Echeyde (Teide)

 

010

Die Guanchen, Ureinwohner von Teneriffa, nannten den Vulkan „Echeyde“, Wohnsitz des Dämonengottes „Guayota“.

 

Echeyde

 

Vor Urzeiten

begegneten sich

Poseidon und Guayota

zwei Kräfte trafen

aufeinander

gewaltig

 

Meer schäumte auf

brodelndes Wasser

Lavaströme

ergossen sich

Stein erkaltete

wurde zu Land

 

Ein Treffen

der Giganten

wie könnte es

anders sein

 

Land und Meer

haben sich

angefreundet

spielen miteinander

nur

 

von Zeit zu Zeit

zeigen sie ihre Kräfte

donnern und tosen

Wellen ans Land

die Vulkanspitze

glüht

 

Der 3.718 m hohe Teide, ein aktiver Vulkan, ist die höchste Erhebung auf der kanarischen Insel und auch der höchste Berg auf spanischem Staatsgebiet. Es heißt – er breche alle 100 Jahre einmal aus. Der letzte Ausbruch war 1909 …

Teneriffa, 08 05 2019

 

044

Das Geheimnis des Berges

010

Im Mai war ich für vier Wochen auf Teneriffa. Dies ist die Erzählung einer Wanderung auf einen Berg des Anagagebirges an der Küste von Bajamar.

 

Als ich an diesem frühen Morgen zu meinem täglichen Spaziergang aufbreche, weiß ich noch nicht, dass ich dem Ruf des Berges folgen werde.

Es gibt Berge, die rufen mich zu sich, genau so wie es Bäume gibt, die mich rufen. Wir können sie hören, wenn wir ganz still werden und unsere Gedanken schweigen.

Dann, und nur dann – können wir sie hören.

Das Meer braucht mich nicht zu rufen. Es ist immer in mir. Vielleicht sollte ich sagen, ich bin Teil davon. Ein Teil des Meeres. Das ist schön. Das gefällt mir.

Zwei starke Kräfte. Urgewalten. Die Berge und das Meer. Wenn sie sich beide nahe sind, so wie auf dieser Insel, ist es ein Geschenk der Götter. Doch so wie jedes Geschenk der Götter kann es auch gefährlich sein. Dann, wenn dieses Geschenk eigentlich ein Spiel für sie ist und  ihr dröhnendes Gelächter ertönt, wenn wir dieses Spiel verlieren. Sind wir Menschen doch nur ein kurzes Zwischenspiel in der Welt der Götter, der Berge und des Meeres. Nicht mehr als ein Wimpernschlag – vielleicht.

Der Berg ist ein Teil des Anagagebirges und ich kenne seinen Menschennamen nicht, der auch belanglos ist. Später wird er mir seinen eigenen Namen nennen. Heute, an diesem Morgen, hat er sich, wie so oft, und wie die Berge um ihn, in dicke Wolkenhauben gehüllt. Tief sinken sie herab in Wolkengespinsten, und feine Tröpfchen, kaum spürbar, benetzen mein Gesicht.

Ich gehe durch den kleinen Ort und betrete eine schmale Straße, die steil bergauf führt und bei den letzten Häusern endet. Links tanzen Gräser im Wind; rechts fügt sich Stein an Stein in einer alten Steinmauer. Grauer Stein wechselt ab mit dunklem Lavagestein. Aus den Ritzen drängen sich an langen, dicken Stielen Kaktusse. Palmen stehen auch hier oben auf dem Berg. Doch nicht die leichtfüßigen, hohen schlanken Palmen des Meeres. Die hier sind kleinwüchsig und stämmig, haben dichte grüne Wedel.

Auf halber Höhe des Berghanges links von mir sehe ich eine Wohnhöhle im Lavagestein. Auf einer kleinen, ebenen Fläche davor ein Hühnerstall. Ein Hahn kräht. Ein alter Mann füttert die Hühner, bleibt stehen und schaut aufs Meer. Lange Zeit stehen wir beide so und schauen aufs Meer. Jeder auf einem anderen Berg. Jeder für sich.

 

Von oben, dem höchsten Punkt meiner Wanderung, weit entfernt vom Gipfel noch, verliert sich mein Blick in der Weite des Meeres, begrenzt durch die Linie des Horizonts.

Wenn ich mich wieder umdrehe und nach oben zum Berg schaue – es ganz still wird in mir und ich lausche, beginnt er zu sprechen. Er erzählt mir über die Jahrmillionen seines Seins. So genau kann er sich nicht mehr erinnern an seine Geburt – sind es 7 oder 9 Millionen – als er durch einen Lavastrom aus einem Vulkan geboren wurde. Er erzählt mir über die Mythen und Sagen, die sich Menschen über ihn erzählen. Und auch über seine Einsamkeit. Doch – sagt er, ist ihm diese Einsamkeit lieber, als die immer mehr zunehmenden Menschenmassen, die sich täglich auf seinen Bruder, den Teide, drängen. Nein, sagt er, da bleibe er lieber alleine.

Gerne würde ich ihm noch näher kommen, ganz nach oben steigen, doch der schmale Pfad, den ich bis jetzt gegangen bin, verliert sich langsam im Nebel. Es ist kein Wanderweg. Ich bin einfach losgegangen. Habe mich von seinem Ruf leiten lassen. Niemand weiß, wo ich bin. Das Grün der Flechten und Moose, Sträucher, die ich nicht kenne, schließen sich um mich. Meine Kräfte sind begrenzt, meine Vernunft setzt ein. Aus mit der Gedankenlosigkeit. Ich verliere zunehmend den Kontakt zu ihm und nehme Abschied.

Was ich ihm geantwortet habe auf seinen Ruf und was ich ihm erzählt habe, bleibt unser Geheimnis.

Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war.

Ich, in meiner Endlichkeit stehe staunend und mit Ehrfurcht auf diesem Zeitlosen. Und wenn ich mich umdrehe, begegnen sich dort unten am Fuße des Berges, die zwei mächtigen Zeitlosen – der Berg und das Meer.

Tag für Tag, Nacht für Nacht, schlagen die Wellen des Meeres an den Stein des Berges.

Ein Handschlag? Eine Machtprobe?

Wer weiß das schon …

019

Das größte Glück des Reisens für mich sind stets die Momente der vollkommenen Stille und Einsamkeit – dann, wenn die Berge, die Bäume, das Meer, das Land, mir ihre Geschichten erzählen …

(Teneriffa, 19 05 2019)

Tänzelnde Blätter

Olivenzweig

Herbst im Garten: Die verbliebenen Blätter am Nussbaum tänzeln – sie drehen und wenden sich an ihren langen Stängeln.

Und ich erinnere mich mit einem Lächeln und einer leisen Sehnsucht im Herzen an das Tänzeln – den silbrigen Glanz der Blätter der Olivenbäume in der Toskana, wenn sie sich im Windhauch bewegen.

 

Triest-Impressionen

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Zurück aus Triest – der schönen und ambivalenten Stadt. Eine Stadt zwischen gestern und heute. „Triest ist eine Abstellkammer der Zeit“, sagt der berühmte Dichter der Stadt, Claudio Magris. Mitgebracht habe ich – außer dem Duft des Südens – eine Erzählung, Gedichte und Notizen.

Auf der Mole

Oder – Vom unendlichen Schauen – so könnte es auch heißen.

 

Jeden Abend sitze ich gute zwei Stunden oder mehr auf der Mole und schaue.

Ins Meer, den sich verändernden Himmel und die Sonne.

Wie habe ich mich gefreut, dass es da noch andere gibt, die ebenfalls sitzen und warten – auf den Sonnenuntergang. Nicht zu viele. Das wäre auch wieder störend, wenn da plötzlich Massen auftauchen würden. Aber doch einige – eine Hand voll. Wir alle halten unsere Smartphones in der Hand. Ein Fotoapparat ist ja schon fast ein Anachronismus. Obwohl man ihn hin und wieder noch sieht. Misstrauisch beäugt – hauptsächlich von sehr jungen Menschen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was das ist.

Also – Smartphone. Ich halte es auch in der Hand. Aber die – die anderen – schauen darauf. Unentwegt. Nur manchmal machen sie einen Blick darüber hinaus um zu sehen, wie weit sie denn ist – die Sonne, mit dem Untergehen. Und ich denke mir, vielleicht schau ich die ganze Zeit umsonst. Vielleicht gibt es den ultimativen Augenblick der alle Augenblicke inkludiert. Vielleicht wissen die das. Und ich nicht. Ich hätte sie fragen sollen.

Dann gibt es noch die Fischer. Nicht viele. Nicht mehr als fünf. Die schauen auch. Aufs Wasser. Auf die Angel. Die sitzen noch länger als ich. Manchmal heben sie die Angel und werfen sie gleich wieder aus. Gekonnt. Sehr gekonnt. Man sieht, die machen das sehr oft. Aber es nutzt nichts. Ich habe nur einmal einen Fisch gesehen. Wenn man das kleine Ding schon als Fisch bezeichnen kann. Aber – bewundernswert – das viele ruhige Schauen.

Und hie und da ein junges Pärchen. Die schauen auch. Sich an. Aber auf den Sonnenuntergang warten sie auch. Damals mit M., haben wir das auch gemacht. Unser tägliches Abendritual. Eine Flasche Rotwein. Und die Hände nicht voneinander lassen können. Nein, ich war keine 18. Ich war 38, und er 24. Nein, keine kurze Sommerliebe. Eine Liebe, die in einem sonnigen Herbst begonnen und lange, wunderbare Jahre gedauert hat. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte. Die Weite lädt ein zum Träumen.

Und dann – die Touristen. Gott sei Dank nicht viele. Denn bei der Mole gibt es vorne einen Schranken. Und da trauen sie sich nicht vorbei. Könnte ja verboten sein. Ich sehe sie immer wieder beratschlagen. Sollen wir oder sollen wir nicht. Und meistens – wie gesagt Gott sei Dank – gehen sie dieses enorme Risiko dann doch nicht ein. Und die wenigen, die sich trauen, ziehen eine Runde. Machen ihre Fotos und ziehen weiter. Darauf zu warten bis die Sonne untergeht, dauert dann doch zu lange. Das Abendessen ruft.

Und ich sitze und schaue und sauge jeden Augenblick auf. Mit jeder Zelle meines Körpers.

Ich lausche dem Meer. Dem Schlagen der Wellen gegen die alten Steinmauern. Hie und da ein Spritzer auf der Haut – nass, kühl, salzig.

Ich rieche das Meer. Ja, wie riecht es? Nach Salz und Seetang, nach Muschelkalk und Fisch; feucht, warm, angenehm. Aber vor allem riecht es nach unendlicher Weite, Freiheit und Abenteuer. Ja, so riecht das Meer. Für mich.

Ich sehe wie sich die Farben der Wellen verändern mit dem Sonnenstand. Von blau/weiß/grell glitzernd, über ein tiefdunkles rot/golden, bis zu rosafarben/hellblau.

Die Luft fühlt sich weich an auf meiner Haut.

Der Duft des Südens in meiner Nase.

Meine Augen suchen immer wieder die schmale Linie des Horizonts.

Die unendliche Sehnsucht in mir – ein endloses Träumen ohne Grenzen.

Hier finde ich es. Fast. Grenzenlos.

Und über allem der Schrei der Möven