Mein geheimer Garten

15 08 2019 Uschys Foto

Bild, gemalt von Uschy Pip: https://www.facebook.com/uschypip/

 

Ich bin ein Gartenkind.

Der Garten nährt mich.

Er trägt mich durchs Leben.

Von Kindheit an.

In meinem geheimen Garten bin ich verwurzelt.

Immer.

Meine Großeltern haben 1936 ein Grundstück gekauft und in den nächsten zwei Jahren darauf ein Haus gebaut. Gemeinsam mit dem Nachbar. Zwei Einfamilienhäuser wurden jeweils zusammengebaut, die Grenze des Grundstückes liegt in der Mitte. So wurden alle Häuser in dieser Siedlung damals gebaut. Mein Großvater musste in den Krieg. Meine Großmutter versorgte sich und ihre drei Kinder mit dem großen Gartengrundstück. Es war ein Nutzgarten, so wie alle Gärten in dieser entbehrungsreichen Zeit: Kartoffel, Gemüse, Obstbäume und verschiedenste Beerensträucher gab es. Alles wurde verwendet. Kartoffel und Gemüse für den täglichen Bedarf; das Wintergemüse wurde im Keller in einer Lehmmulde eingelagert. Obst und Beeren wurden zu Marmeladen und Kompott verarbeitet.

Als ich geboren wurde, waren die Bäume bereits so groß, dass ich mit fünf Jahren mit meiner Puppe Lisa und einem Märchenbuch in der Astgabel des Apfelbaumes sitzen konnte. Mit fünf Jahren bekam ich auch mein erstes Gartenbeet, das ich anlegen durfte und für das ich auch verantwortlich war. Ich war sehr stolz.

Ich erlebte und lebte jede Jahreszeit im Garten.

Ein Gartenkind.

Auszug aus der Erzählung: Das Gartenkind.

„Der Apfelbaum steht in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens. Wenn man vom Haus nach hinten in den Garten geht, kommt man erst durch den Gemüsegarten, dann über die Wiese mit dem Wäscheplatz und dem Viereck der Wäschestangen und ganz hinten steht der Apfelbaum.

Er ist nicht der einzige Apfelbaum im Garten. Aber er ist mir der Liebste. Linkerhand begrenzt eine Liguster-Hecke das Grundstück. Dahinter der verbotene Nachbars-Garten.

Rechts neben dem Apfelbaum gibt es noch einen Baum mit Ringlotten, zwei Zwetschkenbäume und entlang der gegenüberliegenden Grundstücksgrenze stehen in einer schnurgeraden Reihe Ribisel- und Stachelbeersträucher.

Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon. …. „

Meine Großmutter, geb. 1909, und meine Mutter, geb. 1929, waren schwermütige Frauen. Dass sie in ihrer Jugend auch lustig waren, weiß ich aus Erzählungen. Doch leichten Mutes und leichtfüßig gingen sie mit all ihren Erlebnissen der damaligen Zeit nicht durchs Leben.

Meine Großmutter kam in einem Dorf, in der Nähe von Gmünd an der tschechischen Grenze,  zur Welt. Die Welt ist rau und hart dort oben. Dort lebt sich’s nicht leicht. Und so wie das Land, waren auch die Menschen. Großvater kam nicht zurück aus dem Krieg. Großmutter wurde zur Patriarchin. Sie konnte und musste auch wie Waldviertler Granit sein – war sie doch eine der Nachkriegstrümmerfrauen.

Meine Mutter pflegte zu sagen – „wenn ich den Kirchturm (unseres Stadtteils) nicht mehr sehe, bekomme ich Heimweh“. Beide Frauen waren sehr verwurzelt auf dem Grundstück. Zwischen den realen Garten und ihren inneren Garten passte kein Blatt Papier.

Nun war ich da, geb. 1950. Auch ich war sehr verwurzelt im Garten meiner Kindheit. Und auch ich wurde schwermütig. Ich musste meine Wurzeln rausziehen aus diesem Garten und hinausziehen in die Welt, die für Großmutter und Mutter immer ein gefährlicher Ort war. Nur zu Hause gab es Sicherheit für sie.

Ich musste weg um leichtfüßig zu werden. Um auch mit Leichtigkeit durchs Leben gehen zu können. Obwohl die Schwermut – ich bezeichne sie gerne als meine Melancholie – immer ein Teil meines Lebens blieb. Doch ich kenne beides – Leichtigkeit und Schwere.

Den realen Garten meiner Kindheit gibt es noch immer. Eine andere Familie, liebe Nachbarn,  leben jetzt darin. Und wieder gibt es ein kleines Mädchen, das vielleicht auch irgendwann in der Astgabel sitzen wird. Mein realer Garten ist seit drei Jahren der Garten meines Sohnes, in dem ich mir meinen Alterswohnsitz – ein kleines Häuschen – gebaut habe. Das Haus steht nun gegenüber meinem Elternhaus. Jeden Tag kann ich in den Garten meiner Kindheit schauen. Und jeden Tag bin ich seit drei Jahren damit beschäftigt, mich wieder für einen längeren Zeitraum – hier in diesem Garten, mit dem mächtigen Nussbaum vor meiner Terrasse – einzuwurzeln.

