Gedanken über das Patriarchat und das Buch „Patriarchatskritik“

Das Wort „Patriarchat“ und somit auch das Buch „Patriarchtskritik“ von Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin, Publizistin der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung (IPKF), löst Emotionen aus. Viele unterschiedliche.

Und auch Missverständnisse. Das geht von „Endlich ein fundiertes Buch“ bis „Schon wieder diese Männerhasserinnen“ etc.

Liebe Frauen und Männer!

Kritik am Patriarchat bedeutet nicht gegen Männer zu sein!

Im Gegenteil. Viele Männer leiden genauso unter dem patriarchalen System wie Frauen. Und ich möchte sagen – immer mehr.

Und – nicht alle Frauen sehen das so. Sie haben sich eingerichtet im System.

Vieles ist zur Gewohnheit geworden. Und es ist nicht so leicht, die (scheinbare) Komfortzone zu verlassen.

Das Patriarchat ist ein altes, jedoch nicht uraltes System. Denn vor dem Patriarchat gab es auch anderes.

„Nur einen sehr kurzen Zeitraum der Menschheitsgeschichte leben wir in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die von gewaltsamen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Viel länger war die Lebensweise des Menschen friedlich, weil matrifokal. Eine matrifokale Lebensweise stellt Mütter und Kinder ins Zentrum und setzt auf ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern.“ *)

Das Patriarchat ist vor allem ein veraltetes System, das den Menschen, der Natur, den Tieren, schadet. Man braucht sich nur umzusehen in der Welt, so wie sie jetzt ist und dabei ist zu werden. Ja, Männer haben das Patriarchat errichtet und Frauen haben sich darin eingerichtet. Die „Patriarchatskritik“ gibt Auskunft darüber.

Ich sehe es auch nicht als einen „weiblichen Weg“, sondern einen „gemeinsamen Weg“. Ich zitiere da immer Sabine Lichtenfels, weil sie meine Meinung so gut formuliert hat:

„Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat. Wir laden alle engagierten Männer ein, sich unserer Friedensarbeit anzuschließen.“

Die Gleichsetzung von „Patriarchatskritik = gegen Männer zu sein“ ist mit ein Grund, warum ich bis jetzt gezögert habe, Armbrusters Texte zu veröffentlichen, weil ich weiß, dass viele – Männer und Frauen – beim Thema Patriarchat sogleich aufhören zu lesen, weil sie der Meinung sind, es handle sich um Männerhass. Das ist sehr schade. Dass viele auch meinen, es sei eine weitere Spaltung der Gesellschaft und dies leid sind, verstehe ich. Aber so ist es nicht. Möchte ich auch nicht.

Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft. Auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.

Jedoch nicht darüber zu schreiben, wäre feige. Ich erinnere mich an die vielen Anfeindungen und auch Bedrohungen denen ich ausgesetzt war, wenn ich für Frauenrechte eingetreten bin – siehe weiter unten im Text ein Bericht über eine davon. Ich denke, diese Erinnerungen haben auch dazu beigetragen, dass ich es bis jetzt vermieden habe.

Jedoch:

Die „Bestellungen beim Universum“, die eine Zeit lang angesagt waren, sind wieder vom Bücher-Himmel verschwunden, weil es so nicht funktioniert. Die Bestellung allein genügt nicht. Man muss schon etwas dafür tun.

Wenn sich ein neuer Weg an einer Wegkreuzung auftut, muss man ihn schon gehen. Es reicht nicht, an der Kreuzung sitzen zu bleiben und zu warten, dass der Weg zu einem kommt. Man muss schon etwas dafür tun – ihn gehen, auch wenn es vielleicht vorerst ein steiniger Pfad ist und keine Autobahn.

Wenn viele Frauen vom Ende des Patriarchats sprechen, sitzen sie doch an der Wegkreuzung und warten, dass das Universum das erledigt. Wobei das Universum doch bereits so kräftig mitwirkt – siehe Klimakatastrophen – es schreit sozusagen: Es reicht!

Die „Patriarchtskritik“ schreit nicht – obwohl sie das tun könnte – aber sie weist mit vielen Erkenntnissen darauf hin. Sie macht vieles klar, warum es so gekommen ist und warum es so nicht weitergehen kann.

Es bedarf einer höchst notwendigen intensiven und diffizilen Auseinandersetzung damit.

Den Weg gemeinsam gehen – Frauen und Männer.  

Ich weiß, dass  sich Kirsten Armbruster mit dem Thema „Patriarchatskritik“ Angriffen und Unverständnis aussetzt. Ich erinnere mich an Johanna Dohnal, als sie 1990! die erste Frauenministerin Österreichs wurde, – wie sie angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Wie viel an Unverständnis für die Notwendigkeit von Frauenrechten vorhanden war. Wie unnötig und störend dies alles ihre männlichen Kollegen fanden.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Mahatma Gandhi)

Armbruster bringt zur Sprache, was zur Sprache gebracht werden muss.

Und dies sehr professionell, ausführlich und umfassend.

Auf 650 Seiten fasst sie ihre Arbeit zusammen. Sie decodiert die Gehirnwäsche des Patriarchats, der wir alle ausgesetzt sind, mithilfe eines wissenschaftlichen, interdisziplinären Forschungsansatzes, in der Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie, der Religionswissenschaften, der Linguistik, der Soziologie, der Biologie, der Genetik, der Kulturwissenschaften und der Landschaftsmythologie einfließen.“ (Armbruster)

Begleitet und unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann, Franz Armbruster, der eine reiche Auswahl an Fotos beisteuert. Mich faszinieren u.a. die vielen Höhlenzeichnungen, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Sebastian Tippe, Diplompädagoge, hat den Text „Toxische Männlichkeit“ beigesteuert; Rona Duwe, Grafik- und Webdesignerin, Feministin und Autorin, den Text „Liebe und Sexualität“.

Zur Archäologie und Umdeutung der Geschichte: Jahrhundertelang hatten Männer die Deutungshoheit über Ausgrabungen – weil es keine Archäologinnen gab – und wenn, dann nur als Zuarbeiterinnen für die Männer. Männer deuteten aus der Sicht der Männer.

Zu Frauenrechten: Johann Dohnal, wie schon erwähnt, erst 1990 die erste Frauenministerin in Österreich. Wie wurde sie angefeindet, wie musste sie kämpfen. Männer fanden ihre Sicht als Frau in der Politik nicht wichtig und auch störend.

Erfindungen: Wurden den Männern zugerechnet. Erst in den letzten Jahrzehnten  wurden die vielen Erfindungen öffentlich, die von Frauen gemacht wurden. Was nicht sein soll, durfte nicht sein.

Psychoanalyse: Ein weites Feld, das zeigt, dass Frauen am Beginn des letzten Jahrhunderts noch als Hysterikerinnen behandelt wurden und in Irrenhäusern landeten, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollten, selbständig sein wollten, oder in der Ehe vergewaltigt und missbraucht wurden (was damals nicht so gesehen oder bezeichnet wurde).

Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin (1989) im tiefsten ländlichen Bereich an der tschechischen Grenze: Männer bedrohten mich mit Gewalt, weil ihre Frauen den Anspruch erhoben, zumindest am Abend das Auto benutzen zu dürfen, um zu Workshops und in Therapie zu fahren, etc. – ich hätte ihnen diese „Flausen in den Kopf“ gesetzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprachen die Frauen über den Alkoholmissbrauch ihrer Männer und über Gewalt in der Beziehung.  

„Die Patriarchatskritik delegitimiert die Definitionsmacht des Patriarchats und entlarvt sie als androzentrischen Irrtum, wie Gerda Lerner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Entstehung des Patriarchats“ treffend formuliert hat. Lerner schrieb:

Historiker haben das Wirken von Frauen zugeschüttet“ … Frauen hatten keine Geschichte – das wurde ihnen gesagt, und das glaubten sie. So war es letzten Endes die Hegemonie des Mannes über das anerkannte Symbolsystem, durch die die Frauen am entschiedensten benachteiligt wurden“. *)

Viel wäre da noch dazu sagen.

Vieles steht im Buch.

In das Buch – so umfangreich – habe ich bis jetzt nur hinein geschmökert. Trotzdem empfehle ich es. Weil es notwendig ist, sich damit auseinander zu setzen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht immer einer Meinung mit Armbruster sein werde. Nicht bei der Geschichte, das ist allein ihre Domäne, aber vielleicht bei den Lösungsansätzen. Doch das ist normal! Man kann nicht immer in allem einer Meinung sein. Ich stimme nicht allem bedingungslos zu, nur weil ich eine Frau bin.

