Ich und mein Tagebuch

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Mein Tagebuchschreiben begann mit 30 Jahren, nachdem ich meiner Mutter den Schlüssel für meine Wohnung abgenommen hatte. Mir reichten ihre Kontrollgänge durch meine Wohnung und die in Fragen verpackte Missbilligung – warum das und warum dieses – und – ihre Ordnung in meiner Wohnung herzustellen.

War nicht einfach für mich, mit 30(!) Jahren meine Unabhängigkeitserklärung bekannt zu geben. Das war Artikel 1. Artikel 2 folgte auf dem Fuß, als ich es ablehnte weiter finanzielle Zuwendungen anzunehmen. Artikel 3 etwas später, als ich den damaligen abgestandenen Mief der Kleinstadt verließ und nach Wien zog.

Und wie bei jeder Unabhängigkeitsbestrebung ging das nicht so einfach über die Bühne – es gab Aufstand und Krieg. Zum Krieg kam es erst etwas später, Aufstände gab es zur Genüge.

Aber diese Geschichten gehören nicht hierher – geht es doch um das Tagebuchschreiben …

Tagebuch 1984:

„Ich frage mich, ob es wohl je in meinem Leben eine Zeit geben wird, in der ich ohne schlechtes Gewissen das machen kann, was ich möchte. Des Weiteren frage ich mich, ob es uns wohl noch gelingen kann, meine Tochter zu einem glücklichen, zufriedenen Leben zu führen. Ich fürchte bereits jetzt wieder die Vorwürfe der Familie, wo ich mir doch selbst genug mache und nicht klar komme damit.“

Das Tagebuchschreiben war ein Beginn – ein Beginn, mit dem ich meinen täglichen Ärger und Enttäuschung mit und über meine Mutter reinschreiben konnte. Als sie noch jederzeit Zutritt zu meiner Wohnung hatte, wäre das nicht möglich gewesen. Ich machte eine Therapie und meine Mutter verschwand aus meinem Tagebuch. Doch bevor ich mit meiner Psychotherapie begann machte ich noch eine Woche Naikan. Dies habe ich in meinem Tagebuch nachgelesen – so vieles vergisst man mit der Zeit.

Was Naikan ist, siehe unten.

Tagebuch 2003:

„ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können.

weggehen müssen um zu der zu werden, die ich bin,

sonst wäre ich zu der geworden, die ihr haben wolltet“

Dann trat er in mein Leben. Der schwarzhaarige Jüngling, mein Liebster, der nicht nur Tagebuch schrieb, sondern auch Gedichte. Ich liebte und bewunderte ihn dafür – und entdeckte das großartige Wunder der Poesie auch in mir.

Und irgendwann,  später noch, las ich im Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron und darin ihren Übungsvorschlag der Morgenseiten. Und damit veränderte sich mein Schreiben nochmals – es wurde eine spirituelle Praxis – vergleichbar einer Meditation. Ich schrieb und schrieb und las mir das Geschriebene immer erst nach ein paar Monaten durch. Und siehe da – auf manchen Seiten stand ein literarischer Text. Einfach so.

Und mit der Zeit, da arbeitete ich bereits als Psychotherapeutin, habe ich das Buch – ich weiß nicht wie oft – vielen meiner KlientInnen empfohlen. Nicht nur die Morgenseiten sind gut, alle anderen Übungen auch.

Nun habe ich in den letzten Jahren mein Tagebuch in meinen Computer geschrieben.

In der letzten Zeit dachte ich schon öfter an die mit der Hand geschriebenen Morgenseiten. Und heute – der letzte Anstoß meine Morgenseiten wieder mit der Hand zu schreiben.

Und jetzt weiß ich, dass ich die Freude über das Fühlen des Papiers unter meiner Hand und mit den Fingern den Stift zu halten, vermisst habe. Den Stift aufzusetzen und Worte entstehen zu lassen; meine Handschrift zu sehen, die ganz unterschiedlich sein kann und damit meine Gefühle zum Ausdruck bringt. Die Farbstifte liegen daneben, so wie immer, und manchmal gibt es eine kleine Zeichnung dazu oder ich nehme nur einen oder mehrere Farbstifte und übermale den Text mit einer Farbstimmung …

Tagebuch 2018:

„Mächtiger Nussbaum verwurzelt

grüne Pracht vor blauem Himmel

regungslos

kein Blatt bewegt sich

 

Die Freiheit nichts zu tun

regungslos

Seelenruhe“

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Im Link könnt ihr ab Seite 11 über die Morgenseiten lesen:

https://www.droemer-knaur.de/livebook/LP_978-3-426-87360-1/downloads/livebook.pdf?fbclid=IwAR0h0sP4P3-iTLFhwpF1x_vIuremw4n1Or81OrB3IZZLnJ2Nq9gP3kIC-HQ

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Zu Naikan – was ist Naikan?

Die Naikan-Methode kommt aus Japan und kombiniert drei Elemente:

  • Ordnung im Innenleben mit einer einfachen Fragestellung
  • die Kraft der Stille
  • sanfte, respektvolle Begleitung

Ich erforsche mein eigenes Leben und strukturiere die Ereignisse, an die ich mich erinnern kann:

  • Ins Zentrum der Betrachtung stelle ich eine Bezugsperson (zuerst Mutter, danach Vater, Geschwister, Partner …).
  • Ich betrachte einen klar begrenzten Zeitraum und folge dabei meinem eigenen Lebensweg (als ich 0-6 Jahre alt war, danach 6-10 usw. bis heute).
  • Meine Erinnerungen durchleuchte ich im Hinblick auf 3 Fragen.