Der alte Nussbaum

weiß

wovon ich erzähle

 

Sein Schweigen

ist Antwort

 

Manchmal

schüttelt

er sein Haupt

 

Dann schwebt

ein Blatt

auf meine Zeilen

(Oktober  2016)

In all den Jahren meines Herumziehens vergrößerte sich mein innerer geheimer Garten mit all den Gärten in denen ich über kurze oder lange Zeit gelebt habe.

Da gab es den Schwiegermuttergarten, als ich heiratete und aus meinem Kindheitsgarten auszog. Dann gab es in Wien den Liebesgarten, ein kleines verschwiegenes und uneinsichtiges Eckchen im barocken Garten des Oberen Belvederes, in den mein damaliger Liebster und ich uns immer zurückzogen; es gab Gärten in Innenhöfen meiner Wohnungen in Wien, die ich benutzen durfte; den Gemüsegarten in Poppi, in der Toskana, den ich anlegte, als wir über Wochen das alte Steinhaus am Hügel renovierten, um ein Seminarhaus daraus zu machen. Und alle diese Gärten und noch mehr gibt es in meinem geheimen Garten. Sie sind da. Ich brauche nur die jeweilige Gartentür zu öffnen und kann sie jederzeit betreten. Um all diese Gartenbereiche gibt es eine hohe Steinmauer – eine Schutzmauer.

Ein geheimer Garten fehlt noch. Es ist der mediterrane Garten am Meer. Er repräsentiert die „Leichtigkeit des Südens“ – ich muss ihn immer wieder besuchen, um die Leichtigkeit zu spüren, sie mir wieder herzuholen, um nicht in den weichen, dunklen Fluten der Melancholie zu versinken.

Ich liebe die Melancholie und ich liebe die Leichtigkeit.

Beides zu seiner Zeit in Ausgewogenheit.

Der mediterrane Garten, der unmittelbar am Meeresufer liegt, mit dunkelgrünen Zypressen vor dem strahlend blauen Himmel; mit Oleander, Granatapfel und Olivenbaum; Palmen, deren Wedel im Wind rascheln; der Duft des Lavendel und der Klang der Zikaden.

Und über allem das Rauschen des Meeres, das Schlagen der Wellen an das Ufer; der Duft nach Salz, Algen und Fisch.

Wenn der Abend

im Meer versinkt

verlieren sich die Farben

der Stadt

 

Wenn ich wieder fern

sein werde

erinnere ich mich

an den Sonnenuntergang

den Mond

den Schrei der Möven

 

Meer und Himmel

begegnen sich

am Horizont

 

Wenn ich einst

für immer fern sein werde

tauche ich ein

in diese Grenzenlosigkeit

 

(Mai 2017)

Mein geheimer Garten schenkt mir Spuren meines Lebens – Erinnerungen; Geborgenheit und Sicherheit; Stille und Ruhe; Fröhlichkeit und Leichtigkeit; Liebe und Lust; Kontakt mit Pflanzen und Tieren; Wildheit; Schönheit und noch viel mehr – je nachdem, welche Gartentür ich öffne.

In jedem meiner geheimen Gärten den ich betrete, finde ich meine Spuren.

Und ich frage mich, ob sich wohl auch die Gärten – die Bäume und Pflanzen – an mich erinnern – in geheimen Nächten, wenn mein Schatten durch den Garten schwebt …

Info:

Bild, gemalt von:

Uschy Pip, https://www.facebook.com/uschypip/

 

Weitere Gärtenerzählungen:

Meine Lebensgärten

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/08/03/meine-lebensgaerten/

Das Gartenkind

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

Die Einsamkeit der Bäume

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

Vollmondiges

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/15/vollmondiges/

 

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Nachdenklichkeiten über unseren Stadtteil, Veränderungen, Ängste, Zugezogene, Kastensysteme …

001

Ich wuchs im Stadtteil Wagram in St. Pölten auf und lebe jetzt auch wieder dort. Gegründet wurde dieser als Einfamlienhaussiedlung 1932 – 1938.

In meiner frühesten Kindheit gab es keine Gartenzäune zwischen den Häusern, und zur Straße hin eine Lebendhecke – zumeist Liguster. Die Haustüren waren immer offen.

Mit der Zeit kamen einfache Gitterzäune zwischen die Häuser, die Haustüren waren noch immer offen, auch wenn wir hinter dem Haus im Garten waren.

