sonntagmorgen meditation

sitzen

wahrnehmen dass ich sitze

mein körper entspannt

mein herz meine gedanken

kommen zur ruhe

hände finden ruhe

auf den oberschenkeln

daumen und zeigefinger

vereinigen sich

einatmen ausatmen

nichts sonst

ruhe im innern

ruhe im außen

erste sonnenstrahlen

wärmen

einatmen ausatmen

nichts sonst

(M.K., 05 09 2021)

Panta rhei

„Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben“ schreibt Nina Brnada in ihrem Falter-Mail (siehe unten) zu Afghanistan, und „ … dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt …“.

Nicht nur die Welt der Anderen – (scheinbar) weit weg – geht unter – auch unsere Welt geht unter. Ja, Menschen und die Welt verändern sich, es wird immer alles anders. Panta rhei – du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen -. Doch um die Veränderungen, um die es hier geht, sind der Verlust von Sicherheit und Freiheit.

In Afghanistan ist Krieg und Menschen werden einfach so auf der Straße erschossen, und die Leiden der Frauen und Kinder sind unendlich, – kein Vergleich – und doch musste ich an ein Gespräch mit meinem Sohn denken.

Wir sprachen darüber wie wir beide – ich, 71, mein Sohn, 53 – glücklich sein können, wie wir aufgewachsen sind. Obwohl natürlich auch unser beider Kindheit Verschiedenheiten aufweist. Ich, behütet im Garten – aber in welchem Natur-Gemüse/Obst/Garten!, – Federball gespielt wurde auf der unasphaltierten Straße vor dem Haus. Mein Sohn mit Kindern spielend und streunend auf den Gstätten.

Wie wir noch vor 20 Jahren, damals beide in Wien wohnend, nachts ohne Angst durch die Straßen gingen, was heute nicht mehr möglich ist. Wie ich auf der Straße zwischen ein streitendes Ehepaar gegangen bin und den Mann zurechtgewiesen habe; wie ich verhindert habe, dass eine Frau – die von einem Mann angepöbelt wurde und sie sich lautstark wehrte – aus dem Lokal gewiesen worden wäre, wenn ich nicht eingeschritten wäre und den betrunkenen Mann am Schlafittl gepackt und ihn vor die Tür gestellt hätte; etc. Und ich weiß nicht, ob ich dies und noch vieles andere heute noch machen würde. Nicht nur weil ich alt und körperlich schwächer geworden bin, sondern auch wegen des gesteigerten Aggressionspotential, das ich auf den Straßen sehe und spüre. – Aber, wenn ich es mir so recht überlege – oh ja, ich würde es wieder tun. Jedoch mit den Gedanken an die Möglichkeit, dass ich vielleicht zusammengeschlagen würde oder ein Messer in den Bauch bekomme. Angst, nein. Jedoch alleine schon der Gedanke ist keine gute Ausgangsposition. Und früher hatte ich nicht einmal den Gedanken daran.

Und dies alles auch noch abgesehen von vielen Reisen die ich heute nicht mehr machen werde. Nicht nur zu den Kulturstätten, die es heute nicht mehr gibt, wie Nina Brnada schreibt, sondern auch, weil ich nicht in Länder reise, in denen Menschenrechte nicht eingehalten werden; wegen des Klimaschutzes werde ich nicht mehr fliegen; und weil ich glaube, dass Corona noch lange nicht vorbei ist und uns das sich weiter verändernde Klima vieles sowieso nicht mehr möglich machen wird.

Conclusion:

Dankbarkeit, in einer Welt gewesen zu sein und viele Reisen gemacht zu haben, die es so nicht mehr gibt.

Und an das Zitat von Brnada anschließend, die fragt was die österreichische Bundesregierung macht, um zu helfen und zum Schluss kommt – einfach gar nichts.

Was machen die Verantwortlichen der Welt? Einfach gar nichts.

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Tag für Tag

gerate ich tiefer

in die Landschaft hinein

die mich durchquert

(Klaus Merz)

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Hier den Text des falter.maily von Nina Brnada, das meinen Gedankengang ausgelöst hat. Der FALTER ist eine österreichische Wochenzeitschrift.

