Die Schönheit der Worte

Ich entdecke die Schönheit und Intensität des langsamen Lesens.

Manchmal lese ist laut / betone die Worte / die Sätze – immer anders, auf der Suche nach dem richtigen Ton. Der Ton macht die Musik – und die Worte beginnen zu klingen …

Manchmal lese ich in Gedanken laut und höre mich in meinem Innersten die Worte aussprechen, die dadurch an Bedeutsamkeit und Fülle gewinnen. Je öfter ich laut lese, desto besser gelingt das Hören der inneren Stimme.

Und ich frage mich, wann ich begonnen habe, zur Schnellleserin zu werden, – den Inhalt eines Satzes zu erfassen, ohne jedes einzelne Wort zu lesen. Einzelne Worte zu verschlucken ohne sie zu genießen, so wie man eine Speise in sich hineinschlingt und die verschiedenen Aromen nicht mehr wahrnimmt.

Habe ich begonnen, als meine Eigenmächtigkeit über meine Zeit zu Ende ging, damals, als ich als heranwachsendes Mädchen Haushaltsarbeiten übernehmen sollte und ich mit meinem Buch, versteckt unter meiner Schürze, in einem Winkel verschwand, um schnell noch ein paar Zeilen zu lesen, bevor der Ruf mich erreichte – „steckst du deine Nase schon wieder in ein Buch?“ / „hast du nichts zu tun?“

War es als bereits erwachsene und berufstätige Frau, und ich nicht wusste, was ich als Erstes und als Nächstes lesen sollte. Gab es doch so vieles, das mich interessierte – und ich mich in meinen vielen Interessen verlor. Die Worte nicht zu Ende lesen konnte, – sie in ihrer Tiefe gar nicht mehr erfasste.

Heute nehme ich mir Zeit.

Je weniger Lebenszeit mir bleibt, desto mehr Zeit nehme ich mir.

Nicht nur beim Lesen. In allem.

Sich von der Geschäftigkeit des Lebens frei machen schafft Gegenwart. Das „Hier und Jetzt“ – über das ich bereits so oft geschrieben habe.

Also hat das „Jetzt“ auch Eingang ins Lesen gefunden.

„das Buch in meiner Hand

so viele Worte für die Stille der Nacht

das Schweigen im Raum wird tiefer

die Schatten dunkler

die Stunden schreiten voran

so viele Worte die den Raum erhellen“

habe ich in einem Gedicht geschrieben.

Gerne würde ich so manche Worte und Sätze in anderen Sprachen lesen.

Wie würden sie klingen?

Wie sich anfühlen?

Das habe ich versäumt.

In der Zeit, in der ich noch viel Zeit vor mir hatte.

Doch, – kein Bedauern.

Es ist, so wie es ist.

Es ist gut, so wie es ist.

Viele Sätze, die ich jetzt, in der „langsamen Zeit“, gelesen habe, könnte ich anführen. Soeben habe ich die Worte von Vasily Smirnov gelesen:

„Seit Tagen fällt Schnee in großen, langsamen Flocken. Wenn ich vor die Tür trete, ist es zuerst, als hörte ich nur Stille. Nach einiger Zeit dann höre ich das Geräusch der fallenden Flocken. …“

Solche langsamen und stillen Sätze können mich bezaubern. Lese ich mit großer Bewunderung. Ich kann sie nicht oft genug lesen. Langsam.

Und ich kann die großen Schneeflocken auf meiner warmen Hand sehen und spüren. Sie schmelzen und laufen in Tropfen über meinen Handrücken auf mein Buch.

Welch ein Zauber der Worte.

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Den Text von Smirnov habe ich im Buch „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier gelesen, das mich angeregt hat, diesen Text zu schreiben.

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Schreiben macht keine neuen Menschen. Aber es schafft Klarheit und Verstehen. Oder doch den Anschein. Und wenn man mit seinen Worten Glück hat, ist es wie ein Aufwachen zu sich selbst, und es entsteht eine neue Zeit die Gegenwart der Poesie.“

(Pedro Vasco de Almeida Prado)

Aus Pascal Merciers Buch “Nachtzug nach Lissabon”

26 05 2020

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen …

“All you have to do is write one true sentence.

Write the truest sentence that you know.”

(Ernest Hemingway)

„Alles was Sie tun müssen, ist einen wahren Satz zu schreiben.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen.“

I Wortlos im Schweigen

Seit einiger Zeit schon versinke ich im Schweigen auf der Suche nach meiner Sprache. Leise schält sich durch verschiedene Schichten des Seins ein ursprüngliches Sein heraus, das eine andere Sprache spricht.

Wie eine Fremdsprache muss ich es neu lernen.

Auf der Suche nach Worten spaziere ich über die Felder / umkreise die Seen / sitze beim Schreibtisch und schaue in den Garten …

Ich stehe in der Stille des Sees.

Nein, nicht der See ist still.

Die wahren Worte sind – „der See und ich sind eins“.

Nur wenn es ganz still wird in mir, sind wir eins.

Ich bin die Stille.

Aus den langen, dunkelgrünen, spitz zulaufenden Blättern der Iris ragt der schlanke Blütenstamm der gelben Schwertlilie.

Über mir am Baum krächzt ein Rabe.

Das Schauen lenkt mich ab vom Sein.

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück zum Atem und atme – ein und aus …

Eines meiner Mantren – „So Ham – Ich bin (das)“ …

Mit dem Einatmen – So – mit dem Ausatmen – Ham – „Ich bin, die ich bin“ …

Ich bin der See / die Schwertlilie / der Rabe …

Ich bin das …

Ich sitze beim Schreibtisch und suche nach Worten.

Und all die Worte geben meine Erfahrung – das SoSein – nicht wieder.

Gibt es den wahren Satz / die wahren Worte – um das SoSein beschreiben zu können? Ist das SoSein nicht jenseits der Worte?

„(…) In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann. (…)“

schreibt Bruno Mesa in seinem Gedicht „Schweigend“. 1)

„Eine Wahrheit, die man nur schweigend lernen kann …“

Die Wahrheit jenseits der Worte?

„Ich habe den Mund meiner Seele geöffnet und deinen göttlichen Atem eingesogen.“ (Anonyme Quelle)

Nochmals Bruno Mesa:

„ (…) In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst. (…)“

Nach all diesen Worten zum SoSein eine Erzählung über mein kleines Mädchen, das einstmals, als die Welt noch ganz anders war als heute, all diese Fragen nicht gestellt hat. Jenseits aller Worte war sie einfach da – „So Ham“.

Sie war ein Gartenkind und lebte in ihrem Kindheitsgarten. Alles, was sie sah, entzückte sie – „in ihrem Sein war ein Rausch“. Sie war das Gänseblümchen, dem sie täglich beim Wachsen zusah, – ohne den Wunsch, es pflücken zu wollen. Sie saß stundenlang in der Astgabel am Apfelbaum und beobachtete die Ameisen, die die Ameisenstraße entlang liefen. Hinauf und wieder hinunter. Es gab nichts Spannenderes als diese Ameisen. Und – ich möchte heute sagen – mit Ehrfurcht sah sie zu.

So Ham – ich bin (das) – sie war das Gänseblümchen, die Ameisen, der Schmetterling; und sie war die Ribisel – die sie liebevoll und achtsam von der Staude pflückte und sie mit geschlossenen Augen verspeiste, – welch ein Genuss.

Wann war sie nicht mehr So Ham?

Als sie die Worte kennen lernte und sich ihr Märchenbuch mitnahm in die Astgabel? Noch immer Acht gebend auf die Ameisenstraße, aber versunken in den Worten der Geschichten …?

War es als sie in Schule kam und schreiben und rechnen lernte …?

War es als sie die schmerzliche Erfahrung machte, dass ihr „Ich bin, die ich bin“ nicht erwünscht war / nicht in Ordnung war …?