Dann wurden vor den Gitterzäunen zum Nachbarn Thujen gesetzt. Der Liguster zur Straße wurde entfernt, und auch hier wurden stabilere Zäune gebaut. Unser Zaun wurde mit einem  Natursteinplattensockel und einem Metallgitter gebaut. Die Gartentüren wurden zugesperrt, die Haustüren blieben noch immer offen. Das blieb lange Zeit so.

In den letzten Jahren kamen die Thujen raus und Sichtschutzwände zum Nachbarn wurden aufgestellt. Fenster wurden zum Teil vergittert. Die Haustüren werden zugesperrt. 

Jetzt werden auch straßenseitig Sichtschutzwände aufgestellt und Alarmanlagen eingebaut.

Obwohl die Menschen in den ersten Jahren der Nachkriegszeit traumatisiert waren, es auch viel Unsicherheit gab, gab es doch auch Vertrauen. Oder gab es diese Unbeschwertheit der offenen Türen, weil es in den Häusern nichts zu holen gab? Vielleicht von beidem etwas.

Jetzt wird in den Häusern immer wieder eingebrochen, erzählen sie, und die Menschen reagieren mit Angst und Verunsicherung. Gibt es doch jetzt einiges zu holen in den Häusern.

Die Menschen in der Siedlung teilen sich auf in die Generation meiner Mutter, geb. 1929 – wenige gibt es noch im Alter um die 90 Jahre. Dann folgt bereits meine Generation, geb. 1950 – zum Großteil sind sie nie von der Siedlung weggezogen und haben die Häuser ihrer Eltern übernommen, oder sie sind im Pensionsalter zurückgekommen, so wie ich auch. Und dann gibt es noch die Zugezogenen aller Altersstufen – junge Paare mit Kindern oder Pensionisten. Ist Wagram doch von einer Randsiedlung zu einem begehrten Wohnstadtteil von St. Pölten geworden – auch durch die Nähe zu dem Erholungsgebiet mit den zwei Badeseen und einem Naturschutzsee. Über die Zugezogenen, die die alten Häuser abreißen und Neue bauen, gibt es größtenteils Unmut. Müssen diese sich doch heute nicht mehr an die ehemaligen Bauvorschriften, dass neue Häuser in das Gesamtbild passen müssen, halten und stellen auch schon mal Betonburgen mit großen Terrassen im ersten Stock auf. Da hilft der ganze Sichtschutz des Nachbarn am Gartenzaun nichts mehr.

Wenn ich mit Menschen spreche, höre ich sehr viel an Ängsten. Angst vor Einbrüchen und vor Flüchtlingen und Asylanten, an die wenige Häuser vermietet werden. Bis jetzt kenne ich nur zwei Häuser, die an syrische Familien vermietet wurden. Sie pflegen diese Häuser und die Gärten genauso penibel wie ihre Nachbarn. Da sieht unser Garten wesentlich wilder aus. Zu Gesicht bekam ich sie selten. Sie fühlen sich nicht willkommen.

Als ich die Familie, die in unserer Straße wohnt, zum ersten Mal grüßte, waren sie misstrauisch, vorsichtig. Jetzt stürzen sie aus dem Haus, wenn sie mich sehen. Sie lachen und strahlen. Schön, welche Freude das macht – ihnen und mir.

Bei Mitbürger*innen aus dem Ausland muss ich immer an das Kastensystem in Indien denken. Denn auch hier, bei uns, gibt es ein Kastensystem. Und unsere Mitbürger*innen, aus welchem Land auch immer, sind eindeutig in der untersten Kaste – den Dalits oder Harijans. Diese Dalits dürfen mit den oberen Kasten nicht in Berührung kommen, sie dürfen nicht in ihre Häuser, nicht gemeinsam essen, nichts berühren, was den oberen Kasten gehört. Das ist erbärmlich – zum Erbarmen.

Wenn ich über das Kastensystem nachdenke erinnere ich mich an meine erste große Liebe. Er stammte aus dem „Dörfl“. In unserem Stadtteil gibt es einen Bereich, der offiziell „Im Dörfl“ heißt. Auch heute noch. In diesem Dörfl gab es sieben Bauernhöfe. Heute sind es nur mehr drei. Meine erste große Liebe, mein späterer erste Ehemann, stammte aus einem dieser Bauernhöfe. Er wurde kein Bauer, er machte eine Tischlerausbildung. Ich kam aus der Arbeitersiedlung. In meiner Familie waren auch keine Arbeiter mehr, sondern Angestellte. Und trotzdem hieß es von seiner Familie – nicht mit einem Arbeiterkind; und von meinen Eltern – nicht mit einem Bauernbuben. Klassenbewusstsein im Jahre 1965.

Zurück in die Jetzt-Zeit: Mit den Einbrüchen scheint es mir so zu sein wie mit der stillen Post. Mit jeder Person und jeder Nacherzählung werden es mehr.

Die Häuser sind zum Großteil renoviert und ausgebaut. Die Garagen sind in etwa so groß wie mein kleines Häuschen (ich habe mir im Garten meines Sohnes ein kleines Haus gebaut). Es gibt Gartenschwimmteiche oder überdachte Pool. Ich sehe, den Menschen geht es gut. Auf der materiellen Ebene. Ansonsten herrschen Unzufriedenheit und Ängste vor. Wenn ich auf Nachfrage sage, dass es mir gut gehe, schauen sie mich ungläubig an. Wie kann es einem gut gehen in so unsicheren Zeiten. Zumindest ein bisschen jammern und klagen. Zumindest über das Wetter. So soll’s sein.

Angst habe ich keine. Verunsicherung ja. Das merke ich so hie und da, wenn ich mir überlege ob ich meine Haustür versperren soll, wenn ich in den Garten hinter dem Haus gehe. Und es gefällt mir gar nicht. Nein, es gefällt mir nicht. Nimmt mir dies doch meine Unbeschwertheit – meine Freiheit.

Ich möchte weiterhin mit Unbeschwertheit in der Welt sein – ob in meinem Haus und Garten oder unterwegs – und ich übe. Verlustangst um mein Hab und Gut habe ich keine, habe ich mich doch in den letzten Jahren von vielen materiellen Dingen getrennt. Und ich weiß, ich kann auch ohne diesen Besitz leben. Angst vor Verlust meines Lebens, weil ich mich weiter uneingeschränkt in der Welt bewege? Nun, ich habe schon viel gute Jahre gelebt. Sollte es so sein, dass ich mein Leben verliere, dann ist es so.

Und nur so kann ich mich angstfrei, unbeschwert und voll Vertrauen in meiner Welt bewegen.

Wie geschrieben – ich übe. Dies ist ein Zustand, der nicht immer hundertprozentig da bleibt. Um ihn zu stabilisieren ist es immer wieder notwendig, nicht andauernd alle schlechten Nachrichten zu konsumieren, sondern sich auf die guten Nachrichten zu konzentrieren.

Und – Achtsamkeit auf die eigenen Gedanken und das eigene Tun.

Geschichte über die Entstehung:

In den Jahren 1932 bis 1938 entstand am Ostrand Wagrams in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde und der bis heute bestehenden „Allgemeinen gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft St. Pölten“ nach Plänen des Architekten Rudolf Wondracek die sogenannte (Stadt-)Randsieldung. Meine Großeltern begannen 1936 mit dem Hausbau.

Ab Oktober 1935 als „Dollfuß-Siedlung“ bezeichnet, wurde sie nach dem Anschluss 1938 in Dietrich-Eckhart-Siedlung „umbenannt.

Schließlich erhielt die Siedlung in der Nachkriegeszeit die Benennung „Hubert Schnofl-Siedlung“ – zur Erinnerung an den von 1919 bis 1933 amtierenden sozialdemokratischen St. Pöltner Bürgermeister.

Foto: Häuser 1935

 

 

Erinnerungs – Wintergeschichte

Eisblumen

Ich erinnere mich …

Als wäre es jetzt – Eisblumen am Fenster! Sie wachsen von unten nach oben und ich stehe staunend davor.

Welche Freude! Im Zimmer bullert das Feuer im Sägespäneofen. Er ist glühend rot und gleich wird Großmutter die Ofentür schließen. Im Ofen knackt das Holz und es riecht würzig nach Sägespänen, Holz und Harz. Das Fenster ist fast zugewachsen mit Farnen und Blumen aus Eis. Nur in der Mitte ist noch ein Kreis, durch den der Vollmond ins Zimmer scheint. Ich sehe den weiß bekleideten Apfelbaum.

Mein Schlafanzug liegt neben dem warmen Ofen. „Schlafenszeit“, sagt meine Großmutter und hat das Märchenbuch in der Hand.

(1954)

 

Eine Erinnerungs-Wintergeschichte aus meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Erhältlich als Hardcover, Taschenbuch und Ebook in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

Der Baum und die Wolke

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

Monika Chandana Krampl

Amsel 2Amseln im Kleid der Totengräber hoppeln und hupfen mit komplizierten Pirouetten über die  Obstgartenwiese. Weiße Blütensterne der Gänseblümchen blitzen im grün und braun der Wiese. Mit ihren gelben Schnäbeln sammeln die Amseln die letzten Äpfel und Nüsse.

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

(M.K. 2017)

Der Baum und die Wolke

Ein Baum geht umher im Regen,

eilt an uns vorbei im strömenden Grau.

Er hat ein Anliegen. Er holt Leben aus dem Regen

wie eine Amsel in einem Obstgarten.

Als der Regen aufhört, bleibt der Baum stehn.

Aufrecht, still erscheint er in klaren Nächten

Wie wir in Erwartung des Augenblicks,

da die Schneeflocken ausschlagen im Raum.

Tomas Tranströmer: In meinem Schatten werde ich getragen.

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Plaudereien aus dem Spinnkästchen

Ich liebe Spinnen.