Doch wenn es einen grundlegenden und wesentlichen Inhalt gibt mit dem ich übereinstimme, ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen und in einen Diskurs zu treten.

Und das ist es.

Lasst uns darüber reden.

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Das Buch „Patriarchatskritik“ von Kirsten Armbruster, zu bestellen bei deinem Buchhändler ums Eck

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Begriffserklärung:

„Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden (vergleiche Männlichkeit). Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.

Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm Abweichende“ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei „Mensch“ als „Mann“ und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt. …“

https://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

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*) Kirsten Armbruster: https://herstory-history.com

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Sebastian Tippe: https://feministinprogress.de/ueber-mich/

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Rona Duwe: https://mutter-und-sohn.blog/autorin-fuer-familien-und-gesellschaftsthemen/

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Sabine Lichtenfels: https://www.tamera.org/de/heilung-der-liebe/

Panta rhei

„Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben“ schreibt Nina Brnada in ihrem Falter-Mail (siehe unten) zu Afghanistan, und „ … dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt …“.

Nicht nur die Welt der Anderen – (scheinbar) weit weg – geht unter – auch unsere Welt geht unter. Ja, Menschen und die Welt verändern sich, es wird immer alles anders. Panta rhei – du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen -. Doch um die Veränderungen, um die es hier geht, sind der Verlust von Sicherheit und Freiheit.

In Afghanistan ist Krieg und Menschen werden einfach so auf der Straße erschossen, und die Leiden der Frauen und Kinder sind unendlich, – kein Vergleich – und doch musste ich an ein Gespräch mit meinem Sohn denken.

Wir sprachen darüber wie wir beide – ich, 71, mein Sohn, 53 – glücklich sein können, wie wir aufgewachsen sind. Obwohl natürlich auch unser beider Kindheit Verschiedenheiten aufweist. Ich, behütet im Garten – aber in welchem Natur-Gemüse/Obst/Garten!, – Federball gespielt wurde auf der unasphaltierten Straße vor dem Haus. Mein Sohn mit Kindern spielend und streunend auf den Gstätten.

Wie wir noch vor 20 Jahren, damals beide in Wien wohnend, nachts ohne Angst durch die Straßen gingen, was heute nicht mehr möglich ist. Wie ich auf der Straße zwischen ein streitendes Ehepaar gegangen bin und den Mann zurechtgewiesen habe; wie ich verhindert habe, dass eine Frau – die von einem Mann angepöbelt wurde und sie sich lautstark wehrte – aus dem Lokal gewiesen worden wäre, wenn ich nicht eingeschritten wäre und den betrunkenen Mann am Schlafittl gepackt und ihn vor die Tür gestellt hätte; etc. Und ich weiß nicht, ob ich dies und noch vieles andere heute noch machen würde. Nicht nur weil ich alt und körperlich schwächer geworden bin, sondern auch wegen des gesteigerten Aggressionspotential, das ich auf den Straßen sehe und spüre. – Aber, wenn ich es mir so recht überlege – oh ja, ich würde es wieder tun. Jedoch mit den Gedanken an die Möglichkeit, dass ich vielleicht zusammengeschlagen würde oder ein Messer in den Bauch bekomme. Angst, nein. Jedoch alleine schon der Gedanke ist keine gute Ausgangsposition. Und früher hatte ich nicht einmal den Gedanken daran.

Und dies alles auch noch abgesehen von vielen Reisen die ich heute nicht mehr machen werde. Nicht nur zu den Kulturstätten, die es heute nicht mehr gibt, wie Nina Brnada schreibt, sondern auch, weil ich nicht in Länder reise, in denen Menschenrechte nicht eingehalten werden; wegen des Klimaschutzes werde ich nicht mehr fliegen; und weil ich glaube, dass Corona noch lange nicht vorbei ist und uns das sich weiter verändernde Klima vieles sowieso nicht mehr möglich machen wird.

Conclusion:

Dankbarkeit, in einer Welt gewesen zu sein und viele Reisen gemacht zu haben, die es so nicht mehr gibt.

Und an das Zitat von Brnada anschließend, die fragt was die österreichische Bundesregierung macht, um zu helfen und zum Schluss kommt – einfach gar nichts.

Was machen die Verantwortlichen der Welt? Einfach gar nichts.

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Tag für Tag

gerate ich tiefer

in die Landschaft hinein

die mich durchquert

(Klaus Merz)

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Hier den Text des falter.maily von Nina Brnada, das meinen Gedankengang ausgelöst hat. Der FALTER ist eine österreichische Wochenzeitschrift.

Waren Sie schon einmal in Syrien? Ich selbst habe es nie dorthin geschafft. Ich bereue es häufig. Wenn ich daran denke, dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt von mehr als zehn Jahren Krieg. Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben.

Ähnliche Gefühle beschleichen mich dieser Tage bei Afghanistan. Wenn ich Namen von Städten wie Kandahar lese; oder von der kleinen Ethnie namens Nuristani, die am Hindukusch lebt und erst Ende des 19. Jahrhunderts zwangsislamisiert wurde (sauze káfir, grünäugige Ungläubige, werden sie genannt); oder vom Khyber Pass, der wichtigsten Verbindung zwischen Afghanistan und Pakistan. So wie Syrien ist auch Afghanistan zwar nur wenige Flugstunden von Wien entfernt, aber so unerreichbar wie der Mars. Was wird aus diesem Flecken Erde und seinen vielen verschiedenen Menschen, Kulturen und Sprachen werden?

Unter der rohen Gewalt, die über Afghanistan gekommen ist, entrückt das Land vor unser aller Augen, live übertragen von den global sendenden Fernsehstationen. Das muss man sich einmal vorstellen: Nach 20 Jahren amerikanischer Präsenz kontrollieren die Taliban nach wenigen Wochen mehr Territorium als vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2001.

Zudem riegeln die Taliban alles ab. Die allerletzte Verbindung zum Rest der Welt, der überrannte Flughafen von Kabul, schwindet zusehends dahin. Noch sechs Tage sichern sie den Flughafen, danach wird auch diese letzte Verbindung gekappt. Afghanistan wird als Steinzeit-Emirat versiegelt, ein schwarzes Loch auf der Weltkarte, wo Massenhinrichtungen durchgeführt werden, Mädchen teils nicht in die Schule gehen und Frauen sich jetzt schon nicht mehr frei bewegen dürfen.

Und was macht die österreichische Bundesregierung, um zu helfen? Einfach gar nichts.

https://www.falter.at/maily/1016/afghanistan-am-mars-601?ref=homepage

Foto: The Elder Poem von Elisabeth Sansonow

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Heute Morgen entdeckte ich folgende Notizen, die ich im Oktober 2020 in einem Mail an eine liebe Freundin geschrieben habe:

Jetzt, am Beginn der dunklen Zeit schreibe ich dir einige Fragen / Gedanken / Notizen:

Das Ablaufdatum der Erde

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Oder poetischer formuliert – die Erde tritt in den Winter ihres Lebens ein? –

So wie auch ich

Und unser beider Ende ist absehbar

Wenn ich das Sterben / den Tod akzeptiere, bedeutet das, dass ich der Meinung bin, wir sollten / bräuchten nichts tun, weil es sowieso zu Ende geht?

Nein, dieser Meinung bin ich nicht

Erde und Universum haben ihren eigenen Rhythmus

Wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird

Monate / Jahre / Jahrhunderte?

Wer weiß das schon …

Was ich weiß, ist –

„Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben müsste, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“

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Heute geschrieben, August 2021:

Und wenn alles um uns zusammenbricht

Feuer und Wasser menschliches Dasein vernichtet

Was hält uns dann?

Was hält dich und mich?

Gemeinschaft / Unterstützung / Fürsorge – Liebe

Und so manches Mal frage ich mich – ob erst alles

zusammenbrechen muss, damit wir uns auf das

was uns hält und trägt besinnen …

Ich habe heute einen Essay über den

Urgrund des Seins

geschrieben

der „Urgrund des Seins“ hält mich –

spricht mit mir und in mir

schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit

einer absoluten Liebe

Sicherheit und Vertrauen

Ich hatte einen Traum

Im März 1996 hat die österr. Frauenzeitschrift „AUF“ meine Erzählung über das Leben meiner Großmutter veröffentlicht. Meine Großmutter lebte damals noch und sie hatte eine „schamhafte Freude“ über diese Veröffentlichung. Scham – weil wir sie und ihr Frauenleben so wichtig nahmen. Es sind ihre Erzählungen über den Tod ihrer Mutter als sie drei Jahre alt war enthalten – „… sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir neben der toten Mutter …“ ebenso wie über ihre Dienstmädchenzeit in Wien und dass sie diejenige ist, die ihrem Mann immer Mut macht. Außerdem sind Auszüge aus den Briefen ihres Mannes enthalten, die er ihr aus Russland schreibt – „… mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss …“

Ich habe die Erzählung meiner Großmutter, einem Dienstmädchen, und meiner Urgroßmutter, einer Schneiderin, gewidmet.

