Medea geht in Pension

Medea schaut hin.

Medea spricht aus.

Medea ruft und mahnt.

Covid-19 bringt zum Vorschein, was schon lange nicht mehr passt.

Wenn man denn hinschauen möchte.

Und Medea macht dies. Medea ärgert sich. Schon lange. Und wenn Medea sich ärgert kann ihr Zorn sehr groß werden. Dazu kommt Enttäuschung, ja eine Ernüchterung, und schlussendlich Resignation.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verliert Medea ihren Optimismus.

Ihr Optimismus, dass, wenn sie nochmals und nochmals darauf hinweist, wenn sie noch ein Projekt startet, Menschen nicht nur in Erkenntnisresonanz mitschwingen, sondern dass ihre Worte auch endlich Handlungsresonanz erzeugen.

Medea akzeptiert, dass es nicht so ist.

Medea akzeptiert, dass es so ist wie es ist.

Medea ist zornig. Hätte sie Blitze wie Zeus zur Verfügung, sie würde sie schleudern.

Wenn sie immer wieder zu hören bekommt, dass sie so privilegiert sei, da sie doch eine Pension erhalte. Damit wird begründet, dass sie – im Gegensatz zu der Person selbst oder vielen anderen – Zeit habe, um nachzudenken.

Nein, faucht sie, das ist kein Privileg.

Wenn jemand 40 Jahre lang gearbeitet und Pensionsbeiträge einbezahlt hat, dann ist es kein Privileg die Pension auch zu erhalten, sondern ein gutes Recht. Punkt.

Medea hört und schaut sich keine Nachrichten mehr an. Die Endlosschleifen der Riege von Regierungsmitgliedern und unzähligen Experten, die sich in täglichen Zahlenkolonnen und nichts sagenden Worten wiederholen. Obwohl sie es im Großen und Ganzen gut hingekriegt haben. Das muss sogar Medea ihnen lassen.

Wo sind die Frauen? – fragt sie. Der Virus macht sichtbar wer die Macht hat. Hört sie nicht immer wieder, dass in Krisen nach dem Vater gefragt werde? Sie sieht Hera vor sich, wie sie wütend aufstampft und Zeus zur Rede stellt: „Spielst du dich jetzt wieder als großen Retter auf, nachdem du alles verbockt hast, du alter Ziegenbock!“ Fast muss sie lächeln. Aber nur fast.

Ja, sie sorgen sich, die männlichen Mächtigen. Sie sorgen sich um das Volk, die einsam und ängstlich seien, – sagen sie. Man müsse sie doch beschäftigen, bevor sie auf dumme Gedanken kommen, – denken sie.

„Gebt dem Volk Brot und Spiele“ – sie erinnert sich an Julius Cäsar, der sich damit nicht nur die Stimmen bei den Wahlen sicherte, sondern das Volk auch ablenkte, damit sie keine Aufstände starteten.

Wie sich doch alles wiederholt, denkt sie, und schon lange weiß sie, dass die Unterhaltungs-Industrie nicht nur aus ökonomischem, sondern auch aus taktischem Kalkül gefördert wird. Ablenkung von den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen, nach wie vor.

Nur 100 Jahre haben Menschen gebraucht, die Natur, und damit auch in absehbarer Zeit sich selbst, zu zerstören. Die Industrialisierung und die „Spiele“ der letzten 50 Jahre, bedeuten Raubbau der Ressourcen und Umweltzerstörung in einem Ausmaß, dass die Klimakatastrophe unausweichlich ist. Wissen sie es? Ja. Tun sie etwas? Nein.

Wenn Medea nicht wüsste, dass Zeus, das Schlitzohr, sofort etwas dafür verlangen würde, würde sie ihn um einen seiner Blitze bitten, um sie auf die jetzt ruhenden Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zu werfen. Sollen sie doch mit dem Steuergeld der Menschen gerettet werden, damit diese dann in der Umweltkatastrophe untergehen, – das ist mehr als ein Shakespearsches Drama – die Lemminge stehen vor der Klippe …

Ja, es gibt sie, diejenigen, um die man sich sorgen muss. Diejenigen, die mit ihren Ängsten und Sorgen um ihre Existenz nicht zurechtkommen, weil sie übersehen werden, von der Politik missachtet werden.

