Über die Freiheit und das „Eins zu sein mit allem“ – Friedrich Hölderlin und ich – eine Annäherung …

Das Loslassen all der Dinge aus meiner Vergangenheit / das Auslichten, ging einher mit dem Loslassen von etwas zu Ende gelebtem, aber auch von  „etwas sein müssen / etwas darstellen müssen“.

Das war einerseits eine große Erleichterung / ein Aufatmen und tief Luft holen, –  ich spürte und wusste, das Ende war gut so. Andererseits entstand aber auch immer wieder Verunsicherung / eine Leere  – die Frage  „wer bin ich denn jetzt, wenn ich all das nicht mehr bin?“ und mündet jetzt langsam in der kindlichen Freiheit eines „Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin).

Ich lese zurzeit das Buch „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“ von Christoph Quarch, Philosoph, Autor und Denkbegleiter.

So wie Quarch in seinen kongenialen und interessanten Ausführungen und Erzählungen darauf hinweist – ja, wir brauchen ihn. Obwohl er bis dahin ein Unbekannter war für mich.

Und ich meine, dass viele andere Menschen, nicht nur diejenigen, die Corona mit Ängsten, Unsicherheiten und Lebensfragen konfrontiert hat, ihn auch brauchen könnten. Was könnte hilfreicher sein, als Worte die begeistern, aufwecken und lebendig machen im Angesicht des Todes.

Friedrich Hölderlin ist mehr als nur ein Dichter. Er ist einer, der begeistern kann, weil er den guten Geist zur Sprache bringt, der Menschen wachsen und erblühen lässt – schreibt Quarch. Und ja, er begeistert mich mit seiner Sprache und seinen Worten – jeden Tag ein noch mehr …

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Im Kapitel über die Freiheit schreibt Quarch:

„In der Vorrede zu einem der ersten Entwürfe (Fragment von Hyperion) schreibt er (Hölderlin, M.K.) 1794, auf dem Weg zur Freiheit müsse der Mensch eine exzentrische Bahn zurücklegen zwischen Geburt und Tod. Mit dieser Formulierung greift er einen Topos der damaligen Astronomie auf, mit dem die elliptische Kreisbewegung eines Kometen beschrieben wurde. Eine solche vom Zentrum hinaus zur Peripherie und dann wieder zurück zur Mitte führende Kurve sei auch der Lebensweg des Menschen: eine befreiende Bahn der Menschwerdung im eigentlichen Sinne – eine Bahn von kindlich-unschuldiger Unbewusstheit zum erwachsenen Bewusstsein der Verschmelzung von Natur und Geist:

Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsere Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind.

Die exzentrische Bahn, die der Mensch im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkt (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.

Immer gleich von einem einfältigen, gleichsam vorbewussten, natürlichen, ereigneten Zustand des Eins-Seins mit der Natur zu einem geistdurchwirkten, in Freiheit angeeigneten Zustand der Konvergenz von Natur und Geist: von dem Zustand der kindlichen Unschuld im Arme der Götter – in dem der Mensch vom Wohllaut des säuselnden Hains erzogen wird, die Lüftchen des Himmels mit ihm spielen und er unter den Blumen zu lieben lernt – hin zu jenem Höhepunkt des Lebens, an dem er vor dem Hintergrund aller leidvollen Erfahrungen, die die exzentrische Bahn seines Lebens bereitgehalten hatte, die Rückkehr in den Arm der Götter vollzogen hat und in aller Freiheit und Bewusstheit sagen kann:

Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.

Der Weg von der vorbewussten, kindlichen Verbundenheit mit dem lebendigen Sein dieser Welt hin zur bewussten Hingabe an das lebendige Sein dieser Welt … (…)

Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden allen Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber stehen oder nicht. (Vorwort zur vorletzten Fassung des Hyperion)

Dieser Frieden alles Friedens ist Hölderlins Formel für die existenzielle Freiheit. (…)

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Nach all den Jahrzehnten des Tuns in meinem reich gefüllten Leben, den von mir in die Wege geleiteten vielen Lebensveränderungen, dem Leben und Erleben der verschiedensten Lebensrollen, bin ich jetzt wieder in meinem Kindheitsgarten. Nicht ganz, aber sehr nahe. Mein Kindheitsgarten ist gegenüber meinem Haus und gleicht dem Garten, in dem ich letzt lebe. 

Und ich nähere mich täglich mehr den Worten Hölderlins an – „eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden …“

Über meinen Kindheitsgarten habe ich in meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ geschrieben:

„ (…) Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar. (…)“

Nach diesen frühesten Kindheitserlebnissen des „eins zu sein mit Allem“ – meinem behüteten und ruhigen Leben als Gartenkind – begann ein langer Lebenslauf. Ein Marathon – von einer Station zur nächsten. Nun mit 70 Jahren, habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl stehen zu bleiben.

Auch meine Lebensstationen im Buddhismus / im buddhistischen Kloster / in der Achtsamkeitsmeditation – waren Lebensstationen, nach denen ich wieder weiterging. Jedoch Achtsamkeit und Meditation begleitete mich seither mehr oder weniger regelmäßig. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst im Marathonlauf irgendwann zusammengebrochen. Wer weiß …

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ muss ich erst wieder lernen.

Ich bin dabei.

„Im Zen entdecken wir, dass wir nur durch die vollkommen selbstvergessene Hingabe an unser Tun Freiheit finden können. Für den einen kurzen Augenblick Freiheit von unseren Gedanken, Leidenschaften und Täuschungen. Wenn wir mit dieser Hingabe handeln können, finden wir heraus, dass das Selbst zurückkehrt, obwohl und nachdem wir es durch die Handlung selbst vollständig zerstört haben. Und es kehrt nicht nur zurück, sondern kehrt befreit vom Gepäck der Vergangenheit und der Last der Zukunft zurück.“

(Seigaku Kigen Ekeson Osho, Zen-Meister)

Am Fenster im ersten Stock hat sich in der oberen linken Ecke eine Eternitplatte verschoben. Dahinter nisten Spatzen. Ich sehe die Eltern ein- und ausfliegen und höre das aufgeregte Tschilpen der Spatzenjungen. Ich sitze auf meiner Terrasse und schaue ihnen zu …

Info:

Bild: Peter Krawagna

Das Wort „Auslichten“ habe ich von Cambra Skadé übernommen:

https://cambraskade.blog

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948206031/Quarch-Christoph/Zu-sein-zu-leben-das-ist-genug

Der Textauszug über meinen Kindheitsgarten aus meinem Buch „Lebenszeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

https://shop.falter.at/detail/9783990708866

Friedrich Hölderlin: Hyperion

https://www.weltbild.at/artikel/buch/hyperion_21368767-1

Im obigen Text sind Textzeilen aus Hölderlins Gedicht, das er über seine frühe Kindheit schrieb, zitiert:

Da ich ein Knabe war

Rettet’ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

Alle Bücher sind auch in deiner Buchhandlung vor Ort erhältlich!

Die Schönheit der Worte

Ich entdecke die Schönheit und Intensität des langsamen Lesens.

Manchmal lese ist laut / betone die Worte / die Sätze – immer anders, auf der Suche nach dem richtigen Ton. Der Ton macht die Musik – und die Worte beginnen zu klingen …

Manchmal lese ich in Gedanken laut und höre mich in meinem Innersten die Worte aussprechen, die dadurch an Bedeutsamkeit und Fülle gewinnen. Je öfter ich laut lese, desto besser gelingt das Hören der inneren Stimme.

Und ich frage mich, wann ich begonnen habe, zur Schnellleserin zu werden, – den Inhalt eines Satzes zu erfassen, ohne jedes einzelne Wort zu lesen. Einzelne Worte zu verschlucken ohne sie zu genießen, so wie man eine Speise in sich hineinschlingt und die verschiedenen Aromen nicht mehr wahrnimmt.

Habe ich begonnen, als meine Eigenmächtigkeit über meine Zeit zu Ende ging, damals, als ich als heranwachsendes Mädchen Haushaltsarbeiten übernehmen sollte und ich mit meinem Buch, versteckt unter meiner Schürze, in einem Winkel verschwand, um schnell noch ein paar Zeilen zu lesen, bevor der Ruf mich erreichte – „steckst du deine Nase schon wieder in ein Buch?“ / „hast du nichts zu tun?“

War es als bereits erwachsene und berufstätige Frau, und ich nicht wusste, was ich als Erstes und als Nächstes lesen sollte. Gab es doch so vieles, das mich interessierte – und ich mich in meinen vielen Interessen verlor. Die Worte nicht zu Ende lesen konnte, – sie in ihrer Tiefe gar nicht mehr erfasste.

Heute nehme ich mir Zeit.

Je weniger Lebenszeit mir bleibt, desto mehr Zeit nehme ich mir.

Nicht nur beim Lesen. In allem.

Sich von der Geschäftigkeit des Lebens frei machen schafft Gegenwart. Das „Hier und Jetzt“ – über das ich bereits so oft geschrieben habe.

Also hat das „Jetzt“ auch Eingang ins Lesen gefunden.

„das Buch in meiner Hand

so viele Worte für die Stille der Nacht

das Schweigen im Raum wird tiefer

die Schatten dunkler

die Stunden schreiten voran

so viele Worte die den Raum erhellen“

habe ich in einem Gedicht geschrieben.

Gerne würde ich so manche Worte und Sätze in anderen Sprachen lesen.

Wie würden sie klingen?

Wie sich anfühlen?

Das habe ich versäumt.

In der Zeit, in der ich noch viel Zeit vor mir hatte.

Doch, – kein Bedauern.

Es ist, so wie es ist.

Es ist gut, so wie es ist.

Viele Sätze, die ich jetzt, in der „langsamen Zeit“, gelesen habe, könnte ich anführen. Soeben habe ich die Worte von Vasily Smirnov gelesen:

„Seit Tagen fällt Schnee in großen, langsamen Flocken. Wenn ich vor die Tür trete, ist es zuerst, als hörte ich nur Stille. Nach einiger Zeit dann höre ich das Geräusch der fallenden Flocken. …“

Solche langsamen und stillen Sätze können mich bezaubern. Lese ich mit großer Bewunderung. Ich kann sie nicht oft genug lesen. Langsam.

Und ich kann die großen Schneeflocken auf meiner warmen Hand sehen und spüren. Sie schmelzen und laufen in Tropfen über meinen Handrücken auf mein Buch.

Welch ein Zauber der Worte.

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Den Text von Smirnov habe ich im Buch „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier gelesen, das mich angeregt hat, diesen Text zu schreiben.

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Schreiben macht keine neuen Menschen. Aber es schafft Klarheit und Verstehen. Oder doch den Anschein. Und wenn man mit seinen Worten Glück hat, ist es wie ein Aufwachen zu sich selbst, und es entsteht eine neue Zeit die Gegenwart der Poesie.“

(Pedro Vasco de Almeida Prado)

Aus Pascal Merciers Buch “Nachtzug nach Lissabon”

26 05 2020

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen …

“All you have to do is write one true sentence.

Write the truest sentence that you know.”

(Ernest Hemingway)

„Alles was Sie tun müssen, ist einen wahren Satz zu schreiben.

Schreiben Sie den wahrsten Satz, den Sie kennen.“

I Wortlos im Schweigen

Seit einiger Zeit schon versinke ich im Schweigen auf der Suche nach meiner Sprache. Leise schält sich durch verschiedene Schichten des Seins ein ursprüngliches Sein heraus, das eine andere Sprache spricht.

Wie eine Fremdsprache muss ich es neu lernen.

Auf der Suche nach Worten spaziere ich über die Felder / umkreise die Seen / sitze beim Schreibtisch und schaue in den Garten …

Ich stehe in der Stille des Sees.

Nein, nicht der See ist still.

Die wahren Worte sind – „der See und ich sind eins“.

Nur wenn es ganz still wird in mir, sind wir eins.

Ich bin die Stille.

Aus den langen, dunkelgrünen, spitz zulaufenden Blättern der Iris ragt der schlanke Blütenstamm der gelben Schwertlilie.

Über mir am Baum krächzt ein Rabe.

Das Schauen lenkt mich ab vom Sein.

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück zum Atem und atme – ein und aus …

Eines meiner Mantren – „So Ham – Ich bin (das)“ …

Mit dem Einatmen – So – mit dem Ausatmen – Ham – „Ich bin, die ich bin“ …

Ich bin der See / die Schwertlilie / der Rabe …

Ich bin das …

Ich sitze beim Schreibtisch und suche nach Worten.

Und all die Worte geben meine Erfahrung – das SoSein – nicht wieder.

Gibt es den wahren Satz / die wahren Worte – um das SoSein beschreiben zu können? Ist das SoSein nicht jenseits der Worte?

