sonntagmorgen meditation

sitzen

wahrnehmen dass ich sitze

mein körper entspannt

mein herz meine gedanken

kommen zur ruhe

hände finden ruhe

auf den oberschenkeln

daumen und zeigefinger

vereinigen sich

einatmen ausatmen

nichts sonst

ruhe im innern

ruhe im außen

erste sonnenstrahlen

wärmen

einatmen ausatmen

nichts sonst

(M.K., 05 09 2021)

Je älter desto kostbarer die Augenblicke des Lebens …

Ein Versprechen

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Vorab:

Mir ist immer bewusst, in welch glücklicher Lage ich JETZT bin um mich mit all dem – Stille / Rückzug / Besinnung / Achtsamkeit/ etc. – zu beschäftigen und auch darüber zu schreiben. Ich habe Zeit und ich bin gut versorgt durch mein Grundeinkommen (Pension). Jedoch – BEGONNEN habe ich vor Jahrzehnten – DAMALS – als ich in großer seelischer Not war / als meine finanzielle Lage nicht sicher war / als ich Alleinerzieherin war / und später noch hat es mich immer wieder gestärkt als ich einen sehr fordernden Beruf hatte. Selbstreflexion durch Psychotherapie; Vipassana- (Achtsamkeits-)Meditation; immer wieder Rückzug; Selbsterkenntnis durch die buddhistische Lehre  – hat mich unterstützt / mich gestärkt / verändert – und mir immer wieder ein gutes Leben ermöglicht.

JETZT  habe ich mehr Zeit und Ruhe – um mich zu vertiefen …

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Jeder Augenblick kann der letzte sein

Alles Seiende

immer und jederzeit

die Jahreszeit

der Nebel über dem Garten

der Sonnenaufgang

das Bellen des Hundes

die weichen Pfoten der Katze

die Hand des Geliebten

das Zusammensein mit lieben Menschen

Berührungen die das Herz erfreuen

Berührungen der Lust und Liebe

das Gefühl

der Gedanke

der Herzschlag

der Atemzug

Ich verspreche es mir

Ich übe täglich – besonders bei Menschen, mit denen es mir nicht leicht fällt. Ich übe täglich – Metta (Liebende Güte)

Einiges habe ich an den verschlungenen Wegen meines Lebens bereits gelernt – das Loslassen von alten Verhaltensmustern und das Lernen von einem neuen Umgehen miteinander – doch mir scheint, als ob dies der Krönungsweg sei. „Diese Liebe“ – ohne Anspruch auf Besitz oder Erwartung, das freiwillige Herzensgeschenk lernte ich bereits und auch das Mitgefühl und Freude gönnen – jedoch, die Nachsicht und Geduld, meine liebe Ursula, da gehe ich immer wieder in Kinderschuhen …

Ich lasse meine sehr geschätzte 92-jährige erste Vipassana-Meditationslehrerin Ursula Lyon, zu Wort kommen:

„Herzensgüte ist eine große heilende Kraft. (…)

Liebende Güte kommt manchen Menschen sehr entgegen, andere haben damit ihre Schwierigkeit. Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld. (…)

Die liebende Güte befreit von innerem Druck und lässt das Herz weit werden. Sie verbindet mit anderen Menschen, allen Lebewesen und der ganzen Natur.“

Tägliche Wahrnehmung –

Begreifen – spüren – anwenden …

Ich atme – ich bin …

Augenblicke der Achtsamkeit

liebevolle Gefühle

liebevolle Gedanken

liebevolle Beziehungen

liebevolles Wahrnehmen

einen letzten Atemzug in Liebe

dann – am Ende des Seienden …

Am Anfang war Liebe und am Ende bleibt die Liebe …

„In meinem Anfang ist mein Ende – in meinem Ende ist mein Anfang.“

(Inschrift auf dem Grabstein von T.S. Eliot)

Ursula Lyon: http://sampadasangha.com

ich trage mein schneckenhaus

meinen eltern zu eigen / für die gewesenen

ich trage mein schneckenhaus

mit mir

als einsame

geboren

~

in fremden landen

liegst du

in fremder erde

du einsamer

der erdhöhle

in die dich der krieg

gezwungen hat

nie entstiegen

~

in heimatlichen landen

liegst du

in heimaterde

du einsame

dem entsetzen des krieges

nie entkommen

~

zeugtet ihr

ein kind

die einsamkeit

im neugeborenen leib

trägt sie euch

~

entkommen

der einsamkeit

geht sie ihren weg

die alleinige

für euch

~

perlmuttschillerndes

schneckenhaus

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die nächte sind dünn

wie greisinnenhaut

~

die gewesenen sind

die seienden werden

~

dann

wenn die nächte

dichter werden

vergessen sie

~

das leben ist nur weg

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„Das Leben ist nur auf dem Wege, das Leben ist nur Weg, hat keine Ankunft, denn es kommt nirgendwo her.“

(Else Lasker-Schüler)

Es war einmal ein wildes und gefährliches Leben – und heute?

Heute, mit meinen 70 Jahren, bin ich froh, als „Nomadin“ wild und gefährlich gelebt zu haben 1). Ich habe mich immer als „Reisende“ bezeichnet. Im Gegensatz zu den „Sesshaften“. Es brauchte Mut, – vielleicht war ich auch übermütig, und so manches Mal auch nicht achtsam. Ich surfte auf den Lebenswellen mit dem Gefühl – mir kann nichts passieren. Ich war so sicher in diesem Gefühl zu hause, dass ich nicht einmal in Erwägung zog, dass mir etwas passieren könnte.

Jetzt im Nachhinein gesehen, denke ich mir so manches Mal – Wahnsinnsfrau – was für ein wildes Vollblutweib – welch ein Mut / welch ein Übermut!

Welch ein Glück, dass sich die Tödin zurückgehalten hat / vielleicht war sie auch nur neugierig, was mir noch alles einfällt ….

Ich bin dankbar – unendlich dankbar, dies alles erlebt zu haben – damals …

Als ich älter wurde – und mein Tun nicht mehr als so selbstverständlich angesehen habe – streifte mich die Dakini-Energie zum ersten Mal. Ich erinnerte mich an die Menschen, denen ich Unrecht getan / die ich verletzt hatte. Eine so bedingungslose und rasante Reise ist nicht möglich, ohne den einen oder die andere Sesshafte zu verletzen. Ich entschuldigte mich. Einige haben mir verziehen, einige nicht. Damit gilt es auch zu leben.

Und heute?

Heute spüre und sehe ich die Tödin an meiner Seite. Manchmal bedanke ich mich bei ihr, dass sie mich alle Abenteuer meines Lebens einfach machen hat lassen. Ich weiß, sie wird mich irgendwann an der Hand nehmen – zu meiner letzten Reise / dem letzten Abenteuer …

Die letzten Jahre waren nicht einfach für mich. Ich wurde zur Sesshaften und wollte es nicht wahrhaben. Ich trauerte der Zeit der Reisenden nach. Ich vermisste die Wildheit / die Gefahr. Mein Leben erschien mir langweilig. Das soll’s jetzt gewesen sein? Wie kann man bloß ein Leben ohne Exzesse leben?

Und immer wieder das Zurücksehnen – so wie es war – so wie ICH war – alles war damals möglich – jederzeit …

Und ich erinnerte mich – erinnerte mich – erinnerte mich …

Und dann kam sie nochmals mit einer gewaltigen Energie – die Dakini-Energie wirbelte mich herum und heraus aus meinem gewohnten Leben – ich surfte nicht mehr auf der Welle – sie zog mich nach unten zum tiefsten Meeresgrund.

Dakini, auch als Himmelstänzerin oder Himmelswandlerin bezeichnet, ist ein Geistwesen des antiken Indiens, welches nach der Mythologie die Seelen der Toten in den Himmel bringt – aber nicht nur. Eine indische Tödin sozusagen. Doch, noch war es nicht so weit.

