Das ewige Dilemma mit der Schuld

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Der schwierige Umgang mit der Schuld unserer Eltern.

Und falls wir Eltern sind, auch mit unserer eigenen.

In 25 Jahren Arbeit als Psychotherapeutin habe ich unzählige Menschen durch diesen Heilungs-Prozess begleitet. Einem Heilungs-Prozess unter vielen möglichen anderen auch. Ich kann nur über das schreiben, was ich gemacht habe. Ich schreibe aber auch aus einem eigenem Erleben dieses Prozesses als Tochter und Mutter eines Sohnes. Oftmals dufte ich erleben, dass mein Glaubenssatz wahr ist:

Jeder Mensch hat in jeder Sekunde seines Lebens die Möglichkeit sich zu ändern.

Ich durfte erleben, dass dies auch mit 86 Jahren möglich ist. Ein großes Geschenk in meinem Leben. Vielleicht das Größte. Nach der Einsicht und Entschuldigung, die Versöhnung. Endlich. Es ist nie zu spät …

 

Warum ist eine Auseinandersetzung mit Schuld so wichtig?

Fehler zu machen bedeutet noch nicht sich schuldig zu machen.

Wir können viele Fehler machen und haben trotzdem keine Schuld.

Wenn die Auswirkungen der Fehler uns allein betreffen.

Leiden darunter andere sieht die Sache bereits anders aus.

 

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Beziehungsgeschehen zweier erwachsenen Menschen und zwischen Erwachsenen und Kindern.

„Aber ich kann doch meinen Eltern nicht für alles die Schuld geben!“

Doch. Für das was in der Kindheit an Verletzungen passiert ist, schon.

Für das, was man als Erwachsene/r macht, nicht.

 

Für das Beziehungsgeschehen zwischen zwei Erwachsenen tragen beide zu je 50 % die Beziehungs-Verantwortung. Zwischen Erwachsenen und Kindern tragen jedoch die Erwachsenen zu 100 % die Verantwortung.

 

Damit kommt die Verantwortung ins Spiel.

Weil sich Kinder schuldig fühlen und die Verantwortung dafür übernehmen, wenn sie in der Beziehung zu den Eltern verletzt werden. Sie nehmen an „mit ihnen stimme etwas nicht“, sonst würden die Eltern sich nicht so verhalten.

Solange diese Schuldfrage nicht aufgelöst ist, tragen viele Erwachsene diese „geheime“ Schuld noch immer mit sich herum.

Die gepflegten Mythen in vielen Familien sind Sätze, die immer wiederholt werden. Es ist wie eine Gehirnwäsche. Damit nicht hingeschaut wird, was wirklich war:

„Du warst kein einfaches Kind“, „Du warst sehr schwierig“, „Du hast nicht aufgepasst“, „ Du warst so schlampig“, „Du warst faul“, „du hast dies und das getan oder nicht getan …“.

Was auffällt ist, dass dies jeweils Schuldzuweisungen sind. Du-Sätze. Keine Ich-Sätze.

Ich-Sätze wären zum Beispiel: Ich hab’ mir sehr schwer getan mit dir, weil ich dich oft nicht verstanden habe. Ich hatte so wenig Zeit für dich, etc.

Wenn jemand immer wieder Schuld zugewiesen wird, und das auch noch zu unrecht, dann stört das die Beziehung sehr. Das macht zornig, und man weiß gar nicht, woher dieser Zorn kommt. Man kann es schon nicht mehr hören. Man kann die Eltern, oder umgekehrt, die Kinder nicht wirklich lieben. Man findet keinen Zugang zu ihnen. Nicht wirklich.

Na klar, da steht ja auch einiges dazwischen.

Ist nicht so einfach für Eltern, anzuerkennen, dass der Fehler nicht beim Kind lag, sondern bei ihnen selbst. Weil sie eine bestimmte Vorstellung hatten, wie das Kind sein soll; weil sie selbst auch so erzogen worden sind; weil sie sich nicht die Zeit genommen haben; weil sie überfordert waren, etc., etc.

Es gibt viele Begründungen, Erklärungen und Ausreden die vermeiden, diese Schuld anzunehmen.

 

Ein Heilungsprozess findet nur dann statt, wenn die Schuld dahin zurückgegeben wird, wo sie hingehört. Ein großes Geschenk ist es, wenn Eltern die eigene Schuld annehmen.

Nicht nur vielen Eltern fällt es schwer, diese Schuld einzugestehen und anzunehmen. Auch vielen erwachsenen Töchtern und Söhnen fällt es schwer, die Schuld zurückzugeben.

Viele versuchen, Eltern von der Schuld freizusprechen. Zu verstehen. Damit wird auch versucht, sich des eigenen Leids, das man erfahren hat, nicht bewusst zu werden. Diese Verletzungen „wieder“ – denn sie sind noch immer da – zu spüren, ist natürlich nicht angenehm. Als Erwachsene/r ist das aber aushaltbar. Als Kind war es das vielfach nicht.

Manche Kinder entwickeln die Verhaltensstrategie „ich werde nicht mehr zeigen, wenn mir was weh tut“ – um sich zu schützen. Um den konkreten Schmerz und den Schmerz des Unrechts nicht zu spüren. Sie behalten diese Strategie als Erwachsene bei und kommen damit auch als Erwachsene aus diesem Kreislauf nicht heraus. Andere wieder haben aufgehört, über sich zu erzählen. Wer und wie sie eigentlich wirklich sind. Wie sie leben. Weil sie Angst haben, wieder und wieder verletzt zu werden. Ängste und Scham sind dann sehr groß. Es gibt jede Menge an Vermeidungsstrategien.

 

Am Beginn des Heilungsprozesses steht daher die Schuldrückgabe.

Wenn es im Verlaufe des Heilungsprozesses zu einer Versöhnung kommt – wunderbar.

Jedoch nicht am Beginn des Prozesses, sondern am Ende.

Ein gutes Ende, das Tür und Tor zur Liebe öffnet.

Endlich.

 

Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass einige Verletzungen (Missbrauch, Gewalt, etc.) so groß sind, dass eine Versöhnung nicht statt findet. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden, ob dies möglich ist oder nicht. Auf jeden Fall ist es aber auch in Ordnung. Alleine schon die Auseinandersetzung und Aufarbeitung – aber vor allem die Schuldrückgabe – erleichtert das Leben.

So absurd es klingt: Wenn ich den Eltern nicht ihre Schuld zurückgebe, wird es keine Versöhnung geben. Dies gilt natürlich auch für andere Menschen aus der Kindheit. Nicht nur Eltern verletzen.

Wenn Eltern offen genug sind für diese wichtige Auseinandersetzung ist dies ein Geschenk. Sind sie das nicht, kann man dies auch für sich alleine machen. Nicht nur in Form einer Therapie, vielleicht mit Briefen und Tagebuch schreiben. Briefe an die Eltern und die Personen, die als Kind verletzt haben; Briefe an das Kind von damals.

Das Kind wartet darauf gesehen zu werden und erlöst zu werden.

Ein Standardsatz von mir in der Therapie war: „Schaltest du schon wieder das Elternschutzprogramm ein anstatt dich an die Seite deines kleinen Kindes zu stellen? Übernimmst du die Verteidigung der Eltern, statt die Anwältin deines Kindes zu sein?“

Ein Satz, den sich viele mitgenommen haben und sich mit der Zeit jedes Mal wenn sie wieder einmal in der Verteidigung der Eltern gelandet sind, diesen Satz mit einem Lächeln selbst sagten.

Wenn man sich schuldig gemacht hat und jemand verletzt hat, kann man es nicht wieder gut machen. Die Verletzung ist passiert. Man kann jedoch die Verantwortung dafür übernehmen und sich entschuldigen. Ob diese Entschuldigung angenommen wird oder nicht hat damit zu tun, ob sie als ernsthaft empfunden wird. Wenn eine Entschuldigung lediglich ausgesprochen wird, damit wieder alles gut ist und Ruhe herrscht, wird es nichts nützen. Man wird auch an der Echtheit der Entschuldigung zweifeln. Damit diese Entschuldigung wirklich angenommen werden kann,  muss sie aus tiefstem Herzen kommen UND begleitet sein von der Erkenntnis, dass man sich schuldig gemacht hat. Gemeinsam zu weinen – aus Schmerz, aus Erleichterung und Erlösung – heilt.

 

Nicht jede/r wird dahin kommen, die Eltern lieben zu können.

Manche schon.

Auf dem Weg dahin geht es nicht darum, sie von ihrer Schuld freizusprechen, um sie lieben zu können.

 

Es geht darum, sie trotz und mit ihrer Schuld zu lieben.

So wie auch uns selbst trotz und mit unserer Schuld zu lieben.

 

Wenn wir Kinder haben, haben wir uns schuldig gemacht.  Mehr oder weniger.

Wir sind Menschen. Wir sind nicht fehlerfrei.

Auch wenn wir sie lieben machen wir Fehler.

Wir sind nicht frei von Schuld.

 

Und je früher wir das Erkennen, desto eher können wir lieben.

Unsere Eltern.

Unsere Kinder.

Uns selbst.

 

(M.K., 10 04 2017)

 

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