Ich schreibe weiter an meinem zweiten Buch

Delhi Connaught Place

Der vorläufige Arbeitstitel: „LebensZeichen. Hineinwachsen in mich. Ich habe mir nicht die Flügel stutzen lassen.“

Heute bin ich mit beiden Beinen, mit Herz und Seele im „Kapitel 4: 1981 – 1990“ gelandet.
Ich schreibe über unsere dreimonatige Indien-Reise mit Rucksack. 

Kurze Kostproben

(….) 
Wir waren um die 30, und wir waren mit dem Rucksack unterwegs. Meine erste Erfahrung, wie man mit wenigen Dingen gut auskommt. Diesmal ging es nicht über den Landweg, das hätte denn doch zu lange gedauert. Wir flogen mit der russischen Fluglinie Aeroflot, die zu diesem Zeitpunkt noch die größte Fluggesellschaft der Welt war – und die günstigste für Backpacker. Als wir in Wien in das Flugzeug einstiegen, wusste ich noch nicht, dass damit unser Abenteuer bereits begonnen hatte.

Es war ein kalter Novembertag als wir abflogen und wir waren sehr leicht bekleidet. Wir wussten zwar, dass wir in Moskau in eine andere Maschine umsteigen mussten, um nach Delhi weiterzufliegen, doch das Abenteuer hatte begonnen mit der Unzuverlässigkeit der Aeroflot und sollte sich in Indien fortsetzen. In diesen kommenden drei Monaten sollte ich lernen, meinen Pünklichkeits- und Perfektionsanspruch zu vergessen.

Moskau

Wir kamen mit Verspätung in Moskau an und unsere Anschlussmaschine war abgeflogen. Das bedeutete, dass wir im Transit Hotel am Flughafen übernachten mussten. Auf jeder Etage saß eine resolute, russische Wächterin, die für kommunistische Disziplin sorgte. Immerhin war für uns Transitgäste eine Busfahrt durch Moskau organisiert worden. Ich weiß nicht, ob die Möglichkeit einer Weigerung bestanden hätte. Wir haben es nicht versucht. Direkt vor dem Hotelausgang stand der Bus, sodass wir nur ein paar unberechtigte Schritte auf russischem Boden machen mussten, um in den Bus einzusteigen. Wir hatten Sommerkleidung an. Es war kalt. Draußen meterhoher Schnee. Im Bus keine Heizung. Die Fensterscheiben zugefroren. Es dauerte eine Weile, bis wir mit Anhauchen der Scheiben und klammen Fingern ein winziges Loch freigelegt hatten, um hinausschauen zu können. Die Reiseleiterin sprach französisch. Wir verstanden kein Wort. Wir sahen auch nicht viel von Moskau. Große Bauten, leere Straßen.

(….)

Delhi

Die Ankunft in Delhi war anders, aber nicht weniger abenteuerlich. Ich stieg aus dem Flugzeug aus und es war heiß. Sehr heiß. Die unterschiedlichsten Gerüche umspielten meine Nase. Und ich hatte erst mal keine Zeit herauszufinden, ob ich sie mochte oder nicht. Alle strömten in die Ankunftshalle und hier erwartete mich Indien. Ein Gedränge von Menschen – stehend, auf dem Boden sitzend, drängend. Und Lärm – Stimmen, die fremde Laute artikulierten, laute Musik mit vielen verschiedenen Musikstücken gleichzeitig. Und die erste Begegnung mit Warten. Alles ging langsam. Bis die Rucksäcke kamen, bis unsere Papiere angesehen wurden, bis wir uns durch die vielen an uns zerrenden Taxifahrer zum Sammeltaxi durchgekämpft hatten.

Nun war ich in meinem Sehnsuchtsland gelandet und wollte eigentlich – ja, eigentlich, wollte ich sofort wieder weg.

Nach ein paar Tagen Eingewöhnung und Akklimatisierung in einem Guesthouse, mitten in Delhi am Connaught Place, sah es bereits ganz anders aus. Und ich begann das Land zu lieben. Die Menschen, die Geschichte und Kultur des Landes, die Götterwelt mit den an allen Straßenecken präsenten Tempeln und heiligen Plätzen, den Lärm auf den Straßen, ja sogar die vielen Gegensätze dieses Landes, die unmittelbar und unvorhergesehen überall aufeinanderprallen.

(….)

Viele Stunden lang saßen wir in dem kleinen Park am Connaught Place und langsam lernte ich nichts zu tun, nichts zum Tun vorzuhaben und zu schauen. Einfach nur zu schauen. Rund um uns lagerten zur Mittagszeit auf ihren Tüchern Angestellt aus den umliegenden Büros und hielten ein Mittagsschläfchen. Manche sprachen uns an – where do you com from? / Ah, from Australia? / Austria? Where is Austria? … Und waren es erst zwei, meist kamen sie zu zweit, waren es nach einer Minute bereits zehn Personen – junge Männer – die um uns herumstanden – take a picture of us?
Die meiste Zeit beobachteten wir die Streifenhörnchen. Sie wuselten am Boden herum und fütterten unsere Nüsse. Wir ließen uns in das Nichtstun hineinsinken wie in eine warme Badewanne, wir lauschten den fremden Lauten, rochen die fremden Gerüche, hielten uns an der Hand und waren glücklich. Angekommen.

(….)

Taj Mahal

Viele Höhepunkte gab es auf der Reise. Einer davon war das Taj Mahal. Vor allem aber auch, dass wir ganz allein das Taj Mahal genießen durften. Dies verdankten wir unserem Rikschafahrer. Wir unterhielten uns immer wieder mit Händen und Füßen, und wir bezahlten ihm einen guten Preis. Er sprach daraufhin mit einem seiner Brüder, der im Garten des Taj Mahal arbeitete, und dieser schloss uns am Abend das Tor auf und ließ uns hinein. Auch wenn ich versuchen würde es noch so blumig zu schildern, ich käme mit meinen Worten nicht an den Zauber dieser Nacht heran.

Das silbrig glänzende Licht des Vollmondes auf dem Mausoleum der Großen Liebe, erbaut vom Großmogul Shah Jahan für seine geliebte Gattin. Die Wohlgerüche des Gartens, das Plätschern des Wassers, und ansonsten Stille.

Und wir, mein Liebster und ich – staunend und verstummend voll Glück über diese Schönheit. Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

(…)

Die größeren und bekannteren Orte unserer Reise:

Delhi – Agra – Jaipur – Ahmedabad – Bombay (jetzt Mumbai )– Goa – Bangalore – Rameswaram – mit dem Fährschiff von Rameswaram nach Talaimannar in Sri Lanka
Sri Lanka: Talaimannar – Anuradhapura – Colombo – Hikkaduwa – Galle – Udawalawa – Nuwara Eliya – Kandy – Kanduboda – Colombo
Mit dem Flugzeug von Colombo zurück nach Indien: Madras – Kanchipuram – Mahabalipuram – Madras
Von Madras zurück nach Österreich

(….)