Die Dakinis können das eigene Weltbild schon mal auf den Kopf stellen und dann tun wir gut daran, durchzuatmen, aufzuhören mit dem jammern und dahinlavieren, sich hinzusetzen und einmal nachzuschauen, was da jetzt eigentlich los ist. 2)

Die Reise nach innen

Damit begann die Reise nach innen, die nicht weniger gefährlich war.

Mich dem zu stellen, was ich alles getan hatte. Nein, ich war nicht immer die Gute. Ja, ich habe Fehler gemacht. Ja, ich hätte vieles anders machen können, – Zweifel waren da / Trauer über das was nicht war / über das was hätte sein können / Schuldgefühle. Ich begann genau hinzuschauen – auf das Gute und das Schlechte.

Ich merkte, dass es wesentlich leichter gewesen war, meiner Familie die Fehler zu verzeihen, die sie begangen haben, als mir selbst zu verzeihen.

Ich sammelte mich

In der buddhistischen Lehre hat die Sammlung einen hohen Stellenwert.

In dieser Sammlung geht es nicht um Macht oder Erfolg – um immer mehr im Außen. Es geht um eine innere Läuterung, die sowohl das äußere wie auch das innere Leben verändert und die schlussendlich das Unbefriedigtsein / die ewige Sehnsucht nach etwas Anderem / – das  „Leiden an was auch immer“, befreit.

Ich begann im Außen auszulichten – Tagebücher / Bücher / Kleidung / Wohnutensilien – ich reduzierte. Darüber habe ich in diesem Jahr ausführlich erzählt. Ich habe meine Wohnfläche reduziert. Ich habe die vielen Dinge und Sachen, die ich mit den Jahren angesammelt und mitgeschleppt hatte, reduziert.

Unter den Schlagworten „Veränderung / Loslassen / Auslichten“ habe ich allein in diesem Jahr neun Erzählungen geschrieben!

Reduktion auf das Wesentliche.

Loslassen ist das große Wort zur Befreiung.

Mein Herz und meine Seele haben mir ein Mantra 3) geschenkt. Nicht der Verstand, nein. Ein Mantra muss aus dem Herzen kommen. Es ist ganz einfach und lautet:

„Lass es gut sein“

Es enthält das „lass es = das loslassen“ und es enthält das „gut = es darf gut sein / es ist gut“.

Und immer wenn ich merke, dass ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit hängen bleibe, rezitiere ich dieses Mantra. Es reinigt meinen Geist und die damit verbunden Gefühle.

Ein Ankommen im „Hier und Jetzt“.

Das „Hier und Jetzt“ ist nicht nur mit der Vereinfachung meines Lebensstils verbunden, einer Wieder-Verbundenheit mit der Natur, den Tieren, sondern auch mit Verlangsamung und Achtsamkeit.

Das Praktizieren der Vipassana- (Achtsamkeits)Meditation 4), die mich auch meine wilden und gefährlichen Zeiten gut überstehen hat lassen, da ich auch damals immer wieder dahin zurückgekehrt bin.

Jetzt bestimmt sie meinen Alltag.

Achtsamkeit im Geist. Ich lese viele der Bücher, die langsam gelesen werden wollen, und die ich immer schon lesen wollte, aber mir nie die Zeit dazu nahm.

Achtsamkeit im Herzen. Ich übe mich in der großen und wahrscheinlich lebenslangen Übung „Metta – Liebende Güte“. „Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.“ 5)

Achtsamkeit der Seele. Großes Schweigen und Vorbereitung auf das endgültige Loslassen.

Und heute?

Langsam bin ich angekommen in meinem Leben als Sesshafte.

Sanft im Umgang mit meinen Lieben und mir selbst.

Immer wieder auch zornig in Bezug auf gesellschaftspolitische Ungerechtigkeiten und Missstände.

Und beides darf sein.

Die Kunst ist die Ausgewogenheit zwischen verschiedenen Umständen und Befindlichkeiten.

Wie es weiter geht?

Ich habe keine Ahnung.

