Die Würze des Lebens

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Die Würze des Lebens sind die einfachen Dinge

Liebe, Humor, Kreativität, Gelassenheit, Lebensfreude und die Bereitschaft sich auf den Reifungsprozess des Lebens in all seinen Facetten und Veränderungen einzulassen.

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Die Tödin als meine Lebensbegleiterin

 

 

Nut Himmels- und Totengöttin

Einst sprach der Tod zur „Teadin“: „Ich nehme die Sense, du den Rechen; ich werde mähen, du rechnest nach.“

Als ich ein Kind war, gehörte der Tod noch zum Leben dazu. Es war 1956, ich war 6 Jahre alt, und die Schwiegermutter meiner Großmutter war gestorben. Sie starb zu Hause.

Bevor sie starb, saßen wir eine Woche lang immer wieder an ihrem Bett. Kerzen waren angezündet und wir beteten. Viele Rosenkränze. Es war eine sehr tröstliche und ich möchte sagen – obwohl ich das Wort sonst nicht so gerne in den Mund nehme – heilige Atmosphäre. Keine Angst, kein Schrecken – eine ruhige und selbstverständliche Begleitung beim Sterben. Wir waren dabei, als sie ihren letzten Atemzug machte. Die Frauen haben sie gemeinsam gewaschen. Ich saß währenddessen im Garten zwischen den Blumen im Sonnenschein und war sehr ruhig. Ich wusste, was da passiert und es ging mir gut. Die Verstorbene – ich kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern – wurde aufgebahrt. Drei weitere Tage lang saßen wir mit Gebeten bei ihr, bis sie begraben wurde.

Der Tod – mitten im Leben, weil er dazugehört.

 

Als ich meine Ausbildung zur Meditationslehrerin in Vipassana (Achtsamkeits-Meditation) in einem buddhistischen Kloster begann, war ein Teil dieser Ausbildung auch die Vertiefung in Leid und Sterben. Ich meditierte über den Tod von mir lieben Menschen. Am schwierigsten

war die Vorstellung des Todes meines Sohnes. Viel Hader, Angst und Schmerz. Es hat sehr lange gedauert, bis auch hier die Akzeptanz kam. Ich meditierte über meinen eigenen Tod. Ich sah mich sterben – immer wieder, und meinen Körper verbrennen.

Im Vipassana gibt es außer der Sitzmeditation, auch eine Gehmeditation. Dies bedeutet, sehr langsam – in Zeitlupe, jeden Schritt zu gehen und jede Bewegung des Fußes wahrzunehmen. Das Abheben, das nach vor ziehen, das Aufsetzen, die Gewichtsverlagerung, das Aufheben des anderen Fußes …

Der schmale Weg für die Gehmeditation war ellipsenförmig. An einem Ende der Ellipse stand ein Schrein, und hinter Glas das Skelett eines verstorbenen Mönches. Das Kloster befand sich am Rande des Dschungels. Der Gehweg war gesäumt von Kokusnusspalmen. Und immer wieder bei diesem langsamen Schreiten krachte vor mir oder hinter mir eine Kokusnuss zu Boden.

In Ruhe und Achtsamkeit den (Lebens)weg gehen im Beisein der Tödin.

 

Meine Mutter hatte Angst vor dem Sterben.

Meine Mutter hat bis zu dem Zeitpunkt, da sie wusste, dass sie sterben wird, selten über ihr Leben nachgedacht. Als sie es dann tat, wurde ihr bewusst, dass sie zum Großteil nicht gelebt hatte. Sie sagte: „Ich habe immer das gemacht, was die anderen von mir wollten. Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich wollte.“ Und sehr traurig: „Wir hätten es so schön haben können.“ Sie war dann in einer sehr großen Ambivalenz. Zum einen wusste sie, dass sie sterben wird, zum anderen hat sie sich sehr an das Leben geklammert, weil sie noch etwas „gut“ leben wollte. Sie ist ohne Schmerzen in sehr liebevoller Begleitung im Hospiz gestorben.

Die Angst meiner Mutter vor dem Tod kam aus dem Bewusstsein eines nicht gelebten Lebens.

