Die so genannte Normalität

Dieser Tage hatte ich eine allergische Reaktion auf einen Insektenstich.

Eine allergische Reaktion auf den Begriff „Normalität“ habe ich bereits den Großteil meines Lebens.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Das Kind und vor allem das jugendliche Mädchen, das immer wieder hörte, nicht normal zu sein – weil sie anderes, und vor allem mehr wollte, als für sie vorgesehen war.

Abgesehen davon, dass mich „Normalität“ daher immer schon eher abschreckte, als beruhigte, möchte ich nicht zurück zu der „Normalität“, nach der sich offensichtlich viele sehnen.

Die jetzt erwünschte Normalität bedeutet einen Zustand / ein System / eine Entwicklung – die uns genau da hingeführt hat, wo wir heute sind – in der bereits begonnenen Klimakatastrophe und zu Covid-19.

Für mich ist es absolut nicht normal, dass Tonnen von Lebensmitteln, Kleidung und Geräte weggeschmissen werden / die Landwirtschaft mit Pestiziden arbeitet, die die Umwelt und damit auch uns Menschen zerstört / Tiere grausam gefoltert werden, um Kosmetika zu erzeugen / Menschen hungern müssen und ausgebeutet werden / Menschen als Flüchtlinge in Lagern zusammengepfercht sind und im Meer ertrinken / diese Liste könnte ich noch lange fortführen – sehr lange …

Das ist also „Normalität“?

Am Absurdesten ist für mich auch das so genannte Reisen, das kein „Reisen“ ist, sondern ein Zeitvertreib. Die „Reisenden“ werden durch die Hotspots der verschiedenen Kulturen getrieben, um sofort wieder in den, vor Einheimischen – die man nur als Bedienstete wahrnimmt – sicheren Hotels zu landen, in denen es „Zeitvertreib“ rund um die Uhr gibt.

Von den ganzen Absurditäten stehen für mich an oberster Stelle die Kreuzfahrtschiffe. Als ich zum ersten Mal vor zwei Jahren in dem kleinen Hafen einer meiner Lieblingsstädte – Triest – neben einem dieser monströsen Ungetüme stand, hat es mir den Atem genommen. Ganz weit oben / über mir / auf den Balkonen / standen Menschen, die ich gar nicht richtig wahrnehmen konnte. Das Schiff hatte nur kurz angelegt, um weitere Menschen aufzunehmen. Die an Bord waren und den Boden von Triest nie betreten haben, werden sicher irgendwann irgendwem erzählen, sie seien in Triest gewesen …

Doch sie wissen nichts von den engen Gassen der Altstadt / dass man auf Schritt und Tritt über die Vergangenheit stolpert – im wahrsten Sinn des Wortes – da gleich ums Eck schon wieder eine Ausgrabung im Gange ist, bei der man lange regungslos stehen kann um zuzuschauen, wie mit einem Pinsel die Spuren der Vergangenes hervorgeholt werden / sie wissen auch nichts von den historischen Literaten-Cafés, in denen sich Svevo und Joyce trafen / und sie wissen nicht wie Triest riecht und wie der Sonnenuntergang am Abend auf der stillen Mole das Wasser glitzern lässt …

Ja, was ist Normalität?

Es muss sich nicht Jedermann und Jedefrau für Literaten-Cafés interessieren. Das sind meine ureigensten Interessen.

Jedoch zu hinterfragen – ist das von mir Gelebte, für meine Mitmenschen und für meine Umwelt gut – wäre sicher JETZT angebracht …

Meer-Impressionen

Wind fegt über den Sand des Strandes und bewegt ihn wellenförmig Richtung Wasser. Brandung wirft sich dagegen – lässt eine kleine Sanddüne entstehen.

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wenn ich

in rückenlage

im meer treibe

wellen mich schaukeln

blau des himmels über mir

ruhen meine gedanken

im blau und im meer

und ich stelle fest

dass ich

glücklich bin

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eine welle

nimmt mich mit

taucht mich unter

und

ich weiß nicht

ob ich wieder

nach oben will

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möve

am Himmel

schwerelos

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im sand

spielen meine zehen

mit der feder

einer möve

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sonnenuntergang

tag und nacht

trifft sich

möven fliegen

zu ihren schlafplätzen

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das meer ist das meer ist das meer

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Teneriffa, im Mai 2019

Verliebt in einen Vulkan

Gestern passierte es wieder.

Tränen liefen über meine Wangen.

Ich habe mir im TV-Sender 3sat „Die Kanarischen Inseln – Im Reich der Feuerberge“ angesehen.

Letztes Jahr im Mai war ich für vier Wochen auf Teneriffa und ich habe mich in den Pico del Teide verliebt.

