hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt

Die folgenden Zeilen habe ich 7 Tage nach meinem 70. Geburtstag geschrieben.

Hier das Gedanken-Zahlenspiel meiner lieben Freundin Regina, das sie mir zu meinem Geburtstag schrieb. Danke, liebe Freundin!

„Die Quersumme von 70 ist 7.

Die Quersumme von „6.1.“ ist 7.

Die Quersumme von 6.1.1950 ist 4.
Die 7 ist eine magische Zahl – die 4 steht für die Vollkommenheit.
7 Raben, 7 Tage die Welt zu erschaffen und ihr Sein in Ruhe zu betrachten, 7 Tage, 7 Nächte, 7 Jahre, um zu wachsen , 7 Dekaden gelebten Lebens …

… 4 Himmelsrichtungen, 4 Könige und 4 Damen im Kartenspiel, 4 Jahreszeiten, 4 Blätter bilden ein Glückskleeblatt.“

Hineinwachsen in mich = weniger haben = wesentlich sein =

Ich bin

Ich

Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich werfe meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher weg. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.

Was vorher war

Täglich versank ich mehr und mehr in meinen Erinnerungen – bei jedem Hundemorgenspaziergang merkte ich, wie ich Mühe hatte, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wie mich die Erinnerungen überschwemmten und mitrissen wie ein reißender Fluss. Täglich versank ich in meiner Vergangenheit. In den Teilen meiner Vergangenheit, die Schmerz und Leid bedeuteten; in einer Vergangenheit, in der ich andere Entscheidungen hätte treffen können – andere Wege an den Wegkreuzungen meines Lebens hätte wählen können – und es nicht getan habe; so viele Lebenschancen, die ich nicht wahrgenommen habe, etc. etc. Die vielen „hätte“ türmten sich auf wie ein endloser Aufstieg auf einen Berg, der mir den Atem nahm. Die vielen „hätte“ – sind sie doch endlos …

Was jetzt ist

Ich sehe Sätze des Schmerzes, des Leids und der Verzweiflung genauso wie die Liebe und Freude mit meinem Sohn und meinen zwei Ehemännern; das Entdecken und Freilegen des verschütteten Selbst in den Jahren der Selbsterfahrung und Therapie; das Lernen und das Wachstum auf vielen Ebenen über die Jahre.

Ich sehe zum letzten Mal meine Schrift, wie sie sich über die Jahrzehnte verändert hat; die gemeinsam geführten Tagebücher in der Zeit mit einem meiner Lebensliebsten – unser Innerstes ausgebreitet voreinander und miteinander – welch wunderbare, kostbare Zeit; die gesammelten Fahr- und Flugtickets meiner Reisen; eingeklebte Ansichtskarten und Fotos; meine Zeichnungen; und die vielen Briefe, die ich meiner Mutter geschrieben habe – wie habe ich mich an ihr abgearbeitet – mein Ringen, geliebt und gesehen zu werden (was ihr erst – aber immerhin, zwei Jahre vor ihrem Tod mit ihrer Krebserkrankung möglich war)!

Und schlussendlich bin ich sehr dankbar über all dieses gelebte Leben!

Ich nehme mein aufgeschriebenes und beschriebenes Leben zum letzten Mal wahr – bevor ich die Seiten zerreiße und loslasse.

Ja – darum geht es: Loslassen!

Nein, ich werde nach meinem Buch „Die Erzählungen über das Älterwerden und mehr …“ nicht die geplante Biographie schreiben.

Ich lasse meine Vergangenheit endgültig los.

Und ich gehe zum Hochschrank und räume aufmerksam und liebevoll sämtliche Familienfotos weg ~ all die Verstorbenen ~ keine Vergangenheit mehr …

Jetzt nicht.

Mein Leben – mein tägliches Leben – in den wenigen Jahren, die mir bleiben.

Und ich habe noch schöne, dunkelrote Papiertragetaschen aus meinem Laden mit Kleidung und Accessoires aus Naturstoffen und Filz, den ich einmal  für kurze Zeit hatte. Und in diesen blutroten Taschen verschwinden Seiten für Seiten – die mit meinem Herzblut geschriebenen Erinnerungen für Erinnerungen. Und ich binde die gefüllten Taschen an den Henkeln mit meinen schönsten Geschenksverpackungsbändern zusammen und versenke sie mit einem wehmütigen und befreienden Lächeln in der Papiertonne. Leben – mein gelebtes Leben.

Und die Regale leeren sich.

Befreiende Leere.

Druck verschwindet von meinem Herzen und aus meiner Lunge – ich kann wieder durchatmen. Luftig und leicht sehen sie aus die Regale – im Außen und im Inneren.

Ich bin dabei die Teetasse zu leeren …

„Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.
Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte.
Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee.
Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann.
Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal.
Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.
Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte.
Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“

Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male.
Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen.

Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.
Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“
Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr:

„In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“

(Quelle: unbekannt)“

Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Ich bin

Ich

Nichts sonst

Und ich wasche und putze und fege den Staub der Vergangenheit weg – welche Freiheit öffnet sich, welch ein Vergnügen!  Ich putze nicht gerne – und nach der Überwindung des Widerwillens gegen das Putzen kommt die Freude über die saubere Leere …

Und ich denke daran, wie ich in den letzten Wochen meine Briefe unterschrieben habe – Monika und immer wieder auch Ma Prem Chandana (mein spiritueller Meditationsname) und MonikaChandana …

Und dann erinnere ich mich, wie ich in der Biographie der Malerin Paula Modersohn-Becker in ihrem Brief von 17. Februar 1906 (sie starb im November 1907 mit 31 Jahren) gelesen habe:

„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker.

Ich bin

Ich,

und hoffe, es immer mehr zu werden.

Dies ist wohl das Endziel von allem unsern Ringen.“

Dankbar für das das Geschenk der Jahre und nicht wissend, wie viele Jahre mir noch bleiben, hoffe ich, es immer mehr zu werden …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben.

Das sind große Worte.

Ich musste erst 70 Jahre alt werden um sie zu schreiben.

Hätte ich das früher auch so formuliert?

Nein. Sicher war die Liebe wichtig für mich in meinem Leben.

Aber sie war nicht das Wichtigste. Ein Teil des Lebens.

Heute denke ich mir, sie ist das Wichtigste – sie ist das Leben selbst.

Warum? Kommen wir doch als liebende Wesen – als bedingungslos Liebende zur Welt.

Ein Kind liebt bedingungslos. Mit leuchtenden Augen, einem Lächeln, einer Hinwendung des ganzen Seins wendet sich das Kind dem Menschen zu, der sich dem Kind zuneigt. Wie lange diese bedingungslose Liebe in dem Kind vorhanden bleibt, hat mit der Zuneigung und der Bereitschaft zur bedingungslosen Liebe des sorgenden Menschen zu tun. Es dauert lange bis die bedingungslose Liebe zerstört wird. Kann sein durch Ungeduld, Enttäuschung, Unachtsamkeit, Überforderung, Ärger; später auch durch das Stellen von Bedingungen und Forderungen.

Nur wenn du so und so bist, wenn du dich so und so verhältst, liebe ich dich – bist du meiner Liebe wert – lernt das Kind.

Die Liebe erhält den Wert einer Ware. Sie ist nicht mehr bedingungslos.

Ein Tauschgeschäft sozusagen. Ja, so ist das mit der Liebe.

Und somit tritt die Frage in das Leben – bist du es wert geliebt zu werden?

Erfüllst du die Bedingungen, die dir gestellt werden – ja. Ansonsten – nein.

Und damit beginnen das Kind und später auch der erwachsene Mensch das Leben danach auszurichten, diese Bedingungen zu erfüllen. Und das auch bei und mit Menschen – schon einmal vorbeugend, die diese Bedingungen vielleicht gar nicht stellen.

Noch einmal schwieriger wird es, wenn das Gegenüber mit anderen Bedingungen und Forderungen aufgewachsen ist, und man selbst diese daher gar nicht kennen kann. Dann wirst du viel Zeit damit verbringen, diese herauszufinden. Du wirst dich verbiegen, verdrehen, verleugnen – wie will er oder sie mich bloß haben?

Ich wage jetzt einmal zu sagen, dass es immer um die Liebe geht.

Denn – ist Hass nicht die Kehrseite der Medaille?

Entsteht Hass nicht durch diese verlorene Liebe?

Ich meine – ja.

Aller Hass / Neid / Machtanspruch / Gier / Gewalt – entsteht, so absurd es auch klingen mag, durch die Suche nach der verlorenen bedingungslosen Liebe.

Einfach sein oder „So wie die Dinge sind, sind sie bereits vollendet“ 1)

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass du perfekt sein musst.

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass die Liebe perfekt sein muss.

So geht das nicht.

Da ist das Scheitern / die Enttäuschung bereits vorprogrammiert.

Worum geht es dann?

Es geht um die Einsicht, dass alles wie es ist – und damit auch du, bereits vollendet ist.

Ich sage nicht, dass du in Ordnung bist, denn da müsstest du dich ja einer von wem auch immer bestimmten Ordnung unterordnen um – perfekt – zu sein.

Ich erinnere an die oben beschriebenen Bedingungen.

Nein, ich sage, dass du bereits vollendet bist.

So bist du zur Welt gekommen.

Ein ziemlich neuer Gedanke, hm?

Ja, war er für mich auch. Anfangs.

Ich, die ich mich doch immer bemühte, mich zu verbessern. Noch besser zu sein, und noch besser – und eigentlich nie ans Ziel kam.

Dabei ist es doch so einfach.

War ich doch längst am Ziel.

Das Ziel ist in mir. War immer da und ist immer da.

Ich bin so zur Welt gekommen. Vollkommen.

So wie du auch.

Und eigentlich geht es ums Loslassen.

Um das Loslassen von allem was sich über diese innere Vollkommenheit / die bedingungslose Liebe gelegt hat.

Kostet dieses Loslassen nicht auch Mühe, wirst du vielleicht fragen?

Ja, schon. Aber nicht so viel Mühe wie das sich dauernd verändern und verbessern zu wollen.

Es braucht Achtsamkeit.

Tägliche und immerwährende Achtsamkeit.