Unser Reiseplan sah vor, von Delhi an der Westküste runter bis zur Südspitze, von dort ein Kurztrip mit dem Schiff nach Sri Lanka, und zurück nach Madras, um an der Ostküste bis Kalkutta, und von dort aus zurück nach Delhi zu reisen. Wir hatten aber vereinbart, dass alles auch ganz anders sein könnte. So sollte es auch kommen. Wir fuhren dorthin, wo es uns hinzog und blieben so lange wie wir wollten. Eigentlich sollte es nur ein Kurztrip nach Sri Lanka werden, doch wir verliebten uns in das Land – den Garten Eden – und blieben länger als gedacht. Bis dahin waren wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln – ein Erlebnisabenteuer pur – Bussen, Eisenbahn und Schiff, unterwegs. Da uns die Zeit knapp wurde, flogen wir von Colombo nach Madras, und von Madras zurück nach Wien.

 

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Über das Ausgesöhnte – die Scham und ich

Textauszüge, die in mein zweites Buch einfließen werden

Die stillen Tage und die Rauhnächte sind gute Tage und Nächte um an meinem zweiten Buch weiter zu schreiben. Ist es doch auch eine Zeit der Auflösung und des Neubeginns.

Ich sichte alte Texte – vor langer Zeit geschrieben – und mein Herz fließt über vor Mitgefühl mit dem Kind / dem Mädchen / der jungen Frau, die sich durch so viele Einschränkungen / Tabus / Begrenzungen / Lieblosigkeit / durch das Dunkel zum Hellen durchgekämpft hat. Es war ein harter Kampf – ein Kampf mit dem Drachen – an dem sie auch scheitern oder zerbrechen hätte können. Ich bewundere sie und bin dankbar für ihren Mut. Durch sie und mit ihr bin ich die geworden, die ich heute bin.

Heute werde ich von ihren Verletzungen erzählen. Doch schlussendlich wird es im Buch eine Heldinnengeschichte werden – unter vielem anderen auch ihr Sieg im Kampf gegen den Drachen Scham.

Aber, Achtung! Wenn selbst Götter und Göttinnen unperfekt sind, dann erst recht Menschen – und damit auch ich.

Vergebung ist der Schlüssel mit der die Gefängnistür des Opferseins geöffnet wird.

Trauerarbeit ist ein Teil dieses Vergebungsprozesses und es war mir nicht bewusst, dass die tiefe Trauer der letzten vier Jahren auch die Wunden dieser alten Verletzungen mit eingeschlossen hat. Mit meiner Mutter habe ich in ihren letzten zwei Jahren hier auf Erden über meine Verletzungen gesprochen. Sie hat sie anerkannt und ausgesprochen, wie viel sie bereut und mich um Vergebung gebeten. Ich habe ihr vergeben. Das ist gut so – meine Bitterkeit und meine Wut haben sich aufgelöst. Das ist gut so – sie konnte versöhnt sterben. *)

Jetzt erkenne ich den Sinn, dass ich in den letzten zwei Jahren als erstes Buch das Buch über die Jahre meines Älterwerdens mit aller Versöhnung die notwendig war, um ein zufriedenes Leben leben zu können, geschrieben habe. Von ausgesöhnten Verletzungen muss ich mich nicht distanzieren und ich kann Hand in Hand mit ihnen gehen, denn sie gehören zu mir.

Eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

 

die scham – damals in den 70er jahren

 

sie ist 12 jahre alt und früh entwickelt

was immer das heißen mag

es klingt schon fast nach schuldigkeit

und nicht normal

 

warum bist du so früh dran

sagt man ihr

warum hast du schon einen busen

und härchen auf deiner scham

schäm dich

 

du bist zu früh dran

was immer das heißen mag

 

sie schämt sich ohnehin

nicht nur für ihr zu früh dran sein

auch für vieles andere noch

ununterbrochen ist sie da

die scham in ihr

und breitet sich aus

 

ihr kopf ist noch oben

es wird nicht mehr lange dauern

und ihr kopf wird sich gesenkt haben

und lange jahre nicht mehr nach oben kommen

vor lauter scham

 

aber jetzt

nicht nur zu früh mit den knospenden brüsten

und den härchen

auch ihr interesse für die buben

zu früh und überhaupt

was schaust du denn schon wieder nach den buben

sagt man ihr

schäm dich

 

schäm dich

für das entdecken wollen

von etwas

was sie noch gar nicht benennen kann

gesagt wird ihr

dass das nicht in ordnung ist

was sie fühlt

dass es zu früh ist

und überhaupt

also schäm dich

 

und dann der tag am strand in italien

der camping-urlaub 1962

sie will nicht mit

aber sie muss

 

was hast du es doch gut, du undankbares mädchen

andere mädchen können nicht auf urlaub nach italien

doch sie möchte gerne zu den anderen mädchen gehören

sie will nicht im zelt sein

viel zu nahe mit dem neuen mann im leben ihrer mutter

ihrem stiefvater

den sie vater nennen soll

und dieser mutter

die sie nicht kennt und der sie nicht nahe ist

die sie kontrolliert

unablässig

 

wie sehr hat sie sehnsucht nach ihrer großmutter

die ihr aufgetragen hat, brav zu sein

und zu folgen

und ihr keine schande zu machen

damit sie sich nicht schämen muss

 

auch großmutter könnte sich also schämen

für sie

zu ihrer eigenen scham

noch die scham der großmutter

dazu

 

und dann doch

sonne, meer, strand

viele fröhliche jugendliche

zu denen sie nicht gehört

testosteron in der luft

von all den jungen männern

und ihre sehnsucht im bauch

und die scham im kopf

und ihr versuch

irgendwie dem kontrollierenden blick der mutter

zu entkommen

 

wenn SIE am strand sind

ist sie im zelt

hundert ausreden erfindend

 

und wenn SIE im zelt sind

möchte sie gerne an den strand

darf aber nicht

 

allein am strand

was könnte da passieren

 

aber

es passiert doch

aber anders

 

der gute-nacht-kuss

sie im zelt auf der luftmatratze

zwischen den campingbetten

von dem stiefvater und der mutter

so eng

nicht einmal eine handbreit zwischenraum

so eng wie das ganze leben

 

und dann

dieser gute-nacht-kuss

er beugt sich über sie

sie am boden sitzend

sein männergeruch über ihr

vorher nicht sicher

ob sie diesen geruch mag

oder abstossend findet

nachher

wird sie ihn für immer abstossend finden

und der kuss

mit diesen großen, feuchten lippen

geöffnet

und der zunge

die sich

in ihren mund

drängt

überraschend

übergreifend

ekelig

 

ihre mutter neben ihr

dicht

und sie sagt nichts

kann nichts sagen

ihr mund verschließt sich

und verstummt

und sie schämt sich

 

später

viel später

wird man sie immer wieder fragen

warum hebst du deinen kopf nicht

warum versteckst du dein gesicht

hinter deinen haaren

warum redest du nicht

 

doch SIE haben ihr die stimme genommen

mit all ihren lügen

und SIE haben die scham

in sie

hineingepflanzt

 

SIE haben ihr

die stimme genommen

 

später

viel später

wird sie kommunikationsseminare besuchen

weil eine leere in ihrem kopf entsteht

wenn sie reden soll

weil sie keine stimme hat

 

weil die alten stimmen in ihr auftauchen

die ihr sagen

du hast nichts zu sagen

und

das letzte wort habe ich

 

doch

das letzte wort

ist noch nicht gesprochen

 

********************

Die Grenzen des Blicks

Im Erdgeschoss der Hauptschule befand sich die Kochschule. Die großen Fenster gingen in den Garten, in dem sich niemand aufhalten durfte. Und schon gar nicht Buben, die im Nebengebäude untergebracht waren. Doch manchmal standen welche vor dem Fenster und machten Faxen.

Wenn ich zum Fenster hinaussah in den Garten, brüllte die Kochlehrerin – schaust du schon wieder nach den Buben?

In meinem Elternhaus gab es den sicheren Bereich des Gartens hinter dem Haus, und den unsicheren Bereich vor dem Haus.

Wenn ich mich vor dem Haus aufhielt und zur Straße hinaussah, zischte meine Mutter – schaust du schon wieder nach den Buben?

Ich hätte mich das nie getraut. Nach den Buben schauen. Dort nicht und da nicht. Kam ich mir doch viel zu dick vor. Ich kam mir immer zu dick und hässlich vor. Die ganze Hauptschulzeit. Kurze Zeit später, als ich dann wirklich begann mich für Buben zu interessieren – nein, auch nicht für die Buben, nur für einen – begann ich abzunehmen. Die erste Hungerzeit in meinem Leben, der noch viele folgen sollten. Mein ganzes Leben lang. 20 kg mehr – 20 kg weniger. Eine Pendelbewegung.

Ich traute mich auch nicht aufzuschauen. Angst. Nur nicht auffallen. Wenn ich doch einmal den Blick hob, begegnete ich den wachsamen Augen der Kochlehrerin. Und wenn diese rote Flecken am Hals hatte, begann die Brüllerei von neuem. Ich konnte nichts richtig machen. Und weil ich Angst hatte, machte ich auch nichts richtig. Ich musste die brennheißen Erdäpfel in die ganze Hand nehmen – nein, nicht mit den Fingerspitzen halten und auch nicht auf eine Gabel – in die Handfläche. Und nicht fallen lassen. Wenn jemand flüsterte, wenn jemand etwas falsch machte, blies die Kochlehrerin in ihre schwarze Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und alle standen stramm. Besonders ich. Ich war froh und erleichtert, dass mir alles schmeckte. Wenigstens das. Andere Mädchen haben sich erbrochen, mussten ihr Erbrochenes wegwischen, sich hinsetzen und weiter essen. Am Ende der Stunde, war ich es, die noch mit einem Eimer und dem Ausreibfetzen am Boden kniete und den Boden aufwischte. Alle anderen standen bereits, ihrer Kochschürzen entledigt, bei der Tür und warteten auf mich. Ungeduldig. Welche Scham.

Beim Umkleiden im Keller vor dem Schwimmbeckenbereich traute ich mich nicht meine Mitschülerinnen anzuschauen. Ich tat es doch. Heimlich. Hinter dem Vorhang meiner Haare heraus. Ich kannte keine nackten Körper. Ich sah, welch schöne Unterwäsche manche anhatten. Meine BH’s nähte die Großmutter selbst. Und meine Unterhosen waren Pumphosen. Das waren weite Hosen aus weißer oder rosa Baumwolle, die fast bis zum Knie reichten. Auch von meiner Großmutter genäht. Und im Winter waren sie aus dicker, fester Baumwolle, die mich noch unförmiger erscheinen ließen. Ich schämte mich in Grund und Boden.

Als ich mich mit 14 in meinen zukünftigen ersten Mann verliebte, ging mein Blick eindeutig über die gesetzten Grenzen hinaus. Heute würde ich sagen – ich sah ihn und wollte ihn. Damals – ja damals, war das nicht so eindeutig. Das Wollen – das Träumen – hatten sie mir ausgetrieben. Träumen tat ich nur mehr in meinen Büchern, die ich las. Und mit 14 hatte ich alle Karl May-Bände die es in der kleinen Bibliothek gab, ausgelesen. 60 waren es. Und ich bewunderte Old Shatterhand. Nein, nicht Winnetou, wie alle anderen Mädchen – Old Shatterhand. Und dann – dann traf ich ihn.

Ich stand mit meiner Freundin vor dem Kino und wartete auf den Beginn des Films „Winnetou I“. Wir gingen in die Nachmittagsvorstellung. Und ich wusste, hie und da kamen meine Eltern vorbei, nachzuschauen, ob ich mich auch wirklich nur mit meiner Freundin traf und ich mich auch nicht „aufführte“. Wie hätte ich mich das getraut. Unsicherheit und Angst.

Und dann sah ich ihn – Old Shatterhand. Franz hieß er, und er stand inmitten seiner Bubenclique – der Anführer. Er war 1,91 groß, blond, markantes Kinn, und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. In mir war ein Sturm von Gefühlen. Bewunderung, Liebe, Lust – von der ich damals nicht wusste, dass dies Lust war, Verlangen, Angst und Scham. Vor allem Scham. Dies war ein Gefühl, das mich noch lange in meinem Leben begleiten sollte.

Jetzt stand er dort – mein Held Old Shatterhand. Mein Held, der mich erlösen sollte. Und wenn ich in der Folge sämtliche Winnetou-Filme zwei- oder dreimal sah, dann nicht nur wegen der Filmfigur, sondern wegen Franz. Und irgendwann, als ich meine Eltern belog, und nicht mit meiner Freundin ins Kino ging, sondern alleine, hob ich meinen Blick und schaute ihn an. Ich weiß bis heute nicht, woher ich diesen Mut nahm. Er stand unterhalb der Stufen zum Kinoeingang. Seine Freunde etwas entfernt. Ich stellte mich auf die zweite Stufe, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein, und redete ihn an. Und er schaute mich an. Dies war der Beginn einer bittersüßen Liebesgeschichte.

********************

Als die Liebesgeschichte, die in einer frühen Ehe mündete, zu Ende ging, begann der zweite Durchgang durch die Scham. Aber nein – die Liebesgeschichte ging nicht zu Ende – ich liebe ihn heute noch. Jedoch, die Möglichkeit eines guten Zusammenlebens ging zu Ende. Wir konnten nicht reden miteinander. Wir hatten beide keine eigene Stimme.

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am abgrund stehend

die scham – in späteren jahren

 

für das was ich war

für das was ich nicht war

für das wie ich war

für das wie ich nicht war

für das was ich nicht wusste

 

scham und unsicherheit

mich falsch zu benehmen

nicht das richtige zu sagen

nicht das richtige zu tun

 

und aus dieser unendlichen scham heraus

bestätigung suchend

bei einem mann

von einem mann

gib mir endlich die anerkennung

die bestätigung

dass ich in ordnung bin

dass mit mir alles in ordnung ist

erlöse mich von meiner scham

und unsicherheit

 

und es konnte nicht genug sein

an männern

die mir anerkennung gaben

 

und irgendwie

wusste ich damals nicht

dass ich ausgewählt hatte

beim ersten blick gewählt hatte

und meinte

dass sie mich ausgewählt hätten

 

und dann das spiel von neuem

weil es keine erfüllung gab

 

die scham und unsicherheit

nach einem moment der ekstase

sich wieder breit machte

sich ausbreitete

 

und dann begann das spiel von neuem

unendliche spielvariationen

mit unendlichen spielfolgen

und wechselnden mitspielern

 

was blieb

war die scham

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familie

ich musste erst so weit weg wie möglich von euch

um mich euch wieder annähern zu können

weggehen müssen um zu der zu werden die ich bin

sonst wäre ich zu der geworden die ihr haben wolltet

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*)  „Vergeben und Verzeihen sind nicht gleich Versöhnung. Versöhnung bedeutet zusätzlich zur Verzeihung, dass beide Seiten unbelastet von der Verletzung die vorbestehende Beziehung fortsetzen wollen. 

Nach der Vergebung kann eine Beziehung auch beendet werden; d. h. es kommt zu keiner Versöhnung, jedoch wird nichts nachgetragen. Eine Versöhnung ist nur sinnvoll, wenn der Täter Reue zeigt und Wiedergutmachung leistet. „Versöhnung fordert, dass die Parteien ihr Vertrauen zueinander erneuern.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vergebung_(Psychologie)

 

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Mein erstes Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

Die letzten 10 Jahre meines Lebens.

Erhältlich in jeder Buchhandlung und im Buchhandel.

https://www.mymorawa.com/self-publishing/gestaltung/publizieren/?books%2FID53210%2FLebensZeichen&fbclid=IwAR2S-5OWe2wZHPwP3jdnMV4EbeDu80RDOOcpJuOTvkqYcepiKS95FvDbp-I

 

 

 

Ich wünsche Dir zur Weihnachtszeit …

Zwei Menschen sehen sich an

Ich wünsche Dir stille Momente.

Unendliche Ruhe.

Unendliche Zeit.

Stell Dir vor – Du hast unendlich Zeit und es gibt nichts zu tun.

 

Du setzt Dich mit Deinem*r Liebsten hin.

Gegenüber – mit einem Meter Abstand.

Ihr schließt die Augen und atmet tief ein und aus.

Eine Minute lang.

Dann öffnet Ihr die Augen und schaut Euch an.

Vollkommene Stille.

Vielleicht entsteht das Bedürfnis mit den Augen auszuweichen.

Vielleicht entsteht das Bedürfnis Euch zuzuzwinkern.

Du bleibst beim Schauen.

Vollkommene Stille

Atme

 

Vollkommene Stille entsteht

Ihr schaut euch an

Vielleicht entstehen Gefühle

Registriere sie in Deinem Inneren

Akzeptiere sie

Bleib ruhig sitzen

Vielleicht fließen Tränen

Lass sie fließen

Atme

 

Spüre Dein Herz

Spüre Deinen Körper – von den Fußsohlen bis zum Kopf

Spüre Deinen Atem

Lass ihn fließen

Ein und aus – er kommt und geht ganz von allein

Raum für Körper, Geist und Seele 

 

Ich wünsche Euch diese intimsten Momente des einander Sehens

Des einander Wahrnehmes

Mit Herz und Seele

 

Durch vollkommene Stille in die Seele schauen

Das wünsche ich Dir zur Weihnachtszeit …

 

Solltest Du mit Dir allein sein, kannst Du das auch vor einem Spiegel machen

Durch vollkommene Stille Dich selbst wahrnehmen

Durch vollkommene Stille in Deine Seele schauen

 

Wie lange Du diese Übung des Sehens mit dem Herzen machst, bleibt Dir überlassen

Vielleicht beginnst Du mit zehn Minuten …

 

Und dann – feiert das Leben

Liebt Euch

Feiert ein Fest

Lasst es euch gut gehen

Esst / singt / tanzt

Und seid fröhlich …

 

Das wünsche ich Euch zur Weihnacht …

 

Über die Einsamkeit im Alter

Gedanken über die frühen Zeiten, in denen der Grundstein für die Einsamkeit gelegt wird

Als ich angefangen habe über das Thema „Einsamkeit im Alter“ nachzudenken, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass diese nicht erst im Alter beginnt, sondern schon weit vorher – und zwar auf Grund dessen, wie Beziehungen gelebt werden. In der Regel sind das Zweierbeziehungen.

Viel wird über die „Einsamkeit im Alter“ geredet und noch mehr geschrieben. In den letzten Tagen habe ich gelesen, dass es seit kurzem in Großbritannien ein „Ministerium der Einsamkeit“ gibt. Einsamkeit wird ein Politikum, schreiben sie. (Siehe Link unten)

Einsamkeit treffe sehr häufig Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. „Psychisch kranke und beeinträchtigte Menschen sind oft von Isolation betroffen“, sagt Werner Schöny, Psychiater, in einem Artikel in den OÖ Nachrichten. Aber auch ältere Personen seien immer öfter wirklich einsam, meint er.

Ja, genau so ist es.

Ältere Menschen, auch ohne psychische und sonstige Krankheiten sind wirklich immer öfter einsam.

Beginnen wir mit der Grundlagenforschung

Die Abgrenzung zur Umgebung beginnt für viele, wenn sich zwei Menschen zu einem Paar zusammentun. Die Abgrenzung auch bis zu dahin guten Freundschaften. Wenn denn Freundschaften stattgefunden haben. Vielfach ist es auch noch so, dass Männer und Frauen dem illusionären Bild glauben – ein Partner / eine Partnerin für das Leben muss gefunden werden, die dann alle Bedürfnisse erfüllen sollen, und das reicht dann an Kontakten / Beziehungen / Austauschmöglichkeiten. Nichts und niemand weiter sei notwendig. Obwohl sich doch Interessen / Wünsche / Bedürfnisse mit den Jahrzehnten verändern. 
Wie könnte das alles ein Mensch allein erfüllen?

Dass dies nicht funktioniert, wissen wir. 
Da brauchen wir uns nur die Scheidungsstatistiken ansehen. 
Dass Eltern in der gelebten Zweierbeziehung mit Kindern überfordert sind, weil es „ein ganzes Dorf braucht, um Kinder zu erziehen“ wissen wir auch. 
Dass Gewalt und Missbrauch in der Ehe nicht nach außen kommuniziert werden hat auch oft den Grund, weil es da im Außen niemanden gibt und/oder auch nach Außen gemauert / abgegrenzt wird.