Und ich frage mich, wird vielleicht deshalb – aus meiner Liebe zu den Spinnen – mein Haus eingesponnen? Innen und außen weben sie unaufhörlich und unermüdlich ihre Netze.

Zwei Große Zitterspinnen (fälschlicherweise oft als Weberknecht bezeichnet) sitzen seit Wochen an meiner Zimmerdecke. Regungslos. Leben sie noch? – fragte ich mich. Sah ich sie doch immer am gleichen Platz, so dass ich vorsichtig den Besen balancierend bis auf wenige Zentimeter in ihre Nähe kam, und sie schnellstens auf ihren langen Spinnenbeinen in die Ecke verschwanden. Aha, sie leben! Und wie sie leben! Sie weben ihre Netze nicht nur an den Zimmerdecken, sie weben meine Bilder ein, den CD-Ständer und alles, was ihrer Meinung nach eingenetzt gehört.

Hauswinkelspinnen habe ich wenige, da sie dunklere und feuchte Orte lieben, und von denen gibt es wenige in meinem Haus. In einer Ecke des Badezimmers, versteckt hinter einem Regal, habe ich eine entdeckt, und ich lasse dort in Ruhe. Manchesmal beim Duschen wird das Netz etwas nass und die glitzernden Wassertropfen machen die ganze Schönheit des Netzes sichtbar. Vergleichbar mit den diamantfunkelnden Nebeltropfen auf einem Spinnennetz beim Sonnenaufgang.

Und nun zu meiner Lieblingsspinne – der Gartenkreuzspinne. Sie legt mit zunehmendem Alter ihr Fangnetz hauptsächlich in den Nächten an. Ihre großen, akkuraten und imposanten Radnetze sind unübersehbar. Besonders im so genannten „Altweibersommer“. Der Begriff „Altweibersommer“ bezieht sich jedoch nicht, wie die meisten annehmen, auf ältere Frauen, sondern er stammt aus der germanischen Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. Die im Sonnenlicht glänzenden Fäden sehen aus wie silbergraue Haare. Es heißt, es seien Lebensfäden, die den Schicksalsgöttinnen verloren gegangen seien. Es gibt viele Geschichten um den „Altweibersommer“.

Wenn ich am Haus vorbei und durch den Garten gehe, freue ich mich über diese Lebensfäden der Göttinnen, die sich in meinem Haar verfangen. Sollen doch jene Menschen, an denen die Fäden hängen bleiben, stets Glück haben.

Ob es nun Spinnfäden der Gartenkreuzspinne sind, oder die Spinnfäden der fliegenden Spinnen – auch „Seiden-Floß“ genannt, weil sie damit hunderte von Kilometer weit durch die Luft fliegen, ist egal. Die Spinnenetze sind überall – an Gräsern, Büschen, Zäunen und am Haus.

Eine der Gartenkreuzspinnen hat den Außenspiegel von unserem Auto dazu erkoren, ihn mit ihrem Spinnennetz zu überziehen. Und dieses Spinnennetz fährt mit uns mit. Auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn – das Spinnennetz hält. Wo sich allerdings in dieser Zeit die Spinne aufhält, habe ich noch nicht herausgefunden.

Und so dürfen die Spinnen mein Haus einweben. So hie und da, eher selten, entferne ich die größten Gespinste in meinen Räumen – sie sind sowieso bald wieder da.

Der Dichter Issa drückt es in einem Haiku so aus:

Keine Angst, ihr Spinnen

ich fege nur

gelegentlich

 

Info für Spinneninteressierte: „Weberknecht und Zitterspinne: Diese zwei Achtbeiner sind nützliche Haushaltshelfer“

  • Spinnen lösen bei den meisten Menschen ein spontanes Unbehagen aus
  • Dabei sind die Tiere in Deutschland nahezu immer ungefährlich
  • Und einige sind sogar im Haushalt sehr nützlich

Sie sind sehr zierlich, werden von acht Beinen getragen und lösen häufig eher ein Unbehagen aus. Zitterspinne und Weberknecht werden häufig verwechselt und für Schädlinge gehalten, aber die Tiere sind regelrechte Haushaltshelfer.

Die Zitterspinne fängt in ihren Netzen Mücken und wirkliche Schädlinge. Der Weberknecht spinnt keine Netze, aber er ernährt sich von toten Insekten, schreibt der „Spiegel“. Beide Tiere besitzen einen kleinen Körper und lange Beine. Damit lösen sie gerne eine Gänsehaut aus, wenn sie unbedarften Bewohnern im Haus begegnen.