Achtsam durchs Leben zu gehen bedeutet anfangs vielleicht auch etwas Mühe, weil wir es verlernt haben. Kinder sind sehr achtsam – können sich im Augenblick verlieren – im Hier und Jetzt. Es wieder zu lernen verbessert die Lebensqualität – ist es doch ein Ankommen im Hier und Jetzt. Raus aus der Spirale der sich immer wieder drehenden und verfangenden Gedanken in das Wahrnehmen der Wirklichkeit – dem Hier und Jetzt.

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du bist

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du nicht hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du nicht bist

Chao-Hsiu Chen 2)

Wenn es um die Liebe geht, bedeutet das – so wie in allen anderen Dingen auch – wahrzunehmen was ist.

Wahrzunehmen, welche Gefühle in dir da sind – ohne sie in gute und schlechte Gefühle zu bewerten.

Wahrzunehmen welche körperlichen Empfindungen du spürst – ohne sie in gute und schlechte Empfindungen zu bewerten.

            „Bei Gott ist alles schön und gut und gerecht; die Menschen aber halten einiges für gerecht , anderes für ungerecht.“ 3)

Wenn du bei dem bleibst, was jetzt gerade im Moment ist, wenn du dir erlaubst, das ohne Bewertungen wahrzunehmen, wirst du merken, wie wahrhaft konkret dieser Moment ist.

Darum geht es – um das „Hier und Jetzt“.  

Und wenn du nicht mehr bewertest, wirst du aufhören zu beurteilen / zu verurteilen. Du wirst auch aufhören, bestimmte Gefühle (die guten) haben zu wollen, und andere (die schlechten) nicht haben zu wollen.

Du wirst Liebe empfinden – Lust / Freude / Ärger / Angst / Schmerz / Traurigkeit / und so weiter und so fort …

Ja, das ist das Leben. Dies alles.

Du wirst die breite Palette der Gefühle erleben / wirst dir erlauben sie zu spüren und auszukosten – und wenn du akzeptierst, dass dies der wahrhaftige Moment deines Lebens im Hier und Jetzt ist, dann – und nur dann- wirst du es auch merken, wenn sich wieder etwas verändert hat in dir. Auch Gefühle verändern sich – kommen und gehen.

Eine Veränderung, die in dir durch das Leben stattfindet und nicht weil du glaubst, etwas verändern zu müssen. Das Leben selbst wandelt sich …

Der griechische Philosoph Heraklit lehrte, „dass alles fließt“ (Panta rhei) und „nichts so beständig ist wie der Wandel“. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.“3)

Wenn du dich bemühst, etwas zu verändern, ist es mühsam weiter zu kommen.

Wenn du glaubst, du machst so viele Fehler, und musst dich bemühen, das raus zu kommen, wird das der Beginn einer langen mühsamen Reise für dich sein.

Am Ende wirst du – vielleicht / hoffentlich – dort ankommen, wo du bereits immer schon warst – im Moment deines Lebens / im Hier und Jetzt.

Wir dürfen Fehler machen / fehlerhaft sein.

Wir dürfen die höchsten Freuden der Lust und Liebe empfinden und die tiefsten Qualen der Liebe.

Und trotzdem – trotzdem – sind wir vollendet.

Kling wie ein Widerspruch.

Ja, wenn wir nach unseren tradierten und erlerntem Wertesystem denken und empfinden.

Nein, wenn wir akzeptieren / achtsam sind und wissen, dass es gut ist so wie es ist.

Es ist so wie es ist …

1) Dzogchen sagt: „Iss den Apfel, du brauchst ihn nicht zu backen.“ Das Wort Dzogchen heißt die Große Vollendung. Das bedeutet, dass die Dinge so wie sie sind bereits fertig, vollendet sind. Es ist – was es ist. (…) wir sind damit beschäftigt Dinge zu verbessern, zu verändern, die natürlich belassen vielleicht ebenso gut wären.“

Interview mit James Low im Magazin der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Januar bis März 2020.

2) Chao-Hsiu Chen: Im Tempel der Stille, Gustav Lübbe Verlag

3) Den Ursprung des Guten und der Harmonie im Leben verortete Heraklit im Logos, dem göttlichen Wort bzw. der universellen Vernunft (das griechische Wort lógos bedeutet etwa Wort, Sprache, Rede, Grund, Anlass, Vernunft). Der Logos war kein personifizierter Gott sondern eine feurige Kraft oder ein feuriger Prozess göttlicher Natur, der alles durch schöpferischen Kampf im besten Sinne ordnete.

Gregory Bassham: Das Philosophiebuch, Librero

Das Weltklima, Zivilisation, Kultur und die Bishnois – eine Gegenüberstellung

Wir sind nicht die Herrscher*innen über die Natur. Wir sind ein Teil der Natur.

Der Ökonom Niko Paech rügt den Lebensstil vieler Bürger*innen und bezeichnet sie als „Ökologische Vandalen“. Er meint, dass sie sich über die fatalen und umweltschädlichen Folgen ihres Lebensstils selbst täuschen, und dass eine „Entrümpelung unseres Lebensstils“ dringend notwendig sei.

