Sollen wir oder müssen wir sogar in Frage stellen?

Fragen stellen – etwas in Frage stellen – finde ich immer gut. Ja, ich liebe es, meine Gehirnzellen in Gang zu bringen und auch mal ums Eck zu denken. Manchmal bringen Fragen sofort und umgehend Antworten – vielleicht auch neue Erkenntnisse. Manchmal führen sie zu neuen Fragen. So manches Mal führen sie auch in Unsicherheiten und Bedenken über die eigene Lebensführung. Doch – wenn Bedenken kommen, dann gibt es etwas zu bedenken. Das ist dann auch eine Erkenntnis.

Corona stellt vieles in Frage. Viele Lebensgewohnheiten, und damit auch einige der so genannten „Normalitäten“. Nicht schlecht, finde ich. Denn bei so manchen dieser „normalen“ Umtriebe und Auswüchse stellt sich die Frage ob dies noch normal ist. Das sei nur am Rande bemerkt, denn über den Begriff „Normalität“ ließe sich doch trefflich streiten. Darum geht es hier und jetzt aber nicht.

Nun erzählen viele Menschen über ihre Unsicherheiten / stellen Fragen und in Frage / sind nachdenklich. Das freut mich. Denn daraus kann Neues entstehen. Und das brauchen wir ganz dringend in unserer gefährdeten Welt allgemein und für unser persönliches Wohlergehen sowieso und ganz gewiss.

Nachstehend lasse ich zwei Fragesteller*innen zu Wort kommen.

Marianne Gronemeyer, die Fragen zur Arbeitswelt stellt und zu dem Ergebnis kommt – „Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.“

Christoph Quarch, stellt die Frage, warum wir Friedrich Hölderlin, einen Dichter aus dem 1800 Jhdt. brauchen, und kommt zum Ergebnis – Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod.“

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Marianne Gronemeyer, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin,  stellt die Fragen:

„Hauptsache Arbeit. Aber wozu?“

Und – „Wer soll denn wohin integriert werden?“

Wer sich heutzutage der politischen Korrektheit befleißigen und sich auf die Seite des Anstands schlagen will, der muss für ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ votieren. Aber da erhebt sich augenblicklich die Frage, wer denn da wohin integriert werden soll: Die Frauen in die Männerwelt; die Habenichtse in die Konsumwelt, die Fremden in die Welt der Ansässigen; die Schwachen in die Welt der Starken; die Kranken in die Welt der Gesunden; die Scheiterer in die Welt der Funktionstüchtigen, die Arbeitslosen in die Welt der Leistungserbringer und die Verlierer in die Welt der Sieger? Aber es ist ja nicht so, dass die Starken, die Erfolgreichen, die Gesunden, die Leistungsstarken und die Sieger im Recht wären. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Arbeitswelt, die Welt des Arbeitsmarktes so zugerichtet haben, dass in ihr gute Arbeit durchweg nicht mehr möglich ist. Und die vom Konkurrenzkampf aller gegen alle geprägte Arbeitswelt wird ja um nichts besser, wenn die Schwachen, die Frauen, die Gescheiterten und die Arbeitslosen auch noch in sie hineingeraten. Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.

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Christoph Quarch, Philosoph, evangelischer Theologe und Autor, stellt die Frage:

Warum wir Hölderlin brauchen?

„ … denn es ist Zeit,

Dass aus der Menschen Munde sie, die

Schönere Seel, sich neuverkündet, (…)

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt

Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist

Im Menschenwort, am schönen Tage

Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.“

(aus. Ermunterung von Friedrich Hölderlin)

Friedrich Hölderlin war der Sänger des Heiligen. Dazu sah er sich berufen. Worte für den Geist zu finden, der im alten Griechenland in der Gestalt des Gottes Apollon verehrt wurde; diesem Gott, diesem Geist dabei zu helfen, sich im Menschenwort, am schönen Tage, einer künftigen, neuen Zeit aus- und zuzusprechen – so wie er sich im alten Hellas einst bekundet und dabei eine Welt geboren hatte, von deren geistiger Schönheit und Kraft die europäische Kultur sich noch heute nährt. Es war dies eine Welt, die es den Menschen möglich machte, sich in Freiheit und zur Blüte eines schönen Menschenlebens zu entfalten. (…)

