hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt

Die folgenden Zeilen habe ich 7 Tage nach meinem 70. Geburtstag geschrieben.

Hier das Gedanken-Zahlenspiel meiner lieben Freundin Regina, das sie mir zu meinem Geburtstag schrieb. Danke, liebe Freundin!

„Die Quersumme von 70 ist 7.

Die Quersumme von „6.1.“ ist 7.

Die Quersumme von 6.1.1950 ist 4.
Die 7 ist eine magische Zahl – die 4 steht für die Vollkommenheit.
7 Raben, 7 Tage die Welt zu erschaffen und ihr Sein in Ruhe zu betrachten, 7 Tage, 7 Nächte, 7 Jahre, um zu wachsen , 7 Dekaden gelebten Lebens …

… 4 Himmelsrichtungen, 4 Könige und 4 Damen im Kartenspiel, 4 Jahreszeiten, 4 Blätter bilden ein Glückskleeblatt.“

Hineinwachsen in mich = weniger haben = wesentlich sein =

Ich bin

Ich

Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich werfe meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher weg. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.

Was vorher war

Täglich versank ich mehr und mehr in meinen Erinnerungen – bei jedem Hundemorgenspaziergang merkte ich, wie ich Mühe hatte, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wie mich die Erinnerungen überschwemmten und mitrissen wie ein reißender Fluss. Täglich versank ich in meiner Vergangenheit. In den Teilen meiner Vergangenheit, die Schmerz und Leid bedeuteten; in einer Vergangenheit, in der ich andere Entscheidungen hätte treffen können – andere Wege an den Wegkreuzungen meines Lebens hätte wählen können – und es nicht getan habe; so viele Lebenschancen, die ich nicht wahrgenommen habe, etc. etc. Die vielen „hätte“ türmten sich auf wie ein endloser Aufstieg auf einen Berg, der mir den Atem nahm. Die vielen „hätte“ – sind sie doch endlos …

Was jetzt ist

Ich sehe Sätze des Schmerzes, des Leids und der Verzweiflung genauso wie die Liebe und Freude mit meinem Sohn und meinen zwei Ehemännern; das Entdecken und Freilegen des verschütteten Selbst in den Jahren der Selbsterfahrung und Therapie; das Lernen und das Wachstum auf vielen Ebenen über die Jahre.

Ich sehe zum letzten Mal meine Schrift, wie sie sich über die Jahrzehnte verändert hat; die gemeinsam geführten Tagebücher in der Zeit mit einem meiner Lebensliebsten – unser Innerstes ausgebreitet voreinander und miteinander – welch wunderbare, kostbare Zeit; die gesammelten Fahr- und Flugtickets meiner Reisen; eingeklebte Ansichtskarten und Fotos; meine Zeichnungen; und die vielen Briefe, die ich meiner Mutter geschrieben habe – wie habe ich mich an ihr abgearbeitet – mein Ringen, geliebt und gesehen zu werden (was ihr erst – aber immerhin, zwei Jahre vor ihrem Tod mit ihrer Krebserkrankung möglich war)!

Und schlussendlich bin ich sehr dankbar über all dieses gelebte Leben!

Ich nehme mein aufgeschriebenes und beschriebenes Leben zum letzten Mal wahr – bevor ich die Seiten zerreiße und loslasse.

Ja – darum geht es: Loslassen!

Nein, ich werde nach meinem Buch „Die Erzählungen über das Älterwerden und mehr …“ nicht die geplante Biographie schreiben.

Ich lasse meine Vergangenheit endgültig los.

Und ich gehe zum Hochschrank und räume aufmerksam und liebevoll sämtliche Familienfotos weg ~ all die Verstorbenen ~ keine Vergangenheit mehr …

Jetzt nicht.

Mein Leben – mein tägliches Leben – in den wenigen Jahren, die mir bleiben.

