zurückziehen / und – früher hast du doch auch …

Nein, nicht mehr wichtig für mein Leben Jetzt.

Ich weiß nicht, wann ich meinen letzten Atemzug machen werde.

Vielleicht – in einer Stunde / morgen / in einem halben / in zwanzig Jahren?

Doch, was ich weiß, ist, dass ich bis dahin NUR das leben möchte, was wichtig ist für mich. Das, was ich WIRKLICH will.

Und wenn ich alles weglasse – die – eigentlich könntest du – müsstest du – solltest du …

Was bleibt dann?

Was will ich denn WIRKLICH?

Konzentration auf das Wesentliche,  so dass ich dann eines Tages sagen kann – ich gehe in Frieden mit mir.

Und wenn ich mir überlege, was ich wirklich will / was wichtig ist für mich, dann sind es wenige Dinge – und bei diesen wenigen Dingen möchte ich mir auch überlegen – was möchte ich verändern – in den einzelnen Beziehungen / im Tun / im Denken …

Und wenn ich mir überlege, was ich wirklich will / dann ist das zum einen nicht sehr viel und zum anderen weiß ich, dass noch etwas dazukommen wird, und dass dies erst sichtbar und spürbar werden wird, wenn ich aufhöre, mich mit Unwichtigem oder gar mit Halbherzigem zu beschäftigen.

Wieder einmal eintauchen in die Leere und die Stille.

Die Leere / die Stille / das Vakuum / in dem erst einmal NICHTS ist – altvertraut schließt sie sich wieder um mich.

Häutung / Veränderung – wieder einmal – bevor das Neue beginnt.

Ich schöpfe aus alten Erfahrungen – nichts umsonst gelebt und erlebt – und doch gibt es noch immer / und so auch jetzt / wieder Neues zu entdecken und zu leben …

Ausloten / in die Tiefe gehen / reduzieren / konzentrieren …

Und so, meine lieben facebook-Freund*innen, verabschiede ich mich von facebook. 

Es war eine schöne und wichtige Zeit.

Habe ich doch auch viele Menschen kennen gelernt / viel geteilt / mitgeteilt / ausgetauscht / auch viel erfahren. Einige Menschen gibt es nun in meinem Leben, mit denen mich auch Freundschaften über facebook hinaus verbinden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich werde die Seite nicht löschen.

Ich lösche ja auch nicht mein bisheriges Leben.

Alles Gelebte ist mir wichtig.

Ich schaue mit Freude im Herzen und mit Dankbarkeit zurück.

Und für alles bin ich dankbar – für die glücklichen und die schmerzlichen Momente.

Haben sie mich doch zu der gemacht, die ich jetzt bin.

Auch meinen Freund*innenkreis habe ich reduziert.

Ich möchte intensive und wertschätzende Gespräche, einen Austausch auf gleicher Augenhöhe. Das klingt jetzt sehr ernst – jedoch auch diese Gespräche können sehr humorvoll und lustig sein – wenn sie denn aus einem vollen Herzen kommen.

War ich bis jetzt sehr verschwenderisch in meinem Leben und werde es in vielen Bereichen auch bleiben – mit meiner Zeit nicht mehr.

Je weniger die Lebens-Zeit wird, desto wertvoller …

Es ist Zeit weiter zu gehen.

Ich mache mich auf und gehe meinen Weg …“

In den letzten Tagen habe ich mit einem schallenden Lachen das Gedicht von Arne Rautenberg gelesen – besser hätte ich die Gespräche, die ich nicht mehr führen möchte, nicht ausdrücken können:

ichsoerso

erso: ichso
blablabla
sieso: hä
und ichso: jaaa

ichso: duso
erso: ichso

ichso: ichso
ist eins a
erso: siehst
und ichso: klar

erso: duso
ichso: ichso

ichso: ichso
hahaha
erso: pah
und ichso: tja

(Arne Rautenberg)

Und dann bin ich noch auf die Geschichte gestoßen – eine Parabel zu  meinem Wunsch nach Prioriätensetzung:

Lass Platz in deinem Leben für die wichtigen Dinge – Eine kleine Geschichte über die Prioritäten im Leben

Unser Leben bietet so viele Facetten. Manchmal bürden wir uns zu viel auf und vergessen vor lauter Arbeit und anderen Verpflichtungen was wirklich wichtig ist im Leben. Diese kleine Geschichte versucht uns zu veranschaulichen, was passiert, wenn wir unsere Prioritäten im Leben falsch setzen.

Eine Kurzgeschichte über Golfbälle, M&M’s, Sand und Bier

Ein Philosophie-Professor stand vor seinem Kurs und hatte ein kleines Experiment vor sich aufgebaut: Ein sehr großes Marmeladenglas und drei geschlossene Kisten. Als der Unterricht begann, öffnete er die erste Kiste und holte daraus Golfbälle hervor, die er in das Marmeladenglas füllte. Er fragte die Studenten, ob das Glas voll sei.

• Sie bejahten es.

Als nächstes öffnete der Professor die zweite Kiste. Sie enthielt M&Ms. Diese schüttete er zu den Golfbällen in den Topf. Er bewegte den Topf sachte und die M&Ms rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob der Topf nun voll sei.

• Sie stimmten zu.

Daraufhin öffnete der Professor die dritte Kiste. Sie enthielt Sand. Diesen schüttete er ebenfalls in den Topf zu dem Golfball-M&M-Gemisch. Logischerweise füllte der Sand die verbliebenen Zwischenräume aus. Er fragte nun ein drittes Mal, ob der Topf nun voll sei.

• Die Studenten antworteten einstimmig „ja“.

Der Professor holte zwei Dosen Bier unter dem Tisch hervor, öffnete diese und schüttete den ganzen Inhalt in den Topf und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Studenten lachten. „Nun“, sagte der Professor, als das Lachen nachließ, „ich möchte, dass Sie dieses Marmeladenglas als Ihr Leben ansehen.

Die Golfbälle sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben

Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Gesundheit, Ihre Freunde, die bevorzugten, ja leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens, welche, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllen würden.

Er fuhr fort: „Die M&Ms symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie Ihre Arbeit, ihr Haus, Ihr Auto. Der Sand ist alles Andere, die Kleinigkeiten.“ „

Falls Sie den Sand zuerst in das Glas geben“, sagte der Professor, „hat es weder Platz für die M&Ms noch für die Golfbälle. Dasselbe gilt für Ihr Leben. Wenn Sie all Ihre Zeit und Energie in Kleinigkeiten investieren, werden Sie nie Platz haben für die wichtigen Dinge.

Achten Sie zuerst auf die Golfbälle, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzen Sie Ihre Prioritäten. Der Rest ist nur Sand.“

Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen, was denn das Bier repräsentieren soll.

Der Professor schmunzelte:

„Ich bin froh, dass Sie das fragen. Das zeigt Ihnen, egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, es ist immer noch Platz für ein oder zwei Bier.“

(Quelle: unbekannt)

Parabeltext und Foto aus aus:

Der Herbst zieht ins Land – heute und gestern…

Heute

Spinnweben
Nebeltropfen
Verschleiern
Trostvoll
Die Zeit
Auf den Spuren der Zeit wandeln
Wandlung
An Nägeln hängen Spinnweben
Gedankenwund
Zeit verbrennt
Im lodernden Herbstfeuer
Zeitlosigkeit
Die Herbstzeitlosen
AltWeiberSommer

(26 10 2016)

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Gestern

Ich erinnere mich …
Ich kenne den Geruch von brennenden Laub- und Holzhaufen. Ich gehe mit meiner Großmutter durch den Garten und sammle alles ein, was wir zusammen gerecht haben. Ich rieche das Holz und das verbrennende Laub mit dem Rauch des Feuers. Funken sprühen in die untergehende Abendsonne. Der Abendstern ist bereits am Himmel sichtbar. Es ist kühl und Großmutter zieht mir die von ihr gestrickte Weste an. Sie kratzt ein bisschen, aber sie ist mollig warm. Wir sind beide zufrieden. 

(1954)

Erstveröffentlichung in: http://www.toterwinkel.at/der-herbst-zieht-ins-land-heute-und-gestern/

Ich habe mein erstes Buch veröffentlicht!

Ein Jahr ist ins Land gegangen, seit mein erstes Buch veröffentlicht wurde.

Vielleicht ein Weihnachtsgeschenk?
Im Buchhandel (Weltbild, Thalia) und beim Buchhändler ums Eck erhältlich …

Monika Chandana Krampl

43033923_10212442725089196_999451014471876608_nGroße Freude – mein eigenes Buch in Händen zu halten! 

Mein Buch ist ab sofort im Verlag und in jeder Buchhandlung erhältlich! 

Über diesen Link gibt es Infos zum Buch, eine Leseprobe zum Schmöckern, und Du kannst auch sofort bestellen – Paperback, Hardcover und e-Book – nach Deiner Wahl!

https://www.mymorawa.com/self-publ…/gestaltung/publizieren/…

„Altwerden ist nichts für Weicheier“ (Betty Davies)

Nachdem mich in den letzten 10 Jahren die Realität des Alterns eingeholt hat, bin ich auch dieser Meinung. Ich erzähle in Geschichten und Gedichten über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Altern.