Spinnen im Haus sind normal

Eine 39-Jährige im bayerischen Pullach ging sogar so panisch auf Spinnenjagd, dass sie ihre Garage bei der Aktion niederbrannte. Dabei sind beide Tiere vollkommen ungefährlich. Der Weberknecht lässt sich auch nur selten in Häusern blicken. Der „Stern“ zitiert einen amerikanischen Insektenkundler, der betont: „Es ist okay, Spinnen in seinem Zuhause zu haben. Es ist sogar vollkommen normal.“

Den Namen hat die Zitterspinne von ihrem Abwehrverhalten. Fühlt sie sich in ihrem Netz bedroht, versucht die Spinne mögliche Angreifer zu verwirren. Sie beginnt sich so schnell zu bewegen, dass ihre Konturen verschwimmen. Faszinierende und nützliche Haushaltshelfer. Wenn sie nur nicht acht lange Beine hätten, wäre ein friedliches Zusammenleben sicher leichter.

https://www.derwesten.de/panorama/weberknecht-und-zitterspinne-diese-zwei-achtbeiner-sind-nuetzliche-haushaltshelfer-id214436833.html

Was ist Glück?

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Mein Sohn ruft durch meine offene Haustür ins Haus „Kommst du?“

Ich stehe auf und setze mich zu ihm vors Haus auf die Gartenstühle. Wir schauen in den Abendhimmel und auf den Hund und die drei Katzen, die sich auf ihren Lieblingsplätzen auf der Wiese und der Bank zusammengerollt haben.

Still ist es auf der Straße und in den Gärten. Wir plaudern immer wieder – ein paar Worte nur, zwischendurch Schweigen. Im Nachbarhaus gehen die Lichter an.

Nach einer Weile steht mein Sohn auf. „Schlaf gut“ – sagt er. Er geht die zehn Schritte bis zu seiner Haustür. Hund und Katzen schauen auf, erheben sich und strecken sich und gehen ihm nach – langsam. Er wartet an der Tür bis alle drinnen sind und schließt ab.

Ich drehe mich um, schaue nochmals in den sich verdunkelnden Garten, atme die kühle Nachtluft ein und schließe meine Tür. Gute Nacht.

Das ist Glück!

Meine LebensGärten

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In einer meiner schlaflosen Nächte besuchte ich meine verschiedenen LebensGärten.

Und wieder einmal war ich überrascht. Überrascht, in wie vielen Gärten ich zu Hause war. Verwurzelt. Wie leicht es mir fiel, meine Wurzeln aus der Erde zu ziehen und wieder neu einzuwurzeln. Der Dünger war Veränderungsbereitschaft.

Meine Schlafhöhle inmitten meiner Bücher schenkt mit nicht nur Geborgenheit, sie ist auch sehr praktisch. Ich drehte mich zur Seite und hatte mit einem Griff drei Bücher über Gärten zur Hand. Wenn ich nachts aufwache, brauche ich nur meine Hand auszustrecken und habe das jeweils passende Buch.

Die Verbindung Garten und Bücher – Hand in Hand – von Beginn meines Lebens an.

In der Erzählung „Gartenkind“ schrieb ich: „Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.“ Zu der Zeit saß ich in der Astgabel eines  Apfelbaums, war fünf Jahre alt, und hatte begonnen Wörter vom Baum zu pflücken.

Heute, in meinem jetzigen Garten, sitze ich nicht mehr auf dem Baum. Jedoch sitze ich täglich unter meinem titanischen Nussbaum und pflücke weiter Wörter aus den Bäumen und den Wolken. In der Computersprache könnte ich jetzt wohl von einer Cloud – einer Datenwolke, sprechen. Eine poetische Datenwolke, die gleichzeitig eine Erinnerungswolke ist. Gespeicherte Erinnerungen.

Ich nehme das wunderschöne Buch von Hermann Hesse mit seinen Gedichten und Erzählungen, den von ihm gemalten Bildern von seinen Gärten zur Hand. Auch er lebte in mehreren Gärten. „Freude am Garten“ ist der ansprechende Titel. Und dann noch die zwei empfehlenswerten Bücher von Barbara Frischmuth: „Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte“ und „Fingerkraut und Feenhandschuh. Ein literarisches Gartentagebuch“.

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation“ (1955).

(Hermann Hesse)

Ja, so ist es ….

Und während ich dies schreibe, mache ich einen Blick über meinen Computer hinaus in meinen „wilden“ Garten. Jeden Tag freue ich mich über unseren wilden Garten.

Die wilden Gärten und auch die wilden Wiesen sind schon lange verschwunden.

In der Erzählung „Die Einsamkeit der Bäume“ schrieb ich: „Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.“

Der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder lebte zwölf Jahre in Japan, um Zen-Buddhismus und Japanisch zu studieren. Zurück in Amerika, baute er sich ein Haus in einem Indianerreservat, wurde Professor und Ökoaktivist. Er schreibt:

„Die Welt ist Natur, und auf lange Sicht ist sie unweigerlich wild, denn das Wilde ist auch eine Ordnung der Unbeständigkeit. Auch unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht, und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können“.

Ja, ich bin ihm gefolgt, meinem wilden Geist – ein Leben lang. Aus meiner „Datenwolke“ beginnen Geschichten zu purzeln. Meine LebensGeschichten in den einzelnen LebensGärten – und ein Erzählband über die LebensGärten beginnt Gestalt anzunehmen.