Waren Sie schon einmal in Syrien? Ich selbst habe es nie dorthin geschafft. Ich bereue es häufig. Wenn ich daran denke, dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt von mehr als zehn Jahren Krieg. Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben.

Ähnliche Gefühle beschleichen mich dieser Tage bei Afghanistan. Wenn ich Namen von Städten wie Kandahar lese; oder von der kleinen Ethnie namens Nuristani, die am Hindukusch lebt und erst Ende des 19. Jahrhunderts zwangsislamisiert wurde (sauze káfir, grünäugige Ungläubige, werden sie genannt); oder vom Khyber Pass, der wichtigsten Verbindung zwischen Afghanistan und Pakistan. So wie Syrien ist auch Afghanistan zwar nur wenige Flugstunden von Wien entfernt, aber so unerreichbar wie der Mars. Was wird aus diesem Flecken Erde und seinen vielen verschiedenen Menschen, Kulturen und Sprachen werden?

Unter der rohen Gewalt, die über Afghanistan gekommen ist, entrückt das Land vor unser aller Augen, live übertragen von den global sendenden Fernsehstationen. Das muss man sich einmal vorstellen: Nach 20 Jahren amerikanischer Präsenz kontrollieren die Taliban nach wenigen Wochen mehr Territorium als vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2001.

Zudem riegeln die Taliban alles ab. Die allerletzte Verbindung zum Rest der Welt, der überrannte Flughafen von Kabul, schwindet zusehends dahin. Noch sechs Tage sichern sie den Flughafen, danach wird auch diese letzte Verbindung gekappt. Afghanistan wird als Steinzeit-Emirat versiegelt, ein schwarzes Loch auf der Weltkarte, wo Massenhinrichtungen durchgeführt werden, Mädchen teils nicht in die Schule gehen und Frauen sich jetzt schon nicht mehr frei bewegen dürfen.

Und was macht die österreichische Bundesregierung, um zu helfen? Einfach gar nichts.

https://www.falter.at/maily/1016/afghanistan-am-mars-601?ref=homepage

Foto: The Elder Poem von Elisabeth Sansonow

in diesen tagen …

in diesen tagen wenn der regen fällt und ich den regentropfen zuschaue die am fenster runterlaufen / in diesen tagen wenn die sonne scheint und ich zum see radle und im seidenweichen wasser mit den enten schwimme / in diesen tagen wenn ich die ruhe um mich genieße und mich eingebettet und geborgen fühle / in diesen tagen in denen menschen ihren alltagsgeschäften nachgehen / in diesen tagen / in diesen tagen frage ich mich ob ich glücklich sein darf

in diesen tagen wenn ich menschen sehe die andere menschen erschießen weil sie das land verlassen wollen / in diesen tagen in denen bärtige männer auf von kopf bis fuß verhüllte frauen einschlagen / in diesen tagen in denen witwen zwangsverheiratet werden / in diesen tagen in denen menschen kindern verbieten in die schule zu gehen / in diesen tagen in denen menschen angst um ihr leben haben müssen / in diesen tagen / in diesen tagen frage ich mich ob ich glücklich sein darf

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Meine Trauer und mein Zorn hält sich die Waage – Trauer über die betroffenen Menschen und Zorn über die Verwantwortlichen …

Ich möchte gerne weghören und wegschauen, so wie es viele, leider viel zu viele Menschen tun. Ich möchte wegschauen von den Corona- und Klimaveränderungsleugner*innen – und jetzt von den Verantwortlichen für die unsägliche Situation in Afghanistan, die genau gewusst haben, was passieren wird, und nichts getan haben …

Und ich frage mich, ob die politisch Verantwortlichen, also jene, die die Macht hätten, etwas zu verändern, und die Reichen, die Milliarden horten oder für Weltraumflüge ausgeben, wirklich glauben, dass sie nicht irgendwann davon betroffen sein werden – vor Überflutungen, vor brennendem Land, vor Trinkwassermangel etc. etc., und vor der Flut von Menschen – vor Völkerwanderungen – Menschen, die sich auf den Weg machen müssen, weil sie sonst gefoltert, ermordet werden, oder ihnen ein lebenswertes Leben genommen wird?

Glauben sie wirklich, dass Macht und Geld davor schützt?

Am Ende des Tages werden wir alle gleich sein – sind wir das doch sowieso – nur sie wissen es nicht …

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Bild: Caspar David Friedrich

Beim Älterwerden langsam aus der Zukunft ankommen

Vor einigen Tagen habe ich in Helga Schuberts, geb. 1940, Buch „Aufstehen“ gelesen:

«Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Heute habe ich, geb. 1950, geschrieben:

Ich diesem Jahr des Älterwerdens bin ich langsam aus der Zukunft angekommen, ich nehme Abschied von meinem Kloster in Sri Lanka das ich nicht mehr besuchen werde, von den fernen Gebirgen, die ich noch durchwandern und den Meeren, in denen ich noch schwimmen wollte, genauso von den Opernhäusern, den Museen in den Hauptstädten, und all den Ländern die ich noch besuchen wollte.

Und dann fällt mir beim Stöbern in meiner Bibliothek das Buch von Cees Nooteboom „Rituale“, gekauft als ich 45 war, in die Hände, und finde einen Marker:

„Jetzt, da er die Vierzig hinter sich hatte, würde er nicht mehr Pianist werden wollen, würde er auch nicht mehr Japanisch lernen, das wusste er mit Sicherheit, zugleich aber ließ diese Sicherheit ein kummervolles Gefühl in ihm aufkommen, ihm war, als mache das Leben jetzt endlich seine Einschränkungen geltend, als würde dadurch der Tod sichtbar: Es stimmte nicht, dass alles möglich war. Vielleicht war alles einmal möglich gewesen, doch jetzt war das nicht mehr so.“

Und mein Kopf schüttelt sich wie der Wackeldackel im Auto.

Nein, aber nein, mit 40 war die Welt noch offen für mich und ich habe mir noch so viele Wünsche erfüllt, damals ….

Heute, ja heute, sage ich: Damals war alles möglich, doch jetzt ist es nicht mehr so. Ich bin aus der Zukunft angekommen, und weiß, dass vieles nicht mehr möglich ist.

Noch einmal Helga Schubert:

„Dieses Ankommen, zurückkehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben, gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.“

Akzeptanz für das was nicht ist –

Dankbarkeit für das, was ist …

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Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

https://www.dtv.de/buch/helga-schubert-vom-aufstehen-28278/

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Heute Morgen entdeckte ich folgende Notizen, die ich im Oktober 2020 in einem Mail an eine liebe Freundin geschrieben habe:

Jetzt, am Beginn der dunklen Zeit schreibe ich dir einige Fragen / Gedanken / Notizen:

Das Ablaufdatum der Erde

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Oder poetischer formuliert – die Erde tritt in den Winter ihres Lebens ein? –

So wie auch ich

Und unser beider Ende ist absehbar

Wenn ich das Sterben / den Tod akzeptiere, bedeutet das, dass ich der Meinung bin, wir sollten / bräuchten nichts tun, weil es sowieso zu Ende geht?

Nein, dieser Meinung bin ich nicht

Erde und Universum haben ihren eigenen Rhythmus

Wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird

Monate / Jahre / Jahrhunderte?

Wer weiß das schon …

Was ich weiß, ist –

„Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben müsste, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“

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Heute geschrieben, August 2021:

Und wenn alles um uns zusammenbricht

Feuer und Wasser menschliches Dasein vernichtet

Was hält uns dann?

Was hält dich und mich?

Gemeinschaft / Unterstützung / Fürsorge – Liebe

Und so manches Mal frage ich mich – ob erst alles

zusammenbrechen muss, damit wir uns auf das

was uns hält und trägt besinnen …

Ich habe heute einen Essay über den

Urgrund des Seins

geschrieben

der „Urgrund des Seins“ hält mich –

spricht mit mir und in mir

schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit

einer absoluten Liebe

Sicherheit und Vertrauen