Und ich habe noch schöne, dunkelrote Papiertragetaschen aus meinem Laden mit Kleidung und Accessoires aus Naturstoffen und Filz, den ich einmal  für kurze Zeit hatte. Und in diesen blutroten Taschen verschwinden Seiten für Seiten – die mit meinem Herzblut geschriebenen Erinnerungen für Erinnerungen. Und ich binde die gefüllten Taschen an den Henkeln mit meinen schönsten Geschenksverpackungsbändern zusammen und versenke sie mit einem wehmütigen und befreienden Lächeln in der Papiertonne. Leben – mein gelebtes Leben.

Und die Regale leeren sich.

Befreiende Leere.

Druck verschwindet von meinem Herzen und aus meiner Lunge – ich kann wieder durchatmen. Luftig und leicht sehen sie aus die Regale – im Außen und im Inneren.

Ich bin dabei die Teetasse zu leeren …

„Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.
Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte.
Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee.
Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann.
Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal.
Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.
Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte.
Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male.
Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen.

Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.
Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“
Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr:

„In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“

(Quelle: unbekannt)“

Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Ich bin

Ich

Nichts sonst

Und ich wasche und putze und fege den Staub der Vergangenheit weg – welche Freiheit öffnet sich, welch ein Vergnügen!  Ich putze nicht gerne – und nach der Überwindung des Widerwillens gegen das Putzen kommt die Freude über die saubere Leere …

Und ich denke daran, wie ich in den letzten Wochen meine Briefe unterschrieben habe – Monika und immer wieder auch Ma Prem Chandana (mein spiritueller Meditationsname) und MonikaChandana …

Und dann erinnere ich mich, wie ich in der Biographie der Malerin Paula Modersohn-Becker in ihrem Brief von 17. Februar 1906 (sie starb im November 1907 mit 31 Jahren) gelesen habe:

„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker.

Ich bin

Ich,

und hoffe, es immer mehr zu werden.

Dies ist wohl das Endziel von allem unsern Ringen.“

Dankbar für das das Geschenk der Jahre und nicht wissend, wie viele Jahre mir noch bleiben, hoffe ich, es immer mehr zu werden …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben.

Das sind große Worte.

Ich musste erst 70 Jahre alt werden um sie zu schreiben.

Hätte ich das früher auch so formuliert?

Nein. Sicher war die Liebe wichtig für mich in meinem Leben.

Aber sie war nicht das Wichtigste. Ein Teil des Lebens.

Heute denke ich mir, sie ist das Wichtigste – sie ist das Leben selbst.

Warum? Kommen wir doch als liebende Wesen – als bedingungslos Liebende zur Welt.

Ein Kind liebt bedingungslos. Mit leuchtenden Augen, einem Lächeln, einer Hinwendung des ganzen Seins wendet sich das Kind dem Menschen zu, der sich dem Kind zuneigt. Wie lange diese bedingungslose Liebe in dem Kind vorhanden bleibt, hat mit der Zuneigung und der Bereitschaft zur bedingungslosen Liebe des sorgenden Menschen zu tun. Es dauert lange bis die bedingungslose Liebe zerstört wird. Kann sein durch Ungeduld, Enttäuschung, Unachtsamkeit, Überforderung, Ärger; später auch durch das Stellen von Bedingungen und Forderungen.

Nur wenn du so und so bist, wenn du dich so und so verhältst, liebe ich dich – bist du meiner Liebe wert – lernt das Kind.

Die Liebe erhält den Wert einer Ware. Sie ist nicht mehr bedingungslos.

Ein Tauschgeschäft sozusagen. Ja, so ist das mit der Liebe.

Und somit tritt die Frage in das Leben – bist du es wert geliebt zu werden?

Erfüllst du die Bedingungen, die dir gestellt werden – ja. Ansonsten – nein.

Und damit beginnen das Kind und später auch der erwachsene Mensch das Leben danach auszurichten, diese Bedingungen zu erfüllen. Und das auch bei und mit Menschen – schon einmal vorbeugend, die diese Bedingungen vielleicht gar nicht stellen.

