Über die dunklen Seiten der Seelen von uns Menschen zur Versöhnung und Umarmung an Hand der Texte von Thomas Sautner, Roul Starka und Nicole Lieger

Malina, die Hauptfigur in dem Roman „Das Mädchen an der Grenze“ erzählt, wie ihr Vater und sie, trotz eines gemeinsamen Erlebnisses, alleine sind.

„Alleine, ich für mich, und auch – es traf mich ebenso – du für dich. Nun, da ich endlich deine Zartheit hatte sehen dürfen, wurde mir bewusst, wie sehr nicht nur ich, sondern auch du Hilfe bräuchtest, und ebenso Mutter und meine Schwestern und all die anderen, ja selbst die fremden Menschen aus meinen Wachträumen. Wieso nur waren wir alle … so alleine mit uns? Und immer geschah, geschah, geschah das Leben und immer stieß es uns herum und keiner war da, der lieb war und zugleich auch stark. Lieber Gott, wieso gab es dich nicht?! (…)

Noch einmal berührtest du sachte den Rand der Decke, ließest die Hand aber nicht darauf ruhen, sondern hieltest sie wie schwebend auf dem Stoff. Als wäre die Decke selbst schon schwer genug für mich, als wolltest du mir nicht noch weitere Last, dich, zumuten. Vielleicht war es ja auch deine Art mich zu streicheln, Papa, indem du so behutsam den Stoff berührtest über meinem Herzen. Kurz hobst du den Blick zu mir, strichst noch einmal über den Deckensaum. Dann gingst du.“

Weiter schreibt sie über ihre neue Lehrerin, Frau Schemelmann.

„Ich schreckte hoch, wenn sie mich wie aus dem Nichts anschrie, mir Kopfnüsse verabreichte oder mich an „den Süßen“ zog, dem Haaransatz beim Ohr. Wenn sie das tat und mir dabei viel zu nahe kam, roch ich sie, ihr Kölnischwasser und ihre dickwollige, leicht säuerliche und zugleich modrige Kostümjacke. Gewiss, für ihren Geruch konnte sie nichts, er war ihr mit den Jahren geschehen und Frau Schemelmann nahm ihn vermutlich ebenso wenig wahr, wie sie ihr Verhalten wahrnahm. Darin steckte sie fest wie in einer düsteren, engen Wohnung. Und mir schien, dass nicht sie darin tat und ließ, was sie mochte, sondern die Wohnung mit Frau Schemalmann tat und ließ, wie es ihr gefiel. (…)

Doch das einzige Ergebnis, auf das ich kam, war, dass ihre Verlorenheit die Menschen einte. Hilflos trieben sie auf den Wellen ihrer Emotionen, wurden hin- und hergeworfen von Empfinden, die oft auf Missverständnissen beruhten, auf Halbwahrheit und alten Kränkungen. Alle sehnten sich nach Liebe und Respekt; und beinahe alle glaubten, betrügerisch wenig davon zu bekommen. Es stimmte sie missmutig und aggressiv, ließ sie Krieg führen gegen sich und die Welt.“

Aus dem Buch „Das Mädchen an der Grenze“ von Thomas Sautner

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Roul Starka, Musiker, Komponist und Literat, schreibt in einem fiktiven Gespräch mit George Floyd, dem Afroamerikaner, der am 25. Mai 2020 durch einen Polizisten getötet wurde:

„Alles okay, die letzten Sekunden da unten waren grauenvoll, aber jetzt geht es mir gut. Ich bekam zwar keine Luft mehr, musste aber den Atem des Cops riechen.“
„Wie roch das?“
„Es roch nach Angst, nicht nach meiner, nach seiner.“
„Aber du musst doch Angst gehabt haben?“
„Natürlich, mehr als je zuvor, aber meine war Todesangst, seine war Angst vor seinem eigenen Hass, das stinkt wirklich.“ (…)