„Die Bishnoi sind ein Volk, das größtenteils in der Wüste Thar im indischen Bundesstaat Rajasthan lebt. Bishnoi bedeutet „Neunundzwanzig“ und bezieht sich auf die 29  ökologischen und spirituellen Gebote, die Jambheshwar, der Gründer der Gemeinschaft aufstellte. Diese Gebote verbieten unter anderem den Verzehr von Fleisch und das Fällen von Bäumen.

Seit mehr als 500 Jahren konnten die Bishnoi so unter schwierigen klimatischen Bedingungen überleben. Sie leben strikt lakto-vegetarisch und vertreiben auch alle Jäger und Wilderer aus ihren Gebieten. Verlassene Jungtiere werden sogar von den Bishnoi-Frauen gestillt. Eine der größten Populationen der Hirschziegenantilope konnte sich auf diese Weise im Tal des Luni halten.“ 1)

Und während ich dies schreibe höre ich bereits die Stimmen – aber das kann man ja nicht vergleichen / und es können doch nicht alle vegetarisch leben / das sind Naturvölker, die in der Wüste leben und wir leben im zivilisiertem Europa / naive Vorstellungen sind das …

Naive Vorstellungen?

Zivilisation?

„Als Zivilisation wird eine menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. 

Und weiter – Zivilisation ist eine durch Erziehung und Bildung erworbene, verfeinerte Lebensart.“ 2)

Die verfeinerte Lebensart möchte ich einmal dahingestellt lassen, nehme ich doch eine zunehmende Rücksichtslosigkeit innerhalb unserer „zivilisierten Gesellschaft“, gleichfalls zunehmende Gewaltexzesse – nicht nur durch die von den Medien in den Vordergrund gespielten terroristischen Anschläge, sondern auch und vor allem gegenüber Kindern und Frauen, und innerhalb der Familien, wahr.

Sehen wir uns einmal die Definition der „die einem Volk zugesprochene Zivilisation“ an.

„Lebensbedingungen, die gekennzeichnet sind durch:

  • Arbeitsteilige Wirtschaft
  • Städtebau
  • ein gewisses technisch-mechanisches Entwicklungsniveau
  • eine hierarchisch geordnete Verwaltungs- und Machtstruktur
  • gewisse hochkulturelle Genauigkeit
  • institutionalisierte Rechtsprechung
  • einen gewissen materiellen Wohlstand“ 2)

Und nun ein Auszug aus den 29 ökologischen und spirituellen Geboten der Bishnois

  • Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann
  • Töte niemals ein Tier, egal wie klein es ist
  • Iss niemals Fleisch
  • Gib Schafen und Ziegen einen Unterschlupf, um sie vor Schlachtung zu bewahren
  • Denke, bevor du sprichst
  • Habe Verständnis zu vergeben
  • Kritisiere nicht ohne Grund
  • Habe Mitgefühl mit allem, was lebt
  • Fälle niemals einen Baum, beschneide keinen grünenden Baum 1)

Wenn ich mir die Definition der „Zivilisation“, und vor allem auch die lebensfeindlichen Auswüchse / Klimaschädigung / etc. dieser Zivilisation vor Augen führe, wäre dann die „Zivilisation“ nicht als negativ zu bewerten?

Wilhelm von Humboldt meint, dass Bildung und Entwicklung der Persönlichkeit Momente der Kultur seien, während rein praktische und technische Dinge dem Bereich der Zivilisation zugehören.

Dem kann ich mich nur anschließen.

Die früheste Formulierung dieses Gegensatzes  in der deutschen Sprache stammt von Immanuel Kant:

„Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus.“ 3)

Nach Albert Schweitzer erstrebt die Kultur letztlich „die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“. In unserer heutigen Sprache bedeutet dies wohl Selbstreflexion (Ende der Selbsttäuschung) und Weiterentwicklung des Einzelnen – damit auf längere Zeit der Gesellschaft und schlussendlich auch der Zivilisation.

Spiritualität fehlt in unserem Leben.

„Nur Narren loben und verherrlichen die Moschee
Während sie Herzen voll von Liebe und Glauben unterdrücken“

(Rumi, persischer Mystiker)

Rumi betont damit den Vorrang der Liebe vor formaler Religionsausübung.

Spiritualität hat nichts mit den Religionen zu tun. Und Rumis Moschee könnte auch durch Kirche oder Tempel ersetzt werden.

Spiritualität beinhaltet das Wissen über die Zusammenhänge – dass wir alle Eins sind.

Mensch und Natur – dass die Natur nicht etwas von uns getrenntes ist, sondern dass wir als Menschen ein „Teil der Natur“ sind. Das macht uns ein bisschen kleiner. Stutzt uns zurecht.

Wir sind nicht die Herrscher*innen über die Natur. Wir sind ein Teil der Natur.

Damit sieht die Sachlage schon etwas anders aus. Und vielleicht trägt diese Erkenntnis zur anderen Erkenntnis bei, dass, wenn wir die Natur um uns herum schädigen, uns auch selbst schädigen.

Erleben wir das jetzt nicht fast täglich?