Noch einmal schwieriger wird es, wenn das Gegenüber mit anderen Bedingungen und Forderungen aufgewachsen ist, und man selbst diese daher gar nicht kennen kann. Dann wirst du viel Zeit damit verbringen, diese herauszufinden. Du wirst dich verbiegen, verdrehen, verleugnen – wie will er oder sie mich bloß haben?

Ich wage jetzt einmal zu sagen, dass es immer um die Liebe geht.

Denn – ist Hass nicht die Kehrseite der Medaille?

Entsteht Hass nicht durch diese verlorene Liebe?

Ich meine – ja.

Aller Hass / Neid / Machtanspruch / Gier / Gewalt – entsteht, so absurd es auch klingen mag, durch die Suche nach der verlorenen bedingungslosen Liebe.

Einfach sein oder „So wie die Dinge sind, sind sie bereits vollendet“ 1)

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass du perfekt sein musst.

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass die Liebe perfekt sein muss.

So geht das nicht.

Da ist das Scheitern / die Enttäuschung bereits vorprogrammiert.

Worum geht es dann?

Es geht um die Einsicht, dass alles wie es ist – und damit auch du, bereits vollendet ist.

Ich sage nicht, dass du in Ordnung bist, denn da müsstest du dich ja einer von wem auch immer bestimmten Ordnung unterordnen um – perfekt – zu sein.

Ich erinnere an die oben beschriebenen Bedingungen.

Nein, ich sage, dass du bereits vollendet bist.

So bist du zur Welt gekommen.

Ein ziemlich neuer Gedanke, hm?

Ja, war er für mich auch. Anfangs.

Ich, die ich mich doch immer bemühte, mich zu verbessern. Noch besser zu sein, und noch besser – und eigentlich nie ans Ziel kam.

Dabei ist es doch so einfach.

War ich doch längst am Ziel.

Das Ziel ist in mir. War immer da und ist immer da.

Ich bin so zur Welt gekommen. Vollkommen.

So wie du auch.

Und eigentlich geht es ums Loslassen.

Um das Loslassen von allem was sich über diese innere Vollkommenheit / die bedingungslose Liebe gelegt hat.

Kostet dieses Loslassen nicht auch Mühe, wirst du vielleicht fragen?

Ja, schon. Aber nicht so viel Mühe wie das sich dauernd verändern und verbessern zu wollen.

Es braucht Achtsamkeit.

Tägliche und immerwährende Achtsamkeit.

Achtsam durchs Leben zu gehen bedeutet anfangs vielleicht auch etwas Mühe, weil wir es verlernt haben. Kinder sind sehr achtsam – können sich im Augenblick verlieren – im Hier und Jetzt. Es wieder zu lernen verbessert die Lebensqualität – ist es doch ein Ankommen im Hier und Jetzt. Raus aus der Spirale der sich immer wieder drehenden und verfangenden Gedanken in das Wahrnehmen der Wirklichkeit – dem Hier und Jetzt.

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du bist

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du nicht hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du nicht bist

Chao-Hsiu Chen 2)

Wenn es um die Liebe geht, bedeutet das – so wie in allen anderen Dingen auch – wahrzunehmen was ist.

Wahrzunehmen, welche Gefühle in dir da sind – ohne sie in gute und schlechte Gefühle zu bewerten.

Wahrzunehmen welche körperlichen Empfindungen du spürst – ohne sie in gute und schlechte Empfindungen zu bewerten.

            „Bei Gott ist alles schön und gut und gerecht; die Menschen aber halten einiges für gerecht , anderes für ungerecht.“ 3)

Wenn du bei dem bleibst, was jetzt gerade im Moment ist, wenn du dir erlaubst, das ohne Bewertungen wahrzunehmen, wirst du merken, wie wahrhaft konkret dieser Moment ist.

Darum geht es – um das „Hier und Jetzt“.  

