Gedanken über das Patriarchat und das Buch „Patriarchatskritik“

Das Wort „Patriarchat“ und somit auch das Buch „Patriarchtskritik“ von Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin, Publizistin der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung (IPKF), löst Emotionen aus. Viele unterschiedliche.

Und auch Missverständnisse. Das geht von „Endlich ein fundiertes Buch“ bis „Schon wieder diese Männerhasserinnen“ etc.

Liebe Frauen und Männer!

Kritik am Patriarchat bedeutet nicht gegen Männer zu sein!

Im Gegenteil. Viele Männer leiden genauso unter dem patriarchalen System wie Frauen. Und ich möchte sagen – immer mehr.

Und – nicht alle Frauen sehen das so. Sie haben sich eingerichtet im System.

Vieles ist zur Gewohnheit geworden. Und es ist nicht so leicht, die (scheinbare) Komfortzone zu verlassen.

Das Patriarchat ist ein altes, jedoch nicht uraltes System. Denn vor dem Patriarchat gab es auch anderes.

„Nur einen sehr kurzen Zeitraum der Menschheitsgeschichte leben wir in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die von gewaltsamen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Viel länger war die Lebensweise des Menschen friedlich, weil matrifokal. Eine matrifokale Lebensweise stellt Mütter und Kinder ins Zentrum und setzt auf ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern.“ *)

Das Patriarchat ist vor allem ein veraltetes System, das den Menschen, der Natur, den Tieren, schadet. Man braucht sich nur umzusehen in der Welt, so wie sie jetzt ist und dabei ist zu werden. Ja, Männer haben das Patriarchat errichtet und Frauen haben sich darin eingerichtet. Die „Patriarchatskritik“ gibt Auskunft darüber.

Ich sehe es auch nicht als einen „weiblichen Weg“, sondern einen „gemeinsamen Weg“. Ich zitiere da immer Sabine Lichtenfels, weil sie meine Meinung so gut formuliert hat:

„Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat. Wir laden alle engagierten Männer ein, sich unserer Friedensarbeit anzuschließen.“

Die Gleichsetzung von „Patriarchatskritik = gegen Männer zu sein“ ist mit ein Grund, warum ich bis jetzt gezögert habe, Armbrusters Texte zu veröffentlichen, weil ich weiß, dass viele – Männer und Frauen – beim Thema Patriarchat sogleich aufhören zu lesen, weil sie der Meinung sind, es handle sich um Männerhass. Das ist sehr schade. Dass viele auch meinen, es sei eine weitere Spaltung der Gesellschaft und dies leid sind, verstehe ich. Aber so ist es nicht. Möchte ich auch nicht.

Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft. Auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.

Jedoch nicht darüber zu schreiben, wäre feige. Ich erinnere mich an die vielen Anfeindungen und auch Bedrohungen denen ich ausgesetzt war, wenn ich für Frauenrechte eingetreten bin – siehe weiter unten im Text ein Bericht über eine davon. Ich denke, diese Erinnerungen haben auch dazu beigetragen, dass ich es bis jetzt vermieden habe.

Jedoch:

Die „Bestellungen beim Universum“, die eine Zeit lang angesagt waren, sind wieder vom Bücher-Himmel verschwunden, weil es so nicht funktioniert. Die Bestellung allein genügt nicht. Man muss schon etwas dafür tun.

Wenn sich ein neuer Weg an einer Wegkreuzung auftut, muss man ihn schon gehen. Es reicht nicht, an der Kreuzung sitzen zu bleiben und zu warten, dass der Weg zu einem kommt. Man muss schon etwas dafür tun – ihn gehen, auch wenn es vielleicht vorerst ein steiniger Pfad ist und keine Autobahn.

Wenn viele Frauen vom Ende des Patriarchats sprechen, sitzen sie doch an der Wegkreuzung und warten, dass das Universum das erledigt. Wobei das Universum doch bereits so kräftig mitwirkt – siehe Klimakatastrophen – es schreit sozusagen: Es reicht!

Die „Patriarchtskritik“ schreit nicht – obwohl sie das tun könnte – aber sie weist mit vielen Erkenntnissen darauf hin. Sie macht vieles klar, warum es so gekommen ist und warum es so nicht weitergehen kann.

Es bedarf einer höchst notwendigen intensiven und diffizilen Auseinandersetzung damit.

Den Weg gemeinsam gehen – Frauen und Männer.  

Ich weiß, dass  sich Kirsten Armbruster mit dem Thema „Patriarchatskritik“ Angriffen und Unverständnis aussetzt. Ich erinnere mich an Johanna Dohnal, als sie 1990! die erste Frauenministerin Österreichs wurde, – wie sie angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Wie viel an Unverständnis für die Notwendigkeit von Frauenrechten vorhanden war. Wie unnötig und störend dies alles ihre männlichen Kollegen fanden.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Mahatma Gandhi)

Armbruster bringt zur Sprache, was zur Sprache gebracht werden muss.

Und dies sehr professionell, ausführlich und umfassend.

Auf 650 Seiten fasst sie ihre Arbeit zusammen. Sie decodiert die Gehirnwäsche des Patriarchats, der wir alle ausgesetzt sind, mithilfe eines wissenschaftlichen, interdisziplinären Forschungsansatzes, in der Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie, der Religionswissenschaften, der Linguistik, der Soziologie, der Biologie, der Genetik, der Kulturwissenschaften und der Landschaftsmythologie einfließen.“ (Armbruster)

Begleitet und unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann, Franz Armbruster, der eine reiche Auswahl an Fotos beisteuert. Mich faszinieren u.a. die vielen Höhlenzeichnungen, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Sebastian Tippe, Diplompädagoge, hat den Text „Toxische Männlichkeit“ beigesteuert; Rona Duwe, Grafik- und Webdesignerin, Feministin und Autorin, den Text „Liebe und Sexualität“.

Zur Archäologie und Umdeutung der Geschichte: Jahrhundertelang hatten Männer die Deutungshoheit über Ausgrabungen – weil es keine Archäologinnen gab – und wenn, dann nur als Zuarbeiterinnen für die Männer. Männer deuteten aus der Sicht der Männer.

Zu Frauenrechten: Johann Dohnal, wie schon erwähnt, erst 1990 die erste Frauenministerin in Österreich. Wie wurde sie angefeindet, wie musste sie kämpfen. Männer fanden ihre Sicht als Frau in der Politik nicht wichtig und auch störend.

Erfindungen: Wurden den Männern zugerechnet. Erst in den letzten Jahrzehnten  wurden die vielen Erfindungen öffentlich, die von Frauen gemacht wurden. Was nicht sein soll, durfte nicht sein.

Psychoanalyse: Ein weites Feld, das zeigt, dass Frauen am Beginn des letzten Jahrhunderts noch als Hysterikerinnen behandelt wurden und in Irrenhäusern landeten, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollten, selbständig sein wollten, oder in der Ehe vergewaltigt und missbraucht wurden (was damals nicht so gesehen oder bezeichnet wurde).

Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin (1989) im tiefsten ländlichen Bereich an der tschechischen Grenze: Männer bedrohten mich mit Gewalt, weil ihre Frauen den Anspruch erhoben, zumindest am Abend das Auto benutzen zu dürfen, um zu Workshops und in Therapie zu fahren, etc. – ich hätte ihnen diese „Flausen in den Kopf“ gesetzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprachen die Frauen über den Alkoholmissbrauch ihrer Männer und über Gewalt in der Beziehung.  

„Die Patriarchatskritik delegitimiert die Definitionsmacht des Patriarchats und entlarvt sie als androzentrischen Irrtum, wie Gerda Lerner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Entstehung des Patriarchats“ treffend formuliert hat. Lerner schrieb:

Historiker haben das Wirken von Frauen zugeschüttet“ … Frauen hatten keine Geschichte – das wurde ihnen gesagt, und das glaubten sie. So war es letzten Endes die Hegemonie des Mannes über das anerkannte Symbolsystem, durch die die Frauen am entschiedensten benachteiligt wurden“. *)

Viel wäre da noch dazu sagen.

Vieles steht im Buch.

In das Buch – so umfangreich – habe ich bis jetzt nur hinein geschmökert. Trotzdem empfehle ich es. Weil es notwendig ist, sich damit auseinander zu setzen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht immer einer Meinung mit Armbruster sein werde. Nicht bei der Geschichte, das ist allein ihre Domäne, aber vielleicht bei den Lösungsansätzen. Doch das ist normal! Man kann nicht immer in allem einer Meinung sein. Ich stimme nicht allem bedingungslos zu, nur weil ich eine Frau bin.

Doch wenn es einen grundlegenden und wesentlichen Inhalt gibt mit dem ich übereinstimme, ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen und in einen Diskurs zu treten.

Und das ist es.

Lasst uns darüber reden.

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Das Buch „Patriarchatskritik“ von Kirsten Armbruster, zu bestellen bei deinem Buchhändler ums Eck

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Begriffserklärung:

„Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden (vergleiche Männlichkeit). Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.

Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm Abweichende“ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei „Mensch“ als „Mann“ und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt. …“

https://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

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*) Kirsten Armbruster: https://herstory-history.com

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Sebastian Tippe: https://feministinprogress.de/ueber-mich/

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Rona Duwe: https://mutter-und-sohn.blog/autorin-fuer-familien-und-gesellschaftsthemen/

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Sabine Lichtenfels: https://www.tamera.org/de/heilung-der-liebe/

alles ist eins

schönheit und tod alles ist eins

die liebe stirbt nicht alles was war ist

die zeit ist unendlich mit meinen

geschlossenen Augen sehe ich dich

vom nebel verschluckt die worte

zittrig gefühlt schmerz und traurigkeit

ein lächeln meine hand in deiner hand

alles was war ist

*

schmerz und traurigkeit und lächeln alles ist eins

herbstlaub unter meinen füßen

schönheit und tod

(M.K., 07 11 2019)

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“It’s time that we began to laugh
And cry and cry and laugh about it all again”

(Leonard Cohen)

Ich hatte einen Traum

Im März 1996 hat die österr. Frauenzeitschrift „AUF“ meine Erzählung über das Leben meiner Großmutter veröffentlicht. Meine Großmutter lebte damals noch und sie hatte eine „schamhafte Freude“ über diese Veröffentlichung. Scham – weil wir sie und ihr Frauenleben so wichtig nahmen. Es sind ihre Erzählungen über den Tod ihrer Mutter als sie drei Jahre alt war enthalten – „… sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir neben der toten Mutter …“ ebenso wie über ihre Dienstmädchenzeit in Wien und dass sie diejenige ist, die ihrem Mann immer Mut macht. Außerdem sind Auszüge aus den Briefen ihres Mannes enthalten, die er ihr aus Russland schreibt – „… mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss …“

Ich habe die Erzählung meiner Großmutter, einem Dienstmädchen, und meiner Urgroßmutter, einer Schneiderin, gewidmet.

Ich hatte einen Traum

Erst hatte sie den Traum von einer glücklichen Familie — einem guten Mann, einer treu sorgenden Gattin und Mutter sowie braven und lieben Kindern. Dann kommt der Krieg. Er schreibt am 18. Oktober 1942 aus der Gefangenschaft in Russland:

„… und einen Umschlag mit den alten Briefen habe ich auch nach Hause geschickt, weil ich schon einen ganzen Haufen hatte, und verbrennen will ich’s aber nicht. Ich will sie in unseren alten Tagen mit Dir, mein Lieb‘, durchstudieren, was wir uns beide alles Gute und Schlechte geschrieben haben. Aber auch Du sollst die Briefe alle aufheben, die ich Dir schreibe !…“

Sie hebt die Briefe alle auf, aber er kommt nicht wieder nach Hause… Aus der Traum.

Der zweite Traum, den sie hatte, ist der einer Mutter, die ihre Kinder heranwachsen sieht, denen es besser gehen soll als ihr; einer Großmutter, die ihre Enkelkinder groß zieht, und die in der Gebor­genheit dieser Familie alt wird. Auch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ich möchte aber von dem ersten Traum erzählen.

„Ich habe geträumt, ich steh‘ in der Haustür und mein Mann kommt auf das Gartentor zu. Er hat seinen Sonntagsanzug an, und ich kann ihn ganz genau sehen. Ich gehe ins Haus hinein, denn ich möchte ihn drinnen erwarten.“

Dies erzählt die alte Frau, sie ist 87 Jahre alt, ihrer Enkeltochter. Ihr Mann, den sie in ihrem Traum auf das Haus zukommen sieht, ist vor 51 Jahren im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft gestorben. Er ist nicht gefallen — wurde nicht von einer feindlichen Kugel ge­troffen – er starb an der Ruhr, an Heimweh, an Sehnsucht nach sei­ner Familie, und an Mutlosigkeit. Denn die, die ihm Mut gab, war nicht bei ihm. Die Briefe, die er ihr schreibt, sind Briefe der Liebe

und der Sehnsucht. Er braucht ihre Stärke, aber sie ist zu weit weg. Am 22. Juli 1943 schreibt er nach Hause:

„… ich hatte heute eine sehr schlechte Nacht, konnte überhaupt nicht schlafen, meine Gedanken sind immer bei Euch zu Hause, was Ihr so macht, und wie es geht. Das soll doch schon bald alles der Teufel holen, ich weiß nicht, mich verdrießt es jeden Tag mehr und mehr, und immer diese Versetzungen, jetzt bin ich seit 5. Ok­tober 42 fortwährend auf der Tour, mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss…“

Heute glaubt sie, dass sie seine Stärke braucht, um es »denen« zu zeigen. »Die« — das sind ihre Kinder, die sie in der Zeit der Arbeits­losigkeit zur Welt gebracht hat, für die sie in der Zeit des Krieges allein verantwortlich war, für die sie sorgen musste, und die sie ei­nen Beruf lernen hat lassen, damit sie es einmal leichter haben im Leben. Die, das sind drei Kinder, von denen sich zwei von ihr abge­wandt haben. Ein Kind bleibt aus Pflichtgefühl. Sie hat ihr ganzes Leben diesen Kindern und ihren Enkelkindern gewidmet, hat sich »aufgeopfert«, so wie viele Frauen aus dieser Zeit. Sie hat nie mehr geheiratet, war ihr ganzes Leben lang diesem Mann verbunden, mit dem sie zwölf Jahre zusammenleben durfte. Dass dieses »Aufopfern« auch beinhaltet, dass sie ihre Kinder nie losgelassen hat, und diese auch nicht fähig waren, sich ihrer Stärke entgegenzustellen und zu gehen, drückt sich heute, wie in so vielen ungelösten Konflikten, durch Streit und Zorn aus.

Ihr Leben ein Traum, ein sich nicht er­füllender Traum …

Sie wurde im Jahre 1909 in einem kleinen Dorf im nördlichsten Waldviertel geboren. Das Klima in diesem Landstrich ist ziemlich rau, und so waren und sind auch heute noch die Leute dort. Das Leben wird bestimmt von Kargheit und Strenge. Diese Kargheit und Strenge bestimmt bis zum heutigen Tag ihr Leben. Im Jahre 1912 stirbt ihre Mutter, sie ist gerade drei Jahre alt. Sie kann sich ganz genau daran erinnern. Sie erzählt:

„…Meine Mutter hat ein graues Kleid mit weißem Tüll an, sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir

neben der toten Mutter. An das Begräbnis kann ich mich nicht er­innern …“

In der Folge führt die Großmutter dem Vater und dem kleinen Mädchen die Wirtschaft. Ihr Vater ist Maurer von Beruf und arbei­tet bei der Bahn. Durch diese Beschäftigung bei der Bahn wird er auch nicht in den Krieg eingezogen. Aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs ist das hervorstechendste Erlebnis für sie die Wiederverheira­tung des Vaters im Jahre 1917. Die Stiefmutter, die sie bekommt, ist die böse Stiefmutter der Märchenbücher. Es beginnt eine Zeit der Demütigungen, der Ablehnung und der Misshandlungen. Sie erzählt:

„Meine Stiefmutter hat wahrscheinlich geeifert, weil ich beim Va­ter geschlafen habe, aber ich war das gewohnt. Wir sind dann von meinem Geburtshaus weggezogen, in eine Wohnung (Zimmer/Kü­che) ein paar Häuser weiter. Wenn ich in mein Geburtshaus zu­rückgegangen bin, habe ich halt nachher meine Sachen gekriegt (bei den Haaren gerissen, auf den Rücken geschlagen). Als mein Bru­der zur Welt kommt, werde ich auch nach der Schule eingespannt. Wenn ich zur Taufpatin gehen wollte, musste ich den Kinderwagen mitnehmen. Damit ich ein bisschen mit den Kusinen spielen konn­te, hat halt die Tante auf den Buben aufgepasst…“

Der Bruder stirbt mit neun Monaten. Zum Spielen kommt sie trotzdem kaum. In dieser Zeit ist es auch üblich, dass sie ihrem Vater das Mittagessen in den nächsten Ort nachbringt, das sind hin und zurück gute zehn Kilometer. Infolge der Umstellungen nach dem Krieg zieht die Familie in das südliche Niederösterreich. Sie wird entsprechend der Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts zu absoluter Bedürfnislosigkeit und Gehorsam erzogen. Die Kindheit, die sie bis dahin hatte, war geprägt von Entbehrungen und Demütigungen. Was sie nicht kennen lernte, war eine Atmosphäre der Liebe, der Ge­borgenheit, der Wärme und des Akzeptierens. Heute, mit 87 Jah­ren, sagt sie zu ihrer Enkeltochter:

„Weißt Du, ich hab‘ halt einen ganz starken Minderwertigkeitskom­plex, ich fühl‘ mich, als ob ich nichts wert wäre. Ich hätte es gebraucht, dass mir schon in meiner Kindheit jemand gesagt hätte, dass ich was wert bin …“

Mit 13 Jahren, nach sechs Klassen, muss sie die Schule verlas­sen. Ein Mädchen braucht keine Bildung. Bis dahin war sie schon regelmäßig nach der Schule bei einer Familie zum Geschirr abwaschen. Nun kommen auch noch die anderen schwereren Haushalts­arbeiten dazu. Vom Hof das Wasser für drei Personen zum Waschen und Kochen in den zweiten Stock hinauftragen, vom Keller Kohlen und Holz hinaufbringen, Herd und Kacheln putzen, die Eisenteile mit Schmirgelpapier abreiben, Zimmer ausreiben … Sie erhält vier Schilling im Monat. Von dem Geld darf sie nichts für sich behalten. Mit 17 lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ein gelernter Tischler. Doch nach dem Willen der Stiefmutter soll sie einen »Ei­senbahner« heiraten. Um die nicht erwünschte Verbindung zu un­terbinden, wird sie in einer Nacht- und Nebelaktion nach Wien geschickt. Hier arbeitet sie als Dienstmädchen in einer jüdischen Fa­milie. Untergebracht ist sie in einem Kabinett, das nicht beheizbar ist. Trotzdem geht es ihr hier wesentlich besser. Sie versteht sich gut mit der »Gnädigen«, kann das Geld, das sie verdient, für sich behal­ten und kann sich das erste Mal in ihrem Leben etwas kaufen. Da sie schon ihrem zukünftigen Mann treu ist, hat sie auch keine Männer­bekanntschaften. Es ist anzunehmen, dass dies auch mit ein Grund ist, dass sie sich mit der »Gnädigen« gut versteht. Ein Dienstmäd­chen, das kaum weggeht und keine Männerbekanntschaften sucht, ist eine »Perle«.

Obwohl es ihr hier zum ersten Mal in ihrem Leben gut geht, verlässt sie diese Stelle und Wien und geht wieder zurück. Der Grund ist ihr zukünftiger Mann – sie erzählt:

„Sein Bruder hat mir geschrieben, ich soll nach Hause kommen, er fallt immer zusammen. Er kommt von der Arbeit nach Hause, und nach dem Essen starrt er so lange auf mein Foto bis er zusam­menfallt …“

Sie geht zurück und wird wieder von der Stiefmutter schikaniert. Im Frühjahr 1928 kommt ihr erstes Kind zur Welt, und im darauf ­folgenden September heiraten sie. Sie ziehen in eine eigene Wohnung. 1929 kommt bereits das zweite und 1930 das dritte Kind. Im gleichen Jahr wird ihr Mann arbeitslos. Sie ist diejenige, die jetzt für die Familie sorgt. Sie geht wieder putzen – sie putzt in Schulen, im Theater, sie wäscht die Wäsche für andere, sie hilft den Bauern am Feld, gleichzeitig hilft sie noch ihrem Mann im Wald beim Stock­graben, um Holz zum Einheizen zu haben. Dass ihr Mann zwar die Kinder beaufsichtigt, aber nicht kocht, keine Windeln wäscht, fin­det sie selbstverständlich – »das hat es damals nicht gegeben«. Die Stärke dieser Frau wird hier zum ersten Mal sichtbar – sie ist es, die die Familie durchbringt. Von 1930 bis 1939 ist ihr Mann arbeitslos, und sie ist diejenige, die ihrem Mann Mut macht – sie erzählt:

„Er hat immer zu mir gesagt, wenn du nicht singst, dann pfeifst du, und wenn du nicht pfeifst, dann singst du. Wo nimmst du nur diese Kraft und Fröhlichkeit her? Er war halt immer schwermütig…“

In dieser Zeit der Arbeitslosigkeit kaufen sie sich mit zum Teil geliehenem Geld einen Baugrund und fangen an, ein Haus zu bau­en. Im Jahre 1935 ist das Haus fertig, und im Jahr 1939 – ein wei­terer scheinbarer Lichtblick – bekommt ihr Mann Arbeit. Doch be­reits ein Jahr später, 1940, wird er eingezogen. 1944 ist er das letzte Mal zu Hause, kurz darauf kommt er in Kriegsgefangenschaft. Am 3. März 1945 stirbt er in Gefangenschaft. Sie erfährt es erst ein Jahr später durch einen seiner Kameraden — bis dahin hat sie auf seine Heimkehr gehofft. Mit 37 Jahren ist sie Witwe, ihre Kinder sind 18, 17 und 16 Jahre alt.

Ihr Weltbild ist Strenge, Sauberkeit und Ordentlichkeit. So er­zieht sie auch ihr erstes Enkelkind, eine Enkeltochter, die 1950 zur Welt kommt. Erst im Alter wird es ihr möglich sein, diese Stren­ge zu mildern, ihre Enkeltochter in den Arm zu nehmen. Die alte Frau und die Enkeltochter rücken heute näher zusammen. Sie sind einander näher als Mutter und Tochter. Die Stärke der Alten ist zur Stärke der Jüngeren geworden, etwas, das sie verbindet. Sie erzählt ihrer Enkeltochter:

„Ich bin nie allein, denn links von mir ist mein Mann und rechts meine Mutter, sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“

(Fotos und Feldpostbriefe aus Privatbesitz Monika Krampl)

Aus der Geschichte lernen

Was können wir aus matriarchalen Gesellschaften lernen?

Eine Bereicherung für Frauen und Männer gleichermaßen – Leben in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute.

Vor zwei Tagen habe ich unter dem Titel „Über unser aller unterschätztes Erfahrungswissen“ geschrieben:

„Erst wenn Frauen mehr als ein Frauenbild kennen lernen …

Erst wenn Männer mehr als ein Männerbild kennen lernen …

Erst wenn Menschen mehr als eine Liebes- und Beziehungsform kennen lernen …

haben sie eine echte Wahlmöglichkeit für die vielen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens, die es gibt und gegeben hat.“

2008 habe ich mir „Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften“, Band 1 und 2, von Irene Fleiss gekauft. Etwas hineingeschmökert habe ich sie in meiner Bibliothek abgelegt. Vor einigen Tagen – ich war auf der Suche nach etwas anderem – sind sie mir aufgefallen. Ich nahm sie heraus und bin seitdem nicht mehr herausgekommen. Zu wertvoll sind die Schätze in diesem Buch – jeder Satz ein Kleinod, das immer wieder gelesen und über das immer wieder nachgedacht werden will. Es gibt immer den richtigen Zeitpunkt ein Buch zu lesen – der Zeitpunkt für diese Bücher ist Jetzt.

Irene Fleiss entwirft ein komplexes Bild von matriarchalen Gesellschaften, um Wissen bereitzustellen für den dringend benötigten persönlichen und gesellschaftlichen Wandel im Zusammenleben der Geschlechter und Generationen und mit der Natur.

Ich kann mir vorstellen, dass viele bereits bei dem Titel der Bücher „Als alle Menschen Schwestern waren“ aufgehört haben zu lesen. Vor allem auch vielleicht Männer. Aber  bitte weiterlesen, es geht ja auch um euch – Lebens- und Liebesformen leben Frauen ja nicht allein (manche schon, aber nicht alle), sondern Frau & Mann gemeinsam. Für diejenigen, die weiterlesen, weil es ihr Interesse geweckt hat – freut mich das sehr. Es freut mich, weil ich die Bücher als Bereicherung empfinde. Eine Bereicherung und Erweiterung von Wissen über andere Lebens- und Liebesformen als das Patriarchat, über das manche den Mythos verbreiten, es sei immer schon dagewesen und sei die einzig mögliche Form zu leben. Nein, ist es nicht. Abgesehen davon wird auch ein weiterer Mythos korrigiert, – dass Matriarchate seitenverkehrte Patriarchate seien. Ihr wärt überrascht, in wie vielen Ländern der Erde Matriarchate nachgewiesen werden können. Ich war es auch. Und heute noch gibt es in versteckten Eckchen auf unserer Erde Matriarchate. In der letzten Zeit hat es im TV einige Dokumentationen über diese Matriarchate gegeben.

Eindrückliche Erlebnisse für mich waren Symposien, bei denen ich Frauen aus noch bestehenden Matriarchaten kennen lernen durfte. Aus Juchitán, die mexikanische Sängerin und Fotografin Marta Toledo. Sie ist Angehörige des Volkes der Zapoteken, einer der ältesten indigenen Ethnien Mexikos. Martha Toledo lebt in Juchitán und in Oaxaca (der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Sie singt auf zapotekisch und spanisch. Mit ihren Liedern erzählt sie über ihr Leben als zapotekische Frau und als Angehörige der matriarchalen Gesellschaft von Juchitán.

Weiters Frauen vom Volk der Mosuo. Im Süden von China, rund um den Lugu-See, lebt das Volk der Mosuo. Die Mosuo sind bekannt für ihr harmonisches Zusammenleben. Es gibt keine Gewalt, keine Eifersucht, keinen Krieg. Gegensätze wie ‚arm‘ und ‚reich‘ kennen sie nicht und das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben richtet sich nach der Lebenswelt der Frauen und Kinder.

Die Frauen aus den lebendigen Matriarchaten kennen gelernt zu haben, ihr „würdiges“ Auftreten mit einem Selbstverständnis des Frauseins gesehen zu haben – dafür bin ich unendlich dankbar.

Irene Fleiss schreibt:

„Ich wende mich in erster Linie an Frauen und schreibe über Weiblichkeit und das Leben von Frauen in matriarchalen Gesellschaften, weil dort die Frauen im Mittelpunkt standen (nicht, weil ich – abgedroschene Unterstellung – etwas gegen Männer hätte). Außerdem gibt es genügend Bücher über die Befindlichkeit von Männern, auch wenn sie überwiegend von Frauen, den unbezahlten Therapeutinnen, gelesen werden.“

Eine Versöhnung der Geschlechter / ein Aufbau von Vertrauensgemeinschaften  ist höchst notwendig, und das scheint mir mit matriarchalen Lebens- und Liebesformen besser zu gelingen. Mit dem Patriarchat hat’s jedenfalls nicht geklappt. Im Gegenteil. Es brachte und bringt viel Leid, Schmerz und Unrecht über die Menschheit und die Erde.

Zurück zur Vielfalt und Fundiertheit des Buches, das mich fasziniert und begeistert – aber das werdet ihr schon gemerkt haben, oder?

Aus dem Vorwort:

„Die Autorin Irene Fleiss aus Wien öffnet mit ihrem Werk unsere Augen für die Vielfalt matriarchaler Gesellschaftsformen und ihre Grundlagen von der fernen Vergangenheit bis in unsere Gegenwart, die sie alle mit einem breigefächerten Foschungs- und Wissensfundamt von gut 500 Veröffentlichungen von fast 350 AutorInnen aus aller Welt untermauert, die ihr in deutscher Sprache und Übersetzungen zugänglich waren.

Herausgekommen ist ein facettenreiches Bild matriarchalen Lebens, weit entfernt jedweden Versuchs, die Einheitlichkeit eines Wunschbilds zu präsentieren, nach dem alle matriarchlen Gesellschaften den Idealtypus menschlichen Zusammenlebens verkörpern müssten. Und es ist dennoch nah genug, um zu erkennen, dass matriarchale Gesellschaften gestern und heute vom Respekt allem Lebendigen gegenüber geprägt waren und noch sind, in denen Frauen eine starke Position hatten/haben.“

Zur Autorin:

Irene Fleiss, 1958 – 2008, österreichische Gender- und Matriarchatsforscherin, Schriftstellerin.

Als ich ihr Geburtsdatum sah, freute ich mich – acht Jahre jünger als ich. Und ich wollte ihr meine Wertschätzung, Respekt und Freude über ihre Bücher mitteilen. Dann las ich, sie starb bereits 2008, kurz vor ihrem 50. Geburtstag an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Ich werde ihr meinen Respekt erweisen, in dem ich sicher sehr oft aus ihrem wertvollen Opus Magnum zitieren werde.

Die Bücher von Irene Fleiss:

Als alle Menschen Schwestern waren. Leben in matriarchalen Gesellschaften, Band 1, 2006, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Als alle Menschen Schwestern waren. Weiblichkeit in matriarchalen Gesellschaften – gestern und heute, Band 2, 2007, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim

Weitere Bücher:

Veronika Bennholdt-Thomsen, Mechhild Müser, Cornelia Suhan: FrauenWirtschaft. Juchitán – Mexikos Stadt der Frauen. Verlag Frederking & Thaler, München 2000.

Yang Erche Namu, Christine Mathieu: Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört, Ullstein Verlag

Foto:

Martha Toledo

Erzählung über ein Frauenleben im Jahr 1966

Zwei ihrer Freundinnen hatten bereits einen festen Freund. Die Mädchen  waren sechzehn Jahre alt. Der eine Freund war ein Herr Inschenör, der andere ein Herr Diplominschenör. Das war damals etwas. Beide Mütter waren sehr stolz, dass ihre Töchter als Erste unter der Haube waren. Als wäre es ein Wettbewerb. Es war ein Wettbewerb.

Nun stand auch bei ihr der Herr Inschenör vor der Tür. Die jungen Männer, nicht viel älter als die jungen Frauen, waren die „Herren“ und die Mädchen waren die „Fräuleins“.

Jetzt im Rückblick müsste man sich fragen, wo damals die vielen Inschenöre her kamen.  Ihre Mutter war dagegen. Sie sagte, erst machst du eine vernünftige Ausbildung. Das war vernünftig. Jedoch, die Ausbildung bestimmte ihre Mutter. Das war leider unvernünftig, denn es war nicht das was sie wollte. Das kümmerte die Mutter allerdings nicht. Sie schon. Sie war sehr bekümmert. Jedoch keine Revolte in Sicht. Sie war und blieb ein braves Mädchen.

Die Mutter sagte „du heiratest einen braven Arbeiter. Mehr brauchen wir nicht“. Womit sie keineswegs einverstanden war, und schon gar nicht mit dem „wir“. Mit der Zeit stellte sich heraus, – aber da greifen wir jetzt vor, schließlich kennen wir ja die Zukunft -, dass die Arbeiter-Männer ihrer Freundinnen alles andere als brav waren, die Inschenöre aber auch nicht. Aber das stand alles nicht zur Debatte – weder bei den Müttern noch bei den Töchtern – verheiratet war eben verheiratet.

Zurück zu ihrem Inschenör, den ihre Mutter nicht wollte. Sie auch nicht, war sie doch bereits in einen anderen verliebt. Trotzdem ließ sie sich von ihm küssen. Was hätte sie auch tun sollen, wenn er sie in den Arm nahm und sie küsste. Sich wehren kam ihr – und damals allen Mädchen – nicht in den Sinn. Ließen sie sich doch wehrlos und kraftlos in die starken Arme sinken, so wie sie das in den Filmen gesehen hatten. Nun hatte der Herr Inschenör aber Mundgeruch. Einen Mundgeruch, dass ihr schlecht wurde, ja, dass sie fast am speiben war, wenn er sie küsste. Wehrte sie sich?  Nein! Sie ließ es über sich ergehen. Bei zwei Treffen. Das dritte Treffen lehnte sie ab, – mit dem guten Grund, den ihr ihre Mutter mit deren Ablehnung lieferte, – sie wolle das nicht. Dass sie selbst ablehnen könnte, kam ihr nicht in den Sinn. Und auch ihren Freundinnen nicht. Nur alleine der Wille der jungen Männer zählte. Ein ablehnendes junges Mädchen – da ging eher ein Kamel durchs Nadelöhr. Und schon gar nicht sagte man ihm, dass er Mundgeruch habe. Da hätte sie sich ja geschämt. Ja, sie – und nicht er! So war das damals. Alles war sehr schambesetzt und von außen bestimmt. Für vieles hatten sie keine Worte – weder für die Ablehnung noch für alles was mit „da unten“ zu tun hatte. Und wenn sie Glück hatten – sie hatte das Glück, viele nicht – war das erste Mal mit „da unten“ schön.

Sie heiratete dann doch bereits mit achtzehn Jahren. Und doch einen Arbeiter, aber sie liebte ihn. Als sie sich mit dreiundzwanzig Jahren scheiden ließ, begann ihre Revolution. Es rumorte gewaltig in ihr. Alles, was man sie glauben ließ und an das sie geglaubt hatte, war mit einem Schlag zusammengebrochen.

Bis dahin hatte sie bereits einige Rollen hinter sich – vom willfährigen Mädchen, – ich, die Erzählerin, habe das Wort „willfährig“ mit Absicht gewählt, bedeutet es doch „ohne Bedenken, in würdeloser Weise bereit, zu tun, was ein anderer von einem fordert“ – denn so war es – in der  Erziehung zur Frau wurde ihnen allen die Würde genommen;  zur hingebungsvollen Ehefrau und Mutter, zur wilden Discoqueen und zur Radikalfeministin. Die Revolution und der Ausbruch aus der vorbestimmten Frauenrolle kamen spät. Aber doch. Sehr zum Entsetzen ihrer Mutter, ihrer Ehefrauen-Freundinnen, und den Männern, denen sie dann zeigte „wo der Bartel den Most herholt“ – in Übersetzung „ sie bestimmte unmissverständlich wo’s langgeht …

Wie es weiter ging? Da kommen noch viele andere Rollen, die sie aber ganz bewusst für sich wählte – und dies wären schon wieder andere Geschichten …