 

Den Tod zu akzeptieren bedeutet nun nicht, ohne Trauer zu sein, wenn ein geliebter Mensch geht. Natürlich ist Trauer da. Ist es doch ein Verlust und ein Abschied. Und das macht traurig.

Eine Trauer, die mehr oder weniger lange dauert. Jede und jeder trauert auf seine eigene Art und Weise. Jedoch, auch die Gewissheit, dass nach der Trauer wieder andere Gefühle da sein werden. Dass das Leben auch während der Trauer voll Schönheit, Freude und Liebe ist.

Gewahrsein, dass der Tod nicht irgendwann passiert, sondern dass er auf Schritt und Tritt neben mit geht.

 

Infos:

12 Meditationstipps fürs Sterben. 12 Anregungen, die noch im Leben auf den Tod vorbereiten können.

https://www.findyournose.com/12-meditationstipps-fuers-sterben

Die Sage über die Tödin

http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/Graber/tod_toedin.html

Die Theologin Andrea Martha Becker bildet Frauen zu Trauer- und Sterbegleiterinnen aus und schreibt sehr interessant über das weibliche Erbe der Tödin.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-toedin

 

(M.K., 20 06 2017)

Morpheus Arme

 

In Morpheus Armen ruhen

Kräftige / zärtliche Arme halten dich

Spinnennetz-Traumtuch hüllt dich ein

Träume entführen ins Elysion

 

Kräftige / zärtliche Arme halten dich

Rosenblüten / Lavendel / Moschusduft

Träume entführen ins Elysion

Schwerelose Seligkeit

 

Rosenblüten / Lavendel / Moschusduft

Lethe schenkt vergessen

Schwerelose Seligkeit

Wachst du / träumst du?

 

Lethe schenkt vergessen

Spinnennetz-Traumtuch hüllt dich ein

Wachst du / träumst du?

In Morpheus Armen ruhen

(2015)

Erinnerungs-Insel im Mondlicht

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In dieser mondhellen Nacht

finde ich dich, Geliebter,

der Duft von Rosmarin und Thymian

dein Leib am Stamm des Olivenbaums

dein schönes Gesicht im Lichte badend

jeder Stein leuchtet

auf dem Weg zu dir

Apollon gleich deine schlanke Gestalt

Deine kräftigen Arme erwarten mich

In der Süße dieser Nacht

So wie in vielen Mondnächten zuvor

Erinnerst du dich?

 

Nichts haben wir uns zu sagen

In diesen Nächten

Nichts Gesagtes und nichts Ungesagtes

Wenn sich der Mond spiegelt

In unseren Augen

Und Mund an Mund wir atmen

Erinnerst du dich?

 

Zeiten ziehen an uns vorbei

Gesichter die wir hatten

Und die wir jetzt sind

Der Stille lauschend

Glückselige Augenblicke

Wenn deine Arme mich halten,

Geliebter

 

(Vollmondnacht 20. Juli 2016)

Foto: Ruinen des Apollontempels in Side

Siehe auch: https://monikakrampl.wordpress.com/2016/11/19/meine-reise-in-den-orient/

Der Fremde

Insel Lobau

 

Sie sieht ihm jetzt schon seit zwei Stunden beim Spielen zu. Zwei Stunden in dieser heißen, glühenden Nachmittagssonne. Seine Haut ist tief gebräunt. Das Braun von Menschen, die in südlicheren Ländern aufgewachsen sind und schon immer viel in der Sonne waren. Nordländer bräunen anders. Es ist die Tönung der Haut, die an heiße, glühende Nachmittage am Meer, flirrende, silbrig glänzende Olivenhaine und an viel Liebe im Bauch erinnert; an gewaltige Sonnenuntergänge, und  an den Geschmack von Weißbrot, Käse und Rotwein. Dies alles geht ihr durch Kopf und Bauch als sie ihm zusieht beim Spielen mit den Männern.

Scheinbar wird er nicht müde. In seinem sehnigen Körper dehnen und straffen sich die Muskeln, und bei jeder Bewegung beginnt dieses Spiel an einer anderen Stelle von neuem. Eine kleine Weile hat sie auch mitgespielt, doch sie wird es schnell leid. Sie sieht nicht ein, warum sie einem Ball oder einer Scheibe hinterher jagen soll. Viel lieber liegt sie hier im Halbschatten, nicht ganz im Schatten, denn sie mag die Sonne auf ihrer Haut, diese Wärme, die das Fleisch zu durchdringen scheint bis auf die Knochen und bis in die Seele. Neben sich im Gras hat sie ein halbvolles Glas mit ein wenig Weißwein und viel Mineralwasser. Es ist noch etwas früh, aber Alkohol verstärkt das entspannte, halb schwebende Gefühl, das Nachlassen des Denkens und verstärken der Sinne – ihrer Sinnlichkeit. Sie spürt wie ihr Bauch ganz tief drinnen heiß und flatterig wird und sich dieses Gefühl weiter ausbreitet.

Sie seufzt, schließt halb die Augen und lässt ihren Blick ganz langsam weiterschweifen über das Seeufer, das Wasser, das in der Sonne glitzert, und die Menschen, die sich hier zu einem Geburtstagsfest zusammengefunden haben. Sie ist eingeladen zu diesem Fest für eine dieser fremden Frauen. Einige der Frauen sind damit beschäftigt das  Essen  vorzubereiten, einige sind im Wasser mit den Kindern, und die Männer spielen. Ihr Blick kommt langsam wieder zurück zu der Spielergruppe. Sie merkt, dass der Fremde sie ansieht, und seine Augen bringen dieses Gefühl in ihrem Bauch wieder neu zum Schwingen. Sie steht langsam auf und geht auf die Gruppe der Frauen zu, bleibt für einen Augenblick stehen, um zu hören worüber sie sprechen.

Es ist eine dieser Situationen, in denen die Männer grillen und spielen, und die Frauen zusammensitzen und reden. Sie hört sie über Gebärmutter- und Brustoperationen und diverse Krankheiten sprechen, und merkt, wie die Gespräche das wonnige Gefühl in ihrem Bauch zum Schweigen bringt und Ärger aufsteigt in ihr. Sie schlendert weiter. Sie hat nicht die geringste Lust sich zum hundertsten Male mit dieser Frage, warum das so ist und warum das immer so sein muss zu beschäftigen. Sie weiß mittlerweile, es gefällt ihr nicht und sie kann es nicht ändern.

Bevor sich Resignation in ihr ausbreiten kann, geht sie weiter zum Tisch, an dem sich jetzt die Ersten zum Essen einfinden, schenkt sich ihr Glas voll und nimmt sich etwas von dem Tomatensalat und dem Weißbrot – das südliche, mediterrane Gefühl ist wieder da.

Die Männer hören nun auf zu spielen, die Frauen verlassen ihren vertrauten und sie verbindenden Kreis der Krankheiten, und alle kommen zum Tisch.

Sie blickt wieder hin zu dem Fremden, er isst so wie er spielt. Seine Kiefer packen zu, wenn er in das Fleisch beißt, er reißt es förmlich vom Knochen. Seine weißen Zähne blitzen, er wirft das halblange Haar nach hinten und sieht ihr geradewegs in die Augen. Für einen Moment lang spürt sie dieses Zupacken am ganzen Körper, und eine Welle der Lust schießt durch ihren Bauch. Sie lacht und gibt ihm diesen Blick zurück. Das Spiel ist eröffnet. Er ist einer der ersten die mit dem Essen fertig sind und geht zu einem der Bierfässer, um sich ein neues Glas zu zapfen. Er sucht sich einen Stuhl und lehnt sich entspannt zurück. Sie spürt seinen Blick. Immer wieder wenn sie die Augen hebt, begegnet sie diesem nun unter halb geschlossenen Augenlidern sie begleitenden Blick. Eigentlich mag sie Bier trinkende Männer nicht, aber bei ihm stört es sie nicht. Irgendwie passt es zu seinen animalischen Bewegungen.

Die kurze Stille, die nach dem Essen entsteht wenn alle gesättigt sind – selbst die Kinder sind etwas leiser geworden – tritt gleichzeitig mit dem Sonnenuntergang ein. Schon während des Essens hat sie beobachtet wie die Sonne hinter den Bäumen verschwindet. Wie nur mehr vereinzelte rötlichgoldene Strahlen den Tisch streifen bis die Schatten länger werden, und die erste kühle Brise vom Wasser heraufstreicht. Eine Kühle die sie für einen Moment frösteln macht mit ihrem glühenden Bauch und Haut. Der Abendhimmel verfärbt sich in Gold und Grün und Orange, bis auch er zu glühen und zu verbrennen scheint.

Als hätten alle auf das Verschwinden der Sonne, den Beginn der blauen Stunde gewartet, steht eine der fremden Frauen auf und schaltet Musik ein. Es sind die fremden Lieder mit den vielen sehnsuchtsvollen Tönen des sich Sehnens und des Begehrens, der Liebe und des Schmerzes, aber auch die weichen, runden und beschwingten Töne des Verführens. Des Tanzens aus dem Bauch heraus, des Kreisens und des Schwingens mit den Hüften – der Aufforderung zur Liebe. Auch jetzt wieder eine Situation, in der sie aufgehört hat nach dem Warum zu fragen – die Männer bleiben sitzen und die Frauen beginnen zu tanzen. Sie hat auch Lust sich zu bewegen. Aber zuerst möchte sie noch die Kühle des Wassers genießen. Es ist niemand am Ufer des Sees und im Wasser und sie liebt es, in die beginnende Dunkelheit hinheinzuschwimmen. Sie leert ihr Glas mit einem großen, kräftigen Schluck und spürt wieder seinen Blick, seine Augen begleiten sie hinunter zum Ufer. Sie lässt sich langsam hineingleiten und genießt das sie wie Seide und Samt auf der Haut umschmeichelnde Wasser. Sie denkt, Meerwasser fühlt sich ganz anders an, ist prickelnder auf der Haut, aber der See umschmeichelt die Haut und  streichelt sie wie seine Augen. Sie beginnt mit kräftigen Stößen auf die Insel die sich mitten im See befindet zuzuschwimmen und bedauert es für einen Moment, dass er ihr nicht nachkommen kann. Dann konzentriert sie sich wieder auf ihre gleichmäßigen Schwimmbewegungen und genießt ihren sich bewegenden Körper.

Am Ufer der Insel angekommen macht sie einen Blick zurück zu der Geburtstagsgesellschaft. Die Musik und das Lachen sind über das Wasser bis hierher zu hören. Sie beginnt die Insel zu durchqueren um an das gegenüberliegende Ufer zu kommen. Die Insel ist dicht mit Kiefern und Föhren bewachsen. Durch die heruntergefallenen langen Nadeln hat sich ein weicher und federnder Boden gebildet, nur hie und da unterbrochen von den harten Zapfen. Sie ist es gewohnt barfuss zu gehen und genießt es Erde, Nadeln und Zapfen unter ihren Füßen zu spüren. Die Insel hat einen eigenen Geruch. Ein Geruch der sich durch die Bäume und die Sonnenhitze bildet und der sie an mediterrane Länder erinnert. Sie liebt ihn und saugt ihn in vollen Zügen ein. Auf der anderen Seite der Insel ist vom Ufer, an welchem die Geburtstagsgesellschaft feiert, nichts mehr zu sehen und zu hören. Sie setzt sich und lauscht der Stille, die nur kurz andauert, so als ob die Natur für einen Moment den Atem anhält, bevor die Nachtgeräusche beginnen.