„Wie denkst du jetzt über den Cop?“
„Ich würde ihn umarmen und ganz fest drücken.“
„Was? Wir wollen ihn alle ewig lang einsperren, manche wollen ihn hinrichten!“
„Das ist ja das Problem. Aber das befriedigt nur deine Wut, deine Machtlosigkeit, deinen Hass. Es geht dir jetzt wie damals dem Cop, als er klein war, sich nicht wehren konnte gegen eine Bedrohung, gegen eine Einsamkeit.“
„Herrgott, wir können ja nicht alle Mörder umarmen und fest drücken, das ist ja Wahnsinn!“
„Probier es mal mit Fraugott und umarmen, das mit dem Einsperren und Bestrafen funktioniert ja nicht so toll.“

https://www.facebook.com/roul.starka

https://www.starka.at

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Sehr lange schon kenne ich die von Nicole Lieger ausgearbeitete und formulierte „Politik der Anziehung“. Und immer wieder, wenn ich von Zeit zu Zeit ihre Texte lese, bin ich begeistert von dem wie sie die Möglichkeit Politik zu machen beschreibt – „ein liebevolles Engagement für eine andere Welt“.

Als ich die zwei obigen Texte ausgewählt habe, ist mir eine Textstelle von ihr eingefallen, die hervorragend dazu passt:

„Ein weiterer Vorschlag, den ich hier in den Raum stellen möchte, ist, eine sprachliche Wendung zu suchen, die immer deutlich macht, dass unser Interesse dem Wohlergehen der gesamten Menschheit gilt. Besser wäre vielleicht noch zu sagen „allen Lebewesen“, aber ich denke, als erster Schritt ist eine Besinnung auf die Menschheit als Ganzes schon sehr hilfreich. Der sprachliche Vorschlag dazu wäre, das Wort „wir“ immer in Bezug auf die Menschheit zu verwenden. Möchte ich auf spezielle Umstände einer bestimmten Situation eingehen, sage ich „diejenigen von uns“. Zum Beispiel: diejenigen von uns, die in China geboren wurden; diejenigen von uns, die gerade Konzerne leiten; diejenigen von uns, die Terroranschläge vorbereiten; diejenigen von uns, die in Slums leben; diejenigen von uns, die gerade als Soldaten unterwegs sind; diejenigen von uns, die als Männer erzogen wurden; diejenigen von uns, die gestorben sind.“

https://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger/

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Roul Starka lässt George Floyd in dem fiktiven Gespräch über seinen Mörder sagen – „es roch nach Angst, nicht nach meiner, nach seiner“ und weiter –„Ich würde ihn umarmen und ganz fest drücken“

Malina erzählt in ihrer Geschichte über den „leicht säuerlichen Geruch“ von Frau Memmelmann. Sie beschreibt sie als griesgrämige Frau, die zuweilen spontaner Ärger befiele, und wie eigentlich alle Menschen Hilfe bräuchten.

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin habe ich in der speziellen Körperarbeit mit Klient*innen gelernt, die verschiedenen Schweißgerüche zu unterscheiden. Angst riecht zum Beispiel anders als Wut. Und ich habe erfahren, wie sich die Gefühle von Angst, Wut, etc. in Umarmungen und Gehaltenwerden in Trauer und Schmerz verwandeln …

Wie könnte ich nach fünfundzwanzig Jahren Arbeit mit Menschen als Psychotherapeutin nicht über das viele Leid, Schmerz, Missachtung und Missbrauch von Menschen wissen.

Ja, ich weiß, dass derjenige Mensch von uns, der Floyd ermordet hat, nicht als Mörder zur Welt kam.

Könnte ich ihn umarmen?

Ich weiß es nicht.

Da möchte ich doch gerne als Abschluss die Worte von George Floyd in dem fiktiven Gespräch mit Roul Starka zitieren:

„Die Herz Dame im Kartenspiel neu gestalten, Aretha Franklin sitzt neben mir, wär doch ein schönes Foto. Dann die Karten mischen und spielen, statt stechen sagt umarmen …“

Die so genannte Normalität

Dieser Tage hatte ich eine allergische Reaktion auf einen Insektenstich.

