Gedanken über das Patriarchat und das Buch „Patriarchatskritik“

Das Wort „Patriarchat“ und somit auch das Buch „Patriarchtskritik“ von Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin, Publizistin der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung (IPKF), löst Emotionen aus. Viele unterschiedliche.

Und auch Missverständnisse. Das geht von „Endlich ein fundiertes Buch“ bis „Schon wieder diese Männerhasserinnen“ etc.

Liebe Frauen und Männer!

Kritik am Patriarchat bedeutet nicht gegen Männer zu sein!

Im Gegenteil. Viele Männer leiden genauso unter dem patriarchalen System wie Frauen. Und ich möchte sagen – immer mehr.

Und – nicht alle Frauen sehen das so. Sie haben sich eingerichtet im System.

Vieles ist zur Gewohnheit geworden. Und es ist nicht so leicht, die (scheinbare) Komfortzone zu verlassen.

Das Patriarchat ist ein altes, jedoch nicht uraltes System. Denn vor dem Patriarchat gab es auch anderes.

„Nur einen sehr kurzen Zeitraum der Menschheitsgeschichte leben wir in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die von gewaltsamen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Viel länger war die Lebensweise des Menschen friedlich, weil matrifokal. Eine matrifokale Lebensweise stellt Mütter und Kinder ins Zentrum und setzt auf ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern.“ *)

Das Patriarchat ist vor allem ein veraltetes System, das den Menschen, der Natur, den Tieren, schadet. Man braucht sich nur umzusehen in der Welt, so wie sie jetzt ist und dabei ist zu werden. Ja, Männer haben das Patriarchat errichtet und Frauen haben sich darin eingerichtet. Die „Patriarchatskritik“ gibt Auskunft darüber.

Ich sehe es auch nicht als einen „weiblichen Weg“, sondern einen „gemeinsamen Weg“. Ich zitiere da immer Sabine Lichtenfels, weil sie meine Meinung so gut formuliert hat:

„Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat. Wir laden alle engagierten Männer ein, sich unserer Friedensarbeit anzuschließen.“

Die Gleichsetzung von „Patriarchatskritik = gegen Männer zu sein“ ist mit ein Grund, warum ich bis jetzt gezögert habe, Armbrusters Texte zu veröffentlichen, weil ich weiß, dass viele – Männer und Frauen – beim Thema Patriarchat sogleich aufhören zu lesen, weil sie der Meinung sind, es handle sich um Männerhass. Das ist sehr schade. Dass viele auch meinen, es sei eine weitere Spaltung der Gesellschaft und dies leid sind, verstehe ich. Aber so ist es nicht. Möchte ich auch nicht.

Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft. Auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.

Jedoch nicht darüber zu schreiben, wäre feige. Ich erinnere mich an die vielen Anfeindungen und auch Bedrohungen denen ich ausgesetzt war, wenn ich für Frauenrechte eingetreten bin – siehe weiter unten im Text ein Bericht über eine davon. Ich denke, diese Erinnerungen haben auch dazu beigetragen, dass ich es bis jetzt vermieden habe.

Jedoch:

Die „Bestellungen beim Universum“, die eine Zeit lang angesagt waren, sind wieder vom Bücher-Himmel verschwunden, weil es so nicht funktioniert. Die Bestellung allein genügt nicht. Man muss schon etwas dafür tun.

Wenn sich ein neuer Weg an einer Wegkreuzung auftut, muss man ihn schon gehen. Es reicht nicht, an der Kreuzung sitzen zu bleiben und zu warten, dass der Weg zu einem kommt. Man muss schon etwas dafür tun – ihn gehen, auch wenn es vielleicht vorerst ein steiniger Pfad ist und keine Autobahn.

Wenn viele Frauen vom Ende des Patriarchats sprechen, sitzen sie doch an der Wegkreuzung und warten, dass das Universum das erledigt. Wobei das Universum doch bereits so kräftig mitwirkt – siehe Klimakatastrophen – es schreit sozusagen: Es reicht!

Die „Patriarchtskritik“ schreit nicht – obwohl sie das tun könnte – aber sie weist mit vielen Erkenntnissen darauf hin. Sie macht vieles klar, warum es so gekommen ist und warum es so nicht weitergehen kann.

Es bedarf einer höchst notwendigen intensiven und diffizilen Auseinandersetzung damit.

Den Weg gemeinsam gehen – Frauen und Männer.  

Ich weiß, dass  sich Kirsten Armbruster mit dem Thema „Patriarchatskritik“ Angriffen und Unverständnis aussetzt. Ich erinnere mich an Johanna Dohnal, als sie 1990! die erste Frauenministerin Österreichs wurde, – wie sie angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Wie viel an Unverständnis für die Notwendigkeit von Frauenrechten vorhanden war. Wie unnötig und störend dies alles ihre männlichen Kollegen fanden.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Mahatma Gandhi)

Armbruster bringt zur Sprache, was zur Sprache gebracht werden muss.

Und dies sehr professionell, ausführlich und umfassend.

Auf 650 Seiten fasst sie ihre Arbeit zusammen. Sie decodiert die Gehirnwäsche des Patriarchats, der wir alle ausgesetzt sind, mithilfe eines wissenschaftlichen, interdisziplinären Forschungsansatzes, in der Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie, der Religionswissenschaften, der Linguistik, der Soziologie, der Biologie, der Genetik, der Kulturwissenschaften und der Landschaftsmythologie einfließen.“ (Armbruster)

Begleitet und unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann, Franz Armbruster, der eine reiche Auswahl an Fotos beisteuert. Mich faszinieren u.a. die vielen Höhlenzeichnungen, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Sebastian Tippe, Diplompädagoge, hat den Text „Toxische Männlichkeit“ beigesteuert; Rona Duwe, Grafik- und Webdesignerin, Feministin und Autorin, den Text „Liebe und Sexualität“.

Zur Archäologie und Umdeutung der Geschichte: Jahrhundertelang hatten Männer die Deutungshoheit über Ausgrabungen – weil es keine Archäologinnen gab – und wenn, dann nur als Zuarbeiterinnen für die Männer. Männer deuteten aus der Sicht der Männer.

Zu Frauenrechten: Johann Dohnal, wie schon erwähnt, erst 1990 die erste Frauenministerin in Österreich. Wie wurde sie angefeindet, wie musste sie kämpfen. Männer fanden ihre Sicht als Frau in der Politik nicht wichtig und auch störend.

Erfindungen: Wurden den Männern zugerechnet. Erst in den letzten Jahrzehnten  wurden die vielen Erfindungen öffentlich, die von Frauen gemacht wurden. Was nicht sein soll, durfte nicht sein.

Psychoanalyse: Ein weites Feld, das zeigt, dass Frauen am Beginn des letzten Jahrhunderts noch als Hysterikerinnen behandelt wurden und in Irrenhäusern landeten, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollten, selbständig sein wollten, oder in der Ehe vergewaltigt und missbraucht wurden (was damals nicht so gesehen oder bezeichnet wurde).

Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin (1989) im tiefsten ländlichen Bereich an der tschechischen Grenze: Männer bedrohten mich mit Gewalt, weil ihre Frauen den Anspruch erhoben, zumindest am Abend das Auto benutzen zu dürfen, um zu Workshops und in Therapie zu fahren, etc. – ich hätte ihnen diese „Flausen in den Kopf“ gesetzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprachen die Frauen über den Alkoholmissbrauch ihrer Männer und über Gewalt in der Beziehung.  

„Die Patriarchatskritik delegitimiert die Definitionsmacht des Patriarchats und entlarvt sie als androzentrischen Irrtum, wie Gerda Lerner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Entstehung des Patriarchats“ treffend formuliert hat. Lerner schrieb:

Historiker haben das Wirken von Frauen zugeschüttet“ … Frauen hatten keine Geschichte – das wurde ihnen gesagt, und das glaubten sie. So war es letzten Endes die Hegemonie des Mannes über das anerkannte Symbolsystem, durch die die Frauen am entschiedensten benachteiligt wurden“. *)

Viel wäre da noch dazu sagen.

Vieles steht im Buch.

In das Buch – so umfangreich – habe ich bis jetzt nur hinein geschmökert. Trotzdem empfehle ich es. Weil es notwendig ist, sich damit auseinander zu setzen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht immer einer Meinung mit Armbruster sein werde. Nicht bei der Geschichte, das ist allein ihre Domäne, aber vielleicht bei den Lösungsansätzen. Doch das ist normal! Man kann nicht immer in allem einer Meinung sein. Ich stimme nicht allem bedingungslos zu, nur weil ich eine Frau bin.

Doch wenn es einen grundlegenden und wesentlichen Inhalt gibt mit dem ich übereinstimme, ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen und in einen Diskurs zu treten.

Und das ist es.

Lasst uns darüber reden.

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Das Buch „Patriarchatskritik“ von Kirsten Armbruster, zu bestellen bei deinem Buchhändler ums Eck

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Begriffserklärung:

„Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden (vergleiche Männlichkeit). Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.

Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm Abweichende“ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei „Mensch“ als „Mann“ und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt. …“

https://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

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*) Kirsten Armbruster: https://herstory-history.com

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Sebastian Tippe: https://feministinprogress.de/ueber-mich/

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Rona Duwe: https://mutter-und-sohn.blog/autorin-fuer-familien-und-gesellschaftsthemen/

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Sabine Lichtenfels: https://www.tamera.org/de/heilung-der-liebe/

in diesen tagen …

in diesen tagen wenn der regen fällt und ich den regentropfen zuschaue die am fenster runterlaufen / in diesen tagen wenn die sonne scheint und ich zum see radle und im seidenweichen wasser mit den enten schwimme / in diesen tagen wenn ich die ruhe um mich genieße und mich eingebettet und geborgen fühle / in diesen tagen in denen menschen ihren alltagsgeschäften nachgehen / in diesen tagen / in diesen tagen frage ich mich ob ich glücklich sein darf

in diesen tagen wenn ich menschen sehe die andere menschen erschießen weil sie das land verlassen wollen / in diesen tagen in denen bärtige männer auf von kopf bis fuß verhüllte frauen einschlagen / in diesen tagen in denen witwen zwangsverheiratet werden / in diesen tagen in denen menschen kindern verbieten in die schule zu gehen / in diesen tagen in denen menschen angst um ihr leben haben müssen / in diesen tagen / in diesen tagen frage ich mich ob ich glücklich sein darf

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Meine Trauer und mein Zorn hält sich die Waage – Trauer über die betroffenen Menschen und Zorn über die Verwantwortlichen …

Ich möchte gerne weghören und wegschauen, so wie es viele, leider viel zu viele Menschen tun. Ich möchte wegschauen von den Corona- und Klimaveränderungsleugner*innen – und jetzt von den Verantwortlichen für die unsägliche Situation in Afghanistan, die genau gewusst haben, was passieren wird, und nichts getan haben …

Und ich frage mich, ob die politisch Verantwortlichen, also jene, die die Macht hätten, etwas zu verändern, und die Reichen, die Milliarden horten oder für Weltraumflüge ausgeben, wirklich glauben, dass sie nicht irgendwann davon betroffen sein werden – vor Überflutungen, vor brennendem Land, vor Trinkwassermangel etc. etc., und vor der Flut von Menschen – vor Völkerwanderungen – Menschen, die sich auf den Weg machen müssen, weil sie sonst gefoltert, ermordet werden, oder ihnen ein lebenswertes Leben genommen wird?

Glauben sie wirklich, dass Macht und Geld davor schützt?

Am Ende des Tages werden wir alle gleich sein – sind wir das doch sowieso – nur sie wissen es nicht …

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Bild: Caspar David Friedrich

Aus der Geschichte lernen

Was können wir aus matriarchalen Gesellschaften lernen?

Eine Bereicherung für Frauen und Männer gleichermaßen – Leben in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute.

Vor zwei Tagen habe ich unter dem Titel „Über unser aller unterschätztes Erfahrungswissen“ geschrieben:

„Erst wenn Frauen mehr als ein Frauenbild kennen lernen …

Erst wenn Männer mehr als ein Männerbild kennen lernen …

Erst wenn Menschen mehr als eine Liebes- und Beziehungsform kennen lernen …

haben sie eine echte Wahlmöglichkeit für die vielen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens, die es gibt und gegeben hat.“

2008 habe ich mir „Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften“, Band 1 und 2, von Irene Fleiss gekauft. Etwas hineingeschmökert habe ich sie in meiner Bibliothek abgelegt. Vor einigen Tagen – ich war auf der Suche nach etwas anderem – sind sie mir aufgefallen. Ich nahm sie heraus und bin seitdem nicht mehr herausgekommen. Zu wertvoll sind die Schätze in diesem Buch – jeder Satz ein Kleinod, das immer wieder gelesen und über das immer wieder nachgedacht werden will. Es gibt immer den richtigen Zeitpunkt ein Buch zu lesen – der Zeitpunkt für diese Bücher ist Jetzt.

Irene Fleiss entwirft ein komplexes Bild von matriarchalen Gesellschaften, um Wissen bereitzustellen für den dringend benötigten persönlichen und gesellschaftlichen Wandel im Zusammenleben der Geschlechter und Generationen und mit der Natur.

Ich kann mir vorstellen, dass viele bereits bei dem Titel der Bücher „Als alle Menschen Schwestern waren“ aufgehört haben zu lesen. Vor allem auch vielleicht Männer. Aber  bitte weiterlesen, es geht ja auch um euch – Lebens- und Liebesformen leben Frauen ja nicht allein (manche schon, aber nicht alle), sondern Frau & Mann gemeinsam. Für diejenigen, die weiterlesen, weil es ihr Interesse geweckt hat – freut mich das sehr. Es freut mich, weil ich die Bücher als Bereicherung empfinde. Eine Bereicherung und Erweiterung von Wissen über andere Lebens- und Liebesformen als das Patriarchat, über das manche den Mythos verbreiten, es sei immer schon dagewesen und sei die einzig mögliche Form zu leben. Nein, ist es nicht. Abgesehen davon wird auch ein weiterer Mythos korrigiert, – dass Matriarchate seitenverkehrte Patriarchate seien. Ihr wärt überrascht, in wie vielen Ländern der Erde Matriarchate nachgewiesen werden können. Ich war es auch. Und heute noch gibt es in versteckten Eckchen auf unserer Erde Matriarchate. In der letzten Zeit hat es im TV einige Dokumentationen über diese Matriarchate gegeben.

Eindrückliche Erlebnisse für mich waren Symposien, bei denen ich Frauen aus noch bestehenden Matriarchaten kennen lernen durfte. Aus Juchitán, die mexikanische Sängerin und Fotografin Marta Toledo. Sie ist Angehörige des Volkes der Zapoteken, einer der ältesten indigenen Ethnien Mexikos. Martha Toledo lebt in Juchitán und in Oaxaca (der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Sie singt auf zapotekisch und spanisch. Mit ihren Liedern erzählt sie über ihr Leben als zapotekische Frau und als Angehörige der matriarchalen Gesellschaft von Juchitán.

Weiters Frauen vom Volk der Mosuo. Im Süden von China, rund um den Lugu-See, lebt das Volk der Mosuo. Die Mosuo sind bekannt für ihr harmonisches Zusammenleben. Es gibt keine Gewalt, keine Eifersucht, keinen Krieg. Gegensätze wie ‚arm‘ und ‚reich‘ kennen sie nicht und das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben richtet sich nach der Lebenswelt der Frauen und Kinder.

Die Frauen aus den lebendigen Matriarchaten kennen gelernt zu haben, ihr „würdiges“ Auftreten mit einem Selbstverständnis des Frauseins gesehen zu haben – dafür bin ich unendlich dankbar.

Irene Fleiss schreibt:

„Ich wende mich in erster Linie an Frauen und schreibe über Weiblichkeit und das Leben von Frauen in matriarchalen Gesellschaften, weil dort die Frauen im Mittelpunkt standen (nicht, weil ich – abgedroschene Unterstellung – etwas gegen Männer hätte). Außerdem gibt es genügend Bücher über die Befindlichkeit von Männern, auch wenn sie überwiegend von Frauen, den unbezahlten Therapeutinnen, gelesen werden.“

Eine Versöhnung der Geschlechter / ein Aufbau von Vertrauensgemeinschaften  ist höchst notwendig, und das scheint mir mit matriarchalen Lebens- und Liebesformen besser zu gelingen. Mit dem Patriarchat hat’s jedenfalls nicht geklappt. Im Gegenteil. Es brachte und bringt viel Leid, Schmerz und Unrecht über die Menschheit und die Erde.

Zurück zur Vielfalt und Fundiertheit des Buches, das mich fasziniert und begeistert – aber das werdet ihr schon gemerkt haben, oder?

Aus dem Vorwort:

„Die Autorin Irene Fleiss aus Wien öffnet mit ihrem Werk unsere Augen für die Vielfalt matriarchaler Gesellschaftsformen und ihre Grundlagen von der fernen Vergangenheit bis in unsere Gegenwart, die sie alle mit einem breigefächerten Foschungs- und Wissensfundamt von gut 500 Veröffentlichungen von fast 350 AutorInnen aus aller Welt untermauert, die ihr in deutscher Sprache und Übersetzungen zugänglich waren.

Herausgekommen ist ein facettenreiches Bild matriarchalen Lebens, weit entfernt jedweden Versuchs, die Einheitlichkeit eines Wunschbilds zu präsentieren, nach dem alle matriarchlen Gesellschaften den Idealtypus menschlichen Zusammenlebens verkörpern müssten. Und es ist dennoch nah genug, um zu erkennen, dass matriarchale Gesellschaften gestern und heute vom Respekt allem Lebendigen gegenüber geprägt waren und noch sind, in denen Frauen eine starke Position hatten/haben.“

Zur Autorin:

Irene Fleiss, 1958 – 2008, österreichische Gender- und Matriarchatsforscherin, Schriftstellerin.

Als ich ihr Geburtsdatum sah, freute ich mich – acht Jahre jünger als ich. Und ich wollte ihr meine Wertschätzung, Respekt und Freude über ihre Bücher mitteilen. Dann las ich, sie starb bereits 2008, kurz vor ihrem 50. Geburtstag an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Ich werde ihr meinen Respekt erweisen, in dem ich sicher sehr oft aus ihrem wertvollen Opus Magnum zitieren werde.

Die Bücher von Irene Fleiss:

Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften, Band 1, 2006, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Als alle Menschen Schwestern waren. Weiblichkeit in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute, Band 2, 2007, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Weitere Bücher:

Veronika Bennholdt-Thomsen, Mechhild Müser, Cornelia Suhan: FrauenWirtschaft. Juchitán – Mexikos Stadt der Frauen. Verlag Frederking & Thaler, München 2000.

Yang Erche Namu, Christine Mathieu: Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört, Ullstein Verlag

Foto:

Martha Toledo

Eine Weihnachtsgeschichte – Die Alte Kaiserin und das Kleine Ich

Das Kleine Ich sitzt nun schon jahrelang in einer Ecke und ist traurig. Die Arme hat sie um ihre Beine geschlungen und den Kopf darauf gelegt. Immer wieder will sie sich erheben und die Liebe und Freude ihres Herzens teilen, – und sinkt erschöpft zurück.

Die Alte Kaiserin betrachtet sich im Spiegel. Sie bestaunt sich selbst und ihre wundervollen Kleider. All die Pracht. Sie lässt sich bestaunen. An ihr Herz hat sie schon lange nicht mehr gedacht und es auch nicht mehr gespürt. Papperlapapp – Kinderkram …

Und dann passierte Folgendes und damit beginnt unsere Geschichte.

Die Alte Kaiserin ist nackt.

So wie sie damals in diese Welt kam.

Sie traut sich nicht hinaus in die Welt – schutzlos fühlt sie sich.

Sie kann nicht mit Menschen sprechen. Sie kann es nicht.

Alte Sprachmelodien – die Sprache der Macht – drängt sich auf ihre Lippen und sie verschließt ihren Mund. Nein, so nicht mehr.

Die neue Melodie – die Sprache des Herzens ist noch ungewohnt.

Und meistens ist sie begleitet von tränennasser Traurigkeit.

Sie versucht. Sie übt. Sie stolpert.

Sie hat ihre Kleider abgelegt. Eins nach dem anderen.

Viele Schichten der Pracht, des Prunk und der Großartigkeit.

Mühsam war das ablegen.

Lange hat es gedauert.

Erst schien es ihr, als ob sie selbst die Kleidung wäre.

Als ob sie in ihre Haut eingewachsen wäre.

Die Ablösung tat weh. Sie schmerzte.

Und Angst ergriff sie.

Ein kleines Mädchen schrie „Schaut, die Kaiserin ist nackt“.

Und dann schämte sie sich.

Stand da.

Ohne Kleider.

Nackt und bloß.

Und plötzlich – so nackt und bloß – erinnert sie sich an die Zeit als sie noch nicht Kaiserin war.

Als sie liebte, lachte, tanzte und sang.

Doch irgendwann war es geschehen.

Sie weiß genau wann und warum.

Doch wir müssen das nicht wissen. Alles muss nicht erzählt werden.

Doch von da an, von dem wir nichts wissen, brach sie die Herzen reihenweise.

Bewunderung war ihr Lebenselixier

Bewunderung war ihr täglich Brot

Wisst ihr, dass Bewunderung süchtig machen kann?

Wisst ihr, dass Bewunderung einsam machen kann?

Es war ein Weinen und ein Schluchzen in ihr.

Gefallene Träume.

Immer wieder erhob sich die dunkle Göttin Kali in ihr.

Kali, die Göttin des Todes und Zerstörung. Aber auch der Erneuerung – doch die kommt später …

Kali trägt eine Halskette mit abgeschlagenen Schädeln.

Die Alte Kaiserin trug stolz eine Halskette mit gebrochenen Herzen

Ihr eigenes Herz behielt sie ganz für sich

Nun geschah es, dass sie in ihrem Leben keinen Trost mehr fand.

Freude kannte sie schon lange nicht mehr.

Sie hatte sich viele schöne Kleider und Sachen gekauft.

Sie wohnte nicht, sie residierte – kaiserlich eben.

Sie aß und trank in teuren Restaurants und logierte in den besten Hotels.

Sie kaufte und kaufte und kaufte …

Alle sollten sehen wie erfolgreich sie war und wie gut es ihr ging.

Doch Freude kann man nicht kaufen.

Die Alte Kaiserin wollte klug und intelligent sein und alle sollten das merken. Sie las viele kluge Bücher. Sie betrat mit Ehrfurcht das große, jahrhundertealte Haus in dem alles Wissen gelehrt wurde. Sie wurde zu Symposien eingeladen und hielt Vorträge vor vielen Menschen. Sie sprach viel Kluges und viele Menschen hörten ihr zu und suchten ihren Rat. Doch auch Klugheit allein macht nicht glücklich …

Die Alte Kaiserin hatte lange nicht bemerkt wie sehr sie damit beschäftigt war großartig zu sein. Und überheblich, – sie erhob sich über all die anderen. War sie doch überzeugt und für so manche auch überzeugend, dass sie alles wusste und alles kannte.

So lebte sie.

Sehr lange Zeit.

Wann geschah es, dass sie merkte, das sie nicht glücklich war?

Wann geschah es, dass sie merkte, dass sie keine Freude empfand?

Wann geschah es, dass sie merkte, dass sie die Wunder der Welt nicht mehr sah?

Vielleicht geschah es, als sie müde wurde, sehr müde.

Es macht müde, die ganze Zeit großartig sein zu müssen.

Es macht auch müde, immer besser und klüger sein zu müssen.

Und es macht sehr müde, sich immer wieder beweisen zu müssen.

Und vor allem macht es müde, sein Herz zu verschließen.

Sie erkannte sich selbst nicht mehr.

Und sie erinnerte sich …

Da war doch was …

Damals …

Und weil sie doch so müde war, die Alte Kaiserin.

Und die vielen Kleider und alles was sie besaß, viel zu schwer an ihr hingen, fing sie an, sich vorsichtig davon zu befreien.

Erst ganz langsam.

Und als sie merkte, dass es immer leichter wurde – mit jedem Stück, dass sie losließ, machte sie weiter – bis sie nackt und bloß war …

Und als sie nackt war, ganz nackt – fing sie an, ihre inneren Räume auszukehren, obwohl sie sich in manche erst einmal gar nicht hinein wagte. In manche Räume ging sie mit einem leisen Entsetzen und sie brauchte sehr lange, um diese Räume auszukehren.

Und doch gab es auch ihren Schatzraum, der bis oben angefüllt war mit Lebensschätzen. Mit Liebe und Glück und Frohsinn und Lachen.

Und das freute sie doch ein kleines bisschen.

Und dann auf einmal – geschah es …

Das Kleine Ich war aufgestanden und lugte um die Ecke.

Und die Alte Kaiserin erkannte das Kleine Ich.

Lange hatte sie sie nicht gesehen.

Und es überkam sie wieder eine tränennasse Traurigkeit.

Und gleichzeitig erhob sich das Kleine Ich und lächelte sie an.

Ach – war das süß, dieses Lächeln …

Die Alte Kaiserin hätte nun gesagt – Papperlapapp, Kinderkram …

Aber die Alte Kaiserin gibt es nicht mehr.

Ohne ihre voluminösen Machtkleider ist sie machtlos.

Und sie erkannte das Kleine Ich.

Das kleine Mädchen von damals.

Die keine Ameise zertreten wollte.

Die sich über das Erblühen jeder Blume freute und wie ein Wunder begrüßte. 

Das Kleine Ich ist die Freude.

Das Kleine Ich freut sich darüber dass sie ist. Einfach so.

Sie freut sich dass sie am Morgen aufsteht.

Sie freut sich am Abend aufs Einschlafen und ihre Träume.

Sie freut sich über jede Blume, jede Biene / über den Schnee auf dem Dach und die langen Eiszapfen.

Sie freut sich über ihr einziges Kleidchen und ihren warmen Pyjama.

Sie freut sich über jeden Menschen dem sie begegnet und begrüßt ihn mit strahlenden Augen.

So ist das Kleine Ich.

Und die alte Göttin, die dunkle Kali, steckt ihre abgeschlagenen Schädel und gebrochenen Herzen weg und wird zur Erneuerin.

Und die goldene Göttin Aphrodite, die das Lächeln so liebt, zeigt sich und streut Blüten auf ihren Weg.

Jahrelang hatte das Kleine Ich darauf gewartet. Sehnsüchtig.

Und sie strahlte und war voll Freude, als sie sich zum ersten Mal der alten Kaiserin zeigte.

Und die Alte Kaiserin – ihr wisst schon – tränennasse – nein, diesmal nicht Traurigkeit, – sondern tränennasse Freude!

Das Kleine Ich umarmte sie und drückte sie an ihr kleines Herz, das auf einmal so groß war, dass die Alte Kaiserin darin Platz hatte und sie sich ganz warm, geliebt und aufgehoben fühlte.

Das Kleine Ich nahm sie an der Hand und führte sie hinaus ins Freie.

Dunkel war es bereits. Die ersten Sterne am Himmel.

Und kalt war es. Klirrend kalt.

Doch die Alte Kaiserin spürte diese Kälte nicht an der Hand des Kleinen Ich.

Und die alte Kaiserin erinnerte sich, dass ihre Großmutter, die vor ihr eine strenge Kaiserin gewesen war, gesagt hatte, wenn sie einmal gestorben sei, werde sie ein Stern am Himmel sein und die alte Kaiserin, die damals noch das Kleine Ich war, werde sie immer sehen können, wenn sie nachts in den Himmel schaue.

Und als die Alte Kaiserin an der Hand des Kleinen Ich in den Himmel schaut, sieht sie auf einmal einen Stern blinken, und er hört nicht auf zu blinken und wird immer größer.

Ja, Großmutter, sagt sie, jetzt wird alles gut …

Ach du meine Güte -, sagt die Alte Kaiserin zum Kleinen Ich – ich dachte ich wüsste alles über das Leben und jetzt merke ich, dass ich nichts weiß. Sie zwinkert dem Kleinen Ich zu und sagt, – und jetzt werde ich nicht schon wieder die Schlaumeierin sein und sagen, wer das gesagt hat …

Ich bin die Alte Kaiserin, – denn das war ein Teil meines Lebens.

Ich bin aber auch das Kleine Ich das ich einmal war und jetzt wieder sein werde. Und gemeinsam werden wir – so wie damals – am Fenster stehen und auf das Christkind warten. Nur, – wenn sich die Tür öffnet, werde ich nicht auf die Knie fallen und auf den Knien zum Christbaum rutschen so wie damals, – das halten meine alten Knie nicht aus.

Und die Alte Kaiserin und das Kleine Ich zwinkern sich zu und lachen aus vollem Herzen. Gemeinsam.

Bild: Die Sternennacht von Vincen van Gogh

Mein Sterben gehört mir! Und basta!

In Österreich wurde eine Klage beim Verfassungsgerichtshof eingereicht. Zwei Erkrankte, ein Gesunder und ein Mediziner bekämpfen das Verbot der Sterbehilfe.

Da ich mit jedem Gedanken und jedem Satz übereinstimme, bringe ich hier Auszüge aus dem Artikel von Egyd Gstättner, österr. Schriftsteller und Essayist.

Er schreibt mir aus dem Herzen:

„Es ist viele Jahre her, dass der Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch Selbstmord begangen hat, indem er im Krankenhaus aus dem Fenster seines Zimmers im fünften Stock gesprungen ist, weil er unheilbar krank seine grässlichen Schmerzen nicht mehr ertragen konnte und ihm niemand dabei helfen konnte, wollte, durfte, das Unerträgliche loszuwerden und das unvermeidliche Ende in Würde selbst zu bestimmen. Damals schon habe ich in dieser kontroversiellen Debatte publizistisch für aktive Sterbehilfe plädiert. (…)

Wie viele haben nach Ludwig Hirsch „schlecht sterben“ (Thomas Mann) und ihre gesetzliche Martyriumspflicht erfüllen müssen! Aber anderen – völlig einerlei, ob jung, alt, krank oder gesund – eine Existenzpflicht vorzuschreiben ist ungeheuerlich! Mein Sterben gehört mir! Basta! Ich will Herr über meinen Tod sein, nicht umgekehrt. (…)

Der Verweis auf die Euthanasieverbrechen der Nazis hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun. Und wenn man ein Gesetz ablehnt mit dem Argument, es könnte verletzt oder missbraucht werden – dann brauchte man gar keine Gesetze mehr! (…)

Ich möchte weder „an der Hand“ noch „durch die Hand“ eines anderen sterben – sondern durch meine eigene Hand, die aber keine Waffe, sondern eine Finalkapsel oder Paradiespille oder ein Glas Zaubertrank hält, der einen schmerzlosen, gewaltfreien, selbst gemachten Tod verursacht. Diese Utensilien möchte ich (samt Beipackzettel und Gebrauchsanleitung) kaufen dürfen. Und selbst wenn ich dafür keine medizinischen, sondern philosophische oder persönliche Gründe habe: Ich werde mir dafür von keiner Kommission der Welt „grünes Licht“ geben lassen, wenn ich heim zu Friedell, Zweig, Améry, Marai, Kleist, Hemingway und vielen anderen gehen will. Das ist meine Sache.

Und aus dem Elend befreien können wir nur selbst. Selbsttod statt Selbstmord. Legales Selbsteinschlafen statt illegalem Selbstgemetzel. Oder noch poetischer: Selbstsegnung des Zeitlichen! Ich möchte, wenn es so weit ist, eine schöne Leiche hinterlassen. Und einen schönen Leichnam.“

Ende des Artikels.

Ja! Selbsttod – Selbstsegnung des Zeitlichen!

Wie anders hört sich das an und liest sich das.

Die Aussicht auf die „Selbstsegnung des Zeitlichen“ macht gleich ein fröhliches und entspanntes Leben!

PS: Ich habe keinen Glauben, dass ich zu irgendwem heimgehe. Doch wenn es so wäre, würde ich gerne zu meinen Lieben gehen und zu Sappho, Diotima aus Mantineia, Aspasia von Milet, Heloisa, Else Lasker-Schüler, Lou Andreas-Salomé, Marlen Haushofer, Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker und vielen anderen – eine Weiberrunde, die sich gewaschen hat …..

Was hätten wir Spaß!

Info:

Artikel „Mein Sterben gehört mir! Und basta!“ von Egyd Gstättner, in der Zeitschrift „Die Presse“ vom 8. Oktober 2020.

Foto: Monika Krampl

Ludwig Hirsch: Komm großer schwarzer Vogel