Der Teide ist 3.718 m hoch, die höchste Erhebung auf der kanarischen Insel. Er ist ein aktiver Vulkan und es heißt, er breche alle 100 Jahre einmal aus. Der letzte Ausbruch war 1909 …

Jeden Morgen auf Teneriffa galt mein erster Blick dem Teide. Den ganzen Tag über hatte ich ihn im Blickfeld.

Und jeden Tag am Morgen stieg ich an dem steilen Felsensaum die Steinstufen hinunter zum Strand, ging am Meer entlang, um beim Leuchtturm stehen zu bleiben und der meterhohen Gischt der andonnernden Wellen zuzuschauen; weiter auf einer schmalen Straße kilometerlang nach oben dem Felsensaum entlang, mit dem weiten Blick auf das Meer, – und wieder zurück.

Man sagt, Wasser sei geruchlos. Doch ich rieche das Meer und trage die Erinnerung an den Meeresgeruch immer in mir. Ja, wie riecht es? Nach Salz und Seetang, nach Muschelkalk und Fisch; feucht, warm, angenehm. Aber vor allem riecht es nach unendlicher Weite, Freiheit und Abenteuer. Ja, so riecht das Meer. Für mich.

Und jeden Morgen an meinem Wohnort beim Hundespaziergang über die Felder habe ich den Ötscher (1893 m) im Blickfeld. Ich freue mich, dass er da ist und ich ihn täglich sehe. Jedoch die Gefühle, die der Teide in mir auslöst, löst er nicht aus.

Der Ausflug in diesem vergangenen Mai zum Teide war kurz.

Ich besuchte den Nationalpark El Teide, der sich in einer Höhe von 2.000 m befindet. Ein wunderschönes Erlebnis. Der Nationalpark wurde 2007 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Um auf den Gipfel des Teide zu steigen braucht man eine Sondergenehmigung, die man ein Jahr vorher beantragen muss. Das finde ich gut, denn viel zu viele Menschen gefährden bereits den Nationalpark.

Irgendwann in den nächsten Jahren werde ich hinaufsteigen – auf den Gipfel des Teides.

Der Teide wirft am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, den längsten Schatten der Welt. Nachts träumte ich, ich stand oben am Teide und sah es. Ich wollte dort oben bleiben, erfüllt von unendlicher Freude und einem glühendem Herzen.Ich wusste nicht, dass man sich in einen Vulkan verlieben kann. Jedoch – wenn ich ihn sehe, beginnt mein Herz zu klopfen und ich spüre Sehnsucht in Herz und Bauch – wie bei einem feurigen Liebhaber – was für eine schöne Allegorie!

Echeyde

Vor Urzeiten

begegneten sich

Poseidon und Guayota

zwei Kräfte trafen

aufeinander

gewaltig

Meer schäumte auf

brodelndes Wasser

Lavaströme

ergossen sich

Stein erkaltete

wurde zu Land

Ein Treffen

der Giganten

wie könnte es

anders sein

Land und Meer

haben sich

angefreundet

spielen miteinander

nur

von Zeit zu Zeit

zeigen sie ihre Kräfte

donnern und tosen

Wellen ans Land

die Vulkanspitze

glüht

Teneriffa, 08 05 2019

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Die Guanchen, Ureinwohner von Teneriffa, nannten ihn „Echeyde“, Wohnsitz des Dämonengottes „Guayota“.

Echeyde (Teide)

 

010

Die Guanchen, Ureinwohner von Teneriffa, nannten den Vulkan „Echeyde“, Wohnsitz des Dämonengottes „Guayota“.

 

Echeyde

 

Vor Urzeiten

begegneten sich

Poseidon und Guayota

zwei Kräfte trafen

aufeinander

gewaltig

 

Meer schäumte auf

brodelndes Wasser

Lavaströme

ergossen sich

Stein erkaltete

wurde zu Land

 

Ein Treffen

der Giganten

wie könnte es

anders sein

 

Land und Meer

haben sich

angefreundet

spielen miteinander

nur

 

von Zeit zu Zeit

zeigen sie ihre Kräfte

donnern und tosen

Wellen ans Land

die Vulkanspitze

glüht

 

Der 3.718 m hohe Teide, ein aktiver Vulkan, ist die höchste Erhebung auf der kanarischen Insel und auch der höchste Berg auf spanischem Staatsgebiet. Es heißt – er breche alle 100 Jahre einmal aus. Der letzte Ausbruch war 1909 …

Teneriffa, 08 05 2019

 

044

Das Geheimnis des Berges

010

Im Mai war ich für vier Wochen auf Teneriffa. Dies ist die Erzählung einer Wanderung auf einen Berg des Anagagebirges an der Küste von Bajamar.

 

Als ich an diesem frühen Morgen zu meinem täglichen Spaziergang aufbreche, weiß ich noch nicht, dass ich dem Ruf des Berges folgen werde.

Es gibt Berge, die rufen mich zu sich, genau so wie es Bäume gibt, die mich rufen. Wir können sie hören, wenn wir ganz still werden und unsere Gedanken schweigen.