Und wenn du nicht mehr bewertest, wirst du aufhören zu beurteilen / zu verurteilen. Du wirst auch aufhören, bestimmte Gefühle (die guten) haben zu wollen, und andere (die schlechten) nicht haben zu wollen.

Du wirst Liebe empfinden – Lust / Freude / Ärger / Angst / Schmerz / Traurigkeit / und so weiter und so fort …

Ja, das ist das Leben. Dies alles.

Du wirst die breite Palette der Gefühle erleben / wirst dir erlauben sie zu spüren und auszukosten – und wenn du akzeptierst, dass dies der wahrhaftige Moment deines Lebens im Hier und Jetzt ist, dann – und nur dann- wirst du es auch merken, wenn sich wieder etwas verändert hat in dir. Auch Gefühle verändern sich – kommen und gehen.

Eine Veränderung, die in dir durch das Leben stattfindet und nicht weil du glaubst, etwas verändern zu müssen. Das Leben selbst wandelt sich …

Der griechische Philosoph Heraklit lehrte, „dass alles fließt“ (Panta rhei) und „nichts so beständig ist wie der Wandel“. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.“3)

Wenn du dich bemühst, etwas zu verändern, ist es mühsam weiter zu kommen.

Wenn du glaubst, du machst so viele Fehler, und musst dich bemühen, das raus zu kommen, wird das der Beginn einer langen mühsamen Reise für dich sein.

Am Ende wirst du – vielleicht / hoffentlich – dort ankommen, wo du bereits immer schon warst – im Moment deines Lebens / im Hier und Jetzt.

Wir dürfen Fehler machen / fehlerhaft sein.

Wir dürfen die höchsten Freuden der Lust und Liebe empfinden und die tiefsten Qualen der Liebe.

Und trotzdem – trotzdem – sind wir vollendet.

Kling wie ein Widerspruch.

Ja, wenn wir nach unseren tradierten und erlerntem Wertesystem denken und empfinden.

Nein, wenn wir akzeptieren / achtsam sind und wissen, dass es gut ist so wie es ist.

Es ist so wie es ist …

1) Dzogchen sagt: „Iss den Apfel, du brauchst ihn nicht zu backen.“ Das Wort Dzogchen heißt die Große Vollendung. Das bedeutet, dass die Dinge so wie sie sind bereits fertig, vollendet sind. Es ist – was es ist. (…) wir sind damit beschäftigt Dinge zu verbessern, zu verändern, die natürlich belassen vielleicht ebenso gut wären.“

Interview mit James Low im Magazin der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Januar bis März 2020.

2) Chao-Hsiu Chen: Im Tempel der Stille, Gustav Lübbe Verlag

3) Den Ursprung des Guten und der Harmonie im Leben verortete Heraklit im Logos, dem göttlichen Wort bzw. der universellen Vernunft (das griechische Wort lógos bedeutet etwa Wort, Sprache, Rede, Grund, Anlass, Vernunft). Der Logos war kein personifizierter Gott sondern eine feurige Kraft oder ein feuriger Prozess göttlicher Natur, der alles durch schöpferischen Kampf im besten Sinne ordnete.

Gregory Bassham: Das Philosophiebuch, Librero

Raureif

Heute beim Hundespaziergang – es ist klirrend kalt und silberner Raureif bedeckt die Dächer, verzaubert Wiesen und Felder und die Äste der Bäume; auf den Feldern äsen Rehe – und über allem der Nebel.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich mich mit dem Winter angefreundet habe. Vielleicht hat es auch mit meiner Hündin Samy zu tun – sie findet jedes Wetter schön – und ich mit ihr. Wenn sie sich freut, freue ich mich auch …

Also, ich habe mich arrangiert – mit dem Winter genauso wie mit dem Älterwerden. Und doch gibt es da einen Teil in meiner Seele … Während Samy und ich dahin wandern, sie schnüffelt an jedem Grashalm, ich schaue den Rehen zu, bewundere den Raureif, genieße mit jedem Atemzug die kalte Luft – und plötzlich / plötzlich merke ich, dass ich vor mich hinsumme / ja, ganz leise die ersten Zeilen singe – nein, kein Weihnachtslied – ich singe:

Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen,

das Licht wäre mollig und die Luft nicht mehr grell.

