Die Frau Oberlehrerin, meine Igel-Bücher und Hermann Hesse

Bin ich doch am Auslichten und Loslassen meiner alten Sachen – Aufgehobenes und Angesammeltes – das wissen alle, die meine Erzählungen lesen. Dass ich auch am Auslichten von alten Verhaltensmustern bin, kommt in meinen Erzählungen nur am Rande vor. Bedarf es doch weitaus mehr Aufmerksamkeit und dauert damit wesentlich länger als Bücherregale, Kleiderschränke und Kartons zu leeren.

Nun habe ich einen Teil in mir – ich nenne ihn die Frau Oberlehrerin – die mit erhobenem Zeigefinger dasteht und anderen gegenüber betont „Ja, aber …“.

Die Frau Oberlehrerin stammt aus der Zeit, in der ich dabei war, mir vieles an Wissen anzueignen, das mir als Jugendliche verboten war. Ja – wirklich „verboten“ – eine der alten Geschichten, die ich nicht mehr erzählen möchte, da mit den Jahren aufgearbeitet, vergeben und verziehen – erst meinen Altvorderen, und etwas schwerer noch – mir selbst.

„ (…) wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein. (…)“ schrieb ich in meiner Erzählung „Vom Vergeben und Verzeihen“ im April 2020.

Die Frau Oberlehrerin stand über lange Zeit mit erhobenem Zeigefinger da und haute allen ihr Wissen um die Ohren, ganz egal ob die es nun wissen wollten oder nicht – „schaut her, wie g’scheit ich bin“. Mein Intellekt dürstete nach Bestätigung.

Ich habe die Frau Oberlehrerin in Pension geschickt. Doch so hie und da schaut sie mir über die Schulter und schon hab ich es wieder einmal übersehen – reißt sie ihren Schnabel auf …

Mittlerweile bin ich sehr geduldig mit ihr und begleite sie wieder zurück ans Meer.

Da habe ich sie hingesetzt, damit sie die Schönheit des Meeres und der Sonnenuntergänge genießen und entspannen kann. Wenn ich sie besuche, merke ich, dass sie versucht, die Fische zu belehren. Die kümmern sich nicht darum. Gut so. Vielleicht legt sie sich sogar mit Poseidon an – so wie ich sie kenne, tut sie das wahrscheinlich auch …

„(…)Veränderung braucht Mut zum Wankeln (Wankelmut) – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …(…)“ schrieb ich in „Veränderung braucht Zeit und Wankelmut“ im Juni 2020.

In der letzten Zeit überkommt mich immer wieder das Gefühl, mein früheres Leben sei wie ein Traum. Ich hätte es geträumt und ich bin am aufwachen …

„ … aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht…“ (Hermann Hesse)

„Aufwachen zu dem, der du bist“ (Thich Nhat Hanh)

Heute Nacht in einer wachen Stunde greife ich nach Hermann Hesse.

Auf meinem Drehregal-Nachttisch – sehr praktisch, da haben viele Bücher Platz – liegen die unterschiedlichsten Bücherstapel, die immer wieder wechseln. Und natürlich mein Tagebuch. Einer der neueren Stapel sind einige alte Bücher von Hermann Hesse, die wieder gelesen werden wollen. Dann gibt es noch Biographien, Romane, Lyrik und Krimis. Ich liebe es, nachts Krimis zu lesen.

Heute Nacht also Hermann Hesse. In meinen gelesenen Büchern sind viele Marker – ich nenne sie Igelbücher, weil sie gespickt sind mit Markern. Und manchmal lese ich das ganze Buch nochmals oder ich konzentriere mich auf die Marker, – bin neugierig, was mich vor Jahren oder Jahrzehnten fasziniert hat.

Die gekennzeichnete Stelle aus Hesses Buch passt zu obigen Überlegungen über die Frau Oberlehrerin.

„Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“

Aber deuten kann jeder nur sich selbst …

Infos:

Hermann Hess: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend.

Anmerkungen aus der Biographie über Hermann Hesse von Joseph Mieck, S. 93f:

Hesse veröffentlichte Demian 1919 unter dem Pseudonym Emil Synclair. In der 17. Aulage des Buches 1920 veröffentlichte er unter seinem Namen und das Buch blieb drei Jahre die „Bibel der deutschen Jugend“. Die Erzählungen sind „intim autobiographisch“. „Demian war ein intellektuelles Erlebnis, eine Neu-Überprüfung der Jahre 1887 bis 1897 mit Hilfe der Psychoanalyse und in Übereinstimmung mit Hesses beginnender Entschlossenheit, er selbst zu sein.“

Thich Nhat Hahn: Aufwachen zu dem, der du bist. Die Zen-Unterweisungen des Meisters Linji

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/04/28/vom-vergeben-und-verzeihen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/06/11/veranderung-braucht-zeit-und-wankelmut/

Reflexionen über überlebens-notwendige Lebensveränderungen und Verzicht

Es ist noch immer nicht im Allgemeinbewusstsein angekommen, dass wir alle – und damit meine ich wirklich „alle Menschen“ – etwas verändern müssen.

„Uns geht’s doch gut! Warum etwas verändern?“

Ja, aber …

Jetzt, zur Coronazeit und der Klimaveränderung, die nicht irgendwann kommt sondern die bereits begonnen hat, wäre es dringend notwendig sich Fragen zu stellen –

  • was brauche ich zu einem guten Leben?
  • brauche ich das was ich bereits habe wirklich alles?
  • worauf kann ich verzichten?
  • was kann ich verändern in meinem Leben?

Ich bin 70 Jahre und saß gestern mit zwei 70-jährigen Frauen zusammen, die mich erstaunt und verwundert anschauten, als ich sagte, dass ich mich frage was ich mit dem Rest meines Lebens anfange? Ich schaute verwundert zurück – ist es doch gerade jetzt Zeit für Veränderungen im Leben – meine ich.

Für mich persönlich gehört zu einem guten Leben, dass ich nicht über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg in gleichen Alltagsgewohnheiten versinke und mir der vielen anderen Lebensmöglichkeiten gar nicht mehr bewusst bin. Jahreszeiten verändern sich / unsere Leben verändern sich / Lebensrhythmen werden mit den Jahren anders.

Ja, werden sie das?

Nur wenn wir uns selbst und unsere Umgebung mit Achtsamkeit wahrnehmen.

Ich habe immer wieder Neues ausprobiert und möchte auch weiter Neues ausprobieren. Ja, ich möchte sagen – ich muss – weil ich mich verändert habe und daher liebe, alte und wohlbekannte Lebensgewohnheiten nicht mehr stimmen. Es passt einfach nicht mehr. Wie ein Kleid, das nicht mehr richtig passt …

Birigt Wittstock schreibt im heutigen Falter-Newsletter über eben diese fehlende Bereitschaft zur Veränderung und bezeichnet sie als den „kollektiven Egoismus“. Und ich frage mich – ist es Egoismus / Unbewusstheit oder Achtlosigkeit / Unlust etwas zu verändern und damit einhergehend Angst, dass es einem dann vielleicht nicht mehr gut geht?

Zurück zu dem Treffen der drei 70-jährigen – 210 Jahre geballt an einem Tisch, das hat schon was!

Beim Verabschieden auf der Straße sehe ich das Auto der einen 70-jährigen. Ein Volvo Cabriolet. Ich sehe sprachlos wie das Dach auf Knopfdruck verschwindet. Wie sie sich hinter das Steuer schwingt und mit flatterndem Haar in den Sonnenuntergang fährt. Na ja, es war nicht ganz so. Die Haare haben nicht geflattert, die saßen sehr fest in ihrer Form. Und der Sonnenuntergang war noch nicht so weit.

Und für kurze Zeit tauchte ich ein in die Phantasie, dass ich mit diesem schicken Cabriolet mit meinen weißen, im Fahrtwind flatternden Haaren durch die Hügel der Toscana in den Sonnenuntergang fahre. Im Radio laut – sehr laut, die Songs von Dire Straits und Tho Doors …

Zurück am Boden der Realität frage ich mich, ob es nicht ein Leichtes ist über Veränderung und Verzicht zu sprechen, wenn man dies alles nicht hat?

Ist es nicht sehr leicht davon zu sprechen, wenn ich mir das alles sowieso nicht leisten kann? Sollte ich daher meine kleine Pension als Segen betrachten? Zum Nachdenken und Überdenken eines Lebens, das ich bis dahin führte, und einem nun aufgezwungenem Verzicht, der im Anfang nicht leicht war, hat es zweifellos  geführt. Und jetzt im Nachhinein bin ich froh und dankbar darüber. Es hat mich aufmerksamer und dankbar für die kleinen Freuden – die in Wirklichkeit ganz groß sind – gemacht.  

Und ich stelle mir die Frage, ob ich der Verführung mit diesem schicken Cabriolet durch die Toscana zu fahren, standhalten würde, wenn ich es mir leisten könnte?

Ja, würde ich.

Aus Umweltschutzgründen; weil ich diese Autos, auch wenn ich es mir leisten könnte zu teuer finde / ich möchte nicht so viel Geld für ein Auto ausgeben; weil ich diesen ganzen Computer-Schnickschnack nicht will – ich will selbst fahren und mich nicht dauernd vom Computer stören lassen will und schon gar nicht will ich, dass ein Auto selbst fahrend ist – ich möchte das Lenkrad selbst bewegen und schalten und walten können …

Ich lebe jetzt seit drei Jahren ohne Auto. Und es geht. Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel. Und nur manchmal, so hin und wieder fehlt mir ein Auto – einfach ins Auto steigen und ab in den Süden …

Ja, es gibt sie, die Momente, in denen es nicht leicht ist mit dem Verzicht.

Trotzdem. Ich habe in den letzten Jahren vieles reduziert.

Von 110 m2 Wohnfläche auf 50 m2. Ich habe Möbel / Geschirr / Bücher / Kleidung / Bilder / Krimskram / Auto / Motorrad – schlussendlich auch meine Stapel von Tagebüchern / Kartons voll mit Unterlagen aus dem Studium, den vielen Projekten, Workshops und Seminaren / und noch vieles mehr – all meine gelebte Vergangenheit ausgelichtet (entsorgt).

Und es geht mir gut. Ja, es geht mir gut.

Es ist leichter – lichter – geworden.

Es ist Platz für Neues.

Nichts festhalten. Nichts haben wollen.

Leben.

Einfach leben.

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“

(Friedrich Hölderlin)

Damit ich auch eines Tages leichten Herzens gehen kann.

Weil ich gelebt habe.

Textauszug aus dem Artikel „Unser Wohnstand tötet das Klima – Zeit etwas zu verändern“

„Werbung und unser eigenes Statusdenken verführen ebenso zu mehr Konsum wie die Konkurrenz der ArbeitnehmerInnen untereinander. Denn „um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Individuen dazu gedrängt, die Zeit- und Kosteneffizienz zu erhöhen, indem sie in Autos, Küchengeräte, Computer und Smartphones investieren“, schreiben die AutorInnen.

Dazu leben besonders wohlhabende Menschen ein Konsumverhalten vor, dem viele nacheifern wollen. „Überkonsum“ bedeutet dann auch, Geld auszugeben, um einen vermeintlich höheren Status nach außen sichtbar zu machen und sein eigenes Wohlbefinden zu steigern.

Das Problem: Je mehr Personen dabei mitmachen, umso höher steigt das Konsumniveau und umso teurer müssen die gekauften Statusgüter werden, „während das gesellschaftliche Wohlbefinden stagniert“, so die AutorInnen.“

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Im Januar dieses Jahres schrieb ich in Teil 1:

„Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich entsorge meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher.

Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.“

Siehe: https://monikakrampl.wordpress.com/2020/01/16/hineinwachsen-in-mich-mein-70-geburtstag-ein-neuer-lebensabschnitt/

Nach dem Auslichten meiner Tagebücher, das mir im Rückblick wesentlich leichter erscheint als das jetzige, machte ich den letzten Durchgang. Den Begriff Auslichten habe ich mit großem Dank von Cambra Skade übernommen. Für eine Weile versank ich in den vielen Kartons, die im Gästezimmer meines Sohnes gestapelt waren. Wir konnten kaum zur Tür rein. Ein schmaler Gang blieb. Zwischen meiner Vergangenheit und dem Rest der Sachen meiner verstorbenen Mutter, die wir nach der Entsorgung auf dem großen Flohmarkt noch behalten hatten. Zum Durchsehen. Nun war die Zeit auch für dieses Durchsehen gekommen.

Auslichten im Sinne von Loslassen und auch Loswerden.

Meine Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch materiell loswerden.

Nicht, weil sie so schrecklich war. Das war sie auch. Ein Teil davon.

Auch das Glückliche – ich möchte mich nicht dahin zurück sehnen.

Das war einmal – so beginnen doch Geschichten: Es war einmal …

Meine glücklichen Erinnerungen behalte ich und lege sie vorsichtig in meine innere Schatzkiste. Jedoch, ich möchte mich nicht zurück sehnen und damit den Blick für und die Anwesenheit in der Gegenwart verlieren.

Denn, wenn ich glücklich sein möchte, dann kann ich das nur in der Gegenwart – und so wie ich jetzt bin, nämlich anders.

Das Glück der Vergangenheit kann ich so nicht mehr leben.

Ich bin JETZT.

Ich bin jetzt eine ANDERE. 

Immer wieder die Unsicherheit – zum Beispiel bei der vielartigen Korrespondenz mit meinen Freund*innen, meinen Liebsten; mit interessierten Menschen an meinen vielen Projekten und noch mehr Projektideen. Sie stammt aus einer Zeit, in der wir uns noch viele Briefe geschrieben haben und ich staune.

Ob ich sie nicht doch behalten sollte – die Briefe?

Aber warum?

Das alles wurde vor Jahrzehnten geschrieben und ich habe es nie mehr gelesen. Ich werde es auch jetzt und in Zukunft nicht lesen.

Warum also?

Nur um sie zu „haben“?

Es schmerzt.

Es macht traurig – das Loslassen.

Ein Teil von mir möchte es nicht loslassen, möchte dahin zurück.

Dahin, wo es so schön und lebendig war.

So viele Menschen in meinem Leben.

Und jetzt ….?

Ich möchte mehr Sein als Haben.

Es ist Zeit mich auf das Wesentliche und Wenige zu konzentrieren, und nicht einen materiellen Berg von Vergangenheit hinter mir herzuschleppen, bei jedem Schritt. Ich habe das Bild von einem riesigen Sack, der am Boden hinter mir herschleift und ich ihn mit Gurten – so wie einen Rucksack – an meinen Schultern befestigt habe. Jeder Schritt ist mühsam, denn der Sack ist schwer. Mit schweren Schritten stapfe ich dahin.

In den Kartons stapeln sich Ordner.

Ordner über Ordner, angesammelt und gefüllt mit meinem Leben über die letzten 35 Jahre; akribisch – gründlich und sorgfältig – beschriftet.

Ordner mit der Korrespondenz mit Freund*innen und Liebsten; mit Kolleg*innen und Menschen in Seminarzentren im In- und Ausland;  Ansichtskarten und Glückwunschkarten meines Sohnes.

Die Korrespondenz mit unseren singhalesischen Freunden in Hikkaduwa in Sri Lanka – hatten wir – mein zweiter Ehemann und ich – doch bereits alles in die Wege geleitet zum auswandern. Es sollte nicht sein.

Und ich staune immer wieder, mit wie vielen Menschen ich in Kontakt war!

Und ich erinnere mich, wie offen – mit großen offenen Augen und offenem Herzen, einer grenzenlosen Liebesbereitschaft – ich durch die Welt gegangen bin und Menschen angezogen habe. Und viele – allzu viele – gingen mit der Zeit verloren – weil wir den Kontakt nicht gehalten haben.

Die, die geblieben sind, sind meine treuesten Weggefährt*innen auf meinen verschlungenen Lebens-Pfaden.

Ich vermisse die Liebe – in erster Linie meine eigene.

Ich spüre die grenzenlose Liebe nicht mehr, – nicht so wie damals.

Irgendwann vom Pfad der Liebe abgekommen, mein Herz zugemacht und verschlossen. Den Schlüssel weggeworfen.

Den Schlüssel habe ich bereits wieder gefunden. Es war schwer, ihn in dem verrosteten Schloss umzudrehen. Jetzt bin ich dabei, die auch in ihren Scharnieren verrostete Tür zentimeterweise zu öffnen …

Und kaum ist es mir gelungen aufzusperren, klopfte einer meiner ehemaligen Liebsten an die Tür. Im Laufe dieser Wiederbegegnung schrieb ich ihm:

Das Wiedersehen

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer

liebe

und

begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

Und mit großem Erstaunen und ebenso großer Freude merke ich, wie viel ich doch in diesen Jahren über die Liebe gelernt habe.

Die nächsten Ordner führen mich in die Welt meiner psychotherapeutischen Praxis.

Der Erste enthält die vielen Originalmanuskripten und Folder der abgehaltenen Seminare und Workshops.

Mein Gott, war ich fleißig und engagiert!

Ordner mit Projektideen im zivilgesellschaftlichen Bereich und über angedachte Seminare und Workshops; Mitschriften der Therapiesitzungen, Befunde für die Krankenkassen; Honorarnoten, etc. Ich weiß nicht, von wie vielen hunderten von Klient*innen in den 25 Jahren. Die vielen Dankesschreiben. An die meisten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich sehe die Anzahl der Therapiestunden – und sehe, wie viel ich gearbeitet habe.

Welch’ Energie ich hatte!

Ordner mit den Lehrunterlagen, meinen Seminararbeiten, von den zwei Semestern an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Zwei Semester fehlen noch, dann hätte ich den Bachelor.

Aufgehört habe ich, als ich meine Mutter in den letzten zwei Jahren ihrer Krebserkrankung begleitete. Heute ist es mir nicht mehr wichtig.

Doch ich erinnere mich gerne – lerne ich doch mit viel Neugier und Begeisterung Neues.

Die ungeliebtesten Ordner – die Unterlagen meines Steuerberaters. Darüber legt sich der Mantel des Schweigens. Ich bin eine Frau der Worte. Zahlen bereiten mir Unbehagen.

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Viel Trauer ist in mir – aber ich spüre auch die Last der Vergangenheit.

Das Mitschleppen.

Erleichterung wird folgen.

So wie es mit dem Auslichten der Tagebücher auch war.

Es ist gut.

Es ist gut so, wie es ist.

Dies alles passierte in den letzten Wochen und jetzt?

Ob mich die Rückschau auf meine Lebenserinnerungen auch stolz macht, fragte eine meiner Herzensfreund*innen, und ich schrieb ihr:

„Ja, ein bisschen. Aber vor allem macht es mich dankbar. So viele Menschen – da bin ich noch immer sprachlos – es macht mich unendlich dankbar den Menschen gegenüber für ihr Vertrauen, sich mit mir auf die tiefen Prozesse in den Therapien eingelassen zu haben; und ehrfürchtig und demütig für die viele unendliche Energie, die ich hatte.

Ich staune, wundere mich über die Wunder meines Lebens und erfinde mich wieder einmal neu …

Info:

Cambra Skade, Wortschöpferin. Über sich schreibt sie: „Bayrische Künstlerin und Alltagsforscherin erkunde ich Kunst als Fachsprache des Schamanischen, male, tanze, reise, erfinde mich manchmal neu …“

https://cambraskade.blog/?fbclid=IwAR1Has7vB7YUrizobBxyJFYNUUCKvNtFnIgbJyofRYHJ2Z1RV6zJcOWRp5c/

Über die Freiheit und das „Eins zu sein mit allem“ – Friedrich Hölderlin und ich – eine Annäherung …

Das Loslassen all der Dinge aus meiner Vergangenheit / das Auslichten, ging einher mit dem Loslassen von etwas zu Ende gelebtem, aber auch von  „etwas sein müssen / etwas darstellen müssen“.

Das war einerseits eine große Erleichterung / ein Aufatmen und tief Luft holen, –  ich spürte und wusste, das Ende war gut so. Andererseits entstand aber auch immer wieder Verunsicherung / eine Leere  – die Frage  „wer bin ich denn jetzt, wenn ich all das nicht mehr bin?“ und mündet jetzt langsam in der kindlichen Freiheit eines „Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin).

Ich lese zurzeit das Buch „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“ von Christoph Quarch, Philosoph, Autor und Denkbegleiter.

So wie Quarch in seinen kongenialen und interessanten Ausführungen und Erzählungen darauf hinweist – ja, wir brauchen ihn. Obwohl er bis dahin ein Unbekannter war für mich.

Und ich meine, dass viele andere Menschen, nicht nur diejenigen, die Corona mit Ängsten, Unsicherheiten und Lebensfragen konfrontiert hat, ihn auch brauchen könnten. Was könnte hilfreicher sein, als Worte die begeistern, aufwecken und lebendig machen im Angesicht des Todes.

Friedrich Hölderlin ist mehr als nur ein Dichter. Er ist einer, der begeistern kann, weil er den guten Geist zur Sprache bringt, der Menschen wachsen und erblühen lässt – schreibt Quarch. Und ja, er begeistert mich mit seiner Sprache und seinen Worten – jeden Tag ein noch mehr …

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Im Kapitel über die Freiheit schreibt Quarch:

„In der Vorrede zu einem der ersten Entwürfe (Fragment von Hyperion) schreibt er (Hölderlin, M.K.) 1794, auf dem Weg zur Freiheit müsse der Mensch eine exzentrische Bahn zurücklegen zwischen Geburt und Tod. Mit dieser Formulierung greift er einen Topos der damaligen Astronomie auf, mit dem die elliptische Kreisbewegung eines Kometen beschrieben wurde. Eine solche vom Zentrum hinaus zur Peripherie und dann wieder zurück zur Mitte führende Kurve sei auch der Lebensweg des Menschen: eine befreiende Bahn der Menschwerdung im eigentlichen Sinne – eine Bahn von kindlich-unschuldiger Unbewusstheit zum erwachsenen Bewusstsein der Verschmelzung von Natur und Geist:

Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsere Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind.

Die exzentrische Bahn, die der Mensch im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkt (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.

Immer gleich von einem einfältigen, gleichsam vorbewussten, natürlichen, ereigneten Zustand des Eins-Seins mit der Natur zu einem geistdurchwirkten, in Freiheit angeeigneten Zustand der Konvergenz von Natur und Geist: von dem Zustand der kindlichen Unschuld im Arme der Götter – in dem der Mensch vom Wohllaut des säuselnden Hains erzogen wird, die Lüftchen des Himmels mit ihm spielen und er unter den Blumen zu lieben lernt – hin zu jenem Höhepunkt des Lebens, an dem er vor dem Hintergrund aller leidvollen Erfahrungen, die die exzentrische Bahn seines Lebens bereitgehalten hatte, die Rückkehr in den Arm der Götter vollzogen hat und in aller Freiheit und Bewusstheit sagen kann:

Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.

Der Weg von der vorbewussten, kindlichen Verbundenheit mit dem lebendigen Sein dieser Welt hin zur bewussten Hingabe an das lebendige Sein dieser Welt … (…)

Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden allen Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber stehen oder nicht. (Vorwort zur vorletzten Fassung des Hyperion)

Dieser Frieden alles Friedens ist Hölderlins Formel für die existenzielle Freiheit. (…)

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Nach all den Jahrzehnten des Tuns in meinem reich gefüllten Leben, den von mir in die Wege geleiteten vielen Lebensveränderungen, dem Leben und Erleben der verschiedensten Lebensrollen, bin ich jetzt wieder in meinem Kindheitsgarten. Nicht ganz, aber sehr nahe. Mein Kindheitsgarten ist gegenüber meinem Haus und gleicht dem Garten, in dem ich letzt lebe. 

Und ich nähere mich täglich mehr den Worten Hölderlins an – „eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden …“

Über meinen Kindheitsgarten habe ich in meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ geschrieben:

„ (…) Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar. (…)“

Nach diesen frühesten Kindheitserlebnissen des „eins zu sein mit Allem“ – meinem behüteten und ruhigen Leben als Gartenkind – begann ein langer Lebenslauf. Ein Marathon – von einer Station zur nächsten. Nun mit 70 Jahren, habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl stehen zu bleiben.

Auch meine Lebensstationen im Buddhismus / im buddhistischen Kloster / in der Achtsamkeitsmeditation – waren Lebensstationen, nach denen ich wieder weiterging. Jedoch Achtsamkeit und Meditation begleitete mich seither mehr oder weniger regelmäßig. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst im Marathonlauf irgendwann zusammengebrochen. Wer weiß …

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ muss ich erst wieder lernen.

Ich bin dabei.

„Im Zen entdecken wir, dass wir nur durch die vollkommen selbstvergessene Hingabe an unser Tun Freiheit finden können. Für den einen kurzen Augenblick Freiheit von unseren Gedanken, Leidenschaften und Täuschungen. Wenn wir mit dieser Hingabe handeln können, finden wir heraus, dass das Selbst zurückkehrt, obwohl und nachdem wir es durch die Handlung selbst vollständig zerstört haben. Und es kehrt nicht nur zurück, sondern kehrt befreit vom Gepäck der Vergangenheit und der Last der Zukunft zurück.“

(Seigaku Kigen Ekeson Osho, Zen-Meister)

Am Fenster im ersten Stock hat sich in der oberen linken Ecke eine Eternitplatte verschoben. Dahinter nisten Spatzen. Ich sehe die Eltern ein- und ausfliegen und höre das aufgeregte Tschilpen der Spatzenjungen. Ich sitze auf meiner Terrasse und schaue ihnen zu …

Info:

Bild: Peter Krawagna

Das Wort „Auslichten“ habe ich von Cambra Skadé übernommen:

https://cambraskade.blog

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948206031/Quarch-Christoph/Zu-sein-zu-leben-das-ist-genug

Der Textauszug über meinen Kindheitsgarten aus meinem Buch „Lebenszeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

https://shop.falter.at/detail/9783990708866

Friedrich Hölderlin: Hyperion

https://www.weltbild.at/artikel/buch/hyperion_21368767-1

Im obigen Text sind Textzeilen aus Hölderlins Gedicht, das er über seine frühe Kindheit schrieb, zitiert:

Da ich ein Knabe war

Rettet’ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

Alle Bücher sind auch in deiner Buchhandlung vor Ort erhältlich!

Über die dunklen Seiten der Seelen von uns Menschen zur Versöhnung und Umarmung an Hand der Texte von Thomas Sautner, Roul Starka und Nicole Lieger

Malina, die Hauptfigur in dem Roman „Das Mädchen an der Grenze“ erzählt, wie ihr Vater und sie, trotz eines gemeinsamen Erlebnisses, alleine sind.

„Alleine, ich für mich, und auch – es traf mich ebenso – du für dich. Nun, da ich endlich deine Zartheit hatte sehen dürfen, wurde mir bewusst, wie sehr nicht nur ich, sondern auch du Hilfe bräuchtest, und ebenso Mutter und meine Schwestern und all die anderen, ja selbst die fremden Menschen aus meinen Wachträumen. Wieso nur waren wir alle … so alleine mit uns? Und immer geschah, geschah, geschah das Leben und immer stieß es uns herum und keiner war da, der lieb war und zugleich auch stark. Lieber Gott, wieso gab es dich nicht?! (…)

Noch einmal berührtest du sachte den Rand der Decke, ließest die Hand aber nicht darauf ruhen, sondern hieltest sie wie schwebend auf dem Stoff. Als wäre die Decke selbst schon schwer genug für mich, als wolltest du mir nicht noch weitere Last, dich, zumuten. Vielleicht war es ja auch deine Art mich zu streicheln, Papa, indem du so behutsam den Stoff berührtest über meinem Herzen. Kurz hobst du den Blick zu mir, strichst noch einmal über den Deckensaum. Dann gingst du.“

Weiter schreibt sie über ihre neue Lehrerin, Frau Schemelmann.

„Ich schreckte hoch, wenn sie mich wie aus dem Nichts anschrie, mir Kopfnüsse verabreichte oder mich an „den Süßen“ zog, dem Haaransatz beim Ohr. Wenn sie das tat und mir dabei viel zu nahe kam, roch ich sie, ihr Kölnischwasser und ihre dickwollige, leicht säuerliche und zugleich modrige Kostümjacke. Gewiss, für ihren Geruch konnte sie nichts, er war ihr mit den Jahren geschehen und Frau Schemelmann nahm ihn vermutlich ebenso wenig wahr, wie sie ihr Verhalten wahrnahm. Darin steckte sie fest wie in einer düsteren, engen Wohnung. Und mir schien, dass nicht sie darin tat und ließ, was sie mochte, sondern die Wohnung mit Frau Schemalmann tat und ließ, wie es ihr gefiel. (…)

Doch das einzige Ergebnis, auf das ich kam, war, dass ihre Verlorenheit die Menschen einte. Hilflos trieben sie auf den Wellen ihrer Emotionen, wurden hin- und hergeworfen von Empfinden, die oft auf Missverständnissen beruhten, auf Halbwahrheit und alten Kränkungen. Alle sehnten sich nach Liebe und Respekt; und beinahe alle glaubten, betrügerisch wenig davon zu bekommen. Es stimmte sie missmutig und aggressiv, ließ sie Krieg führen gegen sich und die Welt.“

Aus dem Buch „Das Mädchen an der Grenze“ von Thomas Sautner

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Roul Starka, Musiker, Komponist und Literat, schreibt in einem fiktiven Gespräch mit George Floyd, dem Afroamerikaner, der am 25. Mai 2020 durch einen Polizisten getötet wurde:

„Alles okay, die letzten Sekunden da unten waren grauenvoll, aber jetzt geht es mir gut. Ich bekam zwar keine Luft mehr, musste aber den Atem des Cops riechen.“
„Wie roch das?“
„Es roch nach Angst, nicht nach meiner, nach seiner.“
„Aber du musst doch Angst gehabt haben?“
„Natürlich, mehr als je zuvor, aber meine war Todesangst, seine war Angst vor seinem eigenen Hass, das stinkt wirklich.“ (…)

„Wie denkst du jetzt über den Cop?“
„Ich würde ihn umarmen und ganz fest drücken.“
„Was? Wir wollen ihn alle ewig lang einsperren, manche wollen ihn hinrichten!“
„Das ist ja das Problem. Aber das befriedigt nur deine Wut, deine Machtlosigkeit, deinen Hass. Es geht dir jetzt wie damals dem Cop, als er klein war, sich nicht wehren konnte gegen eine Bedrohung, gegen eine Einsamkeit.“
„Herrgott, wir können ja nicht alle Mörder umarmen und fest drücken, das ist ja Wahnsinn!“
„Probier es mal mit Fraugott und umarmen, das mit dem Einsperren und Bestrafen funktioniert ja nicht so toll.“

https://www.facebook.com/roul.starka

https://www.starka.at

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Sehr lange schon kenne ich die von Nicole Lieger ausgearbeitete und formulierte „Politik der Anziehung“. Und immer wieder, wenn ich von Zeit zu Zeit ihre Texte lese, bin ich begeistert von dem wie sie die Möglichkeit Politik zu machen beschreibt – „ein liebevolles Engagement für eine andere Welt“.

Als ich die zwei obigen Texte ausgewählt habe, ist mir eine Textstelle von ihr eingefallen, die hervorragend dazu passt:

„Ein weiterer Vorschlag, den ich hier in den Raum stellen möchte, ist, eine sprachliche Wendung zu suchen, die immer deutlich macht, dass unser Interesse dem Wohlergehen der gesamten Menschheit gilt. Besser wäre vielleicht noch zu sagen „allen Lebewesen“, aber ich denke, als erster Schritt ist eine Besinnung auf die Menschheit als Ganzes schon sehr hilfreich. Der sprachliche Vorschlag dazu wäre, das Wort „wir“ immer in Bezug auf die Menschheit zu verwenden. Möchte ich auf spezielle Umstände einer bestimmten Situation eingehen, sage ich „diejenigen von uns“. Zum Beispiel: diejenigen von uns, die in China geboren wurden; diejenigen von uns, die gerade Konzerne leiten; diejenigen von uns, die Terroranschläge vorbereiten; diejenigen von uns, die in Slums leben; diejenigen von uns, die gerade als Soldaten unterwegs sind; diejenigen von uns, die als Männer erzogen wurden; diejenigen von uns, die gestorben sind.“

https://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger/

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Roul Starka lässt George Floyd in dem fiktiven Gespräch über seinen Mörder sagen – „es roch nach Angst, nicht nach meiner, nach seiner“ und weiter –„Ich würde ihn umarmen und ganz fest drücken“

Malina erzählt in ihrer Geschichte über den „leicht säuerlichen Geruch“ von Frau Memmelmann. Sie beschreibt sie als griesgrämige Frau, die zuweilen spontaner Ärger befiele, und wie eigentlich alle Menschen Hilfe bräuchten.

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin habe ich in der speziellen Körperarbeit mit Klient*innen gelernt, die verschiedenen Schweißgerüche zu unterscheiden. Angst riecht zum Beispiel anders als Wut. Und ich habe erfahren, wie sich die Gefühle von Angst, Wut, etc. in Umarmungen und Gehaltenwerden in Trauer und Schmerz verwandeln …

Wie könnte ich nach fünfundzwanzig Jahren Arbeit mit Menschen als Psychotherapeutin nicht über das viele Leid, Schmerz, Missachtung und Missbrauch von Menschen wissen.

Ja, ich weiß, dass derjenige Mensch von uns, der Floyd ermordet hat, nicht als Mörder zur Welt kam.

Könnte ich ihn umarmen?

Ich weiß es nicht.

Da möchte ich doch gerne als Abschluss die Worte von George Floyd in dem fiktiven Gespräch mit Roul Starka zitieren:

„Die Herz Dame im Kartenspiel neu gestalten, Aretha Franklin sitzt neben mir, wär doch ein schönes Foto. Dann die Karten mischen und spielen, statt stechen sagt umarmen …“