Eine allergische Reaktion auf den Begriff „Normalität“ habe ich bereits den Großteil meines Lebens.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Das Kind und vor allem das jugendliche Mädchen, das immer wieder hörte, nicht normal zu sein – weil sie anderes, und vor allem mehr wollte, als für sie vorgesehen war.

Abgesehen davon, dass mich „Normalität“ daher immer schon eher abschreckte, als beruhigte, möchte ich nicht zurück zu der „Normalität“, nach der sich offensichtlich viele sehnen.

Die jetzt erwünschte Normalität bedeutet einen Zustand / ein System / eine Entwicklung – die uns genau da hingeführt hat, wo wir heute sind – in der bereits begonnenen Klimakatastrophe und zu Covid-19.

Für mich ist es absolut nicht normal, dass Tonnen von Lebensmitteln, Kleidung und Geräte weggeschmissen werden / die Landwirtschaft mit Pestiziden arbeitet, die die Umwelt und damit auch uns Menschen zerstört / Tiere grausam gefoltert werden, um Kosmetika zu erzeugen / Menschen hungern müssen und ausgebeutet werden / Menschen als Flüchtlinge in Lagern zusammengepfercht sind und im Meer ertrinken / diese Liste könnte ich noch lange fortführen – sehr lange …

Das ist also „Normalität“?

Am Absurdesten ist für mich auch das so genannte Reisen, das kein „Reisen“ ist, sondern ein Zeitvertreib. Die „Reisenden“ werden durch die Hotspots der verschiedenen Kulturen getrieben, um sofort wieder in den, vor Einheimischen – die man nur als Bedienstete wahrnimmt – sicheren Hotels zu landen, in denen es „Zeitvertreib“ rund um die Uhr gibt.

Von den ganzen Absurditäten stehen für mich an oberster Stelle die Kreuzfahrtschiffe. Als ich zum ersten Mal vor zwei Jahren in dem kleinen Hafen einer meiner Lieblingsstädte – Triest – neben einem dieser monströsen Ungetüme stand, hat es mir den Atem genommen. Ganz weit oben / über mir / auf den Balkonen / standen Menschen, die ich gar nicht richtig wahrnehmen konnte. Das Schiff hatte nur kurz angelegt, um weitere Menschen aufzunehmen. Die an Bord waren und den Boden von Triest nie betreten haben, werden sicher irgendwann irgendwem erzählen, sie seien in Triest gewesen …

Doch sie wissen nichts von den engen Gassen der Altstadt / dass man auf Schritt und Tritt über die Vergangenheit stolpert – im wahrsten Sinn des Wortes – da gleich ums Eck schon wieder eine Ausgrabung im Gange ist, bei der man lange regungslos stehen kann um zuzuschauen, wie mit einem Pinsel die Spuren der Vergangenes hervorgeholt werden / sie wissen auch nichts von den historischen Literaten-Cafés, in denen sich Svevo und Joyce trafen / und sie wissen nicht wie Triest riecht und wie der Sonnenuntergang am Abend auf der stillen Mole das Wasser glitzern lässt …

Ja, was ist Normalität?

Es muss sich nicht Jedermann und Jedefrau für Literaten-Cafés interessieren. Das sind meine ureigensten Interessen.

Jedoch zu hinterfragen – ist das von mir Gelebte, für meine Mitmenschen und für meine Umwelt gut – wäre sicher JETZT angebracht …

Medea geht in Pension

Medea schaut hin.

Medea spricht aus.

Medea ruft und mahnt.

Covid-19 bringt zum Vorschein, was schon lange nicht mehr passt.

Wenn man denn hinschauen möchte.