Ich hatte einen Traum

Erst hatte sie den Traum von einer glücklichen Familie — einem guten Mann, einer treu sorgenden Gattin und Mutter sowie braven und lieben Kindern. Dann kommt der Krieg. Er schreibt am 18. Oktober 1942 aus der Gefangenschaft in Russland:

„… und einen Umschlag mit den alten Briefen habe ich auch nach Hause geschickt, weil ich schon einen ganzen Haufen hatte, und verbrennen will ich’s aber nicht. Ich will sie in unseren alten Tagen mit Dir, mein Lieb‘, durchstudieren, was wir uns beide alles Gute und Schlechte geschrieben haben. Aber auch Du sollst die Briefe alle aufheben, die ich Dir schreibe !…“

Sie hebt die Briefe alle auf, aber er kommt nicht wieder nach Hause… Aus der Traum.

Der zweite Traum, den sie hatte, ist der einer Mutter, die ihre Kinder heranwachsen sieht, denen es besser gehen soll als ihr; einer Großmutter, die ihre Enkelkinder groß zieht, und die in der Gebor­genheit dieser Familie alt wird. Auch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ich möchte aber von dem ersten Traum erzählen.

„Ich habe geträumt, ich steh‘ in der Haustür und mein Mann kommt auf das Gartentor zu. Er hat seinen Sonntagsanzug an, und ich kann ihn ganz genau sehen. Ich gehe ins Haus hinein, denn ich möchte ihn drinnen erwarten.“

Dies erzählt die alte Frau, sie ist 87 Jahre alt, ihrer Enkeltochter. Ihr Mann, den sie in ihrem Traum auf das Haus zukommen sieht, ist vor 51 Jahren im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft gestorben. Er ist nicht gefallen — wurde nicht von einer feindlichen Kugel ge­troffen – er starb an der Ruhr, an Heimweh, an Sehnsucht nach sei­ner Familie, und an Mutlosigkeit. Denn die, die ihm Mut gab, war nicht bei ihm. Die Briefe, die er ihr schreibt, sind Briefe der Liebe

und der Sehnsucht. Er braucht ihre Stärke, aber sie ist zu weit weg. Am 22. Juli 1943 schreibt er nach Hause:

„… ich hatte heute eine sehr schlechte Nacht, konnte überhaupt nicht schlafen, meine Gedanken sind immer bei Euch zu Hause, was Ihr so macht, und wie es geht. Das soll doch schon bald alles der Teufel holen, ich weiß nicht, mich verdrießt es jeden Tag mehr und mehr, und immer diese Versetzungen, jetzt bin ich seit 5. Ok­tober 42 fortwährend auf der Tour, mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss…“

Heute glaubt sie, dass sie seine Stärke braucht, um es »denen« zu zeigen. »Die« — das sind ihre Kinder, die sie in der Zeit der Arbeits­losigkeit zur Welt gebracht hat, für die sie in der Zeit des Krieges allein verantwortlich war, für die sie sorgen musste, und die sie ei­nen Beruf lernen hat lassen, damit sie es einmal leichter haben im Leben. Die, das sind drei Kinder, von denen sich zwei von ihr abge­wandt haben. Ein Kind bleibt aus Pflichtgefühl. Sie hat ihr ganzes Leben diesen Kindern und ihren Enkelkindern gewidmet, hat sich »aufgeopfert«, so wie viele Frauen aus dieser Zeit. Sie hat nie mehr geheiratet, war ihr ganzes Leben lang diesem Mann verbunden, mit dem sie zwölf Jahre zusammenleben durfte. Dass dieses »Aufopfern« auch beinhaltet, dass sie ihre Kinder nie losgelassen hat, und diese auch nicht fähig waren, sich ihrer Stärke entgegenzustellen und zu gehen, drückt sich heute, wie in so vielen ungelösten Konflikten, durch Streit und Zorn aus.