Als Abschluss möchte ich den Leser*innen dieses wunderbare Video „ans Herz legen“- die Geo Reportage: „Bishnoi, Tierliebe bis in den Tod“

Inhaltsbeschreibung zitiert:

„Die Wüste Thar im Nordwesten Indiens. Schon früh am Morgen geht Ramniwas Budhnagar hinaus, um Wasser und Futter für die wilden Tiere bereitzustellen. Ramniswas‘ Familie gehört zum Volk der Bishnoi. Bishnoi bedeutet „29“, abgeleitet von den 29 Geboten, die Guru Jambeshwar vor etwa 500 Jahren für seine Gemeinde aufstellte.

Zu jener Zeit drohte das Land durch Konflikte zwischen Muslimen und Hindus und Rivalitäten innerhalb der verschiedenen Kasten auseinanderzubrechen. Jambeshwar glaubte, dass der einzige Weg aus dieser Situation ein absoluter Respekt gegenüber jedem Leben ist. Dafür stellte er die 29 Regeln auf. Sie betreffen die tägliche Hygiene ebenso wie die Art zu sprechen, die Ernährung, das Mitgefühl und das Vergeben gegenüber anderen. Auch das Verbot Tiere zu töten und Bäume zu fällen ist in den 29 Regeln festgeschrieben. Damit gehören die Bishnoi seit 500 Jahren zu den ersten Umweltschützern der Welt.

Bis heute versuchen sie ihren Idealen treu zu bleiben, in einer globalisierten Welt, in der wenig Platz für Individuen und Lebensformen jenseits der Moderne ist. Die jungen Bishnoi wandern in die Städte ab. Diejenigen, die bleiben, kämpfen weiter für die Rechte der Tiere, verarzten verwundete Gazellen und pflegen sie in den eigenen Tempeln gesund. Aber sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Längst greift Ramniswas auf moderne Kommunikationsmittel wie das Mobiltelefon zurück, organisiert Demonstrationen, über die am nächsten Tag in der Zeitung berichtet wird. Aber wird das reichen, um den Bishnoi und ihrem Kampf ein dauerhaftes Überleben zu sichern?“ 4)

Wird das reichen, um den Bishnoi und ihrem Kampf ein dauerhaftes Überleben zu sichern?

Vielleicht – wenn wir unsere Zivilisation mit Kultur und Spiritualität verbinden, und  mit Achtung, Respekt und einem liebevollem Herzen mit unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und uns selbst umgehen.

Wie heißt es in den Geboten der Bishnois?

Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann

Habe Verständnis zu vergeben

Habe Mitgefühl mit allem, was lebt ….

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Bishnoi

2) https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation

3) https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur

4) https://www.youtube.com/watch?v=zyOFQFpX61w

Foto: https://programm.ard.de/TV/Themenschwerpunkte/Dokus–Reportagen/Alle-Dokumentationen/Startseite/?sendung=287242316318105

Es gibt viele Abschiede in meinem Leben – dies ist ein Text über meinen Abschied von facebook – ein Gedicht und eine Parabel …

Am 14. November, also vor 12 Tagen, habe ich mich als jahrelange begeisterte Facebookerin mit folgenden Worten von facebook, meinen Freund*innen und Mitleser*innen, verabschiedet.

„Jetzt – in dieser Übergangszeit des Rückzugs der Natur, bevor die Ruhe des Winters beginnt, ist es an der Zeit Abschied zu nehmen – bin ich doch nur mehr mit halbem Herzen dabei. Seit mehr als einem halben Jahr bereitet sich dieser Abschied in meinem Innersten vor.

Jetzt ist es soweit – Zeit des Rückzugs / Loslassen von Unwichtigem / Konzentration auf das Wesentliche / das für mich Wichtige …

Seit dem Totengedenktag beschäftigt mich einmal mehr der Tod – und das Leben.

Wenn ich nur mehr ein halbes Jahr zu leben hätte, dann würde ich …

Wenn ich im Angesicht meines Todes auf mein letztes Jahr Leben zurückschauen würde, dann hätte ich …

Würde / hätte / wäre …

Nehmen wir mal an, ich hätte nur mehr ein halbes Jahr zu leben.

Jetzt haben wir November – das wäre dann also bis Mai.

Der letzte Herbst, der letzte Winter, der letzte Frühling …

Ich stelle mir die Fragen:

Was ist die Essenz / des Wesentlichste in meinem Leben?

Wie möchte ich leben?

Was ist mir wichtig?

Kein – na ja, dann würde / könnte ich …

Sondern definitiv – was möchte ich und was möchte ich nicht.

Was IST?

Ich schreibe immer weniger auf facebook / ich trage mir immer weniger Veranstaltungen in meinem Kalender ein / und von denen, die ich eintrage, besuche ich 1 % / vorbei – ist mir nicht mehr wichtig / keine Eintragung mehr mit dem Gedanken, aber du solltest doch / und – du kannst dich doch nicht so zurückziehen / und – früher hast du doch auch …

Nein, nicht mehr wichtig für mein Leben Jetzt.

Ich weiß nicht, wann ich meinen letzten Atemzug machen werde.

Vielleicht – in einer Stunde / morgen / in einem halben / in zwanzig Jahren?

Doch, was ich weiß, ist, dass ich bis dahin NUR das leben möchte, was wichtig ist für mich. Das, was ich WIRKLICH will.