Wie oft sehe ich Paare, die nebeneinander oder hintereinander hergehen – wortlos, kontaktlos; 
Paare, die sich in Cafes und Restaurants gegenüber sitzen – wortlos, kontaktlos. Freudlos. 
Und – einsam zu zweit.

Einsamkeit beginnt nicht erst im Alter.

Einsamkeit beginnt, wenn Freundschaften zugunsten einer Zweierbeziehung vernachlässigt / abgebrochen werden
Einsamkeit beginnt, wenn nicht immer wieder neue Freundschaften in allen Altersgruppen aufgebaut werden
Einsamkeit beginnt beim Rückzug in die eigene Wohnung / das eigene Haus – Cocooning (vollständiges Sichzurückziehen /sich einspinnen in die Privatsphäre) statt Clanning (Suche nach Gruppenzugehörigkeit)
Einsamkeit beginnt, wenn Trennungen und/oder Lebensveränderungen nicht zugelassen werden …

Wichtig ist die Neugier auf das Leben und andere Menschen bis zum Tod

Liebesbeziehungen / Freundschaften wollen aufgebaut / zugelassen / gepflegt werden

Sich auf andere Menschen einzulassen / immer wieder / immer wieder aufs Neue

Als Kinder gehen wir auf alle Menschen mit einem offenen Herzen und offenen Armen zu. Irgendwann wird uns das verboten. Von der Konvention „das tut man nicht“ bis zur Angstmache „der tut dir was“. 
Ja, und dann haben wir das intus. 
Und die Einsamkeit beginnt.
Und dann kommt sie – die Prinzessin.
Dann kommt er – der Prinz.
Und erlöst uns aus unserer Einsamkeit.

Nein, halt. 
Zurück an den Start.
Das hatten wir ja schon.

Also – irgendwann ist es Zeit, diese elterlichen Verbote, die zu unseren Verhaltensmustern geworden sind, über Bord zu schmeißen. Auf welche Art auch immer. 
Und uns wieder zu öffnen.

Mit offenem Herzen und offenen Armen auf Menschen zuzugehen.
Immer wieder neu.

Schluss mit der Einsamkeit.

 

Der oben erwähnte Artikel: https://www.nachrichten.at/nachrichten/gesundheit/Einsamkeit-wird-ein-Politikum;art114,2802042?fbclid=IwAR3G8y95ptBvlo19M7W6DrWrheSTw0qJwAKKiZRZtfDsD29s4Yzq8Ql5mFI

 

 

Ich habe mein erstes Buch veröffentlicht!

Bild könnte enthalten: Pflanze und Text

Große Freude – mein eigenes Buch in Händen zu halten! 

Mein Buch ist ab sofort im Verlag und in jeder Buchhandlung erhältlich! 

Über diesen Link gibt es Infos zum Buch, eine Leseprobe zum Schmöckern, und Du kannst auch sofort bestellen – Paperback, Hardcover und e-Book – nach Deiner Wahl!

https://www.mymorawa.com/self-publ…/gestaltung/publizieren/…

„Altwerden ist nichts für Weicheier“ (Betty Davies)

Nachdem mich in den letzten 10 Jahren die Realität des Alterns eingeholt hat, bin ich auch dieser Meinung. Ich erzähle in Geschichten und Gedichten über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Altern.

Meine Erfahrungen – und doch wird es für viele Menschen einerseits eine Erleichterung sein, über die Mühen zu lesen (ah ja, endlich spricht es eine aus!) und andererseits eine Ermutigung, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen und schlussendlich anzufreunden. Bleibt ja auch nichts anderes übrig, wenn man nicht für die verbleibenden Jahre dahingranteln möchte!

„Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft. Früher, als das Altwerden noch nicht begonnen hatte. Ich jammere nicht. Ich halte aber nichts vom Schönreden, dass ja alles so leiwand ist mit dem Alter, aber auch nichts vom Schlechtreden. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Ja, es ist schön, und so manches Mal ist es auch mühsam. Darüber schreibe ich.

Ich freue mich, wenn es Dir gefällt – und ein herzliches Dankeschön fürs Teilen in Deinem Freund*innenkreis!

 

 

Vorfreude auf Sommergenüsse – Erinnerungen

 

Granatapfel

Sommer ist – paradiesische Körperlichkeit

Sommer ist – Nacktheit …

Am Morgen mit einem Tuch um die Hüften auf der Terrasse frühstücken. Nackt im Garten herumspazieren. Mit dem Liebsten im Garten schlafen. Nackt im See baden …
Sommerliche Essgenüsse – Wildkräutersalate, Erdbeeren mit Schlagobers, Granatapfelsorbet …

Die Vorfreude vermischt sich mit der Erinnerung …

Das Granatapfelsorbet

Sie kann seine Lust und seinen Frust beim Granatapfelkernausklopfen durch die weit offenen Fenster aus der Küche hören. Begleitet von Schmerzensschreien, wenn er sich in seiner Ungeduld in den Finger schneidet. Sie betritt die Küche sehr selten. Es ist sein Reich, und sie überlässt ihm gerne diesen Raum seiner Fantasie und Kreationen, mit denen er sie immer wieder überrascht.

Wie ein Urknall war er in ihr Leben getreten. Vor vielen Jahren. Bei einem Rockkonzert. Damals war es noch nicht Liebe. Es war eine animalische Anziehungskraft, die sie im wahrsten Sinn des Wortes zusammenstoßen ließ – Sex, Drugs and Rock’n Roll. In dieser Masse von Menschen hatte sich ein schmaler luftleerer Raum um ihn gebildet, so als ob er die Luft ansaugen würde und dieses Vakuum um ihn niemand betreten konnte. Er war groß und hatte eine blonde Haarmähne, zusammengehalten von einem bunten Stirnband. Im Scheinwerferlicht der Bühne, das immer wieder über die Menge hinwegwischte, sah sie das Muskelspiel seines nackten Oberkörpers, und der langen kräftigen Schenkel unter dem dünnen Jeansstoff. Sie tanzte bereits eine Weile neben ihm – auch sie trug ein buntes Stirnband und ihr T-Shirt klebte schweißnass an ihren Brüsten. Jeder tanzte für sich und doch trafen sich ihre Augen immer wieder und immer länger. Es nahm ihr den Atem als er mit einer einzigen Bewegung seines Armes ihren Oberkörper umfasste und sie zu sich zog. Als wäre sie schwerelos. Für einen Moment nahm es ihr die Luft, als er sie durch diesen Vakuumraum zog, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Paris hatte ihr den Granatapfel überreicht.

Ja, so war das damals. Mit Heiterkeit und Schmetterlingen im Bauch denkt sie an die vielen stürmischen Nächte. Jedes Zusammensein war wie ein tobender Orkan mit Lustschreien, die jedes Rockkonzert in den Schatten stellten. Mit der Zeit wurde es Liebe – tiefe, innige Liebe. Und sie begannen, sich etwas mehr Zeit zu lassen und ihre Körper sanft wie eine Morgenbrise zu erforschen. Es war wohlig und lustvoll zugleich, wenn ihre Münder und Hände sich auf Entdeckungsreise machten.

Sie tritt auf die Terrasse und schaut in den Himmel. Der Beginn der blauen Stunde – wenn es  für einen Moment still wird, bevor das Abendkonzert der Vögel beginnt und der Himmel einen seidig blauen Schleier über den Garten legt. Sie breitet eine Decke auf der Wiese unter dem Apfelbaum aus. Pölster und Decken griffbereit. Ihr Liebeslager für diese Nacht.

Da tritt er aus der Tür. In jeder Hand eine Schale mit seinem Granatapfelsorbet.

Sein Anblick nimmt ihr den Atem. Noch immer. Und immer wieder. So wie damals.

Der Abendstern und die Mondsichel stehen bereits am Firmament – Wohnsitz der Götter. Die Nacht beginnt. Hier im Garten – das verlorene Paradies. Du und ich – denkt sie.

Und wir haben Zeit. Viel Zeit.

 

„Dein Körper ist das verlorene Paradies
aus dem mich nie
ein Gott wird vertreiben.“

(Gioconda Belli)

Über das Altsein und das Tabuthema Sexualität

Tantra

 

Altwerden und Altsein wird sehr verschieden empfunden und gelebt. So wie wir Frauen auch sehr verschieden sind und bis zum Alterungsprozess auch sehr verschieden gelebt haben und weiter leben werden. Achtung vor unserer Vielfältigkeit tut gut.

Wenn Lotti Huber in ihrem Buch „Diese Zitrone hat noch sehr viel Saft“ u.a. schreibt:

Mit den ersten Falten stellen sich besonders Frauen oft in eine Warteposition, treten auf der Stelle und werden natürlich immer unzufriedener. Sie werden sich ihrer Falten bewusst, nicht aber ihrer Fähigkeiten.(…)“

dann trifft das auf einige Frauen zu. Auf mich nicht. Ich bin mir meiner Fähigkeiten und vor allem auch meiner wachsenden Fähigkeiten sehr bewusst.

Doch habe ich wieder mit anderen Dingen Schwierigkeiten – so z.B. mit meiner nachlassenden Energie; meinem alternden Körper, der schwerfälliger wird – und ja auch, mit dem Aussehen meines Körpers.

Gioconda Belli beschreibt es in ihren „Anmerkungen für die Zeit des Alterns“ so:

„Es fällt mir schwer das Leben zu begreifen ohne Schönheit

mir vorzustellen wie mein Körper

nachgibt dem Newtonschen Gesetz,

zerfällt

sich welk seinem Ende neigt (….)

wenn mein Gerüst verrostet und nachgibt

wenn ich mich stützen muss, eine Brille benutzen,

langsam gehen, den Blutdruck überwachen,

das Herz stärken (…)“

 

Und dann höre ich die Worte, und sehe schon die erhobenen Zeigefinger: „Ja, aber, man muss doch …, und die inneren Werte …., und überhaupt … . „
Nein, ich muss gar nichts. Ich habe meine Schwierigkeiten damit. Punkt. Vielleicht verändert sich dies irgendwann. Vielleicht aber auch nicht.

Lust und Leidenschaft hören mit dem Alter nicht auf. 

Will ich ein verrücktes Leben als Alte leben?

Nein, ein verrücktes Leben möchte ich heute nicht mehr leben, habe ich doch genug an Verrücktheiten gelebt. Unangepasst zu sein ist mir jedoch wichtiger denn je.

Ja, ein unangepasstes Leben – mich nicht in krank machende Systeme hineinpressen zu lassen – das mehr denn je.

Mir fehlt das Lustgefühl der Sexualität.   

Wenig wird über Sexualität geredet und geschrieben.

 

Wir könnten doch über die körperliche Liebe sprechen – genauso wie wir über andere Dinge unseres Lebens sprechen. Ob sich Einsamkeit oder die Liebe in unseren Nächten breit macht …

Und dabei sind wir Alten doch frei zu leben – auch Erotik und Sexualität. Wir können nicht mehr schwanger werden! Müssen uns um keine Verhütung kümmern.

Welche Freiheit!

Und wir können auch unsere Liebes-Fähigkeiten wachsen lassen – in unseren Herzen, in unseren Seelen und in unseren Bäuchen.

Welche Freude!

Herzlich noch mehr Menschen zu lieben; spirituelle allumfassende Liebe zu leben – und es ist egal ob mit oder ohne Religion; erotische Liebes- und Orgasmusfähigkeit.

Lassen wir unsere Körper erglühen in wonnigen Liebesschauern, umarmen und küssen wir uns, zeigen wir unser Begehren und werden wir bedächtige GenießerInnen – wir, die wir jetzt Zeit haben. Geben wir uns der Wollust und Sinnlichkeit hin, während aus unseren Körpern die Liebe strömt …

 

Ich habe schon längere Zeit keine Partner. Die letzten Jahre, in denen ich Liebe, Lust und Leidenschaft gelebt habe, habe ich in verschiedenen Beziehungsmodellen – sowohl in monogamen Beziehungen als auch in Polyamory-Beziehungen gelebt.

Und ich merke, wenn ich schon mal – sehr selten – einen Mann treffe, der Interesse an mir zeigt, dann möchte er vor allem eine herkömmliche Beziehung leben. Zusammenziehen, bekocht werden, alles gmeinsam machen, etc. etc. – mich streift da der Verdacht des Versorgt-werden-wollens.

Nein, das will ich nicht. So nicht.

Ich möchte eine lebendige und erwachsene Partnerschaft, in der man nicht unbedingt zusammenwohnen muss. Ich habe auch sehr viele eigene Interessen und brauche daher auch viel Zeit für mich. Ich brauche kein Gegenüber, damit mir nicht langweilig ist.

Neugier auf das Leben; Unabhängigkeit; Liebe, die nicht braucht; und Lust und Leidenschaft – das möchte ich.

Nein, ich leide nicht darunter, Liebe, Lust und Leidenschaft zurzeit nicht in einer Beziehung leben zu können. Ich kann sie vielfältigst auf andere Art und Weise leben.

Jedoch frage ich mich, womit es zu tun hat, dass ich dies alles bis zu meinem 53. Lebensjahr immer wieder leben konnte, und jetzt mit meinen 68 Jahren nicht mehr?

Hat es damit zu tun, dass ich seit meinem 38. Lebensjahr immer mit jüngeren Partnern zusammen war?

Und jetzt ein jüngerer Partner schon mindestens 20 Jahre jünger sein müsste, um nicht in dieser bequemen altherrlichen Manier zu leben?

Hat es mit meinen Ansprüchen zu tun?

Na ja, dann war’s das.

Denn ohne meine Ansprüche an das Leben würde mir mein Leben nicht gefallen …

 

Brief an eine Freundin über unseren verschiedenen Umgang mit Erinnerungen

ErinnerungsKoffer Yuval Yairi

Liebe Freundin,

gestern haben wir uns über Lebens-Erinnerungen und den Umgang damit unterhalten. Dein Umgang damit ist ein anderer als meiner. Und das ist gut so. Leben wir doch unsere Leben sehr verschieden. Es einfach so stehen lassen zu können, ist Grundlage für eine gute und lebenslange Freundschaft. Für diese Freundschaft mit Dir bin ich sehr dankbar. Das möchte ich auch einmal sagen, liebe Freundin.

Manche Gespräche sind sehr anregend und sie bringen etwas ins Schwingen.

So auch unser gestriges Gespräch über die Lebens-Erinnerungen. Es hatte ein „Nachspiel“. Nun könnte man sagen „Zufall“ – aber ich glaube nicht an den Zufall – vielleicht eher an den „Unbewusstfall“ …

In den Schlaflosstunden des heutigen Morgens – zwar kein Junimorgen, aber ein Aprilmorgen – nahm ich mir den Gedichtband von Tomas Tranströmer und las:

„Die Erinnerungen sehen mich

Ein Junimorgen: Zum Aufwachen zu früh,

doch zu spät zum Weiterschlafen.

Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.

Zu sehen sind sie nicht, sie verschmelzen

mit dem Hintergrund, perfekte Chamäleons.

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

Dieses Gedicht ist wunderschön! In wenigen Worten drückt es meine Wahrnehmungen aus:

„Die Erinnerungen sehen mich“ und „sie sind so nah, dass ich sie atmen höre“.

Es heißt ja, Orte haben eine Seele. Karen Blixen lässt ihre Protagonistin in dem Buch „Jenseits von Afrika“ bei ihrem Abschied von Kenia sagen: „… wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?“

Und wenn ich gestern erwähnte, wie ich jetzt nach meiner Rückkehr in meine Geburtsstadt auf Schritt und Tritt bei meinen Hundespaziergängen auf Erinnerungen treffe, dann habe ich sehr oft das Gefühl – „die Erinnerungen sehen mich“.

Und ich sehe die Schatten meines jüngeren Ich an den Fenstern der verschiedenen Wohnungen stehen, in denen ich damals gelebt habe. Und ich weiß über die Gefühle der jungen Frau von damals und ich kann sie spüren. Die Junge von damals hatte noch keine Ahnung von der Alten. Die Alte, jetzt hingegen, kennt die Junge sehr gut – ach, könnte ich meine Arme tröstend und wissend um sie legen.

Aber nicht nur meine Wohnungen sehen mich, auch die vielen Plätze.

Der kleine Hügel neben der Bahn, auf dem ich als Kleinkind mit meiner Mutter rodelte – wie viel Schnee es damals gab; der Feldweg nach dem nächsten Dorf, auf dem ich auf meinem Kinderfahrrad mit 5 Jahren mit meiner Großmutter zu Frau P. fuhr – meine Großmutter auf ihrem Rad vorneweg und wenn meine kleinen Füße nicht mehr konnten, zog sie mich an den Ärmeln ihrer ausgezogenen Weste wie an einem Seil hinterher; den etwas größeren Hügel, auf dem im Winter die Jungenclique sich eine Sprungschanze gebaut hatte und ich mit Bewunderung und viel Kribbeln im Bauch meiner ersten großen Liebe und späterem Ehemann bei seinen gewagten Sprüngen zusah; die drei Stiegen zum Eingang des ehemaligen Kino hinauf, das heute kein Kino mehr ist sondern ein Sportgeschäft, auf denen ich oben stehend und damit auf Augenhöhe, meinen ganzen Mut zusammennehmend, und ihn – meine Liebe ansprach – wie mutig für die 14-jährige!

Wie könne ich schreiben, hätte ich nicht all diese Erinnerungen?

Wie könnte ich schreiben, könnte ich nicht all diese Gefühle noch fühlen?

Ja sogar: Wie könnte ich schreiben, ohne meine zeitweilige Manie und die depressiven Verstimmungen, die in meinem Innersten wühlen und so manches aufwühlen und zum Vorschein bringen, mit dem ich mich dann auseinandersetzen „muss“ – einfach weil es da ist und ich das auch will …

Wie könnte ich schreiben ohne meine Widersprüchlichkeiten, meine Trauer, meinen Zorn, meine Unsicherheiten?

Wie könnte ich schreiben ohne das Verlustgefühl des Lebens der jungen, grenzenlos und hemmungslos lebenden Frau, die mir doch noch so nahe ist?

Wie könnte ich schreiben ohne Erinnerung an das exzessive und leidenschaftliche Leben der Frau von früher, die Glücksmomente?

Wie könnte ich aber auch schreiben, ohne die stille Zufriedenheit, das Staunen, meine Ehrfurcht und Dankbarkeit von heute?

„Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll

von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick

Sie sind so nah, dass ich sie atmen höre,

obwohl der Vogelgesang betäubend ist.“

 

Du sagtest, Du packst Deine Erinnerungen in eine Ecke und möchtest nichts damit zu tun haben. Dir gehe es besser ohne Deine Erinnerungen. Ich kann Dich verstehen, weil ich Dich gut genug kenne, um zu sehen, dass es Dir mit Deiner Art besser geht. So ist das. So unterschiedlich. Und das ist gut so.

Ich wünsche Dir viele wunderschöne Tage, liebe Freundin.

Wir leben unsere Leben so gut es uns möglich ist – jede auf ihre eigene Art und Weise – und doch verlieren wir uns nicht aus den Augen und aus dem Sinn …

Deine Freundin Monika

 

Warum ich gerne Seminare leite

Die berührendsten und tiefgreifendsten Momente sind die, wenn wir unsere eigenen Lebens-Erfahrungen teilen.

Deshalb habe ich früher sehr viele Seminare geleitet und mache es jetzt gerne wieder.
Ein berührendes Erlebnis, wenn Menschen beginnen, sich trotz Ängsten und Unsicherheiten in einer Gruppe zu öffnen und zu erzählen – und so viel gewinnen dadurch. Es wird geweint und gelacht – gemeinsam.

Das Erzählen – sich mitzuteilen – ist ein Geschenk, das gegeben wird.
Das Zuhören ist ein liebevolles Annehmen des Geschenks.

Unsicherheiten entstehen dadurch, dass viele Menschen meinen, sie hätten nichts zu erzählen oder es wäre nicht interessant – oder sie schämen sich, weil sie meinen, dass das, was nicht stimmt in ihrem Leben, ihr Unvermögen oder ihre Schuld sei. So ist es aber nicht.
Diese korrigierende Erfahrung zu machen, ist bereits ein Erlebnis, das viele Wunden heilt.

Unsere Masken abzulegen bedeutet – sich so zu zeigen wie wir sind!

Dann sind Begegnungen von Herz zu Herz und von Seele zu Seele möglich.

Es öffnet Tür und Tor – so sein zu können, wie wir sind.

Angst das eigene Leben zu leben? Angst, dass es das nicht gibt – das Eigene? Die hatte ich auch einmal – vor langer Zeit. Doch ich hatte Ausdauer. Ich war neugierig. Was ist da in mir? Was ist das eigene Leben?

Ich bin gesprungen. Mit beiden Beinen.
Nicht wissend wo ich lande.

Ein Angebot zu springen!
Fang einfach an.
Es gibt noch freie Plätze – melde dich an!

Seminar „Leben in Veränderung. Altes loslassen. Neues entsteht.“
Loslassen eine lebenslange Übung. Loslassen schenkt Energie und Freiheit für Neues.

13. – 14. Jänner 2018 in St. Pölten.

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/10/28/nach-langer-zeit-biete-ich-wieder-ein-seminar-an/

Liebesbrief an meinen ersten Ehemann

Liebe

Heute erwachte ich ganz still. Und wusste noch nicht, dass ich mich hineinfließen lassen werde, in die Erinnerung an unsere Liebe.

Die Dunkelheit des Nachthimmels verabschiedete sich langsam.

Der Sonnenaufgang kündigte sich an mit einem sanften hellblau und rosa.

Ich saß mit meinem Morgenkaffee am Fenster und freute mich über die Stille und die Schönheit des frühen morgens.

Und sanft wie das hellblau des Morgenhimmels stiegen Erinnerungen in mir hoch.

 

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an dich – meine erste große Liebe.

Ich war 14, und du 15, als unsere Liebe begann.

Als wir heirateten, war ich 18, und du 19.

 

Ich war sehr stolz auf meinen großen, starken und schönen Mann. Du warst der Anführer der Clique, in die du mich aufgenommen hattest.

Ich bin 159 cm groß, und du warst 191. Ein blonder Riese.

Im Stehen konnte ich meinen Kopf in deine Armbeuge schmiegen.

Wenn du mich umarmtest, verschwand ich zur Gänze in deinen kraftvollen, muskulösen Armen. Ich habe es genossen. Ach, wie habe ich es genossen.

Du hattest den schönsten Mund, den ich je gesehen und geküsst habe. Dein Kuss, deine perfekt geschwungenen, vollen Lippen ließen mich bei jedem deiner Küsse schmelzen.

Ich liebte deine Stimme, dein Lachen, das meine Schmetterlinge im Bauch aufflattern ließ zu einem wilden Tanz. Immer wieder. Und immer wieder neu.

Du liebtest meinen Leib und ich deinen.

Zärtlich waren wir in der Zeit der ersten Liebe, sehr zärtlich, als wir unsere Leiber entdeckten. Und stürmisch später, als wir uns kannten und vertrauten.

Die Lust, dich anzusehen und zu lachen, aus Freude, dass es dich gab.

 

Vor einem Jahr bist du gestorben.

Dass ich dich noch immer liebte, wusste ich immer.

Wie sehr ich dich noch liebe, weiß ich erst, seit deinem Tod.

 

Muss ich immer erst verlieren, dass ich weiß, wie sehr ich einen Menschen liebe?

Ich liebe dich noch immer.

Und doch musste ich dich verlassen, weil du meine erwachende Stärke nicht aushieltest.

Sie machte dir Angst. Sie passte nicht in dein Frauenbild.

In das Bild, das du dir von mir gemacht hattest.

Du wolltest dir deine Frau erschaffen, so wie du sie haben möchtest. Schriebst du mir einmal. Damals war ich damit einverstanden. Ich glaubte, es müsste so sein.

 

Wir bekamen unser Kind aus den falschen Gründen.

Unser Kind zu bekommen, war nicht falsch.

Die Gründe waren falsch.

Wir waren jung, sehr jung. 18 und 19 Jahre alt.

Wir glaubten, wir seien erwachsen.

Doch wir waren es nicht.

Wir konnten uns gegenüber unseren Eltern nicht durchsetzen.

Wir hatten unsere eigenen Pläne für unser Leben.

Doch wir ließen sie bestimmen über unser Leben.

 

Und anstatt selbst zu wachsen, ließen wir ein Kind in mir wachsen.

Und wir glaubten, dies sei die Lösung.

Doch es war ein Irrtum.

Und nicht gut für unsere Tochter.

 

Wir hatten unsere eigene Sprache und unser gemeinsames Leben noch nicht gefunden.

Und dann veränderte ich mich.

Als ich zu wachsen begann, war dies das Ende.

Du begannst, mein Wachstum zu bekämpfen.

Ich war verzweifelt, zornig. Liebte ich dich doch so sehr.

Und doch musste ich gehen.

Trotz meiner tiefen Liebe zu dir.

 

Meine Liebe zu mir selbst, zu meinem eigenen Leben, war stärker.

 

Es gab noch einige Männer in meinem Leben, die ich liebte.

Kleine und große Lieben.

Drei große Lieben waren es, die tiefer waren. Mit einer großen Verbundenheit auf allen Ebenen. Noch heute spürbar.

Eine davon bist du,

Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Ich erinnere mich gerne an die gute Zeit mit dir, die wesentlich länger war, als die Zeit des Zorns und des Leids.

 

Ich erinnere mich an unsere Liebesnächte.

An unsere Leiber, die sich anzogen wie Magneten. Eine magische Anziehung, die so groß war, dass sie untrennbar schien. Damals.

An die funkensprühenden Berührungen unserer Fingerspitzen, die Schauer durch unsere Körper jagten und uns erbeben ließ. Deine geliebten Hände, die mich fassten.

Ein Erbeben im Gleichklang.

Unsere Liebesbewegungen im Gleichklang, währenddessen wir Aug in Aug in unsere Seelen schauten. Und nicht genug bekommen konnten voneinander.

Wie wir uns nicht aus den Augen ließen, um die eigene Lust und die Lust des anderen zu erleben.

Ich kann mich an dein schönes Gesicht im Augenblick deiner Hingabe, dem Dahinschmelzen in deiner größten Lust, erinnern.

 

Wie könnte ich das je vergessen?

Müsste ich da nicht auch mich selbst vergessen?

Wie könnte ich darauf verzichten, die Innigkeit der Liebe und Lust nicht mehr zu spüren?

 

Heute könnte ich dir das alles sagen.

Ich würde dir erzählen, wie sehr ich dich liebe.

Ich würde dir sagen, wie sehr ich es liebe, wie unsere Körper sich kennen.

Wie sehr ich den Geruch deiner Haut; den Klang deiner Stimme, die mich zum Lachen und Weinen bringt; deine Augen, die vor Liebe und Lust Löcher in meine Haut brennen; liebe.

 

Ich erinnere mich.

Ich erinnere mich sehr genau.

Du, meine erste Liebe in meinem Leben.

Ich erinnere mich an dich.