Der Baum und die Wolke

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

Monika Chandana Krampl

Amsel 2Amseln im Kleid der Totengräber hoppeln und hupfen mit komplizierten Pirouetten über die  Obstgartenwiese. Weiße Blütensterne der Gänseblümchen blitzen im grün und braun der Wiese. Mit ihren gelben Schnäbeln sammeln die Amseln die letzten Äpfel und Nüsse.

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

(M.K. 2017)

Der Baum und die Wolke

Ein Baum geht umher im Regen,

eilt an uns vorbei im strömenden Grau.

Er hat ein Anliegen. Er holt Leben aus dem Regen

wie eine Amsel in einem Obstgarten.

Als der Regen aufhört, bleibt der Baum stehn.

Aufrecht, still erscheint er in klaren Nächten

Wie wir in Erwartung des Augenblicks,

da die Schneeflocken ausschlagen im Raum.

Tomas Tranströmer: In meinem Schatten werde ich getragen.

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ein haus für mich allein

Damals, 1988, war ich es bereits gewohnt, mich allein oder mit meinem Lebenspartner für längere Zeit aus dem Alltag zurückzuziehen, um wichtige Lebensfragen zu klären.

Aus dem Alltag mit den gewohnten Abläufen und Ablenkungen auszusteigen – um dieser einen Frage die nötige Achtsamkeit zu geben und zu einer Klarheit zu kommen.

Zur Zeit der Entstehung dieses Gedichtes hatte ich mich allein in dieses abgeschiedene Haus zurückgezogen.

 

nur ich und das haus

am ende des weges

duckt es sich

schmiegt sich ein

in die felder

an der rückseite

der wald

der brunnen

vor dem haus

eine küche

zwei zimmer

halbdunkel

der dämmerung

rot lodert das feuer im ofen

im ofenschiff

beginnt

das wasser zu singen

 

erinnerung

das warme zimmer

draußen dunkelheit und stille

drinnen ich

kind

beschützt und warm

rot lodert das feuer im ofen

großmutters leiser singsang

damals

als alles noch gut war

damals

 

stille hüllt mich ein

die dämonen

erwachen

heben die köpfe

brüllen

laut und lauter

verlagern die ängste

die bedrohung

nach außen

fürchte dich nicht

 

stille hüllt mich ein

dämonen

bezwingen

masken

herunterreißen

dahinter

ist

nichts

nichts

fürchte dich nicht

 

stille hüllt mich ein

jede bewegung von mir

ein geräusch

kein fernseher

kein radio

kein kühlschrank

ich höre

nur

mich

 

nur ich und das haus

und manchmal

ein lauschen

nach draußen

 

nur ich und das haus

(M.K., 1988)

Mein Gedicht in der Anthologie „Ausgewählte Werke XXI“

Mein Gedicht „Gedankenrahmen“, eingesandt für den Gedichtwettbewerb 2018 der „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ zum Thema Kindheit wurde für die Veröffentlichung in dem Lyrik-Sammelband „Ausgewählte Werke XXI“ ausgewählt.

 

Gedankenrahmen

Der Holzrahmen

Gezimmert von den Frauen

In welchen sie den Gitterstoff spannten

Mit Reißnägeln am Rande befestigt

Mit fester Hand ihre Stickarbeiten nadeln

Vorgefertigte Bilder mit festgelegten Farben

Mit Reißnägeln am Rande befestigt

In einem fest zusammengefügten Rahmen

So sollte sie sein

Vorgezeichnetes Bild

Vorgegebene Farben

Festgenagelt

Wird das Muster in sie hineingestickt

 

So sollte sie sein

Die Sticknadel steckt fest

Lichtjahre entfernt

Von der Leichtigkeit des Seins

 

Und noch immer

Der Gedanke

Von Freiheit am Horizont

(M.K., 18 09 2006)

 

 

Der Dichter David Whyte – eine Buchvorstellung

David Whyte

Ich möchte Euch gerne den englischen Dichter David Whyte vorstellen, dessen Gedichte ich immer wieder gerne lese und zitiere.

Whyte hat einen interessanten Lebenslauf. Er schreibt sein poetisches Interesse, sowohl den Liedern als auch der Poesie, dem irischen Erbe seiner Mutter und der Landschaft von West Yorkshire zu, wo er geboren wurde.  Er lebte und arbeitete als Naturforscher auf den Galapagos-Inseln. Auf einer meiner Reisen im Ecuador habe ich die Galapagos-Inseln besucht und stelle es mir faszinierend vor, dort über einen längeren Zeitraum zu leben und zu arbeiten. Auch in den Anden war ich unterwegs. Er leitete anthropologische und naturkundliche Expeditionen in die Anden, den Amazonas und den Himalaya. 1986 begann er zu schreiben.

Nunmehr liegt die erste deutsche Fassung einiger ausgewählter Gedichte von David Whyte vor. Die Übersetzungen wurden von dem von mir gleichfalls sehr geschätzten Philosophen Christoph Quarch vorgenommen. Der einzige Wermutstropfen für mich als haptische Buchliebhaberin ist, dass es nur ein E-Book ist.

‘SÜßES DUNKEL’

Die Dichtung von David Whyte in Übersetzungen von Christoph Quarch

“Ich bin sehr froh darüber, in Christoph Quarch ein so einfühlsames Ohr und Herz ebenso wie einen verständigen Geist gefunden zu haben, der sein tiefes Verständnis des Klanges, seine Einsicht und eine gewisse Resonanz mit Rilke aufgewandt hat, um meine Werke in die deutsche Sprache zu übertragen.“ (David Whyte)

Eine Kostprobe:

Süßes Dunkel
Sind deine Augen müde,
ist müde auch die Welt.
Ist deine Vision geschwunden,
kann nichts mehr in der Welt dich finden.
Zeit ist’s dann, ins Dunkel zu gehen,
wo die Nacht voll Augen ist,
das ihre zu erkennen.
Dort kannst du dir gewiss sein:
Du bist nicht jenseits der Liebe.
Das Dunkel wird dein Zuhause sein,
heut Nacht
Die Nacht wird einen Horizont dir schenken
viel weiter als du sehen kannst.
Eines musst du lernen:
Die Welt ist da, um frei in ihr zu sein.
Lass alle anderen Welten fahren
außer der einen, der du zugehörst.
Manchmal braucht es Dunkelheit
und die süße Haft deines Alleinseins,
damit du lernst:
Alles und jeder,
der dich nicht ins Leben bringt,
ist zu klein für dich.

– David Whyte

 

 

Beat-Lyrik von Gary Snyder

Gary Snyder Beat-Poet

Das Gesicht von Gary Snyder

Es fasziniert mich. Ich möchte es immer wieder betrachten.

Das Gesicht zeigt gelebtes Leben; eine Fröhlichkeit, die aus dem Herzen kommt und die das Alter als natürlichen Prozess des Lebens akzeptiert. Ja, gar nicht in Frage stellt. 

Anziehend ist es, dieses Gesicht – ein Mensch, der in sich selbst ruht …

„Es ist, so wie es ist“ – eine buddhistische Weisheit.

 

Heute gibt es in der Sendereihe „Nachtbilder“ um 22.35 den Beitrag über die „Beat-Lyrik des Gary Snyder“.

Zitat aus der Info-Seite von Ö1:

„Mythen & Texte“ von Gary Snyder ist ein radikal poetisches Werk. Es enthält indianisch-schamanische Aspekte ebenso wie Hinweise auf chinesische und japanische Denker und Dichter sowie Inspirationen aus der eigenen Praxis der Zen-Meditation. Zugleich ist die Naturbetrachtung in diesen Gedichten, der Blick auf Landschaften, Klima, Tiere, Pflanzen oder Wasser von einer für den Leser bis jetzt ungekannten, sehr persönlichen Frische und Neuartigkeit. 

Gary Snyder, geboren 1930 in San Francisco, ist einer der interessantesten amerikanischen Lyriker. Im Jahr 1975 erhielt er den Pulitzer-Preis für sein Buch „Turtle Island“. Der Umweltaktivist Gary Snyder war auch eine zentrale Figur der Beat-Bewegung und wandte sich später buddhistischem Denken zu. 

Der österreichische Architekt und Schriftsteller Bernhard Widder, ein ausgewiesener Kenner amerikanischer Literatur, schreibt auch selbst Lyrik auf englisch und deutsch. Bernhard Widder unternahm es, eines der wichtigsten Werke Snyders ins Deutsche zu übertragen. Die ambitionierte Übertragung geht übers bloße Übersetzen weit hinaus und bewahrt doch den Geist des Originals.

https://oe1.orf.at/programm/20180721/520427

 

Gary Snyder verabschiedete sich im Jahr 1956, ein Jahr nach seiner Begegnung mit Jack Kerouac, für fast anderthalb Jahrzehnte nach Japan, um Unterweisung im Zen-Buddhismus zu erhalten.

Snyder, noch in fortgeschrittenem Alter als Wanderer und Bergsteiger aktiv, entdeckte in der kalifornischen Wildnis auf Felsen eingravierte Sätze, die von einem unbekannten „Wüsten-Weisen“ stammen.

Ihr besonderes Understatement deckt sich mit den Intentionen des Dichters, deshalb zitierte er die Sätze als Hommage an den unbekannten Wanderer: 

„. . . entdeckten einen Pfad / mit in Stein gravierten Inschriften, versteckt im Salbeigestrüpp / „Lösche Gier aus!“ / „Die besten Dinge im Leben sind nicht Dinge“ / Worte, gesetzt von einem alten Wüsten-Weisen.“

Welch wunderbare Zen-Sätze!