Als erstes beginnen die Frösche zu quaken und sie macht sich auf den Rückweg. Sie beschließt jetzt, um die Insel herumzuschwimmen. Als sie ankommt, ist es bereits dunkel. Die Menschen am Ufer haben Kerzen und Fackeln angezündet. Schon beim Näherkommen hört sie, dass die Stimmung jetzt viel ausgelassener und fröhlicher ist, die Musik lauter. Die viele Sonne des Tages und der Alkohol haben die Gesichter gerötet und lassen die Stimmen ungezwungener, das Lachen tönender werden. Die Kinder liegen etwas abseits unter den Büschen in ihren Schlafsäcken und schlafen trotz des Lärms. Auch ihre Gesichter sind gerötet von der Sonne und vom Schlaf. Sie hüllt sich in ein Tuch und geht mit nassem Haar und wasserbeperlt zum Tisch um eine Flasche Sekt zu öffnen,  auf die sie sich schon den ganzen Abend über gefreut hat. Mit kundigem Griff öffnet sie die Flasche und gießt sich ein Glas ein, als ihr von gegenüber ein Glas herübergereicht wird. Er hält es ihr wortlos hin und sie schenkt ihm ein –  sie haben noch immer kein Wort miteinander gewechselt, worüber auch. Sie kennt ihn und seine Frau flüchtig von früheren Begegnungen, kennt auch deren Geschichte aus Erzählungen. Er lebt in einer anderen Welt.  Es ist nicht ihre Welt und sie will eigentlich auch gar nichts davon wissen. Sie will ihn, und sie weiß, dass er das auch weiß. Tiere spüren immer die Bereitschaft des Weibchens, und sie muss lachen, als sie sieht, wie seine Nasenflügel sich blähen als er scharf einatmet. Ganz kurz kommt er an ihre Seite und sie spürt seinen harten und heißen Oberarm an ihrer Haut, dann dreht er sich um und geht zu den Männern. Sie spürt das Prickeln des Sektes in ihrem Bauch, ihren Brüsten und ihrem Mund und leert rasch und mit einem Zug noch ein Glas.

Die nächsten drei, vier Stunden tanzt sie und trinkt, und tanzt und trinkt. Wenn sie tanzt, tanzt sie für ihn. Manchmal sinnlich, lockend, verführerisch, und dann wieder kraftvoll, mächtig, sich und ihn ihre Kraft spüren lassend.

Es ist schon weit nach Mitternacht, die meisten haben sich in ihre Schlafsäcke eingerollt, einige sitzen um das nur mehr schwach glimmende Feuer und unterhalten sich, wenige drehen sich noch mit müden Bewegungen im Tanz. Niemand achtet darauf, wer noch da ist und wer was tut. Sie sieht ihn – sie sieht wie er zum Ufer geht, mit einem mächtigen Satz im Wasser verschwindet und weit draußen wieder auftaucht. Langsam und mit trägen Bewegungen, aber innen das Feuer spürend, geht sie zum Wasser und lässt sich hineingleiten. Sie schwimmt ihm mit zügigen Bewegungen nach. Er weiß, dass sie da ist. Er sieht sich nicht um, aber plötzlich taucht er unter, und schwimmt unter ihrem Körper durch. Er berührt sie, zum ersten Mal berührt er sie – mit kurzen festen Griffen, sie fassend und gleich wieder loslassend. Sie schwimmen mit sich umkreisenden, umtauchenden Bewegungen auf die Insel zu. Als er Boden unter den Füßen hat, hebt er sie hoch und trägt sie über die Insel zur anderen Seite. Sie riecht an seiner Brust, an seinem Hals und fängt an, einzelne Wassertropfen, die von seinem Hals auf die Brust laufen abzulecken. Er gibt einen knurrenden Laut von sich, fasst sie noch fester, seine Hände graben sich in ihr Fleisch, und er geht rascher.

Auf der anderen, dunklen Seite der Insel angekommen, lässt er sie in den feuchten Sand gleiten, und mit einer einzigen Bewegung ist er über ihr und hat ihr den Badeanzug vom Körper gestreift. Sie sieht ihn im vollen Mondlicht stehen, als er seine Badehose auszieht und genießt den Anblick dieses kraftvollen, muskulösen Körpers und die Vorfreude, weil sie weiß, dass er gleich in ihr sein wird. Einen kurzen Moment lang bleibt er ganz still stehen und fast ist es so, als wäre die Abendstille wieder da. Als er sich über sie beugt, beginnen auch die Nachtgeräusche wieder, die sich jetzt vermischen mit ihrem Stöhnen und seinem heftigen Atem, der über ihr Gesicht streift. Wie fauchende Tiger, die sich paaren. Er dringt sofort ein in sie, und sie ist bereit – weit, feucht und verschlingend.  Ihre Körper verschmelzen miteinander, glühen, und trennen sich wieder in dieser stoßenden Bewegung, in der sich die Lust des ganzen Tages entlädt. Nach der ersten kurzen und heftigen, fast schmerzlichen Entladung setzt er das Streicheln ihres Körpers, das eher an harte, aber zärtliche Prankenschläge erinnert, fort. Sie rollen gemeinsam, ineinander verschlungen, sich festsaugend aneinander ins Wasser, er hebt sie hoch, und im Wasser stehend, dringt er noch einmal mit einem Schrei in sie ein. Sie spürt ihn in sich und als er in ihr und gemeinsam mit ihr explodiert, ist es, als würde auch der Sternenhimmel über ihr explodieren.