Erzählungen über die verschiedenen LebensGärten:

  1. 1950 Kindheitsgarten – Großmuttergarten, St. Pölten
  2. 1968 Schwiegermuttergarten, St. Pölten
  3. 1980 Die Wiese neben dem Hochhaus, St. Pölten
  4. 1986 LiebesGärten – Botanischer Garten und Oberes Belvedere, Wien
  5. 1987 Garten in Poppi, Toskana
  6. 1989 Garten im alten Lehmhaus, Weinviertel
  7. 1991 Garten in der Grünentorgasse, Wien
  8. 1996 Garten in der Ungargasse, Wien
  9. 2014 Muttergarten, St. Pölten
  10. 2018 Altenwohnsitzgarten – im Garten meines Sohnes, St. Pölten

 

Eine Erzählung: Die Wiese neben dem Hochhaus.

Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, dass im Jahre 1979 eine Wohnbau-Genossenschaft drei zehnstöckige Häuser mitten in einer Einfamilienhaussiedlung errichten konnte. Die umliegenden Anwohner, denen ihre Gartenzäune nichts mehr nützten, sahen ihnen doch nunmehr unzählige Augen ungehindert in ihre Gärten, protestierten vergebens dagegen. Hätte es mich betroffen, hätte ich mich auch dagegen gewehrt.

Für mich, als damals allein erziehende Mutter war es eine gute Gelegenheit in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Mein Elternhaus liegt einige Straßenzüge weiter weg, so dass es von der Einsichtigkeit der Hochhäuser nicht betroffen war. Ich zog in das erstgebaute Haus im neunten Stock ein und hatte eine weite Sicht über die Stadt hinweg in das Alpenvorland mit dem 1.893 m hohen Ötscher. Die schönsten Sonnenuntergänge sollte ich dort auf meiner Loggia erleben. Nach gut einem Jahr zog mein zukünftiger zweiter Ehemann bei mir ein.

Einige Male bestiegen mein Mann und ich damals über den Rauhen Kamm den Ötscher. Eine sehr anspruchsvolle Tour. Und es war wunderbar, ihn von unserer Loggia aus sehen zu können.

Nun gibt es bei den Häusern keinen Garten, doch auf der Schmalseite des Hauses und zwischen den Häusern gibt kleine Wiesenstreifen, die straßenseitig durch kleinwüchsige Sträucher abgegrenzt sind. Obwohl ich von einer Wiese spreche, ist es eigentlich ein Rasen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Wiese und einem Rasen. Der Rasen besteht aus Gras – sonst nichts. In einer Wiese wachsen Löwenzahn, Klee,Veilchen, Margeriten, Gänseblümchen, Günsel und duftende Kräuter – um nur einige zu nennen. Eine Wiese ist belebt von vielen Tieren, ein Rasen nicht.

Meine Tochter wünschte sich eine Katze und so zog Mischa, ein schwarzer Kater, in unsere Wohnung im neunten Stock ein. Anfangs versuchten wir ihn daran zu gewöhnen, an der Leine zu gehen. Wir fuhren mit dem Kater im Arm mit dem Lift nach unten und gingen mit ihm immer wieder auf diesen Rasenstreifen spazieren, um ihn an die Leine zu gewöhnen. Vergeblich. Er wollte nicht. Also wurde er eine Wohnungskatze. Jetzt greife ich der Geschichte etwas vor. Nach ein paar Jahren als mein Mann und ich uns trennten, zog der Kater in ein anderes Haus in St. Pölten, mein Ex-Ehemann in eine Wohnung in St. Pölten und meine Tochter und ich nach Wien. Der Kater Mischa zog bei meinen Eltern ein  und wurde eine glückliche Gartenkatze – auf einer Wiese.

In der jetzigen Geschichte geht es um eine verletzte Taube. Wir fanden sie mit zwei gebrochenen Beinchen auf unserer Loggia. Sie war gegen die Glasscheibe geflogen. Mein Liebster bastelte eine Hängevorrichtung, in der die Taube nun wochenlang in unserer Küche hing, bis ihre Beinchen ausgeheilt waren. Meine Tochter übernahm die Aufgabe, sie zu füttern und mit Wasser zu versorgen, was nicht einfach war. Sie gab sich sehr viel Mühe und schaffte es. Oft gingen wir mit ihr auf den Rasen neben dem Haus, setzten sie auf den Boden und sahen ihr zu, wie sie wieder laufen lernte. Erst zögerlich und vorsichtig und dann immer mutiger. Wir warteten auf den Moment, in dem sie sich wieder in die Lüfte erheben würde. Doch dies dauerte noch einige Zeit und einige Flugversuche, bis sie sich ihrer Flügel wieder sicher war und in den Sonnenuntergang entschwebte …

Nein, so war es natürlich nicht. Sie erhob sich und verschwand auf  Nimmerwiedersehen über den Gärten. Dies war das Ende unserer Besuche auf dem schmalen Rasenstreifen neben dem Hochhaus.  