Das mag für manche vielleicht auch gefährlich klingen. Für die, die so gerne auf der sicheren Seite sind. Aber es gibt keine sichere Seite. Es gibt nur das Leben. Und es kommt, wie es kommt.

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ (John Lennon)

Vor zwei Jahren habe ich das Buch „ LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ veröffentlicht. Auf der Rückseite des Buches steht:

Mit 18 konnte ich mir ein Leben nach 30

Nicht vorstellen

Mit 30 versuchte ich mir ein Leben mit 50 vorzustellen

Mit 50 erwischte mich der Älterwerden-Blues

Mit 60 erlebte ich die Endlichkeit von Allem

Mit 67 keine Vorstellungen mehr –

Das Glück der stillen Stunden / der kleinen Dinge

Einfach leben

&&&

Der einzige Halt liegt im Loslassen

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1) Diese Erzählung entstand angeregt durch die Erzählung „Wild und gefährlich“ von der wunderbaren und schon oft zitierten Cambra Skadé.

Wild und gefährlich

https://www.cambra-skade.de

2) „Man kann die Dakinis nicht nur als mythologische Wesen, sondern auch als Symbole für die inneren, psychologische Prozesse des Einzelnen verstehen. Somit symbolisieren sie alle Inspirationen, die anregen, auf dem Weg des Buddha-Dharma  weiter voranzuschreiten. Diese sind nicht immer nur wohlwollend, sie können auch plötzlich und in beängstigender Weise das jeweilige Weltbild auf den Kopf stellen und die begrenzenden Fesseln und Mauern zerschlagen. Wie diese „Befreiungsschläge“ dann empfunden werden, hängt von der jeweiligen Bereitschaft ab, sie anzunehmen und zu integrieren. Da die Dakinis frei von jeglicher Konvention sind, scheuen sie sich nicht, auch die ungewöhnlichsten Wege zu beschreiten, um aufzurütteln und zu helfen. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Dakini#Ikonografie

3) „Die indoeuropäischen Sprachen, die vom Sanskrit abstammen, sollen von der hinduistischen Göttin KALI MA  erfunden worden sein. Sie brachte das erste Wort hervor, „Om“, das die Bedeutung von Ei hat. Es ist die „höchste Silbe aller Laute“ (Barbara G. Walker). (…)

Die eigentliche Bedeutung der KALI  basiert auf ihrer Erfindung der Buchstaben, da anzunehmen ist, dass es Sprache lange vorher gab. Die Schaffung von Buchstaben ermöglichte die Sichtbarmachung von Lauten und Worten. Die magischen Buchstaben schrieb die Göttin auf Schädel, die sie als Kette um den Hals trug. Die Silben waren in vier Kategorien eingeteilt, die die Elemente als Grundsubstanz alles Lebenden und alles Toten ausdrückten: Va = Wasser; Ra = Feuer; La = Erde und Ya = Luft. Sie wurden von der Muttersilbe Ma, der Verkörperung der Geisteskraft, zusammengehalten.

Die Buchstaben von KALIS Alphabet waren die MATRIKA „Mütter“, und die Worte waren geheime MANTRAS, Worte der Macht, durch die zerstört und neu geschaffen werden konnte. (…)

Aus: „Die Quellen der Philosophie sind weiblich“, Ingrid Straube, ein-FACH-Verlag, 2001

4) Zu den Grundlagen der Vipassana-Meditation gehören die Sieben Faktoren des Erwachens. Sie sollen dir dabei helfen, deinen Geist zu befreien. An erster Stelle steht die Achtsamkeit, danach folgen die Wahrheitsergründung, die Willenskraft, die Freude, Gelassenheit, Sammlung und Gleichmut.

Achtsamkeit bezeichnet das Leben im Hier und Jetzt im vollen Bewusstsein der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen. Mit Wahrheitsergründung ist das Verstehen der buddhistischen Lehre gemeint.

Achtsamkeit ist auch ohne Buddhismus möglich.