Ihr Leben ein Traum, ein sich nicht er­füllender Traum …

Sie wurde im Jahre 1909 in einem kleinen Dorf im nördlichsten Waldviertel geboren. Das Klima in diesem Landstrich ist ziemlich rau, und so waren und sind auch heute noch die Leute dort. Das Leben wird bestimmt von Kargheit und Strenge. Diese Kargheit und Strenge bestimmt bis zum heutigen Tag ihr Leben. Im Jahre 1912 stirbt ihre Mutter, sie ist gerade drei Jahre alt. Sie kann sich ganz genau daran erinnern. Sie erzählt:

„…Meine Mutter hat ein graues Kleid mit weißem Tüll an, sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir

neben der toten Mutter. An das Begräbnis kann ich mich nicht er­innern …“

In der Folge führt die Großmutter dem Vater und dem kleinen Mädchen die Wirtschaft. Ihr Vater ist Maurer von Beruf und arbei­tet bei der Bahn. Durch diese Beschäftigung bei der Bahn wird er auch nicht in den Krieg eingezogen. Aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs ist das hervorstechendste Erlebnis für sie die Wiederverheira­tung des Vaters im Jahre 1917. Die Stiefmutter, die sie bekommt, ist die böse Stiefmutter der Märchenbücher. Es beginnt eine Zeit der Demütigungen, der Ablehnung und der Misshandlungen. Sie erzählt:

„Meine Stiefmutter hat wahrscheinlich geeifert, weil ich beim Va­ter geschlafen habe, aber ich war das gewohnt. Wir sind dann von meinem Geburtshaus weggezogen, in eine Wohnung (Zimmer/Kü­che) ein paar Häuser weiter. Wenn ich in mein Geburtshaus zu­rückgegangen bin, habe ich halt nachher meine Sachen gekriegt (bei den Haaren gerissen, auf den Rücken geschlagen). Als mein Bru­der zur Welt kommt, werde ich auch nach der Schule eingespannt. Wenn ich zur Taufpatin gehen wollte, musste ich den Kinderwagen mitnehmen. Damit ich ein bisschen mit den Kusinen spielen konn­te, hat halt die Tante auf den Buben aufgepasst…“

Der Bruder stirbt mit neun Monaten. Zum Spielen kommt sie trotzdem kaum. In dieser Zeit ist es auch üblich, dass sie ihrem Vater das Mittagessen in den nächsten Ort nachbringt, das sind hin und zurück gute zehn Kilometer. Infolge der Umstellungen nach dem Krieg zieht die Familie in das südliche Niederösterreich. Sie wird entsprechend der Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts zu absoluter Bedürfnislosigkeit und Gehorsam erzogen. Die Kindheit, die sie bis dahin hatte, war geprägt von Entbehrungen und Demütigungen. Was sie nicht kennen lernte, war eine Atmosphäre der Liebe, der Ge­borgenheit, der Wärme und des Akzeptierens. Heute, mit 87 Jah­ren, sagt sie zu ihrer Enkeltochter:

„Weißt Du, ich hab‘ halt einen ganz starken Minderwertigkeitskom­plex, ich fühl‘ mich, als ob ich nichts wert wäre. Ich hätte es gebraucht, dass mir schon in meiner Kindheit jemand gesagt hätte, dass ich was wert bin …“

Mit 13 Jahren, nach sechs Klassen, muss sie die Schule verlas­sen. Ein Mädchen braucht keine Bildung. Bis dahin war sie schon regelmäßig nach der Schule bei einer Familie zum Geschirr abwaschen. Nun kommen auch noch die anderen schwereren Haushalts­arbeiten dazu. Vom Hof das Wasser für drei Personen zum Waschen und Kochen in den zweiten Stock hinauftragen, vom Keller Kohlen und Holz hinaufbringen, Herd und Kacheln putzen, die Eisenteile mit Schmirgelpapier abreiben, Zimmer ausreiben … Sie erhält vier Schilling im Monat. Von dem Geld darf sie nichts für sich behalten. Mit 17 lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ein gelernter Tischler. Doch nach dem Willen der Stiefmutter soll sie einen »Ei­senbahner« heiraten. Um die nicht erwünschte Verbindung zu un­terbinden, wird sie in einer Nacht- und Nebelaktion nach Wien geschickt. Hier arbeitet sie als Dienstmädchen in einer jüdischen Fa­milie. Untergebracht ist sie in einem Kabinett, das nicht beheizbar ist. Trotzdem geht es ihr hier wesentlich besser. Sie versteht sich gut mit der »Gnädigen«, kann das Geld, das sie verdient, für sich behal­ten und kann sich das erste Mal in ihrem Leben etwas kaufen. Da sie schon ihrem zukünftigen Mann treu ist, hat sie auch keine Männer­bekanntschaften. Es ist anzunehmen, dass dies auch mit ein Grund ist, dass sie sich mit der »Gnädigen« gut versteht. Ein Dienstmäd­chen, das kaum weggeht und keine Männerbekanntschaften sucht, ist eine »Perle«.

