Panta rhei

„Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben“ schreibt Nina Brnada in ihrem Falter-Mail (siehe unten) zu Afghanistan, und „ … dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt …“.

Nicht nur die Welt der Anderen – (scheinbar) weit weg – geht unter – auch unsere Welt geht unter. Ja, Menschen und die Welt verändern sich, es wird immer alles anders. Panta rhei – du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen -. Doch um die Veränderungen, um die es hier geht, sind der Verlust von Sicherheit und Freiheit.

In Afghanistan ist Krieg und Menschen werden einfach so auf der Straße erschossen, und die Leiden der Frauen und Kinder sind unendlich, – kein Vergleich – und doch musste ich an ein Gespräch mit meinem Sohn denken.

Wir sprachen darüber wie wir beide – ich, 71, mein Sohn, 53 – glücklich sein können, wie wir aufgewachsen sind. Obwohl natürlich auch unser beider Kindheit Verschiedenheiten aufweist. Ich, behütet im Garten – aber in welchem Natur-Gemüse/Obst/Garten!, – Federball gespielt wurde auf der unasphaltierten Straße vor dem Haus. Mein Sohn mit Kindern spielend und streunend auf den Gstätten.

Wie wir noch vor 20 Jahren, damals beide in Wien wohnend, nachts ohne Angst durch die Straßen gingen, was heute nicht mehr möglich ist. Wie ich auf der Straße zwischen ein streitendes Ehepaar gegangen bin und den Mann zurechtgewiesen habe; wie ich verhindert habe, dass eine Frau – die von einem Mann angepöbelt wurde und sie sich lautstark wehrte – aus dem Lokal gewiesen worden wäre, wenn ich nicht eingeschritten wäre und den betrunkenen Mann am Schlafittl gepackt und ihn vor die Tür gestellt hätte; etc. Und ich weiß nicht, ob ich dies und noch vieles andere heute noch machen würde. Nicht nur weil ich alt und körperlich schwächer geworden bin, sondern auch wegen des gesteigerten Aggressionspotential, das ich auf den Straßen sehe und spüre. – Aber, wenn ich es mir so recht überlege – oh ja, ich würde es wieder tun. Jedoch mit den Gedanken an die Möglichkeit, dass ich vielleicht zusammengeschlagen würde oder ein Messer in den Bauch bekomme. Angst, nein. Jedoch alleine schon der Gedanke ist keine gute Ausgangsposition. Und früher hatte ich nicht einmal den Gedanken daran.

Und dies alles auch noch abgesehen von vielen Reisen die ich heute nicht mehr machen werde. Nicht nur zu den Kulturstätten, die es heute nicht mehr gibt, wie Nina Brnada schreibt, sondern auch, weil ich nicht in Länder reise, in denen Menschenrechte nicht eingehalten werden; wegen des Klimaschutzes werde ich nicht mehr fliegen; und weil ich glaube, dass Corona noch lange nicht vorbei ist und uns das sich weiter verändernde Klima vieles sowieso nicht mehr möglich machen wird.

Conclusion:

Dankbarkeit, in einer Welt gewesen zu sein und viele Reisen gemacht zu haben, die es so nicht mehr gibt.

Und an das Zitat von Brnada anschließend, die fragt was die österreichische Bundesregierung macht, um zu helfen und zum Schluss kommt – einfach gar nichts.

Was machen die Verantwortlichen der Welt? Einfach gar nichts.

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Tag für Tag

gerate ich tiefer

in die Landschaft hinein

die mich durchquert

(Klaus Merz)

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Hier den Text des falter.maily von Nina Brnada, das meinen Gedankengang ausgelöst hat. Der FALTER ist eine österreichische Wochenzeitschrift.

Waren Sie schon einmal in Syrien? Ich selbst habe es nie dorthin geschafft. Ich bereue es häufig. Wenn ich daran denke, dann packt mich die Sehnsucht nach Damaskus, Palmyra oder Aleppo, nach diesen Orten, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Und die heute wohl ganz anders sind als früher, entstellt von mehr als zehn Jahren Krieg. Eine Welt ist untergegangen und es wird sie nicht wieder geben.

Ähnliche Gefühle beschleichen mich dieser Tage bei Afghanistan. Wenn ich Namen von Städten wie Kandahar lese; oder von der kleinen Ethnie namens Nuristani, die am Hindukusch lebt und erst Ende des 19. Jahrhunderts zwangsislamisiert wurde (sauze káfir, grünäugige Ungläubige, werden sie genannt); oder vom Khyber Pass, der wichtigsten Verbindung zwischen Afghanistan und Pakistan. So wie Syrien ist auch Afghanistan zwar nur wenige Flugstunden von Wien entfernt, aber so unerreichbar wie der Mars. Was wird aus diesem Flecken Erde und seinen vielen verschiedenen Menschen, Kulturen und Sprachen werden?

Unter der rohen Gewalt, die über Afghanistan gekommen ist, entrückt das Land vor unser aller Augen, live übertragen von den global sendenden Fernsehstationen. Das muss man sich einmal vorstellen: Nach 20 Jahren amerikanischer Präsenz kontrollieren die Taliban nach wenigen Wochen mehr Territorium als vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2001.