Ich käme gut aus mit mir, und wir würden den Tag rausschwitzen.

Dann könnt ich dich lieben, eventuell ….“

Ah ja, ich muss lächeln – „von rausschwitzen“ keine Spur, jedoch ein wunderschönes Liebeslied von Konstantin Wecker, das ich sehr liebe. Ich summe weiter und lächle …

Als wir nach Hause kommen und jetzt auch – ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue zum Fenster raus – schneit es in dicken Flocken …

Hier der Text eines meiner Lieblingslieder von Konstantin Wecker und ein Link:

Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen,

das Licht wäre mollig und die Luft nicht mehr grell.

Ich käme gut aus mit mir, und wir würden den Tag rausschwitzen.

Dann könnt ich dich lieben, eventuell.

Und dann breit ich mich

einfach aus in dir,

wir werden wesentlich,

und dann leben wir.

Und dein Lächeln fällt in kleinen Bissen

herab zu mir.

Ich möcht gegen Abend mit dir auf behäbigen Pferden reiten,

und das Land, das Land zerfließt unter unserem Schritt.

Die Sonne stirbt wie ein Tier, und man sieht sie die Augen weiten.

Und wir ziehn in ihr Rot und sterben mit.

Und dann breit ich mich

einfach aus in dir,

wir werden wesentlich,

und dann leben wir.

Und dein Lächeln fällt in kleinen Bissen

herab zu mir.

Konstantin Wecker trat am Abend des 6. 9. 1985 im Garten des Metropol in Wien auf. Hier das Lied: „Liebeslied“

Das Weltklima, Zivilisation, Kultur und die Bishnois – eine Gegenüberstellung

Wir sind nicht die Herrscher*innen über die Natur. Wir sind ein Teil der Natur.

Der Ökonom Niko Paech rügt den Lebensstil vieler Bürger*innen und bezeichnet sie als „Ökologische Vandalen“. Er meint, dass sie sich über die fatalen und umweltschädlichen Folgen ihres Lebensstils selbst täuschen, und dass eine „Entrümpelung unseres Lebensstils“ dringend notwendig sei.

„Die Bishnoi sind ein Volk, das größtenteils in der Wüste Thar im indischen Bundesstaat Rajasthan lebt. Bishnoi bedeutet „Neunundzwanzig“ und bezieht sich auf die 29  ökologischen und spirituellen Gebote, die Jambheshwar, der Gründer der Gemeinschaft aufstellte. Diese Gebote verbieten unter anderem den Verzehr von Fleisch und das Fällen von Bäumen.

Seit mehr als 500 Jahren konnten die Bishnoi so unter schwierigen klimatischen Bedingungen überleben. Sie leben strikt lakto-vegetarisch und vertreiben auch alle Jäger und Wilderer aus ihren Gebieten. Verlassene Jungtiere werden sogar von den Bishnoi-Frauen gestillt. Eine der größten Populationen der Hirschziegenantilope konnte sich auf diese Weise im Tal des Luni halten.“ 1)

Und während ich dies schreibe höre ich bereits die Stimmen – aber das kann man ja nicht vergleichen / und es können doch nicht alle vegetarisch leben / das sind Naturvölker, die in der Wüste leben und wir leben im zivilisiertem Europa / naive Vorstellungen sind das …

Naive Vorstellungen?

Zivilisation?

„Als Zivilisation wird eine menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. 

Und weiter – Zivilisation ist eine durch Erziehung und Bildung erworbene, verfeinerte Lebensart.“ 2)

Die verfeinerte Lebensart möchte ich einmal dahingestellt lassen, nehme ich doch eine zunehmende Rücksichtslosigkeit innerhalb unserer „zivilisierten Gesellschaft“, gleichfalls zunehmende Gewaltexzesse – nicht nur durch die von den Medien in den Vordergrund gespielten terroristischen Anschläge, sondern auch und vor allem gegenüber Kindern und Frauen, und innerhalb der Familien, wahr.

