Es war einmal ein wildes und gefährliches Leben – und heute?

Heute, mit meinen 70 Jahren, bin ich froh, als „Nomadin“ wild und gefährlich gelebt zu haben 1). Ich habe mich immer als „Reisende“ bezeichnet. Im Gegensatz zu den „Sesshaften“. Es brauchte Mut, – vielleicht war ich auch übermütig, und so manches Mal auch nicht achtsam. Ich surfte auf den Lebenswellen mit dem Gefühl – mir kann nichts passieren. Ich war so sicher in diesem Gefühl zu hause, dass ich nicht einmal in Erwägung zog, dass mir etwas passieren könnte.

Jetzt im Nachhinein gesehen, denke ich mir so manches Mal – Wahnsinnsfrau – was für ein wildes Vollblutweib – welch ein Mut / welch ein Übermut!

Welch ein Glück, dass sich die Tödin zurückgehalten hat / vielleicht war sie auch nur neugierig, was mir noch alles einfällt ….

Ich bin dankbar – unendlich dankbar, dies alles erlebt zu haben – damals …

Als ich älter wurde – und mein Tun nicht mehr als so selbstverständlich angesehen habe – streifte mich die Dakini-Energie zum ersten Mal. Ich erinnerte mich an die Menschen, denen ich Unrecht getan / die ich verletzt hatte. Eine so bedingungslose und rasante Reise ist nicht möglich, ohne den einen oder die andere Sesshafte zu verletzen. Ich entschuldigte mich. Einige haben mir verziehen, einige nicht. Damit gilt es auch zu leben.

Und heute?

Heute spüre und sehe ich die Tödin an meiner Seite. Manchmal bedanke ich mich bei ihr, dass sie mich alle Abenteuer meines Lebens einfach machen hat lassen. Ich weiß, sie wird mich irgendwann an der Hand nehmen – zu meiner letzten Reise / dem letzten Abenteuer …

Die letzten Jahre waren nicht einfach für mich. Ich wurde zur Sesshaften und wollte es nicht wahrhaben. Ich trauerte der Zeit der Reisenden nach. Ich vermisste die Wildheit / die Gefahr. Mein Leben erschien mir langweilig. Das soll’s jetzt gewesen sein? Wie kann man bloß ein Leben ohne Exzesse leben?

Und immer wieder das Zurücksehnen – so wie es war – so wie ICH war – alles war damals möglich – jederzeit …

Und ich erinnerte mich – erinnerte mich – erinnerte mich …

Und dann kam sie nochmals mit einer gewaltigen Energie – die Dakini-Energie wirbelte mich herum und heraus aus meinem gewohnten Leben – ich surfte nicht mehr auf der Welle – sie zog mich nach unten zum tiefsten Meeresgrund.

Dakini, auch als Himmelstänzerin oder Himmelswandlerin bezeichnet, ist ein Geistwesen des antiken Indiens, welches nach der Mythologie die Seelen der Toten in den Himmel bringt – aber nicht nur. Eine indische Tödin sozusagen. Doch, noch war es nicht so weit.

Die Dakinis können das eigene Weltbild schon mal auf den Kopf stellen und dann tun wir gut daran, durchzuatmen, aufzuhören mit dem jammern und dahinlavieren, sich hinzusetzen und einmal nachzuschauen, was da jetzt eigentlich los ist. 2)

Die Reise nach innen

Damit begann die Reise nach innen, die nicht weniger gefährlich war.

Mich dem zu stellen, was ich alles getan hatte. Nein, ich war nicht immer die Gute. Ja, ich habe Fehler gemacht. Ja, ich hätte vieles anders machen können, – Zweifel waren da / Trauer über das was nicht war / über das was hätte sein können / Schuldgefühle. Ich begann genau hinzuschauen – auf das Gute und das Schlechte.

Ich merkte, dass es wesentlich leichter gewesen war, meiner Familie die Fehler zu verzeihen, die sie begangen haben, als mir selbst zu verzeihen.

Ich sammelte mich

In der buddhistischen Lehre hat die Sammlung einen hohen Stellenwert.

In dieser Sammlung geht es nicht um Macht oder Erfolg – um immer mehr im Außen. Es geht um eine innere Läuterung, die sowohl das äußere wie auch das innere Leben verändert und die schlussendlich das Unbefriedigtsein / die ewige Sehnsucht nach etwas Anderem / – das  „Leiden an was auch immer“, befreit.

Ich begann im Außen auszulichten – Tagebücher / Bücher / Kleidung / Wohnutensilien – ich reduzierte. Darüber habe ich in diesem Jahr ausführlich erzählt. Ich habe meine Wohnfläche reduziert. Ich habe die vielen Dinge und Sachen, die ich mit den Jahren angesammelt und mitgeschleppt hatte, reduziert.

Unter den Schlagworten „Veränderung / Loslassen / Auslichten“ habe ich allein in diesem Jahr neun Erzählungen geschrieben!

Reduktion auf das Wesentliche.

Loslassen ist das große Wort zur Befreiung.

Mein Herz und meine Seele haben mir ein Mantra 3) geschenkt. Nicht der Verstand, nein. Ein Mantra muss aus dem Herzen kommen. Es ist ganz einfach und lautet:

„Lass es gut sein“

Es enthält das „lass es = das loslassen“ und es enthält das „gut = es darf gut sein / es ist gut“.

Und immer wenn ich merke, dass ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit hängen bleibe, rezitiere ich dieses Mantra. Es reinigt meinen Geist und die damit verbunden Gefühle.

Ein Ankommen im „Hier und Jetzt“.

Das „Hier und Jetzt“ ist nicht nur mit der Vereinfachung meines Lebensstils verbunden, einer Wieder-Verbundenheit mit der Natur, den Tieren, sondern auch mit Verlangsamung und Achtsamkeit.

Das Praktizieren der Vipassana- (Achtsamkeits)Meditation 4), die mich auch meine wilden und gefährlichen Zeiten gut überstehen hat lassen, da ich auch damals immer wieder dahin zurückgekehrt bin.

Jetzt bestimmt sie meinen Alltag.

Achtsamkeit im Geist. Ich lese viele der Bücher, die langsam gelesen werden wollen, und die ich immer schon lesen wollte, aber mir nie die Zeit dazu nahm.

Achtsamkeit im Herzen. Ich übe mich in der großen und wahrscheinlich lebenslangen Übung „Metta – Liebende Güte“. „Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.“ 5)

Achtsamkeit der Seele. Großes Schweigen und Vorbereitung auf das endgültige Loslassen.

Und heute?

Langsam bin ich angekommen in meinem Leben als Sesshafte.

Sanft im Umgang mit meinen Lieben und mir selbst.

Immer wieder auch zornig in Bezug auf gesellschaftspolitische Ungerechtigkeiten und Missstände.

Und beides darf sein.

Die Kunst ist die Ausgewogenheit zwischen verschiedenen Umständen und Befindlichkeiten.

Wie es weiter geht?

Ich habe keine Ahnung.

Das mag für manche vielleicht auch gefährlich klingen. Für die, die so gerne auf der sicheren Seite sind. Aber es gibt keine sichere Seite. Es gibt nur das Leben. Und es kommt, wie es kommt.

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ (John Lennon)

Vor zwei Jahren habe ich das Buch „ LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ veröffentlicht. Auf der Rückseite des Buches steht:

Mit 18 konnte ich mir ein Leben nach 30

Nicht vorstellen

Mit 30 versuchte ich mir ein Leben mit 50 vorzustellen

Mit 50 erwischte mich der Älterwerden-Blues

Mit 60 erlebte ich die Endlichkeit von Allem

Mit 67 keine Vorstellungen mehr –

Das Glück der stillen Stunden / der kleinen Dinge

Einfach leben

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Der einzige Halt liegt im Loslassen

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1) Diese Erzählung entstand angeregt durch die Erzählung „Wild und gefährlich“ von der wunderbaren und schon oft zitierten Cambra Skadé.

Wild und gefährlich

https://www.cambra-skade.de

2) „Man kann die Dakinis nicht nur als mythologische Wesen, sondern auch als Symbole für die inneren, psychologische Prozesse des Einzelnen verstehen. Somit symbolisieren sie alle Inspirationen, die anregen, auf dem Weg des Buddha-Dharma  weiter voranzuschreiten. Diese sind nicht immer nur wohlwollend, sie können auch plötzlich und in beängstigender Weise das jeweilige Weltbild auf den Kopf stellen und die begrenzenden Fesseln und Mauern zerschlagen. Wie diese „Befreiungsschläge“ dann empfunden werden, hängt von der jeweiligen Bereitschaft ab, sie anzunehmen und zu integrieren. Da die Dakinis frei von jeglicher Konvention sind, scheuen sie sich nicht, auch die ungewöhnlichsten Wege zu beschreiten, um aufzurütteln und zu helfen. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Dakini#Ikonografie

3) „Die indoeuropäischen Sprachen, die vom Sanskrit abstammen, sollen von der hinduistischen Göttin KALI MA  erfunden worden sein. Sie brachte das erste Wort hervor, „Om“, das die Bedeutung von Ei hat. Es ist die „höchste Silbe aller Laute“ (Barbara G. Walker). (…)

Die eigentliche Bedeutung der KALI  basiert auf ihrer Erfindung der Buchstaben, da anzunehmen ist, dass es Sprache lange vorher gab. Die Schaffung von Buchstaben ermöglichte die Sichtbarmachung von Lauten und Worten. Die magischen Buchstaben schrieb die Göttin auf Schädel, die sie als Kette um den Hals trug. Die Silben waren in vier Kategorien eingeteilt, die die Elemente als Grundsubstanz alles Lebenden und alles Toten ausdrückten: Va = Wasser; Ra = Feuer; La = Erde und Ya = Luft. Sie wurden von der Muttersilbe Ma, der Verkörperung der Geisteskraft, zusammengehalten.

Die Buchstaben von KALIS Alphabet waren die MATRIKA „Mütter“, und die Worte waren geheime MANTRAS, Worte der Macht, durch die zerstört und neu geschaffen werden konnte. (…)

Aus: „Die Quellen der Philosophie sind weiblich“, Ingrid Straube, ein-FACH-Verlag, 2001

4) Zu den Grundlagen der Vipassana-Meditation gehören die Sieben Faktoren des Erwachens. Sie sollen dir dabei helfen, deinen Geist zu befreien. An erster Stelle steht die Achtsamkeit, danach folgen die Wahrheitsergründung, die Willenskraft, die Freude, Gelassenheit, Sammlung und Gleichmut.

Achtsamkeit bezeichnet das Leben im Hier und Jetzt im vollen Bewusstsein der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen. Mit Wahrheitsergründung ist das Verstehen der buddhistischen Lehre gemeint.

Achtsamkeit ist auch ohne Buddhismus möglich.

Selbst, wenn Achtsamkeit ein wesentlicher Bestandteil des Buddhismus ist, heißt das nicht, dass du dich voll und ganz dieser Lehre hingeben musst, um Achtsamkeit üben zu können. Die Geisteshaltung lässt sich auch praktizieren und trainieren, wenn du kein Buddhist bist. Schließlich ist es eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber, die sich durch Wachheit und Mitgefühl auszeichnet.

https://www.evidero.de/verbindung-von-achtsamkeit-und-buddhismus#:~:text=Achtsamkeit%20im%20Buddhismus%20bezieht%20sich,du%20in%20einem%20Moment%20wahrnimmst

5) Herzensgüte ist eine große heilende Kraft.

Sie ist ein Heilmittel gegen Angst, Unsicherheit und die jetzige Ungewissheit in dieser Corona-Zeit. Sie ist ein Energie-Spender für Herz und Hirn. Wir stärken mit Liebeskraft unser Selbstwertgefühl und bekommen äußerlich und innerlich gesunde Widerstandskraft.