Und wenn ich alles weglasse – die – eigentlich könntest du – müsstest du – solltest du …

Was bleibt dann?

Was will ich denn WIRKLICH?

Konzentration auf das Wesentliche,  so dass ich dann eines Tages sagen kann – ich gehe in Frieden mit mir.

Und wenn ich mir überlege, was ich wirklich will / was wichtig ist für mich, dann sind es wenige Dinge – und bei diesen wenigen Dingen möchte ich mir auch überlegen – was möchte ich verändern – in den einzelnen Beziehungen / im Tun / im Denken …

Und wenn ich mir überlege, was ich wirklich will / dann ist das zum einen nicht sehr viel und zum anderen weiß ich, dass noch etwas dazukommen wird, und dass dies erst sichtbar und spürbar werden wird, wenn ich aufhöre, mich mit Unwichtigem oder gar mit Halbherzigem zu beschäftigen.

Wieder einmal eintauchen in die Leere und die Stille.

Die Leere / die Stille / das Vakuum / in dem erst einmal NICHTS ist – altvertraut schließt sie sich wieder um mich.

Häutung / Veränderung – wieder einmal – bevor das Neue beginnt.

Ich schöpfe aus alten Erfahrungen – nichts umsonst gelebt und erlebt – und doch gibt es noch immer / und so auch jetzt / wieder Neues zu entdecken und zu leben …

Ausloten / in die Tiefe gehen / reduzieren / konzentrieren …

Und so, meine lieben facebook-Freund*innen, verabschiede ich mich von facebook. 

Es war eine schöne und wichtige Zeit.

Habe ich doch auch viele Menschen kennen gelernt / viel geteilt / mitgeteilt / ausgetauscht / auch viel erfahren. Einige Menschen gibt es nun in meinem Leben, mit denen mich auch Freundschaften über facebook hinaus verbinden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich werde die Seite nicht löschen.

Ich lösche ja auch nicht mein bisheriges Leben.

Alles Gelebte ist mir wichtig.

Ich schaue mit Freude im Herzen und mit Dankbarkeit zurück.

Und für alles bin ich dankbar – für die glücklichen und die schmerzlichen Momente.

Haben sie mich doch zu der gemacht, die ich jetzt bin.

Auch meinen Freund*innenkreis habe ich reduziert.

Ich möchte intensive und wertschätzende Gespräche, einen Austausch auf gleicher Augenhöhe. Das klingt jetzt sehr ernst – jedoch auch diese Gespräche können sehr humorvoll und lustig sein – wenn sie denn aus einem vollen Herzen kommen.

War ich bis jetzt sehr verschwenderisch in meinem Leben und werde es in vielen Bereichen auch bleiben – mit meiner Zeit nicht mehr.

Je weniger die Lebens-Zeit wird, desto wertvoller …

Es ist Zeit weiter zu gehen.

Ich mache mich auf und gehe meinen Weg …“

In den letzten Tagen habe ich mit einem schallenden Lachen das Gedicht von Arne Rautenberg gelesen – besser hätte ich die Gespräche, die ich nicht mehr führen möchte, nicht ausdrücken können:

ichsoerso

erso: ichso
blablabla
sieso: hä
und ichso: jaaa

ichso: duso
erso: ichso

ichso: ichso
ist eins a
erso: siehst
und ichso: klar

erso: duso
ichso: ichso

ichso: ichso
hahaha
erso: pah
und ichso: tja

(Arne Rautenberg)

Und dann bin ich noch auf die Geschichte gestoßen – eine Parabel zu  meinem Wunsch nach Prioriätensetzung:

Lass Platz in deinem Leben für die wichtigen Dinge – Eine kleine Geschichte über die Prioritäten im Leben

Unser Leben bietet so viele Facetten. Manchmal bürden wir uns zu viel auf und vergessen vor lauter Arbeit und anderen Verpflichtungen was wirklich wichtig ist im Leben. Diese kleine Geschichte versucht uns zu veranschaulichen, was passiert, wenn wir unsere Prioritäten im Leben falsch setzen.

Eine Kurzgeschichte über Golfbälle, M&M’s, Sand und Bier

Ein Philosophie-Professor stand vor seinem Kurs und hatte ein kleines Experiment vor sich aufgebaut: Ein sehr großes Marmeladenglas und drei geschlossene Kisten. Als der Unterricht begann, öffnete er die erste Kiste und holte daraus Golfbälle hervor, die er in das Marmeladenglas füllte. Er fragte die Studenten, ob das Glas voll sei.

• Sie bejahten es.

Als nächstes öffnete der Professor die zweite Kiste. Sie enthielt M&Ms. Diese schüttete er zu den Golfbällen in den Topf. Er bewegte den Topf sachte und die M&Ms rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob der Topf nun voll sei.

• Sie stimmten zu.

Daraufhin öffnete der Professor die dritte Kiste. Sie enthielt Sand. Diesen schüttete er ebenfalls in den Topf zu dem Golfball-M&M-Gemisch. Logischerweise füllte der Sand die verbliebenen Zwischenräume aus. Er fragte nun ein drittes Mal, ob der Topf nun voll sei.