Selbst, wenn Achtsamkeit ein wesentlicher Bestandteil des Buddhismus ist, heißt das nicht, dass du dich voll und ganz dieser Lehre hingeben musst, um Achtsamkeit üben zu können. Die Geisteshaltung lässt sich auch praktizieren und trainieren, wenn du kein Buddhist bist. Schließlich ist es eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber, die sich durch Wachheit und Mitgefühl auszeichnet.

https://www.evidero.de/verbindung-von-achtsamkeit-und-buddhismus#:~:text=Achtsamkeit%20im%20Buddhismus%20bezieht%20sich,du%20in%20einem%20Moment%20wahrnimmst

5) Herzensgüte ist eine große heilende Kraft.

Sie ist ein Heilmittel gegen Angst, Unsicherheit und die jetzige Ungewissheit in dieser Corona-Zeit. Sie ist ein Energie-Spender für Herz und Hirn. Wir stärken mit Liebeskraft unser Selbstwertgefühl und bekommen äußerlich und innerlich gesunde Widerstandskraft.

Liebende Güte kommt manchen Menschen sehr entgegen, andere haben damit ihre Schwierigkeit. Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.

(Ursula Lyon, vor 40 Jahren meine sehr geschätzte erste Lehrerin in Vipassana-Meditation)

Über die Freiheit und das „Eins zu sein mit allem“ – Friedrich Hölderlin und ich – eine Annäherung …

Das Loslassen all der Dinge aus meiner Vergangenheit / das Auslichten, ging einher mit dem Loslassen von etwas zu Ende gelebtem, aber auch von  „etwas sein müssen / etwas darstellen müssen“.

Das war einerseits eine große Erleichterung / ein Aufatmen und tief Luft holen, –  ich spürte und wusste, das Ende war gut so. Andererseits entstand aber auch immer wieder Verunsicherung / eine Leere  – die Frage  „wer bin ich denn jetzt, wenn ich all das nicht mehr bin?“ und mündet jetzt langsam in der kindlichen Freiheit eines „Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin).

Ich lese zurzeit das Buch „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“ von Christoph Quarch, Philosoph, Autor und Denkbegleiter.

So wie Quarch in seinen kongenialen und interessanten Ausführungen und Erzählungen darauf hinweist – ja, wir brauchen ihn. Obwohl er bis dahin ein Unbekannter war für mich.

Und ich meine, dass viele andere Menschen, nicht nur diejenigen, die Corona mit Ängsten, Unsicherheiten und Lebensfragen konfrontiert hat, ihn auch brauchen könnten. Was könnte hilfreicher sein, als Worte die begeistern, aufwecken und lebendig machen im Angesicht des Todes.

Friedrich Hölderlin ist mehr als nur ein Dichter. Er ist einer, der begeistern kann, weil er den guten Geist zur Sprache bringt, der Menschen wachsen und erblühen lässt – schreibt Quarch. Und ja, er begeistert mich mit seiner Sprache und seinen Worten – jeden Tag ein noch mehr …

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Im Kapitel über die Freiheit schreibt Quarch:

„In der Vorrede zu einem der ersten Entwürfe (Fragment von Hyperion) schreibt er (Hölderlin, M.K.) 1794, auf dem Weg zur Freiheit müsse der Mensch eine exzentrische Bahn zurücklegen zwischen Geburt und Tod. Mit dieser Formulierung greift er einen Topos der damaligen Astronomie auf, mit dem die elliptische Kreisbewegung eines Kometen beschrieben wurde. Eine solche vom Zentrum hinaus zur Peripherie und dann wieder zurück zur Mitte führende Kurve sei auch der Lebensweg des Menschen: eine befreiende Bahn der Menschwerdung im eigentlichen Sinne – eine Bahn von kindlich-unschuldiger Unbewusstheit zum erwachsenen Bewusstsein der Verschmelzung von Natur und Geist:

Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsere Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind.

Die exzentrische Bahn, die der Mensch im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkt (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.