Liebende Güte kommt manchen Menschen sehr entgegen, andere haben damit ihre Schwierigkeit. Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.

(Ursula Lyon, vor 40 Jahren meine sehr geschätzte erste Lehrerin in Vipassana-Meditation)

„Wir dürfen die Augen nicht verschließen!“ Corona, Klimawandel und Buddhas Lehre – Teil 1

Ich möchte euch einen äußerst  interessanten und fundierten Artikel ans Herz legen. Viel wurde und wird über den Klimawandel, Corona, etc. geschrieben. Bis jetzt habe ich keinen Text gelesen, mit dem ich so übereinstimme wie mit der klugen und interdisziplinären Zusammenfassung unter Berücksichtigung und Einbeziehung der spirituellen Ebene von Thomas Klien. Manchen mag die Einbeziehung der spirituellen Ebene nicht wichtig erscheinen oder auch nicht „einleuchten“ – mir erscheint es sehr wichtig, diesen blinden Fleck in der Debatte zu „beleuchten“.

Thomas Klien studierte Landschaftsökologie und –planung. Er praktiziert in den Kagyü- und Nyingma-Linien des tibetischen Buddhismus. Seit einigen Jahren betreut er Landschaftsgestaltungsprojekte in Chökyi Nyima Rinpoche’s Gomde Zentren in Oberösterreich und den Pyrenäen.

Selbstverständlich werde ich auch den zweiten Teil posten, sobald er online ist. Aus dem lesenswerten Artikel:

„Den Klimawandel und die ökologische Zerstörung allein durch die wissenschaftliche und technologische Linse zu betrachten, kann die Grundursachen nicht wirklich adressieren – diese Betrachtungsweisen bieten daher auch keine ausreichenden Lösungen. Es ist genau das Aufkommen von Technologie und Wissenschaft – eine bestimmte Herangehensweise in der Wissenschaft, die auf einer cartesianischen, reduktionistischen Sicht der Wirklichkeit beruht –, das zu einem wachsenden Gefühl der Trennung und des Mangels an Verbundenheit führte und führt. Technologie kann natürlich in vielerlei Hinsicht nützlich sein, aber das Gefühl der Verbundenheit und das innere Wissen der wechselseitigen Durchdringung aller Phänomene und fühlenden Wesen kommen durch Liebe und intuitive Einsicht zustande, nicht durch Technik.“

Weiterlesen hier:

http://www.buddhismus-austria.at/aktuellesmedien/aktuelles/wir-duerfen-die-augen-nicht-verschliessen/t/266

Leben in der Gegenwart – Nichts sonst …

„Die Gegenwart ist vorläufig und kann jederzeit von der Zukunft überboten werden. Was uns wirklich interessiert, ist ja nicht das, was wir jetzt erleben. Die Frage, die wir uns und anderen stellen, ist doch immer: Was kommt als Nächstes?

Am unglücklichsten sind diejenigen, die entweder nur noch in der Vergangenheit, nur noch aus der Erinnerung leben oder nur in der Zukunft, also in der Hoffnung. Glück bedeutet die Erfahrung der Unmittelbarkeit der Gegenwart.“

(Konrad Paul Liessmann) 1)

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„Du bist hier und jetzt, in diesem Augenblick, schon mittendrin. Antworte ohne zu zögern: Wo ist nun in diesem Augenblick deine „Wahrheit?“

(Günter Wohlfart) 2)

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Stille Achtsamkeit

Den ziehenden Wolken zusehen.
Nichts sonst

Dem Lied der Amsel am höchsten Gipfel des Baumes lauschen
Nichts sonst

Der Katze zusehen, wie sie auf Zeitlupenpfoten zum Mäusefang über die Wiese schleicht
Nichts sonst

Den eigenen Herzschlag spüren
Nichts sonst

(M.K., 2018)

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1) Aus einem Interview in der Tageszeitung „Die Presse“ mit dem österr. Philosophen Konrad Paul Liessmann – https://www.diepresse.com/4764204/liessmann-die-zukunft-ist-uberbewertet

2) Aus dem Reclam-Buch „Zen und Haiku“ von Günter Wohlfart

Mein Sterben gehört mir! Und basta!

