Mein geheimer Garten

15 08 2019 Uschys Foto

Bild, gemalt von Uschy Pip: https://www.facebook.com/uschypip/

 

Ich bin ein Gartenkind.

Der Garten nährt mich.

Er trägt mich durchs Leben.

Von Kindheit an.

In meinem geheimen Garten bin ich verwurzelt.

Immer.

Meine Großeltern haben 1936 ein Grundstück gekauft und in den nächsten zwei Jahren darauf ein Haus gebaut. Gemeinsam mit dem Nachbar. Zwei Einfamilienhäuser wurden jeweils zusammengebaut, die Grenze des Grundstückes liegt in der Mitte. So wurden alle Häuser in dieser Siedlung damals gebaut. Mein Großvater musste in den Krieg. Meine Großmutter versorgte sich und ihre drei Kinder mit dem großen Gartengrundstück. Es war ein Nutzgarten, so wie alle Gärten in dieser entbehrungsreichen Zeit: Kartoffel, Gemüse, Obstbäume und verschiedenste Beerensträucher gab es. Alles wurde verwendet. Kartoffel und Gemüse für den täglichen Bedarf; das Wintergemüse wurde im Keller in einer Lehmmulde eingelagert. Obst und Beeren wurden zu Marmeladen und Kompott verarbeitet.

Als ich geboren wurde, waren die Bäume bereits so groß, dass ich mit fünf Jahren mit meiner Puppe Lisa und einem Märchenbuch in der Astgabel des Apfelbaumes sitzen konnte. Mit fünf Jahren bekam ich auch mein erstes Gartenbeet, das ich anlegen durfte und für das ich auch verantwortlich war. Ich war sehr stolz.

Ich erlebte und lebte jede Jahreszeit im Garten.

Ein Gartenkind.

Auszug aus der Erzählung: Das Gartenkind.

„Der Apfelbaum steht in der hintersten linken Ecke des Großmutter-Gartens. Wenn man vom Haus nach hinten in den Garten geht, kommt man erst durch den Gemüsegarten, dann über die Wiese mit dem Wäscheplatz und dem Viereck der Wäschestangen und ganz hinten steht der Apfelbaum.

Er ist nicht der einzige Apfelbaum im Garten. Aber er ist mir der Liebste. Linkerhand begrenzt eine Liguster-Hecke das Grundstück. Dahinter der verbotene Nachbars-Garten.

Rechts neben dem Apfelbaum gibt es noch einen Baum mit Ringlotten, zwei Zwetschkenbäume und entlang der gegenüberliegenden Grundstücksgrenze stehen in einer schnurgeraden Reihe Ribisel- und Stachelbeersträucher.

Heute habe ich mir meine Puppe Lisa und mein Lieblingsmärchenbuch mit auf den Baum genommen. Ich gehe zwar noch nicht in die Schule, aber lesen kann ich schon. …. „

Meine Großmutter, geb. 1909, und meine Mutter, geb. 1929, waren schwermütige Frauen. Dass sie in ihrer Jugend auch lustig waren, weiß ich aus Erzählungen. Doch leichten Mutes und leichtfüßig gingen sie mit all ihren Erlebnissen der damaligen Zeit nicht durchs Leben.

Meine Großmutter kam in einem Dorf, in der Nähe von Gmünd an der tschechischen Grenze,  zur Welt. Die Welt ist rau und hart dort oben. Dort lebt sich’s nicht leicht. Und so wie das Land, waren auch die Menschen. Großvater kam nicht zurück aus dem Krieg. Großmutter wurde zur Patriarchin. Sie konnte und musste auch wie Waldviertler Granit sein – war sie doch eine der Nachkriegstrümmerfrauen.

Meine Mutter pflegte zu sagen – „wenn ich den Kirchturm (unseres Stadtteils) nicht mehr sehe, bekomme ich Heimweh“. Beide Frauen waren sehr verwurzelt auf dem Grundstück. Zwischen den realen Garten und ihren inneren Garten passte kein Blatt Papier.

Nun war ich da, geb. 1950. Auch ich war sehr verwurzelt im Garten meiner Kindheit. Und auch ich wurde schwermütig. Ich musste meine Wurzeln rausziehen aus diesem Garten und hinausziehen in die Welt, die für Großmutter und Mutter immer ein gefährlicher Ort war. Nur zu Hause gab es Sicherheit für sie.

Ich musste weg um leichtfüßig zu werden. Um auch mit Leichtigkeit durchs Leben gehen zu können. Obwohl die Schwermut – ich bezeichne sie gerne als meine Melancholie – immer ein Teil meines Lebens blieb. Doch ich kenne beides – Leichtigkeit und Schwere.

Den realen Garten meiner Kindheit gibt es noch immer. Eine andere Familie, liebe Nachbarn,  leben jetzt darin. Und wieder gibt es ein kleines Mädchen, das vielleicht auch irgendwann in der Astgabel sitzen wird. Mein realer Garten ist seit drei Jahren der Garten meines Sohnes, in dem ich mir meinen Alterswohnsitz – ein kleines Häuschen – gebaut habe. Das Haus steht nun gegenüber meinem Elternhaus. Jeden Tag kann ich in den Garten meiner Kindheit schauen. Und jeden Tag bin ich seit drei Jahren damit beschäftigt, mich wieder für einen längeren Zeitraum – hier in diesem Garten, mit dem mächtigen Nussbaum vor meiner Terrasse – einzuwurzeln.

Der alte Nussbaum

weiß

wovon ich erzähle

 

Sein Schweigen

ist Antwort

 

Manchmal

schüttelt

er sein Haupt

 

Dann schwebt

ein Blatt

auf meine Zeilen

(Oktober  2016)

In all den Jahren meines Herumziehens vergrößerte sich mein innerer geheimer Garten mit all den Gärten in denen ich über kurze oder lange Zeit gelebt habe.

Da gab es den Schwiegermuttergarten, als ich heiratete und aus meinem Kindheitsgarten auszog. Dann gab es in Wien den Liebesgarten, ein kleines verschwiegenes und uneinsichtiges Eckchen im barocken Garten des Oberen Belvederes, in den mein damaliger Liebster und ich uns immer zurückzogen; es gab Gärten in Innenhöfen meiner Wohnungen in Wien, die ich benutzen durfte; den Gemüsegarten in Poppi, in der Toskana, den ich anlegte, als wir über Wochen das alte Steinhaus am Hügel renovierten, um ein Seminarhaus daraus zu machen. Und alle diese Gärten und noch mehr gibt es in meinem geheimen Garten. Sie sind da. Ich brauche nur die jeweilige Gartentür zu öffnen und kann sie jederzeit betreten. Um all diese Gartenbereiche gibt es eine hohe Steinmauer – eine Schutzmauer.

Ein geheimer Garten fehlt noch. Es ist der mediterrane Garten am Meer. Er repräsentiert die „Leichtigkeit des Südens“ – ich muss ihn immer wieder besuchen, um die Leichtigkeit zu spüren, sie mir wieder herzuholen, um nicht in den weichen, dunklen Fluten der Melancholie zu versinken.

Ich liebe die Melancholie und ich liebe die Leichtigkeit.

Beides zu seiner Zeit in Ausgewogenheit.

Der mediterrane Garten, der unmittelbar am Meeresufer liegt, mit dunkelgrünen Zypressen vor dem strahlend blauen Himmel; mit Oleander, Granatapfel und Olivenbaum; Palmen, deren Wedel im Wind rascheln; der Duft des Lavendel und der Klang der Zikaden.

Und über allem das Rauschen des Meeres, das Schlagen der Wellen an das Ufer; der Duft nach Salz, Algen und Fisch.

Wenn der Abend

im Meer versinkt

verlieren sich die Farben

der Stadt

 

Wenn ich wieder fern

sein werde

erinnere ich mich

an den Sonnenuntergang

den Mond

den Schrei der Möven

 

Meer und Himmel

begegnen sich

am Horizont

 

Wenn ich einst

für immer fern sein werde

tauche ich ein

in diese Grenzenlosigkeit

 

(Mai 2017)

Mein geheimer Garten schenkt mir Spuren meines Lebens – Erinnerungen; Geborgenheit und Sicherheit; Stille und Ruhe; Fröhlichkeit und Leichtigkeit; Liebe und Lust; Kontakt mit Pflanzen und Tieren; Wildheit; Schönheit und noch viel mehr – je nachdem, welche Gartentür ich öffne.

In jedem meiner geheimen Gärten den ich betrete, finde ich meine Spuren.

Und ich frage mich, ob sich wohl auch die Gärten – die Bäume und Pflanzen – an mich erinnern – in geheimen Nächten, wenn mein Schatten durch den Garten schwebt …

Info:

Bild, gemalt von:

Uschy Pip, https://www.facebook.com/uschypip/

 

Weitere Gärtenerzählungen:

Meine Lebensgärten

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/08/03/meine-lebensgaerten/

Das Gartenkind

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/04/18/gartenkind/

Die Einsamkeit der Bäume

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/22/die-einsamkeit-der-baeume/

Vollmondiges

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/05/15/vollmondiges/

 

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Herbstlaub

Tanzendes Herbstlaub

Bei unserem heutigen Hundespaziergang im Regen kamen wir an einer Gartentür vorbei, vor der ein Blätterhaufen lag.
Ich erinnerte mich an die wunderschönen Zeilen einer meiner absoluten Lieblingsautorinnen.

 

“Ich leide an einer Traurigkeit aus Blättern,
die der Wind gegen die geschlossene Tür weht.

Es ist Herbst und das Laub wirbelt auf.
Als würden alle leeren Tages des Lebens
sich im Garten anhäufen und ihre Vergeudung rascheln.”

 

Gioconda Belli, geboren in Nicaragua. Eine Lyrikerin und Erzählerin mit kraftvoll eindrücklichen Worten, die die Seele schwingen lassen. Mit Intensität und Leidenschaft erzählt sie immer wieder von der Zärtlichkeit und Lust der weiblichen Liebe. Zeitlebens ist sie politisch aktiv und beteiligte sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes

Meine Lebensbegleitung – die Melancholie

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Gefühle willkommen heißen

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt mich allen Gefühlen hinzugeben und mich in ihnen wohlzufühlen. Nicht nur in Freude / Liebe/ Glück – auch in Trauer / Schmerz / Wut – und vor allem in meiner Melancholie.

Unterschied zwischen Depression und Melancholie

Es hat lange gedauert, den Unterschied zwischen Depression und Melancholie zu begreifen. Diese verschiedene Art von Zuständen. Ja, ich habe immer wieder depressive Phasen. Depression ist für mich eine schwere, bodenlose Traurigkeit, ein Hinabgleiten in ein Dunkel in dem es keinen Boden mehr gibt. Haltlos, mein Kopf wie in Watte gepackt – ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht kommunizieren und auch nicht nach Außen gehen. Ich bin nicht wirklich da. Es ist durchaus auch ein allgemeiner Weltschmerz. Erfreulicherweise werden diese Zustände jetzt im Alter immer kürzer.

Vom Glück des produktiven Traurigseins

Aber – ich wollte doch über meine Melancholie schreiben. Melancholie ist eine leise, leichte Traurigkeit. Ich möchte fast sagen, eine beschwingte Traurigkeit. Ich spüre – im Gegensatz zur Depression – den Boden unter meinen Füßen. Ich bin da.

„Melancholie – vom Glück des produktiven Traurigseins“ ist der Titel eines Salzburger Nachtstudios. Ich finde, das ist eine  passende Beschreibung für meine Erfahrung mit der Melancholie. Ich liebe meine Melancholie, ich schwelge in meiner Melancholie – und ja, so manches Mal macht sie mich auch glücklich. Wenn sie da ist, kann ich mich hineinschmiegen wie in eine weiche Tuchent. Ich liebe das Abtauchen in tiefere Dimensionen, Abgründe, Nachdenklichkeiten und in meine Seele.

Der Beginn

Ich denke, eine tiefe Traurigkeit, die zukünftige Melancholie, kam in mein Leben als ich 2 Jahre alt war und mein Vater uns verlassen hat. Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich stelle es mir vor. Die Kleine von damals hat sich auch ein Stück von der Welt zurückgezogen, war lieber in ihren Märchenbüchern zu Hause, die ihr die Großmutter vorgelesen hat. Mit 5 konnte sie bereits lesen. Ihre Welt war der Garten der Großmutter und ihre Bücher.

Die Liebe zu den Büchern eine Lebenslange. Das Schreiben kam später dazu.

1964 Die Sehnsucht nach Liebe

Zum ersten Mal bewusst in mein Leben kam die Melancholie – wie könnte es anders sein – in meiner Pubertät. 1964 war ich 14 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Damals machten meine Eltern und ich die ersten Urlaubsreisen nach Italien – Rimini, Riccione, Ravenna, Cesenatico! Diese fremden  Klänge allein weckten bereits Sehnsüchte. In der 14-jährigen damals auch die schmerzliche Sehnsucht nach Sommernächten am Strand im Arm ihres Liebsten. Ach, konnte der küssen! Unerfüllte und verbotene Sehnsüchte der 14-jährigen.

1964 veröffentlichten die BAMBIS (zwei Wiener und zwei Bayer!) ihre Liebeskummer-Schnulze „Melancholie“. Der Sänger der Band, Mandy Oswald, hatte einen italienischen Akzent angenommen, um die Sehnsucht nach einem Urlaub in Italien noch zu verstärken. Die Nummer lief rund um die Uhr – verbunden mit ewig feuchten Augen, viel Herzschmerz und Rückzug in die Tiefen der Welt der 14-jährigen. Das kam an. Nicht nur bei mir. Mit dieser Nummer schaffte die Band es, „A hard day’s night“ von den Beatles vom ersten Platz der österreichischen Charts zu verdrängen.

2017 Der Klang eines Schmerzes

Heute lässt mich Melancholie sehr genau hinschauen auf meine Erinnerungen – mit einem milden Blick. Sind es schmerzliche Erinnerungen, ist es nicht mehr der abgrundtiefe Schmerz – es ist eher ein Nachklingen eines Schmerzes. Der Klang eines Schmerzes. Sind es erfreuliche Erinnerungen, ist kein schmerzliches Sehnen danach da, sondern eine mehr oder weniger leise oder auch laute Freude darüber, dass dies in meinem Leben war.

Melancholie ist auch sehr oft die Muse für meine Gedichte. Manchmal ist es auch die reine Freude. Wenn ich mir meine Gedichte der früheren Jahre durchlese, war es zumeist der Schmerz.

Die Glücksforschung betont, dass Melancholie in unserer säkularen Welt vonnöten ist, denn wer Unglücklichsein nicht kennt, kann auch Lebenstiefe nicht wertschätzen.

Mein Bild dazu ist ein Pendel. Wenn ich das Pendel nicht vollständig / bis zum letzten Anschlag auf die eine Seite ausschlagen lasse (Schmerz / Traurigkeit), dann wird es auch nicht bis zum letzten Anschlag auf die andere Seite (Glück / Lust) ausschlagen.

Peak experience – Gipfelerlebnis! Grenzwanderungen von einem Gipfel zum anderen.

Aber, das ist schon wieder eine andere Geschichte …

 

Der Link zur Herz-Schmerz-Schnulze „Melancholie“ von den Bambis: https://www.youtube.com/watch?v=yPFyxiXJ9K