Und Medea macht dies. Medea ärgert sich. Schon lange. Und wenn Medea sich ärgert kann ihr Zorn sehr groß werden. Dazu kommt Enttäuschung, ja eine Ernüchterung, und schlussendlich Resignation.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verliert Medea ihren Optimismus.

Ihr Optimismus, dass, wenn sie nochmals und nochmals darauf hinweist, wenn sie noch ein Projekt startet, Menschen nicht nur in Erkenntnisresonanz mitschwingen, sondern dass ihre Worte auch endlich Handlungsresonanz erzeugen.

Medea akzeptiert, dass es nicht so ist.

Medea akzeptiert, dass es so ist wie es ist.

Medea ist zornig. Hätte sie Blitze wie Zeus zur Verfügung, sie würde sie schleudern.

Wenn sie immer wieder zu hören bekommt, dass sie so privilegiert sei, da sie doch eine Pension erhalte. Damit wird begründet, dass sie – im Gegensatz zu der Person selbst oder vielen anderen – Zeit habe, um nachzudenken.

Nein, faucht sie, das ist kein Privileg.

Wenn jemand 40 Jahre lang gearbeitet und Pensionsbeiträge einbezahlt hat, dann ist es kein Privileg die Pension auch zu erhalten, sondern ein gutes Recht. Punkt.

Medea hört und schaut sich keine Nachrichten mehr an. Die Endlosschleifen der Riege von Regierungsmitgliedern und unzähligen Experten, die sich in täglichen Zahlenkolonnen und nichts sagenden Worten wiederholen. Obwohl sie es im Großen und Ganzen gut hingekriegt haben. Das muss sogar Medea ihnen lassen.

Wo sind die Frauen? – fragt sie. Der Virus macht sichtbar wer die Macht hat. Hört sie nicht immer wieder, dass in Krisen nach dem Vater gefragt werde? Sie sieht Hera vor sich, wie sie wütend aufstampft und Zeus zur Rede stellt: „Spielst du dich jetzt wieder als großen Retter auf, nachdem du alles verbockt hast, du alter Ziegenbock!“ Fast muss sie lächeln. Aber nur fast.

Ja, sie sorgen sich, die männlichen Mächtigen. Sie sorgen sich um das Volk, die einsam und ängstlich seien, – sagen sie. Man müsse sie doch beschäftigen, bevor sie auf dumme Gedanken kommen, – denken sie.

„Gebt dem Volk Brot und Spiele“ – sie erinnert sich an Julius Cäsar, der sich damit nicht nur die Stimmen bei den Wahlen sicherte, sondern das Volk auch ablenkte, damit sie keine Aufstände starteten.

Wie sich doch alles wiederholt, denkt sie, und schon lange weiß sie, dass die Unterhaltungs-Industrie nicht nur aus ökonomischem, sondern auch aus taktischem Kalkül gefördert wird. Ablenkung von den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen, nach wie vor.

Nur 100 Jahre haben Menschen gebraucht, die Natur, und damit auch in absehbarer Zeit sich selbst, zu zerstören. Die Industrialisierung und die „Spiele“ der letzten 50 Jahre, bedeuten Raubbau der Ressourcen und Umweltzerstörung in einem Ausmaß, dass die Klimakatastrophe unausweichlich ist. Wissen sie es? Ja. Tun sie etwas? Nein.

Wenn Medea nicht wüsste, dass Zeus, das Schlitzohr, sofort etwas dafür verlangen würde, würde sie ihn um einen seiner Blitze bitten, um sie auf die jetzt ruhenden Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zu werfen. Sollen sie doch mit dem Steuergeld der Menschen gerettet werden, damit diese dann in der Umweltkatastrophe untergehen, – das ist mehr als ein Shakespearsches Drama – die Lemminge stehen vor der Klippe …

Ja, es gibt sie, diejenigen, um die man sich sorgen muss. Diejenigen, die mit ihren Ängsten und Sorgen um ihre Existenz nicht zurechtkommen, weil sie übersehen werden, von der Politik missachtet werden.

Ja, es gibt sie, diejenigen, die ihre Existenz verlieren. Sie darf gar nicht daran denken, welch Hohn es bedeutet, dass die Menschen, die in den so genannten „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, jetzt mit einer geringen Bonuszahlung abgespeist werden sollen, anstatt ihre Gehälter auf Dauer zu erhöhen.

Ja, die gibt es alle – und Medea weint, es zerreißt ihr das Herz, wenn sie sieht wie wenig für diese Menschen wirklich und anhaltend gesorgt wird.

Jedoch es gibt auch die, die sich keine Sorgen machen müssen, und die nun endlich Zeit haben – die sich erholende Natur zu genießen, die Ruhe und Stille – endlich ist dieser Geschwindigkeitsrausch / die Geschwindigkeitssucht / die immer Mehr-, Weiter-, Höher-Sucht zu Ende – zu Ende? Ist sie das? Oder ruht sie nur. Und dann geht es so weiter wie gehabt?

Zurück zur „Normalität“?

Niemand, auch nicht die Medien, machen darauf aufmerksam, dass jetzt viel Zeit vorhanden wäre, um umzudenken und Veränderung anzudenken, damit nicht die Normalität – nach der sich offensichtlich so viele sehnen – weitergeht. Wobei gar nicht so viel nachgedacht werden müsste, denn es gibt bereits einige probate Lösungsvorschläge. Nur sehen wollen muss man.

Daran zu denken, dass uns diese Normalität genau dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind – wie oft schon hat sie darauf aufmerksam gemacht. Sie ist es endgültig leid.  

Und trotzdem sieht sie auch, dass so manche „frisch Gekündigte und Unternehmen während der Schließung“ nachdenken – ein Automechaniker, der seine Werkstatt verkleinert, weil er merkt, dass er keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein Unternehmer, der vorhat, jetzt endlich seinen Betrieb auf Gemeinwohl-Ökonomie umzustellen.

Sie haben nachgedacht. Doch es sind zu wenige. Viel zu wenige.

Wenn Politiker*innen Menschen nicht zutrauen, dass sie denken können – vielleicht genau so gut oder schlecht wie sie selbst – haben sie Angst, dass sich etwas verändern könnte. Dass sie ihre, doch nur so kurz andauernde Macht, verlieren könnten.

Ja, so ist es. Medea, denkt an die Geschichte der Menschheit und nickt.

Erlebt sie doch täglich, wenn sie versucht, mit Menschen über mögliche Veränderungen zu sprechen, dass sofort und auf der Stelle Widerspruch kommt. Aber das geht doch nicht / das wollen „die“ sicher nicht / das wird nicht funktionieren/ etc. etc. – hört sie. Kein Nachfragen, wie soll das gehen / wie meinst du das – nein, sofort – das geht nicht.

Resignation breitet sich immer mehr aus in ihr. Dann bleibt in eurem Leben und lamentiert und schimpft weiter dahin – denkt sie.

Und – nein, so will ich nicht leben.

40 Jahre lang hat sie sich in der Frauenbewegung engagiert.

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männderbündelei und Weiblichkeitswahn.“

hörte sie von „der Dohnal“. Von 1990 – 1995 war Dohnal die 1. Frauenministerin Österreichs. Und sie schöpfte Hoffnung. Wie hoffnungsfroh waren sie damals in der Frauenbewegung – in einer ungestümen Aufbruchsstimmung! Alles vorbei.

Seit einigen Jahren wird die Rückwärtsbewegung immer sichtbarer und jetzt gibt es eine Frauenministerin, die immer wieder vehement betont, dass sie keine Feministin sei. Irgendetwas hat sie da nicht verstanden.

Vor 13 Jahren war Medea Gründungsmitglied der „Initiative Zivilgesellschaft“. Sie hat sich verabschiedet. Es wurden und werden keine  gesellschaftspolisch relevanten Veränderungen durch diese Bewegung, die Medea nicht mehr als bewegt empfindet, gestartet.

Vor ca. 15 Jahren hatte sie gemeinsam mit einem Freund zu einem Vortrag über das Bedingungslose Grundeinkommen geladen. Nach dem Vortrag saßen sie mit einigen Interessierten an einem der Runden Tische beim Chinesen. Dort gründete sich dann der „Runde Tisch Grundeinkommen“.

Die Idee des Grundeinkommens in den verschiedensten Ausformungen und Namen gibt es schon sehr lange. Nächstes Jahr soll noch einmal ein Volksbegehren gestartet werden.

„Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

Medea hat sich von allen Initiativen und Bewegungen verabschiedet.

Wer wird sie sein, die 70-jährige Frau, die Medea in Pension schickt?

Zwei wichtige Rollen ihres Lebens – die Psychotherapeutin und Medea – ausgespielt / zu Ende gespielt.

Wer wird sie dann sein?

Bereits im Jänner dieses Jahres schrieb sie in ihrem Blog:

„ … Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

…“

Der Pfad begann sich damals bereits abzuzeichnen, und manchmal braucht es seine Zeit, bis es einem bewusst wird, dass es noch weiter und weiter geht. Bis man eines Tages merkt – ja, jetzt ist man angekommen, im neuen Leben.

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem – wieder einmal – alles neu beginnt.

JETZT

Foto: Monika Krampl, Baden, Juni 2016

Politik / Philosophie / Spiritualität

2019 geschrieben, ist es heute aktueller denn je.

Je mehr ich mich in den letzten Jahrzehnten zivilgesellschaftspolitisch (mit einem kurzem Ausreißer von 1 ½ Jahren Parteipolitik) engagiert und beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass Politik allein – ohne Philosophie und Spiritualität – seelenlos wird. Sie wird mechanistisch, und in manchen Fällen unmenschlich.

Ich werde immer wieder gefragt, wie das gehe, dass ich spirituell-philosophische Texte und Gedichte schreibe, und mich gleichzeitig auch politisch engagiere.  

Die Antwort ist sehr einfach: Weil sich das nicht ausschließt.

Gar nicht ausschließen kann, wenn ich das, was in der Politik passiert, von der spirituellen Ebene aus betrachte. Denn ich stehe nicht außerhalb.

Auch wenn viele der Meinung sind, das habe alles nichts mit ihnen zu tun.

„Das geht mich nichts an“ – höre ich.

Nein, so ist das nicht.

Alles hat mit uns zu tun. Weil wir ein Teil dieser Welt – der Erde / der Menschen / Tiere / Pflanzen / allem Guten und auch allem Bösen / allem was es gibt – sind.

Niemand kann sich ausschließen.

Und alle tragen wir Verantwortung.

Jede*r Einzelne von uns. Und so auch ich.

Gerade die Innenschau / das Innehalten / bringt mir die nötige Klarheit im Außen. Ein „Erwachen“ – die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Konstantin Wecker, der Sänger, Poet und Rebell, sagt, dass, wer sich politisch engagiere, bereit sein muss, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, um in sich selbst und seine psychischen Verstrickungen hineinzublicken –  seine wahre Identität zu entdecken.

„Gleich wie das Weltmeer von einem einzigen Geschmack durchdrungen ist, dem Geschmack des Salzes, ebenso auch ist diese Lehre von einem einzigen Geschmack durchdrungen, dem Geschmack der Befreiung.“

(AN Nikaya VIII-19)

Gemeint ist die Lehre des Buddha, in der kein göttliches Wesen im Mittelpunkt steht, dass uns sagt was wir zu tun haben – das belohnt und bestraft. Es geht um unsere eigenen Einsichten und Erkenntnisse.

Die Lehre des Buddha schult unseren Geist, um zu tieferer Einsicht über das heilsame oder unheilsame Wirken unseres Handelns zu gelangen. Wenn ich mir klar mache, dass alles abhängig ist von Ursachen und Bedingungen, dann kann ich auch die Abhängigkeit und den Zusammenhang von Allem sehen.

Diese Sichtweise ermöglicht mir Handlungen der Gewaltfreiheit und Eigenverantwortung.

„Zu wild, zu bang ists ringsum, und es trümmert und wankt ja, wohin ich blicke“ schreibt Friedrich Hölderlin in seinem „Zeitgeist“.

Gleichzeitig findet er jedoch Zuversicht und Geborgenheit in der „All-Einheit“ der Natur.

Und so schreibt er auch die Zeilen, die gerade jetzt so viel zitiert werden:

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Und damit bin ich wieder am Beginn: Alles hat mit uns zu tun.

Dies ist mein Weg.

Es gibt viele Wege die zur Erkenntnis / zum Erwachen führen.

Jede*r kann den für sich selbst geeigneten Weg gehen.

Nur – auf den Weg machen sollte man sich schon …

Die Frage nach dem guten Leben – ein Luxus?

Gestern fragte mich ein Freund, womit sich meiner Meinung nach die Menschen JETZT beschäftigen sollten. Ich sagte, dass JETZT die Zeit wäre – weil viel Zeit vorhanden ist -, sich mit den Fragen „wie wollen wir leben?“ und „was ist für mich ein gutes Leben?“ zu beschäftigen.

Worauf er meinte, dass wir beide privilegiert seien, da unsere Existenz gesichert sei – er habe einen Job und ich erhalte die Pension.

Dies seien Fragen für Privilegierte – also Luxus.

Dem widerspreche ich.

Österreich ist im weltweiten Wohlstandsranking auf Rang 10 (2018)!

Sollte es in einem so reichen Land nicht möglich sein, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen?

Der Widerspruch zum Thema Arbeit:

Ja, JETZT, da so viele Menschen arbeitslos geworden sind, ist es ein Privileg, Arbeit zu haben. Das ist so.

Tatsache ist jedoch auch:

In der 2014 ermittelten Beschäftigungsqualität, welche aus den drei Dimensionen „Qualität des Arbeitsplatzes, Einkommenshöhe und -ungleichheit sowie aus dem Arbeitsumfeld“ besteht, schneidet Österreich mittelgut ab – es liegt auf dem bescheidenen 27. Rang von 32 erfassten OECD-Ländern. In den Empfehlungen der OECD für unser „viel gerühmtes“ Land wird hervorgehoben, dass das Arbeitsumfeld in Zukunft verbessert werden muss, um erhöhten Burnout-Raten und anderen stressbedingten physischen und psychischen Krankheiten vorzubeugen.

Psychische Erkrankungen steigen rapide an!

Über 30 Prozent der Beschäftigten gehen krank zur Arbeit!

Die geringe Bezahlung für die so genannten systemerhaltenden Arbeiten ist seit Jahrzehnten bekannt. JETZT, in dieser Notsituation, wird dies endlich öffentlich und vor allem auch auf politischer Ebene, anerkannt.

Der Widerspruch zum Thema Pension:

Wenn Menschen 40 Jahre lang ihre Pensionsbeiträge bezahlen, halte ich es für kein Privileg diese Pension dann auch zu erhalten.

Was wäre notwendig?  

Was sind die Grundbedingungen für ein „gutes Leben“?

* Die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens und damit eine Existenzsicherung:

Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Definition: Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

* Eine Arbeitszeitverkürzung, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Schaffung von neuen, umweltfreundlichen und – unterstützenden Jobs. Ob eine Klimakatastrophe noch aufhaltbar ist, bezweifle ich. Ist sie doch bereits in Gang.

Mit diesen beiden Maßnahmen wäre die höchst notwendige Umverteilung des Steuervermögens und der Arbeit möglich.

Die Frage „wie will ich leben?“ kann Jede*r für sich selbst beantworten.

Wie wohl einige Menschen JETZT in der Zeit der „verordneten Ruhe“ feststellen werden: freie ZEIT ist Luxus.