In Österreich wurde eine Klage beim Verfassungsgerichtshof eingereicht. Zwei Erkrankte, ein Gesunder und ein Mediziner bekämpfen das Verbot der Sterbehilfe.

Da ich mit jedem Gedanken und jedem Satz übereinstimme, bringe ich hier Auszüge aus dem Artikel von Egyd Gstättner, österr. Schriftsteller und Essayist.

Er schreibt mir aus dem Herzen:

„Es ist viele Jahre her, dass der Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch Selbstmord begangen hat, indem er im Krankenhaus aus dem Fenster seines Zimmers im fünften Stock gesprungen ist, weil er unheilbar krank seine grässlichen Schmerzen nicht mehr ertragen konnte und ihm niemand dabei helfen konnte, wollte, durfte, das Unerträgliche loszuwerden und das unvermeidliche Ende in Würde selbst zu bestimmen. Damals schon habe ich in dieser kontroversiellen Debatte publizistisch für aktive Sterbehilfe plädiert. (…)

Wie viele haben nach Ludwig Hirsch „schlecht sterben“ (Thomas Mann) und ihre gesetzliche Martyriumspflicht erfüllen müssen! Aber anderen – völlig einerlei, ob jung, alt, krank oder gesund – eine Existenzpflicht vorzuschreiben ist ungeheuerlich! Mein Sterben gehört mir! Basta! Ich will Herr über meinen Tod sein, nicht umgekehrt. (…)

Der Verweis auf die Euthanasieverbrechen der Nazis hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun. Und wenn man ein Gesetz ablehnt mit dem Argument, es könnte verletzt oder missbraucht werden – dann brauchte man gar keine Gesetze mehr! (…)

Ich möchte weder „an der Hand“ noch „durch die Hand“ eines anderen sterben – sondern durch meine eigene Hand, die aber keine Waffe, sondern eine Finalkapsel oder Paradiespille oder ein Glas Zaubertrank hält, der einen schmerzlosen, gewaltfreien, selbst gemachten Tod verursacht. Diese Utensilien möchte ich (samt Beipackzettel und Gebrauchsanleitung) kaufen dürfen. Und selbst wenn ich dafür keine medizinischen, sondern philosophische oder persönliche Gründe habe: Ich werde mir dafür von keiner Kommission der Welt „grünes Licht“ geben lassen, wenn ich heim zu Friedell, Zweig, Améry, Marai, Kleist, Hemingway und vielen anderen gehen will. Das ist meine Sache.

Und aus dem Elend befreien können wir nur selbst. Selbsttod statt Selbstmord. Legales Selbsteinschlafen statt illegalem Selbstgemetzel. Oder noch poetischer: Selbstsegnung des Zeitlichen! Ich möchte, wenn es so weit ist, eine schöne Leiche hinterlassen. Und einen schönen Leichnam.“

Ende des Artikels.

Ja! Selbsttod – Selbstsegnung des Zeitlichen!

Wie anders hört sich das an und liest sich das.

Die Aussicht auf die „Selbstsegnung des Zeitlichen“ macht gleich ein fröhliches und entspanntes Leben!

PS: Ich habe keinen Glauben, dass ich zu irgendwem heimgehe. Doch wenn es so wäre, würde ich gerne zu meinen Lieben gehen und zu Sappho, Diotima aus Mantineia, Aspasia von Milet, Heloisa, Else Lasker-Schüler, Lou Andreas-Salomé, Marlen Haushofer, Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker und vielen anderen – eine Weiberrunde, die sich gewaschen hat …..

Was hätten wir Spaß!

Info:

Artikel „Mein Sterben gehört mir! Und basta!“ von Egyd Gstättner, in der Zeitschrift „Die Presse“ vom 8. Oktober 2020.

Foto: Monika Krampl

Ludwig Hirsch: Komm großer schwarzer Vogel