Über das Ausgesöhnte – die Scham und ich

Textauszüge, die in mein zweites Buch einfließen werden

Die stillen Tage und die Rauhnächte sind gute Tage und Nächte um an meinem zweiten Buch weiter zu schreiben. Ist es doch auch eine Zeit der Auflösung und des Neubeginns.

Ich sichte alte Texte – vor langer Zeit geschrieben – und mein Herz fließt über vor Mitgefühl mit dem Kind / dem Mädchen / der jungen Frau, die sich durch so viele Einschränkungen / Tabus / Begrenzungen / Lieblosigkeit / durch das Dunkel zum Hellen durchgekämpft hat. Es war ein harter Kampf – ein Kampf mit dem Drachen – an dem sie auch scheitern oder zerbrechen hätte können. Ich bewundere sie und bin dankbar für ihren Mut. Durch sie und mit ihr bin ich die geworden, die ich heute bin.

Heute werde ich von ihren Verletzungen erzählen. Doch schlussendlich wird es im Buch eine Heldinnengeschichte werden – unter vielem anderen auch ihr Sieg im Kampf gegen den Drachen Scham.

Aber, Achtung! Wenn selbst Götter und Göttinnen unperfekt sind, dann erst recht Menschen – und damit auch ich.

Vergebung ist der Schlüssel mit der die Gefängnistür des Opferseins geöffnet wird.

Trauerarbeit ist ein Teil dieses Vergebungsprozesses und es war mir nicht bewusst, dass die tiefe Trauer der letzten vier Jahren auch die Wunden dieser alten Verletzungen mit eingeschlossen hat. Mit meiner Mutter habe ich in ihren letzten zwei Jahren hier auf Erden über meine Verletzungen gesprochen. Sie hat sie anerkannt und ausgesprochen, wie viel sie bereut und mich um Vergebung gebeten. Ich habe ihr vergeben. Das ist gut so – meine Bitterkeit und meine Wut haben sich aufgelöst. Das ist gut so – sie konnte versöhnt sterben. *)

Jetzt erkenne ich den Sinn, dass ich in den letzten zwei Jahren als erstes Buch das Buch über die Jahre meines Älterwerdens mit aller Versöhnung die notwendig war, um ein zufriedenes Leben leben zu können, geschrieben habe. Von ausgesöhnten Verletzungen muss ich mich nicht distanzieren und ich kann Hand in Hand mit ihnen gehen, denn sie gehören zu mir.

Eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

 

die scham – damals in den 70er jahren

 

sie ist 12 jahre alt und früh entwickelt

was immer das heißen mag

es klingt schon fast nach schuldigkeit

und nicht normal

 

warum bist du so früh dran

sagt man ihr

warum hast du schon einen busen

und härchen auf deiner scham

schäm dich

 

du bist zu früh dran

was immer das heißen mag

 

sie schämt sich ohnehin

nicht nur für ihr zu früh dran sein

auch für vieles andere noch

ununterbrochen ist sie da

die scham in ihr

und breitet sich aus

 

ihr kopf ist noch oben

es wird nicht mehr lange dauern

und ihr kopf wird sich gesenkt haben

und lange jahre nicht mehr nach oben kommen

vor lauter scham

 

aber jetzt

nicht nur zu früh mit den knospenden brüsten

und den härchen

auch ihr interesse für die buben

zu früh und überhaupt

was schaust du denn schon wieder nach den buben

sagt man ihr

schäm dich

 

schäm dich

für das entdecken wollen

von etwas

was sie noch gar nicht benennen kann

gesagt wird ihr

dass das nicht in ordnung ist

was sie fühlt

dass es zu früh ist

und überhaupt

also schäm dich

 

und dann der tag am strand in italien

der camping-urlaub 1962

sie will nicht mit

aber sie muss

 

was hast du es doch gut, du undankbares mädchen

andere mädchen können nicht auf urlaub nach italien

doch sie möchte gerne zu den anderen mädchen gehören

sie will nicht im zelt sein

viel zu nahe mit dem neuen mann im leben ihrer mutter

ihrem stiefvater

den sie vater nennen soll

und dieser mutter

die sie nicht kennt und der sie nicht nahe ist

die sie kontrolliert

unablässig

 

wie sehr hat sie sehnsucht nach ihrer großmutter

die ihr aufgetragen hat, brav zu sein

und zu folgen

und ihr keine schande zu machen

damit sie sich nicht schämen muss

 

auch großmutter könnte sich also schämen

für sie

zu ihrer eigenen scham

noch die scham der großmutter

dazu

 

und dann doch

sonne, meer, strand

viele fröhliche jugendliche

zu denen sie nicht gehört

testosteron in der luft

von all den jungen männern

und ihre sehnsucht im bauch

und die scham im kopf

und ihr versuch

irgendwie dem kontrollierenden blick der mutter

zu entkommen

 

wenn SIE am strand sind

ist sie im zelt

hundert ausreden erfindend

 

und wenn SIE im zelt sind

möchte sie gerne an den strand

darf aber nicht

 

allein am strand

was könnte da passieren

 

aber

es passiert doch

aber anders

 

der gute-nacht-kuss

sie im zelt auf der luftmatratze

zwischen den campingbetten

von dem stiefvater und der mutter

so eng

nicht einmal eine handbreit zwischenraum

so eng wie das ganze leben

 

und dann

dieser gute-nacht-kuss

er beugt sich über sie

sie am boden sitzend

sein männergeruch über ihr

vorher nicht sicher

ob sie diesen geruch mag

oder abstossend findet

nachher

wird sie ihn für immer abstossend finden

und der kuss

mit diesen großen, feuchten lippen

geöffnet

und der zunge

die sich

in ihren mund

drängt

überraschend

übergreifend

ekelig

 

ihre mutter neben ihr

dicht

und sie sagt nichts

kann nichts sagen

ihr mund verschließt sich

und verstummt

und sie schämt sich

 

später

viel später

wird man sie immer wieder fragen

warum hebst du deinen kopf nicht

warum versteckst du dein gesicht

hinter deinen haaren

warum redest du nicht

 

doch SIE haben ihr die stimme genommen

mit all ihren lügen

und SIE haben die scham

in sie

hineingepflanzt

 

SIE haben ihr

die stimme genommen

 

später

viel später

wird sie kommunikationsseminare besuchen

weil eine leere in ihrem kopf entsteht

wenn sie reden soll

weil sie keine stimme hat

 

weil die alten stimmen in ihr auftauchen

die ihr sagen

du hast nichts zu sagen

und

das letzte wort habe ich

 

doch

das letzte wort

ist noch nicht gesprochen

 

********************

Die Grenzen des Blicks

Im Erdgeschoss der Hauptschule befand sich die Kochschule. Die großen Fenster gingen in den Garten, in dem sich niemand aufhalten durfte. Und schon gar nicht Buben, die im Nebengebäude untergebracht waren. Doch manchmal standen welche vor dem Fenster und machten Faxen.