In den letzten Jahren habe ich mich von vielen Bildern, die ich über die Welt und mich hatte, verabschiedet. Ich habe vieles herausgeschrieben aus mir und mich verabschiedet – vor allem in den Erzählungen –  „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“ / „Medea geht in Pension“ / „Vom Vergeben und Verzeihen“ …

II Wortlos in der Ekstase

Die andere Seite der Medaille – Schweigen und Stille -, ist die Ekstase. Das Leben beruht auf Gegensätzen – Tag und Nacht / Sommer und Winter / Leben und Tod …

Die andere Seite des Schweigens ist Musik und Tanz.

Sich ganz in der Musik verlieren – eins werden mit den Tönen – sich selbst / das Ich – vergessen und sich mitnehmen lassen in einen anderen Raum.

Wenn ich meinen Körper / jede Zelle meines Körpers / mit den Tönen der Musik mitschwingen lasse, kann ich zu jeder Musik tanzen. Und es wird immer anders sein. Ganz gleich ob das Musik von Bach / Mozart / oder Pink Floyd ist. Ganz gleich ob Gregorianische Gesänge oder Oshos Tanzmeditationen sind.

Osho schreibt:

„Musik ist Meditation – kristallisiert in einer bestimmten Dimension. Meditation ist Musik – ins Dimensionslose aufgelöst. Sie sind nicht zwei. (…) Du gehst in ihr auf, du wirst betrunken in ihr. Etwas aus dem Unbekannten senkt sich über dich … (…) Du bist auf einmal in einem tiefen Orgasmus mit dem Ganzen; mit dem All. (…) 1)

So Ham …

„(…) Du atmest ein und du atmest aus, und darin ist Rhythmus und Harmonie. Das Einatmen ist weder gegen das Ausatmen noch ist das Ausatmen gegen das Einatmen. Beides gehört ein und demselben Vorgang an. (…)“ (2)

Die vergessene Sprache der Ekstase.

Auch hiefür gilt es Worte zu finden.

In meiner Erzählung „Das Geheimnis des Berges“ habe ich über eine Wanderung auf einen Berg im Anagagagebirge auf Teneriffa erzählt. Der Berg hat mich gerufen, und als ich ihn verließ, schrieb ich: „(…)Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war. (…)“

So Ham …

Ohne Abschied nichts Neues.

Ohne Loslassen nichts Neues.

Ich schreibe weniger.

Ich schreibe anders.

Ich habe die wahren Worte noch nicht gefunden – vielleicht in Ansätzen erahne ich sie …

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Hier das Gedicht von Bruno Mesa, aus dem ich zitiert habe:

Schweigend

In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann.

Doch auch in den Steinen,

der Parkbank

und dem quietschenden, verlassenen Stuhl:

eine Bitte und eine Wahrheit.

In diesen Dingen erlöse ich mich täglich,

gehe ungewollt auf sie zu.

Sie bejahen in ihrer Sprache,

was ich in meiner nicht sehen kann.

In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst.

(Bruno Mesa, übersetzt von Magdalena Kotzurek) 1)

Info:

1) Grand Tour. Eine Reise durch die junge Lyrik Europas; Hanser Verlag

2) Das Buch, 1988 gekauft hieß damals: Das Orangene Buch. Die Meditationstechniken von Bhagwan Shree Rajneesh

Heute heißt es: Das Orangene Buch. Die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert; Innenwelt Verlag

3) Osho: Glück, Ekstase und das Lied des Seins. Über die poetischen Verse des Mystikers Kabir; Innenwelt Verlag

Über die Liebe und das Leben

Eine Rückschau mit Dankbarkeit

Mit 70 Jahren darf man schon mal Rückschau halten.

Die Schatztruhe öffnen und schauen, welche Schätze sich darin angesammelt haben. Obwohl es natürlich noch nicht zu Ende ist – die Liebe und das Leben – da kommt noch was …

Reden wir doch über die Liebe und die Lust in unserem Leben.