Als er sie zurückträgt ans Ufer merkt sie, dass er einige Male strauchelt und auch sein plötzliches Keuchen ist nicht mehr das Keuchen des Begehrens. Er lässt sie wieder ganz vorsichtig in den Sand gleiten und sie sieht, dass sein Gesicht schmerzverzerrt ist. Er hält sich mit der rechten Hand seine Herzseite. Während sie über ihm kniet, geht ihr durch den Kopf, dass sie nach den Regeln dieser Fremden etwas Verbotenes getan haben. Wenn sie jetzt Hilfe holen würde, könnte dies ein Drama unter allen Anwesenden auslösen. Zum ersten Mal in dieser Nacht versucht sie mit ihm zu sprechen. Er hört sie nicht. Sie setzt sich hin und nimmt seinen Kopf zwischen ihre weit geöffneten Schenkel, in die er eben noch seinen Samen verströmt hat, und er rollt sich zusammen wie ein Embryo. Sein Atem geht pfeifend und sie streichelt ihm über die Stirn. Nach einer Weile, in der sie ruhig dagesessen und diesen Fremden wie ein neugeborenes Baby zwischen ihren Beinen liegen hat, merkt sie, dass sich etwas verändert hat. Sie dreht sich zur Seite, um in sein Gesicht sehen zu können, und sieht in das Gesicht des Todes. Sie weiß, wie jemand aussieht der stirbt. Sie streckt sich aus, legt sich neben ihn und hält ihn bis sein Atem aufhört und länger noch ganz fest in ihren Armen.

Dann löst sie sich sanft von ihm, steht auf und sieht auf den Fremden hinunter. Sein Gesicht ist gelöst und entspannt, als ob er ganz friedlich schlafen würde. Sie steht auf und geht langsam und versonnen ins Wasser, dreht sich nicht mehr um. Sie beginnt, wie schon am Abend, um die Insel herumzuschwimmen, diesmal aber noch ein Stück weiter, um nicht ans Ufer zu kommen, an dem noch einige Menschen sitzen. Sie steigt hinter dem Gebüsch, unter dessen Schutz die Kinder liegen vorsichtig und leise aus dem Wasser, geht nach vorne zum Tisch, hüllt sich in ihr Tuch und nimmt sich eine noch halbvolle Sektflasche.

Sie setzt sich in einiger Entfernung von den Menschen, die noch leise plaudern, ans Ufer und sieht zur Insel hinüber, während sie einen großen Schluck aus der Flasche nimmt.  Es war schön mit dir, denkt sie, und so ist es wahrscheinlich am besten für uns alle.

(Juni 1998)

 

Umbruchszeiten

Geschrieben im November 2012

 

Es lässt sich nicht mehr Leugnen

Neue Zeiten brechen an

Brechen an und um

 

Schaut euch um

Hört hin

Es raschelt im Keller

Nicht nur

Aber immer wieder

Kommen die Neuen

Und versuchen

Auf ihre Weise

Zu leben

Wozu?

Fragen sie

Die Satten und Müden

Wozu?

Fragen sie

Die Mächtigen und Reichen

Wozu?

Uns geht’s doch gut

Seid still

Erhebt euch nicht

Das Rascheln soll ein Ende haben

Fallen werden aufgestellt

Im Keller

Drohungen werden ausgestoßen

Doch

Das Rascheln wird mehr und mehr

 

Es raschelt gewaltig

Im Keller

 

Es lässt sich nicht mehr Leugnen

Neue Zeiten brechen an

Brechen an und um

28.11.2012

Triest-Impressionen

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Zurück aus Triest – der schönen und ambivalenten Stadt. Eine Stadt zwischen gestern und heute. „Triest ist eine Abstellkammer der Zeit“, sagt der berühmte Dichter der Stadt, Claudio Magris. Mitgebracht habe ich – außer dem Duft des Südens – eine Erzählung, Gedichte und Notizen.