Wenn ich zum Fenster hinaussah in den Garten, brüllte die Kochlehrerin – schaust du schon wieder nach den Buben?

In meinem Elternhaus gab es den sicheren Bereich des Gartens hinter dem Haus, und den unsicheren Bereich vor dem Haus.

Wenn ich mich vor dem Haus aufhielt und zur Straße hinaussah, zischte meine Mutter – schaust du schon wieder nach den Buben?

Ich hätte mich das nie getraut. Nach den Buben schauen. Dort nicht und da nicht. Kam ich mir doch viel zu dick vor. Ich kam mir immer zu dick und hässlich vor. Die ganze Hauptschulzeit. Kurze Zeit später, als ich dann wirklich begann mich für Buben zu interessieren – nein, auch nicht für die Buben, nur für einen – begann ich abzunehmen. Die erste Hungerzeit in meinem Leben, der noch viele folgen sollten. Mein ganzes Leben lang. 20 kg mehr – 20 kg weniger. Eine Pendelbewegung.

Ich traute mich auch nicht aufzuschauen. Angst. Nur nicht auffallen. Wenn ich doch einmal den Blick hob, begegnete ich den wachsamen Augen der Kochlehrerin. Und wenn diese rote Flecken am Hals hatte, begann die Brüllerei von neuem. Ich konnte nichts richtig machen. Und weil ich Angst hatte, machte ich auch nichts richtig. Ich musste die brennheißen Erdäpfel in die ganze Hand nehmen – nein, nicht mit den Fingerspitzen halten und auch nicht auf eine Gabel – in die Handfläche. Und nicht fallen lassen. Wenn jemand flüsterte, wenn jemand etwas falsch machte, blies die Kochlehrerin in ihre schwarze Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und alle standen stramm. Besonders ich. Ich war froh und erleichtert, dass mir alles schmeckte. Wenigstens das. Andere Mädchen haben sich erbrochen, mussten ihr Erbrochenes wegwischen, sich hinsetzen und weiter essen. Am Ende der Stunde, war ich es, die noch mit einem Eimer und dem Ausreibfetzen am Boden kniete und den Boden aufwischte. Alle anderen standen bereits, ihrer Kochschürzen entledigt, bei der Tür und warteten auf mich. Ungeduldig. Welche Scham.

Beim Umkleiden im Keller vor dem Schwimmbeckenbereich traute ich mich nicht meine Mitschülerinnen anzuschauen. Ich tat es doch. Heimlich. Hinter dem Vorhang meiner Haare heraus. Ich kannte keine nackten Körper. Ich sah, welch schöne Unterwäsche manche anhatten. Meine BH’s nähte die Großmutter selbst. Und meine Unterhosen waren Pumphosen. Das waren weite Hosen aus weißer oder rosa Baumwolle, die fast bis zum Knie reichten. Auch von meiner Großmutter genäht. Und im Winter waren sie aus dicker, fester Baumwolle, die mich noch unförmiger erscheinen ließen. Ich schämte mich in Grund und Boden.

Als ich mich mit 14 in meinen zukünftigen ersten Mann verliebte, ging mein Blick eindeutig über die gesetzten Grenzen hinaus. Heute würde ich sagen – ich sah ihn und wollte ihn. Damals – ja damals, war das nicht so eindeutig. Das Wollen – das Träumen – hatten sie mir ausgetrieben. Träumen tat ich nur mehr in meinen Büchern, die ich las. Und mit 14 hatte ich alle Karl May-Bände die es in der kleinen Bibliothek gab, ausgelesen. 60 waren es. Und ich bewunderte Old Shatterhand. Nein, nicht Winnetou, wie alle anderen Mädchen – Old Shatterhand. Und dann – dann traf ich ihn.

Ich stand mit meiner Freundin vor dem Kino und wartete auf den Beginn des Films „Winnetou I“. Wir gingen in die Nachmittagsvorstellung. Und ich wusste, hie und da kamen meine Eltern vorbei, nachzuschauen, ob ich mich auch wirklich nur mit meiner Freundin traf und ich mich auch nicht „aufführte“. Wie hätte ich mich das getraut. Unsicherheit und Angst.

Und dann sah ich ihn – Old Shatterhand. Franz hieß er, und er stand inmitten seiner Bubenclique – der Anführer. Er war 1,91 groß, blond, markantes Kinn, und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. In mir war ein Sturm von Gefühlen. Bewunderung, Liebe, Lust – von der ich damals nicht wusste, dass dies Lust war, Verlangen, Angst und Scham. Vor allem Scham. Dies war ein Gefühl, das mich noch lange in meinem Leben begleiten sollte.

Jetzt stand er dort – mein Held Old Shatterhand. Mein Held, der mich erlösen sollte. Und wenn ich in der Folge sämtliche Winnetou-Filme zwei- oder dreimal sah, dann nicht nur wegen der Filmfigur, sondern wegen Franz. Und irgendwann, als ich meine Eltern belog, und nicht mit meiner Freundin ins Kino ging, sondern alleine, hob ich meinen Blick und schaute ihn an. Ich weiß bis heute nicht, woher ich diesen Mut nahm. Er stand unterhalb der Stufen zum Kinoeingang. Seine Freunde etwas entfernt. Ich stellte mich auf die zweite Stufe, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein, und redete ihn an. Und er schaute mich an. Dies war der Beginn einer bittersüßen Liebesgeschichte.

********************

Als die Liebesgeschichte, die in einer frühen Ehe mündete, zu Ende ging, begann der zweite Durchgang durch die Scham. Aber nein – die Liebesgeschichte ging nicht zu Ende – ich liebe ihn heute noch. Jedoch, die Möglichkeit eines guten Zusammenlebens ging zu Ende. Wir konnten nicht reden miteinander. Wir hatten beide keine eigene Stimme.

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am abgrund stehend

die scham – in späteren jahren

 

für das was ich war

für das was ich nicht war

für das wie ich war

für das wie ich nicht war

für das was ich nicht wusste

 

scham und unsicherheit

mich falsch zu benehmen

nicht das richtige zu sagen

nicht das richtige zu tun

 

und aus dieser unendlichen scham heraus

bestätigung suchend

bei einem mann

von einem mann

gib mir endlich die anerkennung

die bestätigung

dass ich in ordnung bin

dass mit mir alles in ordnung ist

erlöse mich von meiner scham

und unsicherheit

 

und es konnte nicht genug sein

an männern

die mir anerkennung gaben

 

und irgendwie

wusste ich damals nicht

dass ich ausgewählt hatte

beim ersten blick gewählt hatte

und meinte

dass sie mich ausgewählt hätten

 

und dann das spiel von neuem

weil es keine erfüllung gab

 

die scham und unsicherheit

nach einem moment der ekstase

sich wieder breit machte

sich ausbreitete

 

und dann begann das spiel von neuem

unendliche spielvariationen

mit unendlichen spielfolgen

und wechselnden mitspielern

 

was blieb

war die scham

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familie

ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können

weggehen müssen um zu der zu werden die ich bin

sonst wäre ich zu der geworden die ihr haben wolltet

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*)  „Vergeben und Verzeihen sind nicht gleich Versöhnung. Versöhnung bedeutet zusätzlich zur Verzeihung, dass beide Seiten unbelastet von der Verletzung die vorbestehende Beziehung fortsetzen wollen. 

Nach der Vergebung kann eine Beziehung auch beendet werden; d. h. es kommt zu keiner Versöhnung, jedoch wird nichts nachgetragen. Eine Versöhnung ist nur sinnvoll, wenn der Täter Reue zeigt und Wiedergutmachung leistet. „Versöhnung fordert, dass die Parteien ihr Vertrauen zueinander erneuern.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vergebung_(Psychologie)

 

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Mein erstes Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Die letzten 10 Jahre meines Lebens.

Erhältlich in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

 

 

 

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Erinnerungs – Wintergeschichte

Eisblumen

Ich erinnere mich …

Als wäre es jetzt – Eisblumen am Fenster! Sie wachsen von unten nach oben und ich stehe staunend davor.

Welche Freude! Im Zimmer bullert das Feuer im Sägespäneofen. Er ist glühend rot und gleich wird Großmutter die Ofentür schließen. Im Ofen knackt das Holz und es riecht würzig nach Sägespänen, Holz und Harz. Das Fenster ist fast zugewachsen mit Farnen und Blumen aus Eis. Nur in der Mitte ist noch ein Kreis, durch den der Vollmond ins Zimmer scheint. Ich sehe den weiß bekleideten Apfelbaum.

Mein Schlafanzug liegt neben dem warmen Ofen. „Schlafenszeit“, sagt meine Großmutter und hat das Märchenbuch in der Hand.

(1954)

 

Eine Erinnerungs-Wintergeschichte aus meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Erhältlich als Hardcover, Taschenbuch und Ebook in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

Mein Gedicht in der Anthologie „Ausgewählte Werke XXI“

Mein Gedicht „Gedankenrahmen“, eingesandt für den Gedichtwettbewerb 2018 der „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ zum Thema Kindheit wurde für die Veröffentlichung in dem Lyrik-Sammelband „Ausgewählte Werke XXI“ ausgewählt.

 

Gedankenrahmen

Der Holzrahmen

Gezimmert von den Frauen

In welchen sie den Gitterstoff spannten

Mit Reißnägeln am Rande befestigt

Mit fester Hand ihre Stickarbeiten nadeln

Vorgefertigte Bilder mit festgelegten Farben

Mit Reißnägeln am Rande befestigt

In einem fest zusammengefügten Rahmen

So sollte sie sein

Vorgezeichnetes Bild

Vorgegebene Farben

Festgenagelt

Wird das Muster in sie hineingestickt

 

So sollte sie sein

Die Sticknadel steckt fest

Lichtjahre entfernt

Von der Leichtigkeit des Seins

 

Und noch immer

Der Gedanke

Von Freiheit am Horizont

(M.K., 18 09 2006)

 

 

Gartenkind

 

003

Erinnerungsort -Großmuttergarten

Der Apfelbaum steht in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens. Wenn man vom Haus nach hinten in den Garten geht, kommt man erst durch den Gemüsegarten, dann über die Wiese mit dem Wäscheplatz und dem Viereck der Wäschestangen und ganz hinten steht der Apfelbaum.

Er ist nicht der einzige Apfelbaum im Garten. Aber er ist mir der Liebste. Linkerhand begrenzt eine Liguster-Hecke das Grundstück. Dahinter der verbotene Nachbars-Garten.

Rechts neben dem Apfelbaum gibt es noch einen Baum mit Ringlotten, zwei Zwetschkenbäume und entlang der gegenüberliegenden Grundstücksgrenze stehen in einer schnurgeraden Reihe Ribisel- und Stachelbeersträucher.

Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.

Der Apfelbaum hat einen dicken, kurzen Stamm, so dass ich sehr leicht hinaufklettern kann und mir auch mein Kleidchen nicht schmutzig mache. Die Äste bilden eine große Gabel. Ich sitze mit meiner Puppe und meinem Buch fast so bequem wie in einem der hölzernen Liegestühle. Nur auf die Ameisenstraße muss ich aufpassen. Sie führt am Stamm und an einem der dicken Äste entlang.

Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar.

Die Nachbarskinder hinter der Liguster-Hecke toben laut durch den Garten. Es sind fünf Mädchen. Großmutter hat mir verboten mit ihnen zu sprechen oder zu spielen. Sie seien Zigeuner, sagt sie, und haben keine Manieren. Sie sind laut und schreien und streiten den lieben langen Tag. Sie sind immer schmutzig und gehen auch schon in den Monaten mit „r“ barfuss. Ich darf erst ab Mai, dem ersten Monat ohne „r“, barfuss gehen. Und schmutzig mache ich mich auch nicht. Wenn ich mich vorbeuge in meiner Astgabel, sehe ich die blaue Kittelschürze meiner Großmutter im Gemüsegarten aufblitzen. Sie stützt sich auf die mit feuchter, fetter, dunkler Erde belegte Stichschaufel und ich sehe, dass sie sich auch vorgebeugt hat und versucht, zu mir herzusehen. Ich zucke zurück und schaue in mein Buch.

Es ist Winter und man kann daher vom Haus aus bis ganz nach hinten zum Apfelbaum sehen. Eine dicke Schneedecke liegt über dem Gemüsegarten, etwas unregelmäßig, da die Erde darunter umgegraben wurde. Auf der Wiese des Wäscheplatzes ist der Schnee eben und glitzert in abertausenden von Kristallen in der Sonne in einem strahlenden Weiß.

Der Apfelbaum hat hohe Schneehauben auf seinen dicken Ästen und die Zweige sind mit Eiskristallen überzogen. Stille liegt über dem Garten.

Ich habe feste Stiefel an. Meine dicke Hose und den Mantel hat meine Großmutter genäht. Den Schal, die Fäustlinge und die Haube hat sie gestrickt. Meine Hand liegt fest und warm in ihrer.

 

Brief an eine Freundin über unseren verschiedenen Umgang mit Erinnerungen

ErinnerungsKoffer Yuval Yairi

Liebe Freundin,

gestern haben wir uns über Lebens-Erinnerungen und den Umgang damit unterhalten. Dein Umgang damit ist ein anderer als meiner. Und das ist gut so. Leben wir doch unsere Leben sehr verschieden. Es einfach so stehen lassen zu können, ist Grundlage für eine gute und lebenslange Freundschaft. Für diese Freundschaft mit Dir bin ich sehr dankbar. Das möchte ich auch einmal sagen, liebe Freundin.

Manche Gespräche sind sehr anregend und sie bringen etwas ins Schwingen.

So auch unser gestriges Gespräch über die Lebens-Erinnerungen. Es hatte ein „Nachspiel“. Nun könnte man sagen „Zufall“ – aber ich glaube nicht an den Zufall – vielleicht eher an den „Unbewusstfall“ …

In den Schlaflosstunden des heutigen Morgens – zwar kein Junimorgen, aber ein Aprilmorgen – nahm ich mir den Gedichtband von Tomas Tranströmer und las:

„Die Erinnerungen sehen mich

Ein Junimorgen: Zum Aufwachen zu früh,

doch zu spät zum Weiterschlafen.

Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.

Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen

mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

Dieses Gedicht ist wunderschön! In wenigen Worten drückt es meine Wahrnehmungen aus:

„Die Erinnerungen sehen mich“ und „sie sind so nah, dass ich sie atmen höre“.

Es heißt ja, Orte haben eine Seele. Karen Blixen lässt ihre Protagonistin in dem Buch „Jenseits von Afrika“ bei ihrem Abschied von Kenia sagen: „… wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?“

Und wenn ich gestern erwähnte, wie ich jetzt nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt auf Schritt und Tritt bei meinen Hundespaziergängen auf Erinnerungen treffe, dann habe ich sehr oft das Gefühl – „die Erinnerungen sehen mich“.

Und ich sehe die Schatten meines jüngeren Ich an den Fenstern der verschiedenen Wohnungen stehen, in denen ich damals gelebt habe. Und ich weiß über die Gefühle der jungen Frau von damals und ich kann sie spüren. Die Junge von damals hatte noch keine Ahnung von der Alten. Die Alte, jetzt hingegen, kennt die Junge sehr gut – ach, könnte ich meine Arme tröstend und wissend um sie legen.

Aber nicht nur meine Wohnungen sehen mich, auch die vielen Plätze.

Der kleine Hügel neben der Bahn, auf dem ich als Kleinkind mit meiner Mutter rodelte – wie viel Schnee es damals gab; der Feldweg nach dem nächsten Dorf, auf dem ich auf meinem Kinderfahrrad mit 5 Jahren mit meiner Großmutter zu Frau P. fuhr – meine Großmutter auf ihrem Rad vorneweg und wenn meine kleinen Füße nicht mehr konnten, zog sie mich an den Ärmeln ihrer ausgezogenen Weste wie an einem Seil hinterher; den etwas größeren Hügel, auf dem im Winter die Jungenclique sich eine Sprungschanze gebaut hatte und ich mit Bewunderung und viel Kribbeln im Bauch meiner ersten großen Liebe und späterem Ehemann bei seinen gewagten Sprüngen zusah; die drei Stiegen zum Eingang des ehemaligen Kino hinauf, das heute kein Kino mehr ist sondern ein Sportgeschäft, auf denen ich oben stehend und damit auf Augenhöhe, meinen ganzen Mut zusammennehmend, und ihn – meine Liebe ansprach – wie mutig für die 14-jährige!

Wie könne ich schreiben, hätte ich nicht all diese Erinnerungen?

Wie könnte ich schreiben, könnte ich nicht all diese Gefühle noch fühlen?

Ja sogar: Wie könnte ich schreiben, ohne meine zeitweilige Manie und die depressiven Verstimmungen, die in meinem Innersten wühlen und so manches aufwühlen und zum Vorschein bringen, mit dem ich mich dann auseinandersetzen „muss“ – einfach weil es da ist und ich das auch will …

Wie könnte ich schreiben ohne meine Widersprüchlichkeiten, meine Trauer, meinen Zorn, meine Unsicherheiten?

Wie könnte ich schreiben ohne das Verlustgefühl des Lebens der jungen, grenzenlos und hemmungslos lebenden Frau, die mir doch noch so nahe ist?

Wie könnte ich schreiben ohne Erinnerung an das exzessive und leidenschaftliche Leben der Frau von früher, die Glücksmomente?

Wie könnte ich aber auch schreiben, ohne die stille Zufriedenheit, das Staunen, meine Ehrfurcht und Dankbarkeit von heute?

„Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

 

Du sagtest, Du packst Deine Erinnerungen in eine Ecke und möchtest nichts damit zu tun haben. Dir gehe es besser ohne Deine Erinnerungen. Ich kann Dich verstehen, weil ich Dich gut genug kenne, um zu sehen, dass es Dir mit Deiner Art besser geht. So ist das. So unterschiedlich. Und das ist gut so.

Ich wünsche Dir viele wunderschöne Tage, liebe Freundin.

Wir leben unsere Leben so gut es uns möglich ist – jede auf ihre eigene Art und Weise – und doch verlieren wir uns nicht aus den Augen und aus dem Sinn …

Deine Freundin Monika

 

Vom sichtbaren Selbst des Mädchens zum wahren Selbst der Erwachsenen

Meditation Stille

So wie alle kleinen Mädchen betrachtete ich mich gerne im Spiegel. Mein Gesicht studierend – mich ansehend / mich ausprobierend – Faxen schneiden. Ich suchte mich. Ich suchte Selbstbestätigung – die Bestätigung des sichtbaren Selbst. So sehe ich aus. Das bin ich.

Der Spiegel war sehr klein. Rechteckig, ohne Einfassung, ohne Schnörkel und Verzierungen. Ein Gebrauchsgegenstand. Für die Männer zum Rasieren. Mehr nicht.

Doch Großmutter sah das gar nicht gerne, wenn ich vor dem Spiegel stand.  Im Gegenteil – sie warnte vor der Hoffart. „Sei nicht hoffärtig“, sagte sie, „das ist eine Todsünde“, und meinte damit die 1. Todsünde, den Stolz. Die etymologische Bedeutung des Wortes, die assimilierte Form vom mhd. hōchvart – bedeutet „Hochsinn, edler Stolz, äußerer Glanz, Pracht, Aufwand, Übermut“.

Und diese Eigenschaften – diese Eigenschaften waren erst recht verboten. Vor allem für Mädchen. Das passte nicht zu stillen, ordentlichen und sauberen Mädchen – so wie ich eines sein sollte und für lange Zeit auch war.  

Großmutter warnte immer wieder, wenn sie mich doch wieder vor dem Spiegel erwischte: „Schau nicht in den Spiegel, da kommt der Teufel raus!“ Für Großmutter – und daher auch für mich – war der Teufel damals genauso präsent wie Gott. Und vor allem hatte er auch viel Macht. Über Gott nicht, nein. Obwohl Gott immer ein Auge auf ihn haben musste. Aber er hatte Macht über Menschen und vor allem über so kleine Mädchen wie mich, die nicht immer brav waren.

Später, sehr viel später, erinnerte ich mich an diesen Satz mit dem Spiegel und dem Teufel –  als ich die Zeilen las:

 

Du lebst im Sichtbaren

Wie kannst Du es trotzdem

Meiden?

 

Du lebst im Sichtbaren

Mußt Du es deshalb

Fliehen?

 

Du blickst Dich im Spiegel an

Doch blickt der Spiegel auf Dich?

Was siehst Du im Spiegel?

 

Siehst Du Dich?

 

Muss das sichtbare Selbst nicht erst wissen, dass es ein sichtbares Selbst ist, um es Loslassen zu können? Durch das Sich-selbst-loslassen zum wahren Selbst zu kommen?

 

Wie erkennt man

Das wahre Selbst

 

Indem man

Nicht mehr

In den

Spiegel

Blickt

 

Und damit hat sie dann doch recht behalten, die Großmutter – „indem man nicht mehr in den Spiegel blickt“ …

 

Beide Gedichte: Chao-Hsiu Chen: Im Tempel der Stille. Gustav Lübbe Verlag

Chao-Hsiu Chen wurde in Taiwan geboren, wo sie in den alten Weisheiten des Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus unterwiesen wurde. Sie studierte klassische Musik in Wien und Salzburg und arbeitet als Schriftstellerin, Malerin und Komponistin in Rom und München.

 

                                   

Geschichten schreiben ist Vergnügen – Roman schreiben Arbeit

008

Über das Schreiben eines autobiographischen Romans, der die Vergangenheit zur Gegenwart macht, und die Fragen nach dem Gelingen.

Der Schreibprozess ist ein Eintauchen in mein gelebtes Frauenleben – 67 Jahre. Es beschäftigt mich rund um die Uhr (es ist jetzt, da ich diesen Text schreibe 3.00 früh), und ich muss mich zwischenzeitlich zwingen, wieder auszusteigen und im Hier und Jetzt zu landen.

Eine Gratwanderung zwischen sich in den Geschichten, in meiner Geschichte, zu verlieren. Der Notwendigkeit ein- und unterzutauchen um auszuloten – in den Körper, die Gedankenwelt, das Erleben der 10-jährigen, der 20-jährigen, usw. einzutauchen. Mein altes Ich zu werden und diese Schwester auf ihrem Weg zu begleiten. Eine Vergangenheit, die während des Schreibens zur Gegenwart wird.                                                                        

Eine Einkehr beim Selbst. Es erfordert Zeit und Stille.

Während ich an meinem eigenen autobiographischen Roman schreibe, begleitet mich der Roman von Ulla Hahn „Spiel der Zeit“.

Ich lese, wie sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt, und dass ihr das offenbar auch Mühe bereitet. Dass es nicht immer leicht ist. Das stärkt. Das bestärkt. Mir macht es auch Mühe.

Sie schreibt: „Hilla Palm (diesen Namen hat sie sich als ihre Hauptperson gegeben) ist also auf dem Weg zurück. In die Vergangenheit, wollte ich schreiben, aber dieses Zurück ist ja ihre Gegenwart, und wenn ich das jetzt und hier schreibe, ist es meine Gegenwart, und ich nehme am Schreibtisch eine Haltung ein, die mich meinen Körper vergessen lässt, denn ich brauche jedes Mal einen neuen Anlauf, neue Kraft, Hilla auf den Weg zurückzuschicken, nach Hause.“

Ulla Hahn bezeichnet sich als Alter Ego ihrer Protagonistin Hilla. Sie schreibt aus der Ich-Perspektive, und wechselt dabei zwischen Erzählerin und Hauptfigur. Sie weiß daher als Erzählerin mehr als die Protagonistin, kennt sie doch deren Zukunft. Sie beschreibt auch, siehe oben, wie es ihr als Erzählerin geht.

Eine sehr interessante Erzählform, die ich auch gewählt habe. Erst habe ich begonnen, aus der Sicht der Erzählerin zu schreiben, dann das ganze nochmals aus der Sicht der Hauptfigur. Es ging nicht. Ich habe gemerkt, dass der Wechsel zwischen beiden die einzig mögliche Erzählform für mich ist. Schwierig ist es allemal, wenn ich immer wieder mein Gestern, meine Vergangenheit werde.

Mein Anker ist seit Beginn meines Lebens die Natur. Gleich am Beginn des Buches wird Maria (so werde ich meine Hauptfigur nennen – wenn Maria im Laufe der Zeit nicht einen anderen Namen wählt) ihr 5-jähriges Leben als Gartenkind im Garten der Großmutter erzählen. Sie wird über ihren Lieblingsbaum, den Apfelbaum, der in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens steht, erzählen.

Sie ist einverstanden damit, dass ich euch ein paar Zeilen aus ihrer Erzählung schreibe:

„Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon.

Der Apfelbaum hat einen dicken, kurzen Stamm, so dass ich sehr leicht hinaufklettern kann und mir auch mein Kleidchen nicht schmutzig mache. Die Äste bilden eine große Gabel. Ich sitze mit meiner Puppe und meinem Buch fast so bequem wie in einem der hölzernen Liegestühle. Nur auf die Ameisenstraße muss ich aufpassen. Sie führt am Stamm und an einem der dicken Äste entlang.“

Mein jetziger Lieblingsbaum ist ein alter und mächtiger Nussbaum in meinem Garten. Ich gehe durch den und schaue in die immer lichter werdende herbstliche Blätterkrone des Baumes.

Ankommen. Hier und Jetzt.

Die Fragen nach dem Gelingen.

Wenn ich erzähle, dass das Schreiben nicht nur Vergnügen, sondern auch harte Arbeit ist, werde ich immer wieder gefragt: „Ja, aber wie ist das, wenn du scheiterst? Wenn du aufgibst? Jetzt hast du allen erzählt, dass du ein Buch schreibst, und dann wird es vielleicht doch nichts?“

Alles ist ein Risiko. Das Leben ist ein Risiko. Kann morgen vorbei sein.

Und ja – es könnte auch sein, dass ich mit dem Buch schreiben aufhöre.

Doch nicht weil ich scheitere oder aufgebe. Es würde eine bewusste Entscheidung sein.

Ein – ich kann das nicht, gibt es nicht.

Denn, wenn ich es wirklich, wirklich will, werde ich mir das nötige Handwerkszeug aneignen. Ich werde mir Unterstützung, und alles was nötig ist, was ich brauche, suchen.

Sollte ich jedoch merken, dass ich es vielleicht gar nicht wirklich will, dass es nur mehr anstrengende Arbeit ist, und nicht zwischendurch Vergnügen und Freude bereitet, dass keine Befriedigung nach einem gut geschriebenen Satz da ist, dann werde ich das Lebens-Projekt „Buch schreiben“ ganz bewusst schließen.

Doch – ich hätte es gemacht.

Und dieses „ich habe es gemacht“ – nicht „ich habe es versucht oder probiert“, sondern wirklich gemacht, ist im Rückblick auf mein Leben sehr wichtig. Denn, auch wenn ich mit so manchem wieder aufgehört habe, weil sich herausstellte – eigentlich will ich das doch nicht – weiß ich es jetzt. Ich habe es zumindest eine Zeit lang gelebt und erfahren.

Ich kann diesen Traum ad acta legen und muss ihm nicht nachweinen – „ach, hätte ich doch …“

Und so bin ich weiter am Schreiben.

Und wir werden sehen, wie es ausgeht …

 

Hahn Ulla: Spiel der Zeit, 2014, Deutsche Verlags-Anstalt, München

 

Gedichte über Sprachlosigkeit und Worte

007

Sprachlosigkeit

Sprachlosigkeit     

seit langem

sprachlos

bewegungslos

nicht geistlos                 

Im Kopf zu hause

alles mit dem Geist

begreifen wollen

nicht fühlbar

nicht spürbar

auf der Suche

nach Worten

mir wieder

begreifbar machen

Die Worte im Kopf

die Gefühle im Bauch

reduziert

auf funktionieren

Schreiben

leeres Blatt

füllbar mit Worten

fühlbar

fühlbare Zweifel

die Sicherheit des Weges ?

(M.K., 1995)

 

Das Lachen ausradiert

Spaß und Freude

verboten

Energie

zurückziehen

Ernsthaftigkeit

darüber stülpen

gibt

Überlegenheit                                   

(M.K., 1988)

 

Immer wieder

die Sprache

verloren

die Worte

nie

sprachlos

geworden

schrieb ich

Worte

auf

(M.K., 27 09 2017)

 

Ich bin

verstummt

an meinen

Worten

erstickt

das habt ihr gemacht

 

bis ich

eines Tages

die Worte

hinaus schrie

wochenlang

monatelang

das habe ich gemacht

 

mir die Lust

verboten

das habt ihr gemacht

 

bis ich

meine Lust

lebte

jahrelang

bis mein

Körper

in Stücke zersprang

das habe ich gemacht

 

mein Herz

umzäunt

mit Mauer

und Stacheldraht

das habe ich gemacht

 

Mauer abtragen

ein Leben lang

(M.K., 27 09 2017)

 

 

 

Ich ersticke an all dem Gelogenen

001

Zu Wort kommt das Kind und die Jugendliche

geschrieben am 3. Mai 2003 *)

 

Immer schon

Erstickte ich

An Eurem Gelogenen

Schon als Kind

Unbegreiflich

Wie ihr so redet und anders handelt

Schon als Kind

Habe ich eure Verlogenheit

Wahrgenommen

Und                              

Wurde mundtot gemacht

Ihr habt mich angeschrieen

Dass nicht wahr sei

Was ich

Sehe / denke / fühle

Aber

Es war wahr

Nur

Ihr wart nicht echt

 

Verlogen

Sucht ihr euch danach zu richten

Was andere von euch wollen

Verlogen

Sucht ihr zu erfüllen

Was ihr glaubt

Erfüllen zu müssen

Und

Vernichtet alles

Was anders ist

Und

Wenn es eure Kinder sind

Besonders

Wenn es eure Kinder sind

Denn

Die sollen ja genau so verlogen sein

Wie ihr

Und

Leiden

Denn die Erde ist ein Jammertal

Sagt ihr

Aber ihr

Ihr

Macht ein Jammertal daraus

 

Das Extreme

Das Extreme wollt ihr nicht

Das Extreme ist Lebendigkeit

Überschäumende Fröhlichkeit

Ein Wutausbruch

Eine durchtanzte Nacht

Sexuelle Ekstase

Nein

Ihr wollt ein Mittelmaß

Ein kontrollierbares

Und überschaubares

Mittelmaß

So wie ihr Euch selbst

Kontrolliert

Wollt ihr auch

Alles andere

Kontrollieren

Besonders

Eure Kinder

Eure Männer

Eure Frauen

 

Alles Lebendige

Im Keim ersticken

 

Die Fröhlichkeit

Aus euren Wohnungen und Häusern

Rauskehren

Die Herzlichkeit

Hinter einem Stacheldrahtzaun

Einkerkern

Die Sinnlichkeit / Erotik / Sexualität

Verteufeln

 

Alles Wahre / Echte / Lebendige

Vernichtet ihr

Erstickt ihr

Unter euren Decken der Lüge /

Verleugnung / eurem Hass /

Eurer Angst und Wut /

Eurer Scheinheiligkeit

 

Scheinmoral

Das ist euer Gebot

Da kennt ihr euch aus

Da seid ihr zu Hause

Arme Kinder

Die Euch Kleingeistern

Und Spießbürgern

Ausgeliefert sind

Arme Völker

Die ihr damit

Bekämpft und ausrottet

Arme Welt

Die ihr damit

Vernichtet

*) Aus meinem Textfundus, den ich für meine Biographiearbeit durchsehe:

In diesem Text kommt das Kind und die Jugendliche noch einmal zu Wort, um den Schmerz, die Verzweiflung und den Zorn auszudrücken, dem sie durch Ungerechtigkeit, Begrenzungen, Abwertungen, Scheinmoral und dem Verlangen nach unbedingten Gehorsam ausgesetzt war.

Ich wurde 1950 geboren. Bereits ein Kinobesuch in der Nachmittagsvorstellung mit 15 Jahren, oder der Besuch einer Tanzveranstaltung, des 5-Uhr-Tees, mit 17 Jahren, verstieß gegen die bürgerlichen Wertvorstellungen der Erwachsenen. So auch meiner Eltern.

Die Generation der Nachkriegsgesellschaft war geprägt von der Erwartung von Gehorsam und der Unterordnung gegenüber Autoritäten. Individuelle Freiheit, Spaß und das Ausleben von Sexualität wurden als Aufbegehren gegen die festgelegten Ordnungskriterien gewertet, die um Begriffe wie Anstand, Leistung und Disziplin kreisten. Die strenge Sexualmoral sah vor, dass Sexualität — vor allem für Mädchen —außerhalb der Ehe keinen Platz haben sollte. Jegliches Abweichen von der konventionellen Lebensform wurde von Autoritätspersonen wie Eltern oder LehrerInnen oft als Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung betrachtet.

Meine Revolution und mein Ausbruch aus den einengenden Lebensformen begann erst 1973. Nach Beendigung meiner ersten Ehe. Aber dann ging’s los …

 

 

Mein langer Weg zur Versöhnung mit meiner Mutter

003

Wenn mich meine Mutter gefragt hätte, warum ihr niemand dankbar (von Liebe wagte sie nicht zu sprechen) sei, obwohl sie sich doch so aufgeopfert habe, hätte ich ihr geantwortet:

Weil du nicht in dir zu hause warst. Da war niemand. Du warst außer dir. Immer darauf bedacht, zu erfüllen, was die Anderen von dir wollten. Nein – was du meintest, was andere von dir wollen. Dabei wusstest du nicht, was andere brauchen, weil du sie nicht gesehen hast.

Ich existierte nur in einer Vorstellung, die du dir über mich gemacht hast. Deshalb wusstest du auch nicht, was ich wirklich wollte. Und das, was du glaubtest, dass ich von dir will, wollte ich nicht. Kompliziert, nicht? Aber so ist es. Ein Quirl im Hirn. Sehr mühsam und unbefriedigend. Für beide Seiten.

Deshalb war dein Lächeln auch immer ein gezwungenes.

Deshalb hast du versucht, dir Liebe zu erkaufen. Mit Geld.

Du konntest mich nicht lieben, weil du dich selbst nicht liebenswert gefunden hast.

Du konntest nicht lieben, weil du nie die bedingungslose Elternliebe erfahren hast.

Dein Vater ist im Krieg ermordet worden. Deine Mutter konnte nicht lieben, weil sie bei einer bösen Stiefmutter wie aus dem Märchenbuch, aufgewachsen ist. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war.

Ihr Vater, also dein Großvater, konnte sich gegen diese, seine Frau, nicht wehren und „ging ins Wasser“. Er beging Selbstmord. Zurück blieb ein Kind – deine Mutter. Hilflos dieser  Stiefmutter ausgeliefert.

Doch da muss noch eine ganz andere, tiefere, Verletzung zwischen deiner Mutter und dir gewesen sein. Ungeliebt und ausgeschlossen aus dem Geschwisterkreis. Wenn ich mir das gemeinsame Familienbild betrachte, stehst du allein. Und so allein warst du dein ganzes Leben lang. Dabei dachte doch deine ältere Schwester, sie sei diejenige, die ausgeschlossen worden wäre. Der jüngere Bruder, eine Sonderstellung – der Sohn.

Eifersucht zwischen euch drei Geschwister – ein ganzes Leben lang.

Deine Mutter war dir keine gute Mutter.

Du warst mir keine gute Mutter.

Ich war meinem Sohn keine gute Mutter.

Deine Mutter hat lange Zeit Mutterstelle an mir vertreten. Obwohl sie doch meine Großmutter war. Sie versuchte mich auf ihre Seite zu ziehen. Lange Zeit ist ihr das auch gelungen

Du hast Mutterstelle an meinem Sohn vertreten. Obwohl du doch seine Großmutter warst. Du hast versucht ihn auf deine Seite zu ziehen. Ich ließ es nicht zu und er auch nicht.

In den letzten Jahrzehnten dann der unversöhnliche Hass zwischen dir und deiner Mutter. Im gemeinsamen Haus. Unaushaltbar. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Du schon.

Ich bin gegangen. Du nicht.

Deine Mutter unversöhnlich bis über den Tod hinaus. Wie sehr hast du darunter gelitten.

Bis ich aus diesem Familiensystem ausgestiegen und in Therapie gegangen bin.

Ich konnte mein eigenes Leid und das meines Sohnes, nicht mehr ertragen.

Meine Aufarbeitung unserer Geschichte, die mir die Möglichkeit gegeben hat, mich dir wieder anzunähern.

Erst musste ich weggehen. Für lange Zeit, in der du nicht wusstest, wo und wie ich lebe. Ich musste weg – um nicht mehr greifbar zu sein für dich.  Was du nie verstanden hast. Eine weitere Kränkung.

Ich musste weggehen, um Ich zu werden, und als eigenständige Frau mich dir wieder annähern zu können.

Ich hatte wieder Kontakt zu dir aufgenommen. 15 Jahre vor deinem Tod, weil du Krebs hattest. Wir haben uns langsam angenähert. Miteinander gesprochen. Gesehen hast du mich weiter nicht.

Als du wieder krebsfrei warst, habe ich dich in eine Auseinandersetzung gezwungen. Ja, gezwungen. Zum ersten Mal kamst du nach meiner Aufforderung und nach langem hin und her zu mir – in meine Wohnung. Bei dir zu Hause hattest du ein Heimspiel. Bei mir in der Wohnung warst du unsicher. Unbekanntes Terrain.

Als du da warst, habe ich abgesperrt, Damit du nicht weglaufen konntest. Deine übliche Reaktion. Oder deine emotionale Erpressung, dass du sofort und auf der Stelle einen Herzinfarkt bekommen wirst. Es zog nicht mehr. Und du hast keinen bekommen. Ich habe dir alles gesagt, was ich dir zu sagen hatte. Meine Kränkungen, meine Verletzungen, dein Desinteresse an mir und meinem Leben, das du nicht weißt, wer ich wirklich bin ….

Ich habe dich angeschrieen und du hast keinen Herzinfarkt bekommen.

Am Ende waren wir beide erschöpft und haben geweint. Jede für sich. Jede aus anderen Gründen.

Du bist aufgestanden und hast dich zum ersten Mal in meiner Wohnung umgesehen. Hast mir Fragen gestellt. Ich dachte – sie hat etwas verstanden.

Du wolltest gehen. Ich war einverstanden. Im Vorzimmer hast du dich angezogen und in deiner Tasche gekramt. Ich dachte – sie hat nichts verstanden. Wenn sie mir Geld gibt, ist es aus.

Dann hast du mich umarmt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals von dir im Arm gehalten worden zu sein.

Du sagtest – verzeih’ mir.

Und ich bin in deinen Armen zusammengebrochen. Ich weinte. Mein ganzer Körper hat gezittert. Und vielleicht habe ich sogar gehört, wie der eiserne Ring um mein Herz gesprungen ist.

Das schönste Weihnachtsgeschenk meines Lebens.

Das war der Beginn, nicht das Ende. Der Beginn einer weiteren Annäherungsstufe.

Am Ende deines Lebens, als der Krebs wieder zurückgekommen ist, bin ich zu dir zurückgekommen. In mein Elternhaus. Um bei dir zu sein und dich zu unterstützen. Hätte ich mir nicht vorstellen können, wenn es nicht bereits diese Annäherung zwischen uns gegeben hätte.

In diesen letzten zwei Jahren, die wir zusammen waren, haben wir zum ersten Mal gemeinsam gelacht.

Das selbstverständlichste der Welt ein außergewöhnliches Ereignis!

Du hast mich oft in den Arm genommen.

Du hast dich sehr oft bedankt bei mir.

Und immer wieder dein Erstaunen darüber, dass ich bei dir bin.

Du hast angefangen, MICH zu sehen. Du hast mich ERKANNT. Du hast gesehen wer ich bin.

Doch ich konnte nur die werden, die ich bin, weil ich von dir weggegangen bin.

In diesen letzten zwei Jahren haben wir uns ausgesöhnt. Und ich weiß daher, wie es ist, von der eigenen Mutter GESEHEN zu werden. Von der Mutter ANERKANNT zu werden. Welches Gefühl das ist.

Es ist eine Befreiung. Eine Herzöffnung. Eine Stärkung des Selbstbewusstseins als Frau.

Und deshalb kenne ich auch den Unterschied zwischen einer UNVERSÖHNTEN Tochter und einer VERSÖHNTEN Tochter. Ja, ich sehe sie – die vielen unversöhnten Töchter, wie sie noch als erwachsene Frauen um das Gesehen werden, um Anerkennung und Bestätigung, um Liebe kämpfen. Wie sie sich noch als erwachsene Frauen von den Müttern abwerten lassen und noch immer unterordnen.

Ich verstehe sie. Habe ich das doch lange Zeit auch gemacht. Weil ich nicht wusste, dass es anders möglich ist.

Ja, ich konnte auch gut als unversöhnte Tochter leben. Weil ich viel an mir gearbeitet habe. Und es war Schwerstarbeit, die ich da geleistet habe. Aber ich habe nicht aufgegeben. Weil ich MICH kennen lernen wollte.

Am Ende deines Lebens sagtest du – und du hast mich dabei angeschaut – du hast MICH gesehen – „wir hätten es so schön haben können“. Ja, Mama! Dieser Satz taucht jetzt immer auf in mir, wenn ich an deinem Grab stehe und ich füge hinzu: „Ja, wir hätten es so schön haben können und am Ende hatten wir es noch schön!“

Dass ich die Anerkennung und Liebe – ja, es war schon auch Liebe, die zum Schluss zwischen uns da war – erhalten habe, ist ein wunderbares und unerwartetes Geschenk.

Für Herz und Seele.

Ich bin unendlich dankbar dafür.