Erinnerungs – Wintergeschichte

Eisblumen

Ich erinnere mich …

Als wäre es jetzt – Eisblumen am Fenster! Sie wachsen von unten nach oben und ich stehe staunend davor.

Welche Freude! Im Zimmer bullert das Feuer im Sägespäneofen. Er ist glühend rot und gleich wird Großmutter die Ofentür schließen. Im Ofen knackt das Holz und es riecht würzig nach Sägespänen, Holz und Harz. Das Fenster ist fast zugewachsen mit Farnen und Blumen aus Eis. Nur in der Mitte ist noch ein Kreis, durch den der Vollmond ins Zimmer scheint. Ich sehe den weiß bekleideten Apfelbaum.

Mein Schlafanzug liegt neben dem warmen Ofen. „Schlafenszeit“, sagt meine Großmutter und hat das Märchenbuch in der Hand.

(1954)

 

Eine Erinnerungs-Wintergeschichte aus meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Erhältlich als Hardcover, Taschenbuch und Ebook in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

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Der Baum und die Wolke

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

Monika Chandana Krampl

Amsel 2Amseln im Kleid der Totengräber hoppeln und hupfen mit komplizierten Pirouetten über die  Obstgartenwiese. Weiße Blütensterne der Gänseblümchen blitzen im grün und braun der Wiese. Mit ihren gelben Schnäbeln sammeln die Amseln die letzten Äpfel und Nüsse.

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

(M.K. 2017)

Der Baum und die Wolke

Ein Baum geht umher im Regen,

eilt an uns vorbei im strömenden Grau.

Er hat ein Anliegen. Er holt Leben aus dem Regen

wie eine Amsel in einem Obstgarten.

Als der Regen aufhört, bleibt der Baum stehn.

Aufrecht, still erscheint er in klaren Nächten

Wie wir in Erwartung des Augenblicks,

da die Schneeflocken ausschlagen im Raum.

Tomas Tranströmer: In meinem Schatten werde ich getragen.

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Plaudereien aus dem Spinnkästchen

Ich liebe Spinnen.

Und ich frage mich, wird vielleicht deshalb – aus meiner Liebe zu den Spinnen – mein Haus eingesponnen? Innen und außen weben sie unaufhörlich und unermüdlich ihre Netze.

Zwei Große Zitterspinnen (fälschlicherweise oft als Weberknecht bezeichnet) sitzen seit Wochen an meiner Zimmerdecke. Regungslos. Leben sie noch? – fragte ich mich. Sah ich sie doch immer am gleichen Platz, so dass ich vorsichtig den Besen balancierend bis auf wenige Zentimeter in ihre Nähe kam, und sie schnellstens auf ihren langen Spinnenbeinen in die Ecke verschwanden. Aha, sie leben! Und wie sie leben! Sie weben ihre Netze nicht nur an den Zimmerdecken, sie weben meine Bilder ein, den CD-Ständer und alles, was ihrer Meinung nach eingenetzt gehört.

Hauswinkelspinnen habe ich wenige, da sie dunklere und feuchte Orte lieben, und von denen gibt es wenige in meinem Haus. In einer Ecke des Badezimmers, versteckt hinter einem Regal, habe ich eine entdeckt, und ich lasse dort in Ruhe. Manchesmal beim Duschen wird das Netz etwas nass und die glitzernden Wassertropfen machen die ganze Schönheit des Netzes sichtbar. Vergleichbar mit den diamantfunkelnden Nebeltropfen auf einem Spinnennetz beim Sonnenaufgang.

Und nun zu meiner Lieblingsspinne – der Gartenkreuzspinne. Sie legt mit zunehmendem Alter ihr Fangnetz hauptsächlich in den Nächten an. Ihre großen, akkuraten und imposanten Radnetze sind unübersehbar. Besonders im so genannten „Altweibersommer“. Der Begriff „Altweibersommer“ bezieht sich jedoch nicht, wie die meisten annehmen, auf ältere Frauen, sondern er stammt aus der germanischen Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. Die im Sonnenlicht glänzenden Fäden sehen aus wie silbergraue Haare. Es heißt, es seien Lebensfäden, die den Schicksalsgöttinnen verloren gegangen seien. Es gibt viele Geschichten um den „Altweibersommer“.

Wenn ich am Haus vorbei und durch den Garten gehe, freue ich mich über diese Lebensfäden der Göttinnen, die sich in meinem Haar verfangen. Sollen doch jene Menschen, an denen die Fäden hängen bleiben, stets Glück haben.

Ob es nun Spinnfäden der Gartenkreuzspinne sind, oder die Spinnfäden der fliegenden Spinnen – auch „Seiden-Floß“ genannt, weil sie damit hunderte von Kilometer weit durch die Luft fliegen, ist egal. Die Spinnenetze sind überall – an Gräsern, Büschen, Zäunen und am Haus.

Eine der Gartenkreuzspinnen hat den Außenspiegel von unserem Auto dazu erkoren, ihn mit ihrem Spinnennetz zu überziehen. Und dieses Spinnennetz fährt mit uns mit. Auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn – das Spinnennetz hält. Wo sich allerdings in dieser Zeit die Spinne aufhält, habe ich noch nicht herausgefunden.

Und so dürfen die Spinnen mein Haus einweben. So hie und da, eher selten, entferne ich die größten Gespinste in meinen Räumen – sie sind sowieso bald wieder da.

Der Dichter Issa drückt es in einem Haiku so aus:

Keine Angst, ihr Spinnen

ich fege nur

gelegentlich

 

Info für Spinneninteressierte: „Weberknecht und Zitterspinne: Diese zwei Achtbeiner sind nützliche Haushaltshelfer“

  • Spinnen lösen bei den meisten Menschen ein spontanes Unbehagen aus
  • Dabei sind die Tiere in Deutschland nahezu immer ungefährlich
  • Und einige sind sogar im Haushalt sehr nützlich

Sie sind sehr zierlich, werden von acht Beinen getragen und lösen häufig eher ein Unbehagen aus. Zitterspinne und Weberknecht werden häufig verwechselt und für Schädlinge gehalten, aber die Tiere sind regelrechte Haushaltshelfer.

Die Zitterspinne fängt in ihren Netzen Mücken und wirkliche Schädlinge. Der Weberknecht spinnt keine Netze, aber er ernährt sich von toten Insekten, schreibt der „Spiegel“. Beide Tiere besitzen einen kleinen Körper und lange Beine. Damit lösen sie gerne eine Gänsehaut aus, wenn sie unbedarften Bewohnern im Haus begegnen.

Spinnen im Haus sind normal

Eine 39-Jährige im bayerischen Pullach ging sogar so panisch auf Spinnenjagd, dass sie ihre Garage bei der Aktion niederbrannte. Dabei sind beide Tiere vollkommen ungefährlich. Der Weberknecht lässt sich auch nur selten in Häusern blicken. Der „Stern“ zitiert einen amerikanischen Insektenkundler, der betont: „Es ist okay, Spinnen in seinem Zuhause zu haben. Es ist sogar vollkommen normal.“

Den Namen hat die Zitterspinne von ihrem Abwehrverhalten. Fühlt sie sich in ihrem Netz bedroht, versucht die Spinne mögliche Angreifer zu verwirren. Sie beginnt sich so schnell zu bewegen, dass ihre Konturen verschwimmen. Faszinierende und nützliche Haushaltshelfer. Wenn sie nur nicht acht lange Beine hätten, wäre ein friedliches Zusammenleben sicher leichter.

https://www.derwesten.de/panorama/weberknecht-und-zitterspinne-diese-zwei-achtbeiner-sind-nuetzliche-haushaltshelfer-id214436833.html

Was ist Glück?

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Mein Sohn ruft durch meine offene Haustür ins Haus „Kommst du?“

Ich stehe auf und setze mich zu ihm vors Haus auf die Gartenstühle. Wir schauen in den Abendhimmel und auf den Hund und die drei Katzen, die sich auf ihren Lieblingsplätzen auf der Wiese und der Bank zusammengerollt haben.

Still ist es auf der Straße und in den Gärten. Wir plaudern immer wieder – ein paar Worte nur, zwischendurch Schweigen. Im Nachbarhaus gehen die Lichter an.

Nach einer Weile steht mein Sohn auf. „Schlaf gut“ – sagt er. Er geht die zehn Schritte bis zu seiner Haustür. Hund und Katzen schauen auf, erheben sich und strecken sich und gehen ihm nach – langsam. Er wartet an der Tür bis alle drinnen sind und schließt ab.

Ich drehe mich um, schaue nochmals in den sich verdunkelnden Garten, atme die kühle Nachtluft ein und schließe meine Tür. Gute Nacht.

Das ist Glück!

Meine LebensGärten

003

In einer meiner schlaflosen Nächte besuchte ich meine verschiedenen LebensGärten.

Und wieder einmal war ich überrascht. Überrascht, in wie vielen Gärten ich zu Hause war. Verwurzelt. Wie leicht es mir fiel, meine Wurzeln aus der Erde zu ziehen und wieder neu einzuwurzeln. Der Dünger war Veränderungsbereitschaft.

Meine Schlafhöhle inmitten meiner Bücher schenkt mit nicht nur Geborgenheit, sie ist auch sehr praktisch. Ich drehte mich zur Seite und hatte mit einem Griff drei Bücher über Gärten zur Hand. Wenn ich nachts aufwache, brauche ich nur meine Hand auszustrecken und habe das jeweils passende Buch.

Die Verbindung Garten und Bücher – Hand in Hand – von Beginn meines Lebens an.

In der Erzählung „Gartenkind“ schrieb ich: „Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.“ Zu der Zeit saß ich in der Astgabel eines  Apfelbaums, war fünf Jahre alt, und hatte begonnen Wörter vom Baum zu pflücken.

Heute, in meinem jetzigen Garten, sitze ich nicht mehr auf dem Baum. Jedoch sitze ich täglich unter meinem titanischen Nussbaum und pflücke weiter Wörter aus den Bäumen und den Wolken. In der Computersprache könnte ich jetzt wohl von einer Cloud – einer Datenwolke, sprechen. Eine poetische Datenwolke, die gleichzeitig eine Erinnerungswolke ist. Gespeicherte Erinnerungen.

Ich nehme das wunderschöne Buch von Hermann Hesse mit seinen Gedichten und Erzählungen, den von ihm gemalten Bildern von seinen Gärten zur Hand. Auch er lebte in mehreren Gärten. „Freude am Garten“ ist der ansprechende Titel. Und dann noch die zwei empfehlenswerten Bücher von Barbara Frischmuth: „Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte“ und „Fingerkraut und Feenhandschuh. Ein literarisches Gartentagebuch“.

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation“ (1955).

(Hermann Hesse)

Ja, so ist es ….

Und während ich dies schreibe, mache ich einen Blick über meinen Computer hinaus in meinen „wilden“ Garten. Jeden Tag freue ich mich über unseren wilden Garten.

Die wilden Gärten und auch die wilden Wiesen sind schon lange verschwunden.

In der Erzählung „Die Einsamkeit der Bäume“ schrieb ich: „Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.“

Der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder lebte zwölf Jahre in Japan, um Zen-Buddhismus und Japanisch zu studieren. Zurück in Amerika, baute er sich ein Haus in einem Indianerreservat, wurde Professor und Ökoaktivist. Er schreibt:

„Die Welt ist Natur, und auf lange Sicht ist sie unweigerlich wild, denn das Wilde ist auch eine Ordnung der Unbeständigkeit. Auch unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht, und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können“.

Ja, ich bin ihm gefolgt, meinem wilden Geist – ein Leben lang. Aus meiner „Datenwolke“ beginnen Geschichten zu purzeln. Meine LebensGeschichten in den einzelnen LebensGärten – und ein Erzählband über die LebensGärten beginnt Gestalt anzunehmen.

Erzählungen über die verschiedenen LebensGärten:

  1. 1950 Kindheitsgarten – Großmuttergarten, St. Pölten
  2. 1968 Schwiegermuttergarten, St. Pölten
  3. 1980 Die Wiese neben dem Hochhaus, St. Pölten
  4. 1986 LiebesGärten – Botanischer Garten und Oberes Belvedere, Wien
  5. 1987 Garten in Poppi, Toskana
  6. 1989 Garten im alten Lehmhaus, Weinviertel
  7. 1991 Garten in der Grünentorgasse, Wien
  8. 1996 Garten in der Ungargasse, Wien
  9. 2014 Muttergarten, St. Pölten
  10. 2018 Altenwohnsitzgarten – im Garten meines Sohnes, St. Pölten

 

Eine Erzählung: Die Wiese neben dem Hochhaus.

Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, dass im Jahre 1979 eine Wohnbau-Genossenschaft drei zehnstöckige Häuser mitten in einer Einfamilienhaussiedlung errichten konnte. Die umliegenden Anwohner, denen ihre Gartenzäune nichts mehr nützten, sahen ihnen doch nunmehr unzählige Augen ungehindert in ihre Gärten, protestierten vergebens dagegen. Hätte es mich betroffen, hätte ich mich auch dagegen gewehrt.

Für mich, als damals allein erziehende Mutter war es eine gute Gelegenheit in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Mein Elternhaus liegt einige Straßenzüge weiter weg, so dass es von der Einsichtigkeit der Hochhäuser nicht betroffen war. Ich zog in das erstgebaute Haus im neunten Stock ein und hatte eine weite Sicht über die Stadt hinweg in das Alpenvorland mit dem 1.893 m hohen Ötscher. Die schönsten Sonnenuntergänge sollte ich dort auf meiner Loggia erleben. Nach gut einem Jahr zog mein zukünftiger zweiter Ehemann bei mir ein.

Einige Male bestiegen mein Mann und ich damals über den Rauhen Kamm den Ötscher. Eine sehr anspruchsvolle Tour. Und es war wunderbar, ihn von unserer Loggia aus sehen zu können.

Nun gibt es bei den Häusern keinen Garten, doch auf der Schmalseite des Hauses und zwischen den Häusern gibt kleine Wiesenstreifen, die straßenseitig durch kleinwüchsige Sträucher abgegrenzt sind. Obwohl ich von einer Wiese spreche, ist es eigentlich ein Rasen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Wiese und einem Rasen. Der Rasen besteht aus Gras – sonst nichts. In einer Wiese wachsen Löwenzahn, Klee,Veilchen, Margeriten, Gänseblümchen, Günsel und duftende Kräuter – um nur einige zu nennen. Eine Wiese ist belebt von vielen Tieren, ein Rasen nicht.

Meine Tochter wünschte sich eine Katze und so zog Mischa, ein schwarzer Kater, in unsere Wohnung im neunten Stock ein. Anfangs versuchten wir ihn daran zu gewöhnen, an der Leine zu gehen. Wir fuhren mit dem Kater im Arm mit dem Lift nach unten und gingen mit ihm immer wieder auf diesen Rasenstreifen spazieren, um ihn an die Leine zu gewöhnen. Vergeblich. Er wollte nicht. Also wurde er eine Wohnungskatze. Jetzt greife ich der Geschichte etwas vor. Nach ein paar Jahren als mein Mann und ich uns trennten, zog der Kater in ein anderes Haus in St. Pölten, mein Ex-Ehemann in eine Wohnung in St. Pölten und meine Tochter und ich nach Wien. Der Kater Mischa zog bei meinen Eltern ein  und wurde eine glückliche Gartenkatze – auf einer Wiese.

In der jetzigen Geschichte geht es um eine verletzte Taube. Wir fanden sie mit zwei gebrochenen Beinchen auf unserer Loggia. Sie war gegen die Glasscheibe geflogen. Mein Liebster bastelte eine Hängevorrichtung, in der die Taube nun wochenlang in unserer Küche hing, bis ihre Beinchen ausgeheilt waren. Meine Tochter übernahm die Aufgabe, sie zu füttern und mit Wasser zu versorgen, was nicht einfach war. Sie gab sich sehr viel Mühe und schaffte es. Oft gingen wir mit ihr auf den Rasen neben dem Haus, setzten sie auf den Boden und sahen ihr zu, wie sie wieder laufen lernte. Erst zögerlich und vorsichtig und dann immer mutiger. Wir warteten auf den Moment, in dem sie sich wieder in die Lüfte erheben würde. Doch dies dauerte noch einige Zeit und einige Flugversuche, bis sie sich ihrer Flügel wieder sicher war und in den Sonnenuntergang entschwebte …

Nein, so war es natürlich nicht. Sie erhob sich und verschwand auf  Nimmerwiedersehen über den Gärten. Dies war das Ende unserer Besuche auf dem schmalen Rasenstreifen neben dem Hochhaus.  

Zitate im Text aus:

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

 

Vorfreude auf Sommergenüsse – Erinnerungen

 

Granatapfel

Sommer ist – paradiesische Körperlichkeit

Sommer ist – Nacktheit …

Am Morgen mit einem Tuch um die Hüften auf der Terrasse frühstücken. Nackt im Garten herumspazieren. Mit dem Liebsten im Garten schlafen. Nackt im See baden …
Sommerliche Essgenüsse – Wildkräutersalate, Erdbeeren mit Schlagobers, Granatapfelsorbet …

Die Vorfreude vermischt sich mit der Erinnerung …

Das Granatapfelsorbet

Sie kann seine Lust und seinen Frust beim Granatapfelkernausklopfen durch die weit offenen Fenster aus der Küche hören. Begleitet von Schmerzensschreien, wenn er sich in seiner Ungeduld in den Finger schneidet. Sie betritt die Küche sehr selten. Es ist sein Reich, und sie überlässt ihm gerne diesen Raum seiner Fantasie und Kreationen, mit denen er sie immer wieder überrascht.

Wie ein Urknall war er in ihr Leben getreten. Vor vielen Jahren. Bei einem Rockkonzert. Damals war es noch nicht Liebe. Es war eine animalische Anziehungskraft, die sie im wahrsten Sinn des Wortes zusammenstoßen ließ – Sex, Drugs and Rock’n Roll. In dieser Masse von Menschen hatte sich ein schmaler luftleerer Raum um ihn gebildet, so als ob er die Luft ansaugen würde und dieses Vakuum um ihn niemand betreten konnte. Er war groß und hatte eine blonde Haarmähne, zusammengehalten von einem bunten Stirnband. Im Scheinwerferlicht der Bühne, das immer wieder über die Menge hinwegwischte, sah sie das Muskelspiel seines nackten Oberkörpers, und der langen kräftigen Schenkel unter dem dünnen Jeansstoff. Sie tanzte bereits eine Weile neben ihm – auch sie trug ein buntes Stirnband und ihr T-Shirt klebte schweißnass an ihren Brüsten. Jeder tanzte für sich und doch trafen sich ihre Augen immer wieder und immer länger. Es nahm ihr den Atem als er mit einer einzigen Bewegung seines Armes ihren Oberkörper umfasste und sie zu sich zog. Als wäre sie schwerelos. Für einen Moment nahm es ihr die Luft, als er sie durch diesen Vakuumraum zog, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Paris hatte ihr den Granatapfel überreicht.

Ja, so war das damals. Mit Heiterkeit und Schmetterlingen im Bauch denkt sie an die vielen stürmischen Nächte. Jedes Zusammensein war wie ein tobender Orkan mit Lustschreien, die jedes Rockkonzert in den Schatten stellten. Mit der Zeit wurde es Liebe – tiefe, innige Liebe. Und sie begannen, sich etwas mehr Zeit zu lassen und ihre Körper sanft wie eine Morgenbrise zu erforschen. Es war wohlig und lustvoll zugleich, wenn ihre Münder und Hände sich auf Entdeckungsreise machten.

Sie tritt auf die Terrasse und schaut in den Himmel. Der Beginn der blauen Stunde – wenn es  für einen Moment still wird, bevor das Abendkonzert der Vögel beginnt und der Himmel einen seidig blauen Schleier über den Garten legt. Sie breitet eine Decke auf der Wiese unter dem Apfelbaum aus. Pölster und Decken griffbereit. Ihr Liebeslager für diese Nacht.

Da tritt er aus der Tür. In jeder Hand eine Schale mit seinem Granatapfelsorbet.

Sein Anblick nimmt ihr den Atem. Noch immer. Und immer wieder. So wie damals.

Der Abendstern und die Mondsichel stehen bereits am Firmament – Wohnsitz der Götter. Die Nacht beginnt. Hier im Garten – das verlorene Paradies. Du und ich – denkt sie.

Und wir haben Zeit. Viel Zeit.

 

„Dein Körper ist das verlorene Paradies
aus dem mich nie
ein Gott wird vertreiben.“

(Gioconda Belli)

Stille Achtsamkeit

004

Den ziehenden Wolken zusehen.
Nichts sonst.
Dem Lied der Amsel am höchsten Gipfel des Baumes lauschen.
Nichts sonst.
Der Katze zusehen, wie sie auf Zeitlupenpfoten zum Mäusefang über die Wiese schleicht.
Nichts sonst.
Den eigenen Herzschlag spüren.
Nichts sonst.
Die Sonne auf der Haut spüren.
Nichts sonst.

Licht und Schatten wechseln sich ab.
Es gibt nichts zu tun.

(M.K., 24 04 2018)

 

Gartenkind

 

003

Erinnerungsort -Großmuttergarten

Der Apfelbaum steht in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens. Wenn man vom Haus nach hinten in den Garten geht, kommt man erst durch den Gemüsegarten, dann über die Wiese mit dem Wäscheplatz und dem Viereck der Wäschestangen und ganz hinten steht der Apfelbaum.

Er ist nicht der einzige Apfelbaum im Garten. Aber er ist mir der Liebste. Linkerhand begrenzt eine Liguster-Hecke das Grundstück. Dahinter der verbotene Nachbars-Garten.

Rechts neben dem Apfelbaum gibt es noch einen Baum mit Ringlotten, zwei Zwetschkenbäume und entlang der gegenüberliegenden Grundstücksgrenze stehen in einer schnurgeraden Reihe Ribisel- und Stachelbeersträucher.

Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.

Der Apfelbaum hat einen dicken, kurzen Stamm, so dass ich sehr leicht hinaufklettern kann und mir auch mein Kleidchen nicht schmutzig mache. Die Äste bilden eine große Gabel. Ich sitze mit meiner Puppe und meinem Buch fast so bequem wie in einem der hölzernen Liegestühle. Nur auf die Ameisenstraße muss ich aufpassen. Sie führt am Stamm und an einem der dicken Äste entlang.

Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar.

Die Nachbarskinder hinter der Liguster-Hecke toben laut durch den Garten. Es sind fünf Mädchen. Großmutter hat mir verboten mit ihnen zu sprechen oder zu spielen. Sie seien Zigeuner, sagt sie, und haben keine Manieren. Sie sind laut und schreien und streiten den lieben langen Tag. Sie sind immer schmutzig und gehen auch schon in den Monaten mit „r“ barfuss. Ich darf erst ab Mai, dem ersten Monat ohne „r“, barfuss gehen. Und schmutzig mache ich mich auch nicht. Wenn ich mich vorbeuge in meiner Astgabel, sehe ich die blaue Kittelschürze meiner Großmutter im Gemüsegarten aufblitzen. Sie stützt sich auf die mit feuchter, fetter, dunkler Erde belegte Stichschaufel und ich sehe, dass sie sich auch vorgebeugt hat und versucht, zu mir herzusehen. Ich zucke zurück und schaue in mein Buch.

Es ist Winter und man kann daher vom Haus aus bis ganz nach hinten zum Apfelbaum sehen. Eine dicke Schneedecke liegt über dem Gemüsegarten, etwas unregelmäßig, da die Erde darunter umgegraben wurde. Auf der Wiese des Wäscheplatzes ist der Schnee eben und glitzert in abertausenden von Kristallen in der Sonne in einem strahlenden Weiß.

Der Apfelbaum hat hohe Schneehauben auf seinen dicken Ästen und die Zweige sind mit Eiskristallen überzogen. Stille liegt über dem Garten.

Ich habe feste Stiefel an. Meine dicke Hose und den Mantel hat meine Großmutter genäht. Den Schal, die Fäustlinge und die Haube hat sie gestrickt. Meine Hand liegt fest und warm in ihrer.

 

Eine Weihnachtsgeschichte

Eisblumen

Als ich mich um 6 h morgens vor der Terrassentür mit Blick in den Garten hinsetze zu meiner Meditation ist es noch dunkel. Gerade mal den nahesten Baum, den Nussbaum, sehe ich.

Als ich meine Augen schließe, bin ich 5 Jahre alt und spüre die Aufregung des Tages. Nur einen Wimpernschlag von der Kindheit entfernt.

Ich lege die Gedanken auf den Vergangenheitsstapel vor mir ab und kehre zur Beobachtung meines Atems zurück. Diese Geschichte, die da aufsteigt in mir, wird später erzählt werden. Zukunftsstapel. Ein- und Ausatmen. Nichts sonst.

