Panta rhei

„Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben“ schreibt Nina Brnada in ihrem Falter-Mail (siehe unten) zu Afghanistan, und „ … dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt …“.

Nicht nur die Welt der Anderen – (scheinbar) weit weg – geht unter – auch unsere Welt geht unter. Ja, Menschen und die Welt verändern sich, es wird immer alles anders. Panta rhei – du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen -. Doch um die Veränderungen, um die es hier geht, sind der Verlust von Sicherheit und Freiheit.

In Afghanistan ist Krieg und Menschen werden einfach so auf der Straße erschossen, und die Leiden der Frauen und Kinder sind unendlich, – kein Vergleich – und doch musste ich an ein Gespräch mit meinem Sohn denken.

Wir sprachen darüber wie wir beide – ich, 71, mein Sohn, 53 – glücklich sein können, wie wir aufgewachsen sind. Obwohl natürlich auch unser beider Kindheit Verschiedenheiten aufweist. Ich, behütet im Garten – aber in welchem Natur-Gemüse/Obst/Garten!, – Federball gespielt wurde auf der unasphaltierten Straße vor dem Haus. Mein Sohn mit Kindern spielend und streunend auf den Gstätten.

Wie wir noch vor 20 Jahren, damals beide in Wien wohnend, nachts ohne Angst durch die Straßen gingen, was heute nicht mehr möglich ist. Wie ich auf der Straße zwischen ein streitendes Ehepaar gegangen bin und den Mann zurechtgewiesen habe; wie ich verhindert habe, dass eine Frau – die von einem Mann angepöbelt wurde und sie sich lautstark wehrte – aus dem Lokal gewiesen worden wäre, wenn ich nicht eingeschritten wäre und den betrunkenen Mann am Schlafittl gepackt und ihn vor die Tür gestellt hätte; etc. Und ich weiß nicht, ob ich dies und noch vieles andere heute noch machen würde. Nicht nur weil ich alt und körperlich schwächer geworden bin, sondern auch wegen des gesteigerten Aggressionspotential, das ich auf den Straßen sehe und spüre. – Aber, wenn ich es mir so recht überlege – oh ja, ich würde es wieder tun. Jedoch mit den Gedanken an die Möglichkeit, dass ich vielleicht zusammengeschlagen würde oder ein Messer in den Bauch bekomme. Angst, nein. Jedoch alleine schon der Gedanke ist keine gute Ausgangsposition. Und früher hatte ich nicht einmal den Gedanken daran.

Und dies alles auch noch abgesehen von vielen Reisen die ich heute nicht mehr machen werde. Nicht nur zu den Kulturstätten, die es heute nicht mehr gibt, wie Nina Brnada schreibt, sondern auch, weil ich nicht in Länder reise, in denen Menschenrechte nicht eingehalten werden; wegen des Klimaschutzes werde ich nicht mehr fliegen; und weil ich glaube, dass Corona noch lange nicht vorbei ist und uns das sich weiter verändernde Klima vieles sowieso nicht mehr möglich machen wird.

Conclusion:

Dankbarkeit, in einer Welt gewesen zu sein und viele Reisen gemacht zu haben, die es so nicht mehr gibt.

Und an das Zitat von Brnada anschließend, die fragt was die österreichische Bundesregierung macht, um zu helfen und zum Schluss kommt – einfach gar nichts.

Was machen die Verantwortlichen der Welt? Einfach gar nichts.

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Tag für Tag

gerate ich tiefer

in die Landschaft hinein

die mich durchquert

(Klaus Merz)

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Hier den Text des falter.maily von Nina Brnada, das meinen Gedankengang ausgelöst hat. Der FALTER ist eine österreichische Wochenzeitschrift.

Waren Sie schon einmal in Syrien? Ich selbst habe es nie dorthin geschafft. Ich bereue es häufig. Wenn ich daran denke, dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt von mehr als zehn Jahren Krieg. Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben.

Ähnliche Gefühle beschleichen mich dieser Tage bei Afghanistan. Wenn ich Namen von Städten wie Kandahar lese; oder von der kleinen Ethnie namens Nuristani, die am Hindukusch lebt und erst Ende des 19. Jahrhunderts zwangsislamisiert wurde (sauze káfir, grünäugige Ungläubige, werden sie genannt); oder vom Khyber Pass, der wichtigsten Verbindung zwischen Afghanistan und Pakistan. So wie Syrien ist auch Afghanistan zwar nur wenige Flugstunden von Wien entfernt, aber so unerreichbar wie der Mars. Was wird aus diesem Flecken Erde und seinen vielen verschiedenen Menschen, Kulturen und Sprachen werden?

Unter der rohen Gewalt, die über Afghanistan gekommen ist, entrückt das Land vor unser aller Augen, live übertragen von den global sendenden Fernsehstationen. Das muss man sich einmal vorstellen: Nach 20 Jahren amerikanischer Präsenz kontrollieren die Taliban nach wenigen Wochen mehr Territorium als vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2001.

Zudem riegeln die Taliban alles ab. Die allerletzte Verbindung zum Rest der Welt, der überrannte Flughafen von Kabul, schwindet zusehends dahin. Noch sechs Tage sichern sie den Flughafen, danach wird auch diese letzte Verbindung gekappt. Afghanistan wird als Steinzeit-Emirat versiegelt, ein schwarzes Loch auf der Weltkarte, wo Massenhinrichtungen durchgeführt werden, Mädchen teils nicht in die Schule gehen und Frauen sich jetzt schon nicht mehr frei bewegen dürfen.

Und was macht die österreichische Bundesregierung, um zu helfen? Einfach gar nichts.

https://www.falter.at/maily/1016/afghanistan-am-mars-601?ref=homepage

Foto: The Elder Poem von Elisabeth Sansonow

SommerLiebesbunt

Im Juli und August 2016 habe ich die nachstehende „SommerLiebesbunt-Gedichtreihe“ geschrieben.

I

Heute

Ist die Liebe türkis

Karibisches Meer

Deine Lust

Brennt Löcher

In meine Haut

II

Heute

Ist die Liebe gelb

Flirrende Sommersonne

Ich spüre dich

An meinem Rücken

Deine Hände auf meinen Hüften

Flirrende Lustströme

Halt mich fest

Geliebter

III

Heute

Ist die Liebe schwarz

Worte schwarz auf weiß

Einen Satz

Liest du

Mir

Vor

Im Klang deiner Stimme

Fühle ich

Was dich berührt

Was dich berührt

Berührt auch mich

IV

Heute

Ist die Liebe ein Regentropfen

an der Fensterscheibe

schimmernd im Kerzenschein

Dämmerstunde

Der Garten

Die Bäume

Im Dunkelwerden

Herinnen

Du und ich

V

Heute

Ist die Liebe ein Regenbogen

Rock’n roll und Blues

Der Joint

Wir kichern

Und Lachen

Lassen unsere

Kleider fallen

Stolpern

Landen am Boden

Lösen uns auf

All you need is love

VI

Heute

Sitzt die Liebe auf dem Nussbaum

Oder wir

Oben oder unten

Ringelreihen

Kinderlieder

Werden wie die Kinder

Um lieben zu können

Bedingungslos

VII

Heute

Schreibe ich Dir

Einen Liebesbrief

Und du

sitzt neben mir

VIII

Heute

Ist die Liebe

SommerHimmelDunkelbau

Grüne Weingärten

Silbrigglitzernde Olivenbaumblätter

Du und ich

Versteckt hinter Ginster

Im kühlen Wasser des Teiches

Ineinander verschlungen

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Foto: Ebenfalls 2016 im Kurpark Baden – auf dieser versteckten und mit Moos bewachsenen Bank saßen schon lange keine Liebespaare …

Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige katholische Kirche,

Dieses Glaubensbekenntnis (Credo) habe ich als Kind und auch noch als Jugendliche sehr oft abgelegt. Voll Freude und in tiefem Glauben daran. Und wenn ich die 77 Worte des apostolischen Credos laut lese, kann ich tief in mir den Hauch der Seligkeit meines damaligen Glaubens spüren.

Und doch – ich glaube nicht mehr an Gott, auch nicht an die Göttin, und schon gar nicht, dass die Katholische Kirche heilig ist.

Als Erwachsene bin ich aus der Kirche ausgetreten. Ich habe meinen Glauben nicht verloren, – so wie man vielleicht ein Taschentuch verliert. Nein – je, mehr ich meine Augen öffnete und fähig war meinen Geist frei zu machen von Glaubens-Sätzen, mich umsah in der Welt und den Religionen, und je mehr ich darauf aufmerksam wurde, was in der Katholischen Kirche und ihrem Umfeld passiert, war mein Austritt eine sehr bewusste Entscheidung.

Heute bin ich Buddhistin. Und gleichzeitig ist eine tiefe christliche Spiritualität in mir, die ihren Ursprung in Gott – vielleicht aber noch mehr in Jesus – hat. Jesus, – ich nenne ihn Joshua 1).

Die große Mystikerin Teresa von Avila sagte, wenn sie bete, sei das

„nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“

Teresa hat in Jesus nicht ein moralisches Ideal gesehen, – sie hat ihn als einen wahren Menschen geliebt im eigentlichen und lebendigen Sinn des Wortes.

Nun finde ich es nicht als Zufall, dass ich im Mai 2009, als ich als Turmeremitin im Linzer Dom war, dort hoch oben über den Dächern von Linz ein kleines Büchlein mit Texten von Teresa von Avila fand, und in einer meiner Meditationen nach langer, langer Zeit mein Herz bei meinem Freund Joshua verweilte. Dies war ein so beglückendes Erlebnis, dass ich, die ich doch über alles erzähle und schreibe, dies nicht erzählen werde. Das bleibt bei mir.

Ich kann und möchte nicht mehr von Gott sprechen und auch nicht von der Göttin. Doch wie nenne ich das Gefühl der Verbundenheit/Zugehörigkeit mit Allem und das Gefühl, dass doch etwas fehle und die immerwährende Sehnsucht danach; die Glückseligkeit in meinen Meditationen und Kontemplationen; die Freude über das Nur-Sein und Nichts-sonst; das Urvertrauen in mir? Wie nenne ich das?

Und dann wurde ich fündig bei dem Benediktinermönch und Zen-Christen David Steind-Rast. Er sagt:

„Viele Menschen haben heute Mühe, wenn von Gott die Rede ist. Das kann ich nur zu gut verstehen. Allzu oft wurde dieses Wort ja missbraucht. Um Missverständnisse zu vermeiden, gebrauche ich selber oft andere Ausdrücke:

„Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“ 2), „Quelle aller Lebendigkeit“.

Ich habe „Urgrund des Seins“ gewählt, – das erzeugt Resonanz / spricht mit mir und in mir / schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit / einer absoluten Liebe / Sicherheit und Vertrauen.  

Im „Urgrund des Seins“ ist alles enthalten – ich, mit all meinen Gefühlen und meinem Sein / alle Menschen und Tiere und Pflanzen / unsere Welt und alles darüber hinaus – das was ist …

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„Wer tief in eine Blume schaut, der sieht eine Unzahl von Elementen, die zusammengewirkt haben, um die Blume zu ermöglichen. Berührst du die Blume, kannst du die Wolken berühren, die die Blume brauchte. Du berührst den Sonnenschein, denn ohne ihn gäbe es keine Blume. Gehen wir noch tiefer, so sehen wir die Erde, die Mineralien, Zeit und Raum – alles in dieser Blume. In der buddhistischen Terminologie sagen wir, die Blume hat kein Selbst, sie hat keine abgetrennte Existenz. Eine Blume besteht viel mehr aus Nicht-Blumen-Teilen. Deshalb spricht der Buddhismus nicht von »Sein« oder »Nicht-Sein«, sondern von »gegenseitigem Sein« oder »Intersein«. Und wenn du DEIN Selbst nicht finden kannst, dann schau auf die Tatsache, dass auch dein Selbst sich nur zusammensetzt aus Teilen des Nicht-Selbst.“

(Thich Nhat Hanh)

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1) Die namensgebenden Worte aus dem Hebräischen sind „jahwe“ (= Gott) und „jascha“ (= retten, helfen, heilen). Der Name bedeutet somit so viel wie „Gott ist Heil“. Der Name Joshua ist die englische Variante von Josua, der vom hebräischen Namen „Jehoschua“ kommt.

2) Der fast bildlos Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins – „Ground of being, and granite of ist: past all / Grasp, God“ – Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem Begreifen, Gott“ (Aus: Credo, David Steindl-Rast)

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Mein erster Essay zum Thema „Gott und ich“ war der Essay „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“. In diesem gehe ich ausführlich auf meinen Kindheitsglauben, meine Zeit als Turmeremitin, David Steindl-Rast und den Buddhismus ein. Der zweite Essay „Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins“ ist eine Kurzfassung der Themen des Ersten und doch auch eine Weiterführung.

„Der Liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“, veröffentlicht im April 2017 in meinem Blog:

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Heute Morgen entdeckte ich folgende Notizen, die ich im Oktober 2020 in einem Mail an eine liebe Freundin geschrieben habe:

Jetzt, am Beginn der dunklen Zeit schreibe ich dir einige Fragen / Gedanken / Notizen:

Das Ablaufdatum der Erde

Hat die Erde ein Ablaufdatum?

Oder poetischer formuliert – die Erde tritt in den Winter ihres Lebens ein? –

So wie auch ich

Und unser beider Ende ist absehbar

Wenn ich das Sterben / den Tod akzeptiere, bedeutet das, dass ich der Meinung bin, wir sollten / bräuchten nichts tun, weil es sowieso zu Ende geht?

Nein, dieser Meinung bin ich nicht

Erde und Universum haben ihren eigenen Rhythmus

Wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird

Monate / Jahre / Jahrhunderte?

Wer weiß das schon …

Was ich weiß, ist –

„Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben müsste, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“

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Heute geschrieben, August 2021:

Und wenn alles um uns zusammenbricht

Feuer und Wasser menschliches Dasein vernichtet

Was hält uns dann?

Was hält dich und mich?

Gemeinschaft / Unterstützung / Fürsorge – Liebe

Und so manches Mal frage ich mich – ob erst alles

zusammenbrechen muss, damit wir uns auf das

was uns hält und trägt besinnen …

Ich habe heute einen Essay über den

Urgrund des Seins

geschrieben

der „Urgrund des Seins“ hält mich –

spricht mit mir und in mir

schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit

einer absoluten Liebe

Sicherheit und Vertrauen

Ich hatte einen Traum

Im März 1996 hat die österr. Frauenzeitschrift „AUF“ meine Erzählung über das Leben meiner Großmutter veröffentlicht. Meine Großmutter lebte damals noch und sie hatte eine „schamhafte Freude“ über diese Veröffentlichung. Scham – weil wir sie und ihr Frauenleben so wichtig nahmen. Es sind ihre Erzählungen über den Tod ihrer Mutter als sie drei Jahre alt war enthalten – „… sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir neben der toten Mutter …“ ebenso wie über ihre Dienstmädchenzeit in Wien und dass sie diejenige ist, die ihrem Mann immer Mut macht. Außerdem sind Auszüge aus den Briefen ihres Mannes enthalten, die er ihr aus Russland schreibt – „… mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss …“

Ich habe die Erzählung meiner Großmutter, einem Dienstmädchen, und meiner Urgroßmutter, einer Schneiderin, gewidmet.

Ich hatte einen Traum

Erst hatte sie den Traum von einer glücklichen Familie — einem guten Mann, einer treu sorgenden Gattin und Mutter sowie braven und lieben Kindern. Dann kommt der Krieg. Er schreibt am 18. Oktober 1942 aus der Gefangenschaft in Russland:

„… und einen Umschlag mit den alten Briefen habe ich auch nach Hause geschickt, weil ich schon einen ganzen Haufen hatte, und verbrennen will ich’s aber nicht. Ich will sie in unseren alten Tagen mit Dir, mein Lieb‘, durchstudieren, was wir uns beide alles Gute und Schlechte geschrieben haben. Aber auch Du sollst die Briefe alle aufheben, die ich Dir schreibe !…“

Sie hebt die Briefe alle auf, aber er kommt nicht wieder nach Hause… Aus der Traum.

Der zweite Traum, den sie hatte, ist der einer Mutter, die ihre Kinder heranwachsen sieht, denen es besser gehen soll als ihr; einer Großmutter, die ihre Enkelkinder groß zieht, und die in der Gebor­genheit dieser Familie alt wird. Auch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ich möchte aber von dem ersten Traum erzählen.

„Ich habe geträumt, ich steh‘ in der Haustür und mein Mann kommt auf das Gartentor zu. Er hat seinen Sonntagsanzug an, und ich kann ihn ganz genau sehen. Ich gehe ins Haus hinein, denn ich möchte ihn drinnen erwarten.“

Dies erzählt die alte Frau, sie ist 87 Jahre alt, ihrer Enkeltochter. Ihr Mann, den sie in ihrem Traum auf das Haus zukommen sieht, ist vor 51 Jahren im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft gestorben. Er ist nicht gefallen — wurde nicht von einer feindlichen Kugel ge­troffen – er starb an der Ruhr, an Heimweh, an Sehnsucht nach sei­ner Familie, und an Mutlosigkeit. Denn die, die ihm Mut gab, war nicht bei ihm. Die Briefe, die er ihr schreibt, sind Briefe der Liebe

und der Sehnsucht. Er braucht ihre Stärke, aber sie ist zu weit weg. Am 22. Juli 1943 schreibt er nach Hause:

„… ich hatte heute eine sehr schlechte Nacht, konnte überhaupt nicht schlafen, meine Gedanken sind immer bei Euch zu Hause, was Ihr so macht, und wie es geht. Das soll doch schon bald alles der Teufel holen, ich weiß nicht, mich verdrießt es jeden Tag mehr und mehr, und immer diese Versetzungen, jetzt bin ich seit 5. Ok­tober 42 fortwährend auf der Tour, mich freut nichts mehr, so lange ich Soldat sein muss…“

Heute glaubt sie, dass sie seine Stärke braucht, um es »denen« zu zeigen. »Die« — das sind ihre Kinder, die sie in der Zeit der Arbeits­losigkeit zur Welt gebracht hat, für die sie in der Zeit des Krieges allein verantwortlich war, für die sie sorgen musste, und die sie ei­nen Beruf lernen hat lassen, damit sie es einmal leichter haben im Leben. Die, das sind drei Kinder, von denen sich zwei von ihr abge­wandt haben. Ein Kind bleibt aus Pflichtgefühl. Sie hat ihr ganzes Leben diesen Kindern und ihren Enkelkindern gewidmet, hat sich »aufgeopfert«, so wie viele Frauen aus dieser Zeit. Sie hat nie mehr geheiratet, war ihr ganzes Leben lang diesem Mann verbunden, mit dem sie zwölf Jahre zusammenleben durfte. Dass dieses »Aufopfern« auch beinhaltet, dass sie ihre Kinder nie losgelassen hat, und diese auch nicht fähig waren, sich ihrer Stärke entgegenzustellen und zu gehen, drückt sich heute, wie in so vielen ungelösten Konflikten, durch Streit und Zorn aus.

Ihr Leben ein Traum, ein sich nicht er­füllender Traum …

Sie wurde im Jahre 1909 in einem kleinen Dorf im nördlichsten Waldviertel geboren. Das Klima in diesem Landstrich ist ziemlich rau, und so waren und sind auch heute noch die Leute dort. Das Leben wird bestimmt von Kargheit und Strenge. Diese Kargheit und Strenge bestimmt bis zum heutigen Tag ihr Leben. Im Jahre 1912 stirbt ihre Mutter, sie ist gerade drei Jahre alt. Sie kann sich ganz genau daran erinnern. Sie erzählt:

„…Meine Mutter hat ein graues Kleid mit weißem Tüll an, sie liegt aufgebahrt auf einem Laden zwischen zwei Sessel in dem Zimmer, in dem ich mit Vater in einem Bett schlafe. Drei Tage schlafen wir

neben der toten Mutter. An das Begräbnis kann ich mich nicht er­innern …“

In der Folge führt die Großmutter dem Vater und dem kleinen Mädchen die Wirtschaft. Ihr Vater ist Maurer von Beruf und arbei­tet bei der Bahn. Durch diese Beschäftigung bei der Bahn wird er auch nicht in den Krieg eingezogen. Aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs ist das hervorstechendste Erlebnis für sie die Wiederverheira­tung des Vaters im Jahre 1917. Die Stiefmutter, die sie bekommt, ist die böse Stiefmutter der Märchenbücher. Es beginnt eine Zeit der Demütigungen, der Ablehnung und der Misshandlungen. Sie erzählt:

„Meine Stiefmutter hat wahrscheinlich geeifert, weil ich beim Va­ter geschlafen habe, aber ich war das gewohnt. Wir sind dann von meinem Geburtshaus weggezogen, in eine Wohnung (Zimmer/Kü­che) ein paar Häuser weiter. Wenn ich in mein Geburtshaus zu­rückgegangen bin, habe ich halt nachher meine Sachen gekriegt (bei den Haaren gerissen, auf den Rücken geschlagen). Als mein Bru­der zur Welt kommt, werde ich auch nach der Schule eingespannt. Wenn ich zur Taufpatin gehen wollte, musste ich den Kinderwagen mitnehmen. Damit ich ein bisschen mit den Kusinen spielen konn­te, hat halt die Tante auf den Buben aufgepasst…“

Der Bruder stirbt mit neun Monaten. Zum Spielen kommt sie trotzdem kaum. In dieser Zeit ist es auch üblich, dass sie ihrem Vater das Mittagessen in den nächsten Ort nachbringt, das sind hin und zurück gute zehn Kilometer. Infolge der Umstellungen nach dem Krieg zieht die Familie in das südliche Niederösterreich. Sie wird entsprechend der Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts zu absoluter Bedürfnislosigkeit und Gehorsam erzogen. Die Kindheit, die sie bis dahin hatte, war geprägt von Entbehrungen und Demütigungen. Was sie nicht kennen lernte, war eine Atmosphäre der Liebe, der Ge­borgenheit, der Wärme und des Akzeptierens. Heute, mit 87 Jah­ren, sagt sie zu ihrer Enkeltochter:

„Weißt Du, ich hab‘ halt einen ganz starken Minderwertigkeitskom­plex, ich fühl‘ mich, als ob ich nichts wert wäre. Ich hätte es gebraucht, dass mir schon in meiner Kindheit jemand gesagt hätte, dass ich was wert bin …“

Mit 13 Jahren, nach sechs Klassen, muss sie die Schule verlas­sen. Ein Mädchen braucht keine Bildung. Bis dahin war sie schon regelmäßig nach der Schule bei einer Familie zum Geschirr abwaschen. Nun kommen auch noch die anderen schwereren Haushalts­arbeiten dazu. Vom Hof das Wasser für drei Personen zum Waschen und Kochen in den zweiten Stock hinauftragen, vom Keller Kohlen und Holz hinaufbringen, Herd und Kacheln putzen, die Eisenteile mit Schmirgelpapier abreiben, Zimmer ausreiben … Sie erhält vier Schilling im Monat. Von dem Geld darf sie nichts für sich behalten. Mit 17 lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ein gelernter Tischler. Doch nach dem Willen der Stiefmutter soll sie einen »Ei­senbahner« heiraten. Um die nicht erwünschte Verbindung zu un­terbinden, wird sie in einer Nacht- und Nebelaktion nach Wien geschickt. Hier arbeitet sie als Dienstmädchen in einer jüdischen Fa­milie. Untergebracht ist sie in einem Kabinett, das nicht beheizbar ist. Trotzdem geht es ihr hier wesentlich besser. Sie versteht sich gut mit der »Gnädigen«, kann das Geld, das sie verdient, für sich behal­ten und kann sich das erste Mal in ihrem Leben etwas kaufen. Da sie schon ihrem zukünftigen Mann treu ist, hat sie auch keine Männer­bekanntschaften. Es ist anzunehmen, dass dies auch mit ein Grund ist, dass sie sich mit der »Gnädigen« gut versteht. Ein Dienstmäd­chen, das kaum weggeht und keine Männerbekanntschaften sucht, ist eine »Perle«.