Obwohl es ihr hier zum ersten Mal in ihrem Leben gut geht, verlässt sie diese Stelle und Wien und geht wieder zurück. Der Grund ist ihr zukünftiger Mann – sie erzählt:

„Sein Bruder hat mir geschrieben, ich soll nach Hause kommen, er fallt immer zusammen. Er kommt von der Arbeit nach Hause, und nach dem Essen starrt er so lange auf mein Foto bis er zusam­menfallt …“

Sie geht zurück und wird wieder von der Stiefmutter schikaniert. Im Frühjahr 1928 kommt ihr erstes Kind zur Welt, und im darauf ­folgenden September heiraten sie. Sie ziehen in eine eigene Wohnung. 1929 kommt bereits das zweite und 1930 das dritte Kind. Im gleichen Jahr wird ihr Mann arbeitslos. Sie ist diejenige, die jetzt für die Familie sorgt. Sie geht wieder putzen – sie putzt in Schulen, im Theater, sie wäscht die Wäsche für andere, sie hilft den Bauern am Feld, gleichzeitig hilft sie noch ihrem Mann im Wald beim Stock­graben, um Holz zum Einheizen zu haben. Dass ihr Mann zwar die Kinder beaufsichtigt, aber nicht kocht, keine Windeln wäscht, fin­det sie selbstverständlich – »das hat es damals nicht gegeben«. Die Stärke dieser Frau wird hier zum ersten Mal sichtbar – sie ist es, die die Familie durchbringt. Von 1930 bis 1939 ist ihr Mann arbeitslos, und sie ist diejenige, die ihrem Mann Mut macht – sie erzählt:

„Er hat immer zu mir gesagt, wenn du nicht singst, dann pfeifst du, und wenn du nicht pfeifst, dann singst du. Wo nimmst du nur diese Kraft und Fröhlichkeit her? Er war halt immer schwermütig…“

In dieser Zeit der Arbeitslosigkeit kaufen sie sich mit zum Teil geliehenem Geld einen Baugrund und fangen an, ein Haus zu bau­en. Im Jahre 1935 ist das Haus fertig, und im Jahr 1939 – ein wei­terer scheinbarer Lichtblick – bekommt ihr Mann Arbeit. Doch be­reits ein Jahr später, 1940, wird er eingezogen. 1944 ist er das letzte Mal zu Hause, kurz darauf kommt er in Kriegsgefangenschaft. Am 3. März 1945 stirbt er in Gefangenschaft. Sie erfährt es erst ein Jahr später durch einen seiner Kameraden — bis dahin hat sie auf seine Heimkehr gehofft. Mit 37 Jahren ist sie Witwe, ihre Kinder sind 18, 17 und 16 Jahre alt.

Ihr Weltbild ist Strenge, Sauberkeit und Ordentlichkeit. So er­zieht sie auch ihr erstes Enkelkind, eine Enkeltochter, die 1950 zur Welt kommt. Erst im Alter wird es ihr möglich sein, diese Stren­ge zu mildern, ihre Enkeltochter in den Arm zu nehmen. Die alte Frau und die Enkeltochter rücken heute näher zusammen. Sie sind einander näher als Mutter und Tochter. Die Stärke der Alten ist zur Stärke der Jüngeren geworden, etwas, das sie verbindet. Sie erzählt ihrer Enkeltochter:

„Ich bin nie allein, denn links von mir ist mein Mann und rechts meine Mutter, sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“

(Fotos und Feldpostbriefe aus Privatbesitz Monika Krampl)