Ja, es gibt sie, diejenigen, die ihre Existenz verlieren. Sie darf gar nicht daran denken, welch Hohn es bedeutet, dass die Menschen, die in den so genannten „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, jetzt mit einer geringen Bonuszahlung abgespeist werden sollen, anstatt ihre Gehälter auf Dauer zu erhöhen.

Ja, die gibt es alle – und Medea weint, es zerreißt ihr das Herz, wenn sie sieht wie wenig für diese Menschen wirklich und anhaltend gesorgt wird.

Jedoch es gibt auch die, die sich keine Sorgen machen müssen, und die nun endlich Zeit haben – die sich erholende Natur zu genießen, die Ruhe und Stille – endlich ist dieser Geschwindigkeitsrausch / die Geschwindigkeitssucht / die immer Mehr-, Weiter-, Höher-Sucht zu Ende – zu Ende? Ist sie das? Oder ruht sie nur. Und dann geht es so weiter wie gehabt?

Zurück zur „Normalität“?

Niemand, auch nicht die Medien, machen darauf aufmerksam, dass jetzt viel Zeit vorhanden wäre, um umzudenken und Veränderung anzudenken, damit nicht die Normalität – nach der sich offensichtlich so viele sehnen – weitergeht. Wobei gar nicht so viel nachgedacht werden müsste, denn es gibt bereits einige probate Lösungsvorschläge. Nur sehen wollen muss man.

Daran zu denken, dass uns diese Normalität genau dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind – wie oft schon hat sie darauf aufmerksam gemacht. Sie ist es endgültig leid.  

Und trotzdem sieht sie auch, dass so manche „frisch Gekündigte und Unternehmen während der Schließung“ nachdenken – ein Automechaniker, der seine Werkstatt verkleinert, weil er merkt, dass er keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein Unternehmer, der vorhat, jetzt endlich seinen Betrieb auf Gemeinwohl-Ökonomie umzustellen.

Sie haben nachgedacht. Doch es sind zu wenige. Viel zu wenige.

Wenn Politiker*innen Menschen nicht zutrauen, dass sie denken können – vielleicht genau so gut oder schlecht wie sie selbst – haben sie Angst, dass sich etwas verändern könnte. Dass sie ihre, doch nur so kurz andauernde Macht, verlieren könnten.

Ja, so ist es. Medea, denkt an die Geschichte der Menschheit und nickt.

Erlebt sie doch täglich, wenn sie versucht, mit Menschen über mögliche Veränderungen zu sprechen, dass sofort und auf der Stelle Widerspruch kommt. Aber das geht doch nicht / das wollen „die“ sicher nicht / das wird nicht funktionieren/ etc. etc. – hört sie. Kein Nachfragen, wie soll das gehen / wie meinst du das – nein, sofort – das geht nicht.

Resignation breitet sich immer mehr aus in ihr. Dann bleibt in eurem Leben und lamentiert und schimpft weiter dahin – denkt sie.

Und – nein, so will ich nicht leben.

40 Jahre lang hat sie sich in der Frauenbewegung engagiert.

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männderbündelei und Weiblichkeitswahn.“

hörte sie von „der Dohnal“. Von 1990 – 1995 war Dohnal die 1. Frauenministerin Österreichs. Und sie schöpfte Hoffnung. Wie hoffnungsfroh waren sie damals in der Frauenbewegung – in einer ungestümen Aufbruchsstimmung! Alles vorbei.

Seit einigen Jahren wird die Rückwärtsbewegung immer sichtbarer und jetzt gibt es eine Frauenministerin, die immer wieder vehement betont, dass sie keine Feministin sei. Irgendetwas hat sie da nicht verstanden.