Zitate im Text aus:

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

 

Vorfreude auf Sommergenüsse – Erinnerungen

 

Granatapfel

Sommer ist – paradiesische Körperlichkeit

Sommer ist – Nacktheit …

Am Morgen mit einem Tuch um die Hüften auf der Terrasse frühstücken. Nackt im Garten herumspazieren. Mit dem Liebsten im Garten schlafen. Nackt im See baden …
Sommerliche Essgenüsse – Wildkräutersalate, Erdbeeren mit Schlagobers, Granatapfelsorbet …

Die Vorfreude vermischt sich mit der Erinnerung …

Das Granatapfelsorbet

Sie kann seine Lust und seinen Frust beim Granatapfelkernausklopfen durch die weit offenen Fenster aus der Küche hören. Begleitet von Schmerzensschreien, wenn er sich in seiner Ungeduld in den Finger schneidet. Sie betritt die Küche sehr selten. Es ist sein Reich, und sie überlässt ihm gerne diesen Raum seiner Fantasie und Kreationen, mit denen er sie immer wieder überrascht.

Wie ein Urknall war er in ihr Leben getreten. Vor vielen Jahren. Bei einem Rockkonzert. Damals war es noch nicht Liebe. Es war eine animalische Anziehungskraft, die sie im wahrsten Sinn des Wortes zusammenstoßen ließ – Sex, Drugs and Rock’n Roll. In dieser Masse von Menschen hatte sich ein schmaler luftleerer Raum um ihn gebildet, so als ob er die Luft ansaugen würde und dieses Vakuum um ihn niemand betreten konnte. Er war groß und hatte eine blonde Haarmähne, zusammengehalten von einem bunten Stirnband. Im Scheinwerferlicht der Bühne, das immer wieder über die Menge hinwegwischte, sah sie das Muskelspiel seines nackten Oberkörpers, und der langen kräftigen Schenkel unter dem dünnen Jeansstoff. Sie tanzte bereits eine Weile neben ihm – auch sie trug ein buntes Stirnband und ihr T-Shirt klebte schweißnass an ihren Brüsten. Jeder tanzte für sich und doch trafen sich ihre Augen immer wieder und immer länger. Es nahm ihr den Atem als er mit einer einzigen Bewegung seines Armes ihren Oberkörper umfasste und sie zu sich zog. Als wäre sie schwerelos. Für einen Moment nahm es ihr die Luft, als er sie durch diesen Vakuumraum zog, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Paris hatte ihr den Granatapfel überreicht.

Ja, so war das damals. Mit Heiterkeit und Schmetterlingen im Bauch denkt sie an die vielen stürmischen Nächte. Jedes Zusammensein war wie ein tobender Orkan mit Lustschreien, die jedes Rockkonzert in den Schatten stellten. Mit der Zeit wurde es Liebe – tiefe, innige Liebe. Und sie begannen, sich etwas mehr Zeit zu lassen und ihre Körper sanft wie eine Morgenbrise zu erforschen. Es war wohlig und lustvoll zugleich, wenn ihre Münder und Hände sich auf Entdeckungsreise machten.

Sie tritt auf die Terrasse und schaut in den Himmel. Der Beginn der blauen Stunde – wenn es  für einen Moment still wird, bevor das Abendkonzert der Vögel beginnt und der Himmel einen seidig blauen Schleier über den Garten legt. Sie breitet eine Decke auf der Wiese unter dem Apfelbaum aus. Pölster und Decken griffbereit. Ihr Liebeslager für diese Nacht.

Da tritt er aus der Tür. In jeder Hand eine Schale mit seinem Granatapfelsorbet.

Sein Anblick nimmt ihr den Atem. Noch immer. Und immer wieder. So wie damals.

Der Abendstern und die Mondsichel stehen bereits am Firmament – Wohnsitz der Götter. Die Nacht beginnt. Hier im Garten – das verlorene Paradies. Du und ich – denkt sie.

Und wir haben Zeit. Viel Zeit.

 

„Dein Körper ist das verlorene Paradies
aus dem mich nie
ein Gott wird vertreiben.“

(Gioconda Belli)

Stille Achtsamkeit

004

Den ziehenden Wolken zusehen.
Nichts sonst.
Dem Lied der Amsel am höchsten Gipfel des Baumes lauschen.
Nichts sonst.
Der Katze zusehen, wie sie auf Zeitlupenpfoten zum Mäusefang über die Wiese schleicht.
Nichts sonst.
Den eigenen Herzschlag spüren.
Nichts sonst.
Die Sonne auf der Haut spüren.
Nichts sonst.

Licht und Schatten wechseln sich ab.
Es gibt nichts zu tun.

(M.K., 24 04 2018)