Meine Erfahrungen – und doch wird es für viele Menschen einerseits eine Erleichterung sein, über die Mühen zu lesen (ah ja, endlich spricht es eine aus!) und andererseits eine Ermutigung, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen und schlussendlich anzufreunden. Bleibt ja auch nichts anderes übrig, wenn man nicht für die verbleibenden Jahre dahingranteln möchte!

„Jedes Alter ist schön“ – sagte…

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Ein neuer Divan – Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West





Jenseits aller kulturellen Grenzen …

„Ein neuer Divan – Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West“

Dies ist nicht nur die Überschrift, es ist auch der Titel des von Barbara Schwepcke und Bill Swainson herausgegebenen Buches anlässlich des 200-jährigen Geburtstages des „West-östlichen Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Wieder einmal eine Gelegenheit über die vereinende und verbindende Kraft des interkulturellen Austausches zu reden und zu schreiben.

Der „West-östliche Divan“, erschienen 1819, ist die umfangreichste Gedichtsammlung Goethes und wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert. 1814 las Goethe den von dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall ins Deutsche übersetzten „Dīwān“  von Hafis. 1)

Ein hoher Anteil der Gedichte geht auch auf Goethes Briefwechsel mit Marianne von Willemer zurück, von der auch einige Gedichte des „Divan“ stammen. 2)

Doch, wer hat schon Hafis gelesen?

Stefan Weidner schreibt in seinem Buch „1001 Buch. Die Literaturen des Orients“:

„Dank Goethe ist der Name Hafis jedem Gebildeten vertraut. Aber man liest ihn nicht. Statt ihn und andere orientalische Dichter tatsächlich zu lesen (oder gar zu studieren!) hat eine Pseudo-Rezeption eingesetzt, die Goethes Bemühungen um den Orient als Feigenblatt vor das Desinteresse legt.“ Goethe sei „mit seinem Divan zum Schutzherren für einen west-östlichen Versöhnungsaktionismus mutiert, mit dem die Arroganz des Nicht-Lesens nicht minder als die politische Arroganz kompensiert werden soll“.

Ich denke, er hat recht damit. Obwohl es in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von Übersetzungen aus dem Persischen, Arabischen, Türkischen, etc. gibt – haben sie zumeist geringe Auflagen und eine geringe Anzahl von Leser*innen.

Goethe prägte den Begriff „Weltliteratur“ in seiner Zeitschrift „Kunst und Altertum“ – er verstand darunter die Literatur, die aus einem übernationalen, kosmopolitischen Geist heraus geschaffen wurde.  

Vielleicht – hoffen wir – trägt der lyrische Austausch des „Neuen Divan“ dazu bei.

Die Anthologie des „Neuen Divan“ bietet ein vielstimmiges Panorama der globalen Lyrik und verweist damit auf die „Möglichkeit“ der entgrenzenden Kraft der Literatur.

Der Suhrkamp Verlag zum Buch:

„24 Dichterinnen und Dichter – je 12 aus dem »Westen« und aus dem »Osten« – haben in ihrer Muttersprache ein Gedicht verfasst. Thematisch orientieren sich die Gedichte an den zwölf Büchern des Divan Goethes. Eine Vielzahl prominenter deutschsprachiger Schriftsteller*innen –  darunter Nora Bossong, Elke Erb und Lutz Seiler – haben die Übertragungen ins Deutsche erstellt. Alle Gedichte werden sowohl in der Originalsprache als auch in der Übersetzung abgedruckt. Ergänzt wird der Band durch vier Essays, die sich dem interkulturellen Dialog und der Frage der Übersetzung aus wissenschaftlicher Sicht nähern.“

Vielleicht gelingt sie doch noch – Goethes Vision einer gemeinsamen Menschlichkeit jenseits aller kultureller Grenzen. 

1) Hafis oder (persisch ausgesprochen) Hāfez, geboren um 1315 oder 1325 in Schiras, Iran; gestorben um 1390 ebenda) ist einer der bekanntesten persischen Dichter und Mystiker. Sein bekanntestes Werk stellt der Dīwān dar.

2) Marianne von Willemer, geboren 1784; gestorben 1860; war eine aus Österreich stammende Schauspielerin, Sängerin (Sopran) und Tänzerin. Goethe begegnete Marianne in den Jahren 1814 und 1815 und verewigte sie im Buch Suleika seines Spätwerks „West-östlicher Divan“.. Unter den zahlreichen Musen  Goethes war Marianne die einzige Mitautorin eines seiner Werke, denn der „Divan“ enthält auch – wie erst postum bekannt wurde – einige Gedichte aus ihrer Feder.

Barbara Schwepcke (Hg.) · Bill Swainson (Hg.):Ein neuer Divan – Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West, Suhrkamp Verlag

Erstveröffentlichung auf: http://www.toterwinkel.at/der-herbst-zieht-ins-land-heute-und-gestern/