Vor 13 Jahren war Medea Gründungsmitglied der „Initiative Zivilgesellschaft“. Sie hat sich verabschiedet. Es wurden und werden keine  gesellschaftspolisch relevanten Veränderungen durch diese Bewegung, die Medea nicht mehr als bewegt empfindet, gestartet.

Vor ca. 15 Jahren hatte sie gemeinsam mit einem Freund zu einem Vortrag über das Bedingungslose Grundeinkommen geladen. Nach dem Vortrag saßen sie mit einigen Interessierten an einem der Runden Tische beim Chinesen. Dort gründete sich dann der „Runde Tisch Grundeinkommen“.

Die Idee des Grundeinkommens in den verschiedensten Ausformungen und Namen gibt es schon sehr lange. Nächstes Jahr soll noch einmal ein Volksbegehren gestartet werden.

„Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

Medea hat sich von allen Initiativen und Bewegungen verabschiedet.

Wer wird sie sein, die 70-jährige Frau, die Medea in Pension schickt?

Zwei wichtige Rollen ihres Lebens – die Psychotherapeutin und Medea – ausgespielt / zu Ende gespielt.

Wer wird sie dann sein?

Bereits im Jänner dieses Jahres schrieb sie in ihrem Blog:

„ … Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt

aus dir heraus,

und siehe da:

der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

…“

Der Pfad begann sich damals bereits abzuzeichnen, und manchmal braucht es seine Zeit, bis es einem bewusst wird, dass es noch weiter und weiter geht. Bis man eines Tages merkt – ja, jetzt ist man angekommen, im neuen Leben.

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem – wieder einmal – alles neu beginnt.

JETZT

Foto: Monika Krampl, Baden, Juni 2016

Die Frage nach dem guten Leben – ein Luxus?

Gestern fragte mich ein Freund, womit sich meiner Meinung nach die Menschen JETZT beschäftigen sollten. Ich sagte, dass JETZT die Zeit wäre – weil viel Zeit vorhanden ist -, sich mit den Fragen „wie wollen wir leben?“ und „was ist für mich ein gutes Leben?“ zu beschäftigen.

Worauf er meinte, dass wir beide privilegiert seien, da unsere Existenz gesichert sei – er habe einen Job und ich erhalte die Pension.

Dies seien Fragen für Privilegierte – also Luxus.

Dem widerspreche ich.

Österreich ist im weltweiten Wohlstandsranking auf Rang 10 (2018)!

Sollte es in einem so reichen Land nicht möglich sein, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen?

Der Widerspruch zum Thema Arbeit:

Ja, JETZT, da so viele Menschen arbeitslos geworden sind, ist es ein Privileg, Arbeit zu haben. Das ist so.

Tatsache ist jedoch auch:

In der 2014 ermittelten Beschäftigungsqualität, welche aus den drei Dimensionen „Qualität des Arbeitsplatzes, Einkommenshöhe und -ungleichheit sowie aus dem Arbeitsumfeld“ besteht, schneidet Österreich mittelgut ab – es liegt auf dem bescheidenen 27. Rang von 32 erfassten OECD-Ländern. In den Empfehlungen der OECD für unser „viel gerühmtes“ Land wird hervorgehoben, dass das Arbeitsumfeld in Zukunft verbessert werden muss, um erhöhten Burnout-Raten und anderen stressbedingten physischen und psychischen Krankheiten vorzubeugen.

Psychische Erkrankungen steigen rapide an!

Über 30 Prozent der Beschäftigten gehen krank zur Arbeit!

Die geringe Bezahlung für die so genannten systemerhaltenden Arbeiten ist seit Jahrzehnten bekannt. JETZT, in dieser Notsituation, wird dies endlich öffentlich und vor allem auch auf politischer Ebene, anerkannt.

