Gedanken über das Sterben und den Tod

Gründonnerstag, 9. April im Coronajahr 2020

Ein wunderschöner Sonnenaufgang mit blitzblauem Himmel. Es frühlingt im Garten – es zwitschert, grünt und blüht. Frühling – und doch ist es bereits Sommer. Es ist noch sehr kühl draußen, – doch später werde ich beim Gartentisch auf der Terrasse sitzen, den lärmenden Spatzen im gelben Forsythienstrauch lauschen und die Sonne auf der Haut spüren.

Das Thema Sterben und Tod beschäftigt mich schon sehr lange. Es macht mir keine Angst mehr. Ich habe mir den Tod wieder in mein Leben reingeholt – ist er doch ein Teil des Lebens. Und ich bin froh darüber. Sehe ich doch, wie die Konfrontation, jetzt – da es gar nicht anders geht, vielen Menschen Angst macht oder auch – noch immer verdrängt wird.

Ich, als erwachsene Frau, stehe dem Buddhismus nahe – mein kleines Mädchen in mir ist noch immer Christin. Und für dieses Mädchen ist es die Karwoche – heute der Tag des letzten Abendmahls und morgen, am Karfreitag, das Sterben von Jesus Christus am Kreuz. Wie könnte ich diese intensiven Gefühle in mir je vergessen. Dieses Mitleben und Erleben der Schmerzen des  Kreuzweges, und schließlich des Todes meines geliebten Jesus – vielleicht sollte ich sagen – meines Geliebten, Jesus. Ja, so war das damals.

Und ich denke an mein Sterben und meinen Tod.

Es könnte das letzte Osterfest in meinem Garten sein.

Es könnten noch viele Osterfeste folgen.

Doch – wer weiß das schon …

Heute Morgen beim Aufwachen, – noch im Bett in der Dämmerstunde, waren sie da, die Gedanken an das Sterben und den Tod. Ich werde einen Brief an meinen Sohn, meine Familie, und jeweils einige Zeilen an meine engsten Freund*innen schreiben, und diese Briefe in meine Schreibtischschublade legen. Ein paar Zeilen des Abschieds – „Macht euch keine Sorgen. Es ist gut so. Trauert um mich. Und dann lebt euer Leben in Freude und genießt es.“

Und ich denke an mein Leben – das Leben einer Wölfin, so manches Mal die Leitwölfin spielend, doch mit zunehmendem Alter immer mehr allein ihrer Lebensspur entlang schnürend.

„Was habe ich aus der Zeit meine Lebens gemacht?“ lese ich in diesen Tagen im neuesten Roman von Pascal Mercier. Das frage ich mich auch. Manchmal begleitet mich diese Frage über Tage. Um dann wieder zurückzukehren zu meinen Jetzt-Sätzen. Die Sätze, die mich mit dem Jetzt verbinden: „Lass es gut sein!“ und „Es ist, so wie es ist“.

Ja, es ist so wie es ist.

Ich werde sterben und ich werde nicht wissen wie es sein wird.

Werde ich ruhig und zufrieden sein?

Werde ich Angst haben?

Werde ich traurig sein?

Werde ich neugierig sein, so wie ich mein ganzes Leben lang neugierig war, und nachgelesen oder gegoogelt habe, bis ich die Antwort auf eine Frage erfahren habe?

Doch diesmal wird mir Google keine Antwort geben.

Ich werde es erleben – und dieses Wissen wird mit mir sterben.

Als Christenkind glaubte ich an Himmel und Hölle.

Als Buddhistin glaubte ich an die Wiedergeburt.

Jetzt – glaube ich, dass es einfach zu Ende ist.

Das große Nichts.

Foto: Monika Krampl, Naturbestattung Ruhewald Hohenegg, NÖ