Die Stille, der Rückzug – Lockdown und Corona

Der Winter naht – für den Nussbaum und für mich. Die Natur zieht sich in den Bauch der Erde zurück und ich mit ihr.

Ich erinnere mich an die Zeit in meiner Kindheit mit meiner Großmutter. Um diese Zeit im November saßen wir abends beim bullernden Sägespäneofen. Kerzen wurden angezündet, Großmutter erzählte alte Geschichten und ich sang mit ihr ihre alten Lieder. Großmutter legte die Hände in den Schoß. Ihre Hände, die das ganze Jahr über so rege waren und gearbeitet haben. Stille, Rückzug, Nichtstun, rasten. Ruhe kehrte ein. Wir warteten auf die ersten Schneeflocken …

Meine Hündin schnarcht an meiner Seite. Die Katze liegt am Heizkörper. Der Nussbaum ist entblättert. So fühle ich mich auch – entblättert.

Entblättert auch – weil ich sehe, dass ich im letzten halben Jahr wieder einen großen Altersschub hatte. Das Altern geht nicht gleichmäßig peu à peu vor sich – sondern in Schüben – zumindest bei mir ist es so.

In dem Buch „Ethik der Wertschätzung“ schreibt die Autorin „Tugendethik gründet sich auf dem Gefühl der Demut und Erfahrung der Verletzlichkeit.“

Sehr lange in meinem Leben fühlte ich mich unverletzlich. Bis das Alter kam und mein Körper mir meine Verletzlichkeit zeigte – und damit kam auch die Demut in mein Leben.

So wie uns jetzt Corona unsere Verletzlichkeit sehr massiv aufzeigt.

Werden wir demütig?

Kommen wir zur Ruhe?

Wäre es jetzt nicht an der Zeit, sich der Demut gegenüber der Welt / der Natur / den Tieren zu besinnen?

Der Lockdown / die Rückzugszeit ist eine Möglichkeit für Besinnung.

Besinnlichkeit – ein altes Wort, das kaum noch gebraucht wird.

Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen um glücklich und zufrieden zu sein.

Wärme / gutes Essen / liebende und geliebte Menschen / Lieder / Geschichten …

Man möge mich jetzt altmodisch nennen. Ja, dann bin ich es. Bin ich es gerne. War ich doch schon so, bevor ich alt wurde …

Wenn wir die groß geschriebenen und weltweit sichtbaren Zeichen an der Wand  – Corona – ignorieren und meinen wir könnten zurückkehren zur sogenannten „Normalität“, dann ist das ein großer Irrtum.

Diese sogenannte „Normalität“ hat uns genau dahin gebracht wo wir jetzt sind. Diese sogenannte „Normalität“ würde bedeuten weiterhin Ausbeutung und Missachtung von Natur / Tier und auch Mensch. Und wenn das wider besseres Wissen und Gewissen geschieht, dann wird bald etwas Ähnliches wie Corona vor der Tür stehen.

Mögen wir uns besinnen  …

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Heute Morgen bei meinem Besuch beim Herrn des Sees konnte ich sein Haupt aus dem Augenwinkel sehen. Er machte mit einem lauten Rauschen der Wellen, die einen großen weiten Kreis zogen auf sich aufmerksam. Welche Freude …

Wer nicht weiß, wer der Herr des Sees ist:

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/11/09/und-sie-konnen-zusammen-nicht-kommen/

Das oben genannte Buch von Corine Pelluchon habe ich noch nicht gelesen, aber ich meine es wäre lesenswert. Aus dem Klappentext:

„Corine Pelluchon entwickelt eine Tugendethik, die uns hilft, mit den Herausforderungen unserer modernen Gesellschaften umzugehen. Dabei legt sie den Schwerpunkt nicht in erster Linie auf die Prinzipien unserer Handlungen. Vielmehr geht es ihr um unsere konkrete Motivation, um die Vorstellungen und Affekte, die uns dazu bringen, aktiv zu werden.“

Und dann

Wenn ich stark genug bin

um die Sehnsucht auszuhalten

dann

und nur dann

hole ich mir die Bilder her

und folge den Wegen

die ich nicht zu Ende ging

die vielen hätte und wäre

was ich alles hätte sein können

wo und wie ich hätte leben können

wie schön es hätte sein können

und wenn ich mit allen

hätte und wäre durch bin

und meine Trauer und Sehnsucht

fast nicht mehr auszuhalten ist

dann

und nur dann

höre ich auf

und dann

spüre ich den Blick meines Hundes

wie eine warme Hand

die meine Seele umschließt

die mich in das Hier und Jetzt

zurückführt

und dann

weiß ich

dass alles gut ist

so wie es ist

M.K., 09 12 2019

Was ist Glück?

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Mein Sohn ruft durch meine offene Haustür ins Haus „Kommst du?“

Ich stehe auf und setze mich zu ihm vors Haus auf die Gartenstühle. Wir schauen in den Abendhimmel und auf den Hund und die drei Katzen, die sich auf ihren Lieblingsplätzen auf der Wiese und der Bank zusammengerollt haben.

Still ist es auf der Straße und in den Gärten. Wir plaudern immer wieder – ein paar Worte nur, zwischendurch Schweigen. Im Nachbarhaus gehen die Lichter an.

Nach einer Weile steht mein Sohn auf. „Schlaf gut“ – sagt er. Er geht die zehn Schritte bis zu seiner Haustür. Hund und Katzen schauen auf, erheben sich und strecken sich und gehen ihm nach – langsam. Er wartet an der Tür bis alle drinnen sind und schließt ab.

Ich drehe mich um, schaue nochmals in den sich verdunkelnden Garten, atme die kühle Nachtluft ein und schließe meine Tür. Gute Nacht.

Das ist Glück!

Herbstlaub

Tanzendes Herbstlaub

Bei unserem heutigen Hundespaziergang im Regen kamen wir an einer Gartentür vorbei, vor der ein Blätterhaufen lag.
Ich erinnerte mich an die wunderschönen Zeilen einer meiner absoluten Lieblingsautorinnen.

 

“Ich leide an einer Traurigkeit aus Blättern,
die der Wind gegen die geschlossene Tür weht.

Es ist Herbst und das Laub wirbelt auf.
Als würden alle leeren Tages des Lebens
sich im Garten anhäufen und ihre Vergeudung rascheln.”

 

Gioconda Belli, geboren in Nicaragua. Eine Lyrikerin und Erzählerin mit kraftvoll eindrücklichen Worten, die die Seele schwingen lassen. Mit Intensität und Leidenschaft erzählt sie immer wieder von der Zärtlichkeit und Lust der weiblichen Liebe. Zeitlebens ist sie politisch aktiv und beteiligte sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes