Durcheinander

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Erich Fried hat dieses Gedicht 1979 gegen Ende des Vietnamkrieges veröffentlicht. Es erscheint mir gerade jetzt auch sehr passend.

Durcheinander

Sich lieben
in einer Zeit
in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben

Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen

(Erich Fried, aus dem Lyrikband „Liebesgedichte, das 1979 gegen Ende des Vietnamkrieges veröffentlicht wurde)

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Im Gespräch mit Erich Fried

„Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

Heute auf Ö1, 16.00: Im Gespräch mit Erich Fried, Lyriker, Übersetzer und Essayist (Erstausstrahlung am 18. November 1993)

Erich Fried, geboren 1921 in Wien, zählte in den 1970er und 80er Jahren zu einem der meistbeachteten Vertreter der politischen Lyrik im deutschen Sprachraum.

17-jährig flüchtete Erich Fried im Frühsommer 1938 nach England. Die englische Sprache wurde ihm zur zweiten Heimat. So sehr, dass er einer der bedeutendsten Shakespeare-Übersetzer seiner Zeit wurde.

Politisch eingemischt hat sich Fried mit seiner politischen Lyrik, für die er gleichermaßen verehrt wie angefeindet wurde. Manche seiner Gedichte haben mittlerweile Sprichwort-Charakter: „Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

1986, zwei Jahre vor Frieds Tod, führte der österreichische Literaturwissenschafter Thomas Rothschild dieses Gespräch mit Erich Fried im Stuttgarter Schlossgartencafé als Materialsammlung für eine Publikation, die nie erschien. Und so gibt es den Recherche-Charakter wieder: ohne vorbereitete Fragen, nicht auf technische Perfektion achtend. Ein seltenes, außergewöhnliches Tondokument.

Erich Fried wäre heuer 95 Jahre alt geworden.Erich Fried