Zudem riegeln die Taliban alles ab. Die allerletzte Verbindung zum Rest der Welt, der überrannte Flughafen von Kabul, schwindet zusehends dahin. Noch sechs Tage sichern sie den Flughafen, danach wird auch diese letzte Verbindung gekappt. Afghanistan wird als Steinzeit-Emirat versiegelt, ein schwarzes Loch auf der Weltkarte, wo Massenhinrichtungen durchgeführt werden, Mädchen teils nicht in die Schule gehen und Frauen sich jetzt schon nicht mehr frei bewegen dürfen.

Und was macht die österreichische Bundesregierung, um zu helfen? Einfach gar nichts.

https://www.falter.at/maily/1016/afghanistan-am-mars-601?ref=homepage

Foto: The Elder Poem von Elisabeth Sansonow

Die so genannte Normalität

Dieser Tage hatte ich eine allergische Reaktion auf einen Insektenstich.

Eine allergische Reaktion auf den Begriff „Normalität“ habe ich bereits den Großteil meines Lebens.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Das Kind und vor allem das jugendliche Mädchen, das immer wieder hörte, nicht normal zu sein – weil sie anderes, und vor allem mehr wollte, als für sie vorgesehen war.

Abgesehen davon, dass mich „Normalität“ daher immer schon eher abschreckte, als beruhigte, möchte ich nicht zurück zu der „Normalität“, nach der sich offensichtlich viele sehnen.

Die jetzt erwünschte Normalität bedeutet einen Zustand / ein System / eine Entwicklung – die uns genau da hingeführt hat, wo wir heute sind – in der bereits begonnenen Klimakatastrophe und zu Covid-19.

Für mich ist es absolut nicht normal, dass Tonnen von Lebensmitteln, Kleidung und Geräte weggeschmissen werden / die Landwirtschaft mit Pestiziden arbeitet, die die Umwelt und damit auch uns Menschen zerstört / Tiere grausam gefoltert werden, um Kosmetika zu erzeugen / Menschen hungern müssen und ausgebeutet werden / Menschen als Flüchtlinge in Lagern zusammengepfercht sind und im Meer ertrinken / diese Liste könnte ich noch lange fortführen – sehr lange …

Das ist also „Normalität“?

Am Absurdesten ist für mich auch das so genannte Reisen, das kein „Reisen“ ist, sondern ein Zeitvertreib. Die „Reisenden“ werden durch die Hotspots der verschiedenen Kulturen getrieben, um sofort wieder in den, vor Einheimischen – die man nur als Bedienstete wahrnimmt – sicheren Hotels zu landen, in denen es „Zeitvertreib“ rund um die Uhr gibt.

Von den ganzen Absurditäten stehen für mich an oberster Stelle die Kreuzfahrtschiffe. Als ich zum ersten Mal vor zwei Jahren in dem kleinen Hafen einer meiner Lieblingsstädte – Triest – neben einem dieser monströsen Ungetüme stand, hat es mir den Atem genommen. Ganz weit oben / über mir / auf den Balkonen / standen Menschen, die ich gar nicht richtig wahrnehmen konnte. Das Schiff hatte nur kurz angelegt, um weitere Menschen aufzunehmen. Die an Bord waren und den Boden von Triest nie betreten haben, werden sicher irgendwann irgendwem erzählen, sie seien in Triest gewesen …

Doch sie wissen nichts von den engen Gassen der Altstadt / dass man auf Schritt und Tritt über die Vergangenheit stolpert – im wahrsten Sinn des Wortes – da gleich ums Eck schon wieder eine Ausgrabung im Gange ist, bei der man lange regungslos stehen kann um zuzuschauen, wie mit einem Pinsel die Spuren der Vergangenes hervorgeholt werden / sie wissen auch nichts von den historischen Literaten-Cafés, in denen sich Svevo und Joyce trafen / und sie wissen nicht wie Triest riecht und wie der Sonnenuntergang am Abend auf der stillen Mole das Wasser glitzern lässt …

Ja, was ist Normalität?

Es muss sich nicht Jedermann und Jedefrau für Literaten-Cafés interessieren. Das sind meine ureigensten Interessen.

Jedoch zu hinterfragen – ist das von mir Gelebte, für meine Mitmenschen und für meine Umwelt gut – wäre sicher JETZT angebracht …

Meer-Impressionen

Wind fegt über den Sand des Strandes und bewegt ihn wellenförmig Richtung Wasser. Brandung wirft sich dagegen – lässt eine kleine Sanddüne entstehen.

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wenn ich

in rückenlage

im meer treibe

wellen mich schaukeln

blau des himmels über mir

ruhen meine gedanken

im blau und im meer

und ich stelle fest

dass ich

glücklich bin

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eine welle

nimmt mich mit

taucht mich unter

und

ich weiß nicht

ob ich wieder

nach oben will

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möve

am Himmel

schwerelos

~~~~~~~~~~

im sand

spielen meine zehen

mit der feder

einer möve

~~~~~~~~~~

sonnenuntergang

tag und nacht

trifft sich

möven fliegen

zu ihren schlafplätzen

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das meer ist das meer ist das meer

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Teneriffa, im Mai 2019

Verliebt in einen Vulkan

Gestern passierte es wieder.