Als ich meine Augen wieder öffne, ist es licht geworden im Garten. Der Wind bewegt jeden Baum und Strauch in einem eigenen Rhythmus. Eine Choreographie des Windes oder des Baumes? Wer weiß das schon. Die großen Äste des Nussbaums wiegen sich von einer Seite zur anderen; die in einer Reihe stehenden Riesen-Lebensbäume, an der Grenze zu Nachbars Garten durften in den Himmel wachsen und die mit den winzigen, schuppenförmigen Blättern besetzten Zweige wiegen sich kreiselnd; der Forsythienstrauch mit den dünnen Zweigen tänzelt wie eine aufgeregte Ballerina.

Der Truthahn schmort im Ofen und beginnt zu duften. Der Tisch ist gedeckt. Alles ist vorbereitet. Jetzt ist Zeit für die Erinnerung.

Mit einem Wimpernschlag von der Kindheit entfernt. Ich bin 5 Jahre alt und spüre die Aufregung des Tages. Dieses Tages. Unendlich ersehnt, ist es heute soweit. Fast nicht auszuhalten. Großmutter hat bereits, so wie jeden Tag, den Ofen eingeheizt. Ich springe rasch aus dem Bett im kalten Schlafzimmer und laufe bloßfüßig in die warme Küche. Auf die Ofenbank hingekauert und mit dem warmen Nachtatem ein Loch in die mit Eisblumen übersäte Fensterscheibe blasen. Das dauert eine Weile, bis das Loch groß genug ist, um hindurchzusehen. Der Marillenbaum hat eine dicke Schneehaube auf seinen Ästen.

Und nein, das Christkind fliegt noch nicht vorbei. Aber es ist ja auch noch früh am Morgen. Vielleicht später. Vielleicht kann ich es später sehen, das Christkind. Jetzt erst einmal frühstücken. Warme Milch mit viel dicker Haut oben. Das schmeckt. Und eine Semmel zur Feier des Tages. Die Erwachsenen frühstücken nicht. Es ist ein Fasttag. Gegessen wird erst am Abend, vor der Bescherung.

Es ist ein kleines Haus, das Haus der Großmutter. Heute ist es gefüllt mit Menschen. Meine Mama ist zu Hause. Sie muss heute nicht arbeiten. Mein Onkel kommt später. Er ist Automechaniker, und wenn er nicht arbeiten muss, fährt er den Rettungswagen. Ich bin sehr stolz auf ihn. Er hilft kranken und alten Menschen. Meine Tante ist auch da. Endlich wieder. Sie ist immer sehr lange weg. Sie ist Frisörin und ist immer auf Saison. Aber heute ist sie da und sie frisiert mich immer so schön. Sie macht mir sicher heute Stoppellocken, mit einer großen weißen Schleife im Haar. Sie hat gesagt, dass sie mit dem Christkind gesprochen hat, damit es mir eine große Puppe mit Echthaar bringt. Ich liebe meine Tante sehr.

Das Schlafzimmer ist schon abgesperrt. Damit wir das Christkind nicht stören. Wir wissen ja nicht, wann es kommt. Hat es doch so viel zu tun. Ich darf mit Großmutter vor die Haustür gehen. Großmutter hat schon Schnee geschaufelt, sonst könnte ich gar nicht vor die Tür, weil so viel Schnee liegt. Im Schnee liegt das Blech mit der selbstgemachten Schokolade. Großmutter hat sie auf ein Blech gegossen, in dem Formen von Bäumen, Glocken und dem Christkind sind – und ich durfte den Faden in die weiche Schokolade drücken, damit das Christkind ihn später auf den Baum hängen kann. Wir müssen dem Christkind ein bisschen helfen, sagte die Großmutter. Jetzt holen wir das Blech rein und Mama stellt das Blech in das kalte Schlafzimmer. Ich darf aber nicht hineinsehen.

Als mein Onkel nach Hause kommt, bauen wir einen großen Schneemann. Später, wenn es dunkel ist, gibt es dann Würstel und Semmeln.

Gesehen habe ich es noch nicht, das Christkind. Obwohl ich so aufgepasst habe.

Ich bin schon so neugierig, was das Christkind mir bringen wird.

24 12 2017