Sollen wir oder müssen wir sogar in Frage stellen?

Fragen stellen – etwas in Frage stellen – finde ich immer gut. Ja, ich liebe es, meine Gehirnzellen in Gang zu bringen und auch mal ums Eck zu denken. Manchmal bringen Fragen sofort und umgehend Antworten – vielleicht auch neue Erkenntnisse. Manchmal führen sie zu neuen Fragen. So manches Mal führen sie auch in Unsicherheiten und Bedenken über die eigene Lebensführung. Doch – wenn Bedenken kommen, dann gibt es etwas zu bedenken. Das ist dann auch eine Erkenntnis.

Corona stellt vieles in Frage. Viele Lebensgewohnheiten, und damit auch einige der so genannten „Normalitäten“. Nicht schlecht, finde ich. Denn bei so manchen dieser „normalen“ Umtriebe und Auswüchse stellt sich die Frage ob dies noch normal ist. Das sei nur am Rande bemerkt, denn über den Begriff „Normalität“ ließe sich doch trefflich streiten. Darum geht es hier und jetzt aber nicht.

Nun erzählen viele Menschen über ihre Unsicherheiten / stellen Fragen und in Frage / sind nachdenklich. Das freut mich. Denn daraus kann Neues entstehen. Und das brauchen wir ganz dringend in unserer gefährdeten Welt allgemein und für unser persönliches Wohlergehen sowieso und ganz gewiss.

Nachstehend lasse ich zwei Fragesteller*innen zu Wort kommen.

Marianne Gronemeyer, die Fragen zur Arbeitswelt stellt und zu dem Ergebnis kommt – „Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.“

Christoph Quarch, stellt die Frage, warum wir Friedrich Hölderlin, einen Dichter aus dem 1800 Jhdt. brauchen, und kommt zum Ergebnis – Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod.“

~~~~~~~~~~

Marianne Gronemeyer, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin,  stellt die Fragen:

„Hauptsache Arbeit. Aber wozu?“

Und – „Wer soll denn wohin integriert werden?“

Wer sich heutzutage der politischen Korrektheit befleißigen und sich auf die Seite des Anstands schlagen will, der muss für ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ votieren. Aber da erhebt sich augenblicklich die Frage, wer denn da wohin integriert werden soll: Die Frauen in die Männerwelt; die Habenichtse in die Konsumwelt, die Fremden in die Welt der Ansässigen; die Schwachen in die Welt der Starken; die Kranken in die Welt der Gesunden; die Scheiterer in die Welt der Funktionstüchtigen, die Arbeitslosen in die Welt der Leistungserbringer und die Verlierer in die Welt der Sieger? Aber es ist ja nicht so, dass die Starken, die Erfolgreichen, die Gesunden, die Leistungsstarken und die Sieger im Recht wären. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Arbeitswelt, die Welt des Arbeitsmarktes so zugerichtet haben, dass in ihr gute Arbeit durchweg nicht mehr möglich ist. Und die vom Konkurrenzkampf aller gegen alle geprägte Arbeitswelt wird ja um nichts besser, wenn die Schwachen, die Frauen, die Gescheiterten und die Arbeitslosen auch noch in sie hineingeraten. Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.

~~~~~~~~~~~~~~~

Christoph Quarch, Philosoph, evangelischer Theologe und Autor, stellt die Frage:

Warum wir Hölderlin brauchen?

„ … denn es ist Zeit,

Dass aus der Menschen Munde sie, die

Schönere Seel, sich neuverkündet, (…)

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt

Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist

Im Menschenwort, am schönen Tage

Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.“

(aus. Ermunterung von Friedrich Hölderlin)

Friedrich Hölderlin war der Sänger des Heiligen. Dazu sah er sich berufen. Worte für den Geist zu finden, der im alten Griechenland in der Gestalt des Gottes Apollon verehrt wurde; diesem Gott, diesem Geist dabei zu helfen, sich im Menschenwort, am schönen Tage, einer künftigen, neuen Zeit aus- und zuzusprechen – so wie er sich im alten Hellas einst bekundet und dabei eine Welt geboren hatte, von deren geistiger Schönheit und Kraft die europäische Kultur sich noch heute nährt. Es war dies eine Welt, die es den Menschen möglich machte, sich in Freiheit und zur Blüte eines schönen Menschenlebens zu entfalten. (…)