Der Widerspruch zum Thema Pension:

Wenn Menschen 40 Jahre lang ihre Pensionsbeiträge bezahlen, halte ich es für kein Privileg diese Pension dann auch zu erhalten.

Was wäre notwendig?  

Was sind die Grundbedingungen für ein „gutes Leben“?

* Die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens und damit eine Existenzsicherung:

Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“

(Definition: Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt)

* Eine Arbeitszeitverkürzung, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Schaffung von neuen, umweltfreundlichen und – unterstützenden Jobs. Ob eine Klimakatastrophe noch aufhaltbar ist, bezweifle ich. Ist sie doch bereits in Gang.

Mit diesen beiden Maßnahmen wäre die höchst notwendige Umverteilung des Steuervermögens und der Arbeit möglich.

Die Frage „wie will ich leben?“ kann Jede*r für sich selbst beantworten.

Wie wohl einige Menschen JETZT in der Zeit der „verordneten Ruhe“ feststellen werden: freie ZEIT ist Luxus.

Mut und Zuversicht für alle

Veränderung / Wenn die Wirtschaft still steht / Vom Haben zum Sein / Corona

Veränderung

Ich habe zwei Mal in meinem Leben ein behagliches und gesichertes Leben verlassen, und mich damit einer Ungewissheit ausgesetzt. Ich wusste – so kann / so will ich nicht mehr leben. Doch – wie ich leben wollte, wusste ich noch nicht.

„Was konnte, was sollte man mit all der Zeit anfangen, die nun vor uns lag, offen und ungeformt, federleicht in ihrer Freiheit und bleischwer in ihrer Ungewissheit?“

(Pascal Mercier)

Ja, ich wusste nicht, was ich plötzlich mit all dieser Freiheit anfangen sollte. Wie ich meinen Tag gestalten sollte. Frei ohne Zwänge von außen, die mir vorgaben wie ich zu leben hatte.

Und doch – zwischendurch fühlte ich das Lüftchen der Freiheit um meine Nase wehen.

Ja, die Ungewissheit lastete bleischwer auf mir, weil ich nicht wusste, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreiten sollte. Ob ich jemals wieder Geld verdienen würde, um gut leben zu können.

Und doch – zwischendurch fühlte ich das Lüftchen der Freiheit um meine Nase wehen.

Macht es einen Unterschied aus, ob diese Veränderung nun freiwillig initiiert geschieht oder von Außen geschaffen wird? Ich weiß es nicht.

Von der bleischweren Ungewissheit her gibt es, denke ich, keinen Unterschied. Und ich hoffe – ich wünsche es mir sehr – dass so manche / nein, viele Menschen / doch zwischendurch das Lüftchen der Freiheit schnuppern.

Wenn die Wirtschaft still steht

Wenn das Glück der Menschen im Kaufen und Haben liegt, dann muss es „der Wirtschaft“ gut gehen. „Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es den Menschen gut“ – plärrt / brüllt / donnert / es aus allen Medien. Immer wieder.

Eine magische Formel, die immer wieder wiederholt werden muss, damit es alle für wahr halten.

Nein, so ist es nicht.

Schon lange ist es so, dass es „der Wirtschaft“ gut gehen muss – damit es „der Wirtschaft“ gut geht. Denn „die Wirtschaft“ verschlingt mittlerweile ihre Söhne und Töchter, weil sie immer mehr will – für sich. Die Wirtschaft als Nimmersatt. Immer mehr / immer größer / immer mehr Geld und Besitz – für einige wenige / sehr wenige Söhne und Töchter.

Die Frage der Mehrheit der Söhne und Töchter sollte nun sein:

Was braucht es zu einem guten Leben?

Vielleicht relativiert sich die Sicht gerade etwas – mehr Freiheit / mehr Zeit für gute Beziehungen / mehr Zeit um sich um gute Ernährungsmöglichkeiten zu kümmern / mehr Zeit um ein gutes Buch zu lesen / mehr Zeit ….