Was gibt es Wichtigeres?

Gibt es etwas Wichtigeres?

Nein.

Am Ende des Tages – oder hoffentlich schon früher – ist es egal, wer du warst, welchen Beruf du hattest, wie viel du verdient hast, oder was du alles besitzt …

Am Ende des Tages – oder hoffentlich schon früher – wirst du dich fragen, wie viel du geliebt und voll Lust und Freude gelebt hast.

Lasst uns doch diese Geschichten erzählen.

Geteilte Geschichten bereichern und machen Mut zu leben.

Was würdest du erzählen?

Heute erzähle ich – einen Teil – meiner Geschichten. So viel gelebtes Leben lässt sich nicht in einer Geschichte unterbringen – und dafür bin ich sehr dankbar.

In den Jahren meines Liebes-Lebens lernte ich zu unterscheiden:

  • die Herzensliebe – die aus dem Herzen kommt und das Herz überfließen lässt
  • die Seelenliebe – eine seelische Verbundenheit, die sich anfühlt, als wäre die Liebe schon seit Anbeginn der Welt da
  • die Bauchliebe – welche die Schmetterlinge zart mit den Flügeln schlagen lässt in unserem Bauch, und / oder die ein loderndes Feuer entflammt, das uns brennen lässt vor Lust

Ich lernte, dass alle drei für sich gelebt werden können / dürfen.

Und ich lernte, dass, – wenn alle drei zusammentreffen es die „heilige Dreifaltigkeit“ ist. Ein wundersames Geschenk.

Ich schreibe Liebesbriefe an meinen verstorbenen ersten Ehemann, von dem ich mich getrennt habe – damals vor langer Zeit; ich rede mit meinem zweiten Ehemann über unsere Liebe, wenn wir uns sehen; und ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich mich mit meinem Lieblings-Ex-Lebenspartner treffe …

Und das alles trage ich in mir und spüre ich jederzeit – wann ich nur will – welch’ glückliche Frau ich doch bin …

Panta Rhei  – Aus der Flusslehre

„Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“

Ich sitze am Ufer meines Flusses und blicke zurück.

Wenn ich zurückblicke, muss ich aufstehen um die Quelle meines Flusses zu sehen; wie er mäandert und sich die Ufer immer wieder verändern.

Schaue ich in die andere Richtung – zum Mündungsdelta des Flusses in das unendliche Meer – kann ich es bereits im sitzen sehen …

Metamorphose – Bewegungsfluss der Liebe

Welch weiter Weg von dem verzweifelten Schrei im Jahr 1988 „er gehört nicht mir“ bis zur Freiheit des Herzens und der Worte „weil meine Liebe nichts verlangt von dir“ im Jahr 2019 …

1988

er braucht mich nicht

er lacht und liebt mit einer anderen

keine liebe

kein vertrauen

keine sicherheit

keine geborgenheit

er braucht  mich nicht

er begehrt mich nicht

nicht mehr

wie gewonnen

so zerronnen

lebensspiel

er gehört nicht mir

nicht mehr

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2019

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer liebe

und begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

nicht einmal

dass wir uns

wieder sehen

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Liebe und Lust sind unendlich.

Es gibt nicht nur die eine Liebe, es gibt viele Lieben.

Liebe ist unendlich und immer anders.

Jede Liebe ist immer eine besondere Liebe, – da das Gegenüber immer anders und besonders ist.

Zu lieben ohne Ausschließlichkeit und damit ohne andere ausschließen zu müssen, heißt – lieben und andere mit einschließen zu dürfen.

Keine Trennung machen zu müssen, die zu leidvoller Trennung führt.

Je mehr Liebe wir verschenken, je mehr wir uns zu lieben trauen, desto mehr Liebe ist in unserem Herzen.

Selbstverständlich gibt es auch in guten Liebesbeziehungen Zorn und Schmerz und Trauer. So ist das Leben. Und so sind wir in unseren ganz besonderen Verschiedenartigkeiten. Ohne Gefühle keine Lebendigkeit. Und zwar alle Gefühle. Die ganze Gefühlspalette – vom einem Ende der Verzweiflung und dem Schmerz bis zur anderen Seite der Glückseligkeit. Sich irgendwie in der Mitte einzupendeln – der Versuch / die Resignation / das Vermeiden wollen von Gefühlstiefen führt zu Unlebendigkeit.

Eine Zeit lang, als ich den Buddhismus kennen lernte, verfiel ich dem Irrtum, dass ich jetzt nur mehr mit Dauerlächeln auf den Lippen, möglichst im Lotussitz, durchs Leben schweben werde.

Wie gesagt, das war ein Irrtum. Da habe ich etwas grundlegend missverstanden mit der Achtsamkeit und Gelassenheit. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Heute bin ich sehr achtsam mit meiner Achtsamkeit – und – weiß wie wichtig mein „heiliger Zorn“ und meine „Tränen der Seele“ sind.

Es geht nie um ein „entweder – oder“.

Es geht immer um ein „und“ …

Achtsamkeit bedeutet zum Beispiel – Zorn und Trauer bis zum tiefsten Grund zuzulassen / dann erschöpfen sich diese Gefühle von allein / sie sind ausgelebt / vorbei – um dann zurückzukehren zur unerschöpflichen Liebe.

Achtsamkeit bedeutet auch – einen Schritt zurückzutreten / einige Atemzüge zu nehmen – und zu merken, dass Zorn und Trauer nichts mit dem Gegenüber zu tun haben, sondern mit dem eigenen Selbst – um dann zurückzukehren zur unerschöpflichen Liebe.

Mein Weg des Lebens – mit der Liebe

Wild – sinnlich – besinnlich

Immer wieder bin ich dankbar für mein gelebtes Leben!

Wie viele Wege bin ich gegangen – manchmal ein leichter Wanderweg, dann wieder eine schnelle Autobahn /  in ein liebliches Tal und über eine Alm mit Kräuterduft / manchmal ein schwieriger Anstieg über eine Geröllhalde und die Glückseligkeit des Gipfelerlebnisses / und so manches Mal ein Stolpern durch die brennheiße Wüste ohne Ende / ein Dschungelpfad mit wilden Tieren / manchmal eine Sackgasse und zurück an den Start / und immer wieder die Stille des Rückzugs – das Sitzen am Fluss …

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https://monikakrampl.wordpress.com/2017/11/23/liebesbrief-an-meinen-ersten-ehemann/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/05/03/ein-mann-und-zwei-witwen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2019/12/30/leben-heist-lieben-und-lieben-heist-leben/

Ein Mann und zwei Witwen

Liebesbrief Nr. 4 an meinen ersten Ehemann

So hie und da, wenn ich am Morgen mit meinem Hund bei ihrem Gartenzaun vorbeilaufe, und sehe, dass sie im Garten ist, öffne ich die Gartentür und trete ein. Sie freut sich, mich zu sehen – deine Ehefrau Nr. 2. Und wir – sie und ich, Ehefrau Nr. 1, – setzen uns an den Tisch und trinken gemeinsam Kaffee.

Wir reden über dich, so wie immer.

Anfangs, weinten wir sehr viel. Wir lagen uns immer wieder in den Armen und trösteten uns. Mit der Zeit wurde es leichter. Und jetzt lachen wir sehr viel miteinander. Wir erzählen uns verschiedene Anekdoten über das Leben mit dir. Und immer wieder lesen wir die Sehnsucht nach dir in den Augen der anderen.

Ja, so könnte es sein.

Ist es aber nicht.

Und obwohl wir nur einige Häuser entfernt in der Straße wohnen, haben wir uns über Jahrzehnte nicht gesehen. Ich lebte in Wien und war nur selten in meinem Elternhaus. Als ich wieder zurückgekommen bin, warst du bereits sehr krank. Hat man mir erzählt.