Das war Hölderlins Vision: eine Welt, die nicht länger vom Homo Faber oder Homo Oeconomicus  beherrscht ist, die nicht getrieben ist vom Willen zur Macht eines Subjetes, das um seines eigenen Vorteils willen alles Natürliche vernichtet, eine Welt, in der die Menschen im Einklang mit dem lebendigen Sein der Natur leben, statt sich in den Allmachtsphantasien ihrer digitalen Technik zu verlieren. Hölderlins Vision galt einer Welt, worin der Mensch am Ende seiner Tage mit einem Lächeln auf den Lippen sagen kann: Zu sein, zu leben, das ist genug. Das ist eine Vision, derer wir im 21. Jahrhundert dringender bedürfen denn je. Deshalb brauchen wir Hölderlin. Seine Vision hat nicht an Gültigkeit verloren.

Wir brauchen eine neue religio – eine neue Rückbindung ans lebendige Sein dieser Welt, die uns die Heiligkeit der lebendigen Natur erkennen, ja, vor allem lieben lehrt. Wir brauchen eine Haltung gegenüber der Welt, die uns von der Egozentrik des neuzeitlichen Subjekts befreit und von unseren Fesseln befreit: unserer Angst vor dem Tod und unseren Herrschaftsgelüsten gegenüber Mensch und Natur. Wir brauchen ein neues Menschenbild, das uns begreifen lässt, das wir nur im Einklang mit dem lebendigen Sein zur vollen Freiheit und Schönheit des Lebens erblühen können – und nicht auf dem Wege der gewaltsamen Durchsetzung unseres Willens. Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod. Das alles brauchen wir. Wir brauchen Hölderlin und seine Dichtung, seine Vision von einer neuen Zeit. (…)

„Uns selber zu verstehen! Das ist’s, was uns emporbringt. Lassen wir uns irremachen an uns selbst (…) dann ist auch alle Kunst und alle Müh’ umsonst.

(Heinrich Heine in einem Brief an Neuffer, August 1798)

Obige Texte aus:

Christoph Quarch: „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“, S. 180 ff

Marianne Gronemeyer: https://ivs-wien.at/ivs-veranstaltungen/wien-wird-anders/prof.-dr.-marianne-gronemeyer.html

SommerLiebesbunt – Gedichte aus meinem Buch

Und wieder ist es ein heißer Sommer …

Hier einige bunte und heiße Gedichte aus der Gedichtreihe „SommerLiebesbunt“ – aus meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …

I

Heute
Ist die Liebe türkis
Karibisches Meer
Deine Lust
Brennt Löcher
In meine Haut

II

Heute
Ist die Liebe gelb
Flirrende Sommersonne

Ich spüre dich
An meinem Rücken
Deine Hände auf meinen Hüften

Flirrende Lustströme
Halt mich fest
Geliebter

III

Heute
Ist die Liebe schwarz
Worte schwarz auf weiß
Einen Satz
Liest du
Mir
Vor

Im Klang deiner Stimme
Fühle ich
Was dich berührt

Was dich berührt
Berührt auch mich

IV

Heute
Ist die Liebe ein Regentropfen
an der Fensterscheibe
schimmernd im Kerzenschein

Dämmerstunde
Der Garten
Die Bäume
Im Dunkelwerden

Herinnen
Du und ich

V

Heute
Ist die Liebe ein Regenbogen
Rock’n roll und Blues

Der Joint
Wir kichern
Und Lachen
Lassen unsere
Kleider fallen
Stolpern
Landen am Boden
Lösen uns auf

All you need is love

VI

Heute
Sitzt die Liebe auf dem Nussbaum
Oder wir
Oben oder unten
Ringelreihen
Kinderlieder
Werden wie die Kinder
Um lieben zu können
Bedingungslos

VII

Heute
Schreibe ich Dir
Einen Liebesbrief

Und du
sitzt neben mir

VIII

Heute
Ist die Liebe
SommerHimmelDunkelbau

Grüne Weingärten
Silbrigglitzernde Olivenbaumblätter

Du und ich
Versteckt hinter Ginster
Im kühlen Wasser des Teiches
Ineinander verschlungen

M.K., geschrieben im Juli und August 2016

Mein Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ erzhältlich als Paperback, Hardcover und e-Boock im Buchhandel und bei deinem Buchhändler ums Eck …

Über die Liebe und das Leben

Eine Rückschau mit Dankbarkeit

Mit 70 Jahren darf man schon mal Rückschau halten.

Die Schatztruhe öffnen und schauen, welche Schätze sich darin angesammelt haben. Obwohl es natürlich noch nicht zu Ende ist – die Liebe und das Leben – da kommt noch was …

Reden wir doch über die Liebe und die Lust in unserem Leben.

Was gibt es Wichtigeres?

Gibt es etwas Wichtigeres?

Nein.

Am Ende des Tages – oder hoffentlich schon früher – ist es egal, wer du warst, welchen Beruf du hattest, wie viel du verdient hast, oder was du alles besitzt …

Am Ende des Tages – oder hoffentlich schon früher – wirst du dich fragen, wie viel du geliebt und voll Lust und Freude gelebt hast.

Lasst uns doch diese Geschichten erzählen.

Geteilte Geschichten bereichern und machen Mut zu leben.

Was würdest du erzählen?

Heute erzähle ich – einen Teil – meiner Geschichten. So viel gelebtes Leben lässt sich nicht in einer Geschichte unterbringen – und dafür bin ich sehr dankbar.

In den Jahren meines Liebes-Lebens lernte ich zu unterscheiden:

  • die Herzensliebe – die aus dem Herzen kommt und das Herz überfließen lässt
  • die Seelenliebe – eine seelische Verbundenheit, die sich anfühlt, als wäre die Liebe schon seit Anbeginn der Welt da
  • die Bauchliebe – welche die Schmetterlinge zart mit den Flügeln schlagen lässt in unserem Bauch, und / oder die ein loderndes Feuer entflammt, das uns brennen lässt vor Lust

Ich lernte, dass alle drei für sich gelebt werden können / dürfen.

Und ich lernte, dass, – wenn alle drei zusammentreffen es die „heilige Dreifaltigkeit“ ist. Ein wundersames Geschenk.

Ich schreibe Liebesbriefe an meinen verstorbenen ersten Ehemann, von dem ich mich getrennt habe – damals vor langer Zeit; ich rede mit meinem zweiten Ehemann über unsere Liebe, wenn wir uns sehen; und ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich mich mit meinem Lieblings-Ex-Lebenspartner treffe …

Und das alles trage ich in mir und spüre ich jederzeit – wann ich nur will – welch’ glückliche Frau ich doch bin …

Panta Rhei  – Aus der Flusslehre

„Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“

Ich sitze am Ufer meines Flusses und blicke zurück.

Wenn ich zurückblicke, muss ich aufstehen um die Quelle meines Flusses zu sehen; wie er mäandert und sich die Ufer immer wieder verändern.

Schaue ich in die andere Richtung – zum Mündungsdelta des Flusses in das unendliche Meer – kann ich es bereits im sitzen sehen …

Metamorphose – Bewegungsfluss der Liebe

Welch weiter Weg von dem verzweifelten Schrei im Jahr 1988 „er gehört nicht mir“ bis zur Freiheit des Herzens und der Worte „weil meine Liebe nichts verlangt von dir“ im Jahr 2019 …

1988

er braucht mich nicht

er lacht und liebt mit einer anderen

keine liebe

kein vertrauen

keine sicherheit

keine geborgenheit

er braucht  mich nicht

er begehrt mich nicht

nicht mehr

wie gewonnen

so zerronnen

lebensspiel

er gehört nicht mir

nicht mehr

***********

2019

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer liebe

und begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

nicht einmal

dass wir uns

wieder sehen

**********

Liebe und Lust sind unendlich.

Es gibt nicht nur die eine Liebe, es gibt viele Lieben.

Liebe ist unendlich und immer anders.

Jede Liebe ist immer eine besondere Liebe, – da das Gegenüber immer anders und besonders ist.

Zu lieben ohne Ausschließlichkeit und damit ohne andere ausschließen zu müssen, heißt – lieben und andere mit einschließen zu dürfen.

Keine Trennung machen zu müssen, die zu leidvoller Trennung führt.

Je mehr Liebe wir verschenken, je mehr wir uns zu lieben trauen, desto mehr Liebe ist in unserem Herzen.

Selbstverständlich gibt es auch in guten Liebesbeziehungen Zorn und Schmerz und Trauer. So ist das Leben. Und so sind wir in unseren ganz besonderen Verschiedenartigkeiten. Ohne Gefühle keine Lebendigkeit. Und zwar alle Gefühle. Die ganze Gefühlspalette – vom einem Ende der Verzweiflung und dem Schmerz bis zur anderen Seite der Glückseligkeit. Sich irgendwie in der Mitte einzupendeln – der Versuch / die Resignation / das Vermeiden wollen von Gefühlstiefen führt zu Unlebendigkeit.

Eine Zeit lang, als ich den Buddhismus kennen lernte, verfiel ich dem Irrtum, dass ich jetzt nur mehr mit Dauerlächeln auf den Lippen, möglichst im Lotussitz, durchs Leben schweben werde.

Wie gesagt, das war ein Irrtum. Da habe ich etwas grundlegend missverstanden mit der Achtsamkeit und Gelassenheit. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Heute bin ich sehr achtsam mit meiner Achtsamkeit – und – weiß wie wichtig mein „heiliger Zorn“ und meine „Tränen der Seele“ sind.

Es geht nie um ein „entweder – oder“.

Es geht immer um ein „und“ …

Achtsamkeit bedeutet zum Beispiel – Zorn und Trauer bis zum tiefsten Grund zuzulassen / dann erschöpfen sich diese Gefühle von allein / sie sind ausgelebt / vorbei – um dann zurückzukehren zur unerschöpflichen Liebe.

Achtsamkeit bedeutet auch – einen Schritt zurückzutreten / einige Atemzüge zu nehmen – und zu merken, dass Zorn und Trauer nichts mit dem Gegenüber zu tun haben, sondern mit dem eigenen Selbst – um dann zurückzukehren zur unerschöpflichen Liebe.

Mein Weg des Lebens – mit der Liebe

Wild – sinnlich – besinnlich

Immer wieder bin ich dankbar für mein gelebtes Leben!

Wie viele Wege bin ich gegangen – manchmal ein leichter Wanderweg, dann wieder eine schnelle Autobahn /  in ein liebliches Tal und über eine Alm mit Kräuterduft / manchmal ein schwieriger Anstieg über eine Geröllhalde und die Glückseligkeit des Gipfelerlebnisses / und so manches Mal ein Stolpern durch die brennheiße Wüste ohne Ende / ein Dschungelpfad mit wilden Tieren / manchmal eine Sackgasse und zurück an den Start / und immer wieder die Stille des Rückzugs – das Sitzen am Fluss …

**********

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/11/23/liebesbrief-an-meinen-ersten-ehemann/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/05/03/ein-mann-und-zwei-witwen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2019/12/30/leben-heist-lieben-und-lieben-heist-leben/

Ein Mann und zwei Witwen

Liebesbrief Nr. 4 an meinen ersten Ehemann

So hie und da, wenn ich am Morgen mit meinem Hund bei ihrem Gartenzaun vorbeilaufe, und sehe, dass sie im Garten ist, öffne ich die Gartentür und trete ein. Sie freut sich, mich zu sehen – deine Ehefrau Nr. 2. Und wir – sie und ich, Ehefrau Nr. 1, – setzen uns an den Tisch und trinken gemeinsam Kaffee.

Wir reden über dich, so wie immer.

Anfangs, weinten wir sehr viel. Wir lagen uns immer wieder in den Armen und trösteten uns. Mit der Zeit wurde es leichter. Und jetzt lachen wir sehr viel miteinander. Wir erzählen uns verschiedene Anekdoten über das Leben mit dir. Und immer wieder lesen wir die Sehnsucht nach dir in den Augen der anderen.

Ja, so könnte es sein.

Ist es aber nicht.

Und obwohl wir nur einige Häuser entfernt in der Straße wohnen, haben wir uns über Jahrzehnte nicht gesehen. Ich lebte in Wien und war nur selten in meinem Elternhaus. Als ich wieder zurückgekommen bin, warst du bereits sehr krank. Hat man mir erzählt.

Deine zweite Frau – wir kannten uns einmal sehr gut – kennt mich nicht mehr oder will mich nicht kennen. Ich weiß es nicht.

Manchmal nickt sie mir zu, über den Gartenzaun hinweg. Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese alte, kranke Frau, die mühsam an ihrem Gehstock Schritt für Schritt durch den Garten geht, mich erkennt.

Ich wünschte mir, ich hätte den Mut gehabt und hätte bei ihr angeläutet.

Wir hätten gemeinsam um dich trauern können.

Zwei Witwen.

Das hätte ich mir gewünscht.

„Traurigkeit ist eine Mauer zwischen zwei Gärten“, sagte Khalil Gibran. Das gefällt mir.

Vor drei Jahren bist du gestorben.

Ich habe dir damals den ersten Liebesbrief geschrieben.

Den ersten nach deinem Tod.

Denn die vielen Liebesbriefe von damals, als du deinen Präsenzdienst leisten musstest und wir monatelang getrennt waren, habe ich noch. Wir haben uns fast täglich geschrieben und in jedem Brief spricht unsere Liebe und unsere Sehnsucht danach, uns wieder in die Arme schließen zu können.

Jahrzehntelang hatte ich nicht mehr an dich gedacht. Und es überraschte mich, dass ich mich plötzlich als Witwe fühlte; – dass ich mich in diesem Gefühl deiner zweiten Ehefrau sehr nahe fühle.

Obwohl ich auch einen zweiten Ehemann und mehrere Lebenspartner hatte. Männer, die ich jeweils ganz besonders liebte. Jeden in seiner eigenen Besonderheit.

Und ich denke mir, wie schön wäre es, wenn das viele Menschen wüssten – dass man mehr Menschen lieben kann, – jeden und jede in ihrer und seiner Besonderheit. Keine Ausschließlichkeit mehr – sondern Einschließlichkeit – neue Strukturen / neue Ordnungen würde sich bilden.

Kein Liebesleid und leiden mehr.

Worüber würden die Dichter dann schreiben …?

Vor drei Jahren, als ich von deinem Tod erfuhr, war sie plötzlich wieder da – die große Liebe, die ich für dich empfand und jetzt noch immer spüre. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese große Liebe – das glückselige Herz und das brennende Verlagen – mit dir leben durfte, und es heute noch in mir trage.

In meinem ersten Liebesbrief, damals vor drei Jahren, schrieb ich:

„Heute erwachte ich ganz still. Und wusste noch nicht, dass ich mich hineinfließen lassen werde, in die Erinnerung an unsere Liebe.

Die Dunkelheit des Nachthimmels verabschiedet sich langsam.

Der Sonnenaufgang kündigt sich an. Ich sitze am Fenster und freue mich über die Stille und die Schönheit des frühen morgens.

Und sanft wie das hellblau des Morgenhimmels steigen Erinnerungen in mir hoch.

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an dich – meine erste große Liebe.

Ich war 14, und du 15, als unsere Liebe begann.

Als wir heirateten, war ich 18, und du 19.“

Heute, – drei Jahre später, ist es wieder ein stiller Morgen – vom Dunkel der Nacht in die erste Helle des Morgens / wie ich diese Stunden liebe …

Ich zitiere nochmals aus dem Brief, weil es heute noch immer Gültigkeit hat und für immer haben wird:

„Ich erinnere mich gerne an die gute Zeit mit dir, die wesentlich länger war, als die Zeit des Zorns und des Leids.

Wie könnte ich das je vergessen?

Müsste ich da nicht auch mich selbst vergessen?

Wie könnte ich darauf verzichten, die Innigkeit der Liebe und Lust nicht mehr zu spüren?

Ich erinnere mich.

Du, meine erste Liebe in meinem Leben.

Ich erinnere mich an dich.“

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/11/23/liebesbrief-an-meinen-ersten-ehemann/

Vom Vergeben und Verzeihen

Aus dem theoretischen und dem ErfahrungsWissen heraus, dass wirkliches Herzens-Vergeben und –Verzeihen nur möglich ist, wenn ich den Verletzungen meines inneren Kindes genügend Beachtung geschenkt habe – …

wenn ich das innere Kind genügend auf die bösen Eltern und alle anderen schimpfen und klagen habe lassen und mich an seine Seite gestellt habe; wenn ich es immer wieder in den Arm genommen und ihm – so wie meine Großmutter es tat – vorgesungen habe –

Heile, heile Gänschen

es ist bald wieder gut

es Kätzchen hat ein Schwänzchen

es ist bald wieder gut

heile, heile Mausespeck

in hundert Jahr ist alles weg

– …

wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein.

Das innere Bild des kleinen Mädchens, das in einer Ecke sitzt, die Arme um die angezogenen Knie gelegt, den gesenkten Kopf auf den Armen abgelegt, die Haare, die nach vorne fallen und man daher ihr verweintes kummervolles Gesicht nicht sieht, hat sich gewandelt.

Das jetzige innere Bild des kleinen Mädchens ist ein Mädchen, das mit erhobenen Armen, das Gesicht der Sonne zugewandt, umgeben von Schmetterlingen und Bienen, mit ihren strahlenden Augen über die Blumenwiese tanzt und vor sich hin trällert …

Auf sie habe ich lange gewartet.

Und wenn sie wieder da ist – so da ist – kann auch den erwachsenen Menschen aus der Kindheit, die durch ihren eigenen Schmerz so viel an Schmerz verbreitet haben, vergeben werden …

Heile, heile Gänschen …

…..

Und JETZT geht die 70-jährige in den Garten, hebt ihre Arme und das Gesicht der Sonne entgegen – und tanzt an der Hand des lachenden kleinen Mädchens.

Welch wundervolle Welt – trotz allem …

Welche Welt voller Wunder …

~~~~~~~~~~

„Gib mir noch eine kleine Weile Zeit:

ich will die Dinge so wie keiner lieben“

(Rainer Maria Rilke)

~~~~~~~~~~

Postscriptum:

Der lange Weg bis zu Obigem …

1984 begann ich mit einer Therapie, da ich merkte, dass ich mich nicht zu leben traute, wie ich leben wollte – Ängste / Scham / schlechtes Gewissen / etc. beherrschten mich

1984 – 1990 Kennenlernen des Buddhismus / Aufenthalte im buddh. Kloster in Sri Lanka / Yoga- und Meditationsausbildung

1988 begann ich mit der Ausbildung zur Psychotherapeutin – nochmals mit viel Eigen- und Gruppentherapie.

1990 – 2015 – ein langer Lern- und Erfahrungsprozess in der Begleitung meiner Klient*innen in meiner Praxis

In all diesen Jahren das Kennenlernen von verschiedensten anderen Therapie- und Heilmethoden nicht nur durch Seminare, sondern auch von mehr und weniger langen Eigentherapie.

Und mit all diesem und noch viel mehr kreiste ich zu Zeiten auch immer wieder um das Vergeben und Vergessen.

Ich schätze das Erfahrungswissen mehr als theoretisches Wissen, wobei natürlich die Theorie als Handwerkszeug sehr wichtig ist.

In meiner Erzählung „Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt“, geschrieben im Jänner dieses Jahres, habe ich geschrieben, dass ich mir nie hätte vorstellen können, meine Tagebücher zu entsorgen, und wie wichtig es plötzlich für mich war, damit auch weiter Vergangenheit loszulassen.

Vielleicht gibt es nochmals einen Durchgang – jedoch mit meinem kleinen, fröhlichen Mädchen im Arm wird es ein leichtes sein!

Neues erfahren und erleben / sich wandeln / bis zum letzten Tag …