Sehen wir uns einmal die Definition der „die einem Volk zugesprochene Zivilisation“ an.

„Lebensbedingungen, die gekennzeichnet sind durch:

  • Arbeitsteilige Wirtschaft
  • Städtebau
  • ein gewisses technisch-mechanisches Entwicklungsniveau
  • eine hierarchisch geordnete Verwaltungs- und Machtstruktur
  • gewisse hochkulturelle Genauigkeit
  • institutionalisierte Rechtsprechung
  • einen gewissen materiellen Wohlstand“ 2)

Und nun ein Auszug aus den 29 ökologischen und spirituellen Geboten der Bishnois

  • Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann
  • Töte niemals ein Tier, egal wie klein es ist
  • Iss niemals Fleisch
  • Gib Schafen und Ziegen einen Unterschlupf, um sie vor Schlachtung zu bewahren
  • Denke, bevor du sprichst
  • Habe Verständnis zu vergeben
  • Kritisiere nicht ohne Grund
  • Habe Mitgefühl mit allem, was lebt
  • Fälle niemals einen Baum, beschneide keinen grünenden Baum 1)

Wenn ich mir die Definition der „Zivilisation“, und vor allem auch die lebensfeindlichen Auswüchse / Klimaschädigung / etc. dieser Zivilisation vor Augen führe, wäre dann die „Zivilisation“ nicht als negativ zu bewerten?

Wilhelm von Humboldt meint, dass Bildung und Entwicklung der Persönlichkeit Momente der Kultur seien, während rein praktische und technische Dinge dem Bereich der Zivilisation zugehören.

Dem kann ich mich nur anschließen.

Die früheste Formulierung dieses Gegensatzes  in der deutschen Sprache stammt von Immanuel Kant:

„Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus.“ 3)

Nach Albert Schweitzer erstrebt die Kultur letztlich „die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“. In unserer heutigen Sprache bedeutet dies wohl Selbstreflexion (Ende der Selbsttäuschung) und Weiterentwicklung des Einzelnen – damit auf längere Zeit der Gesellschaft und schlussendlich auch der Zivilisation.

Spiritualität fehlt in unserem Leben.

„Nur Narren loben und verherrlichen die Moschee
Während sie Herzen voll von Liebe und Glauben unterdrücken“

(Rumi, persischer Mystiker)

Rumi betont damit den Vorrang der Liebe vor formaler Religionsausübung.

Spiritualität hat nichts mit den Religionen zu tun. Und Rumis Moschee könnte auch durch Kirche oder Tempel ersetzt werden.

Spiritualität beinhaltet das Wissen über die Zusammenhänge – dass wir alle Eins sind.

Mensch und Natur – dass die Natur nicht etwas von uns getrenntes ist, sondern dass wir als Menschen ein „Teil der Natur“ sind. Das macht uns ein bisschen kleiner. Stutzt uns zurecht.

Wir sind nicht die Herrscher*innen über die Natur. Wir sind ein Teil der Natur.

Damit sieht die Sachlage schon etwas anders aus. Und vielleicht trägt diese Erkenntnis zur anderen Erkenntnis bei, dass, wenn wir die Natur um uns herum schädigen, uns auch selbst schädigen.

Erleben wir das jetzt nicht fast täglich?

Als Abschluss möchte ich den Leser*innen dieses wunderbare Video „ans Herz legen“- die Geo Reportage: „Bishnoi, Tierliebe bis in den Tod“

Inhaltsbeschreibung zitiert:

„Die Wüste Thar im Nordwesten Indiens. Schon früh am Morgen geht Ramniwas Budhnagar hinaus, um Wasser und Futter für die wilden Tiere bereitzustellen. Ramniswas‘ Familie gehört zum Volk der Bishnoi. Bishnoi bedeutet „29“, abgeleitet von den 29 Geboten, die Guru Jambeshwar vor etwa 500 Jahren für seine Gemeinde aufstellte.