Falls die Existenz gesichert ist, kann man sich diese Fragen stellen.

Ansonsten stellen sich existenzielle Fragen.

Was braucht es zu einem guten Leben?

Grundlegend ist daher eine Existenzsicherung, von der alles andere abhängt.

„Das Bedingungslose Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“ *)

Existenzsichernd laut BGE bedeutet, die zur Verfügung gestellte Summe soll ein bescheidenes, aber dem Standard der  Gesellschaft entsprechendes Leben, die Teilhabe an allem, was in dieser Gesellschaft zu einem normalen Leben gehört, ermöglichen.

Ich empfinde tiefes Mitgefühl mit den Menschen, die jetzt ihre Existenz verlieren. Hätte ich jetzt noch meine Mietwohnung und meine (leere) Praxis, und würde die Situation länger als zwei Monate dauern, müsste ich alles aufgeben. Trotzdem weiß ich, dass ich keine Ängste hätte, weil ich die Situation bereits kenne. Und weil ich weiß – aus Erfahrung weiß – dass es immer weiter geht / „anders“ weiter geht. Weil ich einen Kopf habe zum Denken und zwei Hände zu arbeiten – weil ich Mut habe.

Und diesen Mut und auch Zuversicht – die vielleicht zeitweise immer mal verschwinden wird, aber auch immer wieder auftaucht – wünsche ich allen, die jetzt in dieser Situation sind.

Kaufen als Zeitvertreib

Ich empfinde kein Mitgefühl mit den Menschen, die sich nicht mehr das neuerste Smartphone, den größten Fernseher, den stärksten SUV, die angesagtesten Klamotten, die nächste Kreuzfahrt etc. leisten können.

Ich empfinde kein Mitgefühl mit den Menschen, deren Zeitvertreib es ist, täglich durch die Einkaufszentren – die „Tempel des Konsums und der Wirtschaft“ zu schlendern, um zu konsumieren und zu kaufen, zu kaufen, zu kaufen, zu kaufen …

Was ich mir wünsche

Für alle Menschen wünsche ich mir das Grundeinkommen, damit sie sich, weil ihre Existenz gesichert ist, in Ruhe entscheiden können, was sie machen möchten. Und keine Angst haben müssen, wenn etwas nicht klappt.

Und – keine Angst, es gibt nur sehr wenige Menschen, die nichts tun wollen. Diejenigen tun das jetzt auch schon. Das hält unsere Gesellschaft aus. Und wenn es sie glücklich macht oder sie nicht anders können, haben sie ein Recht darauf, nichts zu tun. Die Mehrheit der Menschen jedoch möchte etwas tun.

Vom Haben zum Sein

Eine Möglichkeit die sich auftut.

Jetzt.

Vom Haben zum Sein – entlehnt aus dem Buchtitel Erich Fromms: „Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“.

1976 ist dieses Buch erschienen, seit 1990 steht es in meinem Bücherregal. In diesem Buch steht eigentlich alles was notwendig ist, um ein gutes Leben zu führen – seit 1976! Und auf vieles davon wurde bereits ein Jahrhundert früher hingewiesen, wenn ich z.B. an Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson denke.

Ich möchte hier nur auf einige wenige Punkte hinweisen, die, wie Fromm es formuliert, notwendig für den „neuen Menschen“ seien:

  • die Bereitschaft, alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein
  • Sicherheit, Identitätserleben und Selbstvertrauen, basierend auf dem Glauben an das was man ist, statt des Verlangens zu haben, zu besitzen und die Welt zu beherrschen
  • Freude aus dem Geben und Teilen, nicht aus dem Horten und der Ausbeutung anderer schöpfen
  • sich eins zu fühlen mit allem Lebendigen und daher das Ziel aufzugeben, die Natur zu erobern, zu unterwerfen, sie auszubeuten, zu vergewaltigen und zu zerstören, und statt dessen zu versuchen, sie zu verstehen und mit ihr zu kooperieren

Ich habe jetzt nur diese vier Punkte aus den zwei Seiten an Notwendigkeiten des Seins angeführt. Es ist lesenswert. Noch immer und immer wieder.

Um noch einmal auf das Thema Wirtschaft einzugehen, schreibt Fromm: „Der erste entscheidende Schritt auf dieses Ziel hin (eine gesunde Wirtschaft) ist die Ausrichtung der Produktion auf einen „gesunden und vernünftigen Konsum“

Und weiter:

„Gesunder und vernünftiger Konsum ist nur möglich, wenn wir das Recht der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion ausschließlich vom Standpunkt des Profits und Wachstums zu entscheiden, drastisch einschränken.“

Das alles wissen wir.

Wird es uns möglich sein, dies zu ändern?

Jetzt.

Wird es der Wille der Politik sein, dies zu ändern?

Jetzt.

Wir können jetzt sehen, was alles möglich ist, wenn die Politik will / muss.   

Corona

Nun als Abschluss doch noch einige wenige Worte zu Corona. Der Worte gibt es ja täglich / stündlich viele, jetzt in diesen schwierigen Tagen.

Über 13.000 Tote gibt es weltweit – höre ich heute in den Nachrichten.

Ich denke an den Klimawandel, die Umweltkatastrophen, die es weltweit geben wird / bereits gibt; Inseln, die im Meer verschwinden, etc. etc.

Und ich denke an die Millionen von Menschen, die ihre Lebensgrundlage verlieren und sterben werden.

Der Klimawandel steht vor der Tür und hat mit den zunehmenden Klimakatastrophen bereits einen Fuß in der Tür. Es wurde bis jetzt nichts unternommen.

Nun ist Corona zur Tür hereingekommen – und es wird reagiert. Und das ist gut so. Denn jeder tote Mensch ist einer zu viel.

Wir leben in einer Burnout-Situation der Welt. Nicht nur den Menschen ist alles zu viel, auch der Natur – sind wir doch ein Teil der Natur. Das wird vielfach vergessen.

Wir Menschen sind ein Teil der Natur.

Die magische Formel sollte lauten: Geht es der Natur gut, geht es den Menschen gut.

Wir muten uns zu viel zu / veraltete Strukturen / Überreizung der Systeme – viele Menschen sind nur mehr gereizt / wir vergiften uns selbst und unsere Umwelt / Kraftlosigkeit und Erschöpfung breitet sich aus …

Muss erst wieder die Katastrophe – der Kollaps – bei der Tür herinnen sein, bevor reagiert wird?

Ich befürchte, dass es dann zu spät sein könnte.

Deshalb hoffe ich auf einen Wandel / eine Veränderung der Menschen und vor allem auch der Politik.

Mut und Zuversicht für alle

Infos:

*) Das Bedingungslose Grundeinkommen ist

> allgemein: alle BürgerInnen, alle BewohnerInnen des betreffenden Landes müssen tatsächlich in den Genuss dieser Leistung kommen;

> existenzsichernd: die zur Verfügung gestellte Summe soll ein bescheidenes, aber dem Standard der  Gesellschaft entsprechendes Leben, die Teilhabe an allem, was in dieser Gesellschaft zu einem normalen Leben gehört, ermöglichen;

> personenbezogen: jede Frau, jeder Mann, jedes Kind hat ein Recht auf Grundeinkommen. Nur so können Kontrollen im persönlichen Bereich vermieden werden und die Freiheit persönlicher Entscheidungen gewahrt bleiben;

> bedingungslos soll das von uns geforderte Grundeinkommen deshalb sein, weil wir in einem Grundeinkommen ein BürgerInnenrecht sehen, das nicht von Bedingungen (Arbeitszwang Verpflichtung zu gemeinnütziger Tätigkeit geschlechter-rollenkonformes Verhalten etc) abhängig gemacht werden kann.

das bedeutet:
> Arbeits-unabhängig: mit Grundeinkommen ist weder eine Kontrolle unbezahlter Arbeit, noch eine Verpflichtung zur Erwerbsarbeit verbunden. Die ethische Verpflichtung zu sinnvoller Tätigkeit ist damit nicht aufgehoben, gleichzeitig soll deutlich werden, dass Arbeit nicht einfach mit Erwerbstätigkeit gleichgesetzt werden kann;
> ohne Armutsfalle: Leistung drückt sich keineswegs nur in Geldeinkommen aus. Trotzdem soll Grundeinkommen so gestaltet sein, dass jedes zusätzliche Einkommen das verfügbare Einkommen erhöht;
> demokratisch: die Inanspruchnahme von Grundeinkommen darf nicht diskriminierend sein, deshalb >> müssen es alle Mitglieder der Gesellschaft bekommen.  

http://www.grundeinkommen.at/basicincome/index.php/grundeinkommen

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Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

Corpus Delicti von Juli Zeh

Buch Corpus Delicti Juli Zeh

Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet.

Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat.

Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll.

Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert.

Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität definiert.

Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf Zirkelschlüsse stützt.

Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet.

Ich entziehe einer Philosophie das Vertrauen, die vorgibt, dass die Auseinandersetzung mit existentiellen Problemen beendet sei.

Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen und sich lieber an „funktioniert“ oder „funktioniert nicht“ hält.

Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat.

Ich entziehe einer Methode das Vertrauen, die lieber der DANN eines Menschen als seinen Worten glaubt.

Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht.

Ich entziehe dem persönlichen Wohl das Vertrauen, solange es nicht weiter als eine Variation auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ist.

Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt.

Ich entziehe einer Wissenschaft das Vertrauen, die behauptet, dass es keinen freien Willen gebe.

Ich entziehe der Liebe das Vertrauen, die sich für das Produkt eines immunologischen Optimierungsvorgangs hält.

Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus „Verletzungsgefahr“ und ein Haustier „Ansteckungsrisiko“ nennen.

Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.

Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: „Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.“

 

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess, Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Main, S. 186.

 

Juli Zeh entwirft in Corpus Delicti das spannende Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur irgendwann im 21. Jahrhundert. Sie zeichnet ein System, das alle und alles kontrolliert. Gesundheit ist zur höchsten Bürgerpflicht geworden. Die „Methode“ verlangt ein festes Sportpensum ebenso wie die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten. Buchstäblich über den jeden Schritt seiner Bürger ist dieser Staat informiert.

Corpus Delicti handelt von höchst aktuellen Fragen: Wie weit kann und wird der Staat individuelle Recht einschränken? Gibt es ein Recht des Einzelnen auf Widerstand?

 

 

Gedanken über Macht und Liebe

Macht und Liebe

Wenn es keine Gleichheit gibt

keine Gleichheit auf Augenhöhe

keinen Respekt Anderen gegenüber

kein Miteinander

 

Dann gibt es

Überlegene und Unterlegene

und damit es Überlegene gibt

muss auf die Unterlegenen

so lange hingetreten werden

bis sie klein werden

um selbst

der Größere und Bessere zu sein

 

Welche Kleinheit

steht dahinter

Andere kleiner machen zu müssen

damit man selbst größer wird

 

Welche Angst

vor Minderwertigkeit

steht dahinter

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Ich kann die Augen nicht verschließen

was alles ausgelöst wird

durch die machtlose Macht

der Mächtigen

 

Warum ich es als

machtlose Macht bezeichne?

Weil nur liebevoll und respektvoll

eingesetzte Macht

keine Machtbeweise braucht

 

Weil nur die Liebe allmächtig ist

Weil nur die Liebe dem Leben Sinn gibt

Weil nur die Liebe verbindet

 

Liebe lässt andere wachsen

Und unterstützt ihr Wachstum

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Liebe ist das Ja zur Zugehörigkeit und Verbundenheit

(David Steindl-Rast)