Ich lache – ich lasse los – ich lebe

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Ein Nachwort zum Essay „Mein Alter und ich“

Ich freue mich darüber, wie viele Menschen in Resonanz gehen mit meinem Erleben. Besonders freue ich mich auch über die ausgesprochene Wertschätzung und Dankbarkeit dafür, dass ich auch die Unsicherheiten / Ängste / Enttäuschungen an- und ausspreche, die mit dem Älterwerden verbunden sind.

Der einzige Halt liegt
im Loslassen
und in der Veränderung

Das Ja zu sich selbst – und zwar wie man ist / nicht wie man sein möchte.

Andernfalls lügt man sich selbst in die eigene Tasche.

Ein Irrtum ist, dass es nicht da ist, wenn ich mir etwas nicht eingestehe / es verdränge.

 

Verdrängtes sucht sich immer seinen Weg.

Ehrlichkeit mit sich selbst führt zu Wahrnehmung und Veränderung.

 

Im September 2016 schriebe ich in meinem Blog mit dem Titel „Das Leben lebendig leben. Über das Loslassen“: Wenn etwas zu Ende geht, entsteht ein leerer Raum, der sich vielleicht nicht gleich füllt, weil das Neue noch nicht da ist. Eine Wartezeit …

Jedoch – alles was nicht mehr passt, bindet Energie und Loslassen setzt Energie frei für Neues.

Rückzug

Meine Art mit anstehenden Veränderungen umzugehen / mich zu besinnen / ist Rückzug. Immer schon. Aber nicht immer ist das der Grund für meinen Rückzug. Es gibt auch den spirituellen Grund, um mit meinem Innersten, und darüber hinaus mit dem „Nichts und Alleinssein“ in Kontakt zu kommen und zu bleiben. (Siehe meinen Blog „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete).

Mein großes Erwachen kam mit 32 Jahren nach einer dreimonatigen Rucksackreise durch Indien. Nach dem Heimkommen begann ich mich zu fragen, was ich da eigentlich mache in meinem Leben. Mit dieser Frage begann mein erster Rückzug in meinem Leben. Und danach blieb kein Stein auf dem anderen – die Beendigung einer Ehe und die Aufgabe einer erfolgreichen Laufbahn in einem Führungsjob. Ich begann eine zweite Berufsausbildung und machte mich selbständig.

Einige fragten mich, wie ich das genau mache – das Hinschauen auf mein Leben.

Nun – ich zähle auf / mache sozusagen „Negativ- und Positiv-Listen“. Wobei ich die Bezeichnungen negativ und positiv nicht so gern habe und nicht verwende.

Ich bezeichne es als – die dunkle und die helle Seite.

 

Negativ bedeutet zumeist, dass uns etwas nicht gefällt und/oder dass wir etwas nicht haben wollen. Es geht aber um Akzeptanz, dass es da ist und das Annehmen. Deshalb dunkle und helle Seite. Ich nehme beide an – die dunkle genauso wie die helle Seite.

Wenn ich mir nicht genau ansehe, was es da zum Loslassen gibt, wie könnte ich dann Loslassen. Ich kenne es ja gar nicht.

 

Indem ich es mir ganz klar bewusst mache, beginnt es sich bereits aufzulösen.

Wenn ich es ausspreche, verliert es seine Macht über mich.

Das Skurrile dabei ist: Wenn ich etwas annehme, kann ich es auch loslassen.

 

Ich nehme meine Traurigkeit / Enttäuschung / Zorn / Hoffnungslosigkeit an – lasse mich ganz hineinfallen – drücke sie an mein Herz – und lasse sie los …

Was diese Besinnung / Betrachtung erfordert, ist – sich Zeit zu nehmen. Zeit für sich selbst. Damit stellt sich auch die Frage – wie wichtig bin ich mir? Wer und was hat Priorität in meinem Leben? Bin ich es, oder sind es andere – Menschen / Beruf / Dinge …

 

Sich gut in seinem Leben einzurichten bedeutet,

sich Zeit für sich selbst zu nehmen.

Sich selbst zur Priorität im eigenen Leben zu machen.

 

Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit – gut für sich selbst sorgen.

Selbst wenn wir in Gemeinschaft (welcher Art auch immer) mit anderen leben kommen wir nur zu einem guten Kompromiss – wenn wir genau wissen was wir wollen und was für uns selbst wichtig ist.

 

Die einzige Ausnahme jemand anderen wichtiger zu nehmen

ist die Verantwortung und liebevolle Fürsorge für ein Kind.

 

Die restlichen Jahre meines Lebens möchte ich mit Menschen zusammen sein mit denen ich es gut habe; etwas tun, was mir gut tut.

Zufriedenheit / beglückende Momente zu erleben und zu lieben.

 

Besonders leicht ist es mit dem Loslassen, wenn wir mit uns selbst im Ein-Klang sind.

Zwei-Klang, oder wie viele Klänge auch immer, genießen – sie aber nicht brauchen.

Mit sich selbst im Ein-Klang

Für sich selbst klingen

Klingt das nicht gut?

 

Als Schlusssatz möchte ich Henning Mankell zitieren: „Wahrheit ist immer provisorisch und veränderbar“. Und damit stimme ich ihm voll zu. Also bleiben wir bei der Wahrheit.

Dies ist meine Wahrheit. Für andere mag sie anders sein.