Die drei Naikan-Fragen sind:

  1. Was hat die Person, die ich betrachte, in diesem Zeitraum für mich getan?
  2. Was habe ich für diese Person getan?
  3. Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person verursacht?

Diese einfachen drei Fragen ermöglichen ganz neue Perspektiven auf die eigene Lebensgeschichte und das eigene Verhalten.

Aus der Seite von Johanna Schuh, Insightvoice Naikan Center Vienna

https://www.insightvoice.at/index.html

 

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Radiointerview zu meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Paradise 2

Hier gibt es den Link zum Nachhören der Radiosendung im Campus & City Radio St. Pölten vom 23. Oktober 2018. Die Redakteurin Gabriele Ebmer schreibt zur Sendung:

„Die Psychotherapeutin und Autorin Monika Krampl beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „LebensZeichen“ mit dem Thema „Alt Werden“ und den Erfahrungen, die sie dazu veranlassten, sich mutig zu Tabuthemen unserer Zeit zu äußern.“

Die Musik, die während der Sendung gespielt wird, habe ich mitgebracht. Hört euch am Ende, wenn wir uns schon verabschiedet haben, noch das letzte Stück an – eines meiner LieblingsGustoStückerln von Konstantin Wecker!

 

https://cba.fro.at/386289?fbclid=IwAR0ENF4r3Y1KsQni-nMWz_pBDLKm-jLN13_JkEZoPkzM3147kloEAZbYr30

Beat-Lyrik von Gary Snyder

Gary Snyder Beat-Poet

Das Gesicht von Gary Snyder

Es fasziniert mich. Ich möchte es immer wieder betrachten.

Das Gesicht zeigt gelebtes Leben; eine Fröhlichkeit, die aus dem Herzen kommt und die das Alter als natürlichen Prozess des Lebens akzeptiert. Ja, gar nicht in Frage stellt. 

Anziehend ist es, dieses Gesicht – ein Mensch, der in sich selbst ruht …

„Es ist, so wie es ist“ – eine buddhistische Weisheit.

 

Heute gibt es in der Sendereihe „Nachtbilder“ um 22.35 den Beitrag über die „Beat-Lyrik des Gary Snyder“.

Zitat aus der Info-Seite von Ö1:

„Mythen & Texte“ von Gary Snyder ist ein radikal poetisches Werk. Es enthält indianisch-schamanische Aspekte ebenso wie Hinweise auf chinesische und japanische Denker und Dichter sowie Inspirationen aus der eigenen Praxis der Zen-Meditation. Zugleich ist die Naturbetrachtung in diesen Gedichten, der Blick auf Landschaften, Klima, Tiere, Pflanzen oder Wasser von einer für den Leser bis jetzt ungekannten, sehr persönlichen Frische und Neuartigkeit. 

Gary Snyder, geboren 1930 in San Francisco, ist einer der interessantesten amerikanischen Lyriker. Im Jahr 1975 erhielt er den Pulitzer-Preis für sein Buch „Turtle Island“. Der Umweltaktivist Gary Snyder war auch eine zentrale Figur der Beat-Bewegung und wandte sich später buddhistischem Denken zu. 

Der österreichische Architekt und Schriftsteller Bernhard Widder, ein ausgewiesener Kenner amerikanischer Literatur, schreibt auch selbst Lyrik auf englisch und deutsch. Bernhard Widder unternahm es, eines der wichtigsten Werke Snyders ins Deutsche zu übertragen. Die ambitionierte Übertragung geht übers bloße Übersetzen weit hinaus und bewahrt doch den Geist des Originals.

https://oe1.orf.at/programm/20180721/520427

 

Gary Snyder verabschiedete sich im Jahr 1956, ein Jahr nach seiner Begegnung mit Jack Kerouac, für fast anderthalb Jahrzehnte nach Japan, um Unterweisung im Zen-Buddhismus zu erhalten.

Snyder, noch in fortgeschrittenem Alter als Wanderer und Bergsteiger aktiv, entdeckte in der kalifornischen Wildnis auf Felsen eingravierte Sätze, die von einem unbekannten „Wüsten-Weisen“ stammen.

Ihr besonderes Understatement deckt sich mit den Intentionen des Dichters, deshalb zitierte er die Sätze als Hommage an den unbekannten Wanderer: 

„. . . entdeckten einen Pfad / mit in Stein gravierten Inschriften, versteckt im Salbeigestrüpp / „Lösche Gier aus!“ / „Die besten Dinge im Leben sind nicht Dinge“ / Worte, gesetzt von einem alten Wüsten-Weisen.“

Welch wunderbare Zen-Sätze!

 

Als Abschluss ein Gedicht von Snyder:

Gary Snyder* 1930

Was nun Dichter angeht

Was nun Dichter angeht,
die Erd-Dichter,
die kleine Gedichte schreiben,
brauchen Hilfe von niemand.

***

Die Luft-Dichter
wettern die schnellsten Stürme
und räkeln sich manchmal in Prielen.
Anrollend
bricht sich Gedicht auf Gedicht.

***

Bei fünfzig Grad unter Null
fließt kein Brennstoff
und Propan bleibt im Tank.
Feuer-Dichter
verbrennen am absoluten Nullpunkt
wieder hochgepumpte Fossil-Liebe.

***

Der erste Wasser-Dichter
blieb sechs Jahre unten.
Er war mit Seetang bedeckt.
Das Leben in seinem Gedicht
hinterließ Millionen winziger,
verschiedener Spuren,
die im Schlick durcheinander liefen.

***

Mit der Sonne und dem Mond
im Bauch
schläft
Der Raum-Dichter.
Himmel ohne Ende –
Aber seine Gedichte fliegen
wie Wildgänse
über den Rand.

***    

Ein Kopf-Dichter
bleibt im Haus.
Das Haus ist leer,
und es hat keine Wände.
Das Gedicht
wird von allen Seiten gesehen,
überall,
sofort.

Übersetzung von Klaus Martens

 

Infos über Gary Snyder:

https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/kompendium/32345_Die-besten-Dinge-im-Leben.html?em_cnt_page=2

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-gary-snyder-voegel-bestimmen-13872433.html

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/lesarten/gary-snyder/was-nun-dichter-angeht

 

Brief an eine Freundin über unseren verschiedenen Umgang mit Erinnerungen

ErinnerungsKoffer Yuval Yairi

Liebe Freundin,

gestern haben wir uns über Lebens-Erinnerungen und den Umgang damit unterhalten. Dein Umgang damit ist ein anderer als meiner. Und das ist gut so. Leben wir doch unsere Leben sehr verschieden. Es einfach so stehen lassen zu können, ist Grundlage für eine gute und lebenslange Freundschaft. Für diese Freundschaft mit Dir bin ich sehr dankbar. Das möchte ich auch einmal sagen, liebe Freundin.

Manche Gespräche sind sehr anregend und sie bringen etwas ins Schwingen.

So auch unser gestriges Gespräch über die Lebens-Erinnerungen. Es hatte ein „Nachspiel“. Nun könnte man sagen „Zufall“ – aber ich glaube nicht an den Zufall – vielleicht eher an den „Unbewusstfall“ …

In den Schlaflosstunden des heutigen Morgens – zwar kein Junimorgen, aber ein Aprilmorgen – nahm ich mir den Gedichtband von Tomas Tranströmer und las:

„Die Erinnerungen sehen mich

Ein Junimorgen: Zum Aufwachen zu früh,

doch zu spät zum Weiterschlafen.

Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.

Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen

mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

Dieses Gedicht ist wunderschön! In wenigen Worten drückt es meine Wahrnehmungen aus:

„Die Erinnerungen sehen mich“ und „sie sind so nah, dass ich sie atmen höre“.

Es heißt ja, Orte haben eine Seele. Karen Blixen lässt ihre Protagonistin in dem Buch „Jenseits von Afrika“ bei ihrem Abschied von Kenia sagen: „… wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?“

Und wenn ich gestern erwähnte, wie ich jetzt nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt auf Schritt und Tritt bei meinen Hundespaziergängen auf Erinnerungen treffe, dann habe ich sehr oft das Gefühl – „die Erinnerungen sehen mich“.

Und ich sehe die Schatten meines jüngeren Ich an den Fenstern der verschiedenen Wohnungen stehen, in denen ich damals gelebt habe. Und ich weiß über die Gefühle der jungen Frau von damals und ich kann sie spüren. Die Junge von damals hatte noch keine Ahnung von der Alten. Die Alte, jetzt hingegen, kennt die Junge sehr gut – ach, könnte ich meine Arme tröstend und wissend um sie legen.

Aber nicht nur meine Wohnungen sehen mich, auch die vielen Plätze.

Der kleine Hügel neben der Bahn, auf dem ich als Kleinkind mit meiner Mutter rodelte – wie viel Schnee es damals gab; der Feldweg nach dem nächsten Dorf, auf dem ich auf meinem Kinderfahrrad mit 5 Jahren mit meiner Großmutter zu Frau P. fuhr – meine Großmutter auf ihrem Rad vorneweg und wenn meine kleinen Füße nicht mehr konnten, zog sie mich an den Ärmeln ihrer ausgezogenen Weste wie an einem Seil hinterher; den etwas größeren Hügel, auf dem im Winter die Jungenclique sich eine Sprungschanze gebaut hatte und ich mit Bewunderung und viel Kribbeln im Bauch meiner ersten großen Liebe und späterem Ehemann bei seinen gewagten Sprüngen zusah; die drei Stiegen zum Eingang des ehemaligen Kino hinauf, das heute kein Kino mehr ist sondern ein Sportgeschäft, auf denen ich oben stehend und damit auf Augenhöhe, meinen ganzen Mut zusammennehmend, und ihn – meine Liebe ansprach – wie mutig für die 14-jährige!

Wie könne ich schreiben, hätte ich nicht all diese Erinnerungen?

Wie könnte ich schreiben, könnte ich nicht all diese Gefühle noch fühlen?

Ja sogar: Wie könnte ich schreiben, ohne meine zeitweilige Manie und die depressiven Verstimmungen, die in meinem Innersten wühlen und so manches aufwühlen und zum Vorschein bringen, mit dem ich mich dann auseinandersetzen „muss“ – einfach weil es da ist und ich das auch will …

Wie könnte ich schreiben ohne meine Widersprüchlichkeiten, meine Trauer, meinen Zorn, meine Unsicherheiten?

Wie könnte ich schreiben ohne das Verlustgefühl des Lebens der jungen, grenzenlos und hemmungslos lebenden Frau, die mir doch noch so nahe ist?

Wie könnte ich schreiben ohne Erinnerung an das exzessive und leidenschaftliche Leben der Frau von früher, die Glücksmomente?

Wie könnte ich aber auch schreiben, ohne die stille Zufriedenheit, das Staunen, meine Ehrfurcht und Dankbarkeit von heute?

„Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

 

Du sagtest, Du packst Deine Erinnerungen in eine Ecke und möchtest nichts damit zu tun haben. Dir gehe es besser ohne Deine Erinnerungen. Ich kann Dich verstehen, weil ich Dich gut genug kenne, um zu sehen, dass es Dir mit Deiner Art besser geht. So ist das. So unterschiedlich. Und das ist gut so.

Ich wünsche Dir viele wunderschöne Tage, liebe Freundin.

Wir leben unsere Leben so gut es uns möglich ist – jede auf ihre eigene Art und Weise – und doch verlieren wir uns nicht aus den Augen und aus dem Sinn …

Deine Freundin Monika

 

Betrachtungen über das Schreiben und die LeserInnen

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In den letzten Tagen hat jemand auf eines meiner Gedichte mit den Fragen  „was die Leser damit anfangen sollen“ und „was ich mit der Veröffentlichung bezwecke“ reagiert.

Das Gedicht hat offensichtlich nicht gefallen. Das ist so. Manchen gefällt es und manchen nicht.

Da mir auch bereits öfter die Frage gestellt wurde, wie ich so viel „Intimes und Persönliches“ preisgeben könne, habe ich mir Gedanken zu diesem Themenkreis gemacht und meine Betrachtungen niedergeschrieben.

Ich bin sehr froh über Kommentar und Fragen wie diese, weil sie mich zum Nachdenken anregen.

Zum besseren Verständnis meiner nachfolgenden Gedanken, nachstehend das betreffende Gedicht, auf das sich die oben zitierten Fragen beziehen. Es entstand nach dem Lesen von Georg Trakls Gedichten und ich habe es ihm gewidmet. Der erste Absatz bezieht sich auf die angenommene, sexuelle Beziehung von Georg Trakl zu seiner Schwester Grete.

Für Georg Trakl

Blatt für Blatt

Am rotgefleckten Lacken

Zerknüllt zwischen den Beinen

VerboteneLust

Eiserne Fäuste ballen sich

Heißer Schweiß tropft

Auf nackte Brüste

Mea culpa

* * * *

der Staub der Sterne

berührt meine Stirn

kristallene Tränen

zersplittern

klirrend am Boden

der nächtlichen Träume

* * * *

Dunkler Grund der Seele

atmet Schreie in die Nacht

heißer Atem verbrennt Papier

nichts soll geschrieben sein

nichts

abgrundtiefes Nichts

lauert in den Schatten

 

Ich schaue meinen inneren Dämonen

in  die blutrünstigen Augen

ich sehe sie

gewalttätig, lüstern, hungrig,

einer nach dem anderen streckt

seine Klauen aus

wollen meine Seele

in Stücke reißen

 

Oh, wie gut ich sie verstehe

ich schenke sie ihnen

meine Seele

mit ausgebreiteten Armen

halte ich sie ihnen hin

sehenden Auges

keine Angst mehr vor Dämonen

ich schau sie an

freundlich

willkommen heißend

und

sie weichen zurück

manche zerstieben zu Staub

den der Wind wegbläst

manche nehmen meine Freundschaft an

gemeinsam gehen wir weiter

die Benennung in gut und böse

gibt es

nicht mehr

Wir sind Eins

 

Es ist die Veröffentlichung eines meiner ungereimten Gedichte, und gerade in diesem Gedicht ist gut zu sehen, wie sich Assoziatives, Fiktionales und Persönliches vermischt.

Ich veröffentliche sie, weil ich Schriftstellerin bin. Ich bezwecke nichts damit. Denn jeder Mensch wird seine eigenen Interpretationen dazu haben. Wenn ich einen Text schreibe und in die Öffentlichkeit entlasse, weiß ich nicht, was die Leser damit anfangen. Das ist am Beginn – bei den ersten Veröffentlichungen – immer ein mulmiges Gefühl, weil man weiß, dass jeder das Eigene hineinliest und assoziiert. Mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Ist so. Wenn einem das nicht gefällt, muss man aufhören zu veröffentlichen.

Der Text ist jenseits von moralischer Bewertung oder Beurteilung.

In einem Text darf alles da sein, so wie es ist. Die Beurteilung und Bewertung findet in den Köpfen der Lesenden statt –  oder auch nicht.

Kunst ist auch verwegen.

Kunst darf vieles zeigen und schreiben, was vielleicht auch gar nicht gelebt wird – was eine „Als-ob-Realität“ erschafft, die nicht wahr sein muss, aber wahr zu sein scheint, was buchstäblich wahr-scheinlich ist“. 1)

Was vielleicht für manche Menschen eine persönliche und intime Angelegenheit ist, ist es für mich nicht.

Ich bin ein öffentlicher Mensch.

Ich schreibe nicht nur gefällige Texte.

Ich schreibe auch über meine Schatten und Dämonen, so wie andere SchriftstellerInnen auch.

Es gibt keine Trennung zwischen mir als Mensch und Frau, der Psychotherapeutin und der Schriftstellerin. Gäbe es diese Trennung – wäre es nur reine Rolle und es gäbe eine Spaltung in mir.

Es ist keine Rolle – es sind Teile von mir, die gelebt werden wollen.

Mein Wissen als Psychotherapeutin ist nicht nur ein erworbenes Wissen, es ist auch und vor allem ein gelebtes Wissen. Es ist keine Theorie, es ist Praxis – ich lebe es. Mein Schreiben ist nicht nur Fiktionales und Assoziatives, es ist auch Persönliches. Zu meiner Person als Mensch und Frau gehören mein Erlebtes und meine Erfahrungen. Vor allem gehört aber auch das Wissen dazu, dass alle Menschen Liebe / Schmerz / Trauer / Hoffnungslosigkeit / Sexualität / Freude / Gelingen und Scheitern / etc. / erleben. Wie wir damit umgehen ist verschieden, aber auch nicht so unterschiedlich wie viele glauben.  Weshalb sollten wir dann nicht darüber sprechen und schreiben. Was ist dieses „intime“, über das nicht gesprochen werden darf, wenn wir es doch alle erleben und leben? Wäre es nicht besser / leichter, wir würden uns darüber austauschen? Vom Hellsten, das in uns ist, bis zum Tiefsten und Dunkelsten. Welch eine Erleichterung wäre das für viele.

Keine Scham mehr über das eigene Sein und Leben, keine Selbstbeschuldigungen, etc. – geht es doch anderen genauso. Ah ja! Welch ein Stein purzelt vom Herzen!

Beschäftigt sich das obige Gedicht, das ungereimte Gedicht, eher mit den dunklen Schatten, nun zum Hellen,  dem Haiku. Das Haiku ist eine Kurzgedichtform mit der Silbenfolge 5-7-5. Meine Haikus bestehen zum Großteil aus Naturbetrachtungen. Die Fiktionalität und das Persönliche werden herausgehalten – deshalb sind es auch „gefälligere“ Gedichte.

Im Morgenlicht schon

Drängt sich der alte Nussbaum

Aus der Dunkelheit

Für mich ist Schreiben in der Regel ein beglückendes Erlebnis. Nicht immer, manchmal quält es auch, das Schreiben, wenn die Formulierungen nicht und nicht gelingen wollen.

Ist der Text da, ist es pures Glück. Und dann gibt es noch die gelungenen Formulierungen oder sogar einzelne Worte, die ein peak experience – ein „Gipfelerlebnis“ sind.

Kunst „kann“ ein Ausdruck der Seele sein. Ich spüre das beim Schreiben – ob ein Text aus meinem Intellekt entsteht oder – wenn er einfach da ist und nur mehr von mir aufgeschrieben werden braucht. Was viel zu selten passiert. Aber da braucht es mehr Rückzug von der lauten Welt und Achtsamkeit, um die Seele sprechen zu lassen.

Was darf Kunst?

Darüber wird immer wieder heiß und kontrovers debattiert.

Darf Kunst provozieren?

Ja, das darf sie. Da gibt es den Unterschied zwischen bewusster und gewollter Provokation, und Texten, die nicht als Provokation gemeint sind, und doch von LeserInnen so empfunden werden.

Darf ich mich als Schriftstellerin bezeichnen?

Ja, das darf ich.Ich habe mich schlau gemacht, was der Unterschied zwischen Autor und Schriftsteller ist und folgende Definition im Internet gefunden:

„Der Autor ist ein Überbegriff. Jeder, der einen Text, egal welcher Art, verfasst, ist damit auch der Autor dieses Textes.

Ein Schriftsteller ist ebenfalls ein Autor, wenngleich nicht jeder Autor auch ein Schriftsteller ist. Der Begriff Schriftsteller wird häufig im Zusammenhang mit fiktionalen, erzählenden und belletristischen Texten und deren Autoren verwendet. Schriftsteller schreiben Romane, Novellen, Kurzgeschichten und Erzählungen jeder Art.“ (2)

Manche sind der Meinung, dass sich Schriftsteller nur nennen darf, wer seine Werke auch veröffentlicht hat. Dann darf ich mich umso mehr Schriftstellerin nennen.

Die Biographie über meine Großmutter wurde in einer Anthologie veröffentlicht; ich habe Texte sowohl in Fachzeitschriften, als auch in den Tageszeitungen Presse und Standard veröffentlicht; und ich schreibe in meinem Blog.

Ich bin jedoch der Meinung, dass sich Menschen auch SchriftstellerInnen nennen dürfen / können / mögen, die großartige Texte schreiben und sie in der Schublade verwahren.

Also – schreibt und veröffentlicht. Macht es einfach.

Und – keine Angst vor Kommentaren.

 

1) https://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/01-literatur-fakten-100.html

2) http://www.blog.stefanpeter.at/2015/05/autoren-und-schriftsteller-der-unterschied/

 

Die Vergangenheitssteine und die Wegsteine

Steinmauer

In den letzten vier Jahren ist alles zusammengebrochen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Auch mein Elfenbeinturm, in den ich mich einige Jahre vor dem Zusammenbruch verschanzt hatte, brach zusammen. Übrig blieb ein Trümmerhaufen. Ein Steinhaufen.

Zum Steinerweichen jammerte und klagte ich. Ich saß auf diesem Steinhaufen und konnte mich nicht rühren. Manchmal nahm ich einen Stein in die Hand, und sofort begann er mir seine Geschichte zu erzählen. Doch ich war noch nicht bereit. Ich legte ihn wieder sorgsam hin. Manchmal. Manchmal warf ich ihn auch hin, weil er mich zornig machte.

Eine große Trauer, großer Schmerz und Zorn war in mir. Wieder. Ich dachte, das hätte ich doch schon erledigt. Und auch das machte mich zornig. Verzweifelt.

Doch mit der Zeit spürte ich, dass all diese Gefühle nicht mehr so abgrundtief waren, wie vor langer, langer Zeit, als ich dachte, daran zu sterben, wenn ich mich ganz und bis auf den tiefsten Grund dieser Gefühle einlasse. Nein, jetzt war es anders.

Und erstaunlicherweise gab mir der Steinhaufen, auf dem ich saß, Sicherheit. Ich spürte die Kraft der Steine. Und ich begann zu begreifen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich griff nach verschiedenen Steinen und begriff gleichzeitig. Jeder Stein war ein Puzzlestück aus meiner Vergangenheit und hatte seine eigene Geschichte und seine eigene Qualität.

Es gibt die Vergangenheitssteine mit all den alten Geschichten meiner Vergangenheit. Und ich begann damit am Rande meines Gartens eine halbkreisförmige Vergangenheitsmauer zu bauen. Eine Mauer, die gleichzeitig Schutz für die Pflanzen, Blumen, Sträucher und Bäume ist. Die Sonne bescheint diese Mauer und jeder Stein strahlt seine Wärme aus in den Garten. Auch auf meinen Sitzplatz, geborgen und beschützt durch die Vergangenheitsmauer.

Dann gibt es noch die Wegsteine. Sorgfalt, Ruhe und Achtsamkeit war notwendig, um die Steine zu sortieren. Was ist ein Vergangenheitsstein und was ist ein Wegstein.

Die Wegsteine beinhalten all die Erfahrungen und das Wissen, das ich mir auf meinem

Lebensweg erworben habe. Erfahrung und Wissen, das mir heute sehr nützlich ist und mich weiter begleitet auf meinem Weg. Und ich begann einen Weg auszulegen in meinem Garten. Es ist ein breiter Weg. Die Steine sind abgeschliffen. Sie lassen sich fugenlos aneinander reihen, so dass ich den Weg auch nachts gehen kann, ohne zu stolpern.

Dieser Weg führt auch hinaus aus meinem Garten. Und ich merke, dass es noch nicht genug wegsame Steine gibt. Manchmal wird der Weg auch etwas unwegsam. Es gibt die Gefahr zu stolpern. Doch ich stürme nicht mehr so dahin wie in meinen früheren Jahren – über Stock und Stein. Ruhe und Achtsamkeit ist jetzt gefordert in unwegsamem Gelände. Ich bin noch nicht fertig mit Erfahrungen sammeln.

Geschichten schreiben ist Vergnügen – Roman schreiben Arbeit

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Über das Schreiben eines autobiographischen Romans, der die Vergangenheit zur Gegenwart macht, und die Fragen nach dem Gelingen.

Der Schreibprozess ist ein Eintauchen in mein gelebtes Frauenleben – 67 Jahre. Es beschäftigt mich rund um die Uhr (es ist jetzt, da ich diesen Text schreibe 3.00 früh), und ich muss mich zwischenzeitlich zwingen, wieder auszusteigen und im Hier und Jetzt zu landen.

Eine Gratwanderung zwischen sich in den Geschichten, in meiner Geschichte, zu verlieren. Der Notwendigkeit ein- und unterzutauchen um auszuloten – in den Körper, die Gedankenwelt, das Erleben der 10-jährigen, der 20-jährigen, usw. einzutauchen. Mein altes Ich zu werden und diese Schwester auf ihrem Weg zu begleiten. Eine Vergangenheit, die während des Schreibens zur Gegenwart wird.                                                                        

Eine Einkehr beim Selbst. Es erfordert Zeit und Stille.

Während ich an meinem eigenen autobiographischen Roman schreibe, begleitet mich der Roman von Ulla Hahn „Spiel der Zeit“.

Ich lese, wie sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt, und dass ihr das offenbar auch Mühe bereitet. Dass es nicht immer leicht ist. Das stärkt. Das bestärkt. Mir macht es auch Mühe.

Sie schreibt: „Hilla Palm (diesen Namen hat sie sich als ihre Hauptperson gegeben) ist also auf dem Weg zurück. In die Vergangenheit, wollte ich schreiben, aber dieses Zurück ist ja ihre Gegenwart, und wenn ich das jetzt und hier schreibe, ist es meine Gegenwart, und ich nehme am Schreibtisch eine Haltung ein, die mich meinen Körper vergessen lässt, denn ich brauche jedes Mal einen neuen Anlauf, neue Kraft, Hilla auf den Weg zurückzuschicken, nach Hause.“

Ulla Hahn bezeichnet sich als Alter Ego ihrer Protagonistin Hilla. Sie schreibt aus der Ich-Perspektive, und wechselt dabei zwischen Erzählerin und Hauptfigur. Sie weiß daher als Erzählerin mehr als die Protagonistin, kennt sie doch deren Zukunft. Sie beschreibt auch, siehe oben, wie es ihr als Erzählerin geht.

Eine sehr interessante Erzählform, die ich auch gewählt habe. Erst habe ich begonnen, aus der Sicht der Erzählerin zu schreiben, dann das ganze nochmals aus der Sicht der Hauptfigur. Es ging nicht. Ich habe gemerkt, dass der Wechsel zwischen beiden die einzig mögliche Erzählform für mich ist. Schwierig ist es allemal, wenn ich immer wieder mein Gestern, meine Vergangenheit werde.

Mein Anker ist seit Beginn meines Lebens die Natur. Gleich am Beginn des Buches wird Maria (so werde ich meine Hauptfigur nennen – wenn Maria im Laufe der Zeit nicht einen anderen Namen wählt) ihr 5-jähriges Leben als Gartenkind im Garten der Großmutter erzählen. Sie wird über ihren Lieblingsbaum, den Apfelbaum, der in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens steht, erzählen.

Sie ist einverstanden damit, dass ich euch ein paar Zeilen aus ihrer Erzählung schreibe:

„Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.

Der Apfelbaum hat einen dicken, kurzen Stamm, so dass ich sehr leicht hinaufklettern kann und mir auch mein Kleidchen nicht schmutzig mache. Die Äste bilden eine große Gabel. Ich sitze mit meiner Puppe und meinem Buch fast so bequem wie in einem der hölzernen Liegestühle. Nur auf die Ameisenstraße muss ich aufpassen. Sie führt am Stamm und an einem der dicken Äste entlang.“

Mein jetziger Lieblingsbaum ist ein alter und mächtiger Nussbaum in meinem Garten. Ich gehe durch den und schaue in die immer lichter werdende herbstliche Blätterkrone des Baumes.

Ankommen. Hier und Jetzt.

Die Fragen nach dem Gelingen.

Wenn ich erzähle, dass das Schreiben nicht nur Vergnügen, sondern auch harte Arbeit ist, werde ich immer wieder gefragt: „Ja, aber wie ist das, wenn du scheiterst? Wenn du aufgibst? Jetzt hast du allen erzählt, dass du ein Buch schreibst, und dann wird es vielleicht doch nichts?“

Alles ist ein Risiko. Das Leben ist ein Risiko. Kann morgen vorbei sein.

Und ja – es könnte auch sein, dass ich mit dem Buch schreiben aufhöre.

Doch nicht weil ich scheitere oder aufgebe. Es würde eine bewusste Entscheidung sein.

Ein – ich kann das nicht, gibt es nicht.

Denn, wenn ich es wirklich, wirklich will, werde ich mir das nötige Handwerkszeug aneignen. Ich werde mir Unterstützung, und alles was nötig ist, was ich brauche, suchen.

Sollte ich jedoch merken, dass ich es vielleicht gar nicht wirklich will, dass es nur mehr anstrengende Arbeit ist, und nicht zwischendurch Vergnügen und Freude bereitet, dass keine Befriedigung nach einem gut geschriebenen Satz da ist, dann werde ich das Lebens-Projekt „Buch schreiben“ ganz bewusst schließen.

Doch – ich hätte es gemacht.

Und dieses „ich habe es gemacht“ – nicht „ich habe es versucht oder probiert“, sondern wirklich gemacht, ist im Rückblick auf mein Leben sehr wichtig. Denn, auch wenn ich mit so manchem wieder aufgehört habe, weil sich herausstellte – eigentlich will ich das doch nicht – weiß ich es jetzt. Ich habe es zumindest eine Zeit lang gelebt und erfahren.

Ich kann diesen Traum ad acta legen und muss ihm nicht nachweinen – „ach, hätte ich doch …“

Und so bin ich weiter am Schreiben.

Und wir werden sehen, wie es ausgeht …

 

Hahn Ulla: Spiel der Zeit, 2014, Deutsche Verlags-Anstalt, München

 

Gedichte über Sprachlosigkeit und Worte

007

Sprachlosigkeit

Sprachlosigkeit     

seit langem

sprachlos

bewegungslos

nicht geistlos                 

Im Kopf zu hause

alles mit dem Geist

begreifen wollen

nicht fühlbar

nicht spürbar

auf der Suche

nach Worten

mir wieder

begreifbar machen

Die Worte im Kopf

die Gefühle im Bauch

reduziert

auf funktionieren

Schreiben

leeres Blatt

füllbar mit Worten

fühlbar

fühlbare Zweifel

die Sicherheit des Weges ?

(M.K., 1995)

 

Das Lachen ausradiert

Spaß und Freude

verboten

Energie

zurückziehen

Ernsthaftigkeit

darüber stülpen

gibt

Überlegenheit                                   

(M.K., 1988)

 

Immer wieder

die Sprache

verloren

die Worte

nie

sprachlos

geworden

schrieb ich

Worte

auf

(M.K., 27 09 2017)

 

Ich bin

verstummt

an meinen

Worten

erstickt

das habt ihr gemacht

 

bis ich

eines Tages

die Worte

hinaus schrie

wochenlang

monatelang

das habe ich gemacht

 

mir die Lust

verboten

das habt ihr gemacht

 

bis ich

meine Lust

lebte

jahrelang

bis mein

Körper

in Stücke zersprang

das habe ich gemacht

 

mein Herz

umzäunt

mit Mauer

und Stacheldraht

das habe ich gemacht

 

Mauer abtragen

ein Leben lang

(M.K., 27 09 2017)

 

 

 

Vom Schreiben und der Schönheit der Leere

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 Die Vorbereitung

Das erste Buch war sozusagen eine Fingerübung. Ein Buch über die letzten 10 Jahre des Alt-werdens. Die Texte waren alle zur Hand. Die Erinnerungen noch frisch. Es wartet bei den Verlagen.

Doch jetzt beginnt der Schreibprozess für das zweite Buch, der sehr herausfordernd ist – auf allen Ebenen. Ich bekam es schon zu spüren beim Durchlesen von 66 Liebesbriefen, die mein erster Mann und ich uns geschrieben haben. Ich war damals 17, er 18 Jahre jung. Ja, auch wir haben uns Liebesbriefe geschrieben, wie damals meine Großmutter und mein Großvater (siehe Foto).

Eine Biographie über mein Leben – 1950 bis 2017 – „hineinwachsen in mich“ wird es heißen. Die Finger sollten jetzt besser schon die erforderliche Übung haben, die Disziplin muss sich noch ein bisschen einschleifen. Vieles muss nachgelesen werden / neu erinnert / nachgefragt / recherchiert werden.

Die Vorbereitungsarbeiten sind fast erledigt.

Erst mussten hinderliche Kilos weg. Ja, der Körper muss beweglich sein zum Schreiben. Obwohl er sehr viel sitzen wird. Trotzdem.

Reduzierung auf allen Ebenen.

Dann musste das Haus noch einmal und noch einmal geräumt werden. Auch die überfüllten Bücherregale – bereits zum dritten Mal habe ich sie durchgesehen und viele Bücher wieder weggegeben. Verschenkt. Gute Plätze für sie gesucht.

Keine Altlasten.

Gestern war ich den ganzen Tag damit beschäftigt meine Word-Dokumente in Ordnung zu bringen. Vieles wurde gelöscht – Unterlagen über abgeschlossene Projekte / alte Praxisunterlagen / Unmengen von Informationsmaterial über Bereiche, die nicht mehr relevant sind und/oder mich nicht mehr interessieren / etc. etc.

Alles Verbliebene habe ich neu geordnet – dabei verschollene Texte in Ordnern entdeckt, in denen ich sie nicht vermutet hatte. Jetzt habe ich eine Übersicht über meine Texte im Computer.

Erleichterung und Freude breitet sich aus.

Entleeren – leer werden – um Neuem Platz zu machen.

Die Sehnsucht nach der Schönheit der Leere eines Raumes.

Ich erinnere mich an leere Räume. An Große und Kleine. Meine großen Altbauwohnungen in Wien mit 3.60 m Raumhöhe. Die Klosterzellen mit einem schmalen Bett, 1 Tisch und 1 Sessel in der Türmerstube im Mariendom in Linz und im Benediktinerstift in Göttweig; und das Maximum der Minimierung die Klosterzelle in Sri Lanka mit einem Pritschenbett und einem Vorhang als Tür.

Mein kleines Haus ein Luxuspalast. Noch immer viel zu viele Sachen.

Tausch der schönen Dinge gegen die Schönheit der Leere.

Werden noch Minimierungsdurchgänge erforderlich sein? Es wird sich weisen.

Erst mal zurücklehnen und eine Tasse Tee trinken.

Vorerst geht es weiter mit den Vorbereitungsarbeiten.

In den nächsten Tagen werde ich meine alten Tagebücher durchforschen – mich hindurcharbeiten. Zeitlich ordnen / Anmerkungen machen / mit Post-it markieren.

Die Idee / der Titel / einzelne Notizen für das Buch sind bereits da.

Nach diesen Vorbereitungsarbeiten kann der Schreibprozess so richtig beginnen. Draußen die letzten sonnigen Herbsttage / Herbstwinde fegen die letzten Blätter von den Bäumen / Schneeflocken am Fenster / drinnen die warme Schreibstube …

Ich freu mich drauf …

 

Foto: Ausschnitt aus der Anthologie AUFbrüche. Feministische Porträts und Lebensbilder, Mandelbaum Verlag. 2006. Eine Kurzbiographie über meine Großmutter mit dem Titel: Ich hatte einen Traum.

 

Über das Schreiben

Eine der schönsten Nachdenklichkeiten über das Schreiben von Ilija Trojanow, Schriftsteller.

Welch ein wunderbarer Text – ein Wortgenuss, der auf der Zunge zergeht – und so werfe ich mein Netz aus, mit dem ich mich in die Welt hineinwünsche … Schreiben

„Wenn wir schreiben, vernetzen wir. Wort für Wort, Ort mit Ort. Wir reihen Buchstaben aneinander, wir versammeln Wörter, mal zu festen Paragraphen, mal zu vorbeifließenden Strophen. Das Niedergeschriebene vernetzt sich weiter, mit dem Leser, den Leserinnen. Erst die Ohren, sagt ein afrikanisches Sprichwort, geben der Zunge Leben. Der Leser knüpft seine eigenen Verbindungen, er wirft sein kleines persönliches Netz aus, eines von unzähligen kleinen ausgeworfenen Netzen, mit denen er sich in die Welt hineinwünscht.
In diesen Netzen des Geschriebenen, Gedruckten, Gelesenen, Bedachten und Weitergetragenen reisen wir von Wort zu Ort und weiter zu vielen anderen Orten, aus dem Vertrauten heraus, hinein in das Unbekannte. Wörter können Raum und Zeit aufheben, aber um dies zu bewerkstelligen, benötigen sie handfeste, wurzelgeknüpfte Netzwerke, die das Geschriebene zum Buch werden lassen, die das Buch vervielfältigen und verbreiten, die sowohl das Leben als auch das Nachdenken über das Gelesene fördern und die vor allem von dem kleineren Netzt, in das jeder von uns die meiste Zeit verhaftet ist, in größere, uns erstaunende und bereichernde Netze führen, von einer Ebene auf die andere, von einem Land ins nächste und von einer Sprache in die benachbarte.“