Auf der Mole

Oder – Vom unendlichen Schauen – so könnte es auch heißen.

 

Jeden Abend sitze ich gute zwei Stunden oder mehr auf der Mole und schaue.

Ins Meer, den sich verändernden Himmel und die Sonne.

Wie habe ich mich gefreut, dass es da noch andere gibt, die ebenfalls sitzen und warten – auf den Sonnenuntergang. Nicht zu viele. Das wäre auch wieder störend, wenn da plötzlich Massen auftauchen würden. Aber doch einige – eine Hand voll. Wir alle halten unsere Smartphones in der Hand. Ein Fotoapparat ist ja schon fast ein Anachronismus. Obwohl man ihn hin und wieder noch sieht. Misstrauisch beäugt – hauptsächlich von sehr jungen Menschen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was das ist.

Also – Smartphone. Ich halte es auch in der Hand. Aber die – die anderen – schauen darauf. Unentwegt. Nur manchmal machen sie einen Blick darüber hinaus um zu sehen, wie weit sie denn ist – die Sonne, mit dem Untergehen. Und ich denke mir, vielleicht schau ich die ganze Zeit umsonst. Vielleicht gibt es den ultimativen Augenblick der alle Augenblicke inkludiert. Vielleicht wissen die das. Und ich nicht. Ich hätte sie fragen sollen.

Dann gibt es noch die Fischer. Nicht viele. Nicht mehr als fünf. Die schauen auch. Aufs Wasser. Auf die Angel. Die sitzen noch länger als ich. Manchmal heben sie die Angel und werfen sie gleich wieder aus. Gekonnt. Sehr gekonnt. Man sieht, die machen das sehr oft. Aber es nutzt nichts. Ich habe nur einmal einen Fisch gesehen. Wenn man das kleine Ding schon als Fisch bezeichnen kann. Aber – bewundernswert – das viele ruhige Schauen.

Und hie und da ein junges Pärchen. Die schauen auch. Sich an. Aber auf den Sonnenuntergang warten sie auch. Damals mit M., haben wir das auch gemacht. Unser tägliches Abendritual. Eine Flasche Rotwein. Und die Hände nicht voneinander lassen können. Nein, ich war keine 18. Ich war 38, und er 24. Nein, keine kurze Sommerliebe. Eine Liebe, die in einem sonnigen Herbst begonnen und lange, wunderbare Jahre gedauert hat. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte. Die Weite lädt ein zum Träumen.

Und dann – die Touristen. Gott sei Dank nicht viele. Denn bei der Mole gibt es vorne einen Schranken. Und da trauen sie sich nicht vorbei. Könnte ja verboten sein. Ich sehe sie immer wieder beratschlagen. Sollen wir oder sollen wir nicht. Und meistens – wie gesagt Gott sei Dank – gehen sie dieses enorme Risiko dann doch nicht ein. Und die wenigen, die sich trauen, ziehen eine Runde. Machen ihre Fotos und ziehen weiter. Darauf zu warten bis die Sonne untergeht, dauert dann doch zu lange. Das Abendessen ruft.

Und ich sitze und schaue und sauge jeden Augenblick auf. Mit jeder Zelle meines Körpers.

Ich lausche dem Meer. Dem Schlagen der Wellen gegen die alten Steinmauern. Hie und da ein Spritzer auf der Haut – nass, kühl, salzig.

Ich rieche das Meer. Ja, wie riecht es? Nach Salz und Seetang, nach Muschelkalk und Fisch; feucht, warm, angenehm. Aber vor allem riecht es nach unendlicher Weite, Freiheit und Abenteuer. Ja, so riecht das Meer. Für mich.

Ich sehe wie sich die Farben der Wellen verändern mit dem Sonnenstand. Von blau/weiß/grell glitzernd, über ein tiefdunkles rot/golden, bis zu rosafarben/hellblau.

Die Luft fühlt sich weich an auf meiner Haut.

Der Duft des Südens in meiner Nase.

Meine Augen suchen immer wieder die schmale Linie des Horizonts.

Die unendliche Sehnsucht in mir – ein endloses Träumen ohne Grenzen.

Hier finde ich es. Fast. Grenzenlos.

Und über allem der Schrei der Möven