„(…) In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann. (…)“

schreibt Bruno Mesa in seinem Gedicht „Schweigend“. 1)

„Eine Wahrheit, die man nur schweigend lernen kann …“

Die Wahrheit jenseits der Worte?

„Ich habe den Mund meiner Seele geöffnet und deinen göttlichen Atem eingesogen.“ (Anonyme Quelle)

Nochmals Bruno Mesa:

„ (…) In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst. (…)“

Nach all diesen Worten zum SoSein eine Erzählung über mein kleines Mädchen, das einstmals, als die Welt noch ganz anders war als heute, all diese Fragen nicht gestellt hat. Jenseits aller Worte war sie einfach da – „So Ham“.

Sie war ein Gartenkind und lebte in ihrem Kindheitsgarten. Alles, was sie sah, entzückte sie – „in ihrem Sein war ein Rausch“. Sie war das Gänseblümchen, dem sie täglich beim Wachsen zusah, – ohne den Wunsch, es pflücken zu wollen. Sie saß stundenlang in der Astgabel am Apfelbaum und beobachtete die Ameisen, die die Ameisenstraße entlang liefen. Hinauf und wieder hinunter. Es gab nichts Spannenderes als diese Ameisen. Und – ich möchte heute sagen – mit Ehrfurcht sah sie zu.

So Ham – ich bin (das) – sie war das Gänseblümchen, die Ameisen, der Schmetterling; und sie war die Ribisel – die sie liebevoll und achtsam von der Staude pflückte und sie mit geschlossenen Augen verspeiste, – welch ein Genuss.

Wann war sie nicht mehr So Ham?

Als sie die Worte kennen lernte und sich ihr Märchenbuch mitnahm in die Astgabel? Noch immer Acht gebend auf die Ameisenstraße, aber versunken in den Worten der Geschichten …?

War es als sie in Schule kam und schreiben und rechnen lernte …?

War es als sie die schmerzliche Erfahrung machte, dass ihr „Ich bin, die ich bin“ nicht erwünscht war / nicht in Ordnung war …?

In den letzten Jahren habe ich mich von vielen Bildern, die ich über die Welt und mich hatte, verabschiedet. Ich habe vieles herausgeschrieben aus mir und mich verabschiedet – vor allem in den Erzählungen –  „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“ / „Medea geht in Pension“ / „Vom Vergeben und Verzeihen“ …

II Wortlos in der Ekstase

Die andere Seite der Medaille – Schweigen und Stille -, ist die Ekstase. Das Leben beruht auf Gegensätzen – Tag und Nacht / Sommer und Winter / Leben und Tod …

Die andere Seite des Schweigens ist Musik und Tanz.

Sich ganz in der Musik verlieren – eins werden mit den Tönen – sich selbst / das Ich – vergessen und sich mitnehmen lassen in einen anderen Raum.

Wenn ich meinen Körper / jede Zelle meines Körpers / mit den Tönen der Musik mitschwingen lasse, kann ich zu jeder Musik tanzen. Und es wird immer anders sein. Ganz gleich ob das Musik von Bach / Mozart / oder Pink Floyd ist. Ganz gleich ob Gregorianische Gesänge oder Oshos Tanzmeditationen sind.

Osho schreibt:

„Musik ist Meditation – kristallisiert in einer bestimmten Dimension. Meditation ist Musik – ins Dimensionslose aufgelöst. Sie sind nicht zwei. (…) Du gehst in ihr auf, du wirst betrunken in ihr. Etwas aus dem Unbekannten senkt sich über dich … (…) Du bist auf einmal in einem tiefen Orgasmus mit dem Ganzen; mit dem All. (…) 1)

So Ham …

„(…) Du atmest ein und du atmest aus, und darin ist Rhythmus und Harmonie. Das Einatmen ist weder gegen das Ausatmen noch ist das Ausatmen gegen das Einatmen. Beides gehört ein und demselben Vorgang an. (…)“ (2)

Die vergessene Sprache der Ekstase.

Auch hiefür gilt es Worte zu finden.

In meiner Erzählung „Das Geheimnis des Berges“ habe ich über eine Wanderung auf einen Berg im Anagagagebirge auf Teneriffa erzählt. Der Berg hat mich gerufen, und als ich ihn verließ, schrieb ich: „(…)Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war. (…)“

So Ham …

Ohne Abschied nichts Neues.

Ohne Loslassen nichts Neues.

Ich schreibe weniger.

Ich schreibe anders.

Ich habe die wahren Worte noch nicht gefunden – vielleicht in Ansätzen erahne ich sie …

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Hier das Gedicht von Bruno Mesa, aus dem ich zitiert habe:

Schweigend

In schweigenden Menschen liegt eine Wahrheit,

eine Güte,

die man nur schweigend lernen kann.

Doch auch in den Steinen,

der Parkbank

und dem quietschenden, verlassenen Stuhl:

eine Bitte und eine Wahrheit.

In diesen Dingen erlöse ich mich täglich,

gehe ungewollt auf sie zu.

Sie bejahen in ihrer Sprache,

was ich in meiner nicht sehen kann.

In ihrem Sein liegt ein Rausch

und eine Wahrheit, älter

als die Wahrheit selbst.

(Bruno Mesa, übersetzt von Magdalena Kotzurek) 1)

Info:

1) Grand Tour. Eine Reise durch die junge Lyrik Europas; Hanser Verlag

2) Das Buch, 1988 gekauft hieß damals: Das Orangene Buch. Die Meditationstechniken von Bhagwan Shree Rajneesh

Heute heißt es: Das Orangene Buch. Die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert; Innenwelt Verlag

3) Osho: Glück, Ekstase und das Lied des Seins. Über die poetischen Verse des Mystikers Kabir; Innenwelt Verlag

Vom Vergeben und Verzeihen

Aus dem theoretischen und dem ErfahrungsWissen heraus, dass wirkliches Herzens-Vergeben und –Verzeihen nur möglich ist, wenn ich den Verletzungen meines inneren Kindes genügend Beachtung geschenkt habe – …

wenn ich das innere Kind genügend auf die bösen Eltern und alle anderen schimpfen und klagen habe lassen und mich an seine Seite gestellt habe; wenn ich es immer wieder in den Arm genommen und ihm – so wie meine Großmutter es tat – vorgesungen habe –

Heile, heile Gänschen

es ist bald wieder gut

es Kätzchen hat ein Schwänzchen

es ist bald wieder gut

heile, heile Mausespeck

in hundert Jahr ist alles weg

– …

wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein.

Das innere Bild des kleinen Mädchens, das in einer Ecke sitzt, die Arme um die angezogenen Knie gelegt, den gesenkten Kopf auf den Armen abgelegt, die Haare, die nach vorne fallen und man daher ihr verweintes kummervolles Gesicht nicht sieht, hat sich gewandelt.

Das jetzige innere Bild des kleinen Mädchens ist ein Mädchen, das mit erhobenen Armen, das Gesicht der Sonne zugewandt, umgeben von Schmetterlingen und Bienen, mit ihren strahlenden Augen über die Blumenwiese tanzt und vor sich hin trällert …

Auf sie habe ich lange gewartet.

Und wenn sie wieder da ist – so da ist – kann auch den erwachsenen Menschen aus der Kindheit, die durch ihren eigenen Schmerz so viel an Schmerz verbreitet haben, vergeben werden …

Heile, heile Gänschen …

…..

Und JETZT geht die 70-jährige in den Garten, hebt ihre Arme und das Gesicht der Sonne entgegen – und tanzt an der Hand des lachenden kleinen Mädchens.

Welch wundervolle Welt – trotz allem …

Welche Welt voller Wunder …

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„Gib mir noch eine kleine Weile Zeit:

ich will die Dinge so wie keiner lieben“

(Rainer Maria Rilke)

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Postscriptum:

Der lange Weg bis zu Obigem …

1984 begann ich mit einer Therapie, da ich merkte, dass ich mich nicht zu leben traute, wie ich leben wollte – Ängste / Scham / schlechtes Gewissen / etc. beherrschten mich

1984 – 1990 Kennenlernen des Buddhismus / Aufenthalte im buddh. Kloster in Sri Lanka / Yoga- und Meditationsausbildung

1988 begann ich mit der Ausbildung zur Psychotherapeutin – nochmals mit viel Eigen- und Gruppentherapie.

1990 – 2015 – ein langer Lern- und Erfahrungsprozess in der Begleitung meiner Klient*innen in meiner Praxis

In all diesen Jahren das Kennenlernen von verschiedensten anderen Therapie- und Heilmethoden nicht nur durch Seminare, sondern auch von mehr und weniger langen Eigentherapie.

Und mit all diesem und noch viel mehr kreiste ich zu Zeiten auch immer wieder um das Vergeben und Vergessen.

Ich schätze das Erfahrungswissen mehr als theoretisches Wissen, wobei natürlich die Theorie als Handwerkszeug sehr wichtig ist.

In meiner Erzählung „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“, geschrieben im Jänner dieses Jahres, habe ich geschrieben, dass ich mir nie hätte vorstellen können, meine Tagebücher zu entsorgen, und wie wichtig es plötzlich für mich war, damit auch weiter Vergangenheit loszulassen.

Vielleicht gibt es nochmals einen Durchgang – jedoch mit meinem kleinen, fröhlichen Mädchen im Arm wird es ein leichtes sein!

Neues erfahren und erleben / sich wandeln / bis zum letzten Tag …

Die so genannte Normalität

Dieser Tage hatte ich eine allergische Reaktion auf einen Insektenstich.

Eine allergische Reaktion auf den Begriff „Normalität“ habe ich bereits den Großteil meines Lebens.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Das Kind und vor allem das jugendliche Mädchen, das immer wieder hörte, nicht normal zu sein – weil sie anderes, und vor allem mehr wollte, als für sie vorgesehen war.

Abgesehen davon, dass mich „Normalität“ daher immer schon eher abschreckte, als beruhigte, möchte ich nicht zurück zu der „Normalität“, nach der sich offensichtlich viele sehnen.

Die jetzt erwünschte Normalität bedeutet einen Zustand / ein System / eine Entwicklung – die uns genau da hingeführt hat, wo wir heute sind – in der bereits begonnenen Klimakatastrophe und zu Covid-19.

Für mich ist es absolut nicht normal, dass Tonnen von Lebensmitteln, Kleidung und Geräte weggeschmissen werden / die Landwirtschaft mit Pestiziden arbeitet, die die Umwelt und damit auch uns Menschen zerstört / Tiere grausam gefoltert werden, um Kosmetika zu erzeugen / Menschen hungern müssen und ausgebeutet werden / Menschen als Flüchtlinge in Lagern zusammengepfercht sind und im Meer ertrinken / diese Liste könnte ich noch lange fortführen – sehr lange …

Das ist also „Normalität“?

Am Absurdesten ist für mich auch das so genannte Reisen, das kein „Reisen“ ist, sondern ein Zeitvertreib. Die „Reisenden“ werden durch die Hotspots der verschiedenen Kulturen getrieben, um sofort wieder in den, vor Einheimischen – die man nur als Bedienstete wahrnimmt – sicheren Hotels zu landen, in denen es „Zeitvertreib“ rund um die Uhr gibt.

Von den ganzen Absurditäten stehen für mich an oberster Stelle die Kreuzfahrtschiffe. Als ich zum ersten Mal vor zwei Jahren in dem kleinen Hafen einer meiner Lieblingsstädte – Triest – neben einem dieser monströsen Ungetüme stand, hat es mir den Atem genommen. Ganz weit oben / über mir / auf den Balkonen / standen Menschen, die ich gar nicht richtig wahrnehmen konnte. Das Schiff hatte nur kurz angelegt, um weitere Menschen aufzunehmen. Die an Bord waren und den Boden von Triest nie betreten haben, werden sicher irgendwann irgendwem erzählen, sie seien in Triest gewesen …

Doch sie wissen nichts von den engen Gassen der Altstadt / dass man auf Schritt und Tritt über die Vergangenheit stolpert – im wahrsten Sinn des Wortes – da gleich ums Eck schon wieder eine Ausgrabung im Gange ist, bei der man lange regungslos stehen kann um zuzuschauen, wie mit einem Pinsel die Spuren der Vergangenes hervorgeholt werden / sie wissen auch nichts von den historischen Literaten-Cafés, in denen sich Svevo und Joyce trafen / und sie wissen nicht wie Triest riecht und wie der Sonnenuntergang am Abend auf der stillen Mole das Wasser glitzern lässt …

Ja, was ist Normalität?

Es muss sich nicht Jedermann und Jedefrau für Literaten-Cafés interessieren. Das sind meine ureigensten Interessen.

Jedoch zu hinterfragen – ist das von mir Gelebte, für meine Mitmenschen und für meine Umwelt gut – wäre sicher JETZT angebracht …