 

Als Abschluss ein Gedicht von Snyder:

Gary Snyder* 1930

Was nun Dichter angeht

Was nun Dichter angeht,
die Erd-Dichter,
die kleine Gedichte schreiben,
brauchen Hilfe von niemand.

***

Die Luft-Dichter
wettern die schnellsten Stürme
und räkeln sich manchmal in Prielen.
Anrollend
bricht sich Gedicht auf Gedicht.

***

Bei fünfzig Grad unter Null
fließt kein Brennstoff
und Propan bleibt im Tank.
Feuer-Dichter
verbrennen am absoluten Nullpunkt
wieder hochgepumpte Fossil-Liebe.

***

Der erste Wasser-Dichter
blieb sechs Jahre unten.
Er war mit Seetang bedeckt.
Das Leben in seinem Gedicht
hinterließ Millionen winziger,
verschiedener Spuren,
die im Schlick durcheinander liefen.

***

Mit der Sonne und dem Mond
im Bauch
schläft
Der Raum-Dichter.
Himmel ohne Ende –
Aber seine Gedichte fliegen
wie Wildgänse
über den Rand.

***    

Ein Kopf-Dichter
bleibt im Haus.
Das Haus ist leer,
und es hat keine Wände.
Das Gedicht
wird von allen Seiten gesehen,
überall,
sofort.

Übersetzung von Klaus Martens

 

Infos über Gary Snyder:

https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/kompendium/32345_Die-besten-Dinge-im-Leben.html?em_cnt_page=2

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-gary-snyder-voegel-bestimmen-13872433.html

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/lesarten/gary-snyder/was-nun-dichter-angeht

 

Über den Tod und das Sterben

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Eine Kurzerzählung von mir und zwei Gedichte von Grace Paley, die immer wieder über die Tabuthemen Alter, Tod und Sterben geschrieben hat.

(Grace Paley, 1922 – 2007, Schriftstellerin)

Mutter

Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist zu sterben, Mutter.

Ich wüsste zu gern, ob du dich noch erinnerst an mich. Oder ob es dich nicht mehr gibt. Ich erinnere mich an deine Angst zu sterben. Deine Augen angstgeweitet auf mich geheftet, als ob ich dir eine Antwort geben könnte. Als ob ich es wüsste. Ich weiß es nicht, Mutter. Ich sehe deine wunderschönen Hände, suchend auf der Decke. Deine kalten Hände, die am Ende keinen Druck mehr erwiderten. Ich versuchte sie mit meinen Händen zu wärmen. Ich höre deine rasselnden Atemzüge – jeder Atemzug so mühsam.  Ich weiß, wie sich dein kleiner Körper anfühlte, als du nicht mehr hier im Leben warst.

Immer wieder hast du über Nahtoderfahrungen gelesen.

Bist du durch den Tunnel ins Licht gegangen?

Bist du mit deinem Mann und deiner Mutter auf der Blumenwiese und jeder Groll, jede Angst hat sich verwandelt in Liebe.

Bist du nun selbst das Licht?

Ein Lichtfunke des großen Lichtes.

Oder gibt es dich nicht mehr.

Und alles war mit deinem letzten Atemzug zu Ende.

Das große Nichts.

Ich wüsste es gern …

(M.K., 2014)

 

Zwei Gedichte von Grace Paley:

Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken

 

Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag

http://schoef.signalwerk.org/res/pdf/prospekte/Paley_Editionsplan.pdf

 

 

 

 

… wie die Erde aus sich kommt …

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An diesem SonnenSonntag ein Gedicht der österreichischen Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973). Es ist so schön, dass es keiner weiteren Worte bedarf …

 

An gottverlassenen Regentagen
kannst du – wenn du ganz einsam bist –
und vom Scheitel bis zu den Zehennägeln
keine einzige furchtsame Stelle mehr hast
sehen oder auch riechen
wie die Erde aus sich kommt.

 

Gartenfoto: M.K., Juni 2018

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/06/09/christine-lavant-gedichte-aus-dem-nachlass-wallstein-verlag/

 

 

Stille Achtsamkeit

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Den ziehenden Wolken zusehen.
Nichts sonst.
Dem Lied der Amsel am höchsten Gipfel des Baumes lauschen.
Nichts sonst.
Der Katze zusehen, wie sie auf Zeitlupenpfoten zum Mäusefang über die Wiese schleicht.
Nichts sonst.
Den eigenen Herzschlag spüren.
Nichts sonst.
Die Sonne auf der Haut spüren.
Nichts sonst.

Licht und Schatten wechseln sich ab.
Es gibt nichts zu tun.

(M.K., 24 04 2018)