Obwohl es ihr hier zum ersten Mal in ihrem Leben gut geht, verlässt sie diese Stelle und Wien und geht wieder zurück. Der Grund ist ihr zukünftiger Mann – sie erzählt:

„Sein Bruder hat mir geschrieben, ich soll nach Hause kommen, er fallt immer zusammen. Er kommt von der Arbeit nach Hause, und nach dem Essen starrt er so lange auf mein Foto bis er zusam­menfallt …“

Sie geht zurück und wird wieder von der Stiefmutter schikaniert. Im Frühjahr 1928 kommt ihr erstes Kind zur Welt, und im darauf ­folgenden September heiraten sie. Sie ziehen in eine eigene Wohnung. 1929 kommt bereits das zweite und 1930 das dritte Kind. Im gleichen Jahr wird ihr Mann arbeitslos. Sie ist diejenige, die jetzt für die Familie sorgt. Sie geht wieder putzen – sie putzt in Schulen, im Theater, sie wäscht die Wäsche für andere, sie hilft den Bauern am Feld, gleichzeitig hilft sie noch ihrem Mann im Wald beim Stock­graben, um Holz zum Einheizen zu haben. Dass ihr Mann zwar die Kinder beaufsichtigt, aber nicht kocht, keine Windeln wäscht, fin­det sie selbstverständlich – »das hat es damals nicht gegeben«. Die Stärke dieser Frau wird hier zum ersten Mal sichtbar – sie ist es, die die Familie durchbringt. Von 1930 bis 1939 ist ihr Mann arbeitslos, und sie ist diejenige, die ihrem Mann Mut macht – sie erzählt:

„Er hat immer zu mir gesagt, wenn du nicht singst, dann pfeifst du, und wenn du nicht pfeifst, dann singst du. Wo nimmst du nur diese Kraft und Fröhlichkeit her? Er war halt immer schwermütig…“

In dieser Zeit der Arbeitslosigkeit kaufen sie sich mit zum Teil geliehenem Geld einen Baugrund und fangen an, ein Haus zu bau­en. Im Jahre 1935 ist das Haus fertig, und im Jahr 1939 – ein wei­terer scheinbarer Lichtblick – bekommt ihr Mann Arbeit. Doch be­reits ein Jahr später, 1940, wird er eingezogen. 1944 ist er das letzte Mal zu Hause, kurz darauf kommt er in Kriegsgefangenschaft. Am 3. März 1945 stirbt er in Gefangenschaft. Sie erfährt es erst ein Jahr später durch einen seiner Kameraden — bis dahin hat sie auf seine Heimkehr gehofft. Mit 37 Jahren ist sie Witwe, ihre Kinder sind 18, 17 und 16 Jahre alt.

Ihr Weltbild ist Strenge, Sauberkeit und Ordentlichkeit. So er­zieht sie auch ihr erstes Enkelkind, eine Enkeltochter, die 1950 zur Welt kommt. Erst im Alter wird es ihr möglich sein, diese Stren­ge zu mildern, ihre Enkeltochter in den Arm zu nehmen. Die alte Frau und die Enkeltochter rücken heute näher zusammen. Sie sind einander näher als Mutter und Tochter. Die Stärke der Alten ist zur Stärke der Jüngeren geworden, etwas, das sie verbindet. Sie erzählt ihrer Enkeltochter:

„Ich bin nie allein, denn links von mir ist mein Mann und rechts meine Mutter, sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“

(Fotos und Feldpostbriefe aus Privatbesitz Monika Krampl)