Zu jener Zeit drohte das Land durch Konflikte zwischen Muslimen und Hindus und Rivalitäten innerhalb der verschiedenen Kasten auseinanderzubrechen. Jambeshwar glaubte, dass der einzige Weg aus dieser Situation ein absoluter Respekt gegenüber jedem Leben ist. Dafür stellte er die 29 Regeln auf. Sie betreffen die tägliche Hygiene ebenso wie die Art zu sprechen, die Ernährung, das Mitgefühl und das Vergeben gegenüber anderen. Auch das Verbot Tiere zu töten und Bäume zu fällen ist in den 29 Regeln festgeschrieben. Damit gehören die Bishnoi seit 500 Jahren zu den ersten Umweltschützern der Welt.

Bis heute versuchen sie ihren Idealen treu zu bleiben, in einer globalisierten Welt, in der wenig Platz für Individuen und Lebensformen jenseits der Moderne ist. Die jungen Bishnoi wandern in die Städte ab. Diejenigen, die bleiben, kämpfen weiter für die Rechte der Tiere, verarzten verwundete Gazellen und pflegen sie in den eigenen Tempeln gesund. Aber sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Längst greift Ramniswas auf moderne Kommunikationsmittel wie das Mobiltelefon zurück, organisiert Demonstrationen, über die am nächsten Tag in der Zeitung berichtet wird. Aber wird das reichen, um den Bishnoi und ihrem Kampf ein dauerhaftes Überleben zu sichern?“ 4)

Wird das reichen, um den Bishnoi und ihrem Kampf ein dauerhaftes Überleben zu sichern?

Vielleicht – wenn wir unsere Zivilisation mit Kultur und Spiritualität verbinden, und  mit Achtung, Respekt und einem liebevollem Herzen mit unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und uns selbst umgehen.

Wie heißt es in den Geboten der Bishnois?

Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann

Habe Verständnis zu vergeben

Habe Mitgefühl mit allem, was lebt ….

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Bishnoi

2) https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation

3) https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur

4) https://www.youtube.com/watch?v=zyOFQFpX61w

Foto: https://programm.ard.de/TV/Themenschwerpunkte/Dokus–Reportagen/Alle-Dokumentationen/Startseite/?sendung=287242316318105

Gedanken über die ansprechende Sprache und den Dialog

“Bohm entwickelte seinen Ansatz des Dialogs im intensiven Austausch mit Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti ging von einer vollständigen ‘geistigen‘ Freiheit aus.

Sprache kann uns verbinden und auch trennen

Wir lauschen einer Sprache – dem gesprochenen Wort

Die Worte können uns ansprechen / anziehen oder abstoßen / verwirren /  kränken

Das gesprochene Wort löst Gefühle in uns aus

Es wird schwierig, wenn mich mein Gegenüber nicht versteht

Ich kann mich dann nicht verständlich machen

Die Sprache meiner Kindheit genügte mir eines Tages nicht mehr / sie reichte nicht aus

Es waren zu wenig Worte vorhanden / sehr oft gar keine

Ich versuchte, mich verständlich zu machen – und wurde nicht verstanden

Ich war ein nicht verstandenes Kind

Die Wortklauberin war geboren

Sich verständlich machen

Im Wort verständlich ist der Verstand enthalten

Aber auch das Verstehen

Und manchmal glauben wir / nehmen wir an / verstanden zu werden – doch unser Gegenüber versteht etwas ganz anderes – weil unsere Worte in seiner Welt eine andere Bedeutung haben / weil unsere Worte in seiner Welt andere Gefühle auslösen

Als Schriftsteller*in weiß ich, dass meine Texte Leser*innen ansprechen oder auch nicht / dass jeder Mensch etwas anderes aus meinen Worten herausliest