Das war Hölderlins Vision: eine Welt, die nicht länger vom Homo Faber oder Homo Oeconomicus  beherrscht ist, die nicht getrieben ist vom Willen zur Macht eines Subjetes, das um seines eigenen Vorteils willen alles Natürliche vernichtet, eine Welt, in der die Menschen im Einklang mit dem lebendigen Sein der Natur leben, statt sich in den Allmachtsphantasien ihrer digitalen Technik zu verlieren. Hölderlins Vision galt einer Welt, worin der Mensch am Ende seiner Tage mit einem Lächeln auf den Lippen sagen kann: Zu sein, zu leben, das ist genug. Das ist eine Vision, derer wir im 21. Jahrhundert dringender bedürfen denn je. Deshalb brauchen wir Hölderlin. Seine Vision hat nicht an Gültigkeit verloren.

Wir brauchen eine neue religio – eine neue Rückbindung ans lebendige Sein dieser Welt, die uns die Heiligkeit der lebendigen Natur erkennen, ja, vor allem lieben lehrt. Wir brauchen eine Haltung gegenüber der Welt, die uns von der Egozentrik des neuzeitlichen Subjekts befreit und von unseren Fesseln befreit: unserer Angst vor dem Tod und unseren Herrschaftsgelüsten gegenüber Mensch und Natur. Wir brauchen ein neues Menschenbild, das uns begreifen lässt, das wir nur im Einklang mit dem lebendigen Sein zur vollen Freiheit und Schönheit des Lebens erblühen können – und nicht auf dem Wege der gewaltsamen Durchsetzung unseres Willens. Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod. Das alles brauchen wir. Wir brauchen Hölderlin und seine Dichtung, seine Vision von einer neuen Zeit. (…)

„Uns selber zu verstehen! Das ist’s, was uns emporbringt. Lassen wir uns irremachen an uns selbst (…) dann ist auch alle Kunst und alle Müh’ umsonst.

(Heinrich Heine in einem Brief an Neuffer, August 1798)

Obige Texte aus:

Christoph Quarch: „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“, S. 180 ff

Marianne Gronemeyer: https://ivs-wien.at/ivs-veranstaltungen/wien-wird-anders/prof.-dr.-marianne-gronemeyer.html

Reflexionen über überlebens-notwendige Lebensveränderungen und Verzicht

Es ist noch immer nicht im Allgemeinbewusstsein angekommen, dass wir alle – und damit meine ich wirklich „alle Menschen“ – etwas verändern müssen.

„Uns geht’s doch gut! Warum etwas verändern?“

Ja, aber …

Jetzt, zur Coronazeit und der Klimaveränderung, die nicht irgendwann kommt sondern die bereits begonnen hat, wäre es dringend notwendig sich Fragen zu stellen –

  • was brauche ich zu einem guten Leben?
  • brauche ich das was ich bereits habe wirklich alles?
  • worauf kann ich verzichten?
  • was kann ich verändern in meinem Leben?

Ich bin 70 Jahre und saß gestern mit zwei 70-jährigen Frauen zusammen, die mich erstaunt und verwundert anschauten, als ich sagte, dass ich mich frage was ich mit dem Rest meines Lebens anfange? Ich schaute verwundert zurück – ist es doch gerade jetzt Zeit für Veränderungen im Leben – meine ich.

Für mich persönlich gehört zu einem guten Leben, dass ich nicht über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg in gleichen Alltagsgewohnheiten versinke und mir der vielen anderen Lebensmöglichkeiten gar nicht mehr bewusst bin. Jahreszeiten verändern sich / unsere Leben verändern sich / Lebensrhythmen werden mit den Jahren anders.

Ja, werden sie das?

Nur wenn wir uns selbst und unsere Umgebung mit Achtsamkeit wahrnehmen.

Ich habe immer wieder Neues ausprobiert und möchte auch weiter Neues ausprobieren. Ja, ich möchte sagen – ich muss – weil ich mich verändert habe und daher liebe, alte und wohlbekannte Lebensgewohnheiten nicht mehr stimmen. Es passt einfach nicht mehr. Wie ein Kleid, das nicht mehr richtig passt …

Birigt Wittstock schreibt im heutigen Falter-Newsletter über eben diese fehlende Bereitschaft zur Veränderung und bezeichnet sie als den „kollektiven Egoismus“. Und ich frage mich – ist es Egoismus / Unbewusstheit oder Achtlosigkeit / Unlust etwas zu verändern und damit einhergehend Angst, dass es einem dann vielleicht nicht mehr gut geht?

Zurück zu dem Treffen der drei 70-jährigen – 210 Jahre geballt an einem Tisch, das hat schon was!

Beim Verabschieden auf der Straße sehe ich das Auto der einen 70-jährigen. Ein Volvo Cabriolet. Ich sehe sprachlos wie das Dach auf Knopfdruck verschwindet. Wie sie sich hinter das Steuer schwingt und mit flatterndem Haar in den Sonnenuntergang fährt. Na ja, es war nicht ganz so. Die Haare haben nicht geflattert, die saßen sehr fest in ihrer Form. Und der Sonnenuntergang war noch nicht so weit.

Und für kurze Zeit tauchte ich ein in die Phantasie, dass ich mit diesem schicken Cabriolet mit meinen weißen, im Fahrtwind flatternden Haaren durch die Hügel der Toscana in den Sonnenuntergang fahre. Im Radio laut – sehr laut, die Songs von Dire Straits und Tho Doors …

Zurück am Boden der Realität frage ich mich, ob es nicht ein Leichtes ist über Veränderung und Verzicht zu sprechen, wenn man dies alles nicht hat?

Ist es nicht sehr leicht davon zu sprechen, wenn ich mir das alles sowieso nicht leisten kann? Sollte ich daher meine kleine Pension als Segen betrachten? Zum Nachdenken und Überdenken eines Lebens, das ich bis dahin führte, und einem nun aufgezwungenem Verzicht, der im Anfang nicht leicht war, hat es zweifellos  geführt. Und jetzt im Nachhinein bin ich froh und dankbar darüber. Es hat mich aufmerksamer und dankbar für die kleinen Freuden – die in Wirklichkeit ganz groß sind – gemacht.  

Und ich stelle mir die Frage, ob ich der Verführung mit diesem schicken Cabriolet durch die Toscana zu fahren, standhalten würde, wenn ich es mir leisten könnte?

Ja, würde ich.

Aus Umweltschutzgründen; weil ich diese Autos, auch wenn ich es mir leisten könnte zu teuer finde / ich möchte nicht so viel Geld für ein Auto ausgeben; weil ich diesen ganzen Computer-Schnickschnack nicht will – ich will selbst fahren und mich nicht dauernd vom Computer stören lassen will und schon gar nicht will ich, dass ein Auto selbst fahrend ist – ich möchte das Lenkrad selbst bewegen und schalten und walten können …

Ich lebe jetzt seit drei Jahren ohne Auto. Und es geht. Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel. Und nur manchmal, so hin und wieder fehlt mir ein Auto – einfach ins Auto steigen und ab in den Süden …

Ja, es gibt sie, die Momente, in denen es nicht leicht ist mit dem Verzicht.

Trotzdem. Ich habe in den letzten Jahren vieles reduziert.

Von 110 m2 Wohnfläche auf 50 m2. Ich habe Möbel / Geschirr / Bücher / Kleidung / Bilder / Krimskram / Auto / Motorrad – schlussendlich auch meine Stapel von Tagebüchern / Kartons voll mit Unterlagen aus dem Studium, den vielen Projekten, Workshops und Seminaren / und noch vieles mehr – all meine gelebte Vergangenheit ausgelichtet (entsorgt).

Und es geht mir gut. Ja, es geht mir gut.

Es ist leichter – lichter – geworden.

Es ist Platz für Neues.

Nichts festhalten. Nichts haben wollen.

Leben.

Einfach leben.

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“

(Friedrich Hölderlin)

Damit ich auch eines Tages leichten Herzens gehen kann.

Weil ich gelebt habe.

Textauszug aus dem Artikel „Unser Wohnstand tötet das Klima – Zeit etwas zu verändern“

„Werbung und unser eigenes Statusdenken verführen ebenso zu mehr Konsum wie die Konkurrenz der ArbeitnehmerInnen untereinander. Denn „um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Individuen dazu gedrängt, die Zeit- und Kosteneffizienz zu erhöhen, indem sie in Autos, Küchengeräte, Computer und Smartphones investieren“, schreiben die AutorInnen.

Dazu leben besonders wohlhabende Menschen ein Konsumverhalten vor, dem viele nacheifern wollen. „Überkonsum“ bedeutet dann auch, Geld auszugeben, um einen vermeintlich höheren Status nach außen sichtbar zu machen und sein eigenes Wohlbefinden zu steigern.

Das Problem: Je mehr Personen dabei mitmachen, umso höher steigt das Konsumniveau und umso teurer müssen die gekauften Statusgüter werden, „während das gesellschaftliche Wohlbefinden stagniert“, so die AutorInnen.“

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Im Januar dieses Jahres schrieb ich in Teil 1:

„Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich entsorge meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher.

Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.“

Siehe: https://monikakrampl.wordpress.com/2020/01/16/hineinwachsen-in-mich-mein-70-geburtstag-ein-neuer-lebensabschnitt/

Nach dem Auslichten meiner Tagebücher, das mir im Rückblick wesentlich leichter erscheint als das jetzige, machte ich den letzten Durchgang. Den Begriff Auslichten habe ich mit großem Dank von Cambra Skade übernommen. Für eine Weile versank ich in den vielen Kartons, die im Gästezimmer meines Sohnes gestapelt waren. Wir konnten kaum zur Tür rein. Ein schmaler Gang blieb. Zwischen meiner Vergangenheit und dem Rest der Sachen meiner verstorbenen Mutter, die wir nach der Entsorgung auf dem großen Flohmarkt noch behalten hatten. Zum Durchsehen. Nun war die Zeit auch für dieses Durchsehen gekommen.

Auslichten im Sinne von Loslassen und auch Loswerden.

Meine Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch materiell loswerden.

Nicht, weil sie so schrecklich war. Das war sie auch. Ein Teil davon.

Auch das Glückliche – ich möchte mich nicht dahin zurück sehnen.

Das war einmal – so beginnen doch Geschichten: Es war einmal …

Meine glücklichen Erinnerungen behalte ich und lege sie vorsichtig in meine innere Schatzkiste. Jedoch, ich möchte mich nicht zurück sehnen und damit den Blick für und die Anwesenheit in der Gegenwart verlieren.

Denn, wenn ich glücklich sein möchte, dann kann ich das nur in der Gegenwart – und so wie ich jetzt bin, nämlich anders.

Das Glück der Vergangenheit kann ich so nicht mehr leben.

Ich bin JETZT.

Ich bin jetzt eine ANDERE. 

Immer wieder die Unsicherheit – zum Beispiel bei der vielartigen Korrespondenz mit meinen Freund*innen, meinen Liebsten; mit interessierten Menschen an meinen vielen Projekten und noch mehr Projektideen. Sie stammt aus einer Zeit, in der wir uns noch viele Briefe geschrieben haben und ich staune.

Ob ich sie nicht doch behalten sollte – die Briefe?

Aber warum?

Das alles wurde vor Jahrzehnten geschrieben und ich habe es nie mehr gelesen. Ich werde es auch jetzt und in Zukunft nicht lesen.

Warum also?

Nur um sie zu „haben“?

Es schmerzt.

Es macht traurig – das Loslassen.

Ein Teil von mir möchte es nicht loslassen, möchte dahin zurück.

Dahin, wo es so schön und lebendig war.

So viele Menschen in meinem Leben.

Und jetzt ….?

Ich möchte mehr Sein als Haben.

Es ist Zeit mich auf das Wesentliche und Wenige zu konzentrieren, und nicht einen materiellen Berg von Vergangenheit hinter mir herzuschleppen, bei jedem Schritt. Ich habe das Bild von einem riesigen Sack, der am Boden hinter mir herschleift und ich ihn mit Gurten – so wie einen Rucksack – an meinen Schultern befestigt habe. Jeder Schritt ist mühsam, denn der Sack ist schwer. Mit schweren Schritten stapfe ich dahin.

In den Kartons stapeln sich Ordner.

Ordner über Ordner, angesammelt und gefüllt mit meinem Leben über die letzten 35 Jahre; akribisch – gründlich und sorgfältig – beschriftet.

Ordner mit der Korrespondenz mit Freund*innen und Liebsten; mit Kolleg*innen und Menschen in Seminarzentren im In- und Ausland;  Ansichtskarten und Glückwunschkarten meines Sohnes.

Die Korrespondenz mit unseren singhalesischen Freunden in Hikkaduwa in Sri Lanka – hatten wir – mein zweiter Ehemann und ich – doch bereits alles in die Wege geleitet zum auswandern. Es sollte nicht sein.

Und ich staune immer wieder, mit wie vielen Menschen ich in Kontakt war!

Und ich erinnere mich, wie offen – mit großen offenen Augen und offenem Herzen, einer grenzenlosen Liebesbereitschaft – ich durch die Welt gegangen bin und Menschen angezogen habe. Und viele – allzu viele – gingen mit der Zeit verloren – weil wir den Kontakt nicht gehalten haben.

Die, die geblieben sind, sind meine treuesten Weggefährt*innen auf meinen verschlungenen Lebens-Pfaden.

Ich vermisse die Liebe – in erster Linie meine eigene.

Ich spüre die grenzenlose Liebe nicht mehr, – nicht so wie damals.

Irgendwann vom Pfad der Liebe abgekommen, mein Herz zugemacht und verschlossen. Den Schlüssel weggeworfen.

Den Schlüssel habe ich bereits wieder gefunden. Es war schwer, ihn in dem verrosteten Schloss umzudrehen. Jetzt bin ich dabei, die auch in ihren Scharnieren verrostete Tür zentimeterweise zu öffnen …

Und kaum ist es mir gelungen aufzusperren, klopfte einer meiner ehemaligen Liebsten an die Tür. Im Laufe dieser Wiederbegegnung schrieb ich ihm:

Das Wiedersehen

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer

liebe

und

begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

Und mit großem Erstaunen und ebenso großer Freude merke ich, wie viel ich doch in diesen Jahren über die Liebe gelernt habe.

Die nächsten Ordner führen mich in die Welt meiner psychotherapeutischen Praxis.

Der Erste enthält die vielen Originalmanuskripten und Folder der abgehaltenen Seminare und Workshops.

Mein Gott, war ich fleißig und engagiert!

Ordner mit Projektideen im zivilgesellschaftlichen Bereich und über angedachte Seminare und Workshops; Mitschriften der Therapiesitzungen, Befunde für die Krankenkassen; Honorarnoten, etc. Ich weiß nicht, von wie vielen hunderten von Klient*innen in den 25 Jahren. Die vielen Dankesschreiben. An die meisten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich sehe die Anzahl der Therapiestunden – und sehe, wie viel ich gearbeitet habe.

Welch’ Energie ich hatte!

Ordner mit den Lehrunterlagen, meinen Seminararbeiten, von den zwei Semestern an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Zwei Semester fehlen noch, dann hätte ich den Bachelor.

Aufgehört habe ich, als ich meine Mutter in den letzten zwei Jahren ihrer Krebserkrankung begleitete. Heute ist es mir nicht mehr wichtig.

Doch ich erinnere mich gerne – lerne ich doch mit viel Neugier und Begeisterung Neues.

Die ungeliebtesten Ordner – die Unterlagen meines Steuerberaters. Darüber legt sich der Mantel des Schweigens. Ich bin eine Frau der Worte. Zahlen bereiten mir Unbehagen.

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Viel Trauer ist in mir – aber ich spüre auch die Last der Vergangenheit.

Das Mitschleppen.

Erleichterung wird folgen.

So wie es mit dem Auslichten der Tagebücher auch war.

Es ist gut.

Es ist gut so, wie es ist.

Dies alles passierte in den letzten Wochen und jetzt?

Ob mich die Rückschau auf meine Lebenserinnerungen auch stolz macht, fragte eine meiner Herzensfreund*innen, und ich schrieb ihr:

„Ja, ein bisschen. Aber vor allem macht es mich dankbar. So viele Menschen – da bin ich noch immer sprachlos – es macht mich unendlich dankbar den Menschen gegenüber für ihr Vertrauen, sich mit mir auf die tiefen Prozesse in den Therapien eingelassen zu haben; und ehrfürchtig und demütig für die viele unendliche Energie, die ich hatte.

Ich staune, wundere mich über die Wunder meines Lebens und erfinde mich wieder einmal neu …

Info:

Cambra Skade, Wortschöpferin. Über sich schreibt sie: „Bayrische Künstlerin und Alltagsforscherin erkunde ich Kunst als Fachsprache des Schamanischen, male, tanze, reise, erfinde mich manchmal neu …“

https://cambraskade.blog/?fbclid=IwAR1Has7vB7YUrizobBxyJFYNUUCKvNtFnIgbJyofRYHJ2Z1RV6zJcOWRp5c/

Über die Freiheit und das „Eins zu sein mit allem“ – Friedrich Hölderlin und ich – eine Annäherung …

Das Loslassen all der Dinge aus meiner Vergangenheit / das Auslichten, ging einher mit dem Loslassen von etwas zu Ende gelebtem, aber auch von  „etwas sein müssen / etwas darstellen müssen“.

Das war einerseits eine große Erleichterung / ein Aufatmen und tief Luft holen, –  ich spürte und wusste, das Ende war gut so. Andererseits entstand aber auch immer wieder Verunsicherung / eine Leere  – die Frage  „wer bin ich denn jetzt, wenn ich all das nicht mehr bin?“ und mündet jetzt langsam in der kindlichen Freiheit eines „Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin).

Ich lese zurzeit das Buch „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“ von Christoph Quarch, Philosoph, Autor und Denkbegleiter.

So wie Quarch in seinen kongenialen und interessanten Ausführungen und Erzählungen darauf hinweist – ja, wir brauchen ihn. Obwohl er bis dahin ein Unbekannter war für mich.

Und ich meine, dass viele andere Menschen, nicht nur diejenigen, die Corona mit Ängsten, Unsicherheiten und Lebensfragen konfrontiert hat, ihn auch brauchen könnten. Was könnte hilfreicher sein, als Worte die begeistern, aufwecken und lebendig machen im Angesicht des Todes.

Friedrich Hölderlin ist mehr als nur ein Dichter. Er ist einer, der begeistern kann, weil er den guten Geist zur Sprache bringt, der Menschen wachsen und erblühen lässt – schreibt Quarch. Und ja, er begeistert mich mit seiner Sprache und seinen Worten – jeden Tag ein noch mehr …

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Im Kapitel über die Freiheit schreibt Quarch:

„In der Vorrede zu einem der ersten Entwürfe (Fragment von Hyperion) schreibt er (Hölderlin, M.K.) 1794, auf dem Weg zur Freiheit müsse der Mensch eine exzentrische Bahn zurücklegen zwischen Geburt und Tod. Mit dieser Formulierung greift er einen Topos der damaligen Astronomie auf, mit dem die elliptische Kreisbewegung eines Kometen beschrieben wurde. Eine solche vom Zentrum hinaus zur Peripherie und dann wieder zurück zur Mitte führende Kurve sei auch der Lebensweg des Menschen: eine befreiende Bahn der Menschwerdung im eigentlichen Sinne – eine Bahn von kindlich-unschuldiger Unbewusstheit zum erwachsenen Bewusstsein der Verschmelzung von Natur und Geist:

Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsere Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind.

Die exzentrische Bahn, die der Mensch im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkt (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.

Immer gleich von einem einfältigen, gleichsam vorbewussten, natürlichen, ereigneten Zustand des Eins-Seins mit der Natur zu einem geistdurchwirkten, in Freiheit angeeigneten Zustand der Konvergenz von Natur und Geist: von dem Zustand der kindlichen Unschuld im Arme der Götter – in dem der Mensch vom Wohllaut des säuselnden Hains erzogen wird, die Lüftchen des Himmels mit ihm spielen und er unter den Blumen zu lieben lernt – hin zu jenem Höhepunkt des Lebens, an dem er vor dem Hintergrund aller leidvollen Erfahrungen, die die exzentrische Bahn seines Lebens bereitgehalten hatte, die Rückkehr in den Arm der Götter vollzogen hat und in aller Freiheit und Bewusstheit sagen kann:

Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.

Der Weg von der vorbewussten, kindlichen Verbundenheit mit dem lebendigen Sein dieser Welt hin zur bewussten Hingabe an das lebendige Sein dieser Welt … (…)

Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden allen Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber stehen oder nicht. (Vorwort zur vorletzten Fassung des Hyperion)

Dieser Frieden alles Friedens ist Hölderlins Formel für die existenzielle Freiheit. (…)

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Nach all den Jahrzehnten des Tuns in meinem reich gefüllten Leben, den von mir in die Wege geleiteten vielen Lebensveränderungen, dem Leben und Erleben der verschiedensten Lebensrollen, bin ich jetzt wieder in meinem Kindheitsgarten. Nicht ganz, aber sehr nahe. Mein Kindheitsgarten ist gegenüber meinem Haus und gleicht dem Garten, in dem ich letzt lebe. 

Und ich nähere mich täglich mehr den Worten Hölderlins an – „eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden …“

Über meinen Kindheitsgarten habe ich in meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ geschrieben:

„ (…) Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar. (…)“

Nach diesen frühesten Kindheitserlebnissen des „eins zu sein mit Allem“ – meinem behüteten und ruhigen Leben als Gartenkind – begann ein langer Lebenslauf. Ein Marathon – von einer Station zur nächsten. Nun mit 70 Jahren, habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl stehen zu bleiben.

Auch meine Lebensstationen im Buddhismus / im buddhistischen Kloster / in der Achtsamkeitsmeditation – waren Lebensstationen, nach denen ich wieder weiterging. Jedoch Achtsamkeit und Meditation begleitete mich seither mehr oder weniger regelmäßig. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst im Marathonlauf irgendwann zusammengebrochen. Wer weiß …

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ muss ich erst wieder lernen.

Ich bin dabei.

„Im Zen entdecken wir, dass wir nur durch die vollkommen selbstvergessene Hingabe an unser Tun Freiheit finden können. Für den einen kurzen Augenblick Freiheit von unseren Gedanken, Leidenschaften und Täuschungen. Wenn wir mit dieser Hingabe handeln können, finden wir heraus, dass das Selbst zurückkehrt, obwohl und nachdem wir es durch die Handlung selbst vollständig zerstört haben. Und es kehrt nicht nur zurück, sondern kehrt befreit vom Gepäck der Vergangenheit und der Last der Zukunft zurück.“

(Seigaku Kigen Ekeson Osho, Zen-Meister)

Am Fenster im ersten Stock hat sich in der oberen linken Ecke eine Eternitplatte verschoben. Dahinter nisten Spatzen. Ich sehe die Eltern ein- und ausfliegen und höre das aufgeregte Tschilpen der Spatzenjungen. Ich sitze auf meiner Terrasse und schaue ihnen zu …

Info:

Bild: Peter Krawagna

Das Wort „Auslichten“ habe ich von Cambra Skadé übernommen:

https://cambraskade.blog

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948206031/Quarch-Christoph/Zu-sein-zu-leben-das-ist-genug

Der Textauszug über meinen Kindheitsgarten aus meinem Buch „Lebenszeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

https://shop.falter.at/detail/9783990708866

Friedrich Hölderlin: Hyperion

https://www.weltbild.at/artikel/buch/hyperion_21368767-1

Im obigen Text sind Textzeilen aus Hölderlins Gedicht, das er über seine frühe Kindheit schrieb, zitiert:

Da ich ein Knabe war

Rettet’ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

Alle Bücher sind auch in deiner Buchhandlung vor Ort erhältlich!

Veränderung braucht Zeit und Wankelmut

Immer wieder verwundern sich Mitmenschen, dass ich immer wieder Abschied nehme – von vielem – und in einigem immer wieder zurückkomme. Das ist gut so – rufe ich ihnen zu! Das passt! Große und tiefe Veränderungen kommen nicht über Nacht – sie brauchen Zeit. Sie brauchen die „immer wieder“.

Veränderung braucht Mut zum Wankeln – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …

Veränderung braucht Entschleunigung.

Grundlegende Veränderung – wenn die Grundlagen des Seins erschüttert werden – braucht vor allem neben dem Hirn (Erkenntnis) auch das Herz (Herzensgüte)

Vom Ich zum Selbst geht ins Herz – unmittelbar.

Es braucht Metta (auf Sanskrit maitri). Metta ist ein Zustand des „Herz-Geistes“, der als „liebende Güte“, „allumfassende Liebe“, „selbstlose Liebe“, „Herzensgüte“ beschrieben werden kann.

Im Metta-Sutta, einer Lehrrede des Buddha, beschreibt dieser Metta als vergleichbar mit der bedingungslosen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Ohne Metta für sich selbst, kann auch das große Ziel, die liebende Güte auf alle fühlenden Wesen auszuweiten, nicht erreicht werden.

Vor 35 Jahren begonnen, immer wieder aus den Augen verloren, immer wieder zurückgekehrt.

„…. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst …“ (Aus einem Gebot der Tora des Judentums)

Veränderung braucht Entschleunigung und Akzeptanz für diesen Prozess, der seine Weile dauert. Es dauert, so lange es dauert …

Veränderung ist immer anders. Das ist meine Erfahrung. So manches Mal geschieht es sehr rasch und im Geheimen. In diesen Situationen komme ich eines Morgens heraus wie Phönix aus der Asche. Dann wieder ist es ein längerer Prozess, über den ich rede und schreibe; über den ich erzähle.

Und immer wieder verabschieden sich Mitmenschen bei diesem Prozess oder nach dem Prozess. Mitmenschen, die die Zeit des Wankelmuts, die Zeit des Kontrollverlustes, nicht mitgehen können / wollen. Mitmenschen, die mit der, die zum Vorschein kommt, nichts mehr anfangen können. Wer bist du? – fragen sie. Ich kenne dich nicht mehr. Ja, ich habe mich wieder einmal gehäutet – doch alles ist noch da – es kommt nur Neues dazu.

Und dann, nach Verlust und Trauer über den Abschied, die Freude über den Gewinn von neuen lieben Mitmenschen. Immer wieder.

„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

und Neues blüht aus den Ruinen.“

(Friedrich von Schiller)

Die Dankbarkeit für und der Abschied von Lebenserfahrungen – und nicht wissen wie weiter.

Immer wieder Wankelschritte wie ein Kleinkind, das mit den ersten Babyschritten – Schritt für Schritt in die Unsicherheit hineingeht – bis eines Tages – der Schritt fest ist …

Welch eine Freude wird das sein, welch Strahlen und Lachen …

Veränderung bringt Neues – auch eine andere Sprache.

Die Sprache des Herzens.

Komme was wolle und was kommt wird gut sein.

Es drängt etwas zum Vorschein, das bis jetzt nicht gelebt worden ist. Oder doch? Früher, ganz früher – in den kindlichen Anfängen, in der noch nicht viele Einflüsse von außen aufgenommen worden sind. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder – fällt mir dazu ein.

„Ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Matthäus 18,3)

Vom Ich zum Selbst.

„Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel: „Mein eigentliches Wesen ist die Zeit selbst, nicht ein Etwas in der Zeit.“

(Jikme Lingpa)

Zum Schluss möchte ich den von mir sehr geschätzten Karl-Heinz Brodbeck 1) zitieren:

Was im Mahayana 2) über das Selbst gedacht wurde, ist durchaus auch aus einer abendländischen Perspektive verständlich. Die Vergänglichkeit aller Phänomene, aller Erfahrungen verleitet dazu, etwas Dauerhaftes zu suchen. Doch dieser Versuch muss immer wieder, schließlich endgültig und todsicher, scheitern. Unsere privaten Schrullen als ewiges Ich festhalten zu wollen, ist tatsächlich ein „närrischer Gedanke“. Wir können auch die Luft nicht festhalten. Aber wir können atmen. Die Sprache gibt einen Fingerzeig: „Atem“ und „Atman“ (= Selbst) haben dieselbe Wortwurzel. Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel: „Mein eigentliches Wesen ist die Zeit selbst, nicht ein Etwas in der Zeit.“ (Jikme Lingpa) 3)

Unsere privaten Schrullen als ewiges Ich festhalten zu wollen, ist tatsächlich ein „närrischer Gedanke“.

Ja, das gefällt mir …

Zitate und Info:

1) Prof.Dr. Karl-Heinz Brodbeck, ist Dharma-Praktizierender,  Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Tibethaus Frankfurt, Autor zahlreicher Bücher.

https://buddhismus-aktuell.de/artikel/ausgaben/20173/das-selbst-ist-kein-sein-und-kein-nichts-sondern-endloser-wandel.html

2) Das Mahayana ist eine der großen Hauptströmungen im Buddhismus, die sich zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr. etablierte. Im Zentrum des Mahayana stehen die Werte Mitgefühl (Karuna) und Weisheit (Prajna). Diese werden wie zwei Beine betrachtet, die notwendig sind, um den buddhistischen Weg zu gehen.

https://religion.orf.at/lexikon/stories/2568992/

3) Jigme Lingpa; geb. 1729 (oder 1730); gest. 1798) war ein bedeutender Dzogchen-Meister und Tertön der buddhistischen Nyingma-Tradition des Vajrayana 4).

4) Das Vajrayana stützt sich mit der „Lehre des Mittleren Weges“ (Madhyamaka) auf die philosophischen Grundlagen des Mahayana. Im Tibetischen Buddhismus werden die verschiedenen buddhistischen „yanas“ (wörtlich: Fahrzeuge) anhand der Ziele oder der Methoden unterschieden.