***********

Eine Empfehlung:

Der von mir sehr geschätzte schwedische Schriftsteller, Krimiautor und Theaterregisseur Henning Mankell, ist 2015 mit 67 Jahren an Krebs verstorben.

Sein Buch „Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein“, in dem er sehr persönlich über sein Leben nach der Diagnose, die er Anfang 2014 erhalten hatte, habe ich gelesen. In einer Kolumne für die Zeitung Göteborgs-Posten schrieb er: „Ich höre Menschen sagen: ‚falls‘ ich sterbe, aber zum Teufel, es heißt ‚wenn‘ ich sterbe – der Tod ist das einzige, dessen wir uns ganz sicher sein können.“ 

Mankell hat sich sowohl als Autor und Regisseur, als auch mit seinem politischen Engagement in seiner zweiten Heimat Afrika viel mit dem Begriff Wahrheit auseinandergesetzt.

In seinem letzten Roman „Die schwedischen Gummistiefel“, der 2016 erschienen ist, schreibt er nachdenklich und in knapper Sprache über das Leben mit der Einsamkeit, die Suche nach Nähe, das Alter und den Tod. In diesem Buch geht es um Lebensbilanzen und um die Erkenntnisse von Wahrheit.

Mankell glaubte aber nie, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Sie sei vielmehr „immer provisorisch und veränderbar“, schloss Mankell im März 2015 das Nachwort seines Buches. Ein halbes Jahr später war er tot.

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Das Alter und ich …

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Wie sich die 50-jährige das Altwerden vorstellte und wie sie die Realität erlebte

 „Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft.

Ich hatte meine Schwierigkeiten damit. Mit dem Satz weniger. Aber mit dem Älterwerden. Etwas widersprüchlich. Aber so war es. Das Älterwerden. Widersprüchlich. Für mich.

Es gibt sie, die Menschen, die kein Problem mit dem Älterwerden haben. Es tut gut, ihnen zuzuhören und zuzusehen. Jedoch – ich gehörte nicht dazu. Nicht immer. Mein Problem hatte aber weniger mit dem Älterwerden, als mit meiner Erwartungshaltung zu tun. Mit einer Erwartungshaltung, die nichts mit meiner Lebens-Realität des Altwerdens zu tun hatte. Darüber möchte ich erzählen.

Ich merkte, dass ich Bilder, die ich mir von meinem eigenen Alter gemacht hatte, loslassen musste.

In meinen Bildern vom Alter war ich immer unverändert unverbraucht, unversehrt, unangreifbar. In meinen Bildern und Vorstellungen, die ich mir im Zeitraum von meinem 40. bis 50. Lebensjahr ausgedacht hatte, ging ich von meinem damaligen Körper aus – meiner scheinbar unendlichen, kraftvollen Energie und meiner Attraktivität. Krankheiten kamen in meinen Bildern schon gar nicht vor.

Nachdem ich mit meiner ersten Berufslaufbahn die Wünsche meiner Eltern erfüllt hatte, begann ich mit 38 Jahren eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Als Berufseinsteigerin in meine Lebens-Berufung als körperorientierte Psychotherapeutin ging ich von der Voraussetzung aus – wenn ich nur alles richtig mache, dann passiert mir nichts. Das „alles“ waren die körpertherapeutischen Übungen (nach Wilhelm Reich, Alexander Lowen etc.).

Mein absoluter Glaube – wenn meine Energieblockaden gelöst sind und meine Energie frei fließen kann, werde ich nicht krank. Das war nicht nur ein Glaube, es war schon fast ein religiöser Eifer. Und es war ein Irrtum.

Lange Zeit war es auch so. Bis auf leisen Sohlen das Alter kam.

Mit meinem 53. Lebensjahr kamen die Wechseljahre in mein Leben. Ich hatte meine letzte Beziehung beendet. Es war keine große Liebe, eher eine Liebelei mit viel Spaß und Verrücktheit. Danach beschloss ich, durch meinen Wechsel alleine durchzugehen. Als ob ich es geahnt hätte, dass ich mich häute und wieder einmal eine ganz andere Frau zum Vorschein kommt. Eine, mit der ich erst einmal Mühe hatte, sie zu akzeptieren.

Wie es begann mit den Realitäten

Realität war – mit meinem 55er begann mein Körper sich zu verändern. Die Haut wurde schlaffer, faltig; die Gesichtszüge, die Brüste und der Bauch begannen nach unten zu sinken.

Es zeigte sich das eine oder andere Wehwehchen. Der Schock meines Lebens war mit 63 Jahren eine lebensbedrohliche Bauchspeicheldrüsenentzündung. Ich verbrachte eine Woche im Krankenhaus. Dabei stellte man fest, dass meine Bauchspeicheldrüse geschädigt ist und ich auf meinen geliebten Rotwein und Schokolade verzichten sollte. Sollte. Mache ich aber nicht immer. Nicht ganz.

In der Folge war auch eine Gallenblasenentfernung notwendig.

Mein erster operativer Eingriff! Entsetzen!

Auch meine Beweglichkeit und Belastbarkeit wurde und wird weniger. Sei dies nun bei Übersiedlungskartons schleppen, der Gartenarbeit, beim Wandern, beim Yoga, beim Nächte um die Ohren schlagen …

Oh Gott, wovon spreche ich denn da? Wann hatte ich mir denn das letzte Mal irgendetwas um die Ohren geschlagen …

Mein Körper, der so lange so gut funktioniert hatte, ließ mich im Stich! Welch eine Enttäuschung.