Dann, und nur dann – können wir sie hören.

Das Meer braucht mich nicht zu rufen. Es ist immer in mir. Vielleicht sollte ich sagen, ich bin Teil davon. Ein Teil des Meeres. Das ist schön. Das gefällt mir.

Zwei starke Kräfte. Urgewalten. Die Berge und das Meer. Wenn sie sich beide nahe sind, so wie auf dieser Insel, ist es ein Geschenk der Götter. Doch so wie jedes Geschenk der Götter kann es auch gefährlich sein. Dann, wenn dieses Geschenk eigentlich ein Spiel für sie ist und  ihr dröhnendes Gelächter ertönt, wenn wir dieses Spiel verlieren. Sind wir Menschen doch nur ein kurzes Zwischenspiel in der Welt der Götter, der Berge und des Meeres. Nicht mehr als ein Wimpernschlag – vielleicht.

Der Berg ist ein Teil des Anagagebirges und ich kenne seinen Menschennamen nicht, der auch belanglos ist. Später wird er mir seinen eigenen Namen nennen. Heute, an diesem Morgen, hat er sich, wie so oft, und wie die Berge um ihn, in dicke Wolkenhauben gehüllt. Tief sinken sie herab in Wolkengespinsten, und feine Tröpfchen, kaum spürbar, benetzen mein Gesicht.

Ich gehe durch den kleinen Ort und betrete eine schmale Straße, die steil bergauf führt und bei den letzten Häusern endet. Links tanzen Gräser im Wind; rechts fügt sich Stein an Stein in einer alten Steinmauer. Grauer Stein wechselt ab mit dunklem Lavagestein. Aus den Ritzen drängen sich an langen, dicken Stielen Kaktusse. Palmen stehen auch hier oben auf dem Berg. Doch nicht die leichtfüßigen, hohen schlanken Palmen des Meeres. Die hier sind kleinwüchsig und stämmig, haben dichte grüne Wedel.

Auf halber Höhe des Berghanges links von mir sehe ich eine Wohnhöhle im Lavagestein. Auf einer kleinen, ebenen Fläche davor ein Hühnerstall. Ein Hahn kräht. Ein alter Mann füttert die Hühner, bleibt stehen und schaut aufs Meer. Lange Zeit stehen wir beide so und schauen aufs Meer. Jeder auf einem anderen Berg. Jeder für sich.

 

Von oben, dem höchsten Punkt meiner Wanderung, weit entfernt vom Gipfel noch, verliert sich mein Blick in der Weite des Meeres, begrenzt durch die Linie des Horizonts.

Wenn ich mich wieder umdrehe und nach oben zum Berg schaue – es ganz still wird in mir und ich lausche, beginnt er zu sprechen. Er erzählt mir über die Jahrmillionen seines Seins. So genau kann er sich nicht mehr erinnern an seine Geburt – sind es 7 oder 9 Millionen – als er durch einen Lavastrom aus einem Vulkan geboren wurde. Er erzählt mir über die Mythen und Sagen, die sich Menschen über ihn erzählen. Und auch über seine Einsamkeit. Doch – sagt er, ist ihm diese Einsamkeit lieber, als die immer mehr zunehmenden Menschenmassen, die sich täglich auf seinen Bruder, den Teide, drängen. Nein, sagt er, da bleibe er lieber alleine.

Gerne würde ich ihm noch näher kommen, ganz nach oben steigen, doch der schmale Pfad, den ich bis jetzt gegangen bin, verliert sich langsam im Nebel. Es ist kein Wanderweg. Ich bin einfach losgegangen. Habe mich von seinem Ruf leiten lassen. Niemand weiß, wo ich bin. Das Grün der Flechten und Moose, Sträucher, die ich nicht kenne, schließen sich um mich. Meine Kräfte sind begrenzt, meine Vernunft setzt ein. Aus mit der Gedankenlosigkeit. Ich verliere zunehmend den Kontakt zu ihm und nehme Abschied.

Was ich ihm geantwortet habe auf seinen Ruf und was ich ihm erzählt habe, bleibt unser Geheimnis.

Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war.

Ich, in meiner Endlichkeit stehe staunend und mit Ehrfurcht auf diesem Zeitlosen. Und wenn ich mich umdrehe, begegnen sich dort unten am Fuße des Berges, die zwei mächtigen Zeitlosen – der Berg und das Meer.

Tag für Tag, Nacht für Nacht, schlagen die Wellen des Meeres an den Stein des Berges.

Ein Handschlag? Eine Machtprobe?

Wer weiß das schon …

019

Das größte Glück des Reisens für mich sind stets die Momente der vollkommenen Stille und Einsamkeit – dann, wenn die Berge, die Bäume, das Meer, das Land, mir ihre Geschichten erzählen …

(Teneriffa, 19 05 2019)