• Die Studenten antworteten einstimmig „ja“.

Der Professor holte zwei Dosen Bier unter dem Tisch hervor, öffnete diese und schüttete den ganzen Inhalt in den Topf und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Studenten lachten. „Nun“, sagte der Professor, als das Lachen nachließ, „ich möchte, dass Sie dieses Marmeladenglas als Ihr Leben ansehen.

Die Golfbälle sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben

Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Gesundheit, Ihre Freunde, die bevorzugten, ja leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens, welche, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllen würden.

Er fuhr fort: „Die M&Ms symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie Ihre Arbeit, ihr Haus, Ihr Auto. Der Sand ist alles Andere, die Kleinigkeiten.“ „

Falls Sie den Sand zuerst in das Glas geben“, sagte der Professor, „hat es weder Platz für die M&Ms noch für die Golfbälle. Dasselbe gilt für Ihr Leben. Wenn Sie all Ihre Zeit und Energie in Kleinigkeiten investieren, werden Sie nie Platz haben für die wichtigen Dinge.

Achten Sie zuerst auf die Golfbälle, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzen Sie Ihre Prioritäten. Der Rest ist nur Sand.“

Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen, was denn das Bier repräsentieren soll.

Der Professor schmunzelte:

„Ich bin froh, dass Sie das fragen. Das zeigt Ihnen, egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, es ist immer noch Platz für ein oder zwei Bier.“

(Quelle: unbekannt)

Parabeltext und Foto aus aus:

Mein geheimer Garten

15 08 2019 Uschys Foto

Bild, gemalt von Uschy Pip: https://www.facebook.com/uschypip/

 

Ich bin ein Gartenkind.

Der Garten nährt mich.

Er trägt mich durchs Leben.

Von Kindheit an.

In meinem geheimen Garten bin ich verwurzelt.

Immer.

Meine Großeltern haben 1936 ein Grundstück gekauft und in den nächsten zwei Jahren darauf ein Haus gebaut. Gemeinsam mit dem Nachbar. Zwei Einfamilienhäuser wurden jeweils zusammengebaut, die Grenze des Grundstückes liegt in der Mitte. So wurden alle Häuser in dieser Siedlung damals gebaut. Mein Großvater musste in den Krieg. Meine Großmutter versorgte sich und ihre drei Kinder mit dem großen Gartengrundstück. Es war ein Nutzgarten, so wie alle Gärten in dieser entbehrungsreichen Zeit: Kartoffel, Gemüse, Obstbäume und verschiedenste Beerensträucher gab es. Alles wurde verwendet. Kartoffel und Gemüse für den täglichen Bedarf; das Wintergemüse wurde im Keller in einer Lehmmulde eingelagert. Obst und Beeren wurden zu Marmeladen und Kompott verarbeitet.

Als ich geboren wurde, waren die Bäume bereits so groß, dass ich mit fünf Jahren mit meiner Puppe Lisa und einem Märchenbuch in der Astgabel des Apfelbaumes sitzen konnte. Mit fünf Jahren bekam ich auch mein erstes Gartenbeet, das ich anlegen durfte und für das ich auch verantwortlich war. Ich war sehr stolz.

Ich erlebte und lebte jede Jahreszeit im Garten.

Ein Gartenkind.

Auszug aus der Erzählung: Das Gartenkind.

„Der Apfelbaum steht in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens. Wenn man vom Haus nach hinten in den Garten geht, kommt man erst durch den Gemüsegarten, dann über die Wiese mit dem Wäscheplatz und dem Viereck der Wäschestangen und ganz hinten steht der Apfelbaum.

Er ist nicht der einzige Apfelbaum im Garten. Aber er ist mir der Liebste. Linkerhand begrenzt eine Liguster-Hecke das Grundstück. Dahinter der verbotene Nachbars-Garten.

Rechts neben dem Apfelbaum gibt es noch einen Baum mit Ringlotten, zwei Zwetschkenbäume und entlang der gegenüberliegenden Grundstücksgrenze stehen in einer schnurgeraden Reihe Ribisel- und Stachelbeersträucher.

Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon. …. „

Meine Großmutter, geb. 1909, und meine Mutter, geb. 1929, waren schwermütige Frauen. Dass sie in ihrer Jugend auch lustig waren, weiß ich aus Erzählungen. Doch leichten Mutes und leichtfüßig gingen sie mit all ihren Erlebnissen der damaligen Zeit nicht durchs Leben.

Meine Großmutter kam in einem Dorf, in der Nähe von Gmünd an der tschechischen Grenze,  zur Welt. Die Welt ist rau und hart dort oben. Dort lebt sich’s nicht leicht. Und so wie das Land, waren auch die Menschen. Großvater kam nicht zurück aus dem Krieg. Großmutter wurde zur Patriarchin. Sie konnte und musste auch wie Waldviertler Granit sein – war sie doch eine der Nachkriegstrümmerfrauen.

Meine Mutter pflegte zu sagen – „wenn ich den Kirchturm (unseres Stadtteils) nicht mehr sehe, bekomme ich Heimweh“. Beide Frauen waren sehr verwurzelt auf dem Grundstück. Zwischen den realen Garten und ihren inneren Garten passte kein Blatt Papier.

Nun war ich da, geb. 1950. Auch ich war sehr verwurzelt im Garten meiner Kindheit. Und auch ich wurde schwermütig. Ich musste meine Wurzeln rausziehen aus diesem Garten und hinausziehen in die Welt, die für Großmutter und Mutter immer ein gefährlicher Ort war. Nur zu Hause gab es Sicherheit für sie.

Ich musste weg um leichtfüßig zu werden. Um auch mit Leichtigkeit durchs Leben gehen zu können. Obwohl die Schwermut – ich bezeichne sie gerne als meine Melancholie – immer ein Teil meines Lebens blieb. Doch ich kenne beides – Leichtigkeit und Schwere.

Den realen Garten meiner Kindheit gibt es noch immer. Eine andere Familie, liebe Nachbarn,  leben jetzt darin. Und wieder gibt es ein kleines Mädchen, das vielleicht auch irgendwann in der Astgabel sitzen wird. Mein realer Garten ist seit drei Jahren der Garten meines Sohnes, in dem ich mir meinen Alterswohnsitz – ein kleines Häuschen – gebaut habe. Das Haus steht nun gegenüber meinem Elternhaus. Jeden Tag kann ich in den Garten meiner Kindheit schauen. Und jeden Tag bin ich seit drei Jahren damit beschäftigt, mich wieder für einen längeren Zeitraum – hier in diesem Garten, mit dem mächtigen Nussbaum vor meiner Terrasse – einzuwurzeln.

Der alte Nussbaum

weiß

wovon ich erzähle

 

Sein Schweigen

ist Antwort

 

Manchmal

schüttelt

er sein Haupt

 

Dann schwebt

ein Blatt

auf meine Zeilen

(Oktober  2016)

In all den Jahren meines Herumziehens vergrößerte sich mein innerer geheimer Garten mit all den Gärten in denen ich über kurze oder lange Zeit gelebt habe.

Da gab es den Schwiegermuttergarten, als ich heiratete und aus meinem Kindheitsgarten auszog. Dann gab es in Wien den Liebesgarten, ein kleines verschwiegenes und uneinsichtiges Eckchen im barocken Garten des Oberen Belvederes, in den mein damaliger Liebster und ich uns immer zurückzogen; es gab Gärten in Innenhöfen meiner Wohnungen in Wien, die ich benutzen durfte; den Gemüsegarten in Poppi, in der Toskana, den ich anlegte, als wir über Wochen das alte Steinhaus am Hügel renovierten, um ein Seminarhaus daraus zu machen. Und alle diese Gärten und noch mehr gibt es in meinem geheimen Garten. Sie sind da. Ich brauche nur die jeweilige Gartentür zu öffnen und kann sie jederzeit betreten. Um all diese Gartenbereiche gibt es eine hohe Steinmauer – eine Schutzmauer.

Ein geheimer Garten fehlt noch. Es ist der mediterrane Garten am Meer. Er repräsentiert die „Leichtigkeit des Südens“ – ich muss ihn immer wieder besuchen, um die Leichtigkeit zu spüren, sie mir wieder herzuholen, um nicht in den weichen, dunklen Fluten der Melancholie zu versinken.

Ich liebe die Melancholie und ich liebe die Leichtigkeit.

Beides zu seiner Zeit in Ausgewogenheit.

Der mediterrane Garten, der unmittelbar am Meeresufer liegt, mit dunkelgrünen Zypressen vor dem strahlend blauen Himmel; mit Oleander, Granatapfel und Olivenbaum; Palmen, deren Wedel im Wind rascheln; der Duft des Lavendel und der Klang der Zikaden.

Und über allem das Rauschen des Meeres, das Schlagen der Wellen an das Ufer; der Duft nach Salz, Algen und Fisch.

Wenn der Abend

im Meer versinkt

verlieren sich die Farben

der Stadt

 

Wenn ich wieder fern

sein werde

erinnere ich mich

an den Sonnenuntergang

den Mond

den Schrei der Möven

 

Meer und Himmel

begegnen sich

am Horizont

 

Wenn ich einst

für immer fern sein werde

tauche ich ein

in diese Grenzenlosigkeit

 

(Mai 2017)

Mein geheimer Garten schenkt mir Spuren meines Lebens – Erinnerungen; Geborgenheit und Sicherheit; Stille und Ruhe; Fröhlichkeit und Leichtigkeit; Liebe und Lust; Kontakt mit Pflanzen und Tieren; Wildheit; Schönheit und noch viel mehr – je nachdem, welche Gartentür ich öffne.

In jedem meiner geheimen Gärten den ich betrete, finde ich meine Spuren.

Und ich frage mich, ob sich wohl auch die Gärten – die Bäume und Pflanzen – an mich erinnern – in geheimen Nächten, wenn mein Schatten durch den Garten schwebt …

Info:

Bild, gemalt von:

Uschy Pip, https://www.facebook.com/uschypip/

 

Weitere Gärtenerzählungen:

Meine Lebensgärten

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/08/03/meine-lebensgaerten/

Das Gartenkind

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

Die Einsamkeit der Bäume

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

Vollmondiges

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/15/vollmondiges/