Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige katholische Kirche,

Dieses Glaubensbekenntnis (Credo) habe ich als Kind und auch noch als Jugendliche sehr oft abgelegt. Voll Freude und in tiefem Glauben daran. Und wenn ich die 77 Worte des apostolischen Credos laut lese, kann ich tief in mir den Hauch der Seligkeit meines damaligen Glaubens spüren.

Und doch – ich glaube nicht mehr an Gott, auch nicht an die Göttin, und schon gar nicht, dass die Katholische Kirche heilig ist.

Als Erwachsene bin ich aus der Kirche ausgetreten. Ich habe meinen Glauben nicht verloren, – so wie man vielleicht ein Taschentuch verliert. Nein – je, mehr ich meine Augen öffnete und fähig war meinen Geist frei zu machen von Glaubens-Sätzen, mich umsah in der Welt und den Religionen, und je mehr ich darauf aufmerksam wurde, was in der Katholischen Kirche und ihrem Umfeld passiert, war mein Austritt eine sehr bewusste Entscheidung.

Heute bin ich Buddhistin. Und gleichzeitig ist eine tiefe christliche Spiritualität in mir, die ihren Ursprung in Gott – vielleicht aber noch mehr in Jesus – hat. Jesus, – ich nenne ihn Joshua 1).

Die große Mystikerin Teresa von Avila sagte, wenn sie bete, sei das

„nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“

Teresa hat in Jesus nicht ein moralisches Ideal gesehen, – sie hat ihn als einen wahren Menschen geliebt im eigentlichen und lebendigen Sinn des Wortes.

Nun finde ich es nicht als Zufall, dass ich im Mai 2009, als ich als Turmeremitin im Linzer Dom war, dort hoch oben über den Dächern von Linz ein kleines Büchlein mit Texten von Teresa von Avila fand, und in einer meiner Meditationen nach langer, langer Zeit mein Herz bei meinem Freund Joshua verweilte. Dies war ein so beglückendes Erlebnis, dass ich, die ich doch über alles erzähle und schreibe, dies nicht erzählen werde. Das bleibt bei mir.

Ich kann und möchte nicht mehr von Gott sprechen und auch nicht von der Göttin. Doch wie nenne ich das Gefühl der Verbundenheit/Zugehörigkeit mit Allem und das Gefühl, dass doch etwas fehle und die immerwährende Sehnsucht danach; die Glückseligkeit in meinen Meditationen und Kontemplationen; die Freude über das Nur-Sein und Nichts-sonst; das Urvertrauen in mir? Wie nenne ich das?

Und dann wurde ich fündig bei dem Benediktinermönch und Zen-Christen David Steind-Rast. Er sagt:

„Viele Menschen haben heute Mühe, wenn von Gott die Rede ist. Das kann ich nur zu gut verstehen. Allzu oft wurde dieses Wort ja missbraucht. Um Missverständnisse zu vermeiden, gebrauche ich selber oft andere Ausdrücke:

„Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“ 2), „Quelle aller Lebendigkeit“.

Ich habe „Urgrund des Seins“ gewählt, – das erzeugt Resonanz / spricht mit mir und in mir / schwingt in meiner Seele in leiser Fröhlichkeit / einer absoluten Liebe / Sicherheit und Vertrauen.  

Im „Urgrund des Seins“ ist alles enthalten – ich, mit all meinen Gefühlen und meinem Sein / alle Menschen und Tiere und Pflanzen / unsere Welt und alles darüber hinaus – das was ist …

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„Wer tief in eine Blume schaut, der sieht eine Unzahl von Elementen, die zusammengewirkt haben, um die Blume zu ermöglichen. Berührst du die Blume, kannst du die Wolken berühren, die die Blume brauchte. Du berührst den Sonnenschein, denn ohne ihn gäbe es keine Blume. Gehen wir noch tiefer, so sehen wir die Erde, die Mineralien, Zeit und Raum – alles in dieser Blume. In der buddhistischen Terminologie sagen wir, die Blume hat kein Selbst, sie hat keine abgetrennte Existenz. Eine Blume besteht viel mehr aus Nicht-Blumen-Teilen. Deshalb spricht der Buddhismus nicht von »Sein« oder »Nicht-Sein«, sondern von »gegenseitigem Sein« oder »Intersein«. Und wenn du DEIN Selbst nicht finden kannst, dann schau auf die Tatsache, dass auch dein Selbst sich nur zusammensetzt aus Teilen des Nicht-Selbst.“

(Thich Nhat Hanh)

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1) Die namensgebenden Worte aus dem Hebräischen sind „jahwe“ (= Gott) und „jascha“ (= retten, helfen, heilen). Der Name bedeutet somit so viel wie „Gott ist Heil“. Der Name Joshua ist die englische Variante von Josua, der vom hebräischen Namen „Jehoschua“ kommt.

2) Der fast bildlos Ausdruck „Urgrund des Seins“ stammt vom englischen Dichter Gerard Manley Hopkins – „Ground of being, and granite of ist: past all / Grasp, God“ – Urgrund des Seins, und sein Urgestein: Jenseits von allem Begreifen, Gott“ (Aus: Credo, David Steindl-Rast)

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Mein erster Essay zum Thema „Gott und ich“ war der Essay „Der liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“. In diesem gehe ich ausführlich auf meinen Kindheitsglauben, meine Zeit als Turmeremitin, David Steindl-Rast und den Buddhismus ein. Der zweite Essay „Eine Reise von Gott zum Urgrund des Seins“ ist eine Kurzfassung der Themen des Ersten und doch auch eine Weiterführung.

„Der Liebe Gott und ich und die Überschwemmungsgebiete“, veröffentlicht im April 2017 in meinem Blog:

Die Turmeremiten

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2009 war ich für eine Woche Turmeremitin im Mariendom in Linz. Ich habe hier in einem Beitrag bereits darüber berichtet. (Unter dem Schlagwort „Eremitin“ suchen)

2011 hat der ORF eine sehr schöne Dokumentation mit verschiedenen EremitInnen, die so wie ich eine Woche in der Türmerstube waren, gemacht. In dieser Dokumentation berichten die EremitInnen nicht nur über ihre Erfahrungen, man bekommt auch einen Einblick in die Türmer- und Glockenstube, die Wendeltreppe mit den vielen Stiegen und in das Innere des Domes sehen, der nachts der Eremitin allein gehört …

In dem folgenden Link gibt es die Aufzeichnung zu sehen.

Oder: Dienstag, 31. Jänner 2017, 23:25, wird die Doku auch nochmals auf ORF2 ausgestrahlt.

http://tvthek.orf.at/program/Archiv/7648449/Stille-ueber-der-Stadt-Die-Turmeremiten/7991438/Stille-ueber-der-Stadt-Die-Turmeremiten/7991439

 

395 Stufen in die Einsamkeit

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Aus meinem ErinnerKarton: Im Jahre 2009 war ich vom 1. bis 7. Mai Eremitin in der Türmerstube im Mariendom in Linz.

68 m hoch, 395 Stufen. Ein Projekt im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres. Woche für Woche lebten in diesem Jahr ErmetInnen in der Türmerstube.

Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Seit tausenden von Jahren ziehen sich Menschen zurück, um in die Tiefe zu gehen und einen neuen Blick auf das Leben zu erhalten.

Trotz Stromanschluss benutzen wir in der Zeit weder Computer noch Mobiltelefon. Unsere persönlichen Reflexionen in dieser Woche notierten wir in ein Tagebuch, das von EremetIn zu EremitIn weitergegeben wurde. Ein schönes Ritual zum Ankommen, wenn man von der vorherigen Eremitin das Tagebuch übergeben bekommt, und am Ende dieser Schweigezeit mit einem gemeinsamen Essen es wieder weitergibt.

Eine der ersten Fragen, die mir gestellt werden, ist die: Was hast du denn da gegessen?

Nun, es gab eine winzige Küchenzeile. Man konnte Kaffee und Tee kochen, sich das Frühstück zubereiten. Und täglich ging es zwei Mal die 395 Stufen über eine Wendeltreppe hinunter und wieder hinauf. Vormittags, um einen Rucksack mit dem zubereiteten Mittag- und Abendessen abzuholen, und nachmittags um ein kurzes Gespräch mit einem spirituellen Betreuer zu führen.

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Die Türmerstube ist ganz oben, unter dem Dach, darunter die Glockenstube. Ein überwältigendes Erlebnis, das Läuten der Glocken nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, wie sie sich langsam in Bewegung setzen und zu spüren, wie der Boden der Glockenstube zu schwingen beginnt. Der Rundgang über den winzigen Balkon hoch über den Dächern von Linz, mit Ausblick auf die Donau, ein tägliches Ritual – den Menschen ferner, dem Himmel näher.

blick-vom-balkon-der-turmerstube

Stille

dröhnt

in den Ohren

Ausklang

der Unruhe

 

Stille

atmet Ein und Aus

Rhythmus

der Weltenseele

 

Stille

Raum schaffen

 

Stille

Ankommen

(M.K., 6. Mai 2009)