Was hören wir

Was verstehen wir

Was empfinden wir

Auch eine mir nicht verständliche / weil fremde Sprache / deren Worte ich nicht verstehe / kann mich ansprechen oder auch nicht

Ich lausche dem Klang der Stimme / dem Klang der Worte

Diese fremde Sprach kann Musik in meinen Ohren sein

Ich muss sie nicht verstehen / doch vielleicht erfüllt sie mich mit Leichtigkeit und Freude

Sprache kann uns verbinden und auch trennen

Wir lauschen einer Sprache – dem gesprochenen Wort

Ich frage nach

Ich sage – ich höre dieses und jenes und verstehe dieses und jenes

Meinst du das so oder meinst du etwas anderes

Dann, wenn diese Fragen gestellt werden, besteht die Chance, dass aus einer Diskussion ein Dialog entsteht

„Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion“ nennt David Bohm sein Buch. 1) Bohm war ein US-amerikanischer Quantenphysiker und Philosoph, er war ein Zeitgenosse und Bewunderer von Jiddu Krishnamurti 2) und begründete den „Bohm-Dialog“.

„Bohm entwickelte seinen Ansatz des Dialogs im intensiven Austausch mit Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti ging von einer vollständigen „geistigen“ Freiheit aus. Durch Aufmerksamkeit,  Beobachtung des eigenen Geistes und dessen Reaktionen im Moment der Transformation könne der Mensch zu seinem Inneren gelangen und seine Konditionierung durch Traditionen und Vorurteile beenden.

Nach Bohm ist der Dialog geprägt von einer Intensivierung der Gespräche. Durch diese Vertiefung können die Gefühle, Wertungen, Vorannahmen ins Bewusstsein gelangen, die das Denken und Handeln des einzelnen Teilnehmenden lenken.

Somit können durch den Dialog die Erfahrungs- und Lebensgeschichten der Teilnehmenden erkundet werden. Daraus entsteht zugleich ein tieferes Verstehen der Dialogpartner untereinander, des besprochenen Sachzusammenhangs und der eigenen inneren Prozesse. Auf diesem Weg eröffnet sich die Möglichkeit, Standpunkte und Haltungen zu verändern.“ 3)

Hier wird von Aufmerksamkeit / Achtsamkeit gesprochen

Aufmerksamkeit / Achtsamkeit erfordert Langsamkeit

Wenn wir unseren automatischen gedanklichen und emotionalen Mustern – wir könnten auch von Prägungen sprechen – auf die Schliche kommen wollen, geht das nicht ohne Verlangsamung

Wenn sich in uns, während das Gegenüber spricht, bereits die eigenen Gedanken / Vorstellungen / Kommentare formulieren – sind wir vom Zuhören ohne Vorbehalt weit entfernt

Wenn wir zuhören wollen – dem anderen so vorbehaltlos wie möglich lauschen wollen – erfordert dies ein zur Ruhe kommen der eigenen Gedanken

Was hören wir

Was verstehen wir

Was empfinden wir

Sprache kann uns verbinden und auch trennen

Wir lauschen einer Sprache – dem gesprochenen Wort

Und bestenfalls – in aufmerksamen Momenten / unserem Gegenüber – mit offenem Herzen und freiem Geist  …

1) David Bohm: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion, Klett-Kotta Verlag

2) Jiddu Krishnamurti, geb. 1895 in Madanapalle, Indien, gest. 1986 in Ojai, Kalifornien, war ein indischer Philosoph und Theosoph. In seinen wichtigsten Veröffentlichungen thematisiert Krishnamurti spirituelle Fragen, wie die Erlangung vollständiger geistiger Freiheit durch Meditation, aber auch religiöse und philosophische Themen. 

3) Zitiert aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Dialog

Erstveröffentlichung: http://www.toterwinkel.at/gedanken-ueber-die-ansprechende-sprache-und-den-dialog/