Deine zweite Frau – wir kannten uns einmal sehr gut – kennt mich nicht mehr oder will mich nicht kennen. Ich weiß es nicht.

Manchmal nickt sie mir zu, über den Gartenzaun hinweg. Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese alte, kranke Frau, die mühsam an ihrem Gehstock Schritt für Schritt durch den Garten geht, mich erkennt.

Ich wünschte mir, ich hätte den Mut gehabt und hätte bei ihr angeläutet.

Wir hätten gemeinsam um dich trauern können.

Zwei Witwen.

Das hätte ich mir gewünscht.

„Traurigkeit ist eine Mauer zwischen zwei Gärten“, sagte Khalil Gibran. Das gefällt mir.

Vor drei Jahren bist du gestorben.

Ich habe dir damals den ersten Liebesbrief geschrieben.

Den ersten nach deinem Tod.

Denn die vielen Liebesbriefe von damals, als du deinen Präsenzdienst leisten musstest und wir monatelang getrennt waren, habe ich noch. Wir haben uns fast täglich geschrieben und in jedem Brief spricht unsere Liebe und unsere Sehnsucht danach, uns wieder in die Arme schließen zu können.

Jahrzehntelang hatte ich nicht mehr an dich gedacht. Und es überraschte mich, dass ich mich plötzlich als Witwe fühlte; – dass ich mich in diesem Gefühl deiner zweiten Ehefrau sehr nahe fühle.

Obwohl ich auch einen zweiten Ehemann und mehrere Lebenspartner hatte. Männer, die ich jeweils ganz besonders liebte. Jeden in seiner eigenen Besonderheit.

Und ich denke mir, wie schön wäre es, wenn das viele Menschen wüssten – dass man mehr Menschen lieben kann, – jeden und jede in ihrer und seiner Besonderheit. Keine Ausschließlichkeit mehr – sondern Einschließlichkeit – neue Strukturen / neue Ordnungen würde sich bilden.

Kein Liebesleid und leiden mehr.

Worüber würden die Dichter dann schreiben …?

Vor drei Jahren, als ich von deinem Tod erfuhr, war sie plötzlich wieder da – die große Liebe, die ich für dich empfand und jetzt noch immer spüre. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese große Liebe – das glückselige Herz und das brennende Verlagen – mit dir leben durfte, und es heute noch in mir trage.

In meinem ersten Liebesbrief, damals vor drei Jahren, schrieb ich:

„Heute erwachte ich ganz still. Und wusste noch nicht, dass ich mich hineinfließen lassen werde, in die Erinnerung an unsere Liebe.

Die Dunkelheit des Nachthimmels verabschiedet sich langsam.

Der Sonnenaufgang kündigt sich an. Ich sitze am Fenster und freue mich über die Stille und die Schönheit des frühen morgens.

Und sanft wie das hellblau des Morgenhimmels steigen Erinnerungen in mir hoch.

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an dich – meine erste große Liebe.

Ich war 14, und du 15, als unsere Liebe begann.

Als wir heirateten, war ich 18, und du 19.“

Heute, – drei Jahre später, ist es wieder ein stiller Morgen – vom Dunkel der Nacht in die erste Helle des Morgens / wie ich diese Stunden liebe …

Ich zitiere nochmals aus dem Brief, weil es heute noch immer Gültigkeit hat und für immer haben wird:

„Ich erinnere mich gerne an die gute Zeit mit dir, die wesentlich länger war, als die Zeit des Zorns und des Leids.

Wie könnte ich das je vergessen?

Müsste ich da nicht auch mich selbst vergessen?

Wie könnte ich darauf verzichten, die Innigkeit der Liebe und Lust nicht mehr zu spüren?

Ich erinnere mich.

Du, meine erste Liebe in meinem Leben.

Ich erinnere mich an dich.“

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/11/23/liebesbrief-an-meinen-ersten-ehemann/