Immer gleich von einem einfältigen, gleichsam vorbewussten, natürlichen, ereigneten Zustand des Eins-Seins mit der Natur zu einem geistdurchwirkten, in Freiheit angeeigneten Zustand der Konvergenz von Natur und Geist: von dem Zustand der kindlichen Unschuld im Arme der Götter – in dem der Mensch vom Wohllaut des säuselnden Hains erzogen wird, die Lüftchen des Himmels mit ihm spielen und er unter den Blumen zu lieben lernt – hin zu jenem Höhepunkt des Lebens, an dem er vor dem Hintergrund aller leidvollen Erfahrungen, die die exzentrische Bahn seines Lebens bereitgehalten hatte, die Rückkehr in den Arm der Götter vollzogen hat und in aller Freiheit und Bewusstheit sagen kann:

Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.

Der Weg von der vorbewussten, kindlichen Verbundenheit mit dem lebendigen Sein dieser Welt hin zur bewussten Hingabe an das lebendige Sein dieser Welt … (…)

Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden allen Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber stehen oder nicht. (Vorwort zur vorletzten Fassung des Hyperion)

Dieser Frieden alles Friedens ist Hölderlins Formel für die existenzielle Freiheit. (…)

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Nach all den Jahrzehnten des Tuns in meinem reich gefüllten Leben, den von mir in die Wege geleiteten vielen Lebensveränderungen, dem Leben und Erleben der verschiedensten Lebensrollen, bin ich jetzt wieder in meinem Kindheitsgarten. Nicht ganz, aber sehr nahe. Mein Kindheitsgarten ist gegenüber meinem Haus und gleicht dem Garten, in dem ich letzt lebe. 

Und ich nähere mich täglich mehr den Worten Hölderlins an – „eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden …“

Über meinen Kindheitsgarten habe ich in meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ geschrieben:

„ (…) Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar. (…)“

Nach diesen frühesten Kindheitserlebnissen des „eins zu sein mit Allem“ – meinem behüteten und ruhigen Leben als Gartenkind – begann ein langer Lebenslauf. Ein Marathon – von einer Station zur nächsten. Nun mit 70 Jahren, habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl stehen zu bleiben.

Auch meine Lebensstationen im Buddhismus / im buddhistischen Kloster / in der Achtsamkeitsmeditation – waren Lebensstationen, nach denen ich wieder weiterging. Jedoch Achtsamkeit und Meditation begleitete mich seither mehr oder weniger regelmäßig. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst im Marathonlauf irgendwann zusammengebrochen. Wer weiß …

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ muss ich erst wieder lernen.

Ich bin dabei.

„Im Zen entdecken wir, dass wir nur durch die vollkommen selbstvergessene Hingabe an unser Tun Freiheit finden können. Für den einen kurzen Augenblick Freiheit von unseren Gedanken, Leidenschaften und Täuschungen. Wenn wir mit dieser Hingabe handeln können, finden wir heraus, dass das Selbst zurückkehrt, obwohl und nachdem wir es durch die Handlung selbst vollständig zerstört haben. Und es kehrt nicht nur zurück, sondern kehrt befreit vom Gepäck der Vergangenheit und der Last der Zukunft zurück.“

(Seigaku Kigen Ekeson Osho, Zen-Meister)

Am Fenster im ersten Stock hat sich in der oberen linken Ecke eine Eternitplatte verschoben. Dahinter nisten Spatzen. Ich sehe die Eltern ein- und ausfliegen und höre das aufgeregte Tschilpen der Spatzenjungen. Ich sitze auf meiner Terrasse und schaue ihnen zu …

Info:

Bild: Peter Krawagna

Das Wort „Auslichten“ habe ich von Cambra Skadé übernommen:

https://cambraskade.blog

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948206031/Quarch-Christoph/Zu-sein-zu-leben-das-ist-genug

Der Textauszug über meinen Kindheitsgarten aus meinem Buch „Lebenszeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

https://shop.falter.at/detail/9783990708866

Friedrich Hölderlin: Hyperion

https://www.weltbild.at/artikel/buch/hyperion_21368767-1

Im obigen Text sind Textzeilen aus Hölderlins Gedicht, das er über seine frühe Kindheit schrieb, zitiert:

Da ich ein Knabe war

Rettet’ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

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