Tränen liefen über meine Wangen.

Ich habe mir im TV-Sender 3sat „Die Kanarischen Inseln – Im Reich der Feuerberge“ angesehen.

Letztes Jahr im Mai war ich für vier Wochen auf Teneriffa und ich habe mich in den Pico del Teide verliebt.

Der Teide ist 3.718 m hoch, die höchste Erhebung auf der kanarischen Insel. Er ist ein aktiver Vulkan und es heißt, er breche alle 100 Jahre einmal aus. Der letzte Ausbruch war 1909 …

Jeden Morgen auf Teneriffa galt mein erster Blick dem Teide. Den ganzen Tag über hatte ich ihn im Blickfeld.

Und jeden Tag am Morgen stieg ich an dem steilen Felsensaum die Steinstufen hinunter zum Strand, ging am Meer entlang, um beim Leuchtturm stehen zu bleiben und der meterhohen Gischt der andonnernden Wellen zuzuschauen; weiter auf einer schmalen Straße kilometerlang nach oben dem Felsensaum entlang, mit dem weiten Blick auf das Meer, – und wieder zurück.

Man sagt, Wasser sei geruchlos. Doch ich rieche das Meer und trage die Erinnerung an den Meeresgeruch immer in mir. Ja, wie riecht es? Nach Salz und Seetang, nach Muschelkalk und Fisch; feucht, warm, angenehm. Aber vor allem riecht es nach unendlicher Weite, Freiheit und Abenteuer. Ja, so riecht das Meer. Für mich.

Und jeden Morgen an meinem Wohnort beim Hundespaziergang über die Felder habe ich den Ötscher (1893 m) im Blickfeld. Ich freue mich, dass er da ist und ich ihn täglich sehe. Jedoch die Gefühle, die der Teide in mir auslöst, löst er nicht aus.

Der Ausflug in diesem vergangenen Mai zum Teide war kurz.

Ich besuchte den Nationalpark El Teide, der sich in einer Höhe von 2.000 m befindet. Ein wunderschönes Erlebnis. Der Nationalpark wurde 2007 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Um auf den Gipfel des Teide zu steigen braucht man eine Sondergenehmigung, die man ein Jahr vorher beantragen muss. Das finde ich gut, denn viel zu viele Menschen gefährden bereits den Nationalpark.

Irgendwann in den nächsten Jahren werde ich hinaufsteigen – auf den Gipfel des Teides.

Der Teide wirft am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, den längsten Schatten der Welt. Nachts träumte ich, ich stand oben am Teide und sah es. Ich wollte dort oben bleiben, erfüllt von unendlicher Freude und einem glühendem Herzen.Ich wusste nicht, dass man sich in einen Vulkan verlieben kann. Jedoch – wenn ich ihn sehe, beginnt mein Herz zu klopfen und ich spüre Sehnsucht in Herz und Bauch – wie bei einem feurigen Liebhaber – was für eine schöne Allegorie!

Echeyde

Vor Urzeiten

begegneten sich

Poseidon und Guayota

zwei Kräfte trafen

aufeinander

gewaltig

Meer schäumte auf

brodelndes Wasser

Lavaströme

ergossen sich

Stein erkaltete

wurde zu Land

Ein Treffen

der Giganten

wie könnte es

anders sein

Land und Meer

haben sich

angefreundet

spielen miteinander

nur

von Zeit zu Zeit

zeigen sie ihre Kräfte

donnern und tosen

Wellen ans Land

die Vulkanspitze

glüht

Teneriffa, 08 05 2019

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Die Guanchen, Ureinwohner von Teneriffa, nannten ihn „Echeyde“, Wohnsitz des Dämonengottes „Guayota“.

Echeyde (Teide)

 

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Die Guanchen, Ureinwohner von Teneriffa, nannten den Vulkan „Echeyde“, Wohnsitz des Dämonengottes „Guayota“.

 

Echeyde

 

Vor Urzeiten

begegneten sich

Poseidon und Guayota

zwei Kräfte trafen

aufeinander

gewaltig

 

Meer schäumte auf

brodelndes Wasser

Lavaströme

ergossen sich

Stein erkaltete

wurde zu Land

 

Ein Treffen

der Giganten

wie könnte es

anders sein

 

Land und Meer

haben sich

angefreundet

spielen miteinander

nur

 

von Zeit zu Zeit

zeigen sie ihre Kräfte

donnern und tosen

Wellen ans Land

die Vulkanspitze

glüht

 

Der 3.718 m hohe Teide, ein aktiver Vulkan, ist die höchste Erhebung auf der kanarischen Insel und auch der höchste Berg auf spanischem Staatsgebiet. Es heißt – er breche alle 100 Jahre einmal aus. Der letzte Ausbruch war 1909 …

Teneriffa, 08 05 2019

 

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