Realität ist – mit meinem 60er wurde meine Energie weniger. Meine unendlich geglaubten Kräfte schwanden. Ich wurde müde. Schaffte weniger als früher. Machte ein Mittagsschläfchen. Früher unvorstellbar!

Auch mein Schaffensdrang wurde weniger. Ich machte nicht mehr fünf Sachen und Projekte gleichzeitig. Ja, ich habe sogar meine Praxis geschlossen. Hatte ich doch das Bild von mir als 80jähriger Therapeutin – rastlos tätig und agil. Eine Vorstellung, dass ich eines Tages müde der Therapie, den Geschichten und psychischen Störungen der KlientInnen sein könnte, gab es nicht. Auch nicht, dass ich eines Tages die Verantwortung nicht mehr tragen möchte.

Meine Energie, die mir so unendlich erschien, wurde weniger. Welch eine Enttäuschung.

Realität ist – erst selbst entschieden für eine Weile beziehungslos zu sein, ist es mit der Partnersuche nicht mehr so leicht.

Das Tabuthema „Sexualität im Alter“, von dem ich bereits gewusst hatte, betraf mich nun selbst. Es fiel mir immer sehr leicht, Männer kennen zu lernen. Ich war zwei Mal verheiratet, hatte Lebenspartner, Geliebte und One-Night-Stands. Ich habe monogame Beziehungen gelebt und auch Polyamorie-Beziehungen.

Ich dachte nicht, dass ich eines Tages für die Männerwelt unsichtbar werden würde. Dass sich mir nicht mehr alle Blicke zuwenden würden, wenn ich einen Raum betrete. Und wenn, dann nur kurz.

Die selbstverständliche Attraktivität als Frau und Partnerin scheint mit den Jahren verschwunden zu sein. Auch eine Enttäuschung.

Realität ist – ich habe jahrzehntelange im Hier und Jetzt gelebt – was kostet die Welt …

Nur ja nichts Sparen. Doch Jetzt erlaubten mir meine Finanzen nicht, meine Träume, die ich für das Alter hatte, umzusetzen. Meine Träume waren ein Haus in der Toscana und durch die Welt zu reisen. Doch womit denn? Ich dachte nicht daran, dass ich, wenn ich einmal aufhören würde als Therapeutin zu arbeiten, ich von meiner Pension leben muss. War dieses Aufhören doch auch nicht vorgesehen.

Der Geldfluss war versiegt. Welch eine Enttäuschung.

Das Loslassen und die Akzeptanz – es ist, wie es ist – war ein langer Prozess.

Ein notwendiger – um gut im Hier und Jetzt landen zu können.

Ich lebe in einem kleinen Häuschen mit einem großen Garten. Im Haupthaus wohnt mein Sohn. Das ist in Ordnung so.

„Ausgedinge“ nannte man das früher. „Altenwohnsitz“ heute.

In Gehnähe gibt es wunderschöne Badeseen. Ich habe liebevolle und nährende Freundschaften. Liebesbeziehung(en) habe ich keine. Das fehlt, und auch wieder nicht. Denn ich lebe und bin auch sehr gerne alleine.

Männer sind eine eigene Geschichte. Mit älteren Männern kann ich nichts anfangen. Und sie nicht mit mir. Ich sei zu selbständig / brauche zu viel Zeit für mich allein – hörte ich.

Jüngere Männer interessieren mich. Und ich sie auch. In den letzten 35 Jahren war ich mit jüngeren Männern zusammen – ein beidseitiger Gewinn. Um sie kennen zu lernen, muss ich / will ich / wieder mehr hinaus aus meinem Schneckenhaus in die Welt.

Zwar weitaus langsamer und nicht mehr so stürmisch, aber doch …

Ob ich noch an die Liebe glaube? Ja, natürlich!

Falls sie kommt, freue ich mich! Sehr! Falls nicht, geht’s mir auch gut.

Aus meiner LiebesBunt-Gedichtreihe:

Heute

Ist die Liebe

SommerHimmelDunkelbau

Grüne Weingärten

Silbrigglitzernde Olivenbaumblätter

Du und ich

Versteckt hinter Ginster

Im kühlen Wasser des Teiches

Ineinander verschlungen

(30. August 2016)

 

Nun von der dunklen Seite „meines“ Alterns – von dem, was alles nicht ist, zur hellen Seite – dem was ist.

Ich habe ein Grundeinkommen – die Pension.

Ich komme zur Ruhe und ich habe Zeit.

Wenn ich mir Zeit lasse und achtsam bin mit mir und meiner Umwelt – spüre ich Zufriedenheit und Glücksmomente. Über vieles. Auch und vor allem über Kleinigkeiten. Ich habe viel gelebt und erlebt – sehr viel. Viele Menschen suchen sich im Alter eine neue Aufgabe. Das ist gut so. Ich habe so viele Aufgaben und Fleißaufgaben erledigt, so viel gemacht und Verantwortung getragen, dass ich es mir erlaube – einfach nichts zu tun.

Wobei das mit dem Nichtstun, na ja – sogar bei der Meditation tut man nicht einfach nichts. Um ein paar Momente Nirvana / das ewige Nichts / Urgrund des Seins* zu erleben, muss man schon sehr viel tun.

Und so schreibe ich hie und da ein Gedicht und meine Gedanken nieder. So manches Mal auch auf Wunsch Texte für FreundInnen, ich unterstütze Kolleginnen.

Und meine Schatzkiste ist bis oben voll. Ich kann sie jederzeit öffnen, darin herumkramen und mich freuen.

Und so hatte das Leben der Vergangenheit im Hier und Jetzt auch seinen Sinn. Ich habe nicht das Gefühl allzu viel versäumt zu haben. Weniges vielleicht. Aber das kratzt mich nicht.

Enttäuschungen und Schmerzliches zu verbalisieren – Auszusprechen oder Aufzuschreiben, holt es aus der Dunkelheit ins Licht und die (zer)störende Kraft des Ungesagten und Ungezeigten schwindet. Es wird leichter. Und eines Tages schwindet es ganz.

Betty Davies drückte es zu ihrem 70. Geburtstag sehr drastisch aus, wenn sie meinte: „Altwerden ist nichts für Weicheier.“

„Verfallen müssen wir lernen“, sagt Thekla Carola Wied zu dem an Demenz leidenden Matthias Habich in dem Film „Sein gutes Recht“.

Ja, Verfallen muss / möchte ich lernen. Nein, mir fällt das nicht leicht und ich bin mitten drin. Möge die Übung gelingen …

Und so könnte ich, wenn ich all die Bilder von meinem Alter, die ich mir in meiner Mittelalterphase von 40 – 50 gemacht habe, loslasse, ein zufriedenes Leben leben.

Könnte ich? Nein, kann ich …

 

* Der Begriff „Urgrund des Seins“ stammt von dem englischen Dichter Gerard Manley Hopkins: „ Ground of being, and granite of it: past all / Grasp, God“

 

Himmel auf Erden

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Sonnenaufgang

Morgenröte

blassblauer Morgenhimmel

wird dunkelblau

Schwalben ziehen ihre Kreise

Morgendunst über den Feldern und Hügeln

Steinhaus

Fensterläden öffnen sich

Vorhänge wehen im Wind

ein gedeckter Tisch in der Pergola

Caffe latte und krosses Weißbrot

in den Hügeln

leises Glöckchengebimmel der Schafe

eine durchliebte Nacht im Körper

Geruch von mir und dir

Arme die mich umfassen

dein Körper der sich an meinen presst

gemeinsam der Morgenstille lauschen

ein leichtes Frösteln in der Morgenkühle

die Wärme der aufgehenden Sonne spüren

eine Minute Eins-Sein

eine Minute Glück

eine Minute Ewigkeit

Himmel auf Erden

 

(M.K., 16. Mai 2003)

Wo steht unser Mandelbaum

Blooming is vernal.

Ich liege

in deinen Armen, Liebster,

wie der Mandelkern in der Mandel.

Sag mir: wo steht

unser Mandelbaum?

 

Ich liege in deinen Armen

wie in einem Schiff,

ohne Route noch Hafen,

aber mit Delphinen am Bug.

 

Unter unserem Rücken

ein Band von Betten,

unsere Betten in den vielen Ländern,

im Nirgendwo der Nacht,

wenn rings ein fremdes Zimmer versinkt.

 

Wohin wir kamen

– wohin wir kommen, Liebster,

alles ist anders,

alles ist gleich.

 

Überall wird das Heu

auf andere Weise geschichtet

zum Trocknen

unter der gleichen

Sonne.

(Hilde Domin)

Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete

Buddhismus

Ich wurde in eine katholische Familie hineingeboren.

Nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt habe ich die Kirchturmspitze der Kirche meiner Kindheit täglich vor Augen, und meine Gedanken beschäftigen sich unweigerlich immer wieder mit meinem Kindheitsglauben und dem Herausfallen aus meiner Gläubigkeit.

Als Kind fühlte ich mich sehr aufgehoben in meinem Glauben und den Ritualen in der Kirche. Ich ging gerne mit meiner Großmutter in die Kirche. Die Kirche in unserem Stadtteil war ca. einen Kilometer von unserem Haus entfernt. Im Sommer setzte mich meine Großmutter in den Kindersitz auf ihrem Fahrrad. Im Winter stapften wir durch den hohen Schnee. Ich liebte die Festtage und die Maiandachten. Besonders angetan hatten es mir jedoch die Kreuzwegandachten. Das Leiden von Christus am Kreuz. Dazu kamen noch die vielen Geschichten im Katechismus über die Leiden der Märtyrer. Ich wollte auch Leiden.

Mit 6 Jahren war mein innigster Wunsch Märtyrerin zu werden – mein Leben für Jesus hinzugeben. Ein halbes Jahr später sprach ich mit unserem Pfarrer. Ich sagte ihm, dass ich einen Brief an den Papst schreiben möchte, da ich es nicht gerecht finde, dass meine Mutter, weil sie geschieden ist, nun nicht mehr zur Kommunion gehen darf. Ich sagte ihm, ich möchte dem Papst erklären, warum er bei meiner Mutter eine Ausnahme machen muss. Der Pfarrer erklärte mir – der 6-jährigen, dass dies nichts bringen wird, da der Papst keine Ausnahme machen könne. Dies sei Kirchengesetz. Das war 1956. Meine erste große Enttäuschung. Der Märtyrerinnenwunsch verschwand einige Zeit später. 

Aus der katholischen Kirche ausgetreten bin ich mit ca. 30 Jahren. Doch das Christentum war lange Zeit meine Heimat und ist ein Teil meiner Vergangenheit. Seit der Zeit meines Kirchenaustritts beschäftigt mich meine Auseinandersetzung mit Gott und Jesus. 

Könnte ich schon lange sagen – ich glaube nicht mehr, wenn da nicht meine mystischen Erlebnisse aus meiner Kindheit in der Kirche wären. Und die mystischen Erlebnisse meiner Klosteraufenthalte als Erwachsene. Besonders die Erlebnisse meiner Kindheit, in der ein tief verbundener und nicht in Frage gestellter Glaube in mir war, haben nicht nur einen tiefen Eindruck hinterlassen – sie sind ein wunderbares Erlebnis in mir. Ein wahrer Schatz.

Ich kann nicht sagen – ich glaube nicht, wenn ich solches erlebt habe.

Ich könnte jetzt noch viele Erlebnisse in der Kirche aufzählen. Ich habe mich sehr aufgehoben und auch beschützt gefühlt. Das vermisse ich.

Jetzt wird es kompliziert: Ich kann es nicht glauben, dass ich nicht glaube. Und gleichzeitig glaube ich nicht. Und mein Unglaube schmerzt mich. Manchmal. Ich vermisse das Aufgehobensein.

Nach einer Diskussionsveranstaltung mit dem von mir sehr geschätzten Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, und als solcher im Dialog zwischen westlicher und östlicher Spiritualität, habe ich mir sein Buch „Credo“ gekauft. Das christliche Glaubensbekenntnis, das auch ich abgelegt habe, und das ich schon lange nicht mehr aussprechen kann. Es besteht nur aus 77 Worten. 
Steindl-Rast setzt sich mit jedem Satz / mit jedem Wort dieses Credo sehr gezielt und achtsam auseinander. Er stellt dazu jeweils die drei Fragen: 
„Was heißt das eigentlich?“ 
„Woher wissen wir das?“
„Warum ist das so wichtig?“

Er beantwortet die Fragen mit seinen Gedanken dazu und auch seinen persönlichen Erlebnissen. Seit Jahren lese ich in dem Buch. Immer und immer wieder. Jeder Satz von ihm regt zum Nachdenken an. Und ich bin noch lange nicht fertig damit …

Ich bringe ein längeres Zitat aus der Einleitung des Buches. Er bezieht besonders die aus der Kirche Ausgetretenen mit ein. Es gefällt mir sehr gut, obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin. Aber so ist das. Und jedes Nichteinverstandensein führt zu neuem Nachdenken. Seine Frage in dem Absatz: „Wohin führt dieser Schritt des Austretens?“ – kann ich erst einmal beantworten – zu einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Christentum, und zur Hinwendung zum Buddhismus.

Zu Ende ist es noch lange nicht, und vielleicht auch nie. 

Das Zitat aus David Steindl-Rasts Buch :
„Ein Leserkreis, für den dieses Buch besondere Bedeutung haben könnte, sind die aus der Kirche Ausgetretenen. Sie nehmen nämlich in vielen Fällen den Glauben besonders ernst, ernst genug jedenfalls für einen öffentlichen Schritt wie den Kirchenaustritt. Das verlangt Respekt. Es führt aber auch zu der Frage: Wohin führt dieser Schritt des Austretens? Da hilft mir ein Bild aus meiner Jugend in Wien: Wenn die Donau ins Überschwemmungsgebiet austritt, dann verlässt sie ihren alten Lauf gar nicht, sondern schließt vielmehr weitere Gebiete ein. Es scheint, dass wir berechtigt sind, das Austreten vieler Christen in diesem Sinn zu verstehen. Indem sie aus einer Kirche austreten, die ihnen zu eng geworden ist, schließen sie sich gar nicht aus, sondern sie schließen dadurch vieles ein, was zu einem umfassenderen Verständnis von Kirche und Glauben gehört.“

Das Bild des Überschwemmungsgebietes gefällt mir. Viele weitere Gebiete sind dazu gekommen. Eine Bereicherung. Die Kirche ist mir nicht nur zu eng geworden. Vieles gefällt mir nicht und lehne ich ab: Den Allmachtsanspruch über das Leben der Menschen bestimmen zu können; den Reichtum „auf Erden“ – Pomp und Prunk; den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt; das Vertuschen von Fehlern. Missbrauch, Gewalt; etc. 

Ich brauche kein „umfassenderes Verständnis von Kirche“ – ich habe verstanden, wie die jetzige Kirche funktioniert. 

2009 war ich für eine Woche Turmeremitin im Mariendom in Linz.

Linz war in diesem Jahr Kulturhauptstadt und es war eines der Projekte. Jede Woche gab es eine/n andere/n TurmeremitIn.

Man konnte sich bewerben, und ich wurde genommen. Und wieder war es eine Begegnung mit dem Christentum. Ich war dort ohne Handy und ohne meine eigenen Bücher. Auf einem schmalen Bücherbord in der kleinen Türmerstube, hoch über den Dächern von Linz, standen vielleicht fünf Bücher. Eines davon war „Das Buch meine Lebens“ von Teresa von Avila, (1515 – 1582). Sie trat mit 21 Jahren in das Karmelitinnenkloster ihrer Heimatstadt ein und gründete selbst 17 Klöster. Auch in diesem Buch lese ich seit Jahren, finde ich mich doch in vielen ihrer beschriebenen Erfahrungen in der Meditation wieder.

Mein spiritueller Betreuer in der Zeit, ein evangelischer Pfarrer, sagte zu mir: „Mit all deinem Zweifel bist du Gott näher als so mancher Gläubige“. 

Das glaube ich manchmal auch, manchmal nicht …

Vor 35 Jahren habe ich den Buddhismus kennen gelernt und ihn studiert. Meine schönsten und tiefgreifendsten Meditationserfahrungen machte ich in einem buddhistischen Kloster in Sri Lanka.

Als mein zweiter Ehemann und ich 1982 nach einer dreimonatigen Rucksackreise durch Indien und Sri Lanka zurückkamen, besuchten wir die wöchentlichen Yoga- und Meditationsabende im Buddhistischen Zentrum in Wien. Das Fernsehen wollte einen Bericht über Yoga und Meditation bringen und filmte an einem der Abende. Als der Film ausgestrahlt wurde, sah in zufällig meine Mutter und deren Nachbarin. Damals hat man auch noch gemeinsam ferngesehen. Wenn man keinen eigenen Fernseher hatte, ging man zum Nachbarn. Meine Mutter rief mich daraufhin – es war 1982, also am Festnetztelefon – an. Sie sei entsetzt und habe sich geschämt vor der Nachbarin, meinte sie, da wir jetzt offensichtlich bei einer Sekte seien. So war das damals. Es ist erst 36 Jahre her und doch hört es sich an, wie aus einer anderen Zeit.

Ich bezeichne mich als christliche Buddhistin.

Der Buddhismus ist zwar in Österreich als Religionsgemeinschaft eingetragen und anerkannt, doch ist er keine Religion, weil es keinen Gott gibt. Obwohl er von vielen als Religion gesehen wird, betrachte ich ihn als eine Lehrtradition. Der Buddhismus gibt Antworten auf die großen Fragen der Religionen – zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens oder nach dem Leben nach dem Tod.

Die Lehren Buddhas haben meinem Leben eine Ausrichtung gegeben, die ich sehr schätze. Achtsamkeit im Alltag; das Leben im Hier und Jetzt; die Übernahme der Eigenverantwortung, speziell für das eigene Leid und einen guten Weg für die Auflösung des Leids. 

Alles Böse zu vermeiden, das Gute zu kultivieren und seine Gedanken zu reinigen – das ist die Lehre Buddhas.

(aus dem Dhammapada)

Das Gottes-Bild meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Es ist wie ein schönes Märchen – der alte Mann mit seinem langen Bart und den wallenden Gewändern. 

Steindl-Rast schreibt, er selbst verwende oft die Ausdrücke: „Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“, „Quelle aller Lebendigkeit“. 
Der fast bildlose Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins: 

„Ground ob being, and granite of it: past all / Grasp, God“ – „Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem / Begreifen, Gott“.

Wenn ich an das Gefühl in meinen Meditationen denke – Bilder gibt es da keine – würde ich dieses Gefühl als ein gleichzeitiges „Nichts und eine Allverbundenheit“ beschreiben. Wenn ich in diesem Gefühl ankomme, ist es wie ein „Heimkommen“. 
So schön, dass die Tränen fließen …
Selbstbildnis

Es interessiert mich nicht, ob es einen
Gott gibt oder viele Götter.
Ich möchte wissen, ob du
dazugehörst oder dich verlassen fühlst,
ob du Verzweiflung kennst und sie erkennen kannst
in andern. Ich möchte wissen,
ob du zu leben bereit bis in der Welt
mit ihrem harten Zwang,
dich zu verändern. Ob du zurückschauen kannst
mit festem Blick und sagen:
„Hier stehe ich“. Ich möchte wissen,
ob du es verstehst,
in die feurige Lebenshitze hineinzuschmelzen,
hineinzufallen
mitten in deine Sehnsucht. Ich möchte wissen,
ob du bereit bist,
Tag für Tag die Folgen der Liebe zu ertragen
und die ungewollte bittere Leidenschaft
deiner unausweichlichen Niederlage.

In dieser feurigen Umarmung, heißt es,
reden selbst die Götter von Gott.

(David Whyte)

 

 

 

 

Das ewige Dilemma mit der Schuld

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Der schwierige Umgang mit der Schuld unserer Eltern.

Und falls wir Eltern sind, auch mit unserer eigenen.

In 25 Jahren Arbeit als Psychotherapeutin habe ich unzählige Menschen durch diesen Heilungs-Prozess begleitet. Einem Heilungs-Prozess unter vielen möglichen anderen auch. Ich kann nur über das schreiben, was ich gemacht habe. Ich schreibe aber auch aus einem eigenem Erleben dieses Prozesses als Tochter und Mutter eines Sohnes. Oftmals dufte ich erleben, dass mein Glaubenssatz wahr ist:

Jeder Mensch hat in jeder Sekunde seines Lebens die Möglichkeit sich zu ändern.

Ich durfte erleben, dass dies auch mit 86 Jahren möglich ist. Ein großes Geschenk in meinem Leben. Vielleicht das Größte. Nach der Einsicht und Entschuldigung, die Versöhnung. Endlich. Es ist nie zu spät …

 

Warum ist eine Auseinandersetzung mit Schuld so wichtig?

Fehler zu machen bedeutet noch nicht sich schuldig zu machen.

Wir können viele Fehler machen und haben trotzdem keine Schuld.

Wenn die Auswirkungen der Fehler uns allein betreffen.

Leiden darunter andere sieht die Sache bereits anders aus.

 

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Beziehungsgeschehen zweier erwachsenen Menschen und zwischen Erwachsenen und Kindern.

„Aber ich kann doch meinen Eltern nicht für alles die Schuld geben!“

Doch. Für das was in der Kindheit an Verletzungen passiert ist, schon.

Für das, was man als Erwachsene/r macht, nicht.

 

Für das Beziehungsgeschehen zwischen zwei Erwachsenen tragen beide zu je 50 % die Beziehungs-Verantwortung. Zwischen Erwachsenen und Kindern tragen jedoch die Erwachsenen zu 100 % die Verantwortung.

 

Damit kommt die Verantwortung ins Spiel.

Weil sich Kinder schuldig fühlen und die Verantwortung dafür übernehmen, wenn sie in der Beziehung zu den Eltern verletzt werden. Sie nehmen an „mit ihnen stimme etwas nicht“, sonst würden die Eltern sich nicht so verhalten.

Solange diese Schuldfrage nicht aufgelöst ist, tragen viele Erwachsene diese „geheime“ Schuld noch immer mit sich herum.

Die gepflegten Mythen in vielen Familien sind Sätze, die immer wiederholt werden. Es ist wie eine Gehirnwäsche. Damit nicht hingeschaut wird, was wirklich war:

„Du warst kein einfaches Kind“, „Du warst sehr schwierig“, „Du hast nicht aufgepasst“, „ Du warst so schlampig“, „Du warst faul“, „du hast dies und das getan oder nicht getan …“.

Was auffällt ist, dass dies jeweils Schuldzuweisungen sind. Du-Sätze. Keine Ich-Sätze.

Ich-Sätze wären zum Beispiel: Ich hab’ mir sehr schwer getan mit dir, weil ich dich oft nicht verstanden habe. Ich hatte so wenig Zeit für dich, etc.

Wenn jemand immer wieder Schuld zugewiesen wird, und das auch noch zu unrecht, dann stört das die Beziehung sehr. Das macht zornig, und man weiß gar nicht, woher dieser Zorn kommt. Man kann es schon nicht mehr hören. Man kann die Eltern, oder umgekehrt, die Kinder nicht wirklich lieben. Man findet keinen Zugang zu ihnen. Nicht wirklich.

Na klar, da steht ja auch einiges dazwischen.

Ist nicht so einfach für Eltern, anzuerkennen, dass der Fehler nicht beim Kind lag, sondern bei ihnen selbst. Weil sie eine bestimmte Vorstellung hatten, wie das Kind sein soll; weil sie selbst auch so erzogen worden sind; weil sie sich nicht die Zeit genommen haben; weil sie überfordert waren, etc., etc.

Es gibt viele Begründungen, Erklärungen und Ausreden die vermeiden, diese Schuld anzunehmen.

 

Ein Heilungsprozess findet nur dann statt, wenn die Schuld dahin zurückgegeben wird, wo sie hingehört. Ein großes Geschenk ist es, wenn Eltern die eigene Schuld annehmen.

Nicht nur vielen Eltern fällt es schwer, diese Schuld einzugestehen und anzunehmen. Auch vielen erwachsenen Töchtern und Söhnen fällt es schwer, die Schuld zurückzugeben.

Viele versuchen, Eltern von der Schuld freizusprechen. Zu verstehen. Damit wird auch versucht, sich des eigenen Leids, das man erfahren hat, nicht bewusst zu werden. Diese Verletzungen „wieder“ – denn sie sind noch immer da – zu spüren, ist natürlich nicht angenehm. Als Erwachsene/r ist das aber aushaltbar. Als Kind war es das vielfach nicht.

Manche Kinder entwickeln die Verhaltensstrategie „ich werde nicht mehr zeigen, wenn mir was weh tut“ – um sich zu schützen. Um den konkreten Schmerz und den Schmerz des Unrechts nicht zu spüren. Sie behalten diese Strategie als Erwachsene bei und kommen damit auch als Erwachsene aus diesem Kreislauf nicht heraus. Andere wieder haben aufgehört, über sich zu erzählen. Wer und wie sie eigentlich wirklich sind. Wie sie leben. Weil sie Angst haben, wieder und wieder verletzt zu werden. Ängste und Scham sind dann sehr groß. Es gibt jede Menge an Vermeidungsstrategien.

 

Am Beginn des Heilungsprozesses steht daher die Schuldrückgabe.

Wenn es im Verlaufe des Heilungsprozesses zu einer Versöhnung kommt – wunderbar.

Jedoch nicht am Beginn des Prozesses, sondern am Ende.

Ein gutes Ende, das Tür und Tor zur Liebe öffnet.

Endlich.

 

Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass einige Verletzungen (Missbrauch, Gewalt, etc.) so groß sind, dass eine Versöhnung nicht statt findet. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden, ob dies möglich ist oder nicht. Auf jeden Fall ist es aber auch in Ordnung. Alleine schon die Auseinandersetzung und Aufarbeitung – aber vor allem die Schuldrückgabe – erleichtert das Leben.

So absurd es klingt: Wenn ich den Eltern nicht ihre Schuld zurückgebe, wird es keine Versöhnung geben. Dies gilt natürlich auch für andere Menschen aus der Kindheit. Nicht nur Eltern verletzen.

Wenn Eltern offen genug sind für diese wichtige Auseinandersetzung ist dies ein Geschenk. Sind sie das nicht, kann man dies auch für sich alleine machen. Nicht nur in Form einer Therapie, vielleicht mit Briefen und Tagebuch schreiben. Briefe an die Eltern und die Personen, die als Kind verletzt haben; Briefe an das Kind von damals.

Das Kind wartet darauf gesehen zu werden und erlöst zu werden.

Ein Standardsatz von mir in der Therapie war: „Schaltest du schon wieder das Elternschutzprogramm ein anstatt dich an die Seite deines kleinen Kindes zu stellen? Übernimmst du die Verteidigung der Eltern, statt die Anwältin deines Kindes zu sein?“

Ein Satz, den sich viele mitgenommen haben und sich mit der Zeit jedes Mal wenn sie wieder einmal in der Verteidigung der Eltern gelandet sind, diesen Satz mit einem Lächeln selbst sagten.

Wenn man sich schuldig gemacht hat und jemand verletzt hat, kann man es nicht wieder gut machen. Die Verletzung ist passiert. Man kann jedoch die Verantwortung dafür übernehmen und sich entschuldigen. Ob diese Entschuldigung angenommen wird oder nicht hat damit zu tun, ob sie als ernsthaft empfunden wird. Wenn eine Entschuldigung lediglich ausgesprochen wird, damit wieder alles gut ist und Ruhe herrscht, wird es nichts nützen. Man wird auch an der Echtheit der Entschuldigung zweifeln. Damit diese Entschuldigung wirklich angenommen werden kann,  muss sie aus tiefstem Herzen kommen UND begleitet sein von der Erkenntnis, dass man sich schuldig gemacht hat. Gemeinsam zu weinen – aus Schmerz, aus Erleichterung und Erlösung – heilt.

 

Nicht jede/r wird dahin kommen, die Eltern lieben zu können.

Manche schon.

Auf dem Weg dahin geht es nicht darum, sie von ihrer Schuld freizusprechen, um sie lieben zu können.

 

Es geht darum, sie trotz und mit ihrer Schuld zu lieben.

So wie auch uns selbst trotz und mit unserer Schuld zu lieben.

 

Wenn wir Kinder haben, haben wir uns schuldig gemacht.  Mehr oder weniger.

Wir sind Menschen. Wir sind nicht fehlerfrei.

Auch wenn wir sie lieben machen wir Fehler.

Wir sind nicht frei von Schuld.

 

Und je früher wir das Erkennen, desto eher können wir lieben.

Unsere Eltern.

Unsere Kinder.

Uns selbst.

 

(M.K., 10 04 2017)

 

Frühling ist nicht gleich Frühling

Kamille durch Beton

Die Botschaft des Friedens

verläuft in den Gehörgängen

der Mächtigen

ungehört

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Frühling in Syrien

sieben Jahre Krieg

zerstörte Städte

zerstörte Leben

das Leben

eines Siebenjährigen

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Frühling in Afrika

Land ohne Regen

Land ohne Wasser

vertrocknete Erde

verendete Tierkörper

verendende Menschen

mit blicklosen Augen

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Frühling in der Türkei

Krieg beginnt mit Worten

endet im Glaubenskrieg

Allmachtsphantasien

eines Einzelnen

werden Realität

ein Land wird

zum Gefängnis

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Frühling in Amerika

America first

Ein Präsident

ohne Einsicht

und Weitsicht

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Frühling in Österreich

Frühlingsdiäten

für normierte Körper

Frühlingskleidung

Kauft

spendet Euros

für Syrien und Afrika

spendet keine Gedanken

an Syrien und Afrika

Kauft

Und eure Seele

wird gesund

(M.K., 19 03 2017)

 

Der Großmutter-Baum

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Der Großmutter-Baum

Meine Großmutter war diejenige, die immer da war für mich.
Sie war die Erste, die ich am Morgen, wenn ich meine Augen öffnete sah, und die Letzte am Abend. Unter ihrem Schutz und Schirm bewegte ich mich tagsüber im Garten. Noch im entferntesten Winkel des Gartens spürte ich ihre Anwesenheit. Meine Großmutter war die Erste, die mich nach meiner Geburt im Arm gehalten hat. Das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit begleitet mich über ihren Tod hinaus.

Nun lebe ich in einem anderen Garten. Und ich nenne den Nussbaum in der Mitte des Gartens – Großmutter. Wenn ich nachts die Augen öffne, schaue ich in seine Krone. Genauso des Abends und Morgens. Im Winter ist er Raststätte für die Raben. Jetzt im Frühling schwirrt und zwitschert es auf seinen alten Ästen. Im Sommer sitze ich in seinem mächtigen Schatten. Unter seinem Schutz und Schirm bewege ich mich durch Garten. Auch im entferntesten Winkel des Gartens sehe ich ihn. Er ist tröstlich – Sicherheit und Geborgenheit. Und wenn ich Glück habe, werde ich eines Tages unter seiner Krone einschlafen …