Vom Vergeben und Verzeihen

Aus dem theoretischen und dem ErfahrungsWissen heraus, dass wirkliches Herzens-Vergeben und –Verzeihen nur möglich ist, wenn ich den Verletzungen meines inneren Kindes genügend Beachtung geschenkt habe – …

wenn ich das innere Kind genügend auf die bösen Eltern und alle anderen schimpfen und klagen habe lassen und mich an seine Seite gestellt habe; wenn ich es immer wieder in den Arm genommen und ihm – so wie meine Großmutter es tat – vorgesungen habe –

Heile, heile Gänschen

es ist bald wieder gut

es Kätzchen hat ein Schwänzchen

es ist bald wieder gut

heile, heile Mausespeck

in hundert Jahr ist alles weg

– …

wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein.

Das innere Bild des kleinen Mädchens, das in einer Ecke sitzt, die Arme um die angezogenen Knie gelegt, den gesenkten Kopf auf den Armen abgelegt, die Haare, die nach vorne fallen und man daher ihr verweintes kummervolles Gesicht nicht sieht, hat sich gewandelt.

Das jetzige innere Bild des kleinen Mädchens ist ein Mädchen, das mit erhobenen Armen, das Gesicht der Sonne zugewandt, umgeben von Schmetterlingen und Bienen, mit ihren strahlenden Augen über die Blumenwiese tanzt und vor sich hin trällert …

Auf sie habe ich lange gewartet.

Und wenn sie wieder da ist – so da ist – kann auch den erwachsenen Menschen aus der Kindheit, die durch ihren eigenen Schmerz so viel an Schmerz verbreitet haben, vergeben werden …

Heile, heile Gänschen …

…..

Und JETZT geht die 70-jährige in den Garten, hebt ihre Arme und das Gesicht der Sonne entgegen – und tanzt an der Hand des lachenden kleinen Mädchens.

Welch wundervolle Welt – trotz allem …

Welche Welt voller Wunder …

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„Gib mir noch eine kleine Weile Zeit:

ich will die Dinge so wie keiner lieben“

(Rainer Maria Rilke)

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Postscriptum:

Der lange Weg bis zu Obigem …

1984 begann ich mit einer Therapie, da ich merkte, dass ich mich nicht zu leben traute, wie ich leben wollte – Ängste / Scham / schlechtes Gewissen / etc. beherrschten mich

1984 – 1990 Kennenlernen des Buddhismus / Aufenthalte im buddh. Kloster in Sri Lanka / Yoga- und Meditationsausbildung

1988 begann ich mit der Ausbildung zur Psychotherapeutin – nochmals mit viel Eigen- und Gruppentherapie.

1990 – 2015 – ein langer Lern- und Erfahrungsprozess in der Begleitung meiner Klient*innen in meiner Praxis

In all diesen Jahren das Kennenlernen von verschiedensten anderen Therapie- und Heilmethoden nicht nur durch Seminare, sondern auch von mehr und weniger langen Eigentherapie.

Und mit all diesem und noch viel mehr kreiste ich zu Zeiten auch immer wieder um das Vergeben und Vergessen.

Ich schätze das Erfahrungswissen mehr als theoretisches Wissen, wobei natürlich die Theorie als Handwerkszeug sehr wichtig ist.

In meiner Erzählung „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“, geschrieben im Jänner dieses Jahres, habe ich geschrieben, dass ich mir nie hätte vorstellen können, meine Tagebücher zu entsorgen, und wie wichtig es plötzlich für mich war, damit auch weiter Vergangenheit loszulassen.

Vielleicht gibt es nochmals einen Durchgang – jedoch mit meinem kleinen, fröhlichen Mädchen im Arm wird es ein leichtes sein!

Neues erfahren und erleben / sich wandeln / bis zum letzten Tag …

Die so genannte Normalität

Dieser Tage hatte ich eine allergische Reaktion auf einen Insektenstich.

Eine allergische Reaktion auf den Begriff „Normalität“ habe ich bereits den Großteil meines Lebens.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Das Kind und vor allem das jugendliche Mädchen, das immer wieder hörte, nicht normal zu sein – weil sie anderes, und vor allem mehr wollte, als für sie vorgesehen war.

Abgesehen davon, dass mich „Normalität“ daher immer schon eher abschreckte, als beruhigte, möchte ich nicht zurück zu der „Normalität“, nach der sich offensichtlich viele sehnen.

Die jetzt erwünschte Normalität bedeutet einen Zustand / ein System / eine Entwicklung – die uns genau da hingeführt hat, wo wir heute sind – in der bereits begonnenen Klimakatastrophe und zu Covid-19.

Für mich ist es absolut nicht normal, dass Tonnen von Lebensmitteln, Kleidung und Geräte weggeschmissen werden / die Landwirtschaft mit Pestiziden arbeitet, die die Umwelt und damit auch uns Menschen zerstört / Tiere grausam gefoltert werden, um Kosmetika zu erzeugen / Menschen hungern müssen und ausgebeutet werden / Menschen als Flüchtlinge in Lagern zusammengepfercht sind und im Meer ertrinken / diese Liste könnte ich noch lange fortführen – sehr lange …

Das ist also „Normalität“?

Am Absurdesten ist für mich auch das so genannte Reisen, das kein „Reisen“ ist, sondern ein Zeitvertreib. Die „Reisenden“ werden durch die Hotspots der verschiedenen Kulturen getrieben, um sofort wieder in den, vor Einheimischen – die man nur als Bedienstete wahrnimmt – sicheren Hotels zu landen, in denen es „Zeitvertreib“ rund um die Uhr gibt.

Von den ganzen Absurditäten stehen für mich an oberster Stelle die Kreuzfahrtschiffe. Als ich zum ersten Mal vor zwei Jahren in dem kleinen Hafen einer meiner Lieblingsstädte – Triest – neben einem dieser monströsen Ungetüme stand, hat es mir den Atem genommen. Ganz weit oben / über mir / auf den Balkonen / standen Menschen, die ich gar nicht richtig wahrnehmen konnte. Das Schiff hatte nur kurz angelegt, um weitere Menschen aufzunehmen. Die an Bord waren und den Boden von Triest nie betreten haben, werden sicher irgendwann irgendwem erzählen, sie seien in Triest gewesen …

Doch sie wissen nichts von den engen Gassen der Altstadt / dass man auf Schritt und Tritt über die Vergangenheit stolpert – im wahrsten Sinn des Wortes – da gleich ums Eck schon wieder eine Ausgrabung im Gange ist, bei der man lange regungslos stehen kann um zuzuschauen, wie mit einem Pinsel die Spuren der Vergangenes hervorgeholt werden / sie wissen auch nichts von den historischen Literaten-Cafés, in denen sich Svevo und Joyce trafen / und sie wissen nicht wie Triest riecht und wie der Sonnenuntergang am Abend auf der stillen Mole das Wasser glitzern lässt …

Ja, was ist Normalität?

Es muss sich nicht Jedermann und Jedefrau für Literaten-Cafés interessieren. Das sind meine ureigensten Interessen.

Jedoch zu hinterfragen – ist das von mir Gelebte, für meine Mitmenschen und für meine Umwelt gut – wäre sicher JETZT angebracht …

Corona lässt mich wieder schlafen

Ein provokanter Satz. Ich weiß.

Lässt Corona doch viele Menschen nicht schlafen.

Trotzdem – ich kann wieder schlafen.

Warum das erwähnenswert ist?

Und warum in diesem Zusammenhang?

Jahrelang konnte ich schon nicht mehr gut schlafen. Ich hatte Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten. Und das über die letzten vier bis fünf Jahre. Manchmal schlief ich nur zwei bis drei Stunden pro Nacht.

Was hatte ich alles probiert.

Ernährung / Bewegung / Ruhe / Entspannungsübungen / Meditation / ….

Einschlaftropfen auf pflanzlicher Basis – die halfen über ein paar Wochen, dann war’s auch wieder vorbei.

Schlussendlich schrieb mir mein Hausarzt Überweisungen zu Ärzt*innen. Mit einem Bündel an Überweisungen verließ ich die Praxis und machte mich auf zum Ärzt*innen-Marathon. Alles Körperliche wurde durchgecheckt.

Ergebnis – ich weiß nun, dass ich gesund bin.

Damit hatte es auch sein Gutes.

Natürlich machte ich mich in der Zeit des Nichtschlafenkönnens auch daran, mich selbst zu erforschen. Nichtschlafens-Zeit hatte ich ja genug.

Gab es etwas was mir Sorgen machte? War ich unzufrieden mit meinem Leben? Hatte ich Ängste, die mich nicht schlafen ließen?

Nein, so war es nicht.

Dann kam Corona.

Und das Land wurde still gelegt.

Es wurde ruhig und die Luft wurde sauberer.

Und ich konnte schlafen.

Ich legte mich ins Bett und schlief ein. Ich wachte nicht zwei- oder dreimal nachts auf und konnte nicht mehr einschlafen.

Ich wache am Morgen auf und bin nicht mehr erschöpft.

Nein, ich bin erholt und ausgeschlafen.

Welch ein Segen.

Anfangs dachte ich – das kann nichts mit der Stilllegung des Landes zu tun haben. Jetzt übertreibe nicht.

Doch nun sind es Wochen.

Und nach jahrelangem Nichtschlafenkönnen kann ich schlafen.

Gibt es einen Zusammenhang?

Alles hat mit allem zu tun.

Die Natur erholt sich und ich mit ihr.

Die Welt steht still.

Ich stehe still und schließe die Augen.

Konzentriere mich auf das Hören.

Und höre – Vogelgezwitscher / das Summen der Bienen / mein Hund seufzt und schläft ein …

Welche Wohltat.

Selbst der Tod schreckt mich nicht. Und schon gar keine Panik wegen der Bedrohung. Nein, Corona macht mir keine Angst. Das heißt nicht, dass ich nicht aufpasse auf mich. Ich sorge immer gut für mich. Daher auch jetzt.

„Ich habe gelebt, als ob es kein Morgen gäbe“ – sagte ich oft im Zusammenhang damit, dass ich heute eine höhere Pension hätte, wenn ich denn finanziell besser vorgesorgt hätte. In diesem Satz war immer ein Vorwurf an mich selbst enthalten.

Nun – heute – angesichts von Corona – bin ich sehr froh darüber, dass ich sagen kann – „ich habe gelebt, als ob es kein Morgen gäbe“. Ich ging keine Kompromisse ein, wenn es darum ging, mein Leben zu verändern – sofort und auf der Stelle, wenn ich merkte, dass etwas nicht stimmte in meinem Leben. Ich habe nichts aufgeschoben – na, das machst du später. Irgendwann. Vielleicht, dann in der Pension. Nein, so dachte ich nie.

Und heute bin ich sehr froh darüber. Ich habe so viel gelebt und erlebt, das ich so in der Art und Weise wie ich es erlebt habe, heute nicht mehr leben und erleben könnte. Vor allem die Liebe und meine Reisen. Das macht mich glücklich.

Und bevor sich jetzt die aufgeregten ErhobenenZeigerfinger-Aufzeiger*innen melden, die meinen, mich auf die vielen Menschen aufmerksam machen zu müssen, die jetzt vor Sorgen nicht schlafen können, dann sage ich ihnen – ja, ich weiß es.

Und bevor sich berechtigterweise die Betroffenen, die nicht schlafen können, melden – was sie nicht tun, weil sie mit ihren Ängsten und Unsicherheiten beschäftigt sind -, dann sage ich ihnen – ja, ich weiß es nicht nur, ich kann es nachvollziehen. War ich doch selbst eine Selbständige. Und mein aufrichtiges Mitgefühl habt ihr.

Medea geht in Pension

Medea schaut hin.

Medea spricht aus.

Medea ruft und mahnt.

Covid-19 bringt zum Vorschein, was schon lange nicht mehr passt.

Wenn man denn hinschauen möchte.

Und Medea macht dies. Medea ärgert sich. Schon lange. Und wenn Medea sich ärgert kann ihr Zorn sehr groß werden. Dazu kommt Enttäuschung, ja eine Ernüchterung, und schlussendlich Resignation.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verliert Medea ihren Optimismus.

Ihr Optimismus, dass, wenn sie nochmals und nochmals darauf hinweist, wenn sie noch ein Projekt startet, Menschen nicht nur in Erkenntnisresonanz mitschwingen, sondern dass ihre Worte auch endlich Handlungsresonanz erzeugen.

Medea akzeptiert, dass es nicht so ist.

Medea akzeptiert, dass es so ist wie es ist.

Medea ist zornig. Hätte sie Blitze wie Zeus zur Verfügung, sie würde sie schleudern.

Wenn sie immer wieder zu hören bekommt, dass sie so privilegiert sei, da sie doch eine Pension erhalte. Damit wird begründet, dass sie – im Gegensatz zu der Person selbst oder vielen anderen – Zeit habe, um nachzudenken.

Nein, faucht sie, das ist kein Privileg.

Wenn jemand 40 Jahre lang gearbeitet und Pensionsbeiträge einbezahlt hat, dann ist es kein Privileg die Pension auch zu erhalten, sondern ein gutes Recht. Punkt.

Medea hört und schaut sich keine Nachrichten mehr an. Die Endlosschleifen der Riege von Regierungsmitgliedern und unzähligen Experten, die sich in täglichen Zahlenkolonnen und nichts sagenden Worten wiederholen. Obwohl sie es im Großen und Ganzen gut hingekriegt haben. Das muss sogar Medea ihnen lassen.

Wo sind die Frauen? – fragt sie. Der Virus macht sichtbar wer die Macht hat. Hört sie nicht immer wieder, dass in Krisen nach dem Vater gefragt werde? Sie sieht Hera vor sich, wie sie wütend aufstampft und Zeus zur Rede stellt: „Spielst du dich jetzt wieder als großen Retter auf, nachdem du alles verbockt hast, du alter Ziegenbock!“ Fast muss sie lächeln. Aber nur fast.

Ja, sie sorgen sich, die männlichen Mächtigen. Sie sorgen sich um das Volk, die einsam und ängstlich seien, – sagen sie. Man müsse sie doch beschäftigen, bevor sie auf dumme Gedanken kommen, – denken sie.

„Gebt dem Volk Brot und Spiele“ – sie erinnert sich an Julius Cäsar, der sich damit nicht nur die Stimmen bei den Wahlen sicherte, sondern das Volk auch ablenkte, damit sie keine Aufstände starteten.

Wie sich doch alles wiederholt, denkt sie, und schon lange weiß sie, dass die Unterhaltungs-Industrie nicht nur aus ökonomischem, sondern auch aus taktischem Kalkül gefördert wird. Ablenkung von den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen, nach wie vor.

Nur 100 Jahre haben Menschen gebraucht, die Natur, und damit auch in absehbarer Zeit sich selbst, zu zerstören. Die Industrialisierung und die „Spiele“ der letzten 50 Jahre, bedeuten Raubbau der Ressourcen und Umweltzerstörung in einem Ausmaß, dass die Klimakatastrophe unausweichlich ist. Wissen sie es? Ja. Tun sie etwas? Nein.

Wenn Medea nicht wüsste, dass Zeus, das Schlitzohr, sofort etwas dafür verlangen würde, würde sie ihn um einen seiner Blitze bitten, um sie auf die jetzt ruhenden Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zu werfen. Sollen sie doch mit dem Steuergeld der Menschen gerettet werden, damit diese dann in der Umweltkatastrophe untergehen, – das ist mehr als ein Shakespearsches Drama – die Lemminge stehen vor der Klippe …

Ja, es gibt sie, diejenigen, um die man sich sorgen muss. Diejenigen, die mit ihren Ängsten und Sorgen um ihre Existenz nicht zurechtkommen, weil sie übersehen werden, von der Politik missachtet werden.

Ja, es gibt sie, diejenigen, die ihre Existenz verlieren. Sie darf gar nicht daran denken, welch Hohn es bedeutet, dass die Menschen, die in den so genannten „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, jetzt mit einer geringen Bonuszahlung abgespeist werden sollen, anstatt ihre Gehälter auf Dauer zu erhöhen.

Ja, die gibt es alle – und Medea weint, es zerreißt ihr das Herz, wenn sie sieht wie wenig für diese Menschen wirklich und anhaltend gesorgt wird.

Jedoch es gibt auch die, die sich keine Sorgen machen müssen, und die nun endlich Zeit haben – die sich erholende Natur zu genießen, die Ruhe und Stille – endlich ist dieser Geschwindigkeitsrausch / die Geschwindigkeitssucht / die immer Mehr-, Weiter-, Höher-Sucht zu Ende – zu Ende? Ist sie das? Oder ruht sie nur. Und dann geht es so weiter wie gehabt?

Zurück zur „Normalität“?

Niemand, auch nicht die Medien, machen darauf aufmerksam, dass jetzt viel Zeit vorhanden wäre, um umzudenken und Veränderung anzudenken, damit nicht die Normalität – nach der sich offensichtlich so viele sehnen – weitergeht. Wobei gar nicht so viel nachgedacht werden müsste, denn es gibt bereits einige probate Lösungsvorschläge. Nur sehen wollen muss man.

Daran zu denken, dass uns diese Normalität genau dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind – wie oft schon hat sie darauf aufmerksam gemacht. Sie ist es endgültig leid.  

Und trotzdem sieht sie auch, dass so manche „frisch Gekündigte und Unternehmen während der Schließung“ nachdenken – ein Automechaniker, der seine Werkstatt verkleinert, weil er merkt, dass er keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein Unternehmer, der vorhat, jetzt endlich seinen Betrieb auf Gemeinwohl-Ökonomie umzustellen.

Sie haben nachgedacht. Doch es sind zu wenige. Viel zu wenige.

Wenn Politiker*innen Menschen nicht zutrauen, dass sie denken können – vielleicht genau so gut oder schlecht wie sie selbst – haben sie Angst, dass sich etwas verändern könnte. Dass sie ihre, doch nur so kurz andauernde Macht, verlieren könnten.

Ja, so ist es. Medea, denkt an die Geschichte der Menschheit und nickt.

Erlebt sie doch täglich, wenn sie versucht, mit Menschen über mögliche Veränderungen zu sprechen, dass sofort und auf der Stelle Widerspruch kommt. Aber das geht doch nicht / das wollen „die“ sicher nicht / das wird nicht funktionieren/ etc. etc. – hört sie. Kein Nachfragen, wie soll das gehen / wie meinst du das – nein, sofort – das geht nicht.

Resignation breitet sich immer mehr aus in ihr. Dann bleibt in eurem Leben und lamentiert und schimpft weiter dahin – denkt sie.

Und – nein, so will ich nicht leben.

40 Jahre lang hat sie sich in der Frauenbewegung engagiert.

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männderbündelei und Weiblichkeitswahn.“

hörte sie von „der Dohnal“. Von 1990 – 1995 war Dohnal die 1. Frauenministerin Österreichs. Und sie schöpfte Hoffnung. Wie hoffnungsfroh waren sie damals in der Frauenbewegung – in einer ungestümen Aufbruchsstimmung! Alles vorbei.

Seit einigen Jahren wird die Rückwärtsbewegung immer sichtbarer und jetzt gibt es eine Frauenministerin, die immer wieder vehement betont, dass sie keine Feministin sei. Irgendetwas hat sie da nicht verstanden.

Vor 13 Jahren war Medea Gründungsmitglied der „Initiative Zivilgesellschaft“. Sie hat sich verabschiedet. Es wurden und werden keine  gesellschaftspolisch relevanten Veränderungen durch diese Bewegung, die Medea nicht mehr als bewegt empfindet, gestartet.

Vor ca. 15 Jahren hatte sie gemeinsam mit einem Freund zu einem Vortrag über das Bedingungslose Grundeinkommen geladen. Nach dem Vortrag saßen sie mit einigen Interessierten an einem der Runden Tische beim Chinesen. Dort gründete sich dann der „Runde Tisch Grundeinkommen“.

Die Idee des Grundeinkommens in den verschiedensten Ausformungen und Namen gibt es schon sehr lange. Nächstes Jahr soll noch einmal ein Volksbegehren gestartet werden.

„Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

Medea hat sich von allen Initiativen und Bewegungen verabschiedet.

Wer wird sie sein, die 70-jährige Frau, die Medea in Pension schickt?

Zwei wichtige Rollen ihres Lebens – die Psychotherapeutin und Medea – ausgespielt / zu Ende gespielt.

Wer wird sie dann sein?

Bereits im Jänner dieses Jahres schrieb sie in ihrem Blog:

„ … Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

…“

Der Pfad begann sich damals bereits abzuzeichnen, und manchmal braucht es seine Zeit, bis es einem bewusst wird, dass es noch weiter und weiter geht. Bis man eines Tages merkt – ja, jetzt ist man angekommen, im neuen Leben.

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem – wieder einmal – alles neu beginnt.

JETZT

Foto: Monika Krampl, Baden, Juni 2016

Politik / Philosophie / Spiritualität

2019 geschrieben, ist es heute aktueller denn je.

Je mehr ich mich in den letzten Jahrzehnten zivilgesellschaftspolitisch (mit einem kurzem Ausreißer von 1 ½ Jahren Parteipolitik) engagiert und beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass Politik allein – ohne Philosophie und Spiritualität – seelenlos wird. Sie wird mechanistisch, und in manchen Fällen unmenschlich.

Ich werde immer wieder gefragt, wie das gehe, dass ich spirituell-philosophische Texte und Gedichte schreibe, und mich gleichzeitig auch politisch engagiere.  

Die Antwort ist sehr einfach: Weil sich das nicht ausschließt.

Gar nicht ausschließen kann, wenn ich das, was in der Politik passiert, von der spirituellen Ebene aus betrachte. Denn ich stehe nicht außerhalb.

Auch wenn viele der Meinung sind, das habe alles nichts mit ihnen zu tun.

„Das geht mich nichts an“ – höre ich.

Nein, so ist das nicht.

Alles hat mit uns zu tun. Weil wir ein Teil dieser Welt – der Erde / der Menschen / Tiere / Pflanzen / allem Guten und auch allem Bösen / allem was es gibt – sind.

Niemand kann sich ausschließen.

Und alle tragen wir Verantwortung.

Jede*r Einzelne von uns. Und so auch ich.

Gerade die Innenschau / das Innehalten / bringt mir die nötige Klarheit im Außen. Ein „Erwachen“ – die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Konstantin Wecker, der Sänger, Poet und Rebell, sagt, dass, wer sich politisch engagiere, bereit sein muss, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, um in sich selbst und seine psychischen Verstrickungen hineinzublicken –  seine wahre Identität zu entdecken.

„Gleich wie das Weltmeer von einem einzigen Geschmack durchdrungen ist, dem Geschmack des Salzes, ebenso auch ist diese Lehre von einem einzigen Geschmack durchdrungen, dem Geschmack der Befreiung.“

(AN Nikaya VIII-19)

Gemeint ist die Lehre des Buddha, in der kein göttliches Wesen im Mittelpunkt steht, dass uns sagt was wir zu tun haben – das belohnt und bestraft. Es geht um unsere eigenen Einsichten und Erkenntnisse.

Die Lehre des Buddha schult unseren Geist, um zu tieferer Einsicht über das heilsame oder unheilsame Wirken unseres Handelns zu gelangen. Wenn ich mir klar mache, dass alles abhängig ist von Ursachen und Bedingungen, dann kann ich auch die Abhängigkeit und den Zusammenhang von Allem sehen.

Diese Sichtweise ermöglicht mir Handlungen der Gewaltfreiheit und Eigenverantwortung.

„Zu wild, zu bang ists ringsum, und es trümmert und wankt ja, wohin ich blicke“ schreibt Friedrich Hölderlin in seinem „Zeitgeist“.

Gleichzeitig findet er jedoch Zuversicht und Geborgenheit in der „All-Einheit“ der Natur.

Und so schreibt er auch die Zeilen, die gerade jetzt so viel zitiert werden:

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Und damit bin ich wieder am Beginn: Alles hat mit uns zu tun.

Dies ist mein Weg.

Es gibt viele Wege die zur Erkenntnis / zum Erwachen führen.

Jede*r kann den für sich selbst geeigneten Weg gehen